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Zum 100. Geburtstag von Alexis Smith: Das Geheimnis der Frau in Weiß – Die Mutter der Mystery-Romane in glänzender Adaption

The Woman in White

Von Tonio Klein

Psychothriller // Der bemerkenswerte englische Autor Wilkie Collins (1824–1889) war für mich als jemand, der nicht gerade Literaturexperte ist, angenehm überraschend. Wer bei „viktorianisch“ vornehmlich an Schauerromantik denkt, kann feststellen, dass Collins’ bekannteste Werke eher Thriller und/oder Detektivromane sind, zudem hellwach und mitunter von satirischer Schärfe in der Beschreibung von menschlichen Schrullen, nicht selten mit einer „Klassenzugehörigkeit“ verbunden. Collins blickt schon hinter die Kulissen seiner Zeit und zeugt doch von ihr, zudem sind die Romane wirklich hochspannend, und Romantik – frei von Kitsch – gibt’s auch. Kein Wunder, dass „Die Frau in Weiß“ (1860), eines seiner bekanntesten Werke und ein Meilenstein des Mystery-Genres, mehrfach verfilmt wurde. Das ging bereits in Stummfilmzeiten los und führte über eine WDR-Miniserie (1971) mit Heidelinde Weis bis zu mehreren BBC-Miniserien (zuletzt 2018).

Dicke Schwarte – 109 Minuten

Die Hollywood-Verfilmung von 1948 hat – wie jede nicht-serielle Adaption – zunächst einmal den Kraftakt zu wuppen, je nach Layout etwa 700 bis 850 Buchseiten auf Spielfilmlänge zu bekommen. Ich habe das Buch gelesen, und das gelingt dem Film bemerkenswert gut. Natürlich muss er erzählerische Federn lassen. Weder hechtet er durch, um nichts wegzulassen, noch ist er so radikal wie Elia Kazan, der in der John-Steinbeck-Adaption „Jenseits von Eden“ (1955) lediglich das letzte Viertel verfilmte, aber das richtig. Es ist schon das ganze Gerüst drin, hie und da fehlt was, aber das Vorhandene wird auserzählt statt nur abgehakt. Und wie stilvoll das geschieht, auch wenn die Macher – der Hollywoodzeit entsprechend – auf kunstvolles Licht und prächtige Kulissen statt Originalschauplätze setzten. Peter Godfrey, der vom Theater kam, wurde für seine Filme nie so richtig berühmt. Wenn er eine schlechte Geschichte hatte, wie in „Der Fluch des Wahnsinns“ (1947), konnte er die auch durch stilvolle Inszenierung und gute Darsteller nicht retten. Wenn er aber eine gute Geschichte hatte, konnte er die übertragen und dabei veredeln. Das ist nicht selbstverständlich und man sollte es nicht geringschätzen. „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ hat keine gute Geschichte. Sondern eine sehr gute.

Eine seltsame Frau und ein seltsamer Hausherr

Durch eine Off-Stimme erfahren wir, dass sich der Zeichenlehrer Walter Hartright (Gig Young) an ein sieben Jahre zurückliegendes Geschehen erinnert, welches wir dann als lange Rückblende sehen, bevor sich erst ganz am Ende der Kreis schließt. Auf dem Weg zu seiner neuen Stellung auf dem Gut „Limmeridge House“ begegnet Walter nächtens einer geheimnisvollen Frau in Weiß (Eleanor Parker), die verängstigt zu sein scheint. Auch das diesmal (wie wir bald merken: zu Recht) tiefbedrohliche, massige Gesicht des Grafen Fosco (der schwergewichtige Sydney Greenstreet, wobei die Leibesfülle auch bewusster Aspekt der Figur ist) wird Walter, vor allem aber uns, schon sichtbar; der Mann scheint hinter der Frau her zu sein. Später erfahren Walter und wir, dass sie offenbar aus einem „Asylum“ geflohen ist, im Deutschen seinerzeit wenig schmeichelhaft „Irrenanstalt“ genannt. Wobei man sich anhand des Hausherrn Frederick Fairlie (John Abbott) einmal fragen kann, wer hier eigentlich irre ist. Der anscheinend kränkliche, überempfindliche und hypernervöse ältere Mann sorgt im Zusammenspiel mit dem Diener Louis (Curt Bois) für einen Hauch von Komik. Aber letztlich scheint seine „Krankheit“ eine Aversion gegen jegliche menschliche Nähe und damit jegliche Menschlichkeit zu sein. Grinsen und Erschrecken sind immer dicht beieinander.

