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Weil du mir gehörst – „Das ist ja wie bei uns!“

Anni gerät zwischen die Fronten ihrer Eltern Julia und Tom

Weil du mir gehörst

Ausstrahlung: Mittwoch, 12. Februar 2020, 20:15 Uhr, Das Erste (bis 12. Mai 2020 in der Mediathek zu finden, auch als Hörfassung)

Von Volker Schönenberger

Dieser Film liegt mir sehr am Herzen, weshalb mein Text darüber ausgesprochen lang ausgefallen ist. Ich hoffe, dass interessierte Leserinnen und Leser dennoch bei der Stange bleiben. Für bei dem Thema Unkundige erscheinen mir einige Erläuterungen sinnvoll. Diese habe ich als Fußnoten untergebracht, im Text mit Nummern in Klammern markiert, um den Lesefluss nicht vollends zu zerstören. Obendrein finden sich ab dem sechsten Absatz Spoiler, daher hoffe ich, dass schon die ersten fünf Absätze euch motivieren, „Weil du mir gehörst“ zu schauen; diese sind als Rezension und Ankündigung ausreichend, auch wenn ich viele Details erst später bewerte. Vor dem ersten Spoiler folgt noch einmal eine Warnung, lest also unbesorgt los!

Drama // Die achtjährige Anni (Lisa Marie Trense) sitzt im Büro eines Familienrichters (Rainer Laupichler) und wird von ihm zu ihrem Verhältnis zu ihrem Vater befragt. Sie äußert, Angst vor ihm zu haben. Weil er jähzornig ist. Stur und egoistisch. Das weiß ich genau. Und er schlägt die Mama. Mich auch. Anni zeigt eine Schnittwunde in ihrer Handfläche, die er ihr mit einem Messer beigebracht habe. Das Mädchen fährt schwere Geschütze auf: Ich hasse ihn. (…) Ich will meinen Vater nicht mehr sehen. Nie mehr. Ich wünschte, er wäre tot. Wenn Sie jetzt bestimmen, dass ich wieder zu ihm muss, bringe ich mich um.

Mutter hintertreibt den Umgang

Ein Jahr zuvor sieht das ganz anders aus: Annis Vater Tom (Felix Klare) pflegt ein inniges Verhältnis zu seiner Tochter. Auch mit Toms neuer Lebensgefährtin Jenny (Marie Collet) und deren Tochter Mia versteht sich Anni gut. Eine Bilderbuch-Patchwork-Konstruktion in Karlsruhe, möchte man meinen – wäre da nicht Annis Mutter Julia (Julia Koschitz), Toms Ex-Frau. Dass sie auch an Annis Papa-Wochenenden ständig mit ihrer Tochter telefonieren muss, stellt noch das kleinste Übel dar. Nach und nach zeigt sich: Die alleinerziehende Julia hat die Trennung nicht überwunden und nimmt Tom das Ende der Ehe nach wie vor übel. Folge: Sie hintertreibt den Umgang, sabotiert Wochenenden, bei denen Anni an sich bei Tom sein sollte, und tut alles, um ihre Tochter von deren Vater zu entfremden.

Das „Parental Alienation Syndrome“

Eine Tochter, die angibt, ihren Vater zu hassen und lieber tot zu sein, als bei ihm sein zu müssen – da muss der Kerl wohl ein übler Geselle sein. Am Ende einer, der Frau und Kind schlägt oder noch Schlimmeres mit seinem Nachwuchs anstellt. Mitnichten! „Weil du mir gehörst“ thematisiert ein Phänomen, das weit mehr Aufmerksamkeit verdient hat, als es derzeit auch hierzulande leider bekommt: die Eltern-Kind-Entfremdung (1), im Englischen Parental Alienation Syndrome (PAS) genannt.

„Weil du mir gehörst“ beschreibt, wie ein Kind quasi „lernt“, ein Elternteil herabzuwürdigen und abzulehnen, weil das andere Elternteil gegenüber dem Nachwuchs Stimmung gegen den Ex-Partner oder die Ex-Partnerin macht, das Kind geradezu indoktriniert (2). In diesem fiktiven Fall handelt es sich um eine Mutter als Täterin, und aufgrund gesellschaftlicher Strukturen und Haltungen dürften in der Tat mehrheitlich Mütter die Täterinnen sein (ohne dass ich das prozentual benennen kann), keinesfalls jedoch soll dies Väter davon freisprechen. Es war höchste Zeit, dass sich ein zur besten Sendezeit ausgestrahlter Fernsehfilm des Themas Eltern-Kind-Entfremdung annimmt, und jetzt schon sei angeführt: Das im Auftrag des Südwestrundfunks produzierte TV-Drama „Weil du mir gehörst“ hat das Thema auf qualitativ herausragende Weise umgesetzt und stellt sowohl das Phänomen als auch dessen Begleiterscheinungen vorzüglich dar. Auch den Darstellerinnen und Darstellern spreche ich durch die Bank ein großes Lob aus. Ich kann nur jeder und jedem, die oder der sich auch nur ein wenig für familiäre Belange und Trennungsprobleme interessiert, nachdrücklich die Sichtung ans Herz legen – entweder am 12. Februar um 20:15 Uhr im Ersten oder bereits jetzt und bis zum 12. Mai 2020 online in der Mediathek. Vielleicht werdet ihr bei der einen oder anderen Szene denken, das könne doch gar nicht sein, das sei sicher übertrieben dargestellt. Ich versichere euch: Das ist nicht der Fall. Mit Eltern-Kind-Entfremdung beschäftige ich mich intensiv seit mehr als fünf Jahren, erstmals ist mir der Begriff ein paar Jahre früher begegnet. Aus vielen Erfahrungen Betroffener weiß ich: All das, was der kleinen Anni wiederfährt, wiederfährt permanent etlichen Kindern im wahren Leben.

Hat ihr Vater Anni verletzt?

Ab dem kommenden Absatz nehme ich mir die Freiheit, wesentliche Handlungselemente von „Weil du mir gehörst“ zu beschreiben, sprich: Ich spoilere, und zwar massiv. Wer den Film ungespoilert schauen will, möge mit der Lektüre dieses Textes nach Beendigung dieses Absatzes erst im Anschluss an die Sichtung fortfahren. Ich halte das Drama zwar auch dann für sehenswert genug, wenn man dessen Entwicklung und sogar den Ausgang kennt, will aber niemandem die Freude am Spannungsbogen nehmen. Wobei „Freude“ ein relativer Begriff ist – „Weil du mir gehörst“ macht gewiss keine Freude, sondern wühlt auf und macht betroffen, gar sprachlos. Speziell Elternteile, die gegen Entfremdung von ihren Kindern ankämpfen müssen, sich von ihnen bereits entfremdet fühlen oder sie gar ohne gravierendes Eigenverschulden überhaupt nicht mehr zu sehen bekommen, werden so viel wiedererkennen, dass es mitunter schwer erträglich ist. „Das ist ja wie bei uns!“ könnte ein häufiger Gedanke sein, der eine oder andere Kloß mag im Hals entstehen, die eine oder andere Träne fließen. Und dabei ist der Film alles andere als rührselig inszeniert.

