RSS

Schlagwort-Archive: Polizei

Der Fahnder – Fünf Folgen von Dominik Graf

Der Fahnder

Von Simon Kyprianou

Krimiserie // Nach für Dominik Graf enttäuschenden ersten Versuchen, Filme zu machen, war sein neuer Anspruch, sich selbst als Regisseur in den Möglichkeiten der vorabendlichen Kriminal-Stangenware zu verorten, in erster Linie ein guter Handwerker zu sein und die Themen und Inszenierungen, die er begehrte, wie „Schmugglerware“ in seriellen Formaten unterbringen. „Der Fahnder“ war sein langjähriger Tummelplatz und vier der fünf letzten von ihm inszenierten Episoden (von insgesamt elf) wirken heute wie eine Art Poetik zu seinem Gesamtwerk, insbesondere die Folge „Nachtwache“, die er heute selbst als Werkkern bezeichnet und immer noch einen im neueren deutschen Film so einsamen wie unterschätzten Höhepunkt markiert.

Diese Reihe an kurzen Texten legt das Augenmerk auf Grafs beste Folgen – eine persönliche Auswahl –, die viel zu selten ins kollektive Gedächtnis der deutschen Filmkritik oder den deutschen Filmliebhabern allgemein gerufen werden. Einige davon sind auch Vorstudien oder Miniaturen späterer Filme Grafs, das Sichten dieser Folgen bereichert also auch die Rezeption der Spielfilme.

Nachtwache (1993, fünfte Staffel, Episode 8)

Der unheilvoll rhythmische Bass der wiederkehrenden Melodie dieser Folge klingt wie ein Beatmungsgerät, welches die Handlung immer wieder mit Leben füllt. Im Mittelpunkt steht eine Frau (Maja Maranow) ganz in gespenstischem Weiß, die sich durch leere, tote Räume bewegt. Beinahe der gesamte Film spielt sich in den Räumen eines halb fertigen Hochhauses ab, das Dominik Graf als schauderhaften Riss in der Nacht inszeniert. Was sich in und auf dem Hochhaus abspielt, ist ein absolut verdichtetes Spannungsstück, in dem immer wieder der inszenatorische Wahnsinn durchschlägt: Gänge, die in grünem Licht zu Horrorwelten werden, ekstatische Tänze auf dem Hochhausdach, eine schauderhafte Puppe in der dunklen Auslage einer Bäckerei und immer wieder ein unbehaglich klingendes Kinderlied als begleitende Melodie. Dazu ein wunderbares Zusammenspiel zwischen Cop Faber (Klaus Wennemann) und einer so verzweifelten wie zwielichtigen Zeugin, deren entrückte, gespenstische Gestalt den ganzen Film einnimmt. Am Ende präsentiert Graf waghalsige Drehbuch-Finten, dazu gleich ein doppeltes Finale und ein unheimlich schönes nachgeschobenes Happy End. Ganz am Ende dann eine ergreifende Quasi-Liebeserklärung von Faber an die Zeugin: „Ich will wissen, was sie sehen, wenn sie die Augen schließen.“ Danach schön zum Weiterschauen: Grafs „Polizeiruf 110“-Meisterstück Der scharlachrote Engel“ von 2005.

Verhör am Sonntag (1993, fünfte Staffel, Episode 6)

In seiner vorletzten Fahnder-Episode bewegt sich Graf vom Genre eher weg, hin zu dem, was er ursprünglich an der Filmhochschule machen wollte, „französisierende Konversations-Filme“. In der ersten Szene kommt Faber aus seiner Wohnung, draußen alles graubraun, milchiges Morgenlicht, die Blätter fallen von den Bäumen und werden verwirbelt wie bei Douglas Sirk, dazu eine kleine sentimentale Klaviermelodie. Der Rest der Folge dann nur Dialog, Faber mit einer Frau (Claudia Messner), die sonntagmorgens zum Revier kommt, um den Selbstmord ihres Mannes zu melden. Der war aber schon Freitag, die letzten 24 Stunden fehlen ihrer Erinnerung. Langsam bricht der Dialog ihre inneren Widerstände auf und legt eine zerstörerische Ehe-Dynamik offen. Die Ehe ist längst geschieden, aber die Verbindung zwischen der Frau Vera und ihrem Mann ist bestehen geblieben, er ein hoffnungsloser Alkoholiker, des Lebens schon lange müde – sie zeigt Faber eine ganze Sammlung von Abschiedsbriefen, die er verfasst hat. Am Ende, wenn ihrer Erinnerung alles entlockt ist, da ist auch bei ihr der Lebenswille verloren gegangen. „Wo noch Erinnerung ist“, von ihr aus dem Off gesprochen, dazu die von Graf selbst komponierte traurige Klaviermelodie.

Dazu gibt es trotzdem einen launigen Nebenplot, nämlich Faber und seine Freundin Susanne (Barbara Freier), die sich über einen zwielichtigen Autoverkäufer ärgern – der hat ihm einen neuen BMW verdächtig günstig verkauft. Das ist auch das Schöne an vielen „Fahnder“-Folgen von Dominik Graf: wie leichtfüßig und ganz nebensächlich er über Alltag, über Menschen und Beziehungen erzählt und wie schön er das mit seiner ökonomischen Erzählweise in den seriellen Rahmen der Serie einbauen kann. Und viele dieser „Fahnder“-Folgen sind ja auch wie Vorstudien zu späteren Filmen. Diese Folge hier erinnert in ihrem Fokus auf Verhör und Erinnerung stark an den „Polizeiruf 110 – Er sollte tot“.

Bis ans Ende der Nacht (1992, vierte Staffel, Episode 16)

Den Fahnder selbst degradiert Graf die meiste Zeit über zur Randnotiz. Beide Hauptfiguren fliehen vor ihrem Leben und finden sich am Höhepunkt dieser Flucht auf dem Polizeirevier wieder: der erfolglose Autoknacker Sigi (Heinz Hoenig) und Nadine (Meret Becker), Tochter eines reichen Geschäftsmannes. Sigi, eigentlich bloß wegen einer Lappalie verhaftet, hat Nadine und Faber als Geiseln genommen, will seine Frau (Despina Pajanou) sprechen, mit ihr fliehen. Die eröffnet ihm aber, sie sei fertig mit ihm. Danach gibt es keinen Fixpunkt mehr, für Nadine sowieso nicht, für Sigi dann auch nicht mehr. Alles wird fallengelassen, das erpresste Lösegeld wird verbrannt, die Waffe aus dem Auto geworfen, das Auto unter der Brücke stehen gelassen. Die beiden wissen, dass es für sie nirgendwo hingehen kann.

Was Dominik Graf inszeniert. ist eine Möglichkeit zwischen zwei Menschen: Immer wieder bringt seine Montage Sigi und Nadine in Verbindung, die Sehnsucht in ihren Blicken, und am Ende, wenn alles vorbei ist, starren beide nur fassungslos ins Leere, Nadine hält sich die Augen zu, wenn sie im Auto neben ihrem verhassten Vater sitzt. Die Möglichkeit der Liebe war da, doch jetzt ist es zu spät, um etwas zu sagen. Damit lässt Graf den Film im Morgengrauen enden. Seine Inszenierung lässt Heinz Hoenigs verstörtes Gesicht in den Glasscheiben des Reviers brechen und verschmieren, und Meret Becker in ihren weißen Kleidern wie ein verlorenes Gespenst durch das ausgestorbene Polizeirevier tänzeln.

Christian Petzold („Transit“) sagt, alle Kinofiguren seien Gespenster, die sich materialisieren wollen – Sigi und Nadine aber bleiben tot. Anders als bei Petzold, in dessen Kino die Figuren immer Gespenster sind – Dominik Graf hat das mal „Schneewittchenkino“ genannt –, sind bei Graf und in dieser Folge die Figuren am Anfang noch sehr lebendig, geradezu von Lebensdurst zerfressen, bevor sie dann genau an ihren Sehnsüchten zerbrechen.

Baal (1992, vierte Staffel, Episode 9)

„Baal“ ist, nach J. Lee Thompsons klassischer Verfilmung „Ein Köder für die Bestie“ (1962) und dem 1991 beinahe zeitgleich zur „Fahnder“-Folge erschienenen Remake „Kap der Angst“ von Martin Scorsese die dritte Bearbeitung des „Cape Fear“-Plots, diesmal durch Graf-Stammautor Günther Schütter: Im Oktober kommt der Gewaltverbrecher Paulus (Hannes Jaenicke) aus der Haft frei – Faber hatte ihn festgenommen. Nun ist Paulus auf Rache aus, an Faber, seiner Freundin Susanne und ihrem gemeinsamen Kind.

Passend zu der Stimmung von Paranoia und Aggression die sich in der engen Wohnung des Fahnders ausbreitet, ist es Halloween, die Äußerlichkeiten spiegeln vereinfacht, verdichtet die Innerlichkeiten wider, wie so oft bei Graf, der den Konflikt zwischen dem in Rachefantasien zerflossenen Paulus und Faber unheimlich straff und auf den Punkt inszeniert, ihn in die 50 Minuten der Folge verdichtet. Was Schütters Drehbuch dem „Cape Fear“-Plot der beiden anderen Versionen noch hinzufügt, sogar sehr markant, ist ein kritischer Blick auf die Polizei. Generell verortet Dominik Graf die Gewalt überall, in allen Figuren. Wenn Fabers Freundin Paulus trifft, ihm Geld dafür bietet, dass er aufhört, und Baal legt ein Skalpell auf den Tisch, fragt sie direkt, wie aus einer abgründigen Faszination heraus, ob man damit jemandem die Haut abziehen könne. Daraufhin entgegnet er, das sei nun aber ihre Fantasie, nicht seine. Überhaupt geht in „Baal“ mindestens genau so grausame Gewalt von Faber aus wie von Paulus. Am Ende führt Paulus seine Gewalt in den Tod, und die Polizei verschweigt aus einem Korpsgeist heraus die eigene – alle kommen ungeschoren davon. Mit dieser Bilanz beendet Graf die Episode dann auch.

Über dem Abgrund (1988, zweite Staffel, Episode 2)

Bei einem Einsatz glaubt Faber, in einem der Gangster einen ehemaligen Polizei-Kollegen erkannt zu haben, seinen Nachforschungen zufolge ist der aber längst tot. Es entspinnt sich ein erzählerisches Netz in die Vergangenheit, um den vermeintlich toten Polizisten, der als V-Mann mit seinen Vorgesetzten Geld unterschlägt.

„Über dem Abgrund“ ist die Blaupause für Grafs spätere Kinoruine „Die Sieger“ (1994), in dem es ja auch um die maliziösen Verstrickungen eines V-Mannes gehen wird. Dicht inszeniert der Regisseur in dieser Folge Fabers Wirren mit dem Polizeisystem, dessen engmaschiges Netz an Vertuschungen kaum Durchsicht bietet. Am Ende sind alle am Verbrechen Beteiligten tot, was vermeidbar gewesen wäre, aber die Bürokraten sind froh drum, so ist’s für alle am einfachsten, Faber steht machtlos und enttäuscht daneben und geht dann lieber zu seiner Freundin, um sich über Kochrezepte zu streiten.

So ist das oft bei Dominik Graf, der dem ganz normalen Leben, den Alltagssituationen immer Platz freiräumt in seinen Geschichten, oft in den schönsten Momenten. Alle seine „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung als DVD: 29. November 2007 (zweite Staffel), 5. März 2009 (vierte Staffel), 9. April 2009 (fünfte Staffel)

Länge: etwa 50 Min. je Folge
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Der Fahnder
BRD/D 1984–2005
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Günter Schütter u. a.
Stammbesetzung: Klaus Wennemann, Barbara Freier, Dieter Pfaff
Gäste: u. a. Meret Becker, Heinz Hoenig, Hannes Jaenicke, Klaus Lemke, Claudia Messner, Maja Maranow, Despina Pajanou, Heinrich Schafmeister
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2018 by Simon Kyprianou
Packshots: © Universal Pictures Germany GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

Dezernat M (Volume 1) – Frank Drebin, ich bin dein Vater!

dezernat_m-volume-1-packshot

M Squad

Von Ansgar Skulme

Krimiserie // Die schlagfertigste Antwort auf das Verbrechen in Chicago ist Lieutenant Frank Ballinger (Lee Marvin) vom Illinois Police Department. Der hartgesottene Bulle ist sich für keinen Alleingang zu schade, um Recht und Ordnung in der Stadt stets so schnell wie möglich wiederherzustellen. Schon in seinem ersten Fall ist er mit einem Bankraub konfrontiert, der einen Jungen auf dem Weg zu seinem ersten Schultag gemeinsam mit dessen Vater das Leben kostet, weil sie den Tätern in die Quere kommen, was die Mutter des Kindes nahezu in den Selbstmord treibt. Einem der Täter gelingt zunächst die Flucht. So nicht!

dezernat_m-volume-1-1

Frank Ballinger (2. v. l.) ermittelt

Lee Marvin war bereits seit 1950 regelmäßig in Nebenrollen in TV-Formaten und Kinofilmen zu sehen, ab 1952 tauchte sein Name auch kontinuierlich in Vor- bzw. Abspännen auf. Die ersten namhaften Produktionen und Zusammenarbeiten mit berühmt gebliebenen Regisseuren, wie bei „Der Wilde“ (1953), „Die Caine war ihr Schicksal“ (1954), „Stadt in Angst“ (1955) und „Ardennen 1944“ (1956), folgten recht bald. Eine Hauptrolle vor der Kamera allerdings hatte Marvin bis 1957 noch nicht ergattern können – oder sich möglicherweise auch schlichtweg aus eigenem Antrieb zugunsten von Nebenrollen in großen Produktionen dagegen entschieden, in B- oder C-Filmen den Helden zu markieren. Als dann das Angebot des Fernsehsenders NBC für die Krimiserie „M Squad“ kam, konnte er nur schwerlich ablehnen – die Chance seines Lebens stand vor der Tür! Eine direkt von einem TV-Sender bestellte Serie hatte am Markt im Allgemeinen vergleichsweise gute Chancen gegenüber anderen, wie damals üblich, häufig mittels „First-run syndication“ an Sendeanstalten weitergegebenen Serien. Auch von denen brachten es zwar etliche zu Erfolg, wenn allerdings ABC, CBS oder NBC für eine Hauptrolle anklopften, war das für einen Schauspieler, was das Fernsehen anbelangte, gewissermaßen der Hauptgewinn – sowohl kommerziell, als auch mit Blick auf nahende landesweite Bekanntheit. Man musste es dann eigentlich nur noch schaffen, zumindest eine zweite Staffel zu erreichen, womit man sich bereits von der Masse abhob. „M Squad“ brachte es am Ende sogar auf drei Staffeln und stattliche 117 Episoden – jede Staffel umfasste, wie bei halbstündigen Serien damals üblich, 39 Episoden. Das waren zwar nicht einmal halb so viele Episoden wie sie „Dragnet“ von 1951 bis 1959 erreicht hatte, nichtsdestotrotz aber mehr als der Großteil all der vielen Krimiserien der 50er in den USA zu erreichen vermochte. Zudem rang die Serie die parallel ausgestrahlten Formate auf ABC und CBS bereits mit ihrer ersten Staffel geradezu nieder.

Ein Fest für die Hartgesottenen

Frank Ballinger ist ein prototypisches Beispiel für den sogenannten Hardboiled Detective. Er ist verbal und physisch gleichermaßen schlagkräftig – bei Weitem nicht so korrekt und förmlich wie Joe Friday in „Dragnet“. Seine Seelenverwandten sind stattdessen viel mehr die populären Privatdetektive der Krimi-Literatur wie Philip Marlowe, Mike Hammer und Sam Spade. Freilich hatte es Figuren wie Ballinger auch schon zuvor als Protagonisten von TV-Serien sowie Film noirs gegeben und einige Stars aus der zweiten Reihe, wie etwa Sterling Hayden, Lee J. Cobb und Charles McGraw, hatten solche Polizisten im Hollywood-Thriller der 50er auf der Leinwand auch bereits hervorragend verkörpert, Lee Marvin jedoch erlangte mit seiner Darstellung größere Bekanntheit. Das enorm dicke Ego Ballingers, dessen Coolness durch Lee Marvin sehr offensiv zur Schau gestellt wurde, der reihenweise üble Gesellen verprügelte, ohne Zögern auf sie schoss, sie dingfest machte, mit betont lässigen Sprüchen seine Gegenüber konterte sowie mit trockenen Off-Kommentaren aus der Ich-Perspektive durch die Handlung geleitete – sprachlich in etwa einer Mixtur aus den Off-Erzählpassagen von Joe Friday und Philip Marlowe gleichkommend –, erwies sich allerdings als zweischneidiges Schwert: Marvins Interpretation der Rolle machte die Serie seinerzeit erfolgreich und ermöglichte ihm in der Folge zahlreiche Kinohauptrollen, war aber auch ein Grund dafür, dass die kurzlebige TV-Serie „Die nackte Pistole“ (1982), auf die ab 1988 die legendäre dreiteilige „Die nackte Kanone“-Filmreihe folgte, „M Squad“ ein Vierteljahrhundert später als Vorbild Nummer 1 auswies und in den USA unter dem Titel „Police Squad!“ lief. Lieutenant Frank Drebin in der Verkörperung von Leslie Nielsen basiert in erster Linie auf Lee Marvins Darstellung von Lieutenant Frank Ballinger in jener Serie, die in Deutschland ab 1966 unter dem Titel „Dezernat M“ gezeigt wurde. Der Originaltitel „The Naked Gun“ des Kinofilms „Die nackte Kanone“ wiederum war offensichtlich unter anderem als Referenz an den Film noir „The Naked City“ und die gleichnamige Serie gemeint, die in Deutschland unter dem hier bekannten Titel „Gnadenlose Stadt – 65. Revier New York“ nun gleichzeitig mit „Dezernat M“ bei Pidax auf DVD erscheint. Neben dieser berühmt-berüchtigten Parodie aus den 80er-Jahren kann man allerdings auch bereits Darren McGavins großartige Verkörperung von „Mike Hammer“ (1958–1959) in der gleichnamigen Serie, die in den USA nur gut zwei Monate nach „Dezernat M“ startete, als ironisierte Antwort auf Frank Ballinger verstehen. Es ist überliefert, dass McGavin Mike Hammer absichtlich überspitzt darstellte, weil er befand, dass diese Art des Privatdetektivs unmöglich ernst zu nehmen sein konnte und er die Rolle daher gleichermaßen cool wie aber auch satirisch durchdacht auslegte. Von 1957 bis 1959 gelangte das Krimifernsehen der USA somit praktisch auf dem Höhepunkt an: Los Angeles hatte Joe Friday, New York hatte Mike Hammer und Chicago: Frank Ballinger. Und diese waren nur die Spitze des Eisberges.

Viele Folgen, wenige wiederkehrende Charaktere

Verstärkt wurde die egozentrische Wirkung Ballingers nicht zuletzt dadurch, dass die Ermittler, die an seiner Seite zu sehen waren, ständig wechselten. Lediglich Paul Newlan in der Rolle des Ballinger übergeordneten Captains Grey war ebenfalls in mehr als 100 Folgen dabei, nachdem die Rolle des Captains in der Pilotfolge und drei weiteren Episoden der ersten Staffel zunächst vom fleißigen Charakterdarsteller Morris Ankrum verkörpert worden war, der in so einigen ansehnlichen Filmen der 50er-Jahre immer wieder in kleinen bis mittelgroßen Rollen auftauchte. Selbst neben Joe Friday, der bereits ein ausgesprochener Vorausgeher war, etablierte sich irgendwann Frank Smith als regulärer zweiter Ermittler in „Dragnet“, wenngleich sich auch ein paar andere an dieser Art der Juniorpartnerschaft versucht hatten – Frank Ballinger jedoch ermittelte entweder allein oder mit Partnern, die ihm nur für sehr kurze Zeit zur Hand gingen.

dezernat_m-volume-1-2

Das Tagesgeschäft ist brutal und erbarmungslos

Ein reguläres Team auf dem Revier, was in Polizeiserien seit jeher üblich ist, gab es in „Dezernat M“ praktisch nicht. Austauschbarkeit war die Maxime für alles, was an Personal neben Ballinger und seinem Chef passierte. Bis auf Lee Marvin und Paul Newlan war kein einziger Schauspieler in mehr als lediglich maximal vier Folgen der Serie zu sehen – diejenigen eingeschlossen, die verschiedene Rollen innerhalb der Serie übernahmen. Ballinger ist einem Privatdetektiv also nicht nur durch sein taffes Auftreten, sondern auch durch sein Vorgehen im Stile eines einsamen Wolfes so ähnlich, wie man es als Polizist vom Revier kaum noch mehr sein kann. Dass die Serie somit gleichzeitig Erfolgsschemata des Detektiv-Films wie auch des Polizeifilm-Noirs bedient, ist zweifelsohne eines der ihr eigenen Erfolgsgeheimnisse. Auch wenn die Darstellung Frank Ballingers recht plakativ erscheinen mag – zumindest in dem Sinne, dass irgendwann Frank Drebin daraus wurde –, ist die Stärke der Serie letztlich also gerade die Tatsache, dass sie zwei gleichermaßen durch raubeinige Ermittler glänzende Strömungen der Kriminalliteratur und des Crime-Kinos vermischt und nicht so eindeutig auf eine Schule festzulegen ist wie viele andere Filme und Serien. Das soll keinesfalls heißen, dass klassischere Polizei- oder Detektivserien schlechter oder langweiliger wären, es unterstreicht aber, dass „Dezernat M“ zumindest einen einigermaßen individuellen Ansatz hatte und zumindest beileibe nicht zu den Formaten gehörte, die nur nach Schema F Erfolgsrezepte zu kopieren versuchten.

