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Zum 100. Geburtstag von Maureen O’Hara: Der Seeteufel von Cartagena – Nach Tortuga mit dem kapernden Holländer

The Spanish Main

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der holländische Seefahrer Laurent Van Horn (Paul Henreid) strandet auf der Suche nach Freiheit in der „Neuen Welt“ mit seinem Schiff und vielen Gleichgesinnten vor der kolumbianischen Küste, in spanischem Hoheitsgebiet. Infolgedessen erbittet er Erlaubnis, auf eigene Kosten notwendige Reparaturen durchzuführen und dann weiterzusegeln. Der vor Ort verwaltende spanische Vizekönig Don Juan Alvarado (Walter Slezak) zeigt sich jedoch äußerst herablassend und verurteilt die Überlebenden des Unglücks zu jahrelanger Zwangsarbeit. Van Horn lernt im Gefängnis neue Freunde kennen, mit denen ihm die Flucht glückt. Als Piratenkapitän „Barracuda“ baut er sich eine neue Identität auf – und stößt bei einem seiner Raubzüge auf Doña Francisca de Guzmán y Argandora (Maureen O’Hara), deren Hand ausgerechnet Don Alvarado versprochen ist. Im Basislager aller Piraten – auf Tortuga – ist man geteilter Meinung, ob die zierliche Frau edlen Blutes inmitten vieler Geächteter etwas verloren hat. Neid wächst und blutige Konflikte drohen, aber Van Horn will die stolze Rothaarige lieber heute als morgen heiraten. Ihm ist sogar egal, was Anne Bonny (Binnie Barnes) dazu sagt, die den kapernden Holländer schon eine Weile kennt und ebenfalls großes Interesse an ihm hat.

„Der Seeteufel von Cartagena“ gilt als unmittelbare Inspiration für die Disneyland-Attraktion „Pirates of the Caribbean“, aus der wiederum Jahrzehnte später bekanntlich die „Fluch der Karibik“-Reihe mit Johnny Depp resultierte. Für RKO war es ein Prestige-Projekt: der erste vollständig in Technicolor gedrehte Film des Studios seit „Becky Sharp“ (1935). Im Grunde erstaunlich, dass man sich mit weiteren Farbfilmen bei RKO so lange Zeit gelassen hat, denn immerhin war „Becky Sharp“ der erste abendfüllende Spielfilm überhaupt, der im Drei-Farben-Verfahren von Technicolor fertiggestellt worden war. Prompt setzte es für die Farb-Kameraarbeit unter Federführung von George Barnes auch gleich eine Oscar-Nominierung; die einzige, die „Der Seeteufel von Cartagena“ erringen konnte. Barnes zog allerdings gegen Leon Shamroy den Kürzeren, der für einen der berühmtesten in Farbe gedrehten Film noirs, „Todsünde“ (1945), nominiert worden war. Die treibende Kraft hinter allem Erfolg und Einfluss, den „Der Seeteufel von Cartagena“ hatte, war jedoch Paul Henreid, als Initiator und Hauptdarsteller in Personalunion.

Der Mann mit dem eisernen Willen

Der aus einer österreichischen Familie stammende Henreid stand eigentlich bei den Warner Brothers unter Vertrag, hatte aber die fixen Ideen entwickelt, sich einerseits von seinem heranwachsenden Image zu verabschieden, das irgendwo zwischen Charmeur-Klischees und typischen Rollen für deutschsprachige Schauspieler anzusiedeln war, und andererseits unbedingt einmal einen Piratenfilm drehen zu wollen. Henreid hatte seinen Plan gut vorbereitet und legte Jack Warner ein selbst ausgearbeitetes Treatment zu seinem Piraten-Projekt vor. Bei Warner hatte er mit diesem Ansinnen allerdings keine Chance, schon allein weil Errol Flynn, der seinerzeit noch eines der Zugpferde des Studios war, eine Art Abonnement auf Star-Rollen in diesem Subgenre des Abenteuerfilms hatte. Nachdem Warner also abgelehnt hatte, ging Paul Henreid mit seinem Vorhaben zu RKO und konnte mit dem Treatment überzeugen. Letztlich hatte er diesem Studio vielleicht sogar seinen Durchbruch zu verdanken, denn immerhin war er in „Joan of Paris“ (1942), der auch der RKO-Schmiede entsprungen war, erstmals in einem Hollywood-Film und erstmals unter dem Namen Paul Henreid, in genau dieser verkürzten Form und Schreibweise, aufgetreten und hatte dabei eine der Hauptrollen verkörpert. Sein Geburtsname lautete Paul Georg Julius Freiherr von Hernried Ritter von Wasel-Waldingau – für das Kino verwendete er mehrere Abwandlungen, ehe es schließlich ab „Joan of Paris“ bei Paul Henreid blieb. Zuvor hatte er einige Filme in Großbritannien gedreht, nachdem er den deutschsprachigen Raum hatte verlassen müssen. 1935 war er noch neben Heinz Rühmann und Hans Moser in „Eva“ (1935) zu sehen, wandte sich aber bald darauf dem Kino der Briten und schließlich der Amerikaner zu. Die Größenordnungen, in denen sich Henreid bereits bei seinem Start in Hollywood bewegte, werden deutlich, wenn man sich klarmacht, dass RKO für „Joan of Paris“ das größte zusammenhängende Set im eigenen Hause seit „Der Glöckner von Notre Dame“ (1939) bauen ließ. Letztgenannter Film wiederum markierte den Durchbruch für Maureen O’Hara (1920–2015), die am 17. August 100 Jahre alt geworden wäre und in „Der Seeteufel von Cartagena“ gemeinsam mit Paul Henreid zu sehen ist. Somit schließt „Der Seeteufel von Cartagena“ in gewisser Weise also auch einen Kreis für zwei durch RKO maßgeblich zu Erfolg gekommene Karrieren.

Als Henreids Piratenfilm-Konzept einmal am Laufen und er für die männliche Hauptrolle installiert war, ließ er sich auch von niemandem mehr die Butter vom Brot nehmen. Er verweigerte das standardisierte Waxing zum Entfernen von Brusthaaren, was für Genres, in denen viel männliche Brust gezeigt wird, seinerzeit in den USA üblich war – und das konnte er sich leisten, denn RKO war schon fleißig dabei, Geld für den Film auszugeben, also gab es keinen Weg mehr zurück und eine gewisse Abhängigkeit des Studios gegenüber Henreid war entstanden. Die erste Drehbuchfassung von George Worthing Yates mochte Henreid überhaupt nicht und er machte auch keinen Hehl daraus. Der Star setzte durch, dass Yates von dem Projekt abgezogen wurde, und bekam mit Herman J. Mankiewicz – älterer Bruder des Regisseurs Joseph L. Mankiewicz („Cleopatra“, 1963) – seinen Wunsch-Ersatz als Drehbuchautor. Paul Henreid war ein Mann der direkten Worte, der seine Überzeugungen forsch vertrat; über den in Bezug auf Filmstars vielleicht berühmtesten Schauspiellehrer aller Zeiten, Lee Strasberg, sagte Henreid einmal, dass er nie das Gefühl gehabt habe, dass Strasberg schauspielern könne und nicht verstehe, wie jemand, der nicht schauspielern kann, Schauspiel unterrichten könne.

Aus heutiger Sicht wird Paul Henreid sicherlich vor allem mit seiner Nebenrolle in „Casablanca“ (1942) assoziiert, die allerdings genau den Schubladen entspringt, denen er mit „Der Seeteufel von Cartagena“ entfliehen wollte. Im Laufe der 50er baute er sich ein zweites Standbein als Regisseur auf, das er bis Anfang der 70er sowohl mit Filmen als auch Serien-Episoden nutzte. Wem Henreid insbesondere als Held in Abenteuerfilmen zusagt, der findet zwar nicht allzu viele Filme, wird an „Der letzte Freibeuter“ (1950), „Abu Andar, Held von Damaskus“ (1952), „Zaubernächte des Orients“ (1953) und „Die Piraten von Tripoli“ (1955) aber sicher trotzdem Freude haben – allesamt Columbia-Filme der mittleren Preiskategorie, schön bunt und für Fans dieses Genres im klassischen Hollywood absolut als solide zu empfehlen. Dass Henreid sich für derartige Produktionen auch hergab, wenn nicht allzu viel Geld dahinterstand, zeigt, dass er großen Spaß am Abenteuerkino hatte.

Der Rotschopf aus Dublin

Maureen O’Hara präsentiert sich in „Der Seeteufel von Cartagena“ von ihrer besten Seite. Sie macht aus einer Edelfrauen-Standardrolle des damaligen US-Abenteuerfilms eine zunehmend durch Offenheit, Ehrlichkeit, Loyalität, Mut und Besonnenheit überraschende Dame edlen Blutes, die Ängste mit Fassung und in der Ruhe liegender Kraft überwindet. Ihre Figur vollzieht durch das Kennenlernen all der Piraten eine Weiterentwicklung, durchläuft schon fast eine Läuterung, die fortlaufend spürbar ist. Maureen O’Hara war damals erst um die 25 Jahre alt, aber verstand es bereits, eine ungemein überzeugende Souveränität auszustrahlen sowie sich dabei sogar inmitten zahlreicher Männer zu behaupten und Haltung zu personifizieren. Ihre Schönheit spielte sie eigentlich nie in den Vordergrund – diese ist gewissermaßen nur konstante Begleiterscheinung –, in ihrem Schauspiel liegt oft eine Kraft der Besonnenheit und Stille. Mimisch explodiert sie vor allem, wenn sie (Vor-)Freude und Spaß verkörpert – und dann ganz bewusst –, aber Verletzlichkeit zeigt sie in „Der Seeteufel von Cartagena“ gerade in den Momenten, wenn einmal gar nichts gesagt und einfach nur die kalte Dusche hingenommen wird. Wenn man Maureen O’Hara in diesem Film auf Tortuga sieht, lässt sie einiges stillschweigend über sich ergehen, aber ihre dezente Mimik spricht als Kommentar zu ihren Emotionen Bände. Gerade solche Szenen machen aus dieser Edelfrauen-Rolle eine Ausnahmefigur des Genres, auch wenn es auf den ersten Blick ähnliche Frauenrollen in Piratenfilmen zweifellos dutzendweise gibt.

Die auf dem Papier interessantere Frauenrolle in „Der Seeteufel von Cartagena“ hat eigentlich Binnie Barnes, die die schon halb zum Mann gewordene Anne Bonny verkörpert. Eine sehr dankbare, bereits im Ansatz ziemlich ungewöhnliche Frauenrolle, die Barnes ebenso stark meistert wie ihre gleichsam etwas abseits der Standards angesiedelte Figur in „Frontier Marshal“ (1939). Beide Rollen waren gewissermaßen als Gegenpart zu prüder Weiblichkeit angelegt, offenbaren aber viel Herz auf ihre ganz eigene Weise, während sich allerdings auch die angebliche Prüderie der anderen, Binnie Barnes gegenüberstehenden Figur – die in „Der Seeteufel von Cartagena“ also von Maureen O’Hara gespielt wird – letztlich als oberflächliche Fehleinschätzung entpuppt. Maureen O’Hara sorgt dafür, dass das Gleichgewicht der beiden größten Frauenrollen im Film stimmt, obwohl die Rolle von Binnie Barnes hier noch extremer als in „Frontier Marshal“ ist und es somit auch schwieriger ist, daneben souverän zu bestehen, vor allem wenn man, wie hier Maureen O’Hara, gleichzeitig eine eben trotzdem noch ein Stück weit in einem Korsett gefangene Frau darstellen muss.

Was mich an Maureen O’Hara besonders beeindruckt, ist, dass sie es eigentlich immer schaffte, das Gefühl zu vermitteln, ihre Rollen mit voller Überzeugung zu verkörpern. Mir ist kein Auftritt von ihr in Erinnerung, der den Eindruck vermittelt, dass sie keinen Spaß beim Dreh hatte, ein Routine-Programm abspult oder gewissermaßen aus vertraglichen Zwängen heraus agierte. Selbst obwohl sie häufig in Abenteuerfilmen (inklusive Western) zu sehen ist, wo man schnell einmal zum schmückenden Beiwerk geraten konnte, wertet sie diese Filme durch starke Überzeugungskraft auf. Ihre Figuren sind oft streitbar und geben nicht so leicht klein bei. Wichtig ist, hier zu verstehen, dass dies im Rückschluss bedeutet, dass Maureen O’Hara das beste Beispiel dafür ist, dass das eindimensionale Bild, das angeblich vom klassischen Hollywood – insbesondere in den vor allem auf Unterhaltung abzielenden Genres – hinsichtlich Frauenrollen vermittelt worden ist, immer in erster Linie eine Frage der Qualität der jeweiligen schauspielerischen Darstellung ist. Maureen O’Hara beweist eben gerade in aller Deutlichkeit, dass selbst in Genres, in denen eine akute Gefahr besteht, dass die Frauenrollen belanglos geraten könnten, immer Platz für das Vermitteln von Haltung ist. Man muss Haltung eben nur zu transportieren wissen. Wenn in einem Western oder einem Abenteuerfilm eine Frauenrolle einen recht devoten Eindruck macht, liegt das vielleicht manchmal ein wenig am Drehbuch, sicher noch öfter an der Regie, aber mit Sicherheit nicht pauschal am klassischen Hollywood – oder eben auch oftmals einfach nur daran, dass die Rolle beispielsweise nicht von Maureen O’Hara gespielt wurde.

Während der ersten Hälfte der 70er-Jahre zog sie sich für geraume Zeit von Film und Fernsehen zurück und wurde 1978 zur ersten Frau, die die Präsidentschaft einer Fluggesellschaft in den USA übernahm, nachdem ihr Ehemann tödlich verunglückt war und sie mit dem Posten in seine Fußstapfen treten musste. Mit John Wayne verband sie bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft. Beide litten Ende der 70er an Krebs, O’Hara überstand die Erkrankung. Sie sah in Wayne ein großes Aushängeschild für die Vereinigten Staaten von Amerika und hatte nach seinem Tod geraume Zeit mit Depressionen zu kämpfen. Erst 1991 kehrte sie mit „Mama, ich und wir zwei“, an der Seite von John Candy, Anthony Quinn und Jim Belushi, noch einmal auf die Leinwand zurück; danach folgten bis zum Jahr 2000 noch drei Fernsehfilme.

Vielleicht im falschen Film

Die Regie-Arbeit von Frank Borzage an „Der Seeteufel von Cartagena“ ist hinsichtlich der Bildsprache häufig etwas statisch, wirkt manchmal sonderbar steif, aber in Paul Henreids Karriere war damals noch nicht der Punkt erreicht, an dem er sich endgültig selbst im Regiestuhl sah – es wäre vermutlich spannend mit ihm geworden. Durchaus aber gibt es inszenatorisch interessant gelöste Momente, die vermutlich auf Borzage zurückgehen, wie etwa gegen Ende, als ein Wortwechsel buchstäblich über den Kopf eines sehr langsam sterbenden Schurken hinweg geführt wird, der zwischen den beteiligten Dialogparteien wie in der Zange positioniert ist, aber sich bereits kaum noch auf den Beinen halten kann und ihren Worten lauschen muss, ohne etwas gegen sie unternehmen zu können. Wer der Gescholtene ist, würde ins Reich der Spoiler fallen. Was Borzage bei seiner Inszenierung hingegen an vielen anderen Stellen an Esprit vermissen lässt – obwohl gerade der Piratenfilm doch eigentlich so reichhaltig Potenzial dafür anbietet –, machen die Technicolor-Kameraarbeit, die Sets, sehr gute Leistungen der Abteilungen Ausstattung, Maske und Kostüm sowie diverse fantastische Nebendarsteller wieder wett.

Kaum einer spielt den grobschlächtigen, loyalen Kumpanen so überzeugend wie Mike Mazurki und kaum einer den listigen, kleinen Kerl so charismatisch wie der in Berlin geborene und 90 Jahre später auch dort gestorbene Curt Bois – der wie Paul Henreid nach Hollywood emigriert war und ebenfalls in „Casablanca“ zu sehen ist. Barton MacLane war für seine dreckigen Schurkenrollen berühmt und kommt hier als Kapitän Benjamin Black besonders dreckig herüber, spielt diese Rolle aber als Nervenwrack und keineswegs als brutalen, eiskalten Oberschurken, was er ebenso gut konnte. Hervorzuheben ist außerdem natürlich Walter Slezak, dessen Darbietung hier gewissermaßen ein Meilenstein in der langen Historie fettleibiger Schurken im Kino ist. Er spielt den fiesen Fettsack praktisch wie aus dem Lehrbuch und nutzt seine körperlichen Eigenschaften ganz bewusst, um daraus eine hassenswerte Figur zu kreieren, die sich mal künstlich freundlich und fidel gibt, dann aber stets vor allem hochgradig selbstverliebt, besitzergreifend und rechthaberisch ist. Für am meisten unterschätzt halte ich innerhalb der Besetzung von „Der Seeteufel von Cartagena“ allerdings John Emery, der eigentlich alle Voraussetzungen mitbringt, die es damals für einen Filmstar brauchte und auch das dafür notwendige Aussehen hatte. Aus irgendeinem Grunde wurde ihm die große Chance im Laufe seiner Karriere aber nicht gegeben. Möglich, dass er bei kleineren Studios in Hauptrollen eingesetzt worden wäre, jedoch baute er tendenziell auf Produktionen der größeren Studios und begnügte sich dafür mit Nebenrollen, zudem einigermaßen überschaubarer Anzahl. Emery hat in „Der Seeteufel von Cartagena“ als Mario da Bilar eine der kompliziertesten Rollen, bei der man lange nicht genau weiß, woran man ist und die auch ihre anfängliche Haltung mit der Zeit sehr deutlich ändert.

Sicherlich muss man Frank Borzage zugutehalten, dass er die Schauspieler zu starken Leistungen zu führen wusste oder entsprechend gewähren ließ, aber was etwa die Ausnutzung der Möglichkeiten des gesamten Raumes im Bild, zum Beispiel im Sinne einer Gestaltung von Tiefe im Bild oder gar ein paar kleine, wenigstens zur Einführung der tollen, bunten Sets naheliegende Plansequenzen oder zumindest Kamerafahrten angeht, die Personen wie auch Kulissen zusammenführen und Betonungen setzen, vermisse ich persönlich da schon einiges, was insbesondere einem Piratenfilm gut zu Gesicht stehen würde. Vor allem während der relativ langen Kampfszene auf See, die schon ziemlich früh im Film anzutreffen ist, sich dann aber in Überlänge und zunehmender Einfallslosigkeit verliert, wird recht klar deutlich, wo Borzage an Grenzen stößt. Überraschend, da es sich bei Frank Borzage immerhin um einen Regisseur handelt, der bei der ersten Oscar-Verleihung im Jahr 1929 bereits als bester Regisseur (in einer von damals noch zwei Regie-Kategorien) ausgezeichnet wurde und 1932 gleich noch einmal. Vielleicht war er lediglich für das Genre, in dem sich der Seeteufel von Cartagena herumtreibt, nicht die beste Wahl – derartige Phänomene gibt es schließlich seit jeher immer wieder.

Wenn dem Cutter die Schere entgleist

Manch einen wird dieser Film vielleicht auch nur oder ganz besonders interessieren, weil die Musik von Hanns Eisler komponiert worden ist. Ich persönlich sehe sie ähnlich wie Frank Borzages Regie – sie hat ihre Momente und Wiedererkennungswerte, aber manchmal plätschert in diesem Film alles ein wenig unnötig vor sich hin, egal ob visuell oder akustisch. Immer dann sind es die Schauspieler, die das Schiff wieder in den sicheren Hafen segeln, weil es derer hier einfach zu viele wirklich gute gibt.

In den USA ist „Der Seeteufel von Cartagena“ seit geraumer Zeit auf DVD erhältlich, das Feld der Blu-ray scheint mit diesem Film international bisher aber noch nicht erschlossen worden zu sein. Doch was nicht ist, kann ja noch werden. RKO-Filme haben es auf dem deutschen DVD-Markt leider bereits seit 20 Jahren traditionell schwer. Schon allein die kernige, sehr atmosphärische deutsche Synchronfassung von 1950 macht diesen Film im Zweifelsfall erlebenswert – und da die deutsche Version aktuell durch Fernsehausstrahlungen mit ein paar kleinen, aber ziemlich hässlichen Schnitten im Umlauf ist, möglicherweise sogar schon immer in dieser Form verhackstückt vorgelegen hat, würde eine DVD- oder Blu-ray-Veröffentlichung hierzulande nicht zuletzt endlich auch den Gesamtzusammenhang der Handlung, anstelle zuweilen auffälliger Sprünge, wiederherstellen. Es wäre nicht der erste Film mit einer an sich sehr guten Kinosynchronfassung, die aber an störenden Schnitten krankt und durch die Veröffentlichung einer verlängerten Fassung mit allen zusätzlichen – gegebenenfalls untertitelten oder nachsynchronisierten – Minuten im Fernsehen oder auf DVD bzw. Blu-ray erstmals zu voller Blüte gelangt. Denken wir etwa an John Fords „Bis zum letzten Mann“ (1948) oder den Italowestern „Der Gehetzte der Sierra Madre“ (1966), die mit ausgezeichneten deutschen Kinosynchronfassungen gesegnet sind, welche aber mit sogar noch weitaus umfangreicheren Kürzungen zu kämpfen hatten als „Der Seeteufel von Cartagena“. Nach Jahrzehnten kam der besagte Ford-Western im deutschen Fernsehen zu einer Langfassung, die die Kinosynchronfassung beinhaltet sowie ergänzt, und „Der Gehetzte der Sierra Madre“ auf DVD und schließlich Blu-ray. Wenn auf diese Weise Filme manchmal sogar um die 15, 20 oder etwa 30 Minuten länger als die hiesige Kinoversion werden und dabei eine stark gekürzte Synchronfassung somit erstmals in einem völlig neuen, sich eng an der Originalfassung orientierenden Kontext hörbar wird, ist das immer wieder erfreulich.

Veröffentlichung (USA): 6. November 2012 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Spanish Main
USA 1945
Regie: Frank Borzage
Drehbuch: Herman J. Mankiewicz, George Worthing Yates, nach einer Vorlage von Æneas MacKenzie
Besetzung: Maureen O’Hara, Paul Henreid, Walter Slezak, Binnie Barnes, John Emery, Barton MacLane, J. M. Kerrigan, Fritz Leiber, Mike Mazurki, Curt Bois
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Der Kampf um den Piratenschatz – Stilbildender, wenig vorhersehbarer Flickenteppich

Blackbeard, the Pirate

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Navy-Leutnant Robert Maynard (Keith Andes) will dem scheinbaren Ehrenmann Sir Henry Morgan (Torin Thatcher) nachweisen, dass er sich durch Piraterie zu bereichern versucht. Maynard glaubt, Charles Bellamy sei mit Morgan im Bunde, der Offizier versucht daher, sich auf Bellamys Schiff einzuschleichen. Dort erwartet ihn allerdings Edward Teach alias Blackbeard (Robert Newton), während Bellamy hoch an einem Mast baumelt. Gemeinsam mit Edwina Mansfield (Linda Darnell), die Bellamy eigentlich heiraten wollte und ebenso unverhofft auf den irrwitzigen „Schwarzbart“ stößt, gerät Maynard in eine Schatzjagd, die seinen Weg womöglich doch noch mit Henry Morgan kreuzen wird. Nur lebt es sich unter dem Kommando von Blackbeard verdammt gefährlich.

Dass für „Der Kampf um den Piratenschatz“ in den USA ausgerechnet Weihnachten 1952 als Kinostarttermin auserkoren wurde, ist ein bemerkenswerter Umstand. Ein Film voller unsympathischer Charaktere als knallhartes Kontrastprogramm zum romantisch-gemütlichen Einerlei. Halsabschneider, soweit das Auge reicht und der einzige Mehr-oder-minder-Held der Geschichte, Maynard, ist in der Verkörperung von Keith Andes so blass, dass man auf der Seite dieses Bürschchens eigentlich dennoch nicht sein will. Dazu eine Liebesgeschichte, bei der nicht die Bohne ein Funke überspringt. Selbst die Musik von Victor Young, der 1957 posthum den Oscar für seinen Score zu „In 80 Tagen um die Welt“ (1956) gewann, plätschert erstaunlich höhepunktfrei und leblos vor sich hin. Man könnte fast so weit gehen zu sagen, dass dies vielleicht der ultimative Anti-Weihnachtsfilm unter all den Produktionen ist, die zu Zeiten des klassischen Hollywoods je an Weihnachten in den USA im Kino gestartet sind. Ob unfreiwillig oder nicht – auf seine Art ist dieser Film ein ziemlich frecher Biss in jedes weihnachtlich gestimmte Gemüt.

… während man eifrig dabei ist, andere Pläne zu schmieden …

Wenn man sich vor Augen führt, dass für die Besetzung ursprünglich angeblich Robert Mitchum („Weiße Frau am Kongo“), Victor Mature („Sensation am Sonnabend“) und Jack Buetel („An der Spitze der Apachen“) vorgesehen waren, hätte aus „Der Kampf um den Piratenschatz“ wirklich ein origineller Meilenstein werden können. Sie alle sollten an der Seite von Faith Domergue („Metaluna IV antwortet nicht“) agieren, die anstelle von Linda Darnell („König der Toreros“) zu sehen gewesen wäre. Als Regisseur war Robert Stevenson („Mary Poppins“) vorgesehen – nicht zu verwechseln mit Robert Louis Stevenson, dem Autor einer anderen legendären Piratengeschichte: „Die Schatzinsel“. Stattdessen wurde schließlich der Hauptdarsteller der Disney-Verfilmung von „Die Schatzinsel“ (1950), Robert Newton, engagiert, um Blackbeard zu spielen und setzte sich dabei auch gegen Boris Karloff und Charles Laughton durch. Laughton hatte aufgrund seiner Verkörperung von William Kidd in „Unter schwarzer Flagge“ (1945), ähnlich wie Newton, eine Vorgeschichte, die ihn für die Rolle prädestinierte. Man kann guten Gewissens sagen, dass Laughton als Captain Kidd und Newton als Long John Silver Stand 1952 die beiden wahrscheinlich populärsten Inkarnationen reibeiserner Piratenkapitäne mindestens der vorausgegangenen zehn Jahre in Hollywood waren. Während der Zuschlag für Blackbeard bei Robert Newton blieb, kehrte Charles Laughton trotzdem an Bord eines Piratenschiffs zurück und parodierte seine populär gewordene Rolle als Kidd in „Abbott und Costello unter Piraten“, der in den USA fast zeitgleich mit „Der Kampf um den Piratenschatz“ anlief und als unmittelbare Antwort auf selbigen verstanden worden sein könnte.

Leider merkt man dem fertigen Film, aus meiner Sicht, an, dass Alan Le May recht kurzfristig verpflichtet wurde, um das Drehbuch knapp vor Produktionsstart noch einmal neu zu schreiben. Hätte Stevenson die Geschichte mit Mitchum, Domergue, Mature und Buetel verfilmt, wäre die Grundlage also wahrscheinlich ein anderes Drehbuch gewesen. So richtig rund wirkt die Story nicht, eher bruchstückhaft zusammengeschustert, und die Einfallslosigkeit bei der Auswahl der Handlungsorte ist fast schon erschreckend. Selbst wenn die Darsteller alle funktionieren würden und die Musik besser wäre, ist das immer noch eine Menge an Baustellen. Piratenfilme können so wunderbar bunt und abwechslungsreich sein. Dieser Film ist es nicht. Zu lange wird sich nur an Bord des Schiffes herumgetrieben, zu wenig Ideen greifen später an Land. Schauplätze vom Schlage einer Pirateninsel Tortuga fehlen schmerzlich, stattdessen wirken viele Settings, als hätte man absichtlich kostensparend so viel wie möglich im Studio und in kaum wechselnden Kulissen gedreht – was aber nicht zu den teuren Stars und einem Regisseur der Hausnummer Raoul Walsh passt. Obendrein fehlen bis auf wenige Ausnahmen kantige Gesichter und Nebenrollen von einer gewissen Gestalt unter den Piraten, die Robert Newton wenigstens ansatzweise das Wasser reichen könnten. Aus unklaren Gründen wurden prägnante Charakterdarsteller wie insbesondere Anthony Caruso („Flucht aus Zahrain“) und Jack Lambert („Die Killer“) in Kleinstrollen verheizt. Amüsant immerhin Alan Mowbray („Gold in Neuguinea“), der als durchgeknallter Blackbeard-Doppelgänger kaum wiederzuerkennen ist.

Auffällig ist, dass die Rolle des Maynard, in der Art, wie er quasi von außen in die Geschehnisse und eine ihm fremde Welt fällt, und wie er dabei stellenweise als beobachtender Erzähler der Geschichte agiert, der auf spektakuläre Gestalten stößt, sehr an Richard Webb (in der Rolle des Lieutenant Tufts) in Walshs an Weihnachten im Jahr zuvor veröffentlichtem Western-Meisterwerk „Die Teufelsbrigade“ erinnert. Diese Rollen-Parallele sowie die Besetzung eines Webb optisch ähnelnden Schauspielers in „Der Kampf um den Piratenschatz“, können auf den Einfluss des Regisseurs hinweisen. Der Ansatz birgt auch Potenzial, wenn der Schauspieler es zu tragen versteht. Dann ist da aber eben das Problem, dass Webb in „Die Teufelsbrigade“, trotz der wenigen Möglichkeiten sich zu profilieren, die diese Rolle ihm bot, um Längen überzeugender ist als der damals noch höchst unerfahrene Andes, der zuvor nur wenige Filme gedreht hatte, in „Der Kampf um den Piratenschatz“. Nicht zuletzt fehlt Andes einfach ein Gary Cooper an seiner Seite, der die eigentlichen Heldenaufgaben stemmt, denn in „Die Teufelsbrigade“ war dies gar nicht Richard Webbs Job, sondern der von Cooper. Keith Andes, Linda Darnell und eine dauerkreischende Dienerin allein mit einem Rudel Piraten auf dem Schiff – das ist schlicht zu wenig.

Im Zuge seiner unbeholfenen Bauart sowie der Konstellation mit vielen unsympathischen Figuren erweist sich der Film aber kurioserweise auch als wenig vorhersehbar und dadurch in gewisser Hinsicht spannend, wenngleich eine Figur zum Andocken und Mitfiebern fehlt. Wenn man so will, generiert er seine größte narrative Stärke also aus einer Schwäche.

Der geistige Vater von Jack Sparrow

Am Ende retten drei Piraten den „Kampf um den Piratenschatz“ quasi im Alleingang. Robert Newtons Blackbeard folgte dem Aussehen nach natürlich historischen Überlieferungen, sein extrovertiertes Spiel aber setzte Maßstäbe, die eindeutig ihm selbst zuzuschreiben sind. Einer der anschaulichsten Belege in der Filmgeschichte, wie effektiv „Overacting“ in geeignetem Kontext sein kann. Einmal auf der stimmlichen Ebene, und erst recht hinsichtlich seiner ständig wechselnden Miene, womit er gewissermaßen immer wieder seine Gedanken nach außen trägt, oder mimisch sein gesprochenes Wort oder die Aussagen anderer, höchst anschaulich überzeichnend, kommentiert. Er nutzt Grimassen, macht sich das ausdrucksstarke Bewegen oder auch Zusammenkneifen der Augen vielfach zunutze, bewegt den Kopf häufig hin und her als würde er unter Drogeneinfluss stehen. Es ist davon auszugehen, dass diese Performance auch auf Johnny Depps Verkörperung des Captains Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe einen gewissen Einfluss hatte. In der deutschen Fassung wurde er, wie auch schon in „Die Schatzinsel“, von Eduard Wandrey synchronisiert, der den hartkantigen Piraten bestens draufhatte. In der Originalfassung merkt man allerdings zudem gewisse Abstufungen, die ich persönlich so interpretieren würde, dass Newton versuchte, den schwankenden Alkoholisierungspegel seiner Figur stimmlich zu differenzieren. So hört er sich tagsüber zum Teil wirklich anders, etwas klarer, jünger und weniger exzentrisch an als zu späterer Stunde – eine witzige Idee, die allerdings leider etwas untergeht, oder doch schlichtweg einer von der Chronologie im Film abweichenden Drehreihenfolge der Szenen, je nach Handlungsort, geschuldet? Wer weiß?

Dazu William Bendix („Blut im Schnee“), der als Typ und sogar stimmlich ähnelnd, so etwas wie der Mario Adorf des klassischen Hollywood-Kinos war. Ein sympathischer, vielseitiger Schauspieler, dem man gern zusieht, und der sich hier mal von seiner eher komödiantischen Seite zeigen durfte. Als Dritter im Bunde Skelton Knaggs – ein unglaubliches Gesicht, vor allem durch düstere Krimis und Horrorfilme bekannt –, der allein zwar nicht reicht, um einen bunten Piratenhaufen zu repräsentieren, aber zumindest die richtige Richtung aufzeigt, zumal er schauspielerisch durchaus versiert war, in diesem Film wunderbar selbstironisch agiert, aber auch regungslos mit einem Blick verharrend immer noch eine Menge gruseliger Energie über die Leinwand schickt. Sein Gesicht könnte als Vorbild für die Zeichnung von „Billy the Kid“ im gleichnamigen Lucky-Luke-Comic gedient haben – die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend. Tragisch, dass sowohl er als auch Robert Newton nur wenige Jahre später an den Folgen von Alkoholismus starben.

Weihnachten am Galgen, unter Dieben und Mördern

Eine offizielle DVD-Veröffentlichung des Films scheint es in Deutschland bisher noch nicht zu geben. RKO-Filme sind auf dem deutschen DVD-Markt leider generell recht unterpräsent – vermutlich, weil es das Studio schon seit circa 60 Jahren nicht mehr gibt, obwohl es bis dahin zu den fünf größten Hollywoods (neben MGM, Warner, 20th Century Fox und Paramount) gehörte und der Rechtebestand daher logischerweise anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, als es im Regelfall bei Filmen damaliger Studios der Fall ist, die es heute auf die eine oder andere Art immer noch gibt. Eine verstärkte Erschließung der von RKO produzierten Filme für den deutschen DVD-Markt, wäre einer meiner Weihnachtswünsche, nicht nur weil ein Anti-Weihnachtsfilm wie „Der Kampf um den Piratenschatz“, der allen Widrigkeiten zum Trotz doch irgendwie sehenswert ist, eine angemessene Würdigung erfahren sollte.

Ferner ist die popkulturelle Bedeutung der Piratendarstellungen von Robert Newton wirklich nicht zu unterschätzen und allein schon eine große Veröffentlichung wert. Der Mann hat unser Bild von Piratenkapitänen und davon, wie sie sich angeblich gebärden, wahrscheinlich mindestens genauso sehr geprägt wie Pierre Brice unser Bild von Indianern. Der Unterschied ist allerdings, dass bei Newton die Bekanntheit seines Wirkens heute eher indirekter Natur ist. Dieses gewisse Bild vom Piraten ist präsent, aber man verbindet Newton kaum noch damit. Sein Wirken überdauert für das heutige Publikum eher durch spätere Darstellungen anderer von ihm inspirierter Schauspieler sowie durch Figuren in Computerspielen oder in Animationsfilmen, die auf Newtons Piratendarstellungen fußen – während die ursprünglichen Vorlagen mit ihm selbst, die in „Die Schatzinsel“, der zugehörigen Fortsetzung und der zugehörigen TV-Serie sowie in „Der Kampf um den Piratenschatz“ zu sehen sind, zumindest in Deutschland mittlerweile weniger Bekanntheit genießen. Dies ist zweifelsohne unter anderem den vielen Remakes des „Schatzinsel“-Stoffes geschuldet, die davon ablenken, sich auch einmal die Version mit Newton anzuschauen, zumal diese auch bereits ein Remake und nicht wirklich „Das Original“ war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Raoul Walsh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blackbeard, the Pirate
USA 1952
Regie: Raoul Walsh
Drehbuch: Alan Le May, nach einer Vorlage von DeVallon Scott
Besetzung: Robert Newton, Linda Darnell, William Bendix, Keith Andes, Skelton Knaggs, Torin Thatcher, Alan Mowbray, Irene Ryan, Richard Egan, Anthony Caruso
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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In den Kerkern von Marokko – Interessante Genre-Kreuzung

Yankee Pasha

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Trapper Jason Starbuck (Jeff Chandler) hat genug vom Wildwest-Leben und willigt in eine Wette mit dem Geschäftsmann Elias Derby (Tudor Owen) ein, die ihm das Geld für eine Schifffahrt in die Ferne sichern soll. Als Starbucks neue Flamme Roxana Reil (Rhonda Fleming) kurz darauf entführt und nach Marokko verschleppt wird, muss er nicht mehr lange überlegen, wohin die Reise gehen soll. Am Hofe des Sultans (Lee J. Cobb) kann der eine oder andere von einem gewieften Gewehrschützen aus dem amerikanischen Westen womöglich sogar noch etwas lernen – und in den Harems wartet nicht nur Roxana.

Trapper Starbuck (l.) verlässt den Westen

„In den Kerkern von Marokko“ ist ein kurzweiliger Abenteuerfilm mit guter Mischung aus Exotik und Humor, der vor allem deswegen sehenswert ist, da man die Kombination aus Western und Tausendundeine-Nacht-Film durchaus als äußerst seltenes Vergnügen bezeichnen kann – zudem verknüpft mit einem kurzen Piratenfilm-Intermezzo. Unterhaltsam und sehenswert, nicht nur aufgrund der kuriosen Idee, diverse Miss-Wahl-Gewinnerinnen als echte Hingucker im Harem zu besetzen. Hinwegsehen muss man hier lediglich über den banalen, ziemlich albernen Originaltitel „Yankee Pasha“. Der geht zwar auf die Romanvorlage von Edison Marshall aus dem Jahr 1947 zurück, jedoch muss dazu gesagt werden, dass Universal 1952 schon einen anderen Abenteuerfilm mit Jeff Chandler unter dem Titel „Yankee Buccaneer“ (deutscher Titel: „Unter falscher Flagge“) veröffentlicht hatte – und mit diesem Piratenfilm hatte Edison Marshall an sich nichts zu tun, mutmaßliche Beeinflussungen jedweder Art hin oder her. Marshalls bekannteste Kino-Partizipation dürfte die Romanvorlage zu dem unter der Regie von Richard Fleischer mit Kirk Douglas verfilmten Epos „Die Wikinger“ (1958) sein. Ein sehenswerter, auf einem Marshall-Roman basierender Film ist zudem Delmer Daves’ „Im Reiche des goldenen Condor“ (1953) – hierzulande trotz des namhaften Regisseurs aber kaum bekannt, was unter anderem darauf zurückgehen dürfte, dass die deutsche Synchronfassung vergleichsweise selten und kaum zu bekommen ist. „Im Reiche des goldenen Condor“ ist wiederum ein Remake mit abgewandelten Handlungsorten/-ländern des Tyrone-Power-Klassikers „Abenteuer in der Südsee“ (1942). Damit ist das Feld der Edison-Marshall-Adaptionen im Hollywood-Tonfilm dann auch weitestgehend umrissen. Wenige, aber durchaus denkwürdige Stoffe und Filme.

Jeff Chandler unter dem Einfluss Dritter

Die Titel „Yankee Buccaneer“ und „Yankee Pasha“ sind auch insofern recht bezeichnend, als sie ziemlich plastisch verdeutlichen, in welches Rollenbild man Jeff Chandler im Hause Universal in den 50ern hineinzupressen versuchte. Chandler machte sich zugegebenermaßen sehr gut in derartigen Filmen, aber diese Besetzungspraxis hatte zur Folge, dass er irgendwann schlicht dankbar war, auch wieder einmal eine differenziertere Rolle wie in „Kreuzverhör“ (1957), anstelle des reinen Western- oder Abenteuerhelden gehobenen Groschenheft-Niveaus, spielen zu dürfen. Rollen der Art wie in „Yankee Pasha“ ließen in ihm den Gedanken wachsen, sich langsam aus seinem langfristigen Kontrakt mit Universal zu lösen, um mehr Chancen auf andere Arten von Filmen und Figuren zu bekommen.

Im Juni 1961 starb Jeff Chandler mit nur 42 Jahren. Während der Arbeit an seinem letzten Film, „Durchbruch auf Befehl“ (1962), zog er sich beim Baseballspielen in einer Drehpause eine unglückliche Rückenverletzung zu, die operiert werden musste. Bei dem Eingriff wurde in einem Krankenhaus in Culver City, Los Angeles versehentlich eine Arterie verletzt, was zu massivem Blutverlust führte. Man versuchte, ihm in Folgeoperationen wieder Blut in großen Mengen zuzuführen, dennoch erlag Chandler den Komplikationen nach etwas mehr als einem Monat. Den von ihm anvisierten Wechsel – weg von Universal und hin zu einer abwechslungsreicheren Rollenauswahl – hatte er bis dato aber bereits erfolgreich vollzogen. Zudem war er als Sänger beliebt, war unter anderem im ganz großen Rahmen in Las Vegas aufgetreten. In Jeff Chandler steckte enormes Potenzial, das durch einen einzigen medizinischen Eingriff, irgendwo zwischen dramatischer Tragik, menschlichem Versagen und Ärztepfusch, jäh zerstört wurde. Sein Ableben wurde Gegenstand eines großen Gerichtsverfahrens.

Die Kinowelt um Joseph Pevney

Die Karrieren von Joseph Pevney und Jeff Chandler sind eng miteinander verbunden. Insgesamt sieben Filme mit Chandler in einer Hauptrolle wurden von Pevney inszeniert. Für einen weiteren – „Seine letzte Chance“ (1955) – war Chandler ursprünglich vorgesehen, wirkte dann aber nur hinter den Kulissen mit und wurde vor der Kamera vom späteren Jerry-Cotton-Darsteller George Nader ersetzt. Hinzu kommt ein Cameo von Chandler in Pevneys „Zu allem entschlossen“ (1952). Vom romantischen Drama über den Western und Abenteuerfilm bis hin zum Film noir, zum Sportdrama und zum Kriegsfilm deckten Pevney und Chandler als Gespann eine nennenswerte Bandbreite an Genres ab. Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass Pevney auch „Die Plünderer“ (1960) inszenieren durfte, der bereits abseits von Universal entstand, nachdem beide dieses Studio vorher über die 50er-Jahre hinweg maßgeblich geprägt hatten. Es sollte, dem Schicksal geschuldet, Jeff Chandlers letzter Western werden. Eine weitere der Kollaborationen von Pevney und Chandler, ihren ersten gemeinsamen Film „Ausgezählt“ (1951), habe ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt auf „Die Nacht der lebenden Texte“ besprochen. Übrigens soll es Joseph Pevney gewesen sein, der Clint Eastwood bei seinem ersten richtigen Vorsprechen für einen Hollywood-Film ablehnte – während der Vorbereitungen des Drehs von besagtem „Seine letzte Chance“.

Er muss um seine neue Liebe Roxana fürchten …

Joseph Pevney war als Regisseur eine verdammt sichere Bank. Einer, bei dem man einfach weiß, wenn man seinen Namen im Vorspann liest, dass es absolut keinen Grund zur Sorge gibt und der zudem nicht einmal ansatzweise auf ein Genre festgelegt war. Ein absoluter Allrounder des 50er-Genrekinos aus Hollywood. Einer von dem man mindestens ein halbes Dutzend Filme gesehen haben sollte, ehe man über das damalige US-Kino und seine Genrelandschaft urteilt. Selbiges gilt etwa auf Augenhöhe unter anderem auch für Joseph M. Newman („Die Welt der Sensationen“), Lesley Selander („Pfeile in der Dämmerung“), Jerry Hopper („Pony Express“), Frederick de Cordova („Die Piratenbraut“), Charles Marquis Warren („Die Bestie der Wildnis“), Edward Ludwig („Marihuana“) und Lewis R. Foster („Gold in Neuguinea“). Gemeint sind Vorzeige-Regisseure aus der zweiten oder dritten Reihe, die dem 50er-Genrefilm einen richtig guten Stempel aufgedrückt, aber nicht die Bekanntheit von Budd Boetticher („Gefangene des Dschungels“), Jack Arnold („Kreuzverhör“), George Sherman („Rebellen der Steppe“) oder Jacques Tourneur („The Leopard Man“) erlangt haben beziehungsweise erheblich seltener analytisch besprochen oder gewürdigt worden sind. Dann sind da noch Regisseure wie beispielsweise André De Toth, Gordon Douglas oder Phil Karlson, die trotz Anschluss an den A-Film-Sektor in etwa zwischen den beiden Lagern schweben – bei Licht betrachtet eigentlich weniger beachtet als Boetticher oder Tourneur, dennoch große Könner. Dann gibt es noch die, die handwerklich nicht unbedingt das Niveau von beispielsweise Pevney oder Foster hatten, als solide Abenteuergeschichtenerzähler für das 50er-Hollywood dennoch verlässlich und wichtig waren – nehmen wir etwa Joseph Kane bei Republic Pictures, Fred F. Sears bei Columbia oder den gebürtigen Wiener Reginald Le Borg. Es gibt in diesem Feld noch sehr viel aufzuarbeiten!

Wonach wird eigentlich entschieden?

Bis heute sind in Bahnhofsbuchhandlungen Heftchen mit Westerngeschichten sehr beliebt, die nicht viel kosten, aber gut unterhalten. Das US-Kino der 50er-Jahre hat eine Vielzahl an Filmen parat, die dazu gewissermaßen das Leinwand-Pendant bilden. Nicht nur Western, sondern auch sonstige Abenteuergeschichten. Der Fundus an netten kleinen Hollywood-Abenteuerfilmen ist, gerade aus den 30er- bis 50er-Jahren, enorm groß und filmwissenschaftlich eher wenig beleuchtet. „In den Kerkern von Marokko“ ist einer aus dieser Kategorie und nur einer von etlichen, die Jeff Chandler und Joseph Pevney zu dem Sektor beigetragen haben. Auch dieser Film hat es allerdings selbst in den USA bis heute noch nicht zu einer DVD-Veröffentlichung gebracht. Jeff Chandler wäre im Dezember dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. So langsam wird es Zeit für einen DVD- oder Blu-ray-Start!

Seinen beiden weiblichen Co-Stars Rhonda Fleming und Mamie Van Doren könnte man damit vermutlich eine Freude machen. Sie sind mittlerweile stolze 95 und 87 Jahre alt. Neben ihnen lohnt der Film aber auch wegen Lee J. Cobb, der als orientalischer Sultan, zudem in einem Film recht trivialer Dramaturgie, ziemlich überraschend besetzt ist, aber mit dem man eigentlich nie etwas verkehrt macht. Unter den sonstigen Nebenrollen möchte ich besonders Philip Van Zandt und Tudor Owen hervorheben – zwei Charakterdarsteller mit Wiedererkennungswert, über deren vertraute Gesichter man sich immer freut und denen man den Spaß an ihrem Beruf stets anmerkt. Lediglich der in Berlin geborene Rex Reason, der damals auch als Heldendarsteller durchzustarten versuchte, hier aber den fiesen Antagonisten spielt, enttäuscht mit einer recht hölzernen Allerweltsdarbietung. In der deutschen Fassung irritiert zudem, dass Rex Reason die Stimme von Wolf Martini hat, der sich wenig später als Lee J. Cobbs Stammsprecher zu etablieren begann und dies wahrscheinlich auch geblieben wäre, wäre er nicht bereits 1959 verstorben. Zum Zeitpunkt der Synchronisation von „In den Kerkern von Marokko“ war Martini für Cobb aber noch nicht manifestiert, somit ist den Verantwortlichen hier kein Vorwurf zu machen. Eine Problematik, die sich im Synchron rückwirkend des Öfteren ergibt, sobald man ältere Filme mit Schauspielern schaut, bei denen sich erst später eine reguläre Stimme herauskristallisiert hat. Eine Problematik, die allerdings auch nicht wirklich zu verhindern ist. Ein wenig schade ist es trotzdem, da Martini verdammt gut für Cobb funktioniert – und nicht nur für den, sondern zum Beispiel auch Anthony Quinn, Ward Bond und Ted de Corsia. Aber Curt Ackermann als deutsche Stimme von Jeff Chandler ist so oder so die halbe Miete und stets eine Lehrstunde zum Thema Synchronisation.

… weil ein Sultan ein Auge auf sie geworfen hat

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Rhonda Fleming haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler und Lee J. Cobb unter Schauspieler.

Nachtrag April 2020: Das Label Pidax Film hat „In den Kerkern von Marokko“ auf DVD aufgelegt.

Veröffentlichung: 9. April 2020 als DVD

Länge: 80 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Yankee Pasha
USA 1954
Regie: Joseph Pevney
Drehbuch: Joseph Hoffman, nach einem Roman von Edison Marshall
Besetzung: Jeff Chandler, Rhonda Fleming, Mamie Van Doren, Lee J. Cobb, Hal March, Rex Reason, Philip Van Zandt, Benny Rubin, Tudor Owen, Harry Lauter
Verleih: Universal International Pictures
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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