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Straße ins Jenseits – Widerstand gegen die Verwechslung von Vernunft und Opportunismus

La polizia incrimina, la legge assolve

Von Ansgar Skulme

Polit-Actionthriller // Die Polizei von Genua ist der Drogenmafia dicht auf den Fersen. Es wird jedoch immer offensichtlicher, dass die Versuche der Ermittler, die organisierte Kriminalität zu zerschlagen, von gesellschaftlich über ihnen stehenden Personen sabotiert und vereitelt werden. Vize-Kommissar Belli (Franco Nero) packt die Wut auf seinen Chef Scavino (James Whitmore), da er sich sicher ist, dass man mit dem bereits gesammelten Material wohl oder übel vor Gericht ziehen kann. Scavino hingegen äußert seine Überzeugung, dass es fatal wäre, mit womöglich unzureichenden Beweisen gegen die Herrschaften aus bestem Hause vor einen Richter zu ziehen, und will vorerst abwarten. Eine Spur führt zu dem in die Jahre gekommenen Paten Cafiero (Fernando Rey), doch auch der scheint nicht an der Spitze des Eisberges zu stehen. Für den zunehmend schnell aus der Haut fahrenden und laut werdenden Belli entwickelt sich die zermürbende Jagd auf eine unbekannte Größe zu einer Zerreißprobe, die kaum mit seiner aktuellen Freundin und seiner Tochter aus einer früheren Beziehung unter einen Hut zu bekommen ist.

„Straße ins Jenseits“, der in Deutschland auch unter dem banalen Titel „Tote Zeugen singen nicht“ verbreitet wurde, war ein großer Kassenerfolg und gilt als einer der wichtigsten, richtungsweisenden Vertreter des italienischen Polizeifilms der 70er-Jahre. Dennoch ist er in Italien bisher nur im Jahr 2008, in umstrittener Qualität, auf DVD erschienen und hierzulande gar nicht. Allerdings kann man ihn erfreulicherweise zumindest auf Amazon Prime abrufen – unter dem Titel, mit dem ihn auch der vorliegende Artikel aufführt. Damit ist er in der Bundesrepublik erstmals seit der Auswertung auf Video wieder unkompliziert verfügbar.

Messlatte hoch angelegt, Anspruch erfüllt

Dem Regisseur Enzo G. Castellari ist es mit sehr versierten Einfällen gelungen, eine als solches keinesfalls gewöhnliche Synthese aus auffällig rasantem Actionthriller und politischem Paranoia-Thriller zu kreieren. Er verbindet damit zwei der wichtigsten Strömungen des Thriller-Genres der 70er in ausgezeichneter Art und Weise, wobei selbst unter den Actionthrillern, die keine derartige Synthese eingehen, viele nicht dermaßen konstant den Fuß auf dem Gaspedal haben. Die phasenweise hoffnungslos erscheinende Jagd auf übergeordnete Mächte im undurchschaubaren politischen Hintergrund war im Film selten gleichzeitig auch so forsch, energisch und dynamisch. „Straße ins Jenseits“ ist nicht nur oberflächlich temporeich, sondern sehr intelligent geschnitten, wobei er eine handwerkliche Sauberkeit an den Tag legt, die man für das damalige italienische Genrekino nicht als selbstverständlich voraussetzen kann, insbesondere was eben den Schnitt anbetrifft. Als spannend zeigt sich unter anderem die assoziativ gestaltete, manchmal nur für Augenblicke aufblitzende Einbindung von Rückblenden, sowohl durch Bewegtbilder als auch durch Dialoge, die aus dem Off in Erinnerung gerufen werden.

Filmisch inspirierend wirkte auf Castellari dem Vernehmen nach der legendäre Steve-McQueen-Streifen „Bullitt“ (1968), vor dem seinerzeit topaktuellen Hintergrund der Ermordung des italienischen Polizei-Kommissars Luigi Calabresi am 17. Mai 1972 in Mailand. Darüber hinaus wird der Film aufgrund seiner Erzählweise, gewisser vergleichbarer Handlungselemente und der Beteiligung von Fernando Rey in einer zentralen Rolle auch gern mit William Friedkins „French Connection – Brennpunkt Brooklyn“ (1971) in Verbindung gebracht. Dem Irrtum, es handele sich deswegen um einen Abklatsch, sollte man allerdings nicht unterliegen – so weit gehen die Parallelen dann auch wieder nicht. Vielmehr kann man durchaus die These wagen, dass „Straße ins Jenseits“ möglicherweise Castellaris wichtigster Film und zudem einer der gelungensten, wirklich international massenkompatiblen und dabei in Europa produzierten Thriller der 70er ist. An diesem Film werden Freunde blanker Action, Freunde des klassischen Polizeifilms früherer Jahrzehnte und Liebhaber des Politdramas gleichermaßen ihre Freude haben. Es ist eines dieser Werke, das sowohl auf der „Anspruch“-Skala als auch bei den Faktoren „Action“ und „Spannung“ jeweils mehrere Punkte erobert. Ganz nebenbei wird sogar noch ziemlich treffend und ernüchternd die Problematik eines Vaters beleuchtet, dessen Kind nicht bei ihm aufwächst, obwohl es gern würde.

Die, die es krachen lassen

Dass das Gesamtpaket aufgeht, liegt neben Castellaris inszenatorischen Finessen sowie dem Können von Kameramann Alejandro Ulloa und Cutter Vincenzo Tomassi natürlich auch an der hohen Qualität der Stunt-Koordination – hier mit besonderem Blick auf das Thema Verfolgungsjagd. Die Arbeit der Stunt-Koordinatoren spielte sich im damaligen italienischen Kino oftmals auf einem starken Niveau ab – und das gilt immer noch. Wenn heutzutage in Italien Szenen für einen Hollywood-Film produziert und dafür Action-Elemente gedreht werden, zeichnen zuweilen die Söhne derer verantwortlich, die in den 70ern im selben Geschäft tätig gewesen sind – zu nennen sind als aktuelle Vertreter mit prägnanten Vorfahren aus dem italienischen 70er-Kino insbesondere Massimiliano Ubaldi und Claudio Pacifico, deren Namen man in Hollywood kennt. Ubaldis Vater Giorgio war beispielsweise für seine Zusammenarbeit mit Bud Spencer und Terence Hill als Stunt-Koordinator bekannt, Pacificos Vater Benito damals ein gefragter Stuntman. Daran wird auch deutlich: Das Thema Stunts umfasst eben von der Schlägerei bis zum knappen Entkommen bei einer Explosion, vom Piraten-Fechtkampf bis zur Ritterschlacht und von der Auto-Verfolgungsjagd bis hin zu spektakulären Sprüngen – mit oder ohne Motorrad – ein ziemlich breites Feld. In Italien war es seinerzeit unter denen, die im Film-Stuntbereich etwas auf sich hielten, üblich, die Palette umfangreich abzudecken, während die einzelnen Sparten der Stunt-Arbeit in den USA – so will es zumindest die Legende – eher von auf jeweils ein Spezialgebiet fokussierten Experten beackert wurden.

„Straße ins Jenseits“ ist mit Blick auf die Bedeutsamkeit guter Stunts besonders interessant, weil er mit einer ausgiebigen Action-Sequenz startet, die offensichtlich dem Zweck dient, das Publikum von vornherein unter Strom zu setzen – woraufhin es sich Castellaris Inszenierung zur Aufgabe macht, dieses hohe Level an Spannung und Beweglichkeit mitzunehmen, das von dieser denkwürdigen Action-Szene vorgegeben wird, und über die ganze Erzählung hinweg die einmal entzündete Kerze nicht mehr erlöschen zu lassen. Würde hier die Einführungsszene zum Wachwerden nicht auf den Punkt funktionieren, wäre das gesamte Konzept des Films in Gefahr – ähnlich einem Flugzeug, das bereits beim Start ins Straucheln gerät. Daher sind der Einfluss eines Stunt-Koordinators wie auch von dessen Stuntmen beziehungsweise von den Stunt-Fahrern und die Dimension des Niveaus, auf dem damals in Italien an Action-Szenen für gewöhnlich gearbeitet wurde, hinsichtlich der Wirksamkeit eines solchen Films nicht zu unterschätzen, selbst wenn (weitere) Action-Szenen im Gesamtverlauf der Handlung so eines Films nur überschaubar auftreten.

Anfänge machen, Verantwortung übernehmen

„Straße ins Jenseits“ war Enzo G. Castellaris erster Polizeifilm sowie der erste Film, in dem Franco Nero unter der Regie von Castellari spielte – der Regisseur selbst hat einen amüsanten Cameo als Reporter. Zwischen beiden entwickelte sich eine enge Freundschaft mit vielen weiteren Zusammenarbeiten. Auch nach mittlerweile fast 50 Jahren scheint das nächste gemeinsame Projekt noch bevorzustehen. Franco Nero liefert in „Straße ins Jenseits“ eine schauspielerisch sehr intensive Leistung ab – vom mehrfachen völligen Ausflippen und lautem Geschrei über den mit der Tochter Faxen machenden Vater bis hin zum emotional überwältigten Tränenausbruch ist praktisch alles dabei.

Nero hat in seiner Filmografie einige für ihre Intensität bekannte Rollen hinterlegt, aber in „Straße ins Jenseits“ wirkt er dermaßen wie im Vollsprint von der Leine gelassen, dass er regelrecht wie eine aus einem Tornado entspringende Lawine über die Kriminellen und den Zuschauer hereinbricht. Bemerkenswert ist, dass er dabei sogar bis zum Schluss die Gratwanderung schafft, als aus Überzeugung agierender Gesetzeshüter und Gerechtigkeitsfanatiker glaubwürdig zu bleiben, obwohl das sehr extrovertierte Schauspiel reichlich Risiken birgt, in allzu übertriebene Gefilde abzudriften, an denen er aber nicht scheitert. Nero verkörpert eine dem Guten zugewandte Besessenheit, eine Art positive Verrücktheit im wahrsten Sinne des Wortes, die ansteckt und mitreißt. Trotzdem bleibt die Figur menschlich glaubhaft und zeigt zu keinem Zeitpunkt unrealistisch vorteilhafte Eigenschaften, die man dem Reich des filmischen Wunschdenkens zuschreiben müsste. Er ist ein aufrechter Kämpfer gegen korrupte Akteure im Bürgertum, die nach dem Motto „Frei ist, wer reich ist“ agieren und es als Vernunft definieren, sich nicht in ihre eigenbrötlerischen Angelegenheiten zu mischen. Dass sich gewisse Elemente der Gesellschaft, die über Möglichkeiten der lenkenden politischen Einflussnahme verfügen, selbst auf die Fahne schreiben, diejenigen zu sein, die am vernünftigsten agieren und angeblich die meiste Verantwortung innerhalb der Gesellschaft übernehmen, kennt man ja auch heute noch. Spätestens jedoch, wenn man anfängt, der Polizei zu erklären, dass es das Vernünftigste wäre, sich bei den Ermittlungen zurückzuhalten, wird die Bigotterie recht offensichtlich – und dann sind unermüdliche Wadenbeißer wie Franco Neros Kommissar Belli zur Verteidigung der Interessen der Mehrheit gefragt, weil Widerstand zur Pflicht wird.

Ein großer Gewinn ist außerdem die Beteiligung von James Whitmore. Dass Hollywood-Schauspieler der 50er-Jahre im Italo-Kino der 60er und 70er Fuß fassen konnten, kam des Öfteren vor. Whitmore gehört hierbei zu der Gruppe, die auch in den USA bereits Hauptrollen vor der Kamera verkörpert hatte – denken wir etwa an den Kult-Horrorfilm „Formicula“ (1954) und den um Jugend-Bandenkriminalität kreisenden Noir „Entfesselte Jugend“ (1956), in dem John Cassavetes und Sal Mineo an seiner Seite zu sehen sind. Schauspielern wie Whitmore gegenüber stehen die Amerikaner, die erst in Italien zu wirklich großen Rollen gelangten. Er stellt unter den damals in Italien gastierenden Hollywood-Akteuren insofern eine Besonderheit dar, als „Straße ins Jenseits“ – soweit ich seine Filmografie überblicke – offenbar sein einziger Auftritt im damaligen italienischen Kino geblieben ist; damit befindet er sich nicht in allzu umfangreicher Gesellschaft. Seine Darbietung in diesem Film beeindruckt, weil man ihm deutlich anmerkt, dass er sich mit der Filmlandschaft, in die er da hineinkam, vorab recht ausgiebig beschäftigt haben dürfte. Seine Mimik und Gestik passen sich gewissermaßen dem Erzähltempo Castellaris und auch bestimmten Gewohnheiten des italienischen Genrefilms an. So gelingt es ihm selbst in kurzen Einstellungen, mit klug gesetzten Blicken und Gesichtsausdrücken sowie prägnanten Gesten, immer wieder schnell und ausdrucksstark nonverbal zu kommunizieren. Man läuft, wenn man das probiert, sicherlich Gefahr, ins Imitieren von Italiener-Klischees zu rutschen, aber James Whitmore differenziert Szene für Szene viel zu überlegt, um in diese Falle zu tappen. Noch mit über 70 Jahren spielte er in „Die Verurteilten“ (1994), an der Seite von Tim Robbins und Morgan Freeman, eine Rolle, die auch Teilen des jüngeren Publikums bis heute ein Begriff sein dürfte. Er war 1950 und 1976 für „Kesselschlacht“ (1949) und „Give ’em Hell, Harry!“ (1975) jeweils für den Golden Globe und den Oscar nominiert, konnte den Globe dabei für „Kesselschlacht“ auch gewinnen. Geschichte schrieb er in diesem Zusammenhang, weil „Give ’em Hell, Harry!“, der vom ehemaligen US-Präsidenten Harry S. Truman handelt, bis heute der einzige Film mit nur einem einzigen Schauspieler – also eine lupenreine One-Man-Show – ist, für den selbiger auch für den Oscar nominiert wurde. James Whitmore hat sowohl als Nebendarsteller als auch als Hauptdarsteller etliche sehenswerte Arbeiten hinterlassen und gehört zu denen, die eigentlich immer zu überzeugen wussten. Enttäuschende Darbietungen von ihm sind mir nicht bekannt – selbst in relativ pathetischen Kriegsfilmen zeigte sich seine Beteiligung mehrmals als kluger Schachzug, mit dem eine gewisse Bodenhaftung hergestellt und den erzählten Geschehnissen ein moderater Unterton gegeben werden konnte.

Erwähnt werden soll an dieser Stelle auch die Mitwirkung des spanischen Schauspielers Daniel Martín in einer Nebenrolle, der dem deutschen Publikum zumindest zum Zeitpunkt der Erstaufführung von „Straße ins Jenseits“ durch seine Verkörperung des Uncas in Harald Reinls Adaption von „Der letzte Mohikaner“ (1965) ein Begriff gewesen sein könnte, wo er also gewissermaßen als Winnetou-Ersatz im Reinl-Western-Universum fungierte. Ungewöhnlich, aber interessant ist, dass Martín dieselbe Rolle auch in einer spanisch-italienischen Adaption des „letzten Mohikaners“, unter der Regie von Mateo Cano spielte, die ebenfalls 1965 veröffentlicht worden ist. Martín, der mit seinen kernigen, vom Leben gegerbten Gesichtszügen eigentlich eine ziemlich einprägsame Erscheinung gewesen ist, trat nach einem kurzen Hoch ab circa 1971 leider wieder zunehmend in vergleichsweise kleinen Rollen auf, dabei aber trotzdem weiterhin mit einigen Filmen, die man als durchaus gelungene Vertreter des italienischen Genrekinos einstufen kann. Gemeinsam mit Fernando Rey und Silvano Tranquilli, der den Franco Griva spielt, sticht er besonders aus dem Nebendarsteller-Ensemble in „Straße ins Jenseits“ heraus.

Vom Süden Europas in den Süden Deutschlands

Die deutsche Synchronfassung entstand in München und glänzt unter anderem mit einem überragenden Klaus Kindler, der sich aus heutiger Sicht vor allem durch seine Einsätze als Stimme von Clint Eastwood und Steve McQueen in der Filmgeschichte verewigt hat, aber auch darüber hinaus zahlreiche Hauptrollen im Synchronstudio vertonte. Zumal Franco Neros Figur in „Straße ins Jenseits“ offensichtlich etliche Parallelen zu berühmten Figuren aufweist, die Eastwood und McQueen verkörpert haben, ist es auf eine Art recht spannend, dass Kindler auch hier zum Einsatz gekommen ist, wenngleich er sich als Stammstimme aller drei Schauspieler so wirklich erst gen Mitte der 70er-Jahre festzusetzen begann. Kindler hatte McQueen seine Stimme aber auch schon zuvor beispielsweise in „Bullitt“ geliehen, der Castellari als eines der Vorbilder für „Straße ins Jenseits“ diente – und Eastwood denkwürdig in den ersten beiden Filmen der Dollar-Trilogie synchronisiert. Hans Korte empfiehlt sich daneben als passende deutschsprachige Variante von James Whitmore – jedoch wurde Korte bedauerlicherweise nur selten mehrfach für denselben Schauspieler als Synchronsprecher eingesetzt, im Laufe der Jahre aber trotzdem für eine ganze Reihe bekannter Gesichter, wenn auch eben häufig nur jeweils im Einzelfall. Zu denen, die Korte irgendwann einmal gesprochen hat, gehört auch Fernando Rey, in „Straße ins Jenseits“ allerdings wurde der von Wolf Ackva synchronisiert, der in seiner Karriere ziemlich viele Schauspieler in drei oder vier verschiedenen Rollen sprechen durfte, sich aber leider für keinen davon wirklich dauerhaft etablieren konnte. Geraume Zeit war Ackva die Stimme auf dem Tonband, die in der alten „Mission: Impossible“-Serie die Aufträge an das Team vergibt. Seine bekannteste vor der Kamera sichtbare Synchronrolle hatte ebenfalls mit Geheimagenten zu tun: Gemeint ist die von James Bonds legendärem Boss „M“, den er sowohl in den letzten drei Filmen mit Bernard Lee übernahm als auch in den Filmen, in denen die Figur – immer noch an der Seite von Roger Moore sowie danach Timothy Dalton – von Robert Brown gespielt wurde. Über Liam Neeson wird unter Fans heute mit spaßbetonter Ehrfurcht hervorgehoben, dass er Batman und Obi-Wan Kenobi – in den jeweiligen Filmen – ausgebildet hat, Wolf Ackva war als einziger, der sowohl der Chef von James Bond als auch von Jim Phelps gewesen ist und folglich im britischen wie auch im amerikanischen Geheimdient Aufträge an weltweit bekannte Top-Agenten vergab, in Deutschland gewissermaßen das Synchronsprecher-Pendant dazu.

Für Daniel Martín hört man in „Straße ins Jenseits“ Tommi Piper, der der Nation mittlerweile vor allem als Stimme von „Alf“ bekannt ist, aber schon zuvor natürlich eine Vielzahl an Synchronrollen für Nicht-Außerirdische absolviert hatte – und das, wie man hier feststellen kann, sehr passend. So charakteristisch und unverwechselbar er als „Alf“ auch wirken mag – es wäre schade um Piper, ihn auf Alf zu reduzieren.

So langsam wollen wir mal …

Das Label filmArt hat für Juni die Veröffentlichung von „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ (1974) geplant, der das unmittelbare Nachfolgeprojekt unter Castellaris Regie mit Franco Nero in der Hauptrolle darstellte. Angekündigt ist hierfür auch ein Audiokommentar von Dr. Marcus Stiglegger. Der Film war von diesem Label schon vor langer Zeit in Aussicht gestellt worden – umso erfreulicher, dass er jetzt endlich kommen wird. Er erscheint als nunmehr 15. Teil der „filmArt Polizieschi Edition“, mit der sich filmArt schon seit vielen Jahren Stück für Stück um den italienischen Polizeifilm der 70er kümmert. Bleibt die Frage, wann sich jemand an „Straße ins Jenseits“ wagt, denn dass ausgerechnet dieser Meilenstein des Genres immer noch keine deutsche Blu-ray oder DVD spendiert bekommen hat, hinterlässt einen unschönen Beigeschmack. Mittlerweile sind doch diverse der besten italienischen Polizeifilme dieses Jahrzehnts in Deutschland auf den DVD-Markt gelangt, mehrere davon auch als Blu-ray. Ein Film wie „Straße ins Jenseits“ sollte da zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nicht mehr fehlen, auch wenn weiterhin Luft nach oben ist und noch etliche sehenswerte Bestandteile dieser Genre-Epoche auf Veröffentlichung warten. Die Abwesenheit von „Straße ins Jenseits“ fühlt sich in diesem Kontext leider vergleichbar mit der Annahme an, es seien zwar weite Teile des Italowesterns auf Blu-ray und DVD erschlossen, aber ausgerechnet „Spiel mir das Lied vom Tod“ hätte man bei den Veröffentlichungen bisher gänzlich vergessen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Enzo G. Castellari haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Franco Nero unter Schauspieler.

Veröffentlichung (Italien): 15. Januar 2008 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: La polizia incrimina, la legge assolve
Deutscher Alternativtitel: Tote Zeugen singen nicht
Internationaler Titel: High Crime
IT/SP/F 1973
Regie: Enzo G. Castellari
Drehbuch: Tito Carpi, Gianfranco Clerici, Leonardo Martín, Enzo G. Castellari, Vincenzo Mannino
Besetzung: Franco Nero, James Whitmore, Fernando Rey, Delia Boccardo, Silvano Tranquilli, Daniel Martín, Luigi Diberti, Stefania Girolami Goodwin, Joaquín Solís, Duilio Del Prete
Verleih: Fida Cinematografica / Columbia-Warner Distributors

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Mordanklage gegen einen Studenten – Alle sind gleich, aber manche sind gleicher

Imputazione di omicidio per uno studente

Von Ansgar Skulme

Politdrama // Bei einer studentischen Demonstration kommt es zu einem Zusammenstoß mit der Polizei, der Todesopfer auf beiden Seiten fordert. Der Student Trotti (Luigi Diberti) wird daraufhin des Mordes beschuldigt, obwohl es keine Beweise gibt. Während die Polizei wütend über das Opfer in den eigenen Reihen ist und ein schnelles Exempel zu statuieren versucht, will der wirkliche Täter Fabio Sola (Massimo Ranieri), dessen Vater (Martin Balsam) den Fall als zuständiger Richter bearbeitet, verhindern, dass sein Freund für ihn die Strafe antreten muss. Er kann sich jedoch nicht sofort stellen, wenn er gleichzeitig bewirken will, dass der Mörder des getöteten Studenten mit gleichem Maß bewertet und mit gleichem Aufwand unter den Polizisten ermittelt wird, ehe der Fall einseitig abgehandelt zu den Akten gelegt werden kann.

Das politische Kino der 70er-Jahre schaffte es in Europa vor allem in Italien und Frankreich auf ein besonders hohes und über Jahre konstantes Niveau, mit vielen guten Beiträgen. „Mordanklage gegen einen Studenten“ ist ein filmischer Höhepunkt dieser Epoche. Im Allgemeinen bisher eher wenig bekannt, selbst im Herkunftsland Italien offenbar noch nicht mit einer DVD gewürdigt worden, dafür aber in Frankreich und Spanien. Bezeichnend, dass man so gerade auf diese drei westeuropäischen Länder zu sprechen kommt, denn grundsätzlich ist zu wünschen, dass auch aktuelle Filme aus Spanien, Italien und Frankreich im deutschen Raum, vor allem im Kino, öfter gezeigt werden würden – insbesondere das Spannungs-, Thriller- und Action-Kino aus diesen Nationen ist derzeit leider stark unterschätzt, Italien und Spanien dabei noch mehr als Frankreich. Zum Zeitpunkt des Drehs von „Mordanklage gegen einen Studenten“ hatte das italienische Kino über alle Genregrenzen hinweg ein recht großes Gewicht innerhalb Europas und der Welt. Der Film hat mittlerweile allerdings schon fast 50 Jahre auf dem Buckel, was man seinen zeitlosen Themen und der zeitlosen Machart absolut nicht anmerkt.

Kinder, die wie ihre Eltern werden sollen, aber eine andere Gesellschaft wollen

Die große Stärke von „Mordanklage gegen einen Studenten“ ist, wie er es schafft, das politische Drama auf eine ungewohnt persönlich enge Ebene zu befördern und dabei ein letztlich allgegenwärtiges Thema der Menschheit – den Generationenkonflikt – mit einem großen Bemühen um faire Abwägung von Argumenten zu beleuchten. Der Film macht eindringlich den engen Zusammenhang von politischem Geschehen und sozialem, sogar familiärem Alltag transparent. Die Konstellation, dass der Täter und der Richter aus demselben Haushalt kommen, mag man zwar als drastische Überspitzung werten, sie ist aber eine solide Grundlage, um die Entfremdung innerhalb vieler Familien, die politisch bedingt sein kann oder aber zumindest politische Relevanz zu bekommen vermag, zu unterstreichen. So kommt ein argumentativer Diskurs im Film zustande, der konstant auf einer Ebene geführt werden kann, die sowohl das Privatleben als auch die Öffentlichkeit betrifft.

Man kann diesen Film daher als eine Art indirekt entstandenen Gegenentwurf zum ebenfalls in den Siebzigern zur Blüte gelangten Paranoia-Kino sehen, das im Endeffekt davon dominiert wird, dass die politischen Geschehnisse nun einmal oft undurchschaubar sind und damit einher eine gewisse Hoffnungs- und Machtlosigkeit vermittelt. „Mordanklage gegen einen Studenten“ zeigt stattdessen auf, dass der politische Alltag letztlich eben doch im Dialog der Generationen und somit meist schon am heimischen Abendbrottisch beginnt – was eine völlige Macht- und Hoffnungslosigkeit folglich keineswegs nahelegt. Zwar spielt der Film vor dem Hintergrund einer relativ starken Rechts-Links-Polarisierung im damaligen Italien, aber seine Denkansätze verweisen auf eine Ebene, die letztlich die politischen Konflikte in allen Nationen betrifft und zudem auch in der Zukunft aktuell bleiben wird.

Der Farbkasten des Polizei-Apparats

Eine kleine Schwachstelle dieses ungemein wichtigen Beitrages zum politischen Kino ist, dass die Polizisten sicherlich etwas differenzierter hätten dargestellt werden können. Allerdings ist dieser Schwachpunkt so groß nun auch wieder nicht, dass er den Film negativ aus irgendeinem Rahmen fallen lassen würde. Man wünscht sich dennoch ein wenig, die beiden ständig sogar untereinander im politischen Streit feststeckenden Ermittler aus Fernando Di Leos Gangsterthriller „Milano Kaliber 9“ (1972), in dem unter anderem Mario Adorf mitwirkte, würden auch hier auftreten. In Italien starteten beide Filme im Februar 1972; es hätte schon verdammt gut gepasst. Berühmt ist die Anekdote, dass Di Leo den Dialogen zwischen dem konservativen und dem linken Polizisten in „Milano Kaliber 9“ in der finalen Schnittfassung mehr Räume zugestand als es, aus seiner Sicht, für die Haupthandlung notwendig war, da ihm die schauspielerischen Darbietungen von Frank Wolff und Luigi Pistilli und die dabei aufgegriffenen politisch-gesellschaftlichen Streitthemen so gut gefielen. Eine derartige Gestaltung der Polizistenfiguren hätte „Mordanklage gegen einen Studenten“ um ein weiteres Level nach oben katapultiert. Frank Wolff kann man unter Mauro Bologninis Regie zumindest in „Metello“ (1970) sehen; die Hauptrolle in dieser Produktion spielte ebenfalls Massimo Ranieri – wie in „Mordanklage gegen einen Studenten“. Der 1951 geborene, damals blutjunge Ranieri war Anfang der Siebziger in insgesamt drei von Bolognini inszenierten Filmen als Protagonist zu sehen, unter denen „Metello“ gleichzeitig auch sein Filmdebüt gewesen ist.

Martin Balsam zeigt in „Mordanklage gegen einen Studenten“ einmal mehr, warum er eine Bereicherung für das italienische Kino darstellte und dort auch, wie im vorliegenden Film, mit zentralen Rollen betraut wurde, während er in Hollywood stets ein gefragter Charakterdarsteller, aber klassischer Nebendarsteller war, woran auch sein Oscar-Gewinn 1966 bedauerlicherweise nichts Elementares änderte. Balsam beherrschte es wunderbar, Rollenbildern, die ein relativ kaltherziges oder negatives Image haben, eine ungewöhnliche Menge an menschlicher Glaubhaftigkeit abzugewinnen – ohne deswegen gleich auf derartige Figuren abonniert gewesen zu sein. Das zeigt sich sowohl in „Mordanklage gegen einen Studenten“, wo er einen Repräsentanten des juristischen Systems Italiens spielt, als auch in „Im Dutzend zur Hölle“ (1973), mit seiner Verkörperung eines in die Jahre gekommenen Mafia-Paten.

Einen Vorzug des damaligen italienischen Kinos, der sich auch in „Mordanklage gegen einen Studenten“ zeigt, bilden ferner die des Öfteren sowohl narrativ als auch visuell und akustisch verschwimmenden Grenzen. Man bewegt sich in etlichen Filmen zwischen semi-dokumentarischen, politisch interessierten, gesellschafts-/sozialkritischen Aspekten, die geschickt und spannend als fesselnde Unterhaltung verpackt sind, somit zwischen Drama und gegebenenfalls Kriminal- oder Thriller-Handlung wandeln. Oft gehen auch Politik und Action erstaunlich gut im selben Film zusammen, wobei Action in „Mordanklage gegen einen Studenten“ kaum eine Rolle spielt. Ein Kino also, das vieles zu ergründen, zu durchleuchten und zu erklären versucht, aber trotzdem nicht unnötig hochtrabend philosophisch und belehrend daherkommt, vielmehr jedoch das sehr schlaue Potenzial birgt, sogar denjenigen Zuschauern hinterfragende, kritische Denkanstöße zu geben, die gar nicht allein deswegen ins Kino gehen würden.

Selten lag das Arthaus-Kino, mit manchmal sogar experimentellen visuellen und akustischen Ideen, so dicht mit dem Mainstream-Spannungskino und dem Genrekino beieinander wie im italienischen Film der 70er. Es kam unter Umständen sogar zum Zusammentreffen von Facetten, die man sicherlich „Kunstfilm-Aspekte“ nennen könnte, und typischen erzählerischen Gedankengängen des Mainstream-Kinos innerhalb der Handlung ein- und desselben Films – und das häufig mit brisanten Themen des aktuellen Zeitgeschehens kombiniert.

Der Vater von MacGyver

Erfreulicherweise wurde „Mordanklage gegen einen Studenten“ innerhalb der vergangenen Jahre noch gelegentlich in guter Bildqualität im deutschen Fernsehen gezeigt, dabei recht gut versteckt im Nachtprogramm des Ersten Deutschen Fernsehens. Wie man nun den Umstand werten will, dass ein Film dieser politischen Schlagkraft in der Bundesrepublik nie deutsch synchronisiert wurde, sondern nur in der DDR – dort aber auch schon recht bald nach dem italienischen Kinostart und nicht erst wesentlich später –, mag jeder für sich selbst einschätzen. Es war bei italienischen Filmen aus dieser Epoche – und nicht nur bei diesen – durchaus keine Seltenheit, dass sowohl in der BRD als auch von der DEFA jeweils eine eigene deutsche Synchronfassung angefertigt wurde. Irgendwelche Gründe dafür, dass der vorliegende Film demgegenüber in der Bundesrepublik geraume Zeit vergessen, missachtet oder unterschlagen wurde, muss es also gegeben haben. Das Vorhandensein einer DDR-Synchronfassung erklärt die Abwesenheit einer BRD-Synchro nicht automatisch, nur weil dieselbe Sprache gesprochen wird. Man darf das nicht insofern missverstehen, dass eine für die damalige Epoche zeitgenössische Synchronfassung aus der Bundesrepublik dahingehend wünschenswert oder nötig wäre, weil sie qualitativ oder schauspielerisch mutmaßlich eine Steigerung bedeuten würde. Handwerklich ist die DDR-Synchronfassung hervorragend und eine weitere Fassung so gesehen nicht nötig. Aber das Fehlen einer BRD-Synchronfassung weist bedauerlicherweise nach, dass der Film dem westdeutschen Publikum geraume Zeit nicht vorgeführt wurde. Erst 1986 kam es zu einer BRD-Videopremiere unter dem irreführend reißerischen Titel „Italian Streetfighters“, die kurioserweise aber auch die DEFA-Tonfassung beinhaltet. Martin Balsam hat in der deutschen Fassung die Stimme von Norbert Christian – Vater des späteren „MacGyver“-Sprechers Michael Christian –, der so ausgezeichnet passt, dass ich ihn sogar auf Augenhöhe mit meinem bisher favorisierten Balsam-Sprecher Gerhard Geisler („Psycho“, „Im Dutzend zur Hölle“) ansiedeln würde. Man muss allerdings fairerweise anmerken, dass sich für Martin Balsam verhältnismäßig viele durchaus gut funktionierende deutschsprachige Varianten finden.

Es bleibt zu hoffen, dass „Mordanklage gegen einen Studenten“ bald auf DVD oder Blu-ray einem breitgefächerten deutschen Publikum zugänglich gemacht werden wird. Ein kluger Film, den man unbedingt gesehen haben sollte. Das notwendige Ausgangsmaterial hinsichtlich Bild und Ton ist augenscheinlich bereits vorhanden und sogar für das deutsche Fernsehen schon wiederentdeckt worden – obwohl dieses das italienische Zeitgeschehen der 70er beleuchtende Drama- und Thriller-Kino im deutschen Fernsehen im Allgemeinen leider recht wenig präsent ist (teils vermutlich durch FSK-18-Freigaben bedingt). Man muss also eigentlich nur noch zugreifen – und das sei jedem Label und Zuschauer wärmstens ans Herz gelegt. Die Tatsache, dass „Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen“ (1973) den Sprung aus dem ARD-Blickfeld auf Blu-ray und DVD beim Label Camera Obscura bereits geschafft hat, als ein ebenfalls im Nachtprogramm des „Ersten“ vor Jahren mit DDR-Synchro ausgestrahlter italienischer Film aus demselben Zeitfenster und mit vergleichbarem politik-, sozial- und gesellschaftskritischem Anstrich, macht immerhin Mut.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Martin Balsam haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (Frankreich): 5. September 2018 und 1. Juli 2009 als DVD

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Imputazione di omicidio per uno studente
Deutscher Alternativtitel: Italian Streetfighters
Internationaler Titel: Chronicle of a Homicide
IT 1972
Regie: Mauro Bolognini
Drehbuch: Ugo Pirro, Ugo Liberatore
Besetzung: Massimo Ranieri, Martin Balsam, Valentina Cortese, Turi Ferro, Pino Colizzi, Salvo Randone, Luigi Diberti, Petra Pauly, Mariano Rigillo, Carlo Valli
Verleih: Documento Film / Compass Film

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Fahrenheit 11/9 – Wie konnte es nur so weit kommen?

Fahrenheit 11/9

Kinostart: 17. Januar 2019

Von Philipp Ludwig

Polit-Doku // „The American Dream is dead!“ Diese Feststellung vom angeblichen Ende des viel gerühmten amerikanischen Traumes ausgerechnet aus dem mittlerweile nur allzu bekannten, hassverzerrten Gesichts eines Donald J. Trumps zu vernehmen, kann ich mir passender kaum vorstellen. Der 2003 für „Bowling for Columbine“ mit dem Oscar prämierte US-Dokumentarfilmer Michael Moore wohl auch nicht, zeigt er diesen Ausschnitt doch extra im Superzoom – undefinierbare Krümel-/Spuckereste im Gesicht des „Trumpeltiers“ inklusive. Moore stellt sich und seinen Zuschauerinnen und Zuschauern die unbequeme Frage, wie zur Hölle es eigentlich so weit kommen konnte, dass ausgerechnet dieser unberechenbare Narzisst zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten werden konnte?

Realität oder doch SF-Dystopie? Donald Trump wird 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika

Im Grunde genommen war es nur eine Frage der Zeit, bis sich der so populäre wie umstrittene Filmemacher Moore – nach amerikanischer Autoindustrie, George W. Bush und den dummen weißen Männern allgemein, der Waffenlobby und dem amerikanischen Gesundheitssystem – nach „Michael Moore in TrumpLand“ (2016) erneut einer filmischen Abrechnung dieses neuen, menschgewordenen amerikanischen Albtraums annimmt. Angelehnt an einen seiner Erfolgsfilme, „Fahrenheit 9/11“ (2004), ist für ihn nun der 9. November nach den Anschlägen auf das World Trade Center ein beinahe ebenso signifikantes Datum in der Geschichte der stolzen amerikanischen Nation – der Wahlabend von 2016 mit dem uns allen nur zu bewusstem Ausgang. In seinem neuesten Werk geht der kontroverse Filmemacher der Frage nach, ob der amerikanische Traum wirklich so tot ist, wie von Trump beschworen – oder ob das bloß eine weitere Lüge in seinem aus Lügen konstruierten Weltbild darstellt. Und vor allem, ob Trump, mit all dem ihm innewohnenden Schrecken nicht vielleicht doch einfach nur das nötige Übel ist, aus dem künftig Besseres erwachsen kann?

Vorfreude ist die schönste Freude

Doch bevor Moore es wagt, Hoffnungen auf positive Auswirkungen dieser immer noch surreal anmutenden Präsidentschaft des ehemaligen Reality-TV-Stars Trump zu äußern, lässt er uns noch einmal in aller schmerzhaften Ausführlichkeit an dem Drama des Wahlabends teilnehmen. Insbesondere Hillary Clinton und ihre Unterstützerinnen und Unterstützer bekommen hier ordentlich ihr Fett weg. Ist deren Siegesfeier doch trotz noch offenen Ausgangs der Wahl bereits in vollem Gange – von der am Ende der Wahlnacht nur noch bitter weinende Menschen übrig bleiben werden. Gegenüber dem breiten, stets siegessicheren Grinsen einer Hillary Clinton, dass Moore besonders häufig zu zeigen genießt, erscheint die „Siegesfeier“ des Donald Trump beinahe schon bescheiden und demütig. Er hatte wohl nicht mal eine Rede vorbereitet.

Kaum jemand traute Trump zu, die Wahl zu gewinnen – nicht mal er selbst?

Moore lässt kein gutes Haar an den Demokraten und dem blinden Glauben deren Partei-Establishments an einer seiner Meinung nach ungeeigneten Kandidatin. Denn wenn der Dokumentarfilmer eines noch nie unterdrücken konnte, dann seine eigene Sichtweise auf die Welt. Und die läuft nach klaren Grundsätzen. Das mag man gut oder schlecht finden – so oder so sollte dem Publikum stets bewusst sein, dass man es bei Moore kaum mit einer objektiven Betrachtung des Weltgeschehens zu tun bekommt. So lässt er etwa Bernie Sanders als den Heiland aufleben, der uns den Trump-Albtraum eventuell hätte ersparen können. Belegen kann er dies selbstverständlich nicht, aber die Art und Weise, wie die „Elite“ der Demokraten Sanders mit offensichtlich unlauteren Mitteln aus dem Kandidatenrennen drängte, lässt er nochmals in großem Umfang Revue passieren.

“Donald & Me“

Doch lässt Moore auch angenehm selbstkritische Töne anklingen, in Bezug auf seine persönliche Vergangenheit mit Trumps Gefolgsleuten. Neben Kuscheleien etwa mit der Regierungsandroidin Kellyanne Conway oder Stelldicheins mit Jared Kushner, war er in den 1990er-Jahren bereits einmal mit dem besagtem Präsidentschaftsdarsteller als Gast in der Talkshow von Roseanne Barr – in der er sich von deren Produzenten breitschlagen ließ, den armen Herrn Trump doch bitte nicht allzu sehr ranzunehmen. Es sei ja schließlich ein Nachmittagsprogramm, da könne man hitzige Diskussionen mit Hang zur Fäkalsprache nicht gebrauchen. Moore wisse doch, wie sein Co-Gast so sei. Interessanterweise ist das, was für amerikanische Nachmittagstalks als ungeeignet gesehen wurde, dank Trump mittlerweile zum „guten Stil“ der politischen Auseinandersetzung geworden. Ebendieser lässt, zur Verwunderung Moores, in besagter Talkshow durchklingen, er sei ein großer Fan dessen ersten großen Erfolges „Roger & Me“ (1989) gewesen – verbunden mit dem Hinweis, er hoffe, Moore würde bloß niemals einen Film über ihn machen. Tja Donald, das war wohl nix.

Trump auf allen Kanälen

Es stellt sich die Frage: Will man eigentlich zwingend noch mehr sehen von Donald J. Trump? Reicht es nicht bereits, jeden Tag erneut an seine Existenz erinnert zu werden und mit der steten Mischung aus Verwunderung und Belustigung auf der einen sowie Schrecken und Abscheu auf der anderen Seite den neuesten Wahnsinn aus dem Weißen Haus zu verfolgen? Und kann Moore eigentlich noch großartig neue Erkenntnisse liefern über einen Mann, über den wir seit nunmehr über zwei Jahren viel mehr hören und sehen müssen, als uns allen lieb sein kann?

Michael Moore, wie man ihn kennt – stets mit latentem Hang zu übertriebenen Aktionismus

Allerdings kommt Trump in „Fahrenheit 11/9“ überraschend wenig vor. Eher schwebt er als ewig drohendes Unheil damoklesschwertmäßig über den vielen behandelten Themen. Denn es geht neben der Frage „Wie konnte es so weit kommen?“ vor allem um die Frage: „Wie sieht das Leben in von Trumps Hass tief gespaltenem Amerika nach den ersten zwei Jahren seiner Amtszeit aus?“ Themenmäßig orientiert sich Moore zum Teil an seinen früheren Filmen. So behandelt er etwa in einem großen Block die vom republikanischen Gouverneur Michigans, Rick Synder, verantwortete Trinkwasservergiftung in Moores Heimatstadt Flint – bleiverseuchte Kinder und Todesfälle inklusive. Wie in einer Art Verknüpfung seines Buchs „Stupid White Men“ mit seinem Film „Sicko“ (2007) geht er hier erneut nicht gerade zimperlich mit den Problemen um, die Erkrankungen für finanziell schwache Menschen in den USA bedeuten und vor allem mit den gierigen republikanischen Hintermännern, die dies zu verantworten haben. Aber auch das Denkmal des viel zu oft zum Heilligen erklärten Barack Obamas bekommt in diesem Zusammenhang von Moore ein paar bemerkenswerte Kratzer verpasst.

Wasser marsch!

In Zusammenhang mit diesem zwar bestürzenden, aber an sich ein wenig zu langen Teil der Trinkwasservergiftung bekommen wir es zudem noch einmal mit dem „guten alten“ Moore zu tun – der seine Wut gern auch mal in etwas plump anmutenden, aktionistischen Aktionen auslebt. Die bringen zwar wenig, funktionieren aber immerhin für die Kamera. In „Fahrenheit 11/9“ sieht das so aus, dass er dem viel gescholtenen Gouverneur Snyder nicht nur eine Wagenladung des giftigen Trinkwassers in den hauseigenen Garten spritzt – er stampft auch in seiner stets etwas ungelenken Art in dessen zentrales Regierungsgebäude, wo er diesen „im Namen des Volkes“ festnehmen will. Was natürlich nicht funktioniert.

Trump = Hitler?

Verrennen tut Moore sich meiner Meinung nach vor allem in seiner Hitler-Analogie. Auch wenn gewisse Parallelen zu Trump, insbesondere im aufgeheizten und von Hass geprägten politischen Diskurs zu erkennen sind, die Moore auch durch wissenschaftliche Experten zu begründen ersucht – ein wenig drüber ist dieser Vergleich schon. Mag das Zusammenfügen einer Rede Adolf Hitlers mit den Worten Trumps sogar für einen Moment eine gewisse Komik innehaben, so zeugt Moores Nacherzählung von Hitlers Trump anscheinend nicht ganz unähnlichem Aufstieg zur Macht doch von einer Reihe an historischen Fehlern, die bei einem hoffentlich gut informierten deutschen Publikum natürlich umso mehr ins Gewicht fallen werden. Damit entzieht Moore seiner These von den Gemeinsamkeiten zwischen dem „GröFaZ“ und dem „POTUS“ ziemlich rasch selbst den argumentativen Boden.

Moore mit Aktivisten und Aktivistinnen der Parkland Highschool

Es scheint, als hätte sich die Methode Moore über die Jahrzehnte ein wenig abgenutzt. Zumindest bei mir ist dies der Fall. Früher, in jungen Jahren (lang, lang ist es her) noch ein wahrer Fan seiner Filme und Bücher, so ist die Beziehung mittlerweile doch stark abgekühlt. So unterhaltsam seine Werke auch sein mögen, mir ist dies schlussendlich zu tendenziös – auch wenn ich grundlegende Sichtweisen Moores natürlich weiterhin teile. Auch ist mir sein Weltbild für meinen heutigen Geschmack zu sehr in Schwarz-Weiß-Mustern gefangen. Gepaart mit seinem Hang zu polemischen Aktionismus und Übertreibungen nicht die beste Kombination.

Übergabe des Stabs an die nächste Generation? Moore mit David Hogg aus Parkhurst

Seine besten Momente hat „Fahrenheit 11/9“, wenn es um den von Moore gepriesenen Nachwuchs geht, der politisch Hoffnung machen darf. Angelehnt an seinen größten Erfolg „Bowling for Columbine“ (2002) weiß dieser vor allem mit dem Aufgreifen des ewigen amerikanischen Leidthemas „Amokläufe und die NRA“ zu überzeugen. Dies liegt insbesondere an den bewundernswerten Schülern der Parkland Highschool, die nach dem tragischen Amoklauf an ihrer Schule vom 14. Februar 2018 eine massive, weltweit beachtete Protestbewegung gegen den amerikanischen Waffenwahn auslösten. Moores Besuch im Hauptquartier dieser jungen Bewegung gehört definitiv zu den Highlights seines Dokumentarfilms. Wie auch der Besuch von Vertretern der Bewegung bei Kongressabgeordneten, die sie um Unterstützung im Kampf gegen die NRA bitten und dabei von Moore begleitet werden. Ebenso hinterlässt die junge Emma González auch hier einen bleibenden Eindruck in dieser insgesamt so tollen Bewegung bemerkenswerter junger Menschen. Auch wenn sie selbst in „Fahrenheit 11/9“ nicht direkt in Verbindung mit Moore, sondern nur durch Ausschnitte ihrer bekannten öffentlichen Auftritte in Erscheinung tritt. Man kann nur hoffen, dass die jungen Leute hartnäckig bleiben und der Waffenwahn in den USA eines Tages endgültig zu einem Ende finden wird.

Emma González – ihre berühmte Rede berührt jedes Mal aufs Neue

Neben den aufmüpfigen Schülern, die sich nicht länger widerstandslos der Gefahr hingeben wollen, von schießwütigen Irren zu menschlichen Zielscheiben umfunktioniert zu werden, spendet Moore auch dem Nachwuchs der Demokraten eine Menge Zeit. Nach seiner Anklage gegenüber dem Partei-Establishment und deren Umgang mit Bernie Sanders begleitet er eine Reihe ebenfalls bemerkenswerter, aufstrebender Männer und Frauen aus der Basis. Darunter unter Anderem Rashida Tlaib, die nach den Midterm-Wahlen seit dem 3. Januar 2019 als erste Muslima (gemeinsam mit Ilhan Omar) im Repräsentantenhaus der USA sitzt. Ebenso Alexandria Ocasio-Cortez, die seit besagter Wahl als bislang jüngste Frau ebenfalls im amerikanischen Kongress sitzt. Bessere „Anti-Trumps“ konnte Moore natürlich kaum finden. Gerade Ocasio-Cortez als schöne und junge, hochintelligente, beliebte Frau mit hispanischen Wurzeln und ultralinken Positionen verkörpert all das, was ein Trump nie sein kann. Vor allem Rashida Tlaib bekommt besonders viel Filmzeit zugestanden – sie stört gern auch mal medienwirksam Trump-Auftritte und lässt sich zufrieden von der Security heraustragen. Klar, dass einem Michael Moore so etwas gut gefällt.

Trump – ein notwendiges Übel?

Der Dokumentarfilmer vertritt anhand der Darstellungen dieser jungen Hoffnungsträger seine Hoffnung, durch eine Katastrophe wie Trump werde die große Mehrheit der Vernünftigen, wie er es nennt, künftig endlich wieder das Ruder übernehmen. Moore wäre aber nicht Moore, wenn er nicht trotzdem einen in den USA kürzlich erfolgten atomaren Fehlalarm als mögliches Alternativszenario einzubringen versucht. Bei seinem Abgesang auf die alten Eliten von rechts wie von links kann man aber auch nicht umhin, ihn selbst da irgendwie mit einzuschließen. Wirkt es doch, als würde er das Zepter nun langsam weiterreichen an Menschen wie González und Ocasio-Cortez. Moore jedenfalls wirkt nicht nur wütend, sondern im Vergleich mit seinen früheren Werken auch ein Stück weit müde.

Ein typischer Moore eben

„Fahrenheit 11/9“ wirkt daher wie ein Rundumschlag eines wütenden, aber auch merklich alt gewordenen Provokateurs und Anklägers. Durchaus unterhaltsam gemacht, werden daher insbesondere seine Fans auf ihre Kosten kommen. Alle anderen dürfte Moores typischer Hang zum Tendenziösen und sein starres Schwarz-Weiß-Denken auf Dauer nerven. Auch, dass der Film mitunter einen roten Faden vermissen lässt und wirkt, als wüsste Moore selbst nicht recht, was er am Ende eigentlich will. Einen Film über Trump? Über korrupte und verbrecherische Republikaner (allerdings weit vor der Trump-Ära)? Das Versagen der Demokraten? Waffengesetze? Gesundheitssystem? Die Sprunghaftigkeit bekommt der Doku nicht immer gut. Und gerade wenn es um Trump geht, gibt es mittlerweile eine Reihe an Medienschaffenden, die diesen deutlich pointierter, gewitzter und auch ansprechender als das entlarven, was er ist. Zu empfehlen sei hier etwa Seth Myers, der Trump in seiner Late Night Show insbesondere im thematischen Block „A Closer Look“ mitunter gleich mehrfach pro Woche auf höchst ansprechende und unterhaltsame Weise ordentlich einheizt – alles ist legal auf YouTube abrufbar. Schaut rein, es lohnt sich!

Rashida Tlaib – eine Politikerin, ganz nach Moores Geschmack

Ansonsten bleibt zu hoffen, dass Trump schon bald dort ist, wo er hingehört – in den Archiven der Weltgeschichte. Sei es durch Sonderermittler Mueller, dem Lauf der Natur oder spätestens 2020 dank des amerikanischen Volkes. Und wir eines Tages voller Unglaube zurückblicken können auf eine Präsidentschaft, die irrsinniger kaum sein kann. Allerdings macht die momentane Entwicklung, inklusive „Government Shutdown“ und stetig drohender Notfallgesetze, die Lage nicht gerade hoffnungsvoller. Wobei die USA in Sachen politischen Irrsinn derzeit wiederum leider keinesfalls allein sind. Die Welt ist doch irgendwie bekloppt, oder?

Hoffentlich bald Geschichte: Donald J. Trump

Länge: 128 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Fahrenheit 11/9
USA 2018
Regie: Michael Moore
Drehbuch: Michael Moore
Mitwirkende: Michael Moore, Hillary Clinton, Barack Obama, Bernie Sanders, Emma González, David Hogg, Rashida Tlaib, Alexandria Ocasio-Cortez, Rick Snyder, Jared Kushner, Stephen Bannon, Kellyanne Conway, George W. Bush, Bill Clinton, Ivanka Trump, Ted Cruz, u. v. m. … und Donald Trump
Verleih: Weltkino Filmverleih

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 Weltkino Filmverleih,
Szenenfotos: © 2018 Midwestern Films LLC. All rights reserved.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/01/15 in Film, Kino, Rezensionen

 

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