Großer Auftritt für Alexis Smith!

Weil eben der Film nicht soviel Zeit hat wie der Roman, müssen Figuren gelegentlich den Erklärer geben, und das wirkt erfreulicherweise nicht mal aufgesetzt, weil ja nicht nur wir erfahren müssen, sondern auch Walter darüber aufgeklärt werden muss, mit was für Leutchen er es künftig zu tun haben wird. Diesen Part übernimmt im Wesentlichen die Hauptfigur und Heldin: Marian Halcombe (Alexis Smith), Nichte von Fairlie. Eine Gelegenheit, ein wenig über die Darstellerin zu sagen, die am 8. Juni 2021 ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte. Die im Süden der kanadischen Provinz British Columbia Geborene ging nach Los Angeles, nahm am City College Schauspielunterricht und wurde, glaubt man Wikipedia, auf der Bühne für den Film entdeckt und Warner-Brothers-Vertragsschauspielerin. Sie war dort in den 1940er-Jahren gut beschäftigt und spielte an der Seite von Größen wie Errol Flynn, Cary Grant, Humphrey Bogart und Barbara Stanwyck. Der ganz große Durchbruch gelang ihr nie, aber sie war aktiv bis zuletzt und trat noch in Martin Scorseses „Zeit der Unschuld“ (1993) auf, bevor sie am 9. Juni 1993 an einem Hirntumor starb.

Jubilarin Alexis Smith (1921–1993) in der Rolle der Marian Halcombe

Angesichts einer zugegebenermaßen sehr lückenhaften Kenntnis ihres Werks scheint mir „Das Geheimnis der Frau in Weiß“ ein Höhepunkt ihres Schaffens. Hier ist sie nicht treusorgendes Anhängsel eines starken Leading Man, hier sind die wichtigsten Männer ein Superschurke (Greenstreet alias Fosco) und ein sich nie in den Vordergrund drängender Guter (Young alias Walter). Der Film und Smith verdeutlichen die herausragende Bedeutung Marians von Anfang an. Sie kommt nicht mal eben, sie tritt auf, Treppenabgang aus Walters leichter Froschperspektive. Wunderschön, aber offenbar auch lebensklug und patent, ist sie (obschon alles andere als perfekt) diejenige, die noch am ehesten hinter die Seele der Menschen blickt – ihre Rolle als anfängliche Kommentatorin ist daher angemessen. Und sie erzählt auch gleich von einer zweiten jungen Frau, ihrer Cousine Laura, die ebenfalls auf dem Gut lebt und der Walter Zeichenstunden geben soll. Zwischen beiden deutet Marian in einem wichtigen Monolog eine symbiotische Yin-Yang-Beziehung an. Die beiden jungen Frauen seien grundverschieden, aber trotzdem (oder deshalb?) einander tief verbunden. Wer mit der einen gutgestellt sei, bekomme auch die Freundschaft der anderen (was man natürlich, negativ gewendet, auch als Drohung oder zumindest Warnung lesen kann). Hier kann man, wenn man will und wenn man eng am Roman hängt, eine gewisse Glättung kritisieren. Bei der Aufzählung der Gegensätze stellt Marian es nämlich so dar, dass Laura (die wir da noch nicht kennen) besonders liebreizend und damenhaft sei, während Marian – das spricht sie dann nicht mehr aus, aber im Roman wird sie auch äußerlich als viel burschikoser dargestellt, als die schöne und zierliche Alexis Smith ist. Naja, Hollywood-Besetzung.

Zwei Frauen – konträr und komplementär

Es lohnt indes ein zweiter Blick. In Kostümen, Frisuren und vor allem Rolle und Schauspielstil ist nämlich ein bemerkenswerter und sich als komplementär erweisender Unterschied der beiden Frauen festzustellen. Laura wird von Eleanor Parker dargestellt. Und wer bis hier aufmerksam gelesen hat, wird feststellen, dass Parker doch schon oben genannt ist, als die Frau in Weiß. Die einen Moment lang im Raum stehende Frage, ob es sich bei beiden Frauen um dieselbe handelt, wird recht früh – weswegen ich es hier verrate – verneint, wobei man im übertragenen Sinne durchaus Motive der Persönlichkeitsspaltung hineinlesen kann. Von diesem Geheimnis soll hier aber gar nicht die Rede sein, eher vom Schauspiel. Parker, die rätselhafte, ätherisch schöne Blondine (schade, dass Alfred Hitchcock sie nie eingesetzt hat) ist in ausladenden wie verzierten Gewändern und pittoresk wie elegant zurechtgezwirbelten Frisuren zu sehen. Marian ist brünett und – auch über Kostüme schlichterer Eleganz – die Pragmatikerin. Laura hat volle, oft nicht ganz geschlossene Lippen mit einem so sehnenden wie unsicheren Ausdruck (was auch auf die Frau in Weiß zutrifft, deren Name schließlich als Anne gelüftet wird). Als nach einem Mittelzäsur-Zeitsprung Marian zusammen mit uns in ein erschreckend verändertes Umfeld zurückkehrt, ist Laura ganz besonders elegant gewandet – und darin erkennbar so gefangen und apathisch wie nie. Marian hat im Gegensatz nicht nur schmale Lippen, sondern ist auch geradeheraus. Sie ist die Detektivin, die wachsam den Dingen auf den Grund geht und sich dabei nicht schont, zum Beispiel bei einer Fassadenkletter-Aktion, bei der ihr ein plötzlicher Wolkenbruch gleichsam wie das Erschrecken über das Entdeckte einiges abverlangt.

Marians innere Konflikte, grandios dargestellt …

Bei alldem ist großartig, dass sie nie Superwoman ist, sondern durchaus Gefühle (nicht so überschwängliche, aber tiefe) hat – und Zweifel beziehungsweise Schwächen. Sie macht eine Wandlung durch, indem sie gute Anlagen, die sie von Beginn an hat, erst zur vollen Entfaltung bringen muss. An den schurkischen Charakter Foscos, der als Freund der Familie ebenfalls das Anwesen bewohnt, mag sie anfangs nicht recht glauben, verteidigt ihn sogar gegen den misstrauischen Walter. Und ihre spätere Erkenntnis bewahrt sie nicht vor dem Schrecken. Alexis Smith wandelt traumwandlerisch sicher und dadurch sehr berührend auf dem schmalen Grat zwischen der patenten, hellsichtigen Spürnase und der zunächst heimlich Walter Liebenden – und zwischen Mut und Erschrecken einer Humanistin ob so viel Schlechtigkeit. So ist sie für Fosco weder leichtes Opfer noch eindeutig überlegene Gegnerin.

… wie auch ihre Konflikte mit Fosco

Zwei Konfrontationen gehören zu den Höhepunkten: Wenn Marian völlig durchnässt eine Bedrohung gewärtigen muss, ist sie auch kostüm- und kameratechnisch ihres Schutzes beraubt und bekommt eine ganz undamenhafte Großaufnahme mit derangiertem Haar, Ausdruck und – in scharfem Kontrast zum Rest – leicht offenem Mund voller Angst und Schrecken. Eine großartige Ergänzung dazu ist ihre finale Begegnung mit Fosco, bei der sie äußerlich wieder hergerichtet ist. Scheinbar abgeklärt beharken sich die Kontrahenten mit Blicken und Dialogen, loten rational ihre Möglichkeiten aus. Ein makabrer Aspekt ist, dass Fosco zwar ein Schwein ist, aber eines aus Berechnung, dem man anmerkt, dass ihm die ebenso rational agierende Marian nicht ganz unsympathisch ist. Wie die Szene ausgeht, zeigt aber wiederum, dass Marian weder perfekt noch unterkühlt ist. Dies sind Momente, die den Eindruck einer fulminant aufspielenden Alexis Smith, der die Romanvorlage und das Drehbuch eine hochkomplexe Rolle schenken, noch besonders verstärken.

Und wer war da sonst noch?

Zum weitgehend hervorragenden Ensemble gesellt sich zudem Agnes Moorehead in wichtiger Rolle. Weitgehend? Gig Young muss ein wenig hinten anstehen. Das liegt natürlich zum einen daran, dass Roman und Drehbuch die interessanteste und gewichtigste (pardon the pun) Männerrolle nun einmal Fosco zugedacht haben. Indes, ein wenig schroff wirkt Young schon, der zwar überzeugt, wenn er zusammen mit Marian den Intrigen auf der Spur ist, der den verkniffenen Ausdruck aber auch dann kaum ablegen kann, wenn es endlich zum Kuss mit Marian kommt. Als Jüngelchen aus der zweiten Reihe, der aber mehr als nur Jüngelchen sein konnte, hätte ich beispielsweise gern Robert Cummings gesehen. Macht nichts, der Film gehört Greenstreet und den Damen. Und endlich ins deutsche Heimkino! Immerhin ist der Psychothriller erst 2016 in den USA auf DVD in der Warner Archive Collection erschienen, nun sollte sich auch ein hiesiges Label des Werks annehmen.

Abschließend sei auf die Rezension des geschätzten „Die Nacht der lebenden Texte“-Autorenkollegen Ansgar Skulme hingewiesen, die ich vor Verfassen meines Textes bewusst nicht gelesen habe.

Veröffentlichung (Spanien): 30. Mai 2016 als DVD („La mujer de blanco“) Veröffentlichung (USA): 10. März 2016 als DVD
Länge: 109 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch, Spanisch (Spanien), Englisch (USA)
Untertitel: Spanisch, Portugiesisch (Spanien)
Originaltitel: The Woman in White
USA 1948
Regie: Peter Godfrey
Drehbuch: Steven Morehouse Avery, nach einem Roman von Wilkie Collins
Besetzung: Alexis Smith, Eleanor Parker, Sydney Greenstreet, Gig Young, Agnes Moorehead, John Abbott, John Emery, Curt Bois, Emma Dunn, Matthew Boulton
Zusatzmaterial: keins
Label/Vertrieb: Llamentol (Spanien) / Warner Archive Collection (USA)

Copyright 2021 by Tonio Klein

Filmplakate & Szenenfoto: Fair Use

 

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Medicated – Lääkekoe: Die spinnen, die Finnen!

Lääkekoe

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Nachricht aus Finnland: Vor einiger Zeit kontaktierte mich der in Helsinki lebende Heikki Kauma und fragte mich, ob ich Lust hätte, den No-Budget-Movie „Medicated – Lääkekoe“ von 2018 zu sichten und bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zu rezensieren. Da ich ein Herz für den Undergroundfilm habe – ohne allzu viel davon zu verstehen – und sich der Plot interessant genug las, sagte ich zu. Heikki ist einer der Darsteller des Films, sein Bruder Tapio Kauma zeichnet fürs Drehbuch verantwortlich, gemeinsam mit Ville Väisänen auch für Regie, Produktion, Kamera und Schnitt, wobei Väisänen zusätzlich die Spezialeffekte und mit einigen anderen den Score schuf. Dass eine Person mehrere Aufgaben übernimmt, ist im Undergroundsektor ja gang und gäbe, ebenso wie die Tatsache, dass die Beteiligten vor diesem ihrem ersten Langfilm ein paar Kurzfilme erschaffen hatten.

