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Der Kampf um den Piratenschatz – Stilbildender, wenig vorhersehbarer Flickenteppich

Blackbeard, the Pirate

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Navy-Leutnant Robert Maynard (Keith Andes) will dem scheinbaren Ehrenmann Sir Henry Morgan (Torin Thatcher) nachweisen, dass er sich durch Piraterie zu bereichern versucht. Maynard glaubt, Charles Bellamy sei mit Morgan im Bunde, der Offizier versucht daher, sich auf Bellamys Schiff einzuschleichen. Dort erwartet ihn allerdings Edward Teach alias Blackbeard (Robert Newton), während Bellamy hoch an einem Mast baumelt. Gemeinsam mit Edwina Mansfield (Linda Darnell), die Bellamy eigentlich heiraten wollte und ebenso unverhofft auf den irrwitzigen „Schwarzbart“ stößt, gerät Maynard in eine Schatzjagd, die seinen Weg womöglich doch noch mit Henry Morgan kreuzen wird. Nur lebt es sich unter dem Kommando von Blackbeard verdammt gefährlich.

Dass für „Der Kampf um den Piratenschatz“ in den USA ausgerechnet Weihnachten 1952 als Kinostarttermin auserkoren wurde, ist ein bemerkenswerter Umstand. Ein Film voller unsympathischer Charaktere als knallhartes Kontrastprogramm zum romantisch-gemütlichen Einerlei. Halsabschneider, soweit das Auge reicht und der einzige Mehr-oder-minder-Held der Geschichte, Maynard, ist in der Verkörperung von Keith Andes so blass, dass man auf der Seite dieses Bürschchens eigentlich dennoch nicht sein will. Dazu eine Liebesgeschichte, bei der nicht die Bohne ein Funke überspringt. Selbst die Musik von Victor Young, der 1957 posthum den Oscar für seinen Score zu „In 80 Tagen um die Welt“ (1956) gewann, plätschert erstaunlich höhepunktfrei und leblos vor sich hin. Man könnte fast so weit gehen zu sagen, dass dies vielleicht der ultimative Anti-Weihnachtsfilm unter all den Produktionen ist, die zu Zeiten des klassischen Hollywoods je an Weihnachten in den USA im Kino gestartet sind. Ob unfreiwillig oder nicht – auf seine Art ist dieser Film ein ziemlich frecher Biss in jedes weihnachtlich gestimmte Gemüt.

… während man eifrig dabei ist, andere Pläne zu schmieden …

Wenn man sich vor Augen führt, dass für die Besetzung ursprünglich angeblich Robert Mitchum („Weiße Frau am Kongo“), Victor Mature („Sensation am Sonnabend“) und Jack Buetel („An der Spitze der Apachen“) vorgesehen waren, hätte aus „Der Kampf um den Piratenschatz“ wirklich ein origineller Meilenstein werden können. Sie alle sollten an der Seite von Faith Domergue („Metaluna IV antwortet nicht“) agieren, die anstelle von Linda Darnell („König der Toreros“) zu sehen gewesen wäre. Als Regisseur war Robert Stevenson („Mary Poppins“) vorgesehen – nicht zu verwechseln mit Robert Louis Stevenson, dem Autor einer anderen legendären Piratengeschichte: „Die Schatzinsel“. Stattdessen wurde schließlich der Hauptdarsteller der Disney-Verfilmung von „Die Schatzinsel“ (1950), Robert Newton, engagiert, um Blackbeard zu spielen und setzte sich dabei auch gegen Boris Karloff und Charles Laughton durch. Laughton hatte aufgrund seiner Verkörperung von William Kidd in „Unter schwarzer Flagge“ (1945), ähnlich wie Newton, eine Vorgeschichte, die ihn für die Rolle prädestinierte. Man kann guten Gewissens sagen, dass Laughton als Captain Kidd und Newton als Long John Silver Stand 1952 die beiden wahrscheinlich populärsten Inkarnationen reibeiserner Piratenkapitäne mindestens der vorausgegangenen zehn Jahre in Hollywood waren. Während der Zuschlag für Blackbeard bei Robert Newton blieb, kehrte Charles Laughton trotzdem an Bord eines Piratenschiffs zurück und parodierte seine populär gewordene Rolle als Kidd in „Abbott und Costello unter Piraten“, der in den USA fast zeitgleich mit „Der Kampf um den Piratenschatz“ anlief und als unmittelbare Antwort auf selbigen verstanden worden sein könnte.

Leider merkt man dem fertigen Film, aus meiner Sicht, an, dass Alan Le May recht kurzfristig verpflichtet wurde, um das Drehbuch knapp vor Produktionsstart noch einmal neu zu schreiben. Hätte Stevenson die Geschichte mit Mitchum, Domergue, Mature und Buetel verfilmt, wäre die Grundlage also wahrscheinlich ein anderes Drehbuch gewesen. So richtig rund wirkt die Story nicht, eher bruchstückhaft zusammengeschustert, und die Einfallslosigkeit bei der Auswahl der Handlungsorte ist fast schon erschreckend. Selbst wenn die Darsteller alle funktionieren würden und die Musik besser wäre, ist das immer noch eine Menge an Baustellen. Piratenfilme können so wunderbar bunt und abwechslungsreich sein. Dieser Film ist es nicht. Zu lange wird sich nur an Bord des Schiffes herumgetrieben, zu wenig Ideen greifen später an Land. Schauplätze vom Schlage einer Pirateninsel Tortuga fehlen schmerzlich, stattdessen wirken viele Settings, als hätte man absichtlich kostensparend so viel wie möglich im Studio und in kaum wechselnden Kulissen gedreht – was aber nicht zu den teuren Stars und einem Regisseur der Hausnummer Raoul Walsh passt. Obendrein fehlen bis auf wenige Ausnahmen kantige Gesichter und Nebenrollen von einer gewissen Gestalt unter den Piraten, die Robert Newton wenigstens ansatzweise das Wasser reichen könnten. Aus unklaren Gründen wurden prägnante Charakterdarsteller wie insbesondere Anthony Caruso („Flucht aus Zahrain“) und Jack Lambert („Die Killer“) in Kleinstrollen verheizt. Amüsant immerhin Alan Mowbray („Gold in Neuguinea“), der als durchgeknallter Blackbeard-Doppelgänger kaum wiederzuerkennen ist.

Auffällig ist, dass die Rolle des Maynard, in der Art, wie er quasi von außen in die Geschehnisse und eine ihm fremde Welt fällt, und wie er dabei stellenweise als beobachtender Erzähler der Geschichte agiert, der auf spektakuläre Gestalten stößt, sehr an Richard Webb (in der Rolle des Lieutenant Tufts) in Walshs an Weihnachten im Jahr zuvor veröffentlichtem Western-Meisterwerk „Die Teufelsbrigade“ erinnert. Diese Rollen-Parallele sowie die Besetzung eines Webb optisch ähnelnden Schauspielers in „Der Kampf um den Piratenschatz“, können auf den Einfluss des Regisseurs hinweisen. Der Ansatz birgt auch Potenzial, wenn der Schauspieler es zu tragen versteht. Dann ist da aber eben das Problem, dass Webb in „Die Teufelsbrigade“, trotz der wenigen Möglichkeiten sich zu profilieren, die diese Rolle ihm bot, um Längen überzeugender ist als der damals noch höchst unerfahrene Andes, der zuvor nur wenige Filme gedreht hatte, in „Der Kampf um den Piratenschatz“. Nicht zuletzt fehlt Andes einfach ein Gary Cooper an seiner Seite, der die eigentlichen Heldenaufgaben stemmt, denn in „Die Teufelsbrigade“ war dies gar nicht Richard Webbs Job, sondern der von Cooper. Keith Andes, Linda Darnell und eine dauerkreischende Dienerin allein mit einem Rudel Piraten auf dem Schiff – das ist schlicht zu wenig.

Im Zuge seiner unbeholfenen Bauart sowie der Konstellation mit vielen unsympathischen Figuren erweist sich der Film aber kurioserweise auch als wenig vorhersehbar und dadurch in gewisser Hinsicht spannend, wenngleich eine Figur zum Andocken und Mitfiebern fehlt. Wenn man so will, generiert er seine größte narrative Stärke also aus einer Schwäche.

Der geistige Vater von Jack Sparrow

Am Ende retten drei Piraten den „Kampf um den Piratenschatz“ quasi im Alleingang. Robert Newtons Blackbeard folgte dem Aussehen nach natürlich historischen Überlieferungen, sein extrovertiertes Spiel aber setzte Maßstäbe, die eindeutig ihm selbst zuzuschreiben sind. Einer der anschaulichsten Belege in der Filmgeschichte, wie effektiv „Overacting“ in geeignetem Kontext sein kann. Einmal auf der stimmlichen Ebene, und erst recht hinsichtlich seiner ständig wechselnden Miene, womit er gewissermaßen immer wieder seine Gedanken nach außen trägt, oder mimisch sein gesprochenes Wort oder die Aussagen anderer, höchst anschaulich überzeichnend, kommentiert. Er nutzt Grimassen, macht sich das ausdrucksstarke Bewegen oder auch Zusammenkneifen der Augen vielfach zunutze, bewegt den Kopf häufig hin und her als würde er unter Drogeneinfluss stehen. Es ist davon auszugehen, dass diese Performance auch auf Johnny Depps Verkörperung des Captains Jack Sparrow in der „Fluch der Karibik“-Reihe einen gewissen Einfluss hatte. In der deutschen Fassung wurde er, wie auch schon in „Die Schatzinsel“, von Eduard Wandrey synchronisiert, der den hartkantigen Piraten bestens draufhatte. In der Originalfassung merkt man allerdings zudem gewisse Abstufungen, die ich persönlich so interpretieren würde, dass Newton versuchte, den schwankenden Alkoholisierungspegel seiner Figur stimmlich zu differenzieren. So hört er sich tagsüber zum Teil wirklich anders, etwas klarer, jünger und weniger exzentrisch an als zu späterer Stunde – eine witzige Idee, die allerdings leider etwas untergeht, oder doch schlichtweg einer von der Chronologie im Film abweichenden Drehreihenfolge der Szenen, je nach Handlungsort, geschuldet? Wer weiß?

Dazu William Bendix („Blut im Schnee“), der als Typ und sogar stimmlich ähnelnd, so etwas wie der Mario Adorf des klassischen Hollywood-Kinos war. Ein sympathischer, vielseitiger Schauspieler, dem man gern zusieht, und der sich hier mal von seiner eher komödiantischen Seite zeigen durfte. Als Dritter im Bunde Skelton Knaggs – ein unglaubliches Gesicht, vor allem durch düstere Krimis und Horrorfilme bekannt –, der allein zwar nicht reicht, um einen bunten Piratenhaufen zu repräsentieren, aber zumindest die richtige Richtung aufzeigt, zumal er schauspielerisch durchaus versiert war, in diesem Film wunderbar selbstironisch agiert, aber auch regungslos mit einem Blick verharrend immer noch eine Menge gruseliger Energie über die Leinwand schickt. Sein Gesicht könnte als Vorbild für die Zeichnung von „Billy the Kid“ im gleichnamigen Lucky-Luke-Comic gedient haben – die Ähnlichkeit ist jedenfalls verblüffend. Tragisch, dass sowohl er als auch Robert Newton nur wenige Jahre später an den Folgen von Alkoholismus starben.

Weihnachten am Galgen, unter Dieben und Mördern

Eine offizielle DVD-Veröffentlichung des Films scheint es in Deutschland bisher noch nicht zu geben. RKO-Filme sind auf dem deutschen DVD-Markt leider generell recht unterpräsent – vermutlich, weil es das Studio schon seit circa 60 Jahren nicht mehr gibt, obwohl es bis dahin zu den fünf größten Hollywoods (neben MGM, Warner, 20th Century Fox und Paramount) gehörte und der Rechtebestand daher logischerweise anderen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, als es im Regelfall bei Filmen damaliger Studios der Fall ist, die es heute auf die eine oder andere Art immer noch gibt. Eine verstärkte Erschließung der von RKO produzierten Filme für den deutschen DVD-Markt, wäre einer meiner Weihnachtswünsche, nicht nur weil ein Anti-Weihnachtsfilm wie „Der Kampf um den Piratenschatz“, der allen Widrigkeiten zum Trotz doch irgendwie sehenswert ist, eine angemessene Würdigung erfahren sollte.

Ferner ist die popkulturelle Bedeutung der Piratendarstellungen von Robert Newton wirklich nicht zu unterschätzen und allein schon eine große Veröffentlichung wert. Der Mann hat unser Bild von Piratenkapitänen und davon, wie sie sich angeblich gebärden, wahrscheinlich mindestens genauso sehr geprägt wie Pierre Brice unser Bild von Indianern. Der Unterschied ist allerdings, dass bei Newton die Bekanntheit seines Wirkens heute eher indirekter Natur ist. Dieses gewisse Bild vom Piraten ist präsent, aber man verbindet Newton kaum noch damit. Sein Wirken überdauert für das heutige Publikum eher durch spätere Darstellungen anderer von ihm inspirierter Schauspieler sowie durch Figuren in Computerspielen oder in Animationsfilmen, die auf Newtons Piratendarstellungen fußen – während die ursprünglichen Vorlagen mit ihm selbst, die in „Die Schatzinsel“, der zugehörigen Fortsetzung und der zugehörigen TV-Serie sowie in „Der Kampf um den Piratenschatz“ zu sehen sind, zumindest in Deutschland mittlerweile weniger Bekanntheit genießen. Dies ist zweifelsohne unter anderem den vielen Remakes des „Schatzinsel“-Stoffes geschuldet, die davon ablenken, sich auch einmal die Version mit Newton anzuschauen, zumal diese auch bereits ein Remake und nicht wirklich „Das Original“ war.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Raoul Walsh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Blackbeard, the Pirate
USA 1952
Regie: Raoul Walsh
Drehbuch: Alan Le May, nach einer Vorlage von DeVallon Scott
Besetzung: Robert Newton, Linda Darnell, William Bendix, Keith Andes, Skelton Knaggs, Torin Thatcher, Alan Mowbray, Irene Ryan, Richard Egan, Anthony Caruso
Verleih: RKO Radio Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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In den Kerkern von Marokko – Interessante Genre-Kreuzung

Yankee Pasha

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Trapper Jason Starbuck (Jeff Chandler) hat genug vom Wildwest-Leben und willigt in eine Wette mit dem Geschäftsmann Elias Derby (Tudor Owen) ein, die ihm das Geld für eine Schifffahrt in die Ferne sichern soll. Als Starbucks neue Flamme Roxana Reil (Rhonda Fleming) kurz darauf entführt und nach Marokko verschleppt wird, muss er nicht mehr lange überlegen, wohin die Reise gehen soll. Am Hofe des Sultans (Lee J. Cobb) kann der eine oder andere von einem gewieften Gewehrschützen aus dem amerikanischen Westen womöglich sogar noch etwas lernen – und in den Harems wartet nicht nur Roxana.

„In den Kerkern von Marokko“ ist ein kurzweiliger Abenteuerfilm mit guter Mischung aus Exotik und Humor, der vor allem deswegen sehenswert ist, da man die Kombination aus Western und Tausendundeine-Nacht-Film durchaus als äußerst seltenes Vergnügen bezeichnen kann – zudem verknüpft mit einem kurzen Piratenfilm-Intermezzo. Unterhaltsam und sehenswert, nicht nur aufgrund der kuriosen Idee, diverse Miss-Wahl-Gewinnerinnen als echte Hingucker im Harem zu besetzen. Hinwegsehen muss man hier lediglich über den banalen, ziemlich albernen Originaltitel „Yankee Pasha“. Der geht zwar auf die Romanvorlage von Edison Marshall aus dem Jahr 1947 zurück, jedoch muss dazu gesagt werden, dass Universal 1952 schon einen anderen Abenteuerfilm mit Jeff Chandler unter dem Titel „Yankee Buccaneer“ (deutscher Titel: „Unter falscher Flagge“) veröffentlicht hatte – und mit diesem Piratenfilm hatte Edison Marshall an sich nichts zu tun, mutmaßliche Beeinflussungen jedweder Art hin oder her. Marshalls bekannteste Kino-Partizipation dürfte die Romanvorlage zu dem unter der Regie von Richard Fleischer mit Kirk Douglas verfilmten Epos „Die Wikinger“ (1958) sein. Ein sehenswerter, auf einem Marshall-Roman basierender Film ist zudem Delmer Daves’ „Im Reiche des goldenen Condor“ (1953) – hierzulande trotz des namhaften Regisseurs aber kaum bekannt, was unter anderem darauf zurückgehen dürfte, dass die deutsche Synchronfassung vergleichsweise selten und kaum zu bekommen ist. „Im Reiche des goldenen Condor“ ist wiederum ein Remake mit abgewandelten Handlungsorten/-ländern des Tyrone-Power-Klassikers „Abenteuer in der Südsee“ (1942). Damit ist das Feld der Edison-Marshall-Adaptionen im Hollywood-Tonfilm dann auch weitestgehend umrissen. Wenige, aber durchaus denkwürdige Stoffe und Filme.

Jeff Chandler unter dem Einfluss Dritter

Die Titel „Yankee Buccaneer“ und „Yankee Pasha“ sind auch insofern recht bezeichnend, als sie ziemlich plastisch verdeutlichen, in welches Rollenbild man Jeff Chandler im Hause Universal in den 50ern hineinzupressen versuchte. Chandler machte sich zugegebenermaßen sehr gut in derartigen Filmen, aber diese Besetzungspraxis hatte zur Folge, dass er irgendwann schlicht dankbar war, auch wieder einmal eine differenziertere Rolle wie in „Kreuzverhör“ (1957), anstelle des reinen Western- oder Abenteuerhelden gehobenen Groschenheft-Niveaus, spielen zu dürfen. Rollen der Art wie in „Yankee Pasha“ ließen in ihm den Gedanken wachsen, sich langsam aus seinem langfristigen Kontrakt mit Universal zu lösen, um mehr Chancen auf andere Arten von Filmen und Figuren zu bekommen.

Im Juni 1961 starb Jeff Chandler mit nur 42 Jahren. Während der Arbeit an seinem letzten Film, „Durchbruch auf Befehl“ (1962), zog er sich beim Baseballspielen in einer Drehpause eine unglückliche Rückenverletzung zu, die operiert werden musste. Bei dem Eingriff wurde in einem Krankenhaus in Culver City, Los Angeles versehentlich eine Arterie verletzt, was zu massivem Blutverlust führte. Man versuchte, ihm in Folgeoperationen wieder Blut in großen Mengen zuzuführen, dennoch erlag Chandler den Komplikationen nach etwas mehr als einem Monat. Den von ihm anvisierten Wechsel – weg von Universal und hin zu einer abwechslungsreicheren Rollenauswahl – hatte er bis dato aber bereits erfolgreich vollzogen. Zudem war er als Sänger beliebt, war unter anderem im ganz großen Rahmen in Las Vegas aufgetreten. In Jeff Chandler steckte enormes Potenzial, das durch einen einzigen medizinischen Eingriff, irgendwo zwischen dramatischer Tragik, menschlichem Versagen und Ärztepfusch, jäh zerstört wurde. Sein Ableben wurde Gegenstand eines großen Gerichtsverfahrens.

Die Kinowelt um Joseph Pevney

Die Karrieren von Joseph Pevney und Jeff Chandler sind eng miteinander verbunden. Insgesamt sieben Filme mit Chandler in einer Hauptrolle wurden von Pevney inszeniert. Für einen weiteren – „Seine letzte Chance“ (1955) – war Chandler ursprünglich vorgesehen, wirkte dann aber nur hinter den Kulissen mit und wurde vor der Kamera vom späteren Jerry-Cotton-Darsteller George Nader ersetzt. Hinzu kommt ein Cameo von Chandler in Pevneys „Zu allem entschlossen“ (1952). Vom romantischen Drama über den Western und Abenteuerfilm bis hin zum Film noir, zum Sportdrama und zum Kriegsfilm deckten Pevney und Chandler als Gespann eine nennenswerte Bandbreite an Genres ab. Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass Pevney auch „Die Plünderer“ (1960) inszenieren durfte, der bereits abseits von Universal entstand, nachdem beide dieses Studio vorher über die 50er-Jahre hinweg maßgeblich geprägt hatten. Es sollte, dem Schicksal geschuldet, Jeff Chandlers letzter Western werden. Eine weitere der Kollaborationen von Pevney und Chandler, ihren ersten gemeinsamen Film „Ausgezählt“ (1951), habe ich bereits zu einem früheren Zeitpunkt auf „Die Nacht der lebenden Texte“ besprochen. Übrigens soll es Joseph Pevney gewesen sein, der Clint Eastwood bei seinem ersten richtigen Vorsprechen für einen Hollywood-Film ablehnte – während der Vorbereitungen des Drehs von besagtem „Seine letzte Chance“.

Joseph Pevney war als Regisseur eine verdammt sichere Bank. Einer, bei dem man einfach weiß, wenn man seinen Namen im Vorspann liest, dass es absolut keinen Grund zur Sorge gibt und der zudem nicht einmal ansatzweise auf ein Genre festgelegt war. Ein absoluter Allrounder des 50er-Genrekinos aus Hollywood. Einer von dem man mindestens ein halbes Dutzend Filme gesehen haben sollte, ehe man über das damalige US-Kino und seine Genrelandschaft urteilt. Selbiges gilt etwa auf Augenhöhe unter anderem auch für Joseph M. Newman („Die Welt der Sensationen“), Lesley Selander („Pfeile in der Dämmerung“), Jerry Hopper („Pony Express“), Frederick de Cordova („Die Piratenbraut“), Charles Marquis Warren („Die Bestie der Wildnis“), Edward Ludwig („Marihuana“) und Lewis R. Foster („Gold in Neuguinea“). Gemeint sind Vorzeige-Regisseure aus der zweiten oder dritten Reihe, die dem 50er-Genrefilm einen richtig guten Stempel aufgedrückt, aber nicht die Bekanntheit von Budd Boetticher („Gefangene des Dschungels“), Jack Arnold („Kreuzverhör“), George Sherman („Rebellen der Steppe“) oder Jacques Tourneur („The Leopard Man“) erlangt haben beziehungsweise erheblich seltener analytisch besprochen oder gewürdigt worden sind. Dann sind da noch Regisseure wie beispielsweise André De Toth, Gordon Douglas oder Phil Karlson, die trotz Anschluss an den A-Film-Sektor in etwa zwischen den beiden Lagern schweben – bei Licht betrachtet eigentlich weniger beachtet als Boetticher oder Tourneur, dennoch große Könner. Dann gibt es noch die, die handwerklich nicht unbedingt das Niveau von beispielsweise Pevney oder Foster hatten, als solide Abenteuergeschichtenerzähler für das 50er-Hollywood dennoch verlässlich und wichtig waren – nehmen wir etwa Joseph Kane bei Republic Pictures, Fred F. Sears bei Columbia oder den gebürtigen Wiener Reginald Le Borg. Es gibt in diesem Feld noch sehr viel aufzuarbeiten!

Wonach wird eigentlich entschieden?

Bis heute sind in Bahnhofsbuchhandlungen Heftchen mit Westerngeschichten sehr beliebt, die nicht viel kosten, aber gut unterhalten. Das US-Kino der 50er-Jahre hat eine Vielzahl an Filmen parat, die dazu gewissermaßen das Leinwand-Pendant bilden. Nicht nur Western, sondern auch sonstige Abenteuergeschichten. Der Fundus an netten kleinen Hollywood-Abenteuerfilmen ist, gerade aus den 30er- bis 50er-Jahren, enorm groß und filmwissenschaftlich eher wenig beleuchtet. „In den Kerkern von Marokko“ ist einer aus dieser Kategorie und nur einer von etlichen, die Jeff Chandler und Joseph Pevney zu dem Sektor beigetragen haben. Auch dieser Film hat es allerdings selbst in den USA bis heute noch nicht zu einer DVD-Veröffentlichung gebracht. Jeff Chandler wäre im Dezember dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. So langsam wird es Zeit für einen DVD- oder Blu-ray-Start!

Seinen beiden weiblichen Co-Stars Rhonda Fleming und Mamie Van Doren könnte man damit vermutlich eine Freude machen. Sie sind mittlerweile stolze 95 und 87 Jahre alt. Neben ihnen lohnt der Film aber auch wegen Lee J. Cobb, der als orientalischer Sultan, zudem in einem Film recht trivialer Dramaturgie, ziemlich überraschend besetzt ist, aber mit dem man eigentlich nie etwas verkehrt macht. Unter den sonstigen Nebenrollen möchte ich besonders Philip Van Zandt und Tudor Owen hervorheben – zwei Charakterdarsteller mit Wiedererkennungswert, über deren vertraute Gesichter man sich immer freut und denen man den Spaß an ihrem Beruf stets anmerkt. Lediglich der in Berlin geborene Rex Reason, der damals auch als Heldendarsteller durchzustarten versuchte, hier aber den fiesen Antagonisten spielt, enttäuscht mit einer recht hölzernen Allerweltsdarbietung. In der deutschen Fassung irritiert zudem, dass Rex Reason die Stimme von Wolf Martini hat, der sich wenig später als Lee J. Cobbs Stammsprecher zu etablieren begann und dies wahrscheinlich auch geblieben wäre, wäre er nicht bereits 1959 verstorben. Zum Zeitpunkt der Synchronisation von „In den Kerkern von Marokko“ war Martini für Cobb aber noch nicht manifestiert, somit ist den Verantwortlichen hier kein Vorwurf zu machen. Eine Problematik, die sich im Synchron rückwirkend des Öfteren ergibt, sobald man ältere Filme mit Schauspielern schaut, bei denen sich erst später eine reguläre Stimme herauskristallisiert hat. Eine Problematik, die allerdings auch nicht wirklich zu verhindern ist. Ein wenig schade ist es trotzdem, da Martini verdammt gut für Cobb funktioniert – und nicht nur für den, sondern zum Beispiel auch Anthony Quinn, Ward Bond und Ted de Corsia. Aber Curt Ackermann als deutsche Stimme von Jeff Chandler ist so oder so die halbe Miete und stets eine Lehrstunde zum Thema Synchronisation.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Chandler und Lee J. Cobb sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 84 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Yankee Pasha
USA 1954
Regie: Joseph Pevney
Drehbuch: Joseph Hoffman, nach einem Roman von Edison Marshall
Besetzung: Jeff Chandler, Rhonda Fleming, Mamie Van Doren, Lee J. Cobb, Hal March, Rex Reason, Philip Van Zandt, Benny Rubin, Tudor Owen, Harry Lauter
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

 

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Pirates of the Caribbean – Salazars Rache: Eine letzte Fahrt – oder doch noch nicht?

Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales

Kinostart: 25. Mai 2017

Von Matthias Holm

Fantasy-Abenteuer // 14 Jahre ist es inzwischen her, dass Johnny Depp als Captain Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ gegen untote Piraten antreten musste. Der Mix aus wunderschönen Schauplätzen, interessanter Mythologie und erinnerungswürdigen Figuren war so erfolgreich, dass bis 2011 drei Sequels folgten. Doch bereits Teil drei war vielen Zuschauern zu überladen und der vierte Film war schlichtweg langweilig. Skepsis war also angesagt, als ein fünfter Teil der Saga angekündigt wurde. Statt Gore Verbinski (Teil eins bis drei) und Rob Marshall (Teil vier) übernahmen die beiden Norweger Joachim Rønning und Espen Sandberg („Max Manus“, „Kon-Tiki“) die Regie.

Jack und seine „Black Pearl“

Jack Sparrow (Johnny Depp) ging es schon mal besser: Seine Crew steht nicht unbedingt loyal zu ihm und sein Schiff, die „Black Pearl“, ist als Buddelschiff in einer Flasche gefangen. Doch als er seinen magischen Kompass gegen Rum eintauscht, kommt es noch schlimmer – so wird der böse Captain Salazar (Javier Bardem) befreit. Den hat Jack in seiner Jugend in eine Falle gelockt, seitdem sinnt sein Geist auf Rache. Zum Glück stolpert Jack über den jungen Henry (Brenton Thwaits), der auf der Suche nach dem Dreizack von Poseidon ist, der sämtliche Flüche der See aufheben kann und so auch die Geister vertreiben würde. Wie es der Zufall so will, liegt die Karte zum Dreizack in den Händen der Forscherin Carina Smyth (Kaya Scodelario), die schon Bekanntschaft mit Henry gemacht hat.

Neue Helden braucht das Land

Leider gestaltet sich diese Schnitzeljagd eher überraschungsarm. Wie die eigentliche Geschichte ausgeht und welche Wendungen sie nimmt, ahnt jeder, der schon mal einen Film gesehen hat. Doch das war nie die Stärke des „Pirates of the Caribbean“-Franchises. Natürlich liefert ein Johnny Depp als Jack Sparrow seine gewohnt gute Performance, genauso wie Geoffrey Rush als Barbossa, eine weitere Konstante der Filme. Wer jedoch angenehm überrascht, sind die beiden Neuzugänge auf der Heldenseite: Brenton Thwaites („Hüter der Erinnerung – The Giver“, „Gods of Egypt“) und Kaya Scodelario („Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth“ & „… in der Brandwüste) ergänzen einander hervorragend und spielen sich in den Dialogen immer wieder gegenseitig die Bälle zu. Henry als abergläubischer Seefahrer, der schon den einen oder anderen Kontakt mit Geistern und dergleichen hatte, und Carina, die fest an die Wissenschaft und nicht an Magie glaubt – das sind interessante Gegensätze.

Carina und Henry kommen einander näher

Über jeden Zweifel erhaben ist Oscar-Preisträger Javier Bardem („No Country for Old Men“). Im Gegensatz zu Ian McShane, der den Bösewicht des vierten Teils mimte, geht von Bardem eine konstante Bedrohung aus, wenn er zum Beispiel in seinem Hass auf Piraten skrupellos Barbossas Crew dezimiert. Einen großen Anteil am Funktionieren dieser Szenen hat auch das Figurendesign. Salazar sieht so aus, als befinde er sich ständig unter Wasser, seine Abzeichen und Haare scheinen durch die Luft zu gleiten. Dazu fehlen ihm Hautfetzen im Gesicht, was sein bedrohliches Auftreten unterstreicht.

Salazar macht Jagd auf Jack

Ohnehin ist die Optik das größte Pluspunkt des Films. Wenn die Piraten durch eine karibische Hafenstadt fliehen oder Salazars Schiff wortwörtlich andere Segler verschlingt, ist das schlichtweg beeindruckend. Wie man es von dem Franchise aus dem Hause des Produzenten Jerry Bruckheimer dann auch gewohnt ist, gibt es Actionsequenzen, die absolut unrealistisch sind. Doch wo sich die anderen Filme in ihrem Bombast wälzten, ist sich „Salazars Rache“ stets bewusst, wie übertrieben das alles ist, und macht sich daraus das eine oder andere Späßchen.

Mal wieder eine Szene nach dem Abspann

Am besten ist der Film immer dann, wenn er die Fans des Franchises anspricht. Es gibt einige Momente, die darauf konzipiert sind, Gänsehaut zu verursachen, und die dies zuverlässig schaffen, ohne peinlich zu wirken. Als Beispiel sei Jacks Ernennung zum Captain erwähnt, bei der er verschiedene Gegenstände bekommt, die er immer noch herumträgt. Es gibt viele solche kleinen Verweise, unterlegt mit den nach wie vor großartigen Musikstücken des ersten Teils. Vor allem gelingt dem Action-Abenteuer etwas, das man ihm nicht zugetraut hätte – einen wirklich würdigen Abschluss. Wenn da nur nicht diese blöde After-Credit-Szene wäre …

Mach mal „Aaah“!

„Pirates of the Caribbean – Salazars Rache“ ist kein herausragendes Abenteuer wie der erste Teil. Und doch schafft er es, Captain Jack Sparrow und seiner Crew eine würdige letzte (oder vorletzte? Oder vorvorletzte?) Fahrt zu spendieren. Das Drehbuch hätte ruhig straffer sein können, aber sowohl die lieb gewonnen alten als auch die gelungenen neuen Figuren lassen es nie langweilig im Kino werden. Jo-hoo – und ‘ne Buddel voll Rum.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Johnny Depp sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Pirates of the Caribbean – Dead Men Tell No Tales
USA 2017
Regie: Joachim Rønning, Espen Sandberg
Drehbuch: Jeff Nathanson, Terry Rossio
Besetzung: Johnny Depp, Javier Bardem, Brenton Thwaits, Kaya Scodelario, Geoffrey Rush, Kevin McNally, David Wenham, Stephen Graham
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakate, Fotos & Trailer: © 2017 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2017/05/23 in Film, Kino, Rezensionen

 

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