Kaum die Hälfte des Weges

In der Bundesrepublik wurde „Dezernat M“ 1966 vom ZDF mit 26 Folgen auf die Bildschirme gebracht, 1968 folgten 26 weitere. Diese insgesamt 52 Episoden stammen zu etwa gleichen Teilen aus allen drei Staffeln und wurden seinerzeit in gegenüber der US-Premiere abgewandelter Reihenfolge, bunt durchgemischt ausgestrahlt. Der Schwerpunkt 1966 lag auf der dritten Staffel, 1968 folgten dann nur noch Episoden der ersten beiden Staffeln. Die anderen 65 Episoden der Serie wurden nie deutsch synchronisiert. Die Synchronfassung ist atmosphärisch leider nicht besonders gut abgemischt worden – Beispiel: Wenn Ballinger aus dem Off spricht, klingt es genauso wie wenn er im Bild zu sehen ist und spricht, was durchaus verwirrend sein kann, wenn beides aneinander anschließt. Allerdings überzeugt die deutsche Version mit einer sympathischen Auswahl bekannter Stimmen aus der damaligen Berliner Synchronszene. Für die Dialogregie war Karlheinz Brunnemann zuständig, der zudem maßgeblich an den Dialogbüchern mitarbeitete und wahrscheinlich auch hierfür hauptverantwortlich war. Einige Jahre später machte sich Brunnemann unter anderem durch die Vertonung diverser Filme mit Bud Spencer verdient und war ein maßgeblicher Wegbereiter der populären Sprüche und flapsigen Dialoge in den Filmen von Bud Spencer und Terence Hill, die sich bis heute großer Bekanntheit und Beliebtheit erfreuen. Dass die Verantwortlichkeit für diese berühmten Synchronfassungen der Filme des Komiker-Duos später fast alleinig Rainer Brandt zugeschrieben wurde, ist weit übertrieben; Brunnemann muss mindestens auf Augenhöhe genannt werden. Zwar gab es schon in den späten 60er-Jahren erste Fälle, wo dieses sogenannte Schnodderdeutsch gar in Synchronfassungen ursprünglich ernsthafter Filme oder Serien eingesetzt wurde und sie mal gelungen, mal eher gezwungen auflockerte, „Dezernat M“ allerdings wurde originalgetreu synchronisiert.

Gut, mit Vorbehalten

Man kann Pidax wieder einmal nur loben, dass das Label sich an die Veröffentlichung eines solchen Serienklassikers gewagt hat, obwohl die Umstände insofern widrig sind, als es einmal mehr viele Episoden schlichtweg nicht auf Deutsch gibt – im vorliegenden Falle sogar 65 Episoden und damit mehr als die Hälfte. Darin kein Hindernis zu sehen, die Serie zu bringen, ist ehrenwert! Hervorzuheben ist außerdem, dass im Gegensatz zu vielen früheren Veröffentlichungen von US-Serienklassikern bei Pidax, die ebenfalls nur deutsch synchronisiert vorliegende Folgen der jeweiligen Serien enthalten, diesmal auch der Originalton der Episoden enthalten ist – gleichzeitig aber auch der deutsche Vorspann. Die Episoden sind in der Reihenfolge ihrer Erstausstrahlung in den USA auf den Discs enthalten, allerdings muss angemerkt werden, dass einige Episoden, die es auf Deutsch gibt, für die erste Box trotzdem ausgelassen wurden, obwohl sie zu den ersten zwölf Episoden in US-Sendereihenfolge gezählt hätten, die deutsch synchronisiert worden sind. Es steht zu hoffen, dass diese Episoden noch nachgereicht werden. Beispielsweise fehlt in der Box gleich die zweite Folge der Serie, die in Deutschland aber unter dem Titel „Alarmstufe 1: Tollwut“ durchaus gezeigt worden ist. Auch bei späteren Wiederholungen im TV wurden die entsprechenden Folgen noch gesendet. Dies hier gesondert hervorzuheben, ist auch deswegen wichtig, weil in der parallel erschienenen ersten Box von „Gnadenlose Stadt“ hingegen tatsächlich genau die ersten 12 Folgen der zweiten Staffel enthalten sind – und somit von einer kontinuierlichen Fortsetzung bis zum Ende auszugehen ist.

dezernat_m-volume-1-3

Verdächtige und Angehörige zittern

Klar ist allerdings auch: Komplett wird „Dezernat M“, aufgrund der vielen nie synchronisierten Folgen, in Deutschland sowieso nicht erscheinen. Wer die gesamte Serie haben will, kann immerhin in den USA fündig werden; dort gibt es seit 2014 eine ansehnliche Komplettbox als Special Edition mitsamt einer Bonus-Disc. Grundsätzlich kann man das Label nur darin bestärken, weiter auf Krimiserien-Entdeckungsreise in den USA der 50er und 60er zu gehen. Nach der Veröffentlichung von „Kein Fall für FBI“ (1959–1962) war es bei Pidax um dieses Feld zunächst etwas ruhig geworden, aber an die neue Aufbruchsstimmung mit „Dezernat M“ und „Gnadenlose Stadt“ als Parallelstart dürfen gern noch ein paar weitere Serien anschließen. Mir fallen da spontan beispielsweise der als moderne Hörspieladaption des Labels Lauscherlounge Records heute durchaus bekannte „Richard Diamond, Privatdetektiv“ (TV-Serie von 1957 bis 1960; mit David Janssen, nur 8 von 77 Folgen synchronisiert), wie auch „Gesucht wird …“ (Originaltitel: „Manhunt“, 1959–1961; mit Victor Jory, 26 von 78 Folgen synchronisiert), „Anwalt der Gerechtigkeit“ (Originaltitel: „Lock Up“, 1959–1961; mit Macdonald Carey, ebenfalls 26 von 78 Folgen synchronisiert), „Polizeirevier 87“ (Originaltitel: „87th Precinct“, 1961–1962; mit Robert Lansing, 11 von 30 Folgen synchronisiert ), die stilistisch sehr innovative und in Farbe gedrehte Serie „Heiße Spuren“ (Originaltitel: „N.Y.P.D.“, 1967–1969; mit Jack Warden, 21 von 49 Folgen synchronisiert), in der Al Pacino sein Debüt gab, oder das alles in allem nur 13-teilige Serien-Remake des John-Huston-Klassikers „Asphalt-Dschungel“ (1950) von 1961 ein. Von recht langlebigen Klassikern wie „Preston & Preston“ (1961–1965), „77-Sunset-Strip“ (1958–1964) und „FBI“ (1965–1974) natürlich ganz zu schweigen.

Die Episoden auf Volume 1:

01. Morgenstund hat Gold im Mund (Verdacht gegen Goldzahn ausgeführt) (The Golden Look)
02. Zeuge gesucht (The Alibi Witness)
03. Wer Judo kann, lebt länger (The Slow Trap)
04. Der verräterische Punkt (The Cover Up)
05. Der Mann im Verborgenen (The Man in Hiding)
06. Vier Stunden nach dem Bankraub (Hideout)
07. Schüsse aus dem Hinterhalt (Shot in the Dark)
08. Kein stichhaltiges Alibi (Guilty Alibi)
09. Wenn Zahltag ist (The Refugee)
10. Ein Toter zu wenig (Force of Habit)
11. Ein todsicherer Plan (The Big Kill)
12. Die Autofalle (The Executioner)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

dezernat_m-volume-1-4

Dunkle Schatten über Chicago

Veröffentlichung: 27. Januar 2017 als DVD

Länge (je Episode): 24 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: M Squad
USA 1957–1958
Regie: Don Medford, John Brahm, Don Taylor, David Lowell Rich und andere
Drehbuch: Jack Laird, Stuart Jerome, Joel Murcott und andere
Besetzung: Lee Marvin, Paul Newlan, Morris Ankrum, Herbert Ellis, John Beradino, DeForest Kelley, Gail Kobe, William Phipps, Paula Raymond, Ed Herlihy
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2017 Al!ve AG / Pidax Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Polizeibericht Los Angeles – Mein Name ist Friday. Ich bin Cop.

dragnet-dienstmarke-sw

Dragnet / L. A. Dragnet

Von Ansgar Skulme

Krimiserie // Los Angeles zählt zu den US-Städten mit der höchsten Kriminalitätsrate. Joe Friday (Ed O’Neill) ist einer der altgedienten Cops beim Los Angeles Police Department (LAPD). Er blickt bereits auf über 20 Dienstjahre zurück und kennt die Stadt der Engel wie seine Westentasche. Ob in Bel Air bei den Schönen und Reichen oder im Crackhouse: Friday weiß, wie er mit dem breit gefächerten Spektrum an Bewohnern all der verschiedenen Viertel reden muss, um der Lösung eines Falles näherzukommen. Gemeinsam mit anderen Detectives dringt er ausgesprochen fokussiert bis in die düstersten Abgründe des modernen L. A. vor. Nach außen hin zwar unantastbar souverän, lässt ihn trotzdem kein Fall kalt. Er ist einer, der immer weitermacht, über die Schattenseiten reflektiert, aber sich nicht vom Weg abbringen lässt.

Ed_ONeill-2015

Ed O’Neill, Darsteller von Detective Joe Friday (Foto: iDominick / Creative Commons)

Schon in den 40er-Jahren erwählte sich Jack Webb Los Angeles als Basis für eine präzise recherchierte und aufgearbeitete Radio-Sendung: „Dragnet“. Webb war als Sergeant Joe Friday zu hören, schon bald folgte eine langlebige Fernsehserie, die fast die kompletten 50er-Jahre über von NBC ausgestrahlt wurde, in Deutschland aber niemals erschien. Die Serie war so erfolgreich, dass Warner Bros. bereits nach weniger als der Hälfte der späteren Gesamtlaufzeit 1954 sogar einen gleichnamigen Kinofilm in die Kinos brachte – diesmal in Farbe –, der in Deutschland unter dem Titel „Großrazzia“ lief. Natürlich erneut mit Jack Webb in der Hauptrolle. Von 1967 bis 1970 wurde schließlich auch die TV-Serie erneut und in Farbe aufgelegt. In den USA bekamen die Zuschauer das Ergebnis einmal mehr auf NBC zu Gesicht und auch das deutsche Publikum wurde diesmal nicht außen vor gelassen – nun erst entstand der deutsche Titel „Polizeibericht“ für die synchronisierte Version, da die erste Serie nicht synchronisiert worden war. Jack Webb war einmal mehr der geistige Vater, wachte über die nach echten Fällen akribisch zusammengestellten Drehbücher. „Dragnet“ zeichnete sich stets durch viele Dialoge aus – Verhöre als Herzstück der alltäglichen Polizeiarbeit. Joe Friday war bekannt für ein nicht enden wollendes Stakkato an Routine-Fragen und ein permanentes verbales Nachlegen, bis er den Täter schließlich so weit in der Ecke hatte, dass dieser gestand. Für das Radio ein enorm spannendes Konzept, das aber auch vor laufender Kamera sehr gut funktionierte. Fridays immer wiederkehrender Hinweis „Just the facts!“ an die Befragten erlangte Kult-Status.

Das deutsche Remake: „Stahlnetz“ von Roland & Menge

Als Jürgen Roland und Wolfgang Menge 1958 ihre TV-Reihe „Stahlnetz“ starteten, hatte das deutsche Publikum von „Dragnet“, außer dem besagten Kinofilm „Großrazzia“, kaum etwas mitbekommen können. Vielleicht hatten einige die prägnante Titelmelodie schon einmal im Film noir „Die Killer“ (1946) von Robert Siodmak gehört – ursprünglich eine Komposition von Miklós Rózsa für diesen Film, adaptierte Walter Schumann die Melodie für die Serie; es ist umstritten, ob er wissentlich abkupferte oder die Melodie im Ohr behalten hatte, ohne sich auf die Herkunft zu besinnen. Vielleicht hatten einige auch bereits Jack Webb in „Schritte in der Nacht“ (1948) gesehen, einem Film noir, der in seiner Darstellung der Polizeiarbeit als Vorbild für „Dragnet“ gilt und an dessen Set Webb, der eine Nebenrolle spielte, von einem echten Polizeibeamten angeblich zu der Serie überredet worden sein soll. In Serienform jedoch kam der „Polizeibericht“ erst viele Jahre nach „Stahlnetz“ nach Deutschland und so mag dem einen oder anderen das Konzept ziemlich originär erschienen sein, wenn die pompöse Fanfare eines jeden „Stahlnetz“-Films ertönte, die eigentlich aus „Dragnet“ stammt und sich nachfolgend eine Polizei-Story auf deutschem Boden entspann.

Das „Dragnet“-Konzept: Friday gibt den Ton an

Trotz eines gleichsamen Bemühens um eine möglichst nüchterne und genaue Darstellung polizeilicher Ermittlungsarbeit sowie des musikalisch identischen Intros unterscheidet sich „Stahlnetz“ in einigen zentralen Punkten aber durchaus wesentlich von „Dragnet“. Der bedeutsamste Unterschied ist Joe Friday selbst. Jede klassische „Dragnet“-Folge lebt ab Beginn von den Off-Erzählungen Joe Fridays, üblicherweise beginnend mit dem Satz „This is the city“ und nachfolgenden Schilderungen der Lebenssituation in Los Angeles. Fridays Liebe zu der Stadt, mit deren Abgründen er gleichzeitig immer wieder konfrontiert ist, prägt die Serie durch und durch. In den ersten Momenten einer Folge macht er sogar Bemerkungen zum Wetter und kommentiert recht banal erscheinende Eigenschaften Los Angeles‘, die mit dem Fall unter Umständen gar nicht viel zu tun haben. So befördert jede Episode von vornherein eine starke Bindung zwischen der Stadt, diesem Ermittler und dem Zuschauer. Friday bleibt die ganzen Folgen über der Begleiter des Betrachters, gibt immer wieder Hinweise zum Ablauf der polizeilichen Ermittlungen und kommentiert gewonnene Erkenntnisse aus dem Off. Ohne Friday kein „Dragnet“. Immer an seiner Seite: Ein zweiter Ermittler, den er im Intro stets namentlich nennt und als seinen Partner bezeichnet. Meist war es Officer Frank Smith, der von Ben Alexander gespielt wurde, einem Kinderstar aus Stummfilm-Zeiten. Im „Stahlnetz“ hingegen kamen generell verschiedene Ermittler zum Einsatz, deren personalisierende Einflussnahme auf die Folgen, etwa mittels Off-Erzählungen, in der Regel auch nicht annähernd so intensiv ausfiel wie bei Joe Friday. Zudem ist im „Stahlnetz“ nicht eine bestimmte deutsche Stadt Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Ferner musste die komplette Erzählstruktur notwendigerweise ohnehin ganz anders als in der amerikanischen Serie ausfallen, da die „Dragnet“-Folgen allesamt weniger als 30 Minuten Laufzeit umfassten, die „Stahlnetz“-Filme hingegen länger waren – teils deutlich.

„Dragnet“ ohne Webb? Absichtliche und unfreiwillige Komik

Als Jack Webb einen Tag vor Heiligabend des Jahres 1982 starb, soll er angeblich in den Arbeiten für eine erneute Auflage der Serie gesteckt haben. Mit „Dragnet“ ging es stattdessen aber nun zunächst in Form der Parodie „Schlappe Bullen beißen nicht“ (1987) weiter, in der Dan Aykroyd in die Rolle des Joe Friday schlüpfte und Harry Morgan eine Cameo-Rolle übernahm – jener Harry Morgan, der in der 60er-Jahre-Neuauflage der Serie Joe Fridays regulären Partner gespielt hatte und auch bereits in einer Episode der 50er-Serie als Fridays zweiter Ermittler zu sehen gewesen war. Schließlich wurde „Dragnet“ von 1989 bis 1991 tatsächlich auch im TV wieder aufgelegt. Man versuchte sich sogar an derselben Struktur mit einer ähnlichen Episodenlänge. An eine Wiederbelebung von Joe Friday mit einem anderen Darsteller als Jack Webb wagte man sich allerdings nicht. Es wurden zwei neue Ermittler erfunden. Alles recht billig produziert und ohne die typische, charakteristische Titelmelodie. Das Intro erinnert eher an „Miami Vice“ (1984–1990). „The New Dragnet“ war eine Serie ohne Charme. Jeff Osterhage, einer der beiden Hauptdarsteller, verschwand danach beinahe wieder in der Versenkung, der andere Hauptdarsteller Bernard White spielte über die Jahre bis heute Nebenrollen in diversen TV-Serien und Blockbustern, zuletzt etwa in „The Return of the First Avenger“ (2014).

„Law & Order“ trifft „Dragnet“: Eine logische Synthese

Als „The New Dragnet“ 1990 in seine zweite Staffel ging, startete parallel dazu eine Krimiserie, die zu einer der langlebigsten Serien in der Geschichte des US-Fernsehens werden sollte: „Law & Order“, produziert von Dick Wolf und ausgestrahlt auf NBC, der einstigen Heimat von „Dragnet“. Jack Webbs legendäre Polizeiserie dürfte Vorbild für „Law & Order“ gewesen sein, wie man schon allein an dem einleitenden Off-Kommentar und dem gleichzeitigen ersten Einblenden des „Law & Order“-Logos erkennt – eine unstrittige Parallele zur „Dragnet“-Polizeimarke, die mitsamt Kommentar zur Authentizität der gezeigten Fälle am Beginn jeder klassischen Folge zu sehen ist. Auch in „Law & Order“ steht eine recht präzise Aufarbeitung polizeilicher sowie allerdings auch anwaltlicher Arbeit im Zentrum der Handlung. Die erste Hälfte zeigt die Arbeit der Polizei, dann übernehmen die Anwälte. Die Folgen sind ungefähr doppelt so lang wie „Dragnet“ mit Jack Webb, somit nimmt die polizeiliche Ermittlungsarbeit im Rahmen einer „Law & Order“-Folge praktisch etwa denselben Umfang wie in „Dragnet“ ein. „Law & Order“ spielt in New York, einer Stadt mit einem anderen Rechtssystem als Los Angeles. Zentralster Unterschied: In New York City gibt es faktisch keine Todesstrafe, in Los Angeles hingegen schon. Es verwundert daher wenig, dass Dick Wolf sich nach über 10 Jahren Erfolg mit „Law & Order“ und dem Start zweier Serienableger, „Law & Order: Special Victims Unit“ und „Criminal Intent – Verbrechen im Visier“, die beide ebenfalls in New York spielen, für eine Aufarbeitung von Verbrechen an der West Coast im Rahmen des dortigen Rechtssystems interessierte. Und dass er „Dragnet“ als geeignete Variation zu seinem „Law & Order“ empfand, ist nachvollziehbar. Für ein weiteres „Law & Order“ schien es zu früh, stattdessen suchte sich Wolf mit ABC einen anderen Sender und baute „Dragnet“ praktisch als Konkurrenzformat zu seinen eigenen NBC-Serien auf.

Wer wird der neue Friday? Die kurze Geschichte einer glücklichen Fügung

Wolf nahm Danny Huston, den Sohn von Regie-Legende John Huston, als Joe Friday unter Vertrag. Was Frank Smith anbelangte, entschied man sich für eine Verjüngungskur und engagierte den erst 24-jährigen Ethan Embry, für den Friday in gewisser Weise als Mentor fungierte, während Smith früher ein Partner mit etwa gleich langer Berufserfahrung gewesen war, wenn auch etwas niedrigeren Ranges. Nun hatte man es zwar mit zwei Detectives zu tun, gleichzeitig aber mit einem deutlichen Altersunterschied. Und dieser sollte noch wachsen: Danny Huston drehte Ende September 2002 eine Folge ab und warf danach angeblich das Handtuch. Er hatte zuvor noch nie in einer Serie mitgespielt, kaum mehr als zehn Filme gedreht und soll vor dem hohen zeitlichen Aufwand bei der täglichen Produktion einer Serie als Hauptdarsteller kapituliert haben. Eine andere Variante der Geschichte besagt, Dick Wolf habe ihn gefeuert, weil er ihm beim Dreh als Cop nicht glaubwürdig genug erschien. In der Original-Serie war Joe Friday mitsamt seines Darstellers der Dreh- und Angelpunkt vor wie auch hinter der Kamera, jegliche Entwicklung ohne Webb bzw. Friday praktisch unmöglich, und in der ersten Neuauflage stand man nun bereits nach einer Folge plötzlich ohne Friday da. Ironie des Schicksals. Dick Wolf und sein ausführender Produzent Walon Green, der auch „Law & Order“ betreute, gerieten unter Zeitdruck. Einen weiteren Fehlgriff konnten sie sich nicht leisten, wenn „Dragnet“ pünktlich starten sollte. Im Optimalfall musste also ein Hauptdarsteller mit umfangreicher Serienerfahrung als Zugpferd her, der in Los Angeles ansässig war. Die Lösung fand man in Ed O’Neill, der gerade lange auf den Produktionsstart von „Deadwood“ (2004–2006) gewartet hatte. Frisch aus dem Projekt ausgeschieden, ließ er sich kurzerhand von Dick Wolf anwerben und stand im Oktober 2002 für die erste Folge vor der Kamera. O’Neill hatte zuvor bereits einige Cops vor der Kamera dargestellt – zuletzt in der kurzlebigen Serie „Big Apple“ (2001), die viel Potenzial hatte und ihrer Zeit wohl etwas voraus war –, war jedoch ein mutiges Casting, da ihn viele Zuschauer stark mit seiner Darstellung des Al Bundy in der Sitcom „Eine schrecklich nette Familie“ (1987–1997) assoziieren. Konnte ausgerechnet er glaubwürdig eine solch ernsthafte, regelkonforme, strenge Figur darstellen? Ja, konnte er. Und wie!

Comedians als Cops: Es klappte immer wieder

Dass populäre Komiker oder ausgewiesen für Komödienstoffe bekannte Schauspieler als Darsteller von Polizisten eine Art Image-Wechsel vollzogen, kam in der Filmgeschichte durchaus einige Male vor. Häufig staunte man nicht schlecht, angesichts der nuancierten Darstellungen und Überzeugungskraft, die sie in diesem ungewohnten Rollenprofil entwickelten. Nehmen wir etwa Bourvil in „Vier im roten Kreis“ (1970), Walter Matthau in „Massenmord in San Francisco“ (1973) und „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3“ (1974), Peter Vogel in „Kottan ermittelt“ (1976/77), Diether Krebs im „Tatort: Alles umsonst“ (1979) oder Hilmi Sözer in „Die dunkle Seite“ (2008), um nur einige Beispiele zu nennen. Ed O’Neill erwies sich als herausragender Joe Friday, der die Rolle mit einer denkwürdigen Glaubwürdigkeit ausfüllte. Man kauft ihm die mehr als 20 Jahre Berufserfahrung als Cop sofort ab. Überlegen kommentiert er unmittelbar aus dem Off Fehler, mit denen sich Zeugen bei Befragungen verraten, unerbittlich konfrontiert er sie mit klaren Ansagen und unliebsamen Fragen oder Erkenntnissen – und sei es mit ausgestrecktem Zeigefinger. Jeder Blick, jede Sprechpause, jede Verzögerung machen den Eindruck, sorgfältig durchdacht worden zu sein. O’Neill setzte eine Flut von Nuancen und kleinen Gesten ein, die teils mehr als tausend Worte sagen. Manchmal sind seine Einwürfe so spontan, dass sie regelrecht improvisiert wirken, wie etwa als er in einer Folge umstehende, lethargisch erscheinende Beamte, respektive Nebendarsteller und Statisten, plötzlich energisch dazu aufruft, ihre Meinungen in den Raum zu werfen, um in dem Fall voranzukommen. Jede Episode beginnt ganz klassisch mit einer Erzählpassage von Joe Friday aus dem Off, während man die Ermittler am Ort des Geschehens ankommen sieht; und jede dieser Passagen endet stets mit dem Ausspruch: „Mein Name ist Friday. Ich bin Cop.“ Und das glaubt man Ed O’Neill. Er hat den Cop, der seinen Fall lösen will, persönliche Emotionen stets von sachlichen Fakten zu trennen weiß und darüber hinaus stets seine Gedanken auf den Punkt formuliert – egal ob aus dem Off oder gegenüber anderen Figuren –, komplett verinnerlicht. O’Neill ist Friday und Al Bundy Vergangenheit. Seine Darstellung ist gleichzeitig cool und trotzdem recht realitätsnah, auch wenn die Fälle teilweise eher übertrieben sind und, im Gegensatz zu den Serien mit Jack Webb, nicht tatsächliche Verbrechensaufklärungen reproduzieren, sondern sich nur grob an wahren Begebenheiten orientieren. Seiner rechten Hand Frank Smith alias Ethan Embry merkt man an, dass er von O’Neills Darstellung offenbar inspiriert war, auch wenn die zur Schau gestellte Coolness hier manchmal etwas überzogen ausfällt, da es an den besagten Nuancen fehlt, die die Friday-Darstellung zu einem Highlight machen. Hat man sich an Embrys extrovertiertes Spiel einmal gewöhnt, ist die Rolle allerdings durchaus sympathisch – und schließlich muss sie ja auch etwas überkandidelt daherkommen, wo man ihm von vornherein schon eine 50er-Jahre-Frisur verpasst hatte.

1. Der Silbermörder (The Silver Slayer)

Mulholland Drive in der Nacht. Die schönste Aussicht in L. A. Es sei denn, man ist tot.

In der ersten Episode jagen Friday und Smith einen Nachahmungstäter, der sich von einer 25 Jahre zurückliegenden Mordserie inspirieren lässt. Zwar ist die Täterdarstellung die schwächste der gesamten Serie, jedoch zeigt Ed O’Neill schon in dieser ersten Folge, dass sein Joe Friday die Stadt im Griff hat. Zu den Highlights zählen ein kurioses Zusammentreffen mit einem Zuhälter, den er hinter dessen Rücken beim Schachspiel foppt, und eine Szene, in der er eine Zeugin damit konfrontiert, dass sie durch das ständige Hochziehen der Augenbrauen vor dem Antworten verrät, nicht die Wahrheit zu sagen. Dazu gibt es einen lustigen Gastauftritt von Jon Polito als Sammler von Relikten aus Mordfällen. Und als der Fall schließlich gelöst ist, lässt Joe Friday keine Gnade walten und applaudiert dem „Silbermörder“ sogar höhnisch, als dieser einen epileptischen Anfall vortäuscht. O’Neill hatte die Möglichkeiten der Rolle schnell erkannt – die Darstellung eines nüchternen, unbestechlichen Polizisten musste alles andere als staubtrocken sein.

2. Gewaltvideos (The Big Ruckus)

Unter der Leiche haben wir das Zeichen einer Gang gefunden. Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, ist es meistens auch so.

Nach dem etwas reißerischen ersten Fall geht es in Episode 2 weitaus realistischer zur Sache. Ein Mordfall führt Friday und Smith in das Obdachlosen-Milieu, wo sie auf eine kleine Gruppe von Yuppies stoßen, die sich mit dem Produzieren von Videos, in denen Obdachlose gegeneinander kämpfen, eine goldene Nase verdienen. Einer aus der Mitte dieser zu unverhältnismäßigem Reichtum gelangten Milchgesichter wurde getötet. Wird Joe Friday den Fall lösen? Na klar! Die Folge ist durchaus anspruchsvoll und sozialkritisch, punktet aber wie immer auch mit einigen markanten Sprüchen: Wissen Sie warum Cops um 6 Uhr mit Durchsuchungsbefehlen kommen? Da sind die Leute noch nicht ausgeschlafen und leicht reizbar. […] Die Verhaftung […] war für uns ein Vergnügen, für die beiden das Gegenteil.

3. Schöner Schein (All That Glitters)

Freitag. In L. A. ist es sonnig. Mein Partner und ich haben Tagschicht beim Morddezernat. Der Anruf kommt um 8:30 Uhr. Am Mulholland Drive ist ein Weißer abgeladen worden. Ich liebe L. A. und es scheint ein schöner Tag zu werden. Mein Name ist Friday. Ich bin Cop.

Die dritte Episode zeigt einen der persönlichsten Fälle für Friday, in der er eine Zeugin (Teri Polo), die Angst hat auszusagen, davor zu bewahren versucht, nicht deswegen auch noch selbst das nächste Opfer zu werden. Er braucht ihre Aussage, um die Verantwortlichen zu überführen, die sonst auch ihre Mörder werden könnten. Spätestens während der einfühlsamen Dialoge zwischen Ed O’Neill und Teri Polo wird klar, dass O’Neills schauspielerische Bandbreite immer wieder für Überraschungen gut war. Er war weit mehr als nur Al Bundy, aber auch mehr als nur ein cooler, sachlich analysierender Cop in dieser Rolle. Die Folge taucht in die Welt der Bandenkriminalität ein und amüsiert mit ein paar witzigen Anspielungen auf das Trashfilm-Business.

4. Der Erbe (Well Endowed)

Das Leben geht weiter.

Whitneys nicht.

Friday und Smith ermitteln im Mordfall Whitney Lind, einer jungen Frau, die in L. A. bekannt werden wollte und es schließlich erst durch ihren tragischen Tod wird. Der Fall ist eine teils sarkastische Abrechnung mit Anwälten, die ein selektives Gedächtnis haben, und scheinheiligen, überheblichen High-Society-Damen, aber auch ein Plädoyer für ehrliche Liebe über alle Schichten und Grenzen hinweg. Er führt die Detectives bis nach Bel Air zu den Reichsten der Reichen, von denen manche trotzdem nur ganz gewöhnliche Kriminelle sind. Der ausgesprochen überzeugende Gastauftritt von Christina Pickles als schnippische, selbstherrliche Multimillionärin Helena Rosemont, deren provokantes Auftreten dazu führt, dass Friday seinen jüngeren Partner an die Leine nehmen und mehr denn je genau die richtigen Töne treffen muss, zählt zu den besten Performances der Serie.

5. Der Reihe nach (The Cutting of the Swath)

Es gibt nur ein Wort, um so eine Frau zu beschreiben, aber das benutze ich nicht.

Fall Nummer 5 handelt von einem Vater, der seine ganze Familie ermorden will. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, mit gewissen Anleihen bei Filmen wie „Sieben“ (1995). Besondere Anspannung ist selbst Friday anzumerken. Schon in der ersten Szene ist er so fokussiert auf den Tatort und die Leiche, dass er kaum dem Cop zuhört, der vor Ort bereits einige Informationen eingeholt hat, und bezüglich eines möglichen Fluchtwagens nur kurz angebunden „Autokennzeichen? Baujahr?“ fragt. Als es dafür nicht die erhofften Antworten gibt, wendet er sich unmittelbar und wortlos ab, lässt den Cop einfach stehen, um sich wieder der Leiche zu widmen. Ein sehr treffendes Beispiel für all die kleinen, gut durchdachten und sehr authentisch gespielten Momente, die Ed O’Neill in dieser Rolle kreierte. Nicht minder brillant ist eine spätere Szene gespielt, in der Friday und Smith einen besonders schmerzhaften Leichenfund machen. Bei Auffinden der Leiche ist Friday zunächst allein und sichtlich getroffen, den Tränen nah. Smith sieht ihn und eilt hinzu, beide sammeln sich und kurz darauf markiert Friday nach außen hin den taffen Cop, veranlasst die Absperrung des Geländes und schließt mit „Das ist jetzt ein Tatort!“, die Hände am Gürtel, der auch seine Polizeimarke zeigt. Während Smith in Folge der bitteren Situation nun sogar in die Hocke geht, um die Situation zu verarbeiten, lässt Friday, aufrecht stehend, von außen keinen Zweifel an seiner Unantastbarkeit zu. Die Szene macht im Grunde komplett transparent, wie vielschichtig Ed O’Neill die Rolle verstanden hat. Zudem wartet die Folge mit einer guten Nebenrolle auf, einem angeblichen Zeugen, der sich wichtig zu machen versucht, indem er absichtlich eine Falschaussage macht.

6. Tod eines Schauspielers (The Brass Ring)

Entweder a) Raubüberfall, b) privater Streit oder c) tödlicher Drogendeal. Such‘s dir aus!

Ich weiß nicht so richtig. Ich tippe auf d) nichts von allem.

Dieser Fall widmet sich L. A. als der Stadt an den Hollywood Hills und taucht ins Schauspieler-Milieu ein. Es finden sich eine Referenz an die Geschichte von Rock Hudson und viele Anspielungen auf die Problematik des Lebens zwischen Schein und Sein. Es geht um Anerkennung, Image und am Ende auch ums Geld. Schließlich bringt Friday die verantwortliche Person in einem ruhigen, verständnisvollen Gespräch dazu, sich selbst der Öffentlichkeit zu stellen, und erlaubt ein Styling im Vorfeld des spontanen Gangs vor die Kameras. Die Bitte, auf Handschellen zu verzichten, verneint er jedoch. Friday achtet die Würde seiner Gegenüber, kompromittierbar ist er jedoch nicht.

7. Der 40-Millionen-Dollar-Raub (The Artful Dodger)

Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder dasselbe zu tun und verschiedene Ergebnisse zu erwarten. Das hat Ben Franklin gesagt. Er wäre ein lausiger Cop gewesen.

Ein gut geplanter, vorher geprobter Juwelenraub, bei dem es zu einem Mord kommt, führt Friday und Smith mit zwei ausgesprochenen Egozentrikern zusammen, einem Mann und einer Frau, die beide sehr von sich eingenommen sind und jeweils in die eigene Tasche arbeiten. Friday lässt es aufs Psychoduell ankommen und entlarvt die Hintergründe. Die eher langweilige Inszenierung dieses etwas vor sich hin plätschernden Falls schöpft das Potenzial leider nicht annähernd aus.

8. Fahrunterricht (Sticks and Stones)

Er ist nirgendwo lange geblieben und er hat auch nirgendwo etwas hinterlassen – außer seine Opfer.

Ein an einen Ritualmord erinnernder Tatort führt Friday mit einem rebellischen Teenager aus der Gothic-Szene, einem womöglich pädophilen Priester und einem vom ehemaligen „Miami Vice“-Star John Diehl verkörperten Ehrenmitglied der indianischen Kirche zusammen, der eine Sonderberechtigung hat, die Rauschpflanze Peyotl zu besitzen. Auch eine Fahrschule scheint in den Vorfall verwickelt gewesen zu sein, doch wer hat der Toten Unterricht gegeben? Ein solider Fall mit etwas einfach gestrickten Figuren, in dem allerdings vor allem die Konfrontation Fridays mit dem auf abgebrühten Satanisten machenden Teenager Randy Southbrook (Kris Lemche) einige kluge Momente bereithält. Dabei treffen zwei Welten aufeinander, mehr noch als etwa Vater und nie verstandener Sohn, und alles gipfelt in einem recht einseitigen Dialog, aus dem weitaus mehr spricht als schließlich noch an Worten fällt.

9. Verhängnisvolles Video (Redemption)

Ich fühle mich in eine Zeit zurückversetzt, in der die Welt noch in Ordnung war. Eins hat sich seit damals allerdings geändert: die Verbrechensquote. Mein Name ist Friday. Ich bin Cop.

Fridays neunter Fall führt ihn ins Porno-Milieu, das eines seiner Girls durch einen scheinbaren Selbstmord verloren hat. Ein ehemals hässliches Entlein, das sich zur schönen Frau mauserte, die aber niemanden fand, der etwas anderes als ihren Körper wollte. Es folgt ein Mord an einem Porno-Produzenten und einer der Verdächtigen ist ausgerechnet ein ehemaliger Militärpolizist. Da Ethan Embry im Vorfeld der Produktion dieser Folge einen Sportunfall hatte, wurde er von Lauren Vélez vertreten, die von 1995 bis 1999 bereits eine Ermittlerin in Dick Wolfs „New York Undercover“ gespielt hatte. Insofern ein historischer Moment, als Joe Friday nach all den Jahrzehnten des Bestehens dieser Figur hier erstmals mit einer Partnerin ermittelte. Der Fall ist spannend, geleitet Friday zielstrebig von einem Hinweis zum nächsten und bietet außerdem ein recht gutes, nachdenklich machendes Profil eines Täters, der aus persönlicher Betroffenheit und nicht Perversion oder Wahnsinn heraus handelt. Gute Arbeit der Regisseurin Darnell Martin, die auch bereits die dritte Folge inszeniert hatte und später insbesondere mit dem Musiker-Biopic „Cadillac Records“ (2008) ein tolles cineastisches Werk erschuf.

10. Kidnapping (Let’s Make a Deal)

Du bist Romantiker, Frank. Du denkst, Cinderella würde am Ende den schönen Prinzen bekommen.

Das Baby der Haushälterin des steinreichen Hollywood-Agenten J. J. Halsted (Kevin Dunn) wurde entführt. Da bei Entführungsfällen, von denen Prominente betroffen sind, das Morddezernat zuständig ist, werden Friday und Smith auf den Fall angesetzt. Bald kommen sie sich mit dem FBI ins Gehege. Diese Folge wurde vermutlich schon vor der neunten Episode gedreht, da Friday hier nun wieder mit Frank Smith ermittelt. Die teils kammerspielartige Atmosphäre, da die Episode überwiegend im Haus von Halsted und auf seinem Anwesen spielt, gibt ihr einen besonderen Touch.

11. Der Rüstungskonzern (For Whom the Whistle Blows)

Die Leute kommen hier raus, um die Stadt zu vergessen. Wenn sie Pech haben, vergisst die Stadt sie.

Im Santa Monica Canyon wird bei Aufräumarbeiten der Feuerwehr ein Wagen mit einer schon seit Jahren verwesten weiblichen Leiche gefunden. Am Tatort treffen Friday und Beltran auf Detective Langler (Paul Leyden), der sie für den Rest der Episode bei den Ermittlungen unterstützt, während ihnen auch Frank Smith im Revier zuarbeitet. Die Detectives finden heraus, dass das Mordopfer in einem Rüstungskonzern tätig war, doch möglicherweise sind die Motive für die Tat ganz anderer Natur. Da Ethan Embry in dieser Folge praktisch nur am Schreibtisch zu sehen ist, entstand sie wahrscheinlich, während er sich von seinem Unfall regenerierte. Zum ersten Mal gibt es außerdem die Situation, dass Zeugen nicht mehr von Friday und seinem jeweiligen Partner befragt werden, sondern von Beltran und Langler. Für „Dragnet“ bis dato ungewöhnlich, deutete sich damit bereits an, mit welchem Konzept man später in die zweite Staffel starten würde. Passend dazu wurde in dieser Folge zudem Christina Chang in der Rolle der Bezirksstaatsanwaltsassistentin Sandy Chang präsentiert, die auch in der nächsten Episode dabei war und in der zweiten Staffel schließlich zum regulären Cast stieß.

12. Tödliche Falle (The Little Guy)

Sie haben das Recht zu schweigen. Tun Sie‘s auch!

Im Staffelfinale wird es noch einmal persönlich: Nachdem in Fridays Beisein ein Kollege erschossen wurde, ist er gezwungen, das Feuer zu erwidern und den Täter zu töten. In einer Rahmenhandlung muss er sich vor einer Anhörungskommission dafür rechtfertigen, während in Rückblenden die ganze Geschichte aus der Perspektive von Friday und Smith rekapituliert wird. Mit den zurückgenommenen Farben in den Rückblenden und den mit übersteuerten Kontrasten versehenen Erinnerungen, die Schlüsselmomente der Rückblenden noch einmal aufrufen, nimmt diese Episode den Look der zweiten Staffel phasenweise annähernd vorweg. Speziell in den Folgen 11 und 12 testete man vieles also schon aus, was ab Staffel 2 schließlich neues Konzept werden sollte.

Ein verkanntes, ambitioniertes Reboot: Alles auf Anfang, den Anfang vom Ende

Angeblich soll Ed O’Neill selbst darum gebeten haben, ab der zweiten Staffel weniger Drehzeit zu bekommen. Plausibel erscheint das allemal, da seine Töchter zum damaligen Zeitpunkt beide noch nicht in der Schule waren. Aus welchen Gründen auch immer – man entschied sich jedenfalls, Friday für Staffel 2 zum Lieutenant zu befördern und ihn mit einem Team von drei bis vier Detectives auszustatten, mit denen er nun gemeinsam die Fälle lösen sollte. Er kommentierte das Geschehen zuweilen immer noch aus dem Off, war jedoch seltener an Tatorten oder bei Befragungen dabei. Das Publikum tat sich teils etwas schwer damit, sich daran zu gewöhnen, dass ausgerechnet Joe Friday in „Dragnet“ plötzlich nicht mehr Dreh- und Angelpunkt war. Als noch problematischer als die Konzeptänderung erwies sich allerdings der Wechsel des Sendeplatzes. Die Serie wurde nun „L. A. Dragnet“ genannt und statt am Sonntag jetzt Samstagabend gegen relativ starke Konkurrenz ausgestrahlt.

Ethan_Embry-2013

Ethan Embry, Darsteller von Detective Frank Smith (Foto: Katmtan / Creative Commons)

Warum Ethan Embry in der zweiten Staffel nicht mehr mit von der Partie war, ist nicht genau überliefert. An seine Stelle traten Desmond Harrington als Detective McCarron, Evan Parke als Detective Cooper, Eva Longoria als Detective Duran und in drei Episoden außerdem Roselyn Sánchez als Detective Macias. Lauren Vélez und Paul Leyden sowie einige Nebendarsteller, die im ersten Teil das Team auf dem Revier verstärkt hatten, kamen in Staffel 2 hingegen ebenfalls nicht mehr zum Einsatz. Plötzlich hatte Friday auch einen neuen Captain; während der Staffel wurde außerdem der Gerichtsmediziner ausgetauscht, den zunächst noch Erick Avari wie in der ersten Staffel spielte, der schließlich aber von seiner Kollegin Robin Bartlett beerbt wurde. Erklärt wurden die personellen Umstrukturierungen innerhalb der Geschichte überhaupt nicht. Gewissermaßen startete die Serie ab Staffel 2 einfach wieder bei Null – das Privatleben der Ermittler spielte in „Dragnet“ seit jeher sowieso nie eine Rolle, daher war ein Neustart relativ unproblematisch möglich, ohne dass man viel erklären musste. Das Reboot arbeitete zudem mit stark reduzierten Farben und Wackelkamera, hatte praktisch nichts mehr vom klassischen, mit Wolfs Erfolgsserie „Law & Order“ (1990–2010) verwandten Look der ersten Staffel gemein. Insgesamt kommt die zweite Staffel wesentlich düsterer und abgründiger als die erste daher, was sowohl mit der Stilistik als auch den behandelten Fällen zu tun hat. Manch einer mag das reißerisch nennen, doch Ed O’Neill wahrte sich seine besonnene Darstellung und sein Team überzeugt mit Spielfreude.

13. Warum nicht? (Daddy’s Girl)

Eine gute Gegend, um Kinder großzuziehen, wird gesagt, wo „es“ nie passiert. Tut es aber doch.

Der Staffelauftakt konfrontiert Friday und McCarron direkt mit einer verbrannten Frauenleiche, die plötzlich doch noch letzte Lebenszeichen von sich gibt. Schon als die furiose Titelmelodie einsetzt, ist klar, dass dieses Reboot vor Schockmomenten keinen Halt machen wird. Die Episode stellt den verzweifelten Vater des Mordopfers, der in seinem Übereifer die Ermittlungen behindert, ins Zentrum des Geschehens, widmet sich aber auch ausführlich der Problematik schlecht erzogener Teenager, die zu allem fähig sind. Die Detectives Duran, Cooper und McCarron fügen sich energisch in das neue Konzept, wobei die Pilotfolge dahingehend mit einem sehr guten finalen Wortgefecht der Detectives und Friday punktet, das inmitten allen Verbrechens und nahenden Verzweifelns auch eine Aufbruchsstimmung signalisiert. Bemerkenswert ist, wie schnell O’Neills Friday glaubwürdig in der übergeordneten Rolle des Lieutenants ankommt.

14. Ohne eine Chance (Coyote)

Manche meinen, der Wind macht die Leute verrückt. Depressionen, Selbstmord, Mord. Wenn die heiße, trockene Luft weht, kann alles passieren, sagt man. Aber sie vergessen, wir sind in L. A. Hier passiert sowieso alles.

Der erste Fall mit Roselyn Sánchez als Detective Macias wagt sich an die Themen Zwangsprostitution und illegale Einreise sowie Mord und Totschlag durch Kinder. Es ist ein sehr persönlicher Fall für Macias, und Friday erweist sich nicht nur für sie, sondern gleich zu Beginn auch für McCarron als Mentor, der ihn mit der Nase binnen kurzer Zeit auf diverse Fehler bei seiner Untersuchung des Tatorts stößt. Über alle persönlichen Sympathien hinweg dominiert Fridays Drang nach vollständiger Objektivität diese Folge besonders stark. Als er merkt, dass Macias jemanden zu decken versucht, lässt er sie sogar vor Gericht auflaufen. Ein starker Fall, mit einer wirklich guten Roselyn Sánchez und einem eisenharten Ed O’Neill.

15. Das Gang-Massaker (17 in 6)

Was zu kaufen und ihn dann zu verhaften, ist der älteste Trick, um einen Informanten anzuheuern. Und das hat seinen Grund: Es ist ein guter Trick!

Der dritte Fall beschäftigt sich nach Macias nun näher mit Detective Cooper und dessen Vergangenheit in einem stark von Gang-Kriminalität dominierten Revier. Genau dorthin verschlägt es ihn mit Friday und seinem Team nun wieder und die dortigen Kollegen halten wenig von dem Heimkehrer, dem sie unterstellen, in seiner neuen Einsatzstelle ein viel leichteres Leben als sie zu haben. Die Episode ist etwas überzogen: Zu viele Leichen und zum dritten Mal hintereinander ein Gewaltübergriff durch Minderjährige als zentrales Versatzstück der Story. Zudem ist dies die Folge, in der Friday am wenigsten zur Geltung kommt, was dem Spannungsbogen nicht gut tut.

16. Das Ende eines Traums (The Magic Bullet)

Nur wer zur Szene gehört, kommt in L. A. in solche Läden. Und die sind nicht leicht zu finden – es gibt keine Schilder, keine Werbung. Man muss jemanden kennen. Wenn sie erst mal drin sind, können die Leute ihre Sorgen, ihre Hemmungen verlieren. Manchmal verlieren sie noch viel mehr.

Am Rande einer Party wird eine junge Frau tot aufgefunden. Als Friday und McCarron realisieren, auf welchem Weg die Kugel in den Körper gelangte, stockt ihnen der Atem. Der Haupttatverdächtige wird von Michael Massee gespielt, jenem Schauspieler, der im März 1993 am Set von „The Crow – Die Krähe“, eine ohne sein Wissen mit einem zuvor klemmen gebliebenen echten Projektil geladene Waffe abfeuerte, wodurch der Hauptdarsteller, Bruce Lees Sohn Brandon, getötet wurde. Vor diesem Hintergrund sind die Parallelen des vorliegenden Falls und seiner Rolle mit der tatsächlichen Vorgeschichte des Schauspielers durchaus heftig, doch Massee spielt die Rolle mit prägnantem Charisma.

17. Blinde Elternliebe (Slice of Life)

Man kann auf alles eine plausible Antwort haben, aber manchmal verrät einen gerade das, was man nicht sagt.

Am Hafen von Los Angeles wird ein Frauenkörper ohne Kopf gefunden. Am Bauch des Opfers wurde erst kürzlich ein eher notdürftiger Kaiserschnitt vorgenommen. Friday und sein Team finden heraus, dass das Opfer nach Aufmerksamkeit gierte, eine Affäre hatte, aber auch eine Leihmutter war. Das Täterrätsel wird gelöst, trotzdem bleibt das Ergebnis für Friday unbefriedigend. Nach dieser sehr gelungenen Folge jedoch, die gewissermaßen mit einer moralischen Niederlage für Friday endet, wurde die Serie abgesetzt, da die Einschaltquoten der zweiten Staffel hinter den Erwartungen zurückgeblieben waren und ABC nicht bereit war, dem Format eine Chance zu geben, sich zu entwickeln.

18. Tödliche Maske (Abduction)

Pacific Palisades – ein Ort, an dem wir nicht oft arbeiten. Spielplatz der Reichen. Ein Ort, an dem sie all ihren Vergnügungen nachgehen können, egal wie ausgefallen sie sind. Ein Ort, an dem so ziemlich alles toleriert wird, außer einer Leiche.

USA Network setzte die Ausstrahlung der Serie im Jahr 2004 fort. Es verblieben noch fünf bereits fertiggestellte Folgen, die ABC nicht mehr gezeigt hatte. In der ersten dieser fünf Episoden verschlägt es Friday und seine vier Detectives in die Swinger-Club-Szene, wo sich die Eltern eines Mordopfers herumtreiben. Doch auch in der näheren Nachbarschaft des Ehepaares finden sich zwielichtige Gestalten mit perversen Fantasien. Ein seelisch abgründiger Fall über versteckte Perversionen und Allmachtsfantasien. In einer Nebenrolle ist Brian Bloom zu sehen, der 1984 in Sergio Leones „Es war einmal in Amerika“ seine erste Filmrolle, den jungen Patsy, einen der treuen Kindheitsfreunde von Robert De Niros „Noodles“ spielte. Heute arbeitet er hauptsächlich als Synchronsprecher für Games und Trickserien. Vor der Kamera ist er mittlerweile nur noch selten aktiv.

19. Im Chatroom lauert der Tod (Frame of Mind)

Diese Leute sehen ein anderes L. A. als wir. Für sie ist Los Angeles ein Hotel, die Universal-Tour, Disneyland, ein Spaziergang über den Hollywood Boulevard. Die meisten überleben das – dieser Mann nicht.

Fall Nummer 7 stellt den dritten von Fridays vier Detectives in den Mittelpunkt, nachdem Macias in der zweiten und Cooper in der dritten Folge bereits ihre Episoden bekommen hatten: Die junge, schöne Nicole Harrison, die sich ihr Geld mit Online-Strips verdient, wird unter Polizeischutz genommen, da unter ihren Kunden ein Verdächtiger ist. McCarron verguckt sich in die Dame – doch er kennt ihre ganze Geschichte nicht. Ein weiterer angenehm kritisch konstruierter Fall, der die Detectives einmal mehr an die Grenzen ihrer Möglichkeiten bringt. In einer Nebenrolle ist der neue „Mr. Spock“ Zachary Quinto dabei, der zum damaligen Zeitpunkt noch kaum bekannt war und erst in ein paar wenigen TV-Rollen hatte gesehen werden können.

20. Späte Rache (Retribution)

Wollen die uns verarschen?

Oder ihr nächstes Opfer.

Oder beides!

Die Folge beginnt mit einem enthaupteten Opfer recht reißerisch, entpuppt sich aber als um Ambivalenz bemühte Aufarbeitung von Kriegsgräueln und deren Opfern, die nun als späte Rächer zu Tätern werden. Lobenswert, dass man Übergriffe aus dem Bosnien der 90er-Jahre an den Pranger stellt. Diese Episode macht deutlich, dass es Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland in ähnlicher Form auch noch 50 Jahre später in Europa gab. Nicht etwa wird im Zuge von 9/11 – rund zwei Jahre nach den Anschlägen – vor Frauen mit Kopftuch gewarnt, sondern vielmehr eine solche Figur sogar zum tragischen Punkt der Story; ihr wird mit viel Verständnis begegnet. Nach dieser achten Episode der zweiten Staffel stellte auch USA Network die Ausstrahlung ein. Aus welchen Gründen man die letzten beiden Episoden nach wie vor außen vor ließ, ist fragwürdig.

21. Giftige Drogenmixtur (Riddance)

Diese Gegend war früher einmal eine Art Coney Island mit Kanälen, aber als das Interesse an traditionellen Vergnügungen nachließ, gab es bald neue Attraktionen. Heute strömen Touristen hierher, um die abgedrehtesten Freaks der Welt zu sehen. Wenn Amerika ein Schmelztiegel ist, wird das Feuer immer weiter angeheizt. Was nach oben steigt, wird abgeschöpft – und man findet es wahrscheinlich hier. Mein Name ist Friday. Ich bin Cop.

In L. A. taucht eine neue Droge auf, die die Süchtigen zum Durchdrehen bringt und danach unmittelbar zum Tod führt. Friday und sein Team, versuchen herauszufinden, wie viel von dem Stoff bereits in Umlauf geraten ist und zu verhindern, dass die Konsumenten das Rauschmittel einnehmen, doch die betreffenden Süchtigen erstens rechtzeitig zu finden und zweitens davon abzuhalten, ihre Drogen auch wirklich einzunehmen, ist in einer Millionenstadt wie Los Angeles ein denkbar schwieriges Unterfangen. Diese und die letzte Episode wurden in Frankreich zwar schon 2004 gezeigt, liefen in den USA in der Originalversion aber erst 2006 auf dem Sender Sleuth. Der Täter ist einer der verrücktesten, mit der die Serie aufwartet, das Szenario, so extrem es auch wirken mag, prinzipiell aber gar nicht einmal zu unrealistisch. Drogen aller Art verbreiten sich nun einmal schnell und Suchtkranke sind besonders anfällige Opfer für solch ein Vorgehen. Ein Abgesang auf sich plötzlich rasant verbreitende Szenedrogen und das tragische, hilflose Schicksal von Junkies.

22. Das Schlachtfeld (Killing Fields)

Pressekonferenzen … sorgfältig konstruierte Beschönigungen der Tatsache, dass wir nichts hatten.

Insgesamt hatte ABC von der zweiten Staffel 13 Folgen bestellt. Gerade noch rechtzeitig wurde zumindest die Episode fertig, die sich vornehmlich der Vierten im Team von Friday widmet: Gloria Duran. Somit wartet Staffel 2 immerhin mit jeweils einer sehr persönlichen Folge für alle vier Detectives in Fridays Team auf. Gleichzeitig ist die Folge auch die wohl abgründigste der gesamten Serie, mit einem sehr üblen Täterprofil samt ausgesprochen perverser Vorgehensweise, die grauenhaft an Vorfälle wie etwa jüngst in Höxter erinnert. Trotzdem werden die Hintergründe des Handelns des Haupttäters gründlich offengelegt. Schon in der ersten Folge der zweiten Staffel machte Friday klar, dass es nicht darum geht, Monster in den Tätern zu sehen, und diesem Credo wird trotz aller Extremität der Vorfälle auch in der finalen Folge die Treue gehalten.

Die deutsche Fassung: Nostalgischer Titel und ein weiterer früherer Al Bundy

Wenn man genau hinsieht, wird man feststellen, dass sich manche Settings und auch Takes in verschiedenen Episoden der Serie wiederholen. Ebenso kann man auch feststellen, dass in der Synchronfassung einige Sprecher, wie etwa Matthias Klie – besser bekannt als deutsche Stimme von Jesse L. Martin alias Detective Green in Dick Wolfs erfolgreichster Serie „Law & Order“ –, häufig und manchmal sogar für verschiedene Schauspieler innerhalb derselben Folge zu hören sind. Besonders merkwürdig und recht ungewöhnlich ist, dass man selbst im Hauptcast eine Doppelbesetzung findet: In den letzten beiden Folgen der ersten Staffel sprach Natascha Geisler Christina Chang, in der zweiten Staffel dann aber Roselyn Sánchez, während Christina Chang nun von Melanie Jung gesprochen wurde. Dies legt zum einen den Schluss nahe, dass die beiden Staffeln mit einem gewissen Abstand synchronisiert wurden, insgesamt wird aber auch deutlich, dass die Serie, wahrscheinlich aufgrund ihrer Kurzlebigkeit, mit besonderem Blick für Kostenersparnis synchronisiert wurde. Erfreulicherweise ist die Leistung der Sprecher allerdings so gut, dass man all das wirklich nur merkt, wenn man ein wenig in der Materie steckt und ein gutes Gehör für die wiederkehrenden Stimmen hat. Und kurioserweise passt Natascha Geisler so hervorragend auf Roselyn Sánchez, dass die absonderliche Umbesetzung gewissermaßen sogar ein Glücksgriff war.

Jack_Webb

Produzent Jack Webb (Screenshot aus einer Public-Domain-Folge von „Dragnet“ aus den 50er-Jahren)

Am erfreulichsten allerdings ist, dass man die Kostenersparnis im wohl wichtigsten Punkt nicht an erste Stelle erhob: Für die Hauptrolle des Joe Friday verpflichtete man Rüdiger Bahr, jenen 1939 geborenen Synchronsprecher, der Ed O’Neill auch bereits in „Eine schreckliche nette Familie“ (1987–1997) gesprochen hatte und ihn aktuell auch in „Modern Family“ synchronisiert. Bahr synchronisierte zum damaligen Zeitpunkt kaum noch und wurde für O’Neill gewissermaßen reaktiviert, obwohl Bahr mittlerweile einen Wohnsitz auf den Bahamas hatte und, wenn man so will, eingeflogen werden musste. Er verstand die Rolle nicht minder komplex als Ed O’Neill und gewann ihr auch sprachlich diverse überdurchschnittlich gut gespielte Nuancen ab. Eine wirkliche Sternstunde, mit der Bahr ebenso wie O’Neill selbst bewies, dass Al Bundy nur eine Rolle für zwei ausgesprochen gute Schauspieler war – einen vor der Kamera und einen hinter dem Mikrofon. Auch die restlichen Sprecher des Hauptcasts machten ihre Sache super: Philipp Moog als kaltschnäuziger McCarron ist ebenso gut wie Anna Carlsson als einfühlsame Detective Duran alias Eva Longoria – und ist bis heute ihre Stammsprecherin geblieben. Erich Räuker macht sich trotz 15 Jahren Altersunterschieds sehr sympathisch für Evan Parke und für Ethan Embry kann man in der ersten Staffel den im Sommer 2014 tragisch auf einer Bergtour verunglückten „Lindenstraße“-Star Philipp Brammer hören, der der Rolle genau die richtige Mischung aus Pflichtbewusstsein und Übermotivation abgewann.

Nach „Polizeibericht Los Angeles“: Dick Wolf ist nicht zu stoppen

Dick Wolf ließ nach der Absetzung von „Polizeibericht Los Angeles“ für fast zehn Jahre die Finger von weiteren Serien außerhalb seines „Law & Order“-Franchises, ehe er sich schließlich mit „Chicago Fire“ eine neue Herausforderung setzte und darauf in den beiden nächsten Jahren die Spin-Offs „Chicago P.D.“ und „Chicago Med“ folgen ließ. „Chicago Justice“ ist bereits in Arbeit. Zuvor hatte er sich 2005 an dem „Law & Order“-Ableger „Trial by Jury“ versucht, der erstmals die Anwälte in den Mittelpunkt stellte, gleichzeitig aber auch als Vehikel für Jerry Orbach alias Detective Lennie Briscoe dienen sollte, der gerade nach vielen Jahren aus der Mutterserie „Law & Order“ ausgestiegen war. Zumal die Serie frühzeitig von Orbachs Tod überschattet wurde, setzte NBC sie nach 12 von 13 Folgen ab, obwohl die Quoten ziemlich gut waren. Nach zehn Jahren wurde diese gelungene Serie, die mehrere Berührungspunkte mit anderen „Law & Order“-Serien hat, 2015 überraschenderweise doch noch in einer frisch synchronisierten Version auf RTL Nitro ausgestrahlt. 2006 floppte mit „Conviction“ ein weiterer „Law & Order“-Ableger, ehe Wolf sich 2010 mit „Law & Order: Los Angeles“ nach „Polizeibericht Los Angeles“ noch einmal in der Stadt der Engel versuchte, doch da NBC 2010 gleichzeitig die Mutterserie absetzte, waren die Fans mit diesem Format alles andere als gnädig, zu groß war der Frust über das Aus der New-York-Version nach 20 Jahren. „Law & Order: Los Angeles“ endete nach einem Jahr, 22 Folgen und nachdem man die Serie zwischenzeitlich ebenfalls überarbeitet hatte. Mit anderen Worten: Die Geschichte von „Polizeibericht Los Angeles“ wiederholte sich gewissermaßen. Lediglich der Pariser Ableger von „Law & Order: Criminal Intent“ und die Londoner Version von „Law & Order“ konnten sich als nach 2003 gestartete Projekte noch über eine Staffel hinaus behaupten. Heute ermittelt aus dem „Law & Order“-Franchise nur noch die Special Victims Unit, nachdem auch „Criminal Intent“ 2011 sein Ende fand.

Nach „Polizeibericht Los Angeles“: Die Stars und ihre Serienerfolge

Eva Longoria wurde durch das Aus für „Polizeibericht Los Angeles“ frei, um 2004 eine Hauptrolle in „Desperate Housewives“ zu übernehmen. Mit dieser Serie schaffte sie ihren großen Durchbruch und war bis 2012 in fast 200 Episoden zu sehen. Roselyn Sánchez blieb im TV zunächst als Ermittlerin präsent. Sie stieß 2005 zum Cast von „Without a Trace – Spurlos verschwunden“, spielte dort die FBI-Agentin und frühere NYPD-Polizistin Elena Delgado und blieb der Serie bis zu ihrer Einstellung im Jahr 2009 treu. Seit 2013 bewegte sie sich mit ihrer Hauptrolle in „Devious Maids“ in den Fußstapfen der Desperate Housewives. Auch Desmond Harrington feierte später noch einen Serienerfolg. Er gehörte von 2008 bis zur Einstellung der Serie im Jahr 2013 zum regulären Cast von „Dexter“, wo er auf Lauren Vélez traf, die von 2006 bis 2012 ebenfalls regulär in der Serie mitwirkte. Zudem übernahm Harrington in B- und C-Filmen auch immer wieder einmal Hauptrollen, wobei vor allem die Story von „Exit Speed“ (2008) durchaus ein gewisses Kultpotenzial in sich birgt.

Dick-Wolf-2010

Produzent Dick Wolf (Foto: Angela George / Creative Commons)

Ed O’Neill musste noch ein Jahr länger warten, ehe ihm als Serienstar noch einmal ein großer Wurf gelang. Er gehörte bereits 2007 zum Cast der kurzlebigen Serie „John from Cincinnati“, hatte 2004 und 2005 eine wiederkehrende Gastrolle in „The West Wing“, zudem übernahm er einige weitere Gastrollen im TV, wie etwa an der Seite seiner früheren „Peg Bundy“, Katey Sagal, in deren Serie „Meine wilden Töchter“. Er war auch noch einmal in ein paar wenigen Filmen zu sehen, dann aber kam mit „Modern Family“ das große und bis heute erfolgreiche Comeback. So landete er am Ende zwar wieder im Sektor Comedy und die Vielseitigkeit seines Talents wird bis heute von vielen verkannt, jedoch ist ihm der Erfolg vollauf zu gönnen. Ethan Embry feiert mit „Grace and Frankie“, unter anderem an der Seite von „Law & Order“-Veteran Sam Waterston, aktuell ebenfalls gute Zuschauerzahlen im Bereich Comedy-Serie, nachdem er zuvor bereits 2008 in „Brotherhood“ und 2013 in „Once Upon a Time – Es war einmal …“ vorübergehend zur wiederkehrenden Besetzung gehört hatte. Evan Parke wiederum stieß von 2010 bis 2012 zum Cast der Soap „Schatten der Leidenschaft“, spielte eine Nebenrolle in „King Kong“ (2005), eine kleine Rolle in „Django Unchained“ (2012) und war zuletzt etwa in „The Return of the First Avenger“ (2014) zu sehen, womit sich zumindest seine Spielfilmliste unter dem Strich wohl am namhaftesten unter allen Stars von „Polizeibericht Los Angeles“ liest.

Fazit & Ausblick: Wann kommt das nächste Reboot?

Mit „Polizeibericht Los Angeles“ verlor das US-Fernsehen eine der in der Darstellung besten Polizeiserien, die es in den letzten 25 Jahren, wenn nicht seit jeher hervorgebracht hat. Die Serie ist weltweit bisher nirgends offiziell auf DVD veröffentlicht worden und vor allem die deutsche Fassung für Fans schwer aufzutreiben, wenn man sie zwischen 2007 und Anfang 2011 nicht mitgeschnitten hat. Da die Serie knapp vor der kollektiven Umstellung des Fernsehens auf 16:9-Format entstand, ist sie optisch mittlerweile auch nur noch schwerlich im Originalformat im Fernsehen platzierbar, ohne aus dem Rahmen zu fallen, was einige Sender, die besonderen Wert auf HD- und 16:9-Präsentationen legen, von einer Ausstrahlung abhalten dürfte. Selbst die alten „Law & Order“-Folgen werden im Pay-TV mittlerweile nur noch in 16:9 gezeigt – mit anderen Worten: Oben und unten fehlen bei dieser Version Bildinhalte. Eine kurzlebige Serie wie „Polizeibericht Los Angeles“ mit einer solchen für 16:9 ausgelegten Version zu versehen, scheint den Verantwortlichen nicht die Mühe wert zu sein. Da die erste „Dragnet“-Serie in den 50er-Jahren lief, die zweite bis 1970 und die dritte an der Schnittstelle zwischen den 80er- und 90er-Jahren, kann man bis jetzt noch davon sprechen, dass seit den 50ern jedes Jahrzehnt seinen „Polizeibericht“ hatte. Damit es dabei bleibt, müsste bis 2019 aber noch ein neues Reboot auf den Weg kommen. Ganz abwegig scheint die Hoffnung nicht.

Ordentlich Pep könnte vor allem das oftmals so langatmige deutsche Krimi-Fernsehprogramm verpasst bekommen, würde man die deutsche „Dragnet“-Version „Stahlnetz“ noch einmal überarbeiten und im Stile von „Polizeibericht Los Angeles“ in einer Stadt wie Berlin oder Hamburg präsentieren. Warum eigentlich nicht? Die Fälle müssen ja nicht ganz in die Extreme dieser Dick-Wolf-Serie gleiten. Auch „Stahlnetz“ wurde in Deutschland seit 2003 nicht mehr produziert. Dass Deutschland gute Polizeiserien mit Geschwindigkeit, stürmischen Storys und einem für das Genre ungewöhnlichen Hauptdarsteller produzieren kann, war 2007 kurzzeitig in „Deadline – Jede Sekunde zählt“ mit Heio von Stetten zu sehen; man fühlte sich schon ein wenig an den „Polizeibericht Los Angeles“ erinnert, der zum selben Zeitpunkt gerade auf Super RTL lief. Auch „Deadline – Jede Sekunde zählt“ wurde ironischerweise sehr vorschnell abgesetzt. Sogar schon nach 9 von 13 Folgen. Trotzdem: Genau davon bitte mehr! Wider den Einheitsbrei.

Länge (je Episode): 40 Min.
Originaltitel: Dragnet / L.A. Dragnet
USA 2003–2004
Regie: Kevin Dowling, Darnell Martin, Steve Shill und andere
Drehbuch: Jay Beattie, Dan Dworkin, Tyler Bensinger und andere
Besetzung: Ed O’Neill, Christina Chang, Ethan Embry, Desmond Harrington, Evan Parke, Eva Longoria, Roselyn Sánchez, Lindsay Crouse, Erick Avari
Vertrieb: Universal / Wolf Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: