RSS

Schlagwort-Archive: Polen

Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld: Vom Massaker in Wolhynien und Ostgalizien

Wolyn

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Kriegsdramen europäischer Länder führen uns bisweilen Ereignisse vor Augen, von denen wir sonst womöglich kaum erfahren hätten. Wer hat sich schon ausufernd mit jedem Schauplatz des Zweiten Weltkriegs befasst? Im Falle des polnischen Beitrags „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ sind dies die Massaker in Wolhynien und Ostgalizien (Volhynian Massacre): Von Februar 1943 bis April 1944 ermordeten ukrainische Nationalisten der Ukrainischen Aufständischen Armee in den seinerzeit von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten beinahe 100.000 Zivilistinnen und Zivilisten polnischer Herkunft. Das kann man auch schon Genozid und Völkermord nennen.

Zosia und Petro genießen die Feier

Das Kriegsdrama des polnischen Regisseurs Wojciech Smarzowski beginnt ausgelassen mit Bildern einer Hochzeitsfeier 1939 in einem von Ukrainern und Polen bewohnten Dorf, darunter auch Juden. Die junge Polin Zosia (Michalina Labacz), Schwester der Braut, hat Schmetterlinge im Bauch, weil sie sich in den feschen Ukrainer Petro (Wasyl Wasylik) verliebt hat, doch sie wird noch am selben Abend unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Ihr Vater bestimmt, dass Zosia den wohlhabenden Ortsvorsteher Maciej Skiba (Arkadiusz Jakubik) heiratet, einen deutlich älteren Witwer. Bald darauf bricht mit dem Einmarsch der Deutschen in Polen der Krieg aus und Zosias hartherziger Ehemann muss an die Front.

Doch ihr Ehemann wird der hartherzige Witwer Maciej

Von den Spannungen zwischen Polen und Ukrainern erfahren wir bereits mittels einiger Dialoge während der Hochzeitsfeier. Im weiteren Verlauf des Films beobachten wir hautnah, wie Zosia in den Kriegswirren zu überleben versucht. „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ meistert das Zusammenspiel zwischen persönlichem Porträt und der Darstellung der grausamen Ereignisse sehr souverän. Zosias Schicksal als ohnehin entrechtete Frau weckt unser Mitgefühl, gleichzeitig ziehen uns die sich ins Grausame steigernden historischen Ereignisse in ihren Bann – und das dramaturgisch und visuell auf hohem Niveau über die lange Spielzeit von fast zweieinhalb Stunden.

Der Widerstand gegen die deutschen Invasoren währt nur kurz

Der für den deutschen Markt gewählte Titel „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ klingt arg pathetisch, das hat das polnische Werk nicht verdient. Schon klar, das bezieht sich auf den bekannten Spruch von der Unschuld, die das erste Opfer des Krieges sei. Da mag etwas dran sein, gleichwohl liest sich das mittlerweile sehr ausgelutscht. Die deutschen Titelschöpfer hätten sich mit dem im Original „Wolyn“ (polnische Bezeichnung für Wolhynien) betitelten Film vielleicht etwas mehr Mühe geben können.

Kriegsdrama mit ungewöhnlich hoher Altersfreigabe

Überraschenderweise scheiterte Tiberius Film mit dem Versuch, eine Freigabe ab zwölf Jahren zu erhalten. Gemeinhin drückt die FSK bei Kriegsdramen mit erzieherischem Anspruch auf historische Authentizität gern mal ein Auge zu, was gewalthaltige Filme angeht – nicht in diesem Fall. Immerhin weiß das Label offenbar, dass manche Filmfreunde, die Wert auf ungeschnittene Fassungen legen, beim roten FSK-18-Logo argwöhnen, es dennoch mit einer zensierten Version zu tun zu haben – das Label versah das Cover mit dem Hinweis, dass es sich um die ungekürzte Fassung handelt.