Ab hier wird kräftig gespoilert

Drehbuchautorin Katrin Bühlig hat sorgfältig recherchiert und wichtige Bestandteile und Begleiterscheinungen der Eltern-Kind-Entfremdung präzise herausgearbeitet. In einer Stellungnahme zu „Weil du mir gehörst“ gibt sie an, den ehemaligen Familienrichter Jürgen Rudolph als Berater gewonnen zu haben. Ihm kommt das Verdienst zu, dass sich an manchen deutschen Amtsgerichten die Haltung findet, Eltern müssten in Umgangs- und Sorgerechtsstreitfällen gemeinsam an außergerichtlichen Beratungen mit dem Ziel der Einigung teilnehmen (3). Dies findet sich in einer Szene gegen Ende, wenn der Richter Julia und Tom während einer Verhandlung vor dem Oberlandesgericht zu außergerichtlicher Mediation verdonnert. Im Weigerungsfalle riskieren beide vieles: Der Richter kündigt an, Julia das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Anni zu entziehen, sofern sie weiterhin den Umgang sabotiert und nicht an den Beratungssitzungen teilnimmt. Sollte Tom meinen, die Beratung nicht nötig zu haben, werde sein Antrag auf Umgang mit Anni zurückgewiesen.

Aussetzung des Umgangs?

In derselben Szene thematisiert der Richter die Aussetzung des Umgangs für einen gewissen Zeitraum: Der Verfahrensbeistand (4) hatte vorgeschlagen, der Umgang zwischen Vater und Tochter solle für drei Monate entfallen. Das Jugendamt stieß ins gleiche Horn, wollte sich aber auf keine präzise Dauer festlegen, sondern sprach sich für „eine unbestimmte Zeit“ aus. Julias Anwalt Wolters (Jochen Hägele) schließlich hatte beantragt, den Umgang für die längste mögliche Dauer von zwei Jahren auszusetzen. Unabhängig davon, dass der Richter keinem der Vorschläge gefolgt ist, muss man sich das einmal vorstellen: Julia hat den Umgang von Anni mit ihrem Vater so sehr unterlaufen und auf derart böswillige Weise bei ihrer Tochter Stimmung gegen ihren Vater gemacht (dazu später mehr), dass diese tatsächlich nicht mehr zu ihm will, und alles, was einigen Verfahrensbeteiligten dazu einfällt, ist, den Umgang vollständig auszusetzen. Glaubt ihr das nicht? Lasst euch versichern: Genau das passiert an bundesdeutschen Familiengerichten immer wieder! An dem einen Amtsgericht mehr, an dem anderen weniger – da gibt es große Unterschiede in der Rechtsprechung. Wie soll eine Eltern-Kind-Entfremdung rückgängig gemacht werden, wenn der Vater sein Kind gar nicht mehr sieht? Wird sie dadurch nicht im Gegenteil zementiert? Zwei Fragen, die anscheinend nicht immer eine Rolle spielen.

Zur Darstellung der Gerichtsverfahren in „Weil du mir gehörst“ ist anzuführen, dass diese gegenüber der Realität etwas verkürzt inszeniert worden sind. Ich halte das aus dramaturgischen Gründen für völlig legitim, schreibe dennoch etwas zu den Auslassungen: So fehlt völlig der Aspekt, dass Richter in der Regel bestrebt sind, keinen Beschluss (5) zu fassen, sondern eine Einigung zwischen Mutter und Vater herbeizuführen, die dann als verbindlich gilt, weil sie richterlich protokolliert wurde. Dies erreichen Richter mittels mehr oder weniger sanften Drucks, der bisweilen auch mal die Grenze zur Nötigung ausreizt (6). Ebenfalls nicht zur Sprache kommt im Film das Mittel des Ordnungsgelds (7) bei Vergehen gegen eine gerichtliche Umgangsvereinbarung. Und auch den Aspekt der Unterhaltszahlungen klammert „Weil du mir gehörst“ vollständig aus (8).

Die Mutter haut mit dem Kind ab

Als Tom eines Tages Anni bei Julia zum Umgang abholen will, stellt er entsetzt fest: Die Wohnung ist aufgelöst. Er braucht Wochen, um den neuen Wohnsitz von Mutter und Tochter zu erfahren, und hat in dieser Zeit keinerlei Kontakt zu Anni – Julia ist mit dem Mädchen nach Bitburg gezogen, in die Nähe ihrer Eltern. Tom kennt zwar die Anschrift seiner Ex-Schwiegereltern, es gelingt ihm aber auf diesem Wege nicht, den Aufenthaltsort seiner Tochter festzustellen. Stellt euch vor, ihr habt wochenlang keine Ahnung, wo sich euer Kind befindet! Ein gruseliger Gedanke, aber Julia kennt gegenüber Tom keine Hemmungen. Dass Anni ihren Vater vermisst – sekundär, das wird sich schon legen, zur Not mit etwas Bestechung: Du kannst jeden Tag nach der Schule zum Reiterhof. Kaum vorstellbar? Im Gegenteil! Eine Mutter, die den Wunsch hegt, mit ihrem Kind in eine andere Stadt zu ziehen, und bei gemeinsamem Sorgerecht fürchtet, dass der Vater dem widerspricht (was sein gutes Recht ist), wird von ihrem Rechtsbeistand womöglich den Rat bekommen: „Tun Sie es! Schaffen Sie Tatsachen, bevor am alten Wohnsitz ein Gerichtsverfahren zum Aufenthaltsbestimmungsrecht anhängig ist!“ Dann nämlich funktioniert das Wegziehen nicht mehr. (9) Julias Anwalt vermittelt seiner Mandantin sogar eine vermeintliche Psychologin, die nach einer Anhörung von Anni ein Gefälligkeitsgutachten erstellt, welches Tom als Übeltäter zeichnet. Kaum zu glauben, aber das kommt in Deutschland tatsächlich vor.

Üble Nummer mit dem Telefon

Um zusätzlich zum Wegzug auch Annis telefonischen Kontakt zu Tom zu unterbinden, greift Julia zu einem perfiden Trick: Sie blockiert Toms Eintrag in Annis Handy, behauptet, Papa habe eine neue Telefonnummer, und schenkt Anni zur Feier des Umzugs ein neues Smartphone: Hier siehst du Papas neue Nummer. Auf Annis besorgte Frage, ob Papa die Nummer habe, erwidert Julia: Na klar hat Papa die Nummer, die hab ich ihm sofort gegeben. Na klar hat Papa die Nummer nicht, und die angeblich neue Nummer von Tom führt zu einem weiteren Handy, das sich Julia zugelegt hat, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass die Mutter jederzeit die Kontrolle darüber hat, wie oft ihre Tochter versucht, den Vater zu erreichen. Wem läuft es da nicht kalt über den Rücken? Unglaubwürdig? Von wegen. Mir ist beispielsweise ein verbürgter Fall bekannt, in welchem im Kindeshandy unter dem Eintrag „Papa“ die Nummer des Vaters durch die Nummer des Stiefvaters ersetzt worden ist. Dem Einfallsreichtum sind keine Grenzen gesetzt.

Nach der Scheidung bleibt das Verhältnis von Anni und Tom zunächst liebevoll

Nachdem Tom endlich herausgefunden hat, wo Julia und Anni leben, begeht er gegen den Rat seiner Anwältin den Fehler, dorthin zu fahren. Väter (oder Mütter in gleicher Situation) begehen in solchen Auseinandersetzungen zwangsläufig Fehler. Sie stehen enorm unter Druck, weil ihnen das Liebste genommen wird, und oft müssen sie bei Abwägungen von Für und Wider zwischen Teufel und Beelzebub oder Pest und Cholera entscheiden, weil so oder so das Kind leidet. Es kommt zur Konfrontation der Ex-Eheleute – mit bösen Folgen für Tom und Anni: Julia nutzt ein kurzes Handgemenge – keine (!) Gewalttat Toms – aus, ruft die Polizei und erwirkt gegen ihn zügig eine dreimonatige Kontaktsperre. In dieser Zeit lassen sich Entfremdungsversuche komfortabel weiter betreiben, und eine besonders bösartige Variante fällt Julia ein: In die Zeit der Kontaktsperre fällt ein lange geplanter Familienurlaub Toms nach Lanzarote, zu dem er selbstverständlich auch Anni mitnehmen wollte. Notgedrungen fliegt er ohne sie, hat nicht mal Gelegenheit, seiner Tochter zur erklären, weshalb sie nicht mitfliegen kann. Und Julia? Die lässt ihre Tochter im Glauben, sie werde mit ihrem Vater, Jenny und Mia in den Urlaub fliegen. Am vermeintlichen Abreisetag bringt sie Anni sogar zum Haus des Vaters. Dass der mit seiner Frau und Stieftochter längst traurig abgereist ist, wusste Julia natürlich. Annis Enttäuschung ist riesig. Spätestens jetzt hat sie gar keine andere Wahl mehr, als ihren Vater abzulehnen. Mütterliches Verhalten geht kaum finsterer.

Eins ist jederzeit klar: Julia liebt ihre Tochter und würde alles für sie tun – mit der gewichtigen Ausnahme, dass sie sich nicht zu bindungsförderlichem Verhalten in der Lage sieht, sprich: Es ist ihr unmöglich, die Bindung von Anni zu ihrem Vater zu fördern. Stattdessen tut sie das Gegenteil, zeigt bindungsblockierendes Verhalten in Reinkultur. Beim Zusehen denkt man sich: Wie kann das sein? Julia sieht doch ganz deutlich, wie traurig Anni anfangs ist, wenn sie ihren Vater nicht sieht und ihn telefonisch nicht erreicht. Dieses Verhalten tritt dann auf, wenn Elternteile nicht in der Lage sind, gegenüber ihrem Ex-Partner die Paar-Ebene zu verlassen und auf die Eltern-Ebene zu wechseln. Julia trägt Tom nach wie vor das Scheitern der Ehe nach: Er hat sie für Jenny verlassen. Wie sauber oder unsauber sich Tom tatsächlich verhalten hat, erfährt das Publikum von „Weil du mir gehörst“ nicht, es ist für die Handlung auch irrelevant, weil Tom ein liebevoller und vorbildlicher Vater ist (10). Auch spielt die geradezu mythische Überhöhung der Mutterschaft in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Rolle, sodass manch alleinerziehende Mutter wie Julia womöglich zu der irrigen Annahme neigt, sie könne den Verlust des Vaters schon kompensieren (11).

Kontakt mit anderen Betroffenen

Manche Väter geben schließlich auf. Sie sind seelisch zermürbt, durch jahrelange gerichtliche Auseinandersetzungen am Rande des finanziellen Ruins, haben keine Kraft mehr, können es auch nicht mehr ertragen, ihr Kind leiden zu sehen. Einen solchen Vater trifft Tom, der in seiner Verzweiflung Kontakt zu anderen von Eltern-Kind-Entfremdung betroffenen Vätern sucht. Eine tieftraurige kurze Szene, welche das ganze Elend dieses Schicksals verdeutlicht. Die Selbstmordrate solcher Väter ist hoch (12).

Die Hilflosigkeit des Vaters

Besonders gelungen dargestellt: Toms Hilflosigkeit. Er kann stets nur reagieren, nie agieren, merkt das auch und verzweifelt daran. Wer je in dieser Situation war, kann das exakt nachfühlen. Auch an seiner Beziehung zu Jenny geht der Kampf um Anni nicht spurlos vorüber. Sie will ihm helfen, ohne faktisch viel tun zu können, als für ihn da zu sein, er will sie nicht noch mehr hineinziehen. Völlig klar: Da kommt es auch mal zum Streit – das ist glaubwürdig und mit gebotener Zurückhaltung inszeniert. Wer gut aufpasst, wird recht früh im Film auch eine ganz kurze Szene bemerken, in der ein einziges Mal die Problematik der Stiefmutter zum Tragen kommt: Julia betrachtet in einem Sozialen Netzwerk in Toms Profil Fotos von ihm, Anni, Jenny und Mia. Es gefällt ihr offenkundig nicht, was sie dort sieht: Anni fühlt sich wohl. Besonders ein Foto von Anni nur mit ihrer Stiefmutter und ihrer Stiefschwester scheint auf Julia zu wirken. Ein Aspekt mütterlicher Eifersucht auf eine vermeintliche Nebenbuhlerin im Herzen der Tochter, der vielleicht größeren Raum verdient hätte, aufmerksamen Zuschauerinnen und Zuschauern aber nicht entgehen wird.

Doch Julia spielt gegenüber ihrer Tochter ein falsches Spiel

Zwei weitere Figuren will ich noch erwähnen: die beiden Großmütter. Julias Mutter Elvira (Teresa Harder) unterstützt ihre Tochter nach Kräften beim Versuch, Tom aus dem Leben der Tochter zu verbannen. Toms Mutter Heidi (Monika Lennartz) hingegen hat keine Chance als Oma: Zur abschließenden Verhandlung vor dem Oberlandesgericht darf sie ihren Sohn zwar begleiten, aber ihr Versuch, nach Monaten die Enkeltochter im Flur des Gerichtsgebäudes mal wieder in die Arme zu schließen oder auch nur zu begrüßen, ist zum Scheitern verurteilt. Sie muss allein im Wartebereich ausharren; von Anni, die bei den Großeltern mütterlicherseits sitzt, trennen sie lediglich zehn Meter, und doch ist Oma Heidi ihrer Enkelin so fern. Auch dies ist nur eine kurze Szene, doch sie demonstriert auf feinfühlige Weise die Auswirkungen, die Entfremdungsmechanismen auf völlig Unschuldige haben. Ein Kollateralschaden. Gelegentlich stößt man beim Austausch mit Gleichgesinnten auch auf Großeltern, die ihre Enkelkinder seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Eine Lobby haben sie nicht. Und auch in Bezug auf die beiden im Film porträtierten Großmütter väter- und mütterlicherseits gilt: Manchen Betroffenen wird hier ein „Das ist ja wie bei uns!“ entfahren.

Einzigartig und doch vergleichbar

„Weil du mir gehörst“ erzählt eine fiktive Geschichte. Jeder Fall einer strittigen Elternschaft, in der es zu Eltern-Kind-Entfremdung kommt, ist einzigartig in den spezifischen Ereignissen. Was all diese Fälle eint, sind Strukturen und Verhaltensmuster. Es mag kaum Fälle geben, in denen eine Mutter (oder ein Vater) mit dem Handy der Tochter exakt den gleichen Schindluder wie Julia betrieben hat, aber wenn man sich unter Betroffenen umhört, wird man massig Berichte hören, wie das Handy des Kindes auf ähnliche oder andere Weise manipuliert worden ist. Das meine ich mit „Das ist ja wie bei uns!“ Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, dass viele Betroffene etliche Verhaltensmuster wiedererkennen werden.

Beeindruckend gespielt

Hauptdarsteller Felix Klare ist mir vornehmlich als „Tatort“-Ermittler im Stuttgarter Strang der Krimireihe bekannt. Seinem Tom habe ich in jedem Moment jede seiner Regungen abgenommen, besonders das Gefühl der Ohnmacht. Dessen Antagonistin Julia jagt einem Angst ein, die Österreicherin Julia Koschitz spielt sie mit einer bravourösen Mischung aus Eiseskälte und – gegenüber Anni – Herzenswärme. Julia ist eine gebrochene Figur. Vermutlich von vornherein nicht mit dem größten Selbstwertgefühl ausgestattet, hat es sie mental völlig aus der Bahn geworfen, von Tom verlassen worden zu sein. Nach außen wahrt sie den Schein, doch wenn die Kamera sie fokussiert, wird deutlich, wie es in ihr arbeitet. Das vermittelt Koschitz auf treffliche Weise. Anni-Darstellerin Lisa Marie Trense beeindruckt ebenfalls. Das Mädchen aus Hamburg ist seit 2015 als Schauspielerin fürs deutsche Fernsehen aktiv. Ich hoffe (glaube das aber auch), sie wurde während der Dreharbeiten zu „Weil du mir gehörst“ anständig betreut – der Stoff ist harter Tobak, gerade für ein Kind.

Zurück bleibt eine zerstörte Kinderseele

„Weil du mir gehörst“ endet offen, mit einem leichten Hoffnungsschimmer und elend gleichermaßen: Anni darf/muss wieder zu ihrem Vater. Er freut sich auf sie, doch sie zieht sich umgehend in ihr Kinderzimmer zurück. Wird es dem Mädchen und seinem Vater gelingen, die Fesseln der Entfremdung abzustreifen? Wir erfahren es nicht. Was wir wissen: Das Mädchen hat Schaden an der Seele erlitten, der sich nicht heilen lässt. Annis Urvertrauen in ihre Eltern und damit auch in ihre eigene Identität ist unwiderbringlich zerstört.

Denkanstoß in der Debatte

Zum Ende erlaube ich mir, erneut Drehbuchautorin Katrin Bühlig zu zitieren: Wenn wir es schaffen, dass sich auch nur eine Mutter oder ein Vater in unserem Film wiedererkennt und ihr Verhalten danach ändert – wenn wir es schaffen, dass sich auch nur ein Familienrichter in Zukunft nicht von der (manipulierten) Aussage des Kindes „Ich hasse meine Mutter oder meinen Vater“ blenden lässt, sondern genau das hinterfragt – wenn wir es schaffen, dass das unmittelbare Umfeld eines zerstrittenen Elternpaares auf ihre Nächsten einwirkt, weil sie durch unseren Film sensibilisiert worden sind – dann hätten wir alles erreicht, was wir mit diesem Film wollten … Ihr und natürlich ebenso Regisseur Alexander Dierbach gilt mein großer Respekt, sich der Eltern-Kind-Entfremdung derartig feinfühlig und verantwortungsvoll genähert zu haben. Ein wichtiger Beitrag zur Debatte um Veränderungen im Familienrecht und zu Veränderungen in den Köpfen.

Abschließend ein Hinweis: Wie jede Filmbetrachtung habe ich auch diesen Text so objektiv wie möglich und so subjektiv wie nötig verfasst. Diesmal mag ich noch etwas subjektiver geschrieben haben als bei einer beliebigen Horrorfilm-Rezension, die ich ja auch gern erstelle. Vielleicht sind mir auch mal die Pferde durchgegangen, und vielleicht habe ich einiges anders dargestellt als es andere Kenner der Materie getan hätten. Ganz wichtig: Ich bin juristischer Laie, all meine rechtlichen Einschätzungen stehen unter diesem Vorbehalt. Ich gehe davon aus, dass diesen Text wenigstens ein paar Menschen lesen werden, die sich ebenso gut wie ich oder deutlich besser als ich mit dem Thema auskennen. Sollte ich irgendwo grob danebenliegen, korrigiert mich gern per Kommentar. Sofern etwas euch tendenziös erscheint, widersprecht mir. Höfliche Kommentare ohne persönliche Attacken schalte ich gern frei.

Eine verliert ganz sicher: Anni

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK entfällt
Originaltitel: Weil du mir gehörst
D 2020
Regie: Alexander Dierbach
Drehbuch: Katrin Bühlig
Besetzung: Julia Koschitz, Felix Klare, Lisa Marie Trense, Marie Collet, Teresa Harder, Lutz Blochberger, Monika Lennartz, Jochen Hägele, Jule Gartzke, Theresa Berlage, Anja Nejarri
Produktion: FFP New Media, im Auftrag des Südwestrundfunks (SWR)

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2020 SWR / FFP New Media GmbH,
Bild 1 & 2 auch: © Martin Valentin Menke,
Bild 3 & 5 auch: © Bernd Spauke, Bild 4 auch: © Jürgen Holland

Fußnoten:

(1) Die kindliche Ablehnung eines Elternteils aufgrund von dessen Verhaltensweisen wie Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung und Desinteresse fällt nicht unter Eltern-Kind-Entfremdung, und darum geht es weder in dem Film noch in diesem Text. Nach wie vor gibt es Kritik am und Ablehnung des Parental Alienation Syndrome. So wird argumentiert, es gebe speziell Vätern im Sorgerechtsstreit Handhabe, von ihren Verfehlungen abzulenken, um womöglich von ihnen verursachte Entfremdung des Kindes der Mutter in die Schuhe zu schieben – ein Aspekt, der nicht von der Hand zu weisen ist, an der grundsätzlichen Existenz von Eltern-Kind-Entfremdung durch das Betreuungselternteil (meist die Mutter) aber nichts ändert. Eine Kontroverse gibt es auch um den wissenschaftlichen Status des Syndroms und die Frage, ob es als psychische Störung und Krankheit in entsprechende Verzeichnisse aufgenommen werden soll.

(2) In aller Regel liegt die Täterschaft beim betreuenden Elternteil, das Umgangselternteil ist das zweite Opfer – nach dem Kind, dessen Seele beschädigt wird. Wer sein Kind lediglich zu Umgängen sieht, hat allein zeitlich kaum die Möglichkeit, es nachhaltig gegen das Elternteil einzunehmen, bei dem es lebt. Da Trennungskinder auch heute mehrheitlich hauptsächlich bei ihren Müttern leben, sind es zwangsläufig mehrheitlich Mütter, die Eltern-Kind-Entfremdung betreiben, wobei sich logischerweise auch Väter als Täter finden – wir sind ja keine besseren Menschen.

(3) Wer sich etwas mit strittigen Elternschaften in Trennungssituationen befasst hat, wird den Namen kennen. Jürgen Rudolph gilt als Experte auf dem Gebiet der Eltern-Kind-Entfremdung, auf seine Initiative geht das sogenannte Cochemer Modell zurück, das er 1992 als Familienrichter am Amtsgericht Cochem installiert hat.Verkürzt skizziert: Zusammenführung aller beteiligten Parteien und Institutionen mit dem strengen Fokus auf außergerichtliche Konfliktbeilegung und Mediation.

(4) Verfahrensbeistände sind Personen, die vom Gericht als Interessenvertreter der Kinder beigeordnet werden – davon ausgehend, dass die Anwälte der Mutter und des Vaters lediglich die Interessen ihrer Mandantinnen und Mandanten verfolgen, nicht jedoch die Interessen des Kindes. Oft handelt es sich um Juristen, auch Psychologen oder Sozialpädagogen kommen als Verfahrensbeistand in Frage, wobei es keine bundesweit festgelegten Qualifikationskriterien gibt.

(5) An deutschen Familiengerichten gibt es keine Urteile, sondern Beschlüsse.

(6) Ein Beispiel für das Ausreizen der Grenze zur Nötigung: Wer von der Richterin oder dem Richter vor die Wahl gestellt wird, dem Wegzug seines Kindes aus dem vormals gemeinsamen Wohnort zuzustimmen oder im Falle einer Weigerung das Aufenthaltsbestimmungsrecht als Teil des Sorgerechts zu verlieren, hat tatsächlich keine Wahl, weil der Wegzug so oder so geschehen wird und die Ablehnung größere Nachteile mit sich bringt. Im Weigerungsfalle und dem damit einhergehenden Verlust des Aufenthaltsbestimmungsrechts steht zwar der Weg zum Oberlandesgericht offen, aber bis es in der höheren Instanz zum Verfahren kommt, lebt das Kind bereits eine ganze Weile am neuen Wohnort, das Argument des Erhalts dessen sozialen Umfelds hat sich zum Bumerang verkehrt, weshalb es sehr unwahrscheinlich ist, dass das OLG die Rückführung des Kindes anordnet.

(7) Besteht eine gerichtliche Umgangsvereinbarung, in der als Mittel zur Durchsetzung des Umgangs Ordnungsgeld und sogar Ordnungshaft genannt sind, kann das Amtsgericht bei Zuwiderhandlungen gegen die Vereinbarung gegenüber der zuwiderhandelnden Partei ein Ordnungsgeld verhängen. Verweigert das Betreuungselternteil beispielsweise ein Umgangswochenende, kann das Umgangselternteil beantragen, dem anderen Elternteil ein Ordnungsgeld aufzuerlegen (wobei es natürlich Gründe gibt, die den Umgangsausfall rechtfertigen). Dies sind bei Erstverstößen in der Regel vergleichsweise geringe Beträge von vielleicht einhundert bis zu wenigen hundert Euro, im Wiederholungsfalle erhöhen die Richter die Strafsätze bis zum in der Vereinbarung festgelegten Maximalbetrag, der durchaus 25.000 Euro betragen kann. Mir ist nicht bekannt, ob deutsche Richter solchen Anträgen bei eindeutigen Verstößen stets folgen oder sie gemäß ihres Ermessensspielraums auch mal ablehnen. Auch weiß ich nicht, ob es Richter gibt, welche die maximale Höhe des Ordnungsgelds ausreizen. Ein Richter, der einer Mutter wegen Umgangsvereitelung Haft verordnet, dürfte die große Ausnahme sein. Ein Ordnungsgeldantrag ist natürlich nicht geeignet, zur Befriedung des Konflikts beizutragen, aber das Umgangselternteil hat in solchen Fällen oft keine andere Wahl. Gewöhnt sich das Betreuungselternteil daran, mit Umgangsvereitelung durchzukommen, gibt es ja keinen Grund, daran etwas zu ändern. In jedem Fall verlieren die Kinder, das tun sie bei strittiger und hochstrittiger Elternschaft immer.

(8) Das Thema Kindesunterhalt auszuklammern, geschah nach meiner Vermutung aus zwei Gründen: Zum einen hätte es zusätzliche Handlungsstränge notwendig gemacht, wenn sich das Paar auch noch um den Betrag streitet, den Umgangselternteil Tom monatlich als Kindesunterhalt für Anni an Julia zu zahlen hat – das hätte den Rahmen eines anderthalbstündigen Films gesprengt; zum anderen sind im deutschen Familienrecht Sorgerecht und Umgang auf der einen sowie Unterhalt auf der anderen Seite vollständig voneinander abgekoppelt. Geld spielt zwar immer eine Rolle, aber für die Frage des Umgangs sind Unterhaltszahlungen rechtlich völlig irrelevant.

(9) Nun muss man als Rechtsanwalt im Familienrecht natürlich einigermaßen abgebrüht sein, um derlei unmoralische Ratschläge zu erteilen, aber letztlich hat ein Anwalt einzig die Interessen seiner Mandantin im Blick zu haben, und wenn dieses Interesse nun mal darin liegt, das Kind vom Vater zu entfernen … Obwohl ich sicher bin, dass viele Anwälte ethische Maßstäbe zur Grundlage ihrer Arbeit ansetzen, wird es bindungsblockierenden Müttern (oder Vätern) nicht schwerfallen, einen juristischen Beistand zu finden, der keine Skrupel hat, etwas rigorosere Tipps zu geben. Gerade für alleinerziehende Mütter gibt es Verbände, die dafür berüchtigt sind, ihre Mitglieder mit Rat und Tat explizit väterfeindlich zu unterstützen (alleinerziehende Väter werden als Feigenblatt ebenfalls aufgenommen). Dass das gleichzeitig enorm kindesfeindlich ist – wen kümmert’s? Wenn sich sogar die Spitze des Bundesfamilienministeriums lächelnd mit Vertreterinnen solcher Verbände fotografieren lässt, kann das wohl so schlimm nicht sein.

(10) Sollten dies hier Väter in Trennungssituationen lesen, bei denen die Mutter ihres Kindes die Beziehung beendet hat und sie sogleich wieder einen neuen Mann an ihrer Seite hatte: Hütet euch davor, euch vor Eltern-Kind-Entfremdung sicher zu sein! Auch wenn eure Ex-Frau wieder einen neuen Partner hat und mit ihm glücklich wirkt – sobald ihr irgendwann nach geraumer Zeit selbst wieder eine Frau in euer Leben lasst, wird es brandgefährlich, erst recht, wenn euer Kind die Stiefmutter in sein Herz schließt. Mütterliche Eifersucht kann einiges anrichten. Zudem erhöht die Existenz des neuen Partners und Stiefvaters die Gefahr enorm, weil die Mutter eure Entsorgung vor sich selbst damit rechtfertigen kann, dass sie einen Ersatzvater installiert hat.

(11) Das Fehlen einer solchen Überhöhung der Vaterrolle in unserer Gesellschaft lässt vom Vater betriebene Eltern-Kind-Entfremdung sogar noch bösartiger erscheinen: Wer damit aufwächst, die Mutter sei das Elternteil schlechthin, der Vater eben nur Nummer zwei, und dennoch dem eigenen Kind die Mutter nimmt, müsste wissen, dass er Übles anrichtet. Mütter hingegen finden eher eine Rechtfertigung für das Abservieren des Vaters, eben weil ihnen von der Gesellschaft suggeriert wurde, sie seien das Elternteil schlechthin. Tatsächlich hat das Kind zur Hälfte Anteile der Mutter, zur Hälfte Anteile des Vaters. Ihm zu suggerieren, eine dieser Hälften sei schlecht, stellt unabhängig vom Geschlecht des betreffenden Elternteils einen zerstörerischen Eingriff in die Identität des Kindes dar. Das gesellschaftliche Bild von Mutter- und Vaterrolle ist ein überaus gewichtiger Aspekt in der Gemengelage strittiger Elternschaft, zu dessen ausführlicher Erörterung mir aber die Kenntnisse fehlen. Es würde auch den Rahmen dieses Textes sprengen.

(12) Manche dieser Väter nehmen am Ende ihr Kind, die Ex-Partnerin oder beide mit in den Tod, was mit dem etwas zynisch anmutenden Begriff erweiterter Suizid benannt wird. Eine monströse Reaktion auf erlittenes Unrecht, und selbstverständlich haben viele durch Väter begangene erweiterte Suizide ganz andere Ursachen.

 
 

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Andrea Micus: Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht (Buchrezension)

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Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht

Familie // Dieses Buch behandelt das Schicksal und den Schmerz von Vätern, die nach der Trennung von der Mutter ihres Nachwuchses unfreiwillig den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben – umgehend oder im Lauf der Zeit. Nun mag manch Leser versucht sein, dies für eine verfehlte Perspektive zu halten; sind doch die Leidtragenden einer Trennung immer und ausnahmslos die Kinder, ihnen habe der Fokus zu gelten.

Ist nicht das Kindeswohl der entscheidende Faktor?

Das stimmt zwar, dennoch muss auch dieser Aspekt bei Trennungsfamilien betrachtet werden, und das geschieht in der breiten Öffentlichkeit viel zu selten. In Jugendämtern und an Familiengerichten trifft man oft noch die Haltung an, entscheidend für das Kindeswohl sei, dass es der Kindsmutter gut gehe. Nur recht und billig, auch dem Befinden des männlichen Elternteils Rechnung zu tragen.

Die Journalistin und Buchautorin Andrea Micus räumt gleich zu Beginn ihres Buches ein, selbst Mutter eines 16-Jährigen zu sein, der seinen Vater in den vergangenen drei Jahren gerade mal drei Stunden gesehen habe. Womöglich hat das sie motiviert, „Väter ohne Kinder“ zu schreiben.

Weshalb verlieren Väter den Kontakt zu ihrem Nachwuchs?

Warum Scheidungs- und Trennungsväter keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben. So betitelt die Autorin ihr erstes Kapitel, in dem sie die vielfältigen Ursachen beleuchtet. Da seien zum einen die nach wie vor typischen traditionellen Lebensmuster, nach denen die Väter erwerbstätig sind, die Mütter zu Hause bleiben. Bei einer Trennung blieben dann die Kinder nahezu zwangsläufig bei der Mutter. Folge: Mütter, die vorher vehement die Mithilfe in Sachen Kindererziehung eingefordert haben, kommen jetzt prima allein mit den Kindern zurecht, und häufig ist auch schnell ein anderer Mann da, der Papa-Ersatz spielen kann. Die Väter sind raus …

Hinzu komme mangelnde Kooperation der Mutter bis hin zum Umgangsboykott, ob bewusst oder unbewusst. Das Ende einer Trennung bringt Verletzungen, Wut, Kränkungen und Trauer mit sich. Vielleicht liebt die Mutter den Vater noch, vielleicht hasst sie ihn auch. So oder so scheue sie dann jede Begegnung mit dem Ex-Partner. Aber meistens sind es gar nicht diese dramatischen Gefühle, die entscheiden. Oft ist es nur der Eindruck, dass der Ex nicht mehr in den neuen Alltag passt. Auch die Gegenwehr von Vätern thematisiert Micus, oft im Bereich der Finanzen ausgetragen. Die Konflikte peitschen sich hoch.

Loyalitätskonflikt

Die Kinder geraten in einen Loyalitätskonflikt: Mama will nicht, dass ich Papa lieb habe! Und was tun sie dann? Sie wählen den Weg des geringsten Widerstandes, richten sich nach der Mama, weil sie bei ihr leben. Das wiederum bestärkt die Mutter, den „blöden Kerl“ aktiv fernzuhalten.

Micus verschweigt allerdings eins bzw. sie lässt es unerwähnt (denn bewusstes Verschweigen unterstelle ich ihr keineswegs): Egal, wie geduldig man manchen Müttern den Loyalitätskonflikt erklärt, einige wollen es partout nicht begreifen, in welcher Zwangslage sich ihre Kinder befinden, oder wenn sie es begreifen, so ignorieren sie es. Sind sie es doch, die Mütter, die einzig wissen, was für ihre Kinder das Beste ist. Der Vater? Hat sowieso keine Ahnung! Die als Sozialpädagogin eingesetzte Mediatorin? Kennt die Kinder doch gar nicht! Der Richter? Wer ist das denn? Diesen Aspekt hätte Micus etwas stärker herausarbeiten können.

Das Cochemer Modell

Es gibt Modelle, mit denen solche Entwicklungen im Trennungskonflikt aufgehalten werden können. Micus erwähnt das Cochemer Modell des Familienrichters Jürgen Rudolph, dem es dank intensiver Bemühungen gelang, alle an familienrechtlichen Verfahren Beteiligten zur Zusammenarbeit zu bewegen: Richterkollegen, Anwälte, Jugendamt, Eltern. Auf diese Weise konnte Rudolph einen Zwang zur Mediation und zur Einigung durchsetzen – mit dem Ziel, dass kein Kind ein Elternteil verliert. Micus lässt allerdings auch Kritiker am Cochemer Modell zu Wort kommen.

Am Ende des Kapitels richtet die Autorin das Wort an die neuen Partner von Trennungsmüttern, die sich oft vorbildlich um ihre mitgeheirateten Kinder kümmern würden. Ihnen gilt Micus’ Hinweis: Sie können die nächsten sein. Ich hab’ allerdings den begründeten Verdacht, dass manch ein solcher Ersatzvater darüber überhaupt nicht nachgedacht hat. Einen solchen, dem es erging wie seinem Vorgänger, lernen wir etwas später kennen.

Sechs Väter erzählen

Ging es auf den ersten 43 Seiten eher theoretisch zu, so geht es in der Folge ans Eingemachte: Sechs Väter berichten von ihrem Schicksal, Andrea Micus lässt sie in Ich-Form zu Wort kommen und macht so ihren Schmerz direkt spürbar. Es beginnt der 46-jährige Markus, der seine 16-jährige Tochter Lisa seit 13 Jahren nicht gesehen hat. Kurz vor dem dritten Geburtstag seiner Tochter hat ihn seine Frau verlassen. Später erfährt er, dass sie schon seit einem Jahr Trennungsgedanken gehabt hat. Es scheint kein untypisches Phänomen zu sein: Der Kerl merkt nichts, die Frau sagt nichts. Aber das nur am Rande.

Im Trennungsstress begeht Markus einen fatalen Fehler. Danach sieht er seine Tochter noch ein einziges, kurzes Mal in Gegenwart einer Jugendamts-Mitarbeiterin. Er hofft heute noch, dass sie bald vor seiner Tür steht.

Das Angstszenario

Frank ist 48 Jahre alt und hat eine elfjährige Tochter. Er hat Mia seit fast zwei Jahren nicht gesehen. Frank ist der erwähnte Vater, dessen Freundin zwei Söhne in die Beziehung mitbringt. Beide haben keinen Kontakt zu ihrem Vater – angeblich sei er gefühlskalt und habe kein Interesse an seinen Kindern. Frank glaubt seiner Freundin. Er heiratet sie, Mia kommt zur Welt, irgendwann ziehen die Söhne aus.

Doch seine Frau ist krankhaft eifersüchtig und verlässt ihn eines Tages, weil sie fälschlicherweise glaubt, er habe eine andere. Seine Umgangsbemühungen sabotiert sie. Jugendamt und Familiengericht ändern daran wenig. Die Entfremdung gelingt, bald will Mia ihren Vater nicht mehr sehen. Seine Frau hat erfolgreich ein Angstszenario aufgebaut, dem sich das Mädchen nicht entziehen konnte. Auch das scheint kein Einzelphänomen zu sein. Er schreibt seiner Tochter einen Brief – nicht den ersten. Zu gern wüsste ich, ob Mia den Brief bekommt.

Unglücklich bis ans Lebensende

Der nächste zu Wort kommende Vater ist Thomas, 60 Jahre alt. Beinahe hätte er seine beiden Kinder aus erster Ehe verloren, und um seine Tochter aus der Beziehung zu einer 20 Jahre Jüngeren muss er kämpfen, wie man nur kämpfen kann. Aber ihm gelingt es immerhin. Es folgt der 68-jährige Hendrik aus Hannover, der sich vor mehr als 20 Jahren wegen einer Jüngeren von seiner Ehefrau getrennt hat. Das hat ihn bis heute den Kontakt zu seinen Kindern gekostet. Aus seinen Zeilen liest man deutlich heraus: Er ist daran zerbrochen. Glücklich ist er seit dem Verlust nicht mehr, er wird es nie mehr werden.

Fabian, 38 Jahre, hatte eine sechs Monate andauernde Affäre mit einer verheirateten Frau. Daraus entstand seine Tochter Patti, von der ihm die Mutter erst berichtet, als sie zwei Jahre alt war. Er erkennt die Vaterschaft an, baut eine Beziehung zu Patti auf. Doch als die Mutter wieder eine Beziehung beginnt, bröckelt der Umgang. Schließlich degradiert ihn eine schlimme Anschuldigung zum Zahlvater. Fabians Fazit: Um so etwas nicht erleben zu müssen, gebe es nur einen Schutz: Man darf nicht Vater werden.

Trennung von der Frau = Trennung von den Kindern?

Letzter im Bunde ist der 53-jährige Dietrich, dessen schlimme Geschichte er selbst so zusammenfasst: Ich wollte mich von meiner Frau trennen. Ich hatte keine Ahnung, dass das auch die Trennung von meinen Kindern bedeutet. Zu Sohn Fabian, Tochter Annika und Sohn Jahn hat er keinen Kontakt mehr.

Das Wechselmodell

Es sind sechs traurige und überaus schmerzhafte Geschichten, die Andrea Micus uns vorsetzt; so entsetzlich, dass sie ihr Buch nicht auf eine solche Weise ausklingen lassen will. Daher skizziert sie im letzten Kapitel Möglichkeiten und Modelle, die zum Erfolg führen können: beiden Elternteilen die Kinder zu erhalten, Kindern beide Elternteile zu erhalten. Die Juristin mit Lehrstuhl in Nürnberg Prof. Hildegund Sünderhauf-Kravets etwa propagiert einen 50:50-Umgang, das sogenannte paritätische Doppelresidenzmodell oder Wechselmodell. Frau Sünderhauf hat 2013 mit „Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis“ ein Standardwerk vorgelegt, das die aktuelle Rechtslage und Rechtsprechung in Deutschland ebenso dokumentiert wie internationale psychologische Forschung zum Thema Wechselmodell – deutsche Studien darüber gibt es noch nicht allzu viele.

Andrea Micus’ endet mit ein paar Modellen und Beispielen von Familien, in denen der Umgang der Kinder zu beiden Elternteilen nach der Trennung klappt.

Schmerzhafte Lektüre

Von den sechs Vätern, deren Leid der Leser hautnah erfährt, kennen wir natürlich nur ihre Sicht der Dinge, nur ihre Wahrheit. Ob sie ihre eigene Rolle im Trennungs- und Umgangskonflikt womöglich etwas geschönt haben, können wir nicht beurteilen. Es ist aber auch nicht entscheidend. So oder so ist ihr Schmerz immens, und das wollte Andrea Micus herausarbeiten. Es ist ihr gelungen, die Lektüre war sehr bewegend.

Autorin Andrea Micus

Die sechs Fälle sind beispielhaft, sie decken keineswegs das vielfältige Spektrum von Umgangskonflikten ab, die zum Verlust der Kinder führen können. Dennoch werden sich betroffene Väter in etlichen Details wiederfinden.

Unerwähnt: die Neue als Konkurrentin

Ein Aspekt fehlte mir noch. Micus hätte ihn im ersten Kapitel unterbringen können, meiner Ansicht nach sogar müssen. Ich meine den Fall, dass Umgangsvereitelung durch die Mutter ihre Ursache darin haben kann, dass der Vater eine neue Beziehung hat und die neue Freundin zum Nachwuchs ein wunderbares Verhältnis aufbaut. Ganz gefährliches Terrain! Auch, wenn nicht sogar besonders in Fällen, bei denen die Frau den Mann verlassen hat. Man hüte sich als Vater davor, sich jemals in Sicherheit zu wiegen. Der Vater kann seiner Ex noch so sehr vermittelt haben, wie wichtig sie als Mutter seiner Kinder sei, sie wird die Neue an seiner Seite als Konkurrenz um die Gunst der Kinder empfinden. Das mag nicht auf jede Mutter zutreffen, aber es dürfte eine verbreitete Furcht sein.

Lektüreempfehlung

Wer soll das Buch lesen? Am besten alle beteiligten Parteien: Väter, Mütter, Ersatzväter, Ersatzmütter, Jugendamtler, Familienrechtler usw. Viel zu oft wird das Fehlverhalten umgangsvereitelnder Mütter von Jugendämtern und Familiengerichten hingenommen. Es gibt Gerichtsbeschlüsse, in denen die Richter sogar eingeräumt haben, dass die Mutter den Abbruch des Kontakts zwischen Vater und Kind zu verantworten hat – und dennoch wurde der Umgang ausgesetzt. Die Mutter wird kritisiert, gleichzeitig gibt man ihr mit dem Ergebnis zu verstehen, dass sie alles richtig gemacht hat. Das glaubt Ihr nicht, liebe Leser? Unsere höchsten Richter denken so.

Die Mutter hat den Willen des Kindes so sehr verkorkst, dass dem Kind der Umgang mit dem Vater nicht mehr zumutbar sei. Druck auf die Mutter würde das Kind als Druck auf sich selbst empfinden. Woher die Richter die Erkenntnis haben, dass man das Kind nicht behutsam wieder an den Vater heranführen kann und man deshalb eine renitente Mutter nicht in die Schranken weisen darf, bleibt ihr Geheimnis. Auch solche Richter sollten Andrea Micus’ Buch lesen.

Die Ignoranz mancher Mutter

Sollen vom Verlust der Kinder betroffene Väter zu „Väter ohne Kinder“ greifen? Manchmal hilft es zu wissen, dass man mit seinem Schicksal nicht allein ist, sogar alles andere als allein. Aber es tut weh und rückt einem den eigenen Schmerz überdeutlich ins Bewusstsein. Umgangsvereitelnde Mütter werden sich von der Lektüre vermutlich kaum eines Besseren belehren lassen. Geht ihnen Empathie nicht völlig ab, werden sie wissen, was sie den Vätern ihrer Kinder antun – es ist vielen dieser Frauen vermutlich egal.

Schön wäre es, wenn auch nicht unmittelbar Betroffene oder Beteiligte nachempfinden können, wie es manchen Vätern in unserer Gesellschaft nach der Trennung ergeht. Es muss ein breites Bewusstsein entstehen, wie wichtig es ist, dass Väter im Leben ihrer Kinder präsent bleiben.

Auch Müttern kann das widerfahren

Abschließend ein Wort zur Güte über Mütter, denen von Vätern der Kontakt zu ihren Kindern verwehrt worden ist und die hier nicht vorkommen: Ich bin sicher, Andrea Micus weiß, dass es sie gibt. Das Schicksal dieser Mütter und letztlich auch ihrer Kinder ist ebenso bitter wie das Schicksal von Markus, Frank und der vier anderen im Buch vorgestellten Väter. Auch wenn die Zahl entsorgter Väter um ein Vielfaches höher sein wird als die Zahl aus dem Leben ihrer Kinder verbannter Mütter, sollten doch auch sie Beachtung finden, denn jeder einzelne Fall ist schlimm.

Andrea Micus hat mit „Väter ohne Kinder“ ein vernachlässigtes Feld bestellt. Bleibt für Väter und ihre Kinder zu hoffen, dass das Buch gelesen und verstanden wird.

Autorin: Andrea Micus
Deutsche Erstveröffentlichung: 2. März 2015
192 Seiten, Klappenbroschur
Verlag: Kösel-Verlag (Verlagsgruppe Random House)
Preis: 15,99 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Foto der Autorin: © Jörg Ladwig

 
 

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