Eine mysteriöse Substanz

Ein Mann mit einer Tasche betritt ein verfallenes Haus, zur Sicherheit zückt er zuvor noch seine Pistole. Im Innern trifft er auf einen anderen Bewaffneten (Ville Väisänen), nach einem kurzen Wort- kommt es zum Feuergefecht. Die Tasche wechselt den Besitzer. Sie enthält einen Behälter mit einer Substanz, die offenbar für ein medizinisches Experiment benötigt wird.

Es beginnt bleihaltig

Der bei seinem Bruder Kartsa (Regisseur Tapio Kauma) verschuldete Korppainen (ebenfalls Tapio Kauma) wird von diesem zur Teilnahme an besagtem Experiment genötigt. Er sucht die Klinik auf und lässt sich das Serum verabreichen. Daraufhin erscheint ihm in Visionen die uralte böse Wesenheit Hal’Migure. Zurück in der Realität, verfolgen ihn plötzlich sonderbare Gestalten, die ihm nach dem Leben trachten – mühsam kann er sich ihrer erwehren. Zurück in der Klinik trifft er auf Niklas (Heikki Kauma), der hinter dem Experiment zu stecken scheint. Oder ist alles ganz anders?

Schein oder Sein?

„Medicated – Lääkekoe“ funktioniert recht gut als Mischung aus Psychothriller und Horrordrama, lässt das Publikum lange darüber im Unklaren, welche Ereignisse sich im Kopf von Korppainen und welche in der Realität abspielen. Womöglich spielt sich einiges auch in einer für den Protagonisten verzerrten Realität ab.

Korppainen erlebt Surreales

Wie fast immer bei Undergroundfilmen muss man sich als Hollywood-Hochglanz- oder zumindest professionelle Produktionen gewöhnter Filmgucker darauf einlassen, dass sich vieles auf laienhaftem Niveau abspielt. Aber da ich weiß, dass zumindest ein paar meiner Leser damit umzugehen wissen oder sogar selbst bereits an deutschen Underground-Produktionen mitgewirkt haben, wird es sicher einige unter ihnen geben, die an „Medicated – Lääkekoe“ Interesse finden. Und das hat das Werk auch verdient.

CGI-Masken

Etwas Blut fließt, meist Kunstblut (im Gegensatz zu am Computer eingefügtem), am Ende splattert es sogar gehörig, das dann mit viel Rechner-Unterstützung. Die CGI-Effekte haben mir nicht durchweg gefallen, hier erkennt man doch arg deutlich das nicht vorhandene Budget. Speziell bei Korppainens Angreifern – weshalb überhaupt schwingen sie Schwerter? – wurde mit Rechnerhilfe das Gesicht verzerrt, was gar nicht mal so gut aussieht. Hier wären handgemachte Masken vielleicht die bessere Wahl gewesen. Vielleicht mangelte es an Know-how, solche zu fertigen, aber an sich stelle ich mir vor, dass man im Umfeld jemanden findet, der etwas davon versteht. Ein paar Green-Screen-Sequenzen sieht man die Art der Entstehung ebenfalls an, aber irgendwie passt das auch zur Absurdität, die sich bisweilen in die Story einschleicht. Man sagt, der Finne habe einen eigentümlichen Humor. Das kann ich nach Sichtung von „Medicated – Lääkekoe“ bestätigen.

Wat? Wer bist du denn?

Der Soundtrack ist generisch, aber effektiv und nervt nicht – ein positiver Aspekt. Ebenso das Sounddesign, speziell bei den Schießereien hat mir der Ton gut gefallen. Die Actionszenen haben zudem ein gutes Timing innerhalb der einen Stunde, die der Film dauert. Die eine oder andere Wendung treibt die Handlung bis zu einem finalen Twist voran, sodass keine Langeweile aufkommt. 60 Minuten sind für einen herkömmlichen Spielfilm zwar kurz, im Undergroundsektor aber stattlich, da ziehen sich andere Produktionen schon mal sehr in die Länge. „Medicated – Lääkekoe“ hat im Übrigen im Januar 2019 bei den Skulle Awards von Indie Horror Online eine Trophäe als „Best Feature Film“ gewonnen. Das ist nun nicht der renommierteste Filmpreis, und es wurden denkbar viele Filme prämiert, aber ich will es doch erwähnt haben.

Zu sehen bei YouTube

Man spürt den Elan, mit dem alle Beteiligten bei der Sache waren – im Underground ohnehin der Regelfall, denn weshalb sollte man sonst die Mühe auf sich nehmen, wenn nicht aus Leidenschaft? Reich und berühmt wird man als Undergroundfilmer sicher nicht. Obwohl – auch Peter Jackson („Der Herr der Ringe“) hat seine ersten filmischen Fußstapfen im Underground hinterlassen. Eine Karriere wie der Neuseeländer prophezeie ich Tapio Kauma und Ville Väisänen nicht, aber die ist ja auch außergewöhnlich. Jedenfalls haben die beiden es verdient, dass ihnen zum einen auch mal jemand etwas Geld für den Dreh eines weiteren Films zur Verfügung stellt und zum anderen Underground- und Independentfilm-Interessierte sich „Medicated – Lääkekoe“ zu Gemüte führen. Wer Lust bekommen hat, kann den Film in voller Länge bei YouTube schauen. Finnisches Original mit englischen Untertiteln – das kriegt Ihr doch hin, oder?

Kartsa kann nichts entstellen

Veröffentlichung: 19. September 2018 bei YouTube

Länge: 62 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Finnisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Lääkekoe
Internationaler Titel: Medicated
FIN 2018
Regie: Tapio Kauma, Ville Väisänen
Drehbuch: Tapio Kauma
Besetzung: Tapio Kauma, Ville Väisänen, Heikki Kauma, Viljami Packalen, Jussi Nousiainen, Vesa Väisänen, Veli-Pekka Väisänen, Alex Barck, Niko Hill, Annie Bird, Otto Hirvonen, Alper Aykut Sari, Harri Kankaanpää
Produktion: Cala Company

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Filmplakat: © 2018 Cala Company

 

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Ingenium – Indieperle aus deutschen Landen

Ingenium

Von Volker Schönenberger

SF-Psychothriller // Ein deutscher Genrefilm, dazu ein Langfilm-Regiedebüt, obendrein eine Independent-Produktion – dem geben wir doch gern eine Chance. „Ingenium“ handelt von den zwei jungen Frauen Felicitas (Esther Maaß) und Natascha (Judith Hoersch). Als Waisenmädchen aufgewachsen, sind sie seit der Kindheit beste Freundinnen. Beide haben mit psychischen Problemen zu kämpfen und sich voneinander entfernt. Während Natascha in einer geschlossenen Einrichtung untergebracht ist, steht Felicitas in Berlin immerhin im Leben, hat mit Titus (Adrian Topol) sogar einen Freund, der sie unterstützt. Von Albträumen geplagt, unterzieht sich Felicitas einer Hypnosetherapie, nimmt zusätzlich Psychopharmaka.

Überfall in Bangkok

Um abzuschalten, reist Felicitas allein in den Urlaub nach Thailand. In Bangkok lernt sie die einheimische Gai (Jan Yousagoon) kennen. Die beiden jungen Frauen freunden sich an, doch dann werden sie von drei Thailändern verfolgt und in einer dunklen Gasse gestellt. Ein brutaler Gewaltausbruch ist die Folge, mit Müh und Not entkommt Felicitas. Zurück in Berlin hat sie erschreckende Gedächtnislücken und gerät zunehmend in einen Zustand der Verwirrung. Rätselhafte Ereignisse spannen einen Bogen zu ihrer Vergangenheit.

In Thailand lernt Felicitas (r.) die einheimische Gai kennen

Zeitsprünge, Rückblenden, Albtraumfetzen, bei denen unklar ist, ob es sich um Wahnvorstellungen oder Erinnerungen handelt – „Ingenium“ verlangt etwas Aufmerksamkeit ab, um nicht den Faden zu verlieren. Es lohnt sich! Die Story ist komplex, aber nicht kompliziert. Anfangs wie ein doppelbödiger Psychothriller aufgemacht, kommt nach etwa der Hälfte eine gehörige Portion Science-Fiction dazu. Viel mehr will ich zum Inhalt nicht verraten, um zu vermeiden, die eine oder andere Überraschung zu spoilern.

Vom Werbefilmer zum Spielfilmregisseur

Der Stuttgarter Regisseur Steffen Hacker ist mit seinem Partner Alexander Kiesl im Duo Alex & Steffen seit 13 Jahren als Werbefilmer und Visual-Effects-Designer tätig. An „Ingenium“ arbeitete er satte acht Jahre, beginnend mit den Dreharbeiten in Bangkok, wohin er im November 2012 gemeinsam mit Hauptdarstellerin Esther Maaß reiste. Mit Drehgenehmigung und Crew vor Ort wurden als männliche Angreifer Stuntmen verpflichtet, die teils auch schon beim Actionknaller „Ong-Bak“ (2003) mitgewirkt hatten.

Die beiden Frauen geraten in eine brenzlige Situation

Gedreht wurde in Thailand sowie in Berlin und Baden-Württemberg. Hospitalszenen entstanden in einem stillgelegten und abrissreifen Krankenhaus in Hackers Heimatort St. Georgen im Schwarzwald. Obendrein hatten Hacker und seine Crew das Glück, im Berliner Dom drehen zu dürfen. Im Februar und März 2013 wurde in dem Sakralbau die „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach als szenische Aufführung inszeniert, und Hacker gelang es, Szenen daraus in seinen Film einzubauen und mit einer Actionsequenz zu kombinieren, die auf dem Dach des Doms spielt. Dort allerdings wurde nicht gedreht, die Dachszenen entstanden anderswo und wurden in der Postproduktion digital verändert. Immerhin so gelungen, dass ich Steffen Hacker fragte, ob er tatsächlich auf dem Dom drehen durfte – da hatte ich das Making-of im Bonusmaterial der Blu-ray noch nicht geschaut.

Action auf dem Berliner Dom

Die schauspielerischen Leistungen sind ansprechend geraten. Mir haben lediglich in einigen Szenen ein paar Dialoge nicht recht gefallen – speziell solche, in denen dem Filmpublikum Sachverhalte erklärt wurden oder sich per Dialog für Felicitas und damit für uns als Zuschauerinnen oder Zuschauer etwas enthüllte. Aber keine Sorge, das nimmt nicht überhand, wir haben es nicht mit einem Erklärbär-Film zu tun. Vor allem wirken die Figuren menschlich und authentisch, besonders Felicitas, auf deren Schultern ja ein Gutteil des Identifikationspotenzials lastet. Eine toughe Heldin im sexy Outfit hätte hier nicht gepasst (gleichwohl beweist Felicitas im Verlauf Stehvermögen und Nehmerqualitäten). Bei der musikalischen Untermalung gefielen mir die Streicherpassagen recht gut, erst recht der orchestrale Score während der Actionszene auf dem Berliner Dom. Ein paar musikalische Elemente bei Action oder Flucht in den Straßen von Berlin fand ich etwas generisch, aber das ist Jammern auf hohem Niveau und haben wir in deutlich teureren Produktionen schon einfallsloser gehört.

Felicitas versteht ihre Welt nicht mehr

Wer sich für technische Details bei der Entstehung eines Films interessiert, kann im Falle von „Ingenium“ aus einer Fülle an Informationen schöpfen. So hat sich Regisseur Steffen Hacker auf film-tv-video.de ausführlich über die Nachproduktion ausgelassen. Auch Rodja Pavliks Text auf dem Blog „Homemoviecorner“ ist lesenswert und enthält Originalaussagen des Regisseurs. Ich empfehle obendrein sehr das 38-minütige Making-of im Bonusmaterial – aber erst nach Sichtung des Films! Dort erfahren wir von den Schwierigkeiten, einen Film über einen Zeitraum von acht Jahren zu drehen. Wenn Jobs im Lauf der Zeit von verschiedenen Leuten ausgeführt werden, bringt das eben Komplikationen mit sich, etwa den Umstand, dass mit elf unterschiedlichen Kameras gedreht wurde, deren Bildmaterial später umständlich angepasst werden musste, damit der Film am Ende einheitlich aussieht (was er tut).

Mit dem Film verheiratet

Dass sich das Drehbuch im Lauf der Jahre veränderte – und das teilweise radikal –, machte Nachdrehs erforderlich. So musste Hauptdarstellerin Esther Maaß 2017 in Deutschland ein paar Szenen erneut drehen, die fünf Jahre zuvor in Thailand entstanden waren. Maaß selbst blickt im Making-of schmunzelnd darauf zurück, dass sie für eine Szene am Computer verjüngt werden musste (ich komme mir etwas uncharmant vor, dies zu erwähnen, und mildere es daher ab: So schlimm kann es doch nicht gewesen sein!). Eigentlich war ich mit „Ingenium“ sechs Jahre lang verheiratet. Und die Scheidung wird auch noch nicht eingereicht. So resümiert Esther Maaß die Arbeit an „Ingenium“. Diesen Eindruck der tiefen Verbundenheit mit dem Film vermitteln im Making-of alle Beteiligten. Anders kriegt man ein solches Independent-Projekt wohl auch kaum erfolgreich bewältigt. Und das Resultat spricht für die Zusammenarbeit von Cast und Crew: Für mich hat „Ingenium“ visuell und von der Story her internationales Niveau und wirkt keineswegs wie ein deutsches Low-Budget-Projekt.

Böse Erinnerung?

Obwohl ein deutscher Film, feierte „Ingenium“ seine Weltpremiere im Mai 2018 auf dem Manifesto Film Festival im niederländischen Amsterdam. Die Festivaltour führte den SF-Psychothriller mehrfach in die USA, nach Österreich und Brasilien. Den einen oder anderen Filmpreis nahm das Werk dankend entgegen. Hauptdarstellerin Esther Maaß wurde bei den Independent Days in Karlsruhe 2019 als beste Darstellerin geehrt. Da kann man nur anführen: Glückwunsch, verdient! „Ingenium“ hält die Fahne des deutschen Independentfilms und des deutschen Genrefilms gleichermaßen hoch. Mehr davon!

Veröffentlichung: 30. Oktober 2020 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD)

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Originaltitel: Ingenium
D 2018
Regie: Steffen Hacker
Drehbuch: Michael Knoll
Besetzung: Esther Maaß, Anne Alexander-Sieder, Tony De Maeyer, Heike Feist, Judith Hoersch, Augustin Kramann, Eskindir Tesfay, Adrian Topol, Jan Yousagoon
Zusatzmaterial: Making-of (38 Min.), Visual Effects Featurette (4 Min.), Outtakes (3 Min.), Musikvideo (4 Min.), Trailer, 16-seitiges Booklet
Label: Camera Obscura
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Camera Obscura

 
 

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