Die Wehrmacht marschiert ein

Nach Sichtung des Films bekenne ich: Die 18er-Freigabe geht völlig in Ordnung, Minderjährigen sollte man „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ nicht zumuten. Lässt sich das Kriegsdrama anfangs ruhig an, um einige Protagonisten vorzustellen und zu charakterisieren, geht es im letzten Drittel übelst zur Sache. Ich gebe dafür nun ein paar Beispiele – wer szenische Spoiler gern meidet, möge den Rest dieses Absatzes überspringen. Wenn die polnische Minderheit dahingemetzelt wird, öffnen die Macher die Trickkiste der blutigen Splattereffekte ganz weit. Da wird ein Mann zwischen zwei Pferden festgebunden und bei deren Auseinanderreiten zerrissen. Schwenkt die Kamera bald darauf noch gnädig weg, als ein mordlüsterner Ukrainer ein Baby vor den Augen der Mutter mit der Axt abschlachtet, so hält sie im nächsten Moment voll drauf, als die Mutter geköpft wird. Dennoch erhält das Geschehen nach meinem Empfinden niemals Exploitation-Charakter.

Die Juden verstecken sich vor den Deutschen

Die Massaker liefen offenbar tatsächlich mit außergewöhnlicher Grausamkeit ab – keine Seltenheit, dass anfangs ganz normale Männer im Verein mit anderen zu Mördern werden und sich als Massenmörder im Kreise vieler Gleichgesinnter in einen Blutrausch hineinsteigern. Laut IMDb-Trivia unterliegt das Kriegsdrama in der Ukraine einem Verbreitungs- und Aufführungsverbot. Solche Maßnahmen sind zwar scharf zu kritisieren, aber es verwundert nicht, dass sich angesichts von „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ einige Politiker und Vertreter anderer Professionen in der Ukraine auf den Schlips getreten fühlten.

Grausame Schilderung historischer Ereignisse

Die gezeigten Grausamkeiten dürften nur wenige Zuschauerinnen und Zuschauer kaltlassen. Bei mir war das jedenfalls nicht der Fall, obwohl ich Gewaltdarstellungen im Film gewohnt bin und vor ihnen nicht zurückschrecke. Da zudem die Hauptfigur Zosia als Identifikationsfigur taugt, kann ich „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ all jenen empfehlen, die an anspruchsvollen Kriegsdramen und filmischer Aufarbeitung historischer Kriegsereignisse interessiert sind. Zartbesaitete sollten aber Vorsicht walten lassen.

Die Massaker nehmen ihren grausamen Lauf

Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension fanden sich in in der IMDb lediglich zwei „external reviews“ (Stand März 2019). Wer des Englischen mächtig ist, möge auch diesen aufschlussreichen Text lesen. „Sommer 1943 – Das Ende der Unschuld“ hat weitaus mehr Aufmerksamkeit verdient – und der Massenmord die Bewahrung vor dem Vergessen.

Zosia versucht zu fliehen

Veröffentlichung: 7. März 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 144 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Polnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Wolyn
POL 2016
Regie: Wojciech Smarzowski
Drehbuch: Wojciech Smarzowski
Besetzung: Michalina Labacz, Arkadiusz Jakubik, Wasyl Wasylik, Izabela Kuna, Jacek Braciak, Adrian Zaremba, Maria Sobocinska, Oleksandr Zbarazkyi, Lech Dyblik, Gabriela Muskala
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Tiberius Film

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Die Auserwählten – Helden des Widerstands: Vom Aufbegehren der Juden in Ungarn und Polen

die_auserwaehlten-packshot

Chosen

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Alt ist er geworden, der gute Harvey Keitel. Seinen verdienten Oscar wird der 1939 Geborene wohl nicht mehr bekommen, auch wenn er nach wie vor aktiv ist. Für seine Nebenrolle in Barry Levinsons Biopic-Krimidrama „Bugsy“ hatte er 1992 seine einzige Oscar-Nominierung erhalten. In „Die Auserwählten – Helden des Widerstands“ hat er lediglich eine Nebenrolle in der Rahmenhandlung: Damit sein Enkel Max (Julian Shatkin) einen Aufsatz über Helden schreiben kann, berichtet der von Keitel verkörperte Greis ihm über Kriegserlebnisse in Ungarn und Polen:

die_auserwaehlten-02

Großvater erzählt aus dem Krieg

Der junge Jude Sonson (Luke Mably) muss 1943 in einem ungarischen Arbeitslager schuften. Seine Laufbahn als Jurist hatte er unter dem Regime aufgeben müssen, doch er fügt sich klaglos, erträgt auch die Vorwürfe seiner Schwägerin Judith (Ana Ularu), die sich dem Widerstand angeschlossen hat. Dann jedoch startet die deutsche Wehrmacht das Unternehmen Margarethe – die Invasion Ungarns, um den unsicheren Bündnispartner auf Gedeih und Verderb ans „Dritte Reich“ zu fesseln. Den ungarischen Juden droht die Deportation und Ermordung. Die alliierte Invasion in der Normandie bringt zwar Hoffnung auf einen Sieg über Hitler-Deutschland, aber Frankreich ist weit weg, die Westfront wird den ungarischen Juden keine Rettung bringen. Sonson muss Farbe bekennen, zumal seine Frau Florence (Diana Cavallioti) an Brustkrebs erkrankt und ihr als Jüdin die Behandlung verweigert wird.

die_auserwaehlten-14

Florence erkrankt schwer

Der Pressemitteilung von Tiberius Film zufolge basiert „Die Auserwählten – Helden des Widerstands“ auf wahren Begebenheiten. Ob das nur für die historisch verbürgten Ereignisse der ungarischen Besetzung durch die Wehrmacht und der Deportation der Juden gilt oder auch für die Figur des Sonson und anderer dargestellter Personen, entzieht sich meiner Kenntnis. Um seine deportierte Schwägerin zu finden, geht er nach Polen, organisiert dort schließlich sogar den Widerstand im Warschauer Ghetto.

die_auserwaehlten-07

Die ungarische Obrigkeit beginnt …

Nachdem die großen Schauplätze des Zweiten Weltkriegs über die Jahre ohnehin im Kino berücksichtigt worden sind, gibt es mittlerweile auch viele Beiträge, die „unbekannte Kapitel“ der damaligen Ereignisse erzählen oder andere als die Haupt-Schauplätze des Krieges zeigen. „9. April – Angriff auf Dänemark“ ist ein Beispiel dafür, auch der in Estland spielende „Brüder – Feinde“ und das finnische Kriegsdrama „Winterkrieg“ seien genannt. Mit dem britischen „Die Auserwählten – Helden des Widerstands“ ist nun also Ungarn an der Reihe, allerdings verlegt sich die Handlung mit Sonsons Suche nach seiner Schwägerin nach Polen.

die_auserwaehlten-09

… mit der Deportation der Juden

Derlei Filme laufen Gefahr, in Pathos zu ersticken, speziell wenn man es mit dem Soundtrack etwas zu gut meint. Das ist in diesem Film glücklicherweise nur begrenzt der Fall und hält sich im Rahmen des Erträglichen. Positiv zu bemerken ist des Weiteren, dass auch das Handeln der Widerständler schonungslos gezeigt wird: Da werden gefangene ungarische Soldaten kurzerhand von Frauen abgemurkst – nun gut, sie hatten sich vorher als Vergewaltiger an ihnen schadlos gehalten. Ein anderer Gefangener wird ohne viel Federlesens erdrosselt, sein Vergehen bleibt vage.

die_auserwaehlten-10

Sonson (2. v. l.) schließt sich dem Widerstand an …

Das ist auch insofern positiv zu bewerten, als es immer schwierig ist, wenn Kriegsfilme ihre Protagonisten als allzu heldenhaft darstellen. Diese Gefahr umgeht „Die Auserwählten – Helden des Widerstands“ zudem durch das zurückhaltende Spiel von Hauptdarsteller Luke Mably („28 Days Later“) und der seine Schwägerin darstellenden Ana Ularu („Inferno“). Kriegerische Auseinandersetzungen treten vermehrt erst in der zweiten Hälfte des Films auf, womöglich einem Mangel an Budget geschuldet, aber das Drama ist ohnehin mehr an den Schicksalen interessiert als am Kampf.

die_auserwaehlten-05

… um seine Schwägerin Judith zu finden …

Weshalb die Protagonisten „Die Auserwählten“ sind – der Originaltitel lautet synchron dazu „Chosen“ –, bleibt offen. Ist es, weil sie Juden sind, die oft als „auserwähltes Volk“ bezeichnet werden? Oder weil Sonson und Judith vom Schicksal auserwählt sind, Widerstand zu leisten? Man weiß es nicht. „Die Auserwählten – Helden des Widerstands“ ist viel besser als sein arg plakativer deutscher Titel, insgesamt kein Meisterwerk, aber ein ansehnliches Kriegsdrama mit guter Balance zwischen leisen Tönen und dramatischen Ereignissen.

die_auserwaehlten-12

… und maskiert sich dafür sogar als SS-Mann

Veröffentlichung: 18. November 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 105 Min. (Blu-ray), 101 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Chosen
GB 2016
Regie: Jasmin Dizdar
Drehbuch: Gabriel de Mercur
Besetzung: Luke Mably, Ana Ularu, Harvey Keitel, Andrei Albulescu, Tomasz Aleksander, Radu Banzaru, Diana Cavallioti, Erich Redman
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Pandastorm Pictures

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

die_auserwaehlten-04

Es kommt zum erbitterten Kampf

Fotos & Packshot: © 2016 Pandastorm Pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , ,

Operation Arsenal – Schlacht um Warschau: Journal junger Helden

Operation_Arsenal-Cover-DVD Operation_Arsenal-Cover-BR

Kamienie na szaniec

Kriegsdrama // Als Teil der polnischen Heimatarmee kämpfte die Pfadfinderorganisation Szare Szeregi (zu deutsch: Graue Reihen) im Zweiten Weltkrieg gegen die deutsche Besatzungsmacht. Einer von ihnen war Aleksander Kaminski, der noch während des Krieges die Geschichte von Rudy (Tomasz Zietek), Zoska (Marcel Sabat) und Alek (Kamil Szeptycki) aufgeschrieben hat. In Polen wurde Kaminskis Buch zum Bestseller.

Rudy (l.) und Zoska beobachten Schlimmes

Die filmische Adaption zeigt, wie sich die drei Freunde und ihre Kameraden mit waghalsigen Aktionen gegen die Besatzer immer wieder in Lebensgefahr bringen. Eines Tages gerät Rudy in Gefangenschaft. Die Deutschen foltern ihn, um die Szare Szeregi endlich vernichten zu können, aber Rudy bleibt stark. Gegen den Willen der Führer ihrer Organisation planen Zoska und Alek eine Befreiungsaktion.

Erwachsenwerden in Zeiten des Krieges

Zu Beginn wirkt „Operation Arsenal – Schlacht um Warschau“ fast wie ein leichtfüßiges Coming-of-Age-Abenteuer. Die mutigen jungen Menschen werden sympathisch inszeniert, ihre Aktionen erscheinen kaum lebensgefährlich. Das kippt, als sie selbst Zeuge einer Massenerschießung werden und um ihr Leben rennen müssen. Spätestens mit dem Beginn von Rudys Folterung wird der Film dann endgültig zum düsteren Kriegsdrama.

Rudys Schwester und seine Mutter kehren ahnungslos heim

Ausstattung und Setdesign wirken authentisch und vermitteln Glaubwürdigkeit. Die deutschen Besatzer sind durchweg eindimensional bis sadistisch gezeichnet, aber will man das einem polnischen Film über den Zweiten Weltkrieg verdenken? Sicher nicht. Mit der visuellen Wucht von Big-Budget-Produktionen aus Hollywood vermag er nicht mitzuhalten, dennoch kann man internationales Format konstatieren. Etwas befremdend mutet es allerdings an, dass die Judenverfolgung und das Warschauer Getto vollständig ausgeklammert werden. Der Holocaust kommt im Film überhaupt nicht vor.

Der Widerstand der „Grauen Reihen“ ist ein kleiner und bei uns zweifellos kaum bekannter Aspekt der deutschen Besetzung Polens. Umso besser, dass Ascot Elite Home Entertainment „Operation Arsenal – Schlacht um Warschau“ nun bei uns veröffentlicht hat.

Operation_Arsenal-3

Massenerschießung im nächtlichen Regen

Veröffentlichung: 4. August 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Polnisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Kamienie na szaniec
POL 2014
Regie: Robert Glinski
Drehbuch: Wojtek Palys, Dominik Wieczorkowski-Rettinger, nach dem Tatsachenroman von Aleksander Kaminski
Besetzung: Tomasz Zietek, Marcel Sabat, Kamil Szeptycki, Magdalena Kolesnik, Sandra Staniszewska, Wolfgang Boos, Hans Heiko Raulin, Andrzej Chyra, Wojciech Zielinski, Artur Zmijewski, Danuta Stenka
Zusatzmaterial: Originaltrailer, deutscher Trailer, Interviews, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: