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Once Upon a Time in Hollywood – Zur Rettung des Kinos

Once Upon a Time in Hollywood

Kinostart: 15. August 2019

Von Lucas Gröning

Drama // Quentin Tarantino gilt als einer der besten Regisseure und Drehbuchautoren unserer Zeit. Seit 1992, als sein erster Film „Reservoir Dogs“ Einzug in die Lichtspielhäuser hielt, bereichert der Filmemacher mit Werken wie „Pulp Fiction“, den „Kill Bill“-Filmen und „Inglourious Basterds“ das Kinopublikum. Der Lohn: je zwei Oscars und Golden Globes für die Drehbücher von „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“, dazu die Goldene Palme in Cannes für „Pulp Fiction“ sowie zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen etlicher prestigeträchtiger Preise der weltweiten Filmindustrie. Eine Industrie, die in den USA vor allem durch einen Ort geprägt wurde – Hollywood. Die Traumfabrik gilt seit jeher als das Zentrum der amerikanischen Filmwirtschaft. Wenn man es als Schauspieler, Regisseur oder Drehbuchautor dorthin geschafft hat, ist man gewissermaßen an der Spitze der Nahrungskette angekommen. Seine jüngste Arbeit „Once Upon a Time in Hollywood“ widmet Tarantino genau diesem Ort und zeigt uns die Traumfabrik im Jahr 1969. Ein Jahr, dass rückblickend vor allem durch ein Ereignis geprägt ist, welches sich am 9. August in Los Angeles ereignete: die Ermordung der hochschwangeren Schauspielerin Sharon Tate und vier weiterer Personen in ihrem Haus am Cielo Drive durch Mitglieder der Manson Family. Ein Ereignis, dass auch in Tarantinos Film einen zentralen Platz hat – er nimmt es zum Anlass, einigen aktuellen Debatten rund um die Entwicklung der amerikanischen Filmlandschaft auf den Grund zu gehen.

Hollywoods Goldene Ära ist passé

In jenem Jahr hat sich das Goldene Zeitalter Hollywoods längst dem Ende zugeneigt, New Hollywood hat das Zepter übernommen. Viele der einstigen Helden bleiben verloren zurück. Einer von ihnen ist Rick Dalton (Leonardo DiCaprio). Wie so viele aufstrebende Schauspieler hat er den endgültigen Durchbruch in der Traumfabrik nie geschafft. Oft war er lediglich in der Endauswahl, wenn es um die Besetzung der Hauptrolle in einer großen Hollywood-Produktion ging, die seinen Durchbruch hätte bedeuten können. So hat sich Rick als Fernsehstar durchgeschlagen, unter anderem in der (fiktiven) Westernserie „Bounty Law“, doch auch dies scheint vorbei, als der Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) ihm unterschwellig zu verstehen gibt, dass seine Zeit in Hollywood abgelaufen ist. Trost findet der einstige B-Star bei seinem guten Freund und Stuntdouble Cliff Booth (Brad Pitt). Cliff fährt Rick zu seinen Jobs, fungiert für ihn als Haussitter seiner Villa, erledigt verschiedene Sachen für ihn und spendet dem Schauspieler Trost, wenn er mal wieder einem Anfall von Selbstmitleid erliegt. Eines Tages zieht mit Roman Polanski (Rafal Zawierucha) ein Filmemacher in die Nachbarschaft des abgehalfterten Fernsehstars, der aktuell als einer der heißesten Regisseure gilt. Mit dabei: die Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), Polanskis Ehefrau.

Cliff (l.) und Rick gehen ihrem Leben in Hollywood nach

In der Folge schwingt sich Sharon Tate neben Rick und Cliff zur Protagonistin des Films auf. Fortan beobachten wir die drei, wie sie ihrem Leben in Hollywood nachgehen. Rick versucht mithilfe kleinerer Serienproduktionen, im Gespräch zu bleiben und vielleicht doch noch den Durchbruch zu schaffen, Cliff fährt vor allem in der Stadt herum und läuft Gefahr, den Verführungskünsten eines jungen Hippiemädchens zu erliegen, und Sharon Tate sehen wir auf ihren Pfaden durch die Straßen Hollywoods, während sich der 9. August stetig nähert.

Ein Feuerwerk an Referenzen

Im Verlauf des Films passiert an sich relativ wenig. Bis ins letzte Drittel hinein ist keine klare Handlung zu erkennen. Die drei Protagonisten folgen einfach ihren individuellen Pfaden, ohne dass sich viel ereignet. Stattdessen nutzt Tarantino seine Figuren dazu, uns das Hollywood der damaligen Zeit zu präsentieren. An jeder Ecke sehen wir Plakate einst populärer Filme, berühmte Stars wie Steve McQueen, Einschübe von Fernsehserien klassischer Machart oder Filmausschnitte aus einigen großen Werken. „Once Upon a Time in Hollywood“ gibt uns Einblicke in Szenen aus unter anderem „Rollkommando“ („The Wrecking Crew“), „Gesprengte Ketten“ („The Great Escape“) und er zitiert Roman Polanskis „Rosemaries Baby“ (Rosemary’s Baby“). Tarantino demonstriert hier eine tiefe Liebe zum damaligen Hollywood und zum europäischen Autorenkino, welches langsam Einzug ins amerikanische Kino hält. Gleichwohl zitiert er auch moderne Werke, vor allem seine eigenen. Wir sehen eine Szene, in der Nazis verbrannt werden, wie in „Inglourious Basterds“. Ein schmutziges Buch, das Rick am Set einer Produktion liest, erinnert uns an „Pulp Fiction“. Und wenn Rick den Antagonisten in einem Western-Piloten spielen soll, ruft uns das Leonardo DiCaprios Rolle in „Django Unchained“ ins Gedächtnis. Vor allem über die Darsteller zitiert der Regisseur hier sehr viel. So wird etwa Cliff als Stuntman durch den von Kurt Russell porträtierten Randy ausgewählt – Eine Referenz an Russells Rolle in Tarantinos „Death Proof“. Tarantino, so muss man sagen, erschafft hier eine wunderschöne Welt und präsentiert uns ein Hollywood, das schon lange der Vergangenheit angehört. Doch wer jetzt glaubt, Tarantino schwelge mit seiner Darstellung lediglich in der Vergangenheit, der irrt. Der Regisseur nutzt diese Zeit und die sich anbahnenden Umstände rund um Sharon Tate, um einige aktuelle Fragen zu verhandeln, denen wir uns auch heute noch in Bezug zum Kino stellen müssen.

Die Zerstörung des Kinos

Um die Schönheit des Kinos im Generellen zu repräsentieren nutzt Tarantino in seinem neusten Film vor allem eine Person: Sharon Tate. In ihr findet sich alles, was das Medium in seiner reinen Form ausmacht und eine bis heute ungebrochene Faszination hervorruft. Zum Ersten einmal rein optisch eine Schönheit, die uns auch das Kino in Form von ästhetisch wundervollen Bildern vermitteln kann. Als Nächstes eine ungebrochene Naivität und Verträumtheit, mit der wir uns als Zuschauer einem jeden Werk hingeben können und uns fern von jedweder intellektueller Beschäftigung mit dem Medium auseinandersetzen können. Trotzdem ist Intellektualität ebenfalls ein Teil von Sharon Tate und somit, in diesem Verständnis, auch Teil des Mediums Film. Zu guter Letzt, und das ist vielleicht der wichtigste Punkt, ist es die Unschuld, die das einstige It-Girl repräsentiert. Tarantino begriff das Kino immer als einen unschuldigen Ort. Einen Ort, der nicht zum Instrument ideologischer Botschaften gemacht werden dürfe, um beispielsweise eine bestimmte politische Agenda durchzusetzen. Die Freiheit der Kunst an sich stellt das höchste Gut im Kino dar und darf die in keinster Weise beschnitten werden. Bereits in „Inglourious Basterds“ erteilte Tarantino der Instrumentalisierung des Lichtspielhauses eine Absage, indem er die Nazis für ihre Entweihung dieses für ihn heiligen Ortes bestrafte. Doch es sind nicht nur Nazis, die dem Kino ihre Unschuld nehmen wollen.

Auch im 21. Jahrhundert droht das Kino seine Unschuld zu verlieren, doch diesmal droht die Gefahr nicht ausschließlich von rechter Seite. Sowohl fehlgeleitete linksliberale Ideologien, als auch das von den Großkonzernen der Traumfabrik verfolgte Profitinteresse sorgen für eine Zerstörung des alten, ideologiefreien Hollywoodkinos. Im Vordergrund steht oftmals nicht mehr das Schaffen von künstlerisch wertvollen Werken, sondern die Durchsetzung einer bestimmten Agenda. So gibt es in Politik und in Wirtschaft seit geraumer Zeit die Diskussion rund um die Unterrepräsentation von Frauen oder Menschen anderer Hautfarben in bestimmten Berufszweigen. Eine Diskussion, die in der Realität durchaus zielführend und notwendig ist, wurde von manchen auch auf die Fiktion und speziell auf das Kino übertragen. Es führte dazu, dass man angefangen hat, die Frauen auf der Leinwand zu zählen und anschließend zu evaluieren, ob das weibliche Geschlecht im Vergleich zum Mann ausreichend repräsentiert wurde. Sobald ein Werk mit nur wenigen Frauen gearbeitet hatte, gab es einen großen Aufschrei, was eine bedenkliche Entwicklung in der Kinolandschaft zufolge hatte und sich in durch und durch „weiblichen“, pseudofeministischen, qualitativ jedoch unzureichenden Remakes und Fortsetzungen Ausdruck verschaffte. „Ghostbusters“ (2016) und „Ocean’s Eight“ seien beispielhaft genannt. Das Kino wurde zu einem Ort, in dem es nicht mehr darum ging, Kunst zu schaffen, sondern das Medium so zu gestalten, dass man zum einen möglichst viele Menschen „zufriedenstellen“ und zum anderen große finanzielle Erfolge unter dem Deckmantel der Diversität generieren kann.

Rick versucht, seine Karriere am Leben zu erhalten

In Verbindung dazu sind es die großen Konzerne, die das Kino zerstören. Konzerne, die Filme produzieren, welche finanziell natürlich erfolgreich sein sollen. Zu diesem Zweck wird zum einen der linksliberalen Forderung nach Diversität Genüge getan, zum anderen sind Entwicklungen zu erkennen, mit denen das Kino in gewisser Weise familienfreundlicher gestaltet werden soll. Dazu zählt immer häufiger der Verzicht auf expliziete Gewaltdarstellungen, Sex und auf den Konsum von Drogen. Lediglich in einigen Independent-Filmen finden sich noch Auszüge dieser Aspekte, in großen Kinoproduktionen geht man mittlerweile überwiegend konservativ damit um. Auch hier wird dem Kino seine Unschuld genommen und es findet eine große Einschränkung der Kunstschaffenden statt. Der Hays Code lässt grüßen.

Mit aller Gewalt

In „Once Upon a Time in Hollywood“ werden beide Aspekte durch die Manson Family repräsentiert. Die Gruppierung erscheint als durch und durch weibliche Organisation, nur vereinzelt kommen Männer vor. Die Family lebt auf einer alten Ranch, auf der früher einmal Westernfilme gedreht wurden. Der heruntergekommene Ort dient dabei als hässlicher Kontrapunkt zum leuchtenden Hollywood, nur vereinzelt ist zu erkennen, das die Ranch einmal Teil der Traumfabrik war. Hier haben wir die Vereinnahmung in Verbindung mit einer Einschränkung des alten Hollywoods durch die pseudofeministische Ideologie. Eine Ideologie, welche die Filmindustrie dazu verleitet, ihre alten Helden zu vergessen, kreativen Schaffensprozessen abzuschwören, somit träge zu werden und sich unter dem Deckmantel der Diversität im wahrsten Sinne des Wortes „befriedigen“ zu lassen. Zugleich sehen wir in der Manson Family eine Hippie-Bewegung, die auf den ersten Blick nichts als Liebe in die Welt hinaustragen will. Die Menschen der Bewegung lehnen Gewalt scheinbar ab und wollen alles Gewalttätige aus der Welt verbannen. Im Hollywoodkino der damaligen Zeit und somit all dem, was Tarantino über den Großteil der 161 Minuten zitiert und feiert, sehen sie eine Konzentration dieser Gewalt, die es zu bekämpfen gilt. Ihr Ziel ist somit eine Beschneidung der Filmindustrie und letztlich der Filmkunst an sich. Ein Vorhaben, das Tarantino in Gänze ablehnt. Mit aller Macht stellt er sich gegen jene, die dem Kino seine Unschuld nehmen wollen, und mobilisiert alles, was Hollywood seit jeher zu einem derart schönen Ort gemacht hat, gegen diejenigen, die das Kino zu einem Instrument der politischen Propaganda machen wollen. Wie in „Inglourious Basterds“, als das Kino zu einer Waffe gegen die Faschisten wurde, wird hier Hollywood zu einem Bollwerk gegen die drohende Gefahr. Ein Bollwerk, das mit aller Gewalt zurückschlägt, die dazu noch in einer Härte ästhetisiert wird, wie man sie selbst in einem Werk von Quentin Tarantino selten gesehen hat.

Phasenweise grandios

Der Film zeigt diesen Kampf für die Freiheit der Filmschaffenden in teilweise grandiosen Bildern, die von starren Einstellungen bis hin zu ewig lang gehaltenen Kamerafahrten variieren. Besonders die dadurch gezeigten, extra für den Film gebauten Kulissen sowie der tolle Soundtrack tragen einen großen Teil zur fantastischen Atmosphäre des Films bei. Auch die Darsteller machen hier einen grandiosen Job. Allen voran Leonardo DiCaprio zieht hier alle Register und schlüpft nicht nur in seine Rolle als Schauspieler Rick Dalton, sondern innerhalb dieses Charakters auch in die Rollen, in denen Dalton für seine Arbeitgeber performen muss. Auch Brad Pitt und Margot Robbie bieten herausragende Leistungen, genauso wie die zahlreichen weitere Darsteller der mit Stars gespickten Besetzung. Das alles macht „Once Upon a Time in Hollywood“ zu einem brillianten Film, der jedoch auch einige wenige Schwächen hat. Zum einen haben die Dialoge längst nicht die nötige Schärfe, die wir von einem Tarantino-Film gewohnt sind, zum anderen hatte ich an manchen Stellen das Gefühl, das ein Schnitt teilweise zu früh oder zu spät gesetzt wurde, sodass viele der duchaus starken Gags leider nicht zünden. Dennoch hält der Film vor allem durch das vorausgesetzte Wissen in Bezug zum Mord an Sharon Tate eine ungeheure Spannung aufrecht, die gerade gegen Ende der Handlung extrem gut ausgenutzt wird, um auf den Höhepunkt des Films zuzusteuern. Somit reiht sich „Once Upon a Time in Hollywood“ zwar nicht in die Riege der absoluten Meisterwerke des Regisseurs rund um „Pulp Fiction“ und „Inglourious Basterds“ ein, das Drama besticht dennoch durch ein nach wie vor enorm hohes Niveau – das konnte Tarantino ja allen Anfeindungen zum Trotz über seine gesamte Karriere hinweg konstant aufrechterhalten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Bruce Dern, Leonardo DiCaprio, Al Pacino und Brad Pitt unter Schauspieler.

Währendessen genießt Sharon Tate das Leben in L.A.

Länge: 161 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Once Upon a Time in Hollywood
USA 2019
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino, Emile Hirsch, Margaret Qualley, Timothy Olyphant, Rafal Zawierucha, Julia Butters, Austin Butler, Dakota Fanning, Bruce Dern, Mike Moh, Luke Perry, Damian Lewis
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 
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Verfasst von - 2019/08/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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The Hateful Eight – Shakespeare im Wilden Westen

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The Hateful 8

Kinostart: 28. Januar 2016

Von Florian Schneider

Western // Kopfgeldjäger John Ruth (großartig: Kurt Russell) macht es sich wirklich nicht leicht: Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Beute lebendig dem Henker zu übergeben, selbst wenn es auf dem Steckbrief „Dead or Alive“ heißt und selbst wenn das beschwerlicher ist, als die Gesuchten bei der Gefangennahme mit Blei vollzupumpen. Diese Vorgehensweise brachte Ruth den Spitznamen „The Hangman“ ein.

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Bad Motherfucker: Kopfgeldjäger Marquis Warren

Zu Beginn von Tarantinos neuem Meisterwerk sehen wir dem Kopfgeldjäger bei seinem Versuch zu, die berüchtigte Schwerverbrecherin Daisy Domergue (Jennifer Jason Lee mit erstaunlichem Mut zur Hässlichkeit) mittels einer gemieteten Postkutsche nach Red Rock und damit zum Galgen zu überführen. Verständlich, dass Ruth nicht erfreut ist, als sich zuerst der ehemalige Nordstaatenmajor und jetzige Kopfgeldjäger Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und kurze Zeit später auch der zwielichtige Südstaatler Chris Mannix (Walton Goggins) anschicken, Ruths und Daisys Reisegefährten zu werden. Mannix gibt vor, der neue Sheriff von Red Rock zu sein – ausgerechnet.

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John Ruth (l.) hat wenig Lust auf Gesellschaft

Doch ob eines herannahenden Blizzards stimmt das Raubein Ruth zähneknirschend zu und die bunte Truppe flieht gemeinsam vor dem Schneesturm zu einem einsam gelegenen Außenposten von Red Rock, der nach der Besitzerin benannten Handelsstation „Minnies Kleinwarenladen“.

Tim Roth anstelle von Christoph Waltz

Dort angekommen, ist die Besitzerin zwar nicht anzutreffen, dafür erwartet das Quintett (inklusive des Kutschers) dort ein illustrer Haufen von Spießgesellen, unter anderem der vorgeblich neue Henker von Red Rock (Tim Roth in einer Christoph-Waltz-Gedächtnisrolle) sowie der Südstaatengeneral und Warrens Erzfeind Sandy Smithers (Bruce Dern), die ebenfalls Unterschlupf vor dem Sturm gesucht und gefunden haben. Bald jedoch ahnen die inzwischen verbündeten Kopfgeldjäger, dass etwas faul ist im Staate Dänemark – und während draußen der todbringende Blizzard eine undurchdringliche Barriere bildet, beginnt drinnen das blutige Kammerspiel.

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Hässlicher Feger und schlimmer Finger: Daisy Domergue

Es ist ein cineastisches Gegenbild, das Tarantino nach dem opulenten, schauplatzreichen und farbenfrohen „Django Unchained“ entwirft. Nach dem ersten Teil des Films, der praktisch ausschließlich in der Postkutsche spielt, wird in der Folge der Verkaufs- und Gastraum der Handelsstation einziger Schauplatz der restlichen Handlung bleiben. Der lebensbedrohliche Sturm setzt dabei den natürlichen Rahmen dieser absoluten Verdichtung von Zeit und Raum und dient zugleich als Sinnbild des Psychoduells, das sich in seinem geschützten Herzen zu entspinnen beginnt. So ist „The Hateful Eight“ auch mehr Shakespeare als Sergio Leone, Sergio Corbucci oder Sergio Solima – großartig in seinen Dialogen (wie gewohnt) und unbarmherzig in der Unabwendbarkeit des blutigen Finales.

Reminiszenz an John Fords „Stagecoach“

Trotz aller Nähe zur shakespeareschen Tragödie und zum Theater bewegt sich Tarantino wie gewohnt auf seiner gewohnten Spielwiese, dem filmhistorischen Referenzraum. So ist es natürlich kein Zufall, dass durch die beiden zentralen (und einzigen) Handlungsorte Postkutsche und Handelsstation Erinnerungen an John Fords großen Westernklassiker „Stagecoach“ (dt. „Ringo“ oder „Höllenfahrt nach Santa Fé“) aus dem Jahr 1939 wach werden. Auch der Italo-Western erfährt vielfache Würdigung, nicht nur durch die Figur des pfeiferauchenden Marquis Warren, der locker durchgeht als afro-amerikanische Version der zahlreichen Helden und Schurken wie Sabata und Sentenza, die Lee Van Cleef in den 60er- und 70er-Jahren so genial verkörpert hat. Nicht zu vergessen der zwar spärlich eingesetzte, aber brillante Soundtrack von Altmeister Ennio Morricone!

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Trio Infernal: John Ruth, Daisy Domergue und General Sandy Smith (v. l.)

Leider konnte ich die Langfassung im Ultra Panavision 70mm Format nicht sehen, aber zumindest die durchlebten 167 Minuten vergingen wie im Flug. Weshalb der Meister dieses extreme Format ausgerechnet für „The Hateful Eight“ einsetzte, der, wie gesagt, auf epische Naturaufnahmen und dynamischen Actionszenen fast gänzlich verzichtet, bleibt mir allerdings ein Rätsel. Dieses Format hätte aus meiner Sicht bei „Django Unchained“ deutlich mehr Sinn ergeben. Dennoch gilt: Wieder einmal ein echtes Glanzstück, Mister Tarantino!

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Einer lügt: der neue Henker (l.) und der neue Sherrif von Red Rock

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jennifer Jason Leigh unter Schauspielerinnen, Filme mit Demián Bichir, Bruce Dern, Samuel L. Jackson, Michael Madsen, Tim Roth, Kurt Russell und Channing Tatum in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 187 Min. (Ultra Panavision 70mm Format inklusive Ouvertüre), 167 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Hateful 8
USA 2015
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Michael Madsen, Tim Roth, Bruce Dern, Walton Goggins, Demián Bichir, James Parks, Zoë Bell, Dana Gourrier, Channing Tatum
Verleih: Universum Film

Copyright 2016 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Universum Film

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/01/25 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Machete Don’t Joke – Machete Kills

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Machete Kills

Kinostart: 19. Dezember 2013

Von Volker Schönenberger

Action // Wer erinnert sich noch an „Machete don’t text“? Eine nette kleine Anspielung darauf zeigt in der Fortsetzung, dass Machete mit der Zeit geht. Darüber hinaus lernen wir nun auch: „Machete don’t tweet.“ „Machete don’t fail.“ „Machete don’t smoke.“ „Machete don’t joke.“ Und vor allem: „Machete happens.“

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Charmeur Machete mit seinem besten Stück

Ein schäbiger Trailer für einen billigen Grindhouse-Film eröffnet den Exploitation-Abend: „Machete Kills Again … in Space!“ Jawohl, den dritten Teil der Trilogie wird’s offenbar geben, angekündigt hatte Robert Rodriguez ihn bereits vor dem Dreh des zweiten. Nun ja, man mag von derlei Franchise-Auswüchsen halten, was man will, „Machete“ war als Fake-Trailer des Grindhouse-Double-Features von Rodriguez und Quentin Tarantino unterhaltsam, als eigenständiger Film dann nicht minder. Also gönnen wir uns den Spaß ein drittes Mal (wenn’s ihn denn geben wird).

Hoppla – fehlt da nicht erst noch etwas? Klar – Teil 2: „Machete Kills“. Zu Beginn wird dem ebenso feingeistigen wie redseligen Dauerlächler Machete (Danny Trejo) übel mitgespielt: Seine Freundin Sartana (Jessica Alba) stirbt an einer Kugel im Kopf, er selbst wird aufgehängt. Ein Anruf des US-Präsidenten (Carlos Estevez aka Charlie Sheen) befreit den Langmesser-Träger vom Strick. Im Gegenzug soll Machete die USA vor einer nuklearen Bedrohung durch den mexikanischen Schurken Mendez (Demian Bichir) retten. Es stellt sich heraus, dass der den Auslöser einer auf Washington gerichteten Atomrakete operativ an sein Herz angeschlossen hat. Hört das Herz auf zu schlagen, macht sich die Bombe auf den Weg.

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Beeindruckend: das Waffenarsenal von Miss San Antonio

Erwartungsgemäß tummeln sich in „Machete Kills“ diverse finstere Gestalten, die gegenüber Machete mit ein paar Ausnahmen keine guten Absichten haben. Da ist beispielsweise die sadistische Bordellmutter Desdemona (Sofia Vergara), die mit ihren Prostituierten auf die Jagd geht. Sie ist fein bewaffnet mit einem Maschinenpistolen-BH sowie einer Gemächt-Pistole – Moment mal! Genau, die kennen wir aus „From Dusk Till Dawn“ an Sex Machine alias Tom Savini (der wieder einen Gastauftritt hat) und aus „Desperado“, wo sie Antonio Banderas nützlich war.

Auch Mendez’ Mitarbeiter Zaror (Marko Zaror) erweist sich als schwer totzukriegender Geselle. Dann gibt’s den Killer Chamäleon, gespielt von Walton Goggins („The Shield“). Oha, der trägt seinen Namen zu Recht, nun nimmt er die Maske ab und entpuppt sich als … Holla ho, der ist ja auch nur Maske, darunter verbirgt sich … Und noch einer. Wo soll das nur hinführen? Da wird man ja ganz gaga … Als letzter Fiesling von eminenter Bedeutung sei der Geschäftsmann Luther Voz (Mel Gibson) genannt. Zum Glück für Machete gibt’s aber auch Luz (Michelle Rodriguez), die nach wie vor ein Auge auf ihn geworfen hat. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass sie nur noch eines hat.

Action, Explosionen, Schießereien, Blut, abgetrennte Körperteile und sonstige Metzeleien sind die Hauptbestandteile des Films, der insofern dem Vorgänger treu bleibt. Es splattert nicht zu knapp, die 16er-Altersfreigabe durch die FSK kommt einigermaßen überraschend. Schade, dass es sich in erster Linie um am Computer generierten Splatter handelt. Handgemacht sieht’s einfach besser aus.

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Luz riskiert für Machete einiges

Nicht nur das erwähnte Chamäleon liefert Überraschungen, auch andere Figuren enthüllen im Verlauf Unerwartetes. Ob all das in irgendeiner Form logisch ist, ist ohne Bedeutung, es soll Spaß machen, was es meist auch tut. Die von Mel Gibson und Carlos Estevez alias Charlie Sheen verkörperten Figuren allerdings wirken etwas verschenkt. Die Aussage, dass „Machete Kills“ das Niveau des Vorgängers hält, mag für manche Grund genug sein, ihn zu meiden. Sie verpassen dann, wie Machete zu Dr. Seltsam und Luz à la Han Solo in den Kälteschlaf befördert wird. Am Ende gibt’s dann auch ein Finale, das die Tür zu Teil 3 schlüssig (haha) ganz weit aufstößt. Warten wir ab, ob Rodriguez denn auch hindurchgehen wird. Aber vorher mit ganz viel Bier im Rucksack ab in den Kinosaal zu „Machete Kills“!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Demián Bichir, Mel Gibson und Danny Trejo haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 107 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Machete Kills
USA/RUS 2013
Regie: Robert Rodriguez
Drehbuch: Kyle Ward, Robert Rodriguez, Marcel Rodriguez
Besetzung: Danny Trejo, Mel Gibson, Carlos Estevez, Michelle Rodriguez, Demián Bichir, Sofia Vergara, Lady Gaga, Antonio Banderas, Walton Goggins, Cuba Gooding Jr., Tom Savini, Jessica Alba
Verleih: Universum Film

Copyright 2013 by Volker Schönenberger

Fotos & Trailer: © 2013 Universum Film

 

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