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Fahrenheit 11/9 – Wie konnte es nur so weit kommen?

Fahrenheit 11/9

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Polit-Doku // „The American Dream is dead!“ Diese Feststellung vom angeblichen Ende des viel gerühmten amerikanischen Traumes ausgerechnet aus dem mittlerweile nur allzu bekannten, hassverzerrten Gesichts eines Donald J. Trumps zu vernehmen, kann ich mir passender kaum vorstellen. Der 2003 für „Bowling for Columbine“ mit dem Oscar prämierte US-Dokumentarfilmer Michael Moore wohl auch nicht, zeigt er diesen Ausschnitt doch extra im Superzoom – undefinierbare Krümel-/Spuckereste im Gesicht des „Trumpeltiers“ inklusive. Moore stellt sich und seinen Zuschauerinnen und Zuschauern die unbequeme Frage, wie zur Hölle es eigentlich so weit kommen konnte, dass ausgerechnet dieser unberechenbare Narzisst zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten werden konnte?

Realität oder doch SF-Dystopie? Donald Trump wird 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Im Grunde genommen war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der so populäre wie umstrittene Filmemacher Moore – nach amerikanischer Autoindustrie, George W. Bush und den dummen weißen Männern allgemein, der Waffenlobby und dem amerikanischen Gesundheitssystem – nach „Michael Moore in TrumpLand“ (2016) erneut einer filmischen Abrechnung dieses neuen, menschgewordenen amerikanischen Albtraums annimmt. Angelehnt an einen seiner Erfolgsfilme, „Fahrenheit 9/11“ (2004), ist für ihn nun der 9. November nach den Anschlägen auf das World Trade Center ein beinahe ebenso signifikantes Datum in der Geschichte der stolzen amerikanischen Nation – der Wahlabend von 2016 mit dem uns allen nur zu bewusstem Ausgang. In seinem neuesten Werk geht der kontroverse Filmemacher der Frage nach, ob der amerikanische Traum wirklich so tot ist, wie von Trump beschworen – oder ob das bloß eine weitere Lüge in seinem aus Lügen konstruierten Weltbild darstellt. Und vor allem, ob Trump, mit all dem ihm innewohnenden Schrecken nicht vielleicht doch einfach nur das nötige Übel ist, aus dem künftig Besseres erwachsen kann?

Vorfreude ist die schönste Freude

Doch bevor Moore es wagt, Hoffnungen auf positive Auswirkungen dieser immer noch surreal anmutenden Präsidentschaft des ehemaligen Reality-TV-Stars Trump zu äußern, lässt er uns noch einmal in aller schmerzhaften Ausführlichkeit an dem Drama des Wahlabends teilnehmen. Insbesondere Hillary Clinton und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer bekommen hier ordentlich ihr Fett weg. Ist deren Siegesfeier doch trotz noch offenen Ausgangs der Wahl bereits in vollem Gange – von der am Ende der Wahlnacht nur noch bitter weinende Menschen übrig bleiben werden. Gegenüber dem breiten, stets siegessicheren Grinsen einer Hillary Clinton, dass Moore besonders häufig zu zeigen genießt, erscheint die „Siegesfeier“ des Donald Trump beinahe schon bescheiden und demütig. Er hatte wohl nicht mal eine Rede vorbereitet.

Kaum jemand traute Trump zu, die Wahl zu gewinnen – nicht mal er selbst?

Moore lässt kein gutes Haar an den Demokraten und dem blinden Glauben deren Partei-Establishments an einer seiner Meinung nach ungeeigneten Kandidatin. Denn wenn der Dokumentarfilmer eines noch nie unterdrücken konnte, dann seine eigene Sichtweise auf die Welt. Und die läuft nach klaren Grundsätzen. Das mag man gut oder schlecht finden – so oder so sollte dem Publikum stets bewusst sein, dass man es bei Moore kaum mit einer objektiven Betrachtung des Weltgeschehens zu tun bekommt. So lässt er etwa Bernie Sanders als den Heiland aufleben, der uns den Trump-Albtraum eventuell hätte ersparen können. Belegen kann er dies selbstverständlich nicht, aber die Art und Weise, wie die „Elite“ der Demokraten Sanders mit offensichtlich unlauteren Mitteln aus dem Kandidatenrennen drängte, lässt er nochmals in großem Umfang Revue passieren.

“Donald & Me“

Doch lässt Moore auch angenehm selbstkritische Töne anklingen, in Bezug auf seine persönliche Vergangenheit mit Trumps Gefolgsleuten. Neben Kuscheleien etwa mit der Regierungsandroidin Kellyanne Conway oder Stelldicheins mit Jared Kushner, war er in den 1990er-Jahren bereits einmal mit dem besagtem Präsidentschaftsdarsteller als Gast in der Talkshow von Roseanne Barr – in der er sich von deren Produzenten breitschlagen ließ, den armen Herrn Trump doch bitte nicht allzu sehr ranzunehmen. Es sei ja schließlich ein Nachmittagsprogramm, da könne man hitzige Diskussionen mit Hang zur Fäkalsprache nicht gebrauchen. Moore wisse doch, wie sein Co-Gast so sei. Interessanterweise ist das, was für amerikanische Nachmittagstalks als ungeeignet gesehen wurde, dank Trump mittlerweile zum „guten Stil“ der politischen Auseinandersetzung geworden. Ebendieser lässt, zur Verwunderung Moores, in besagter Talkshow durchklingen, er sei ein großer Fan dessen ersten großen Erfolges „Roger & Me“ (1989) gewesen – verbunden mit dem Hinweis, er hoffe, Moore würde bloß niemals einen Film über ihn machen. Tja Donald, das war wohl nix.

Trump auf allen Kanälen

Es stellt sich die Frage: Will man eigentlich zwingend noch mehr sehen von Donald J. Trump? Reicht es nicht bereits, jeden Tag erneut an seine Existenz erinnert zu werden und mit der steten Mischung aus Verwunderung und Belustigung auf der einen sowie Schrecken und Abscheu auf der anderen Seite den neuesten Wahnsinn aus dem Weißen Haus zu verfolgen? Und kann Moore eigentlich noch großartig neue Erkenntnisse liefern über einen Mann, über den wir seit nunmehr über zwei Jahren viel mehr hören und sehen müssen, als uns allen lieb sein kann?

Michael Moore, wie man ihn kennt – stets mit latentem Hang zu übertriebenen Aktionismus

Allerdings kommt Trump in „Fahrenheit 11/9“ überraschend wenig vor. Eher schwebt er als ewig drohendes Unheil damoklesschwertmäßig über den vielen behandelten Themen. Denn es geht neben der Frage „Wie konnte es so weit kommen?“ vor allem um die Frage: „Wie sieht das Leben in von Trumps Hass tief gespaltenem Amerika nach den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit aus?“ Themenmäßig orientiert sich Moore zum Teil an seinen früheren Filmen. So behandelt er etwa in einem großen Block die vom republikanischen Gouverneur Michigans, Rick Synder, verantwortete Trinkwasservergiftung in Moores Heimatstadt Flint – bleiverseuchte Kinder und Todesfälle inklusive. Wie in einer Art Verknüpfung seines Buchs „Stupid White Men“ mit seinem Film „Sicko“ (2007) geht er hier erneut nicht gerade zimperlich mit den Problemen um, die Erkrankungen für finanziell schwache Menschen in den USA bedeuten und vor allem mit den gierigen republikanischen Hintermännern, die dies zu verantworten haben. Aber auch das Denkmal des viel zu oft zum Heilligen erklärten Barack Obamas bekommt in diesem Zusammenhang von Moore ein paar bemerkenswerte Kratzer verpasst.

Wasser marsch!

In Zusammenhang mit diesem zwar bestürzenden, aber an sich ein wenig zu langen Teil der Trinkwasservergiftung bekommen wir es zudem noch einmal mit dem „guten alten“ Moore zu tun – der seine Wut gern auch mal in etwas plump anmutenden, aktionistischen Aktionen auslebt. Die bringen zwar wenig, funktionieren aber immerhin für die Kamera. In „Fahrenheit 11/9“ sieht das so aus, dass er dem viel gescholtenen Gouverneur Snyder nicht nur eine Wagenladung des giftigen Trinkwassers in den hauseigenen Garten spritzt – er stampft auch in seiner stets etwas ungelenken Art in dessen zentrales Regierungsgebäude, wo er diesen „im Namen des Volkes“ festnehmen will. Was natürlich nicht funktioniert.

Trump = Hitler?

Verrennen tut Moore sich meiner Meinung nach vor allem in seiner Hitler-Analogie. Auch wenn gewisse Parallelen zu Trump, insbesondere im aufgeheizten und von Hass geprägten politischen Diskurs zu erkennen sind, die Moore auch durch wissenschaftliche Experten zu begründen ersucht – ein wenig drüber ist dieser Vergleich schon. Mag das Zusammenfügen einer Rede Adolf Hitlers mit den Worten Trumps sogar für einen Moment eine gewisse Komik innehaben, so zeugt Moores Nacherzählung von Hitlers Trump anscheinend nicht ganz unähnlichem Aufstieg zur Macht doch von einer Reihe an historischen Fehlern, die bei einem hoffentlich gut informierten deutschen Publikum natürlich umso mehr ins Gewicht fallen werden. Damit entzieht Moore seiner These von den Gemeinsamkeiten zwischen dem „GröFaZ“ und dem „POTUS“ ziemlich rasch selbst den argumentativen Boden.

Moore mit Aktivisten und Aktivistinnen der Parkland Highschool

Es scheint, als hätte sich die Methode Moore über die Jahrzehnte ein wenig abgenutzt. Zumindest bei mir ist dies der Fall. Früher, in jungen Jahren (lang, lang ist es her) noch ein wahrer Fan seiner Filme und Bücher, so ist die Beziehung mittlerweile doch stark abgekühlt. So unterhaltsam seine Werke auch sein mögen, mir ist dies schlussendlich zu tendenziös – auch wenn ich grundlegende Sichtweisen Moores natürlich weiterhin teile. Auch ist mir sein Weltbild für meinen heutigen Geschmack zu sehr in Schwarz-Weiß-Mustern gefangen. Gepaart mit seinem Hang zu polemischen Aktionismus und Übertreibungen nicht die beste Kombination.

Übergabe des Stabs an die nächste Generation? Moore mit David Hogg aus Parkhurst

Seine besten Momente hat „Fahrenheit 11/9“, wenn es um den von Moore gepriesenen Nachwuchs geht, der politisch Hoffnung machen darf. Angelehnt an seinen größten Erfolg „Bowling for Columbine“ (2002) weiß dieser vor allem mit dem Aufgreifen des ewigen amerikanischen Leidthemas „Amokläufe und die NRA“ zu überzeugen. Dies liegt insbesondere an den bewundernswerten Schülern der Parkland Highschool, die nach dem tragischen Amoklauf an ihrer Schule vom 14. Februar 2018 eine massive, weltweit beachtete Protestbewegung gegen den amerikanischen Waffenwahn auslösten. Moores Besuch im Hauptquartier dieser jungen Bewegung gehört definitiv zu den Highlights seines Dokumentarfilms. Wie auch der Besuch von Vertretern der Bewegung bei Kongressabgeordneten, die sie um Unterstützung im Kampf gegen die NRA bitten und dabei von Moore begleitet werden. Ebenso hinterlässt die junge Emma González auch hier einen bleibenden Eindruck in dieser insgesamt so tollen Bewegung bemerkenswerter junger Menschen. Auch wenn sie selbst in „Fahrenheit 11/9“ nicht direkt in Verbindung mit Moore, sondern nur durch Ausschnitte ihrer bekannten öffentlichen Auftritte in Erscheinung tritt. Man kann nur hoffen, dass die jungen Leute hartnäckig bleiben und der Waffenwahn in den USA eines Tages endgültig zu einem Ende finden wird.

Emma González – ihre berühmte Rede berührt jedes Mal aufs Neue

Neben den aufmüpfigen Schülern, die sich nicht länger widerstandslos der Gefahr hingeben wollen, von schießwütigen Irren zu menschlichen Zielscheiben umfunktioniert zu werden, spendet Moore auch dem Nachwuchs der Demokraten eine Menge Zeit. Nach seiner Anklage gegenüber dem Partei-Establishment und deren Umgang mit Bernie Sanders begleitet er eine Reihe ebenfalls bemerkenswerter, aufstrebender Männer und Frauen aus der Basis. Darunter unter Anderem Rashida Tlaib, die nach den Midterm-Wahlen seit dem 3. Januar 2019 als erste Muslima (gemeinsam mit Ilhan Omar) im Repräsentantenhaus der USA sitzt. Ebenso Alexandria Ocasio-Cortez, die seit besagter Wahl als bislang jüngste Frau ebenfalls im amerikanischen Kongress sitzt. Bessere „Anti-Trumps“ konnte Moore natürlich kaum finden. Gerade Ocasio-Cortez als schöne und junge, hochintelligente, beliebte Frau mit hispanischen Wurzeln und ultralinken Positionen verkörpert all das, was ein Trump nie sein kann. Vor allem Rashida Tlaib bekommt besonders viel Filmzeit zugestanden – sie stört gern auch mal medienwirksam Trump-Auftritte und lässt sich zufrieden von der Security heraustragen. Klar, dass einem Michael Moore so etwas gut gefällt.

Trump – ein notwendiges Übel?

Der Dokumentarfilmer vertritt anhand der Darstellungen dieser jungen Hoffnungsträger seine Hoffnung, durch eine Katastrophe wie Trump werde die große Mehrheit der Vernünftigen, wie er es nennt, künftig endlich wieder das Ruder übernehmen. Moore wäre aber nicht Moore, wenn er nicht trotzdem einen in den USA kürzlich erfolgten atomaren Fehlalarm als mögliches Alternativszenario einzubringen versucht. Bei seinem Abgesang auf die alten Eliten von rechts wie von links kann man aber auch nicht umhin, ihn selbst da irgendwie mit einzuschließen. Wirkt es doch, als würde er das Zepter nun langsam weiterreichen an Menschen wie González und Ocasio-Cortez. Moore jedenfalls wirkt nicht nur wütend, sondern im Vergleich mit seinen früheren Werken auch ein Stück weit müde.

Ein typischer Moore eben

„Fahrenheit 11/9“ wirkt daher wie ein Rundumschlag eines wütenden, aber auch merklich alt gewordenen Provokateurs und Anklägers. Durchaus unterhaltsam gemacht, werden daher insbesondere seine Fans auf ihre Kosten kommen. Alle anderen dürfte Moores typischer Hang zum Tendenziösen und sein starres Schwarz-Weiß-Denken auf Dauer nerven. Auch, dass der Film mitunter einen roten Faden vermissen lässt und wirkt, als wüsste Moore selbst nicht recht, was er am Ende eigentlich will. Einen Film über Trump? Über korrupte und verbrecherische Republikaner (allerdings weit vor der Trump-Ära)? Das Versagen der Demokraten? Waffengesetze? Gesundheitssystem? Die Sprunghaftigkeit bekommt der Doku nicht immer gut. Und gerade wenn es um Trump geht, gibt es mittlerweile eine Reihe an Medienschaffenden, die diesen deutlich pointierter, gewitzter und auch ansprechender als das entlarven, was er ist. Zu empfehlen sei hier etwa Seth Myers, der Trump in seiner Late Night Show insbesondere im thematischen Block „A Closer Look“ mitunter gleich mehrfach pro Woche auf höchst ansprechende und unterhaltsame Weise ordentlich einheizt – alles ist legal auf YouTube abrufbar. Schaut rein, es lohnt sich!

Rashida Tlaib – eine Politikerin, ganz nach Moores Geschmack

Ansonsten bleibt zu hoffen, dass Trump schon bald dort ist, wo er hingehört – in den Archiven der Weltgeschichte. Sei es durch Sonderermittler Mueller, dem Lauf der Natur oder spätestens 2020 dank des amerikanischen Volkes. Und wir eines Tages voller Unglaube zurückblicken können auf eine Präsidentschaft, die irrsinniger kaum sein kann. Allerdings macht die momentane Entwicklung, inklusive „Government Shutdown“ und stetig drohender Notfallgesetze, die Lage nicht gerade hoffnungsvoller. Wobei die USA in Sachen politischen Irrsinn derzeit wiederum leider keinesfalls allein sind. Die Welt ist doch irgendwie bekloppt, oder?

Hoffentlich bald Geschichte: Donald J. Trump

Länge: 128 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Fahrenheit 11/9
USA 2018
Regie: Michael Moore
Drehbuch: Michael Moore
Mitwirkende: Michael Moore, Hillary Clinton, Barack Obama, Bernie Sanders, Emma González, David Hogg, Rashida Tlaib, Alexandria Ocasio-Cortez, Rick Snyder, Jared Kushner, Stephen Bannon, Kellyanne Conway, George W. Bush, Bill Clinton, Ivanka Trump, Ted Cruz, u. v. m. … und Donald Trump
Verleih: Weltkino Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Weltkino Filmverleih,
Szenenfotos: © 2018 Midwestern Films LLC. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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David Fincher (IV): House of Cards – Die komplette erste Season: Macht ist alles

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House of Cards – Season One

Weshalb wird eine Serien-Rezension Teil dieser Reihe? David Fincher hat die beiden ersten Episoden inszeniert.

Von Simon Kyprianou

Drama-Serie // Ein neuer US-Präsident wird gewählt. Demokrat Francis Underwood (Kevin Spacey) freut sich auf den Posten des Außenministers, den das neue Staatsoberhaupt Garrett Walker (Michael Gill) ihm versprochen hat. Doch er bekommt ihn nicht – Underwood soll weiterhin Abgeordnete auf Kurs halten. So beschließt Frank, von nun an mit seiner Frau Claire (Robin Wright) alles dafür zu tun um zu sabotieren, zu tricksen und Macht zu erlangen.

TV-Serien als Gegenpol zum einfallslosen Hollywood-Kino

Was die seit Jahren neu aufkeimende Serienkultur so anziehend und interessant gemacht hat, war, dass sie der Stagnation des Kinos angenehm entgegengewirkt hat. Das Kino – speziell das aus Hollywood – scheint sich in den vergangenen Jahren etwas verloren zu haben, in Prequels, Sequels, Reboots, Remakes. Mit den omnipräsenten Superheldenfilmen ist obendrein eine unangenehme Infantilisierung des Kinos zu beobachten.

Großartige Serien wie „Breaking Bad“, „The Wire“ und jüngst „True Detective“ wirkten dem entgegen, waren frische, eigenständige Stoffe, die das in sich vereint haben, was man am Kino zuletzt so vermisst hat: Komplexität, Ästhetik, hervorragend geschriebene Figuren, hervorragendes Schauspiel.

Von der Leinwand ins Serienuniversum

Mittlerweile kann man jedoch auch in der Serienkultur Remake- und Reboot-Erscheinungen beobachten. Aus Kinofilmen wie „Fargo“ und „From Dusk Till Dawn“ werden Serien gemacht, Miniserien aus den 90ern wie „Ein Kartenhaus“ werden größer angelegte Serien. Ob das positiv oder eher negativ ist, bleibt abzuwarten. „House of Cards“ jedenfalls erzählt in seiner ersten Staffel relativ genau die Geschichte des BBC-Originals nach, umgemünzt auf US-Politik. Die Figurenkonstellation ist nahezu identisch.

Ausführliche Darstellung des politischen Alltags

„House of Cards“ nutzt seine Länge, sich mehr auf die Figuren zu konzentrieren, den zermürbenden politischen Alltag nachzuzeichnen und tiefer in Details zu gehen. Das führt nur selten zu Stillstand, oder narrativer Lähmung, meist ist es ganz wunderbar. So ist Folge drei ein schönes Beispiel für zermürbendes politisches Klein-Klein. In Folge acht wird die Narration vollständig fallen gelassen. In einem virtuos geschlagenen erzählerischen Haken wird der Fokus auf Franks Charakter gelegt.

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Machtgeil: die Eheleute Underwood

Auch werden Figuren ausgebaut, die im Original kaum Raum hatten. Francis’ Ehefrau Claire wird so zu einer zentralen Figur, sogar zu einer der am besten geschriebenen Figuren, die wunderbar an ihrem ambivalenten Charakter zerbricht. Sie schwankt zwischen den Extremen, schwankt zwischen den Männern und zwischen den Städten.

Ein Königsdrama wie von Shakespeare

Geschrieben, gespielt und inszeniert ist die erste Staffel durchgehend einwandfrei. In den ersten beiden Episoden verleiht David Fincher als Regisseur der Serie dabei die kühle, präzise Eleganz, die sie sich durchweg bewahrt. Bewusst angelehnt an Königsdramen à la Shakespeare, ist „House of Cards“ in der GB- wie in der US-Version gleichermaßen ein beeindruckendes politisches Melodram.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Fincher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Mahershala Ali und Kevin Spacey in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 17. Dezember 2013 als 4-fach-Blu-ray, 9. Januar 2015 als 4-fach-DVD

Länge: 674 Min. (Blu-ray), 647 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Türkisch, Hindi
Originaltitel: House of Cards – Season One
USA 2013
Regie: David Fincher, James Foley, Joel Schumacher, Charles McDougall, Carl Franklin, Allen Coulter
Drehbuch: diverse
Besetzung: Kevin Spacey, Michael Gill, Robin Wright, Michael Kelly, Nathan Darrow, Mahershala Ali, Michael Gill, Kate Mara
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Sony Pictures Home Entertainment

 

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House of Cards – Das Original – Die komplette zweite und dritte Miniserie: Politdrama auf höchstem Niveau

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House of Cards

Gastrezension von Simon Kyprianou

TV-Miniserie // Die zweite und dritte Staffel von „House of Cards – Das Original“ führen konsequent weiter, bzw. zu Ende, was mit Staffel 1 furios begonnen hatte: den Werdegang von Francis Urquhart (Ian Richardson), der am Ende von Staffel 1 durch Intrigen und Mord zu Englands Premierminister ernannt wurde. Dabei verändert sich in den letzten beiden Miniserien im Vergleich zu Staffel 1 nicht viel: Die Drehbücher bleiben großartig, die Dialoge wuchtig und wortgewaltig, das Schauspiel, vor allem von Ian Richardsson, sensationell, kurz: Die Qualität bleibt beständig auf höchstem Niveau.

Einblick in die Abgründe der Politik

In Miniserie 2 und 3 sind es immer mehr die Geister vergangener Sünden, vergangener Fehler, die Urquhart heimsuchen und ihn zu Fall zu bringen drohen. Die Serie wird immer komplexer und die Fallhöhe der Figuren von Minute zu Minute größer. Die Inszenierung ist präzise und dicht, langsam und bedächtig, und dadurch ist der Einblick in die Politik, in ihre Irrwege und Abgründe auch so erschreckend.

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Ohne jeden Skrupel: Francis Urquhart

Regisseur Paul Seed seziert die Politik und ihre Mitspieler, beobachtet sehr genau. Er leuchtet das Innenleben seiner Figuren aus und in Verbindung mit dem großen Schauspiel entsteht ein spannungsgeladener Sog des Schreckens und der Abscheu, dem man sich nicht entziehen kann.

Wie auch schon in der ersten Miniserie schafft Paul Seed großes menschliches Drama und hochkomplexe Figuren, bei denen der Zuschauer zwiegespalten ist zwischen Ekel und Mitleid. Es ist ein politischer Mikrokosmos des amoralischen Exzesses.

US-Original mit Kevin Spacey ebenfalls Sichtung wert

Nach der Sichtung der drei BBC-Miniserien kann man sich dann auch die beinahe ebenso gute US-Serie mit einem wunderbaren Kevin Spacey zu Gemüte führen und dann vergleichen, abwägen und sich noch einmal gefangen nehmen lassen von den Schattenseiten und Abgründen der Politik.

Veröffentlichung: 25. März 2014 als Blu-ray und Doppel-DVD (zweite Miniserie), 15. Juli 2014 als Blu-ray und Doppel-DVD (dritte Miniserie)

Länge: 215 Min. (zweite Miniserie) / 205 Min. (dritte Miniserie)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: To Play the King / The Final Cut
Alternativer deutscher Titel: Um Kopf und Krone / House of Cards – Das letzte Kapitel
GB 1993 / GB 1995
Regie: Paul Seed
Drehbuch: Andrew Davies, nach einem Roman von Michael Dobbs
Besetzung: Ian Richardson, Michael Kitchen, Kitty Aldridge, Colin Jeavons, Diane Fletcher, Erika Hoffman, Tom Beasley, John Stroud, Paul Freeman, Isla Blair, Nickolas Grace, Glyn Grain, Nick Brimble
Zusatzmaterial: Audiokommentar
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

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Copyright 2014 by Simon Kyprianou
Packshots & Foto: © 2014 Ascot Elite Home Entertainment

 

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