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Star Force Soldier – Nur ein bewaffneter Mann ist ein guter Mann

Soldier

Von Leonhard Elias Lemke

SF-Action // Der Prolog öffnet uns den Film mit Kriegsgetöse. 1996 – die Stunde „Null“. Die am lautesten schreienden Neugeborenen sind gerade richtig, um zu den Soldaten der Zukunft zu werden. Mit 17 ist die Ausbildung abgeschlossen, bis dahin werden ihnen Sätze wie „Ein Soldat ist nur glücklich, wenn er Befehle befolgen kann!“ eingebläut. Psychische Indoktrinierung und hartes körperliches und technisches Training sind einziger Lebensinhalt. Aber welches Leben? Wer auf der Strecke bleibt, wird nicht nur ausgesiebt, sondern ganz aus dem Leben genommen. Todd 3465 (als Erwachsener: Kurt Russell) ist der Beste seines Jahrgangs. Fahnenträger. Gleich Elitesoldat. Wir springen in sein 38. Lebensjahr. Vernarbt, mit Name, Kennnummer und Blutgruppe sind ihm ins Gesicht tätowiert – immerhin ist er eine teure Investition, die der Kapitalismus am Leben erhalten will.

Soldaten aus der Retorte

Seinen Arm zieren Kriegsschauplätze: Er hat den „6-Städte-Krieg“ gekämpft, hat getötet in Moskau und auf fremden Monden. Später wird Todd sagen: „Nur Soldaten kämpfen gegen Soldaten.“ Das stimmt nicht ganz, Kollateralschäden werden billigend in Lauf genommen, durch Zivilisten wird gern hindurchgeschossen. Das Schlachtfeld ist sein Zuhause, die wahre Bedeutung eines Heims hat er nie kennengelernt. Sein Blick ist tot, wie es bei einer fast perfekten Kampfmaschine sein muss. „Fast perfekt“, denn es gibt immer ein Update. Die neueste Generation der Universal Soldiers wurde im Genlabor erzeugt, ihre DNA nach Belieben manipuliert. Präziser, fitter, kaltblütiger. Noch bessere Krieger für das Kapital. Caine 607 (Jason Scott Lee) ist das Topmodell, in einem Kräftemessen mit Todd – und zwei weiteren Soldaten der ersten Generation – lässt er dem alten Eisen keine Chance. Die vermeintlich toten Soldaten werden auf einem Müllplaneten entsorgt – doch Todd entsteigt seinem Grab und findet Zuflucht bei einer Familie, die dort lebt, am Rande des Universums, ausgestoßen von der offiziellen Gesellschaft. Der abgehalfterte, innerlich – er hat keine Bestimmung mehr – und äußerlich Verwundete wird von der kleinen Gemeinschaft aufgefangen. Eine Annäherung findet nur langsam statt, man hat verständlicherweise Angst vor der lebenden Waffe. Die erste Bindung stellt Todd zu Nathan her, dem kleinen Sohn seiner Ziehfamilie. Auch der spricht nicht. „Männerkommunikation“. So etwas wie Erotik überkommt ihm beim Anblick von Sandra (Connie Nielsen). Unter einer dankenden Umarmung ihrerseits erzittert sein Körper, den er bisher nur zum Zerstören gebraucht hat.

Western-Showdown im Weltraum

Als die neue Generation der Soldiers später das aufkeimende Idyll zunichte macht, muss Todd wieder zur Maschine werden. So bejubeln wir ein ausuferndes Finale, dass „Star Force Soldier“ zu einem Western im Weltraum werden lässt und auch im unausweichlichen Endkampf nicht enttäuscht. Das Herz muss über das manipulierte Fleisch obsiegen. Hollywood. Aufwendige Sets, reale Explosionen, dicke Wummen, gut choreografierte Fights mit klaffenden Wunden. So cheesy die Story sein mag, so intensiv und fürs Genre nachhaltig ist die Verpackung.

Sandra bringt Todd auf den Gedanken, dass Körper nicht nur zum Töten da sind

Regisseur Paul W. S. Anderson hat bei Fans einen zwiespältigen Ruf. Nach seinem hervorragenden „Shopping“ vertraute man ihm 1995 die filmische Adaption des Videospiels „Mortal Kombat“ an. Für die einen war es eine weichgespülte Enttäuschung, die anderen frohlockten, dass man sich überhaupt an diese Umsetzung wagte, und hatten ihren Spaß. Spaß hat man überhaupt immer bei Anderson – sonst wäre Milla Jovovich wohl auch nicht schon so lange seine Partnerin. Zwei Jahre nach dem tödlichen Kampf gelang ihm mit „Event Horizon“ ein „Shining“ im Weltraum, das noch heute zu schauern weiß – für die Produzenten 1998 damit der richtige Mann für „Star Force Soldier“. Und in der Tat vereint Anderson in seinem vierten Spielfilm das Aufgetragene und Überzogene aus „Mortal Kombat“ mit dem Knallharten und Unerbittlichen aus „Event Horizon“. Schaueffekte werden bei Anderson zum Inhalt, die Storys stehen auf wackeligeren Beinen als seine durchtrainierten Mimen – das ist eben Actionkino.

Muckis und Gefühl – Kurt Russell

Den Titelheld verkörpert Kurt Russell überzeugend mit Muskelkraft UND Herzblut. Die Gage wird sicher proper gewesen sein, aber Russell ist bekanntlich ein Fan der Science-Fiction, die Rolle dürfte ihn gereizt haben. Viel Ausdruck, ohne überflüssige Worte zu verlieren – das steht maskulinen Figuren gut zu Gesicht. Um dem Nachdruck zu verleihen, brachte er sich zudem mit 47 Jahren in eine physische Form, die jeden 30-jährigen neidisch werden lassen dürfte. So lassen sein Spiel und seine Physis das Publikum daran glauben, dass dieser Mann einzig dem Krieg dienen soll. Übrigens wird der junge Todd von seinem Sohn Wyatt gespielt, der vor kurzem in „Operation: Overlord“ prominent wurde. Russell entgegen steht mit Jason Scott Lee („Dragon – Die Bruce-Lee-Story“) ein ebenso schauspielerisch wie physisch talentierter Darsteller. Deutlich jünger als Russell, konnte er gar noch mehr Muskelmasse draufpacken und sich zu einem menschgewordenen Pitbull formatieren. Jason Isaacs („Black Hawk Down“) gibt den Nazi-Offizier der Zukunft mit einem leichten Lächeln im Mundwinkel – plakativer konnte seine Rolle kaum entworfen sein und dem verschrieb er sich voll. Das Gary „Predator 2“ Busey hier fast schon den Guten gibt, mag irritieren, doch auch seine Figur bekommt am Ende ihr Fett weg.

Commando

Monetär war der SF-Actioner ein gewaltiger Flop: Bei 60 Millionen – zwei Panzerfahrzeuge allein verschlangen eine davon – Dollar Budget spielte er in den USA lediglich 15 Millionen ein. Was der Film sein will, kann er. Vielleicht war er jedoch nicht versiert genug aufgestellt, um eine breitere Zielgruppe zu erreichen. „Star Force Soldier“ ist für ein Publikum zu empfehlen, das sich mit traumatisierten Männern identifizieren kann, die nichts von der Liebe wissen und nur mit einer Waffe in der Hand zu sich selbst finden können. Sie verlieren ihre Maskulinität, wenn man ihnen ihren Soldatenstatus nimmt. Inhaltlich gibt es nicht viel mehr zu holen. Die Geschichte von Andersons Film konzentriert sich ganz auf diese einfache Prämisse, es ist ein Männerfilm, den man so heute nicht mehr machen würde. Dies kann man ihm einerseits vorwerfen, andererseits liegt gerade darin seine Stärke. Es ist ein Film der späten 90er, der keinen Hehl aus seiner fast banalen Geradlinigkeit macht. Ein bisschen Tiefe gab man ihm, indem Drehbuchautor David Webb Peoples ihn im gleichen Universum ansiedelte wie „Blade Runner“ – für den er ebenfalls am Screenplay schrieb. In Ridley Scotts Meilenstein des Science-Fiction-Genres ist von Schlachten am „Tannhäuser Tor“ die Rede – und selbiges findet eben auch hier Erwähnung. Todd wird auch dort im Krieg eingesetzt, er ist ein naher Verwandter der Replikanten. Diese filmübergreifende Verbindung macht weitere Gedankengespinste interessant und führt zu einer höheren Wahrscheinlichkeit der stetigen Wiederentdeckung, wer sich mit Scotts Film oder dem Science-Fiction-Kino im Allgemeinen beschäftigt. Wer hier filmisch keinen Bergman erwartet, bekommt einen SF-Actionknaller erster Güte inklusive Zeitreise in die 90er.

Seine Kraft – und das gigantische Budget – setzt er in die Verpackung der maximal zweizeiligen Story. Hier kracht und scheppert es noch richtig, aufwendige Sets gehen in Flammen auf, zerspringen in tausend Teile, und Stuntmen fliegen durch die Gegend. Fette 90er-Action, wie sie heute kaum noch gemacht wird – vor allem nicht im Big-Budget-Segment. Schade, dass man aber auch unbedingt zeigen wollte, wie weit man schon mit der digitalen Tricktechnik sei. So trüben einige schwache Animationen aus Windows-98-PCs ein bisschen das Bild der glanzvollen Spezialeffekte.

In Deutschland nun erstmals ungeschnitten

„Star Force Soldier“ erscheint dank Koch Films in Deutschland erstmals ungekürzt – das kann somit als Erstveröffentlichung bezeichnet werden, denn „cut“ gilt nicht. Damals gab es zum DVD-Release bei uns nur eine stark geschnittene Fassung, die den Film seiner Konsequenz und starken Make-up-Effekte beraubte und den Zuschauer in einigen sehr holprigen Cuts fragend zurückließ. Zudem gab es damals nur eine deutsche Tonspur. Gerade dieses Werk kann man nur uncut genießen und es bedarf auch Russells kerniger One-Liner – hier wahrlich kein Mann vieler Worte – im O-Ton, um richtig Spaß zu haben. Die Neuveröffentlichung ist also schon offensichtlich heiß erwartet und dringend nötig, sie wird durch die Form des Mediabooks noch versüßt. Dieses kommt in zwei Cover-Varianten und mit Booklet, in welches ich leider keinen Einblick hatte, weswegen ich nichts über dessen Qualität sagen kann. Extras gibt es auch noch auf den Discs: ein Audiokommentar mit Anderson, Isaacs und Koproduzent Jeremy Bolt, ein bereits in den 90ern produziertes Making-of, Interviews und eine Bildergalerie (Guckt ihr euch sowas noch an?). Die Form stimmt und wird dem produktionstechnischen Aufwand des Streifens gerecht. Kaufempfehlung. Für Männer.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kurt Russell sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Das waren die 90er

Veröffentlichung: 28. März 2019 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, zwei Covervarianten), 6. Juli 2000 als DVD

Länge: 99 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Soldier
GB/USA 1998
Regie: Paul W. S. Anderson
Drehbuch: David Webb Peoples
Besetzung: Kurt Russell, Jason Scott Lee, Jason Isaacs, Connie Nielsen, Sean Pertwee, Gary Busey, Jared Thorne, Taylor Thorne, Mark Bringelson, James Black, Mark De Alessandro, Duffy Gaver
Zusatzmaterial: deutscher und englischer Trailer, Audiokommentar von Paul W. S. Anderson, Jason Isaacs und Jeremy Bolt, Making-of, Interviews, Bildergalerie
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke
Szenenfotos & Packshots: © 2019 Koch Films

 
 

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Videospiel-Verfilmungen (XI): Resident Evil – The Final Chapter: Zombie- und Schnittmassaker

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Resident Evil – The Final Chapter

Kinostart: 26. Januar 2017

Von Matthias Holm

Horror-Action // Alice (Milla Jovovich) hat kein einfaches Leben. Seit dem Ausbruch des T-Virus im unterirdischen Komplex „Hive“ der Umbrella Corporation kämpft sie gegen die Masse an Untoten, die die Erde überlaufen haben. Doch einer Nachricht des Computerprogramms „Rote Königin“ (Ever Anderson) zufolge besteht Hoffnung: Es soll ein Gegenmittel existieren, das über die Luft übertragen wird und eine Rettung für die verbliebene Menschheit wäre. Das einzige Problem: Das Anti-Virus liegt im Hive, in Racoon City. Und der fanatische Umbrella-Mitarbeiter Dr. Alexander Isaacs (Iain Glen) ist Alice dicht auf den Fersen.

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Alice hat viele Verehrer

Die „Resident Evil“-Umsetzungen fürs Kino hatten nie viel mit der Survival-Horror-Serie von Capcom zu tun. Eher eine Fundgrube für Fans von Hochglanz-Trash, waren sie doch nie wirklich gut – aber immerhin ausnahmslos unterhaltsam. Da war es beispielsweise lustig, dass im vierten Teil der Reihe, der über bestimmte Zeit in einem Gefängnis spielt, nur Chris Redfield einen Ausweg kannte – gespielt von „Prison Break“-Star Wentworth Miller. Auch die Auseinandersetzungen mit den Zombies – Infizierten, wenn man so will – hatten stets unterhaltsamen Charakter, waren und sind Massenware.

Benzin- und Nahrungsmangel? Kein Thema

„The Final Chapter“ erreicht diesen Trash-Charme leider nie. Zu Beginn ist Alice in einer kargen Wüstenlandschaft unterwegs, in der so ein bisschen was wie Stimmung aufkommt. Doch dann schickt der Plot sie schnell in Richtung Racoon City, und die heruntergekommenen Straßen werden durch heruntergekommene Hochhäuser ersetzt. Nie hat man das Gefühl, sich wirklich in einer Apokalypse zu befinden, scheinen doch auch Ressourcen wie Benzin oder Nahrung keine Rolle zu spielen.

Das kann man nun mit dem Argument kontern, dass wir es hier mit einer Videospiel-Verfilmung zu tun haben und man eh nicht viel auf die Logik schielen sollte. Wenn sich allerdings ein Film innerhalb seiner Schlussminuten gleich mehrfach widerspricht, die gesamte Franchise-Logik ad absurdum führt und versucht, den Zuschauer mit abstrusen Wendungen bei der Stange zu halten, muss auch der letzte im Kinosaal einsehen, was für einen Mumpitz man sich gerade ansieht.

Vierter „Resident Evil“-Streich von Anderson

Paul W. S. Anderson saß bei vier der insgesamt sechs Filme auf dem Regiestuhl und hat sämtliche Drehbücher geschrieben – der Mann kennt sein Franchise und weiß, was die Fans wollen. Und es gibt sie, kurze Momente, die dann doch Freude bereiten. Iain Glen ist als Antagonist herrlich überdreht, auch bleiben einige Bilder im Kopf hängen, wie zum Beispiel eine Feuersbrunst, die sich über eine Horde Zombies legt. Warum Anderson sich seine Arbeit aber am Schneidetisch so kaputt hat machen lassen, dass weiß wohl nur er, denn „The Final Chapter“ verspielt mit dem völlig missratenen Schnitt jegliche Sympathien.

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Auch Claire Redfield darf wieder Zombies umnieten

Es gibt kaum Szenen, die in aller Ruhe gezeigt werden. Selbst in Gesprächen wird so schnell zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her gewechselt, dass einem die berühmte Szene aus „96 Hours – Taken 3”, in der Liam Neeson über einen Zaun springt, beinahe ruhig vorkommt. Ganz schlimm macht sich dies in den Kämpfen bemerkbar, die häufig eins gegen eins ausgeführt werden. Vielleicht steckt da irgendwo eine hübsche und gute Choreographie drin. Allerdings kann man absolut nichts erkennen, da teilweise einzelne Schläge mit drei Schnitten präsentiert werden – in denen die Figuren teilweise auch ganz anders positioniert sind.

Lahm synchronisiert

Ein weiteres Manko ist leider die deutsche Synchronfassung. Die Dialoge sind nicht der Weisheit letzter Schluss, das müssen sie in einem solchen Film natürlich auch nicht sein. Allerdings wird die Banalität des Gesagten durch die absolut gelangweilte deutsche Synchronisation verstärkt. Wer sich dem Film also anschauen will, dem sei zur Original-Sprachfassung geraten.

Nachdem sich Capcom mit dem Videospiel in der siebten Iteration wieder auf den Grusel der alten Teile zurückbesonnen hat, statt einen Zombie-T-Rex auf den Spieler zu jagen, hätte man eigentlich Hoffnungen haben können, dass Paul W. S. Anderson sein Film-Franchise zu einem würdigen Abschluss führt. Das hat er nicht. Macht aber nichts, ein Reboot steht längst im Raum. Von wegen „The Final Chapter“ – die erfolgreiche Kuh will gemolken werden.

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Ganz schön stürmisch hier

Videospielverfilmungen haben wir in der Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Milla Jovovich sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen zu finden.

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Resident Evil – The Final Chapter
F/D/KAN/AUS 2016
Regie: Paul W. S. Anderson
Drehbuch: Paul W. S. Anderson
Besetzung: Milla Jovovich, Iain Glen, Shawn Roberts, Ali Larter, Ever Anderson, Ruby Rose, William Levy
Verleih: Constantin Film

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Constantin Film

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2017/01/26 in Film, Kino, Rezensionen

 

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