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Pyewacket – Tödlicher Fluch: Sei vorsichtig mit deinen Wünschen

Pyewacket

Von Andreas Eckenfels

Horrordrama // Seit dem Tod ihres Vaters ist das Verhältnis zwischen der Teenagerin Leah (Nicole Muñoz) und ihrer überforderten Mutter (Laurie Holden, „The Walking Dead“) mehr als kompliziert. Da es die Mutter im alten Wohnhaus nicht mehr aushält, eröffnet sie Leah, dass sie in ein abgelegenes Haus am Rande eines Waldes umziehen werden. Die Tochter ist von dieser Nachricht alles andere als begeistert, aber immerhin kann sie trotz langer Anfahrt noch ihre alte Schule besuchen und dort ihre Freunde treffen. Dennoch ist es für Leah nicht mehr so wie früher, sie verliert zunehmend ihre sozialen Kontakte, was zu neuen Spannungen mit ihrer Mutter führt.

Leah (r.) erzählt ihren Freunden, dass sie umziehen wird

Als die Streitereien wieder einmal eskalieren, begeht Leah im Affekt einen folgenschweren Fehler: Aus einem Buch über Schwarze Magie beschwört sie mit einem okkulten Ritual den Hexengeist Pyewacket. Leah bittet ihn darum, ihre Mutter umzubringen. Erst am nächsten Morgen bemerkt Leah, was sie angestellt hat. Lässt sich der Todesfluch noch rückgängig machen?

Inspiration durch William Friedkin

Eine der ersten Erwähnungen zu Pyewacket soll sich im Pamphlet „The Discovery of Witches“ (1647) des selbsternannten Hexenfinders Matthew Hopkins befinden, der als Vorlage für Vincent Prices Rolle in „Der Hexenjäger“ (1968) diente. Demnach handelt es sich bei Pyewacket um einen sogenannten Familiar, einen kleinen Dämon beziehungsweise Geist, der Hexen unterstützt und in verschiedenen Gestalten auftreten kann. Der ansonsten mehr als Schauspieler aktive Regisseur und Drehbuchautor Adam MacDonald hatte aber für seinen zweiten Langfilm nach „Backcountry – Gnadenlose Wildnis“ eine andere Inspirationsquelle als die fragwürdige historische Schrift: Im Interview mit Deadline-Autor Leonhard Elias Lemke, welches im Booklet des Mediabooks von Pierrot Le Feu abgedruckt ist, erklärt MacDonald, er habe sich schon immer für das Okkulte interessiert, und die Idee zu seinem Film und dem Titel stamme von William Friedkins „Das Kindermädchen“ (1990). Dazu habe er auch persönliche Erfahrungen wie die Trennung seiner Eltern im Drehbuch verarbeitet.

Mehr Drama als Horror

So verwundert es nicht, dass „Pyewacket“ im Kern ein bedrückendes Teenager-Drama ist, in das sich nach und nach immer mehr Horrorelemente einschleichen. Diese gewinnen aber selten die Überhand. Der Beginn ist geprägt von den Mutter-Tochter-Streitigkeiten und Leahs durch die Trauer zunehmende Faszination für den Okkultismus. Wer sich für Pentagramme, die Goth-Subkultur und ähnliches interessiert, wird sich gut aufgehoben fühlen und sich auch mit dem Leid der von Nicole Muñoz überzeugend gespielten Hauptfigur identifizieren können. Die Ausführung des Rituals stellt dann auch den Höhepunkt von „Pyewacket“ dar. Wenn Leah ihren Blutzoll entrichten muss, schmerzt das ungemein. Wie einst beim Waldhorror-Klassiker „Tanz der Teufel“ rast die Kamera bedrohlich durchs Unterholz, wobei der Dämon selbst nur schemenhaft zu erkennen ist.

Im Wald vollzieht Leah …

Doch jetzt, wo der Film die Spannung zunehmend steigern sollte, bremst er sich selbst aus. Nach dem Ritual passiert lange nichts, außer dass Leah immer verzweifelter nach dem Gegenmittel für den Todesfluch sucht und Wahnvorstellungen hat. Auch wenn die Atmosphäre stimmt, konzentriert sich der Regisseur mehr auf das Innenleben seiner Protagonistin als darauf, das Publikum zu erschrecken. Damit unterläuft MacDonald die Erwartungshaltung der Zuschauer. Worauf er lange gekonnt und visuell einfallsreich hingearbeitet hat, verliert sich in der zweiten Hälfte stark. Es brodelt ordentlich in „Pyewacket“, aber der Kessel will nicht überkochen.

… ein blutiges Ritual

Laut eigenen Worten versuchte MacDonald seine Geschichte so authentisch wie möglich zu erzählen, sodass auch das Finale unter diesem Aspekt durchaus konsequent geraten ist. Gruselfreunde könnten dies aber als unspektakulär einstufen und enttäuscht zurückbleiben.

Wahlfreiheit bei Pierrot Le Fou

Für das kleine Label Pierrot Le Fou ist „Pyewacket“ bereits der 13. Beitrag ihrer „Uncut“-Reihe, im Rahmen derer sie viele interessante, kleine und große Independent-Produktionen im Horrorbereich präsentieren. Dabei lassen sie den Kunden wieder einmal selbst entscheiden, ob er ein im Vergleich zu anderen Labels preisgünstiges Mediabook mit Texten und Poster erstehen oder lieber zur Blu-ray oder DVD im herkömmlichen Softcase greifen will. Eine optimale Veröffentlichungspolitik, wie sie leider nicht überall gang und gäbe ist. Welche Horrorfilme mit okkulter Thematik könnt Ihr empfehlen?

Muss Leahs Mutter wirklich sterben?

Ein lesenswerter Text zu „Pyewacket – Tödlicher Fluch“ findet sich auch bei den Kollegen von Evil Ed.

Veröffentlichung: 13. Juli 2018 als 2-Disc Limited Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), Blu-ray und DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Pyewacket
KAN 2017
Regie: Adam MacDonald
Drehbuch: Adam MacDonald
Besetzung: Nicole Muñoz, Laurie Holden, Chloe Rose, Eric Osborne, Mikey Brisson, Romeo Carere, James McGowan, Bianca Melchior
Zusatzmaterial: Behind the Scenes inkl. Interviews mit dem Regisseur und den Hauptdarstellern, Trailer, Wendecover. Nur Mediabook: 24-seitiges Booklet, Poster
Label: Pierrot Le Fou
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos: © Melissa Connors; Packshot: © 2018 Pierrot Le Fou

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Das Syndikat – Wer übernimmt Verantwortung, und wie?

La polizia ringrazia

Von Ansgar Skulme

Thriller // In einer Großstadt wie Rom kommt es – mag man das „natürlich“ finden oder nicht – zu einer Vielzahl von Verbrechen: Zwangsprostitution, Raubmord, Korruption, Erpressung, viele andere unschöne Dinge. Kommissar Bertone (Enrico Maria Salerno) ist kaum noch bereit, mit anzusehen, wie ihm die Arbeit als Polizeibeamter durch fragwürdige Gerichtsentscheidungen und dehnbare gesetzliche Vorschriften erschwert wird. Er hat es satt, Kriminelle mit Samthandschuhen anfassen zu müssen und zwischen allen Fronten am Ende noch der Sündenbock zu sein – ob nun für die Justiz, die Medien oder protestierende Bürger. Oberkorrekte Paragraphenreiter wie der Staatsanwalt Ricciuti (Mario Adorf) sind ihm zuwider geworden.

Bertone setzt Maßstäbe

So wütend er auch über die Nachlässigkeiten des Staates bei der Verbrechensbekämpfung ist, bringt Bertone die Konfrontation mit einem gegenteiligen Extrem an seine Grenzen: Eine aus dem Verborgenen agierende Gruppierung beginnt mit einer drastischen Säuberungsaktion gegen alles, was aus ihrer Sicht aus der Gesellschaft verschwinden muss. Plötzlich werden nicht nur die in Bertones Augen Kriminellen zur Zielscheibe, die von der Justiz oft recht vorsichtig behandelt worden sind, sondern auch beispielsweise Homosexuelle, die man als gesellschaftsschädigend abtut, und lautstark politisch Aktive, die man als aufwiegelnde Rädelsführer verdammt, die den Staat schädigen. Alle, die mit dem streng konservativen Gedanken dieses mysteriösen „Syndikats“ an Zucht und Ordnung nicht vereinbar sind, werden zu potenziellen Opfern. Erinnerungen an faschistische Exekutionskommandos werden wach. Bertone muss fortan Jagd in zwei Richtungen machen, damit ihm seine üblichen Verdächtigen nicht durch außerhalb des Gesetzes agierende Milizen vor der Nase weggeschossen werden