RSS

Schlagwort-Archive: Psychothriller

Das Haus unter den Bäumen – Eine Familie auf Messers Schneide

La maison sous les arbres

Von Lucas Knabe

Psychothriller // Die amerikanische Künstlerin Jill (Faye Dunaway) führt ein malerisches Leben. Sie wohnt im geschäftigen Paris der 70er, ihr Ehemann Philippe (Frank Langella), mit dem sie zwei aufgeweckte Kinder hat, ist ein brillanter Mathematiker, der als Schriftsteller arbeitet, und bei Sorgen und Nöten steht ihr die reizende Nachbarin Cynthia (Barbara Parkins) zur Seite, die für jedes Problem eine Lösung kennt. Was kann da schiefgehen?

Jill (in der braunen Jacke) bei einer Bootsfahrt mit ihrem Sohn Patrick

Regisseur René Clément (1913–1996) erhielt für Regiearbeiten wie „Schienenschlacht“(1946) und „Die Mauern von Malapaga“(1949) vor allem in Cannes viel Lob und räumte dort einige Preise ab. Sein bekanntester Film dürfte die Patricia-Highsmith-Verfilmung „Nur die Sonne war Zeuge“ (1960) mit Alain Delon in der Rolle des schurkischen Protagonisten Tom Ripley sein. 1971 schuf Clément mit „Das Haus unter den Bäumen“ einen Psychothriller, der sich gleich mehreren Ängsten moderner Gesellschaften stellt und diese in ein deutbares Familiendrama einbindet. Bei Fans spannungsgeladener und mysteriöser Filme weiß das Werk sicherlich zu gefallen, fristet heutzutage aber ein Nischendasein.

Im Visier einer kriminellen Organisation

Heimelig und fast schon märchenhaft eröffnet der Film mit einer verträumten, leicht verschwommen gefilmten und langsamen Bootsfahrt auf der Seine, die jedoch einstweilen das einzig Positive bleiben wird, was Jill, ihrem Sohn Patrick (Patrick Vincent) und der restlichen Familie im Folgenden widerfährt. Ernste Probleme bedrohen das junge Familienglück, denn Philippe wird von einer böswilligen Gruppierung namens „Die Organisation“ erpresst, die seine außerordentlichen mathematischen Fähigkeiten für ihre verbrecherischen Zwecke missbrauchen will. Als Druckmittel dient den Kriminellen das, was Eltern wohl am wichtigsten ist: die Sicherheit ihrer Kinder. Erschwerend gesellt sich weiteres Unglück hinzu, das vor allem Jills Gesundheit in Mitleidenschaft zieht, wodurch sie unfreiwillig falsche Entscheidungen trifft und selbst zum Spielball einer diabolischen Abwärtsspirale wird.

Gibt Cynthia (r.) die richtigen Ratschläge?

„Das Haus unter den Bäumen“ lässt sich am besten als ein langsam erzählter Suspense-Psychothriller beschreiben, der sich abseits seiner zweifelsohne spannenden Szenen viel Zeit für Nebensächliches lässt. Dies offenbart schon die angesprochene Eröffnungsszene, wenn eine Fahrt auf dem Lastkahn als minutenlange Ouvertüre fungiert, die in die skurrile Pariser-Atmosphäre eintauchen lässt. Im Zentrum steht dabei ausschließlich die kühle Schönheit Jill, deren Blicke über die Panoramen oder Liebkosungen der Kinder ebenso ausgedehnt, in kunstvoll gefilmten Bildern dargeboten werden. Aus der Sicht jener von inneren Konflikten gebeutelten mütterlichen Amazone tritt gleichwohl dem kritischen Zuschauer ein fremdes und unnahbares Milieu gegenüber, das Bedrohliches vorausahnen lässt.

Bis an die Grenzen des Wahnsinns

Als Triebfeder der Handlung fungieren weitgehend unbekannte Schurken besagter Organisation, die durch Erpressung, Geiselnahme und Mord Jill und ihren Ehemann Philippe an die Grenzen des Wahnsinns treiben, sodass auch ihre Ehe das eine oder andere Mal auf die Probe gestellt wird. Es offenbart sich vor allem für die Mutter ein gefährliches Rätsel, dass nur zum Guten gelöst werden kann, wenn sie über ihre emotionalen Hürden hinauswächst und für die eintritt, die sie liebt.

Das Ehepaar sinniert über seine Zukunft

„Das Haus unter den Bäumen“ erweist sich als intelligenter und vielschichtiger Psychothriller, der zwar keinen Gebrauch von ausladender Brutalität und Drastik macht, diese aber durch einen charmanten Sinn für Timing in den richtigen Momenten einsetzt. Dank Pidax Film muss das fast fünfzig Jahre alte Werk auch kein Mauerblümchendasein mehr führen, da es unter der Kategorie „Film-Klassiker“ als DVD mit einem nützlichen Booklet und allerlei Infos ausgestattet zu bekommen ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Frank Langella haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Jill wird in den Wahnsinn getrieben

Veröffentlichung: 9. August 2019 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Französisch
Untertitel: keine
Originaltitel: La maison sous les arbres
US-Titel: The Deadly Trap
F/IT 1971
Regie: René Clément
Drehbuch: Sidney Buchman
Besetzung: Faye Dunaway, Frank Langella, Barbara Parkins, Karen Blanguernon, Raymond Gérôme, Maurice Ronet, Michele Lourie, Patrick Vincent, Gérard Buhr, Louise Chevalier, Tener Eckelberry, Massimo Farinelli, Jill Larson, Robert Lussac, Franco Ressel, Dora van der Groen, Les Zemgano, Michel Charrel, Patrick Dewaere, Anne Lonnberg
Zusatzmaterial: Booklet mit Nachdruck „Neues Filmprogramm“ Nr. 6030, Trailershow, Wendecover
Label: Pidax Film
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2020 by Lucas Knabe

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Pidax Film

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Lockdown – Die Stunde Null: Der Nachbar und der Biowaffen-Anschlag

Lockdown – Die Stunde Null

Von Volker Schönenberger

Psychothriller // Beklemmender Psychoterror im Stil von „10 Cloverfield Lane“ und „A Quiet Place – diese Referenz prangt auf dem Cover des deutschen Fernsehfilms „Lockdown – Die Stunde Null“. Das ZDF hat den Psychothriller im Oktober 2017 im Rahmen seiner Reihe „Stunde des Bösen“ ausgestrahlt, in der junge Filmemacherinnen und Filmemacher Gelegenheit bekommen, ihre Spannungsplots umzusetzen. Ein löbliches Unterfangen, leider wurde das Langfilm-Regiedebüt von Bogdana Vera Lorenz zu später Uhrzeit versendet – zu spät, um die verdiente Aufmerksamkeit zu erhalten.

Beim Empfang auf dem Dach schien die Welt noch in Ordnung

Verstört erwacht Liv (Alice Dwyer) aus unruhigem Schlaf. Neben ihr liegt ihr Freund Alexander „Lex“ (Maximilian Meyer-Bretschneider) – verletzt und nicht ansprechbar. Kurz zuvor hatten sich die beiden Wissenschaftler noch bei einem Empfang für ein erfolgreiches Projekt für die Pharmaindustrie feiern lassen. Ein Fremder (Götz Schulte) stellt sich Liv als ihr Nachbar Kurt vor und offenbart ihr Entsetzliches: Es habe einen Biowaffen-Anschlag gegeben, in der Stadt sei ein Virus freigesetzt worden. Er habe Liv und ihren Freund bewusstlos im Fahrstuhl aufgefunden und in seine Wohnung geschleppt.

Parallelen zu „10 Cloverfield Lane“

Zufall, Kopie, Inspiration? Die Parallelen zu „10 Cloverfield Lane“ sind in der Tat unübersehbar. Dennoch gelingt es Bogdana Vera Lorenz, „Lockdown – Die Stunde Null“ eine durchaus eigenständige Note zu verleihen – und Spannung zu erzeugen, wozu auch der zurückhaltende, aber dräuende Elektro-Score beiträgt. Das Kammerspiel lebt von der Ungewissheit: Spricht Kurt die Wahrheit? Hat es tatsächlich einen Terroranschlag auf die ganze Stadt gegeben? Oder verfolgt er ganz andere Ziele? Ist er womöglich ein psychopathischer Stalker? Hat die Arbeit von Liv und Lex etwas mit den Ereignissen zu tun? In ein paar Rückblenden erfahren wir Aufschlussreiches darüber. Sie drücken zwar etwas aufs Tempo, das lässt sich angesichts der angenehmen Spieldauer von weniger als anderthalb Stunden aber verschmerzen.

Kurt klärt Liv auf: Es hat einen Anschlag mit einer biologischen Waffe gegeben

Die eine oder andere Wendung bringt erfahrenen Thrillerguckern keine bahnbrechend verblüffenden Erkenntnisse, gestaltet sich aber gleichwohl interessant genug, sodass wir dranbleiben wollen, um zu erfahren, wo die Reise hingeht und wie sie endet. Die Drehbuch-Koautorin und Regisseurin Bogdana Vera Lorenz hat die Internationale Filmschule Köln absolviert und mit dem Drittsemesterprojekt „Vola!“ (2008) und ihrer 2009er-Abschlussarbeit „Heimspiel“ bereits zwei Kurzfilme vorgelegt. Ihr erster Langfilm zeigt, dass sie das Gelernte bereits versiert einzusetzen und auch Schauspielerinnen und Schauspieler zu führen weiß – die gezeigten Leistungen der drei Hauptakteure sind jedenfalls solide ausgefallen. Mit „Lockdown – Die Stunde Null“ schwingt sich der deutsche Genrefilm zwar nicht in ungeahnte Höhen, zumal das erwähnte Referenzwerk „10 Cloverfield Lane“ vorzuziehen ist, der Vergleich ist aber unfair, da die US-Produktion mit J. J. Abrams ein echtes Hollywood-Schwergewicht als Produzent und mit John Goodman einen großen Namen im Cast zu bieten hat. Der mit schmalem Geldbeutel realisierte „Lockdown – Die Stunde Null“ schlägt sich wacker und geht letztlich als vielversprechender Erstling ins Ziel. Hoffen wir auf eine Fortsetzung der ZDF-Reihe „Stunde des Bösen“.

Hat der nette Nachbar etwas zu verbergen?

Veröffentlichung: 2. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 84 Min. (Blu-ray), 80 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Lockdown – Die Stunde Null
Alternativtitel: Lockdown – Tödliches Erwachen
D 2017
Regie: Bogdana Vera Lorenz
Drehbuch: Bogdana Vera Lorenz, Max Permantier
Besetzung: Alice Dwyer, Götz Schulte, Maximilian Meyer-Bretschneider, Jeff Wilbusch, Melanie Kogler
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 Tiberius Film

 

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Unsane – Ausgeliefert: Steven Soderberghs iPhone-Experiment

Unsane

Von Andreas Eckenfels

Psychothriller // Sein selbstauferlegter Ruhestand als Regisseur war glücklicherweise nicht von langer Dauer: Steven Soderbergh ist zurück und fleißiger als je zuvor. Nach der zweiten und leider finalen Staffel von „The Knick“ und der Gaunerkomödie „Logan Lucky“ präsentierte der Oscar-Preisträger auf der diesjährigen Berlinale seinen neuen Film „Unsane – Ausgeliefert“. Das Besondere daran: Der Psychothriller wurde komplett mit der Kamera eines iPhone 7 Plus samt Moment Lens und der App „FiLMiC Pro“ gedreht.

Gefangen in der Psychiatrie

Ein neuer Job in einer neuen Stadt. Wieder einmal startet Sawyer Valentini (Claire Foy) einen Neuanfang in ihrem Leben. Ihre Vergangenheit vermag die Finanzanalystin nicht abzuschütteln. Die junge Frau wird von ständiger Angst, Unruhe und Ungewissheit getrieben. Sie fühlt sich noch immer von einem vermeintlichen Stalker namens David Strine (Joshua Leonard) verfolgt, der sie vor zwei Jahren belästigt hat. Noch nicht mal ihrer Mutter (Amy Irving) hatte sie von der Sache erzählt.

Saywer (M.) wird in der Psychiatrie festgehalten

Um Hilfe zu finden, begibt sich Sawyer zu einem Beratungsgespräch in eine Psychiatrie – und wird plötzlich unfreiwillig als Patientin in die Klinik eingewiesen. Ärzte und Pfleger wollen ihr nicht zuhören, dass es sich um einen Irrtum handelt. Sie müsse mindestens sieben Tage bleiben und fleißig ihre Tabletten schlucken, bekommt sie zu hören. Nur widerwillig ergibt sich Saywer ihrem Schicksal. Doch wer steht da eines Abends bei der Pillenausgabe? David Strine, der sich wohl unter anderem Namen als Pfleger in die Klinik eingeschlichen haben muss. Panisch beginnt Sawyer an ihrem Verstand zu zweifeln: Ist ihr Stalker real oder doch nur Einbildung?

Emotionale Achterbahnfahrt

„Ich wünschte, ich hätte schon mit 15 Jahren diese Ausrüstung gehabt“, zeigte sich Steven Soderbergh während der Berlinale-Pressekonferenz von der neuen und einfachen Technik des digitalen Filmemachens via Smartphone begeistert. Das darauf zurückzuführende ungewöhnliche Bildformat von 1,56:1 unterstützt dabei optimal die klaustrophobische Stimmung, in der sich die Hauptfigur Saywer befindet. Golden-Globe-Gewinnerin Claire Foy („The Crown“) glänzt dabei als seelisches Wrack, das sich auf einer emotionalen Achterbahnfahrt befindet und dennoch nicht unterkriegen lässt. Wahrscheinlich war ihre Figur schon mal eine gute Vorbereitung auf ihre nächste Rolle als Lisbeth Salander in „Verschwörung“ von Fede Alvarez („Evil Dead“, „Don’t Breathe“), der am 29. November in den Kinos anläuft.

Ein Anruf bei der Polizei bringt nicht den erhofften Erfolg

Gerade mal zehn Drehtage benötigte Soderbergh für seinen Thriller, der stark beginnt, dann aber etwas zu früh die Auflösung vorwegnimmt, ob es sich bei Sawyers Paranoia um Wahn oder Wirklichkeit handelt. Dadurch geht einiges an Spannung verloren. Im letzten Drittel schleichen sich zudem ein paar Ungereimtheiten in der Handlung ein, die den Filmgenuss ein wenig trüben. So wird man das Gefühl nicht los, dass sich Soderbergh während des Drehs mehr auf die Technik als auf das Drehbuch konzentriert hat.

#metoo und Kritik gegen das Gesundheitssystem

Dennoch steckt in „Unsane – Ausgeliefert“ mehr als nur ein teilweise gelungenes iPhone-Experiment. Der kurzweilige Thriller kann auch als Beitrag zur #metoo-Debatte gesehen werden, bei dem den Opfern nicht ausreichend Gehör geschenkt wird. Gleichzeitig übt Soderbergh nach „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ ein weiteres Mal scharfe Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem. Wie er auf der Berlinale erklärte, müssen Krankenhäuser nun mal rentabel sein. Ohne Patienten fließt kein Geld. Und so werden Menschen häufig mit fadenscheinigen Begründungen in Kliniken festgehalten. Erst wenn deren Krankenversicherung nicht mehr zahlt, werden sie als geheilt entlassen. Ein unschönes Geschäftsmodell.

Sawyer legt sich mit Patientin Violet an

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Steven Soderbergh sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Ist Sawyer in der Einzelzelle ihrem Stalker hilflos ausgeliefert?

Veröffentlichung: 9. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Italienisch
Originaltitel: Unsane
USA 2018
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Jonathan Bernstein, James Greer
Besetzung: Claire Foy, Juno Temple, Joshua Leonard, Jay Pharoah, Amy Irving, Sarah Stiles, Marc Kudisch, Zach Cherry, Matt Damon
Zusatzmaterial: Featurette „Unsanity“
Label/Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Trailer & Packshot: © 2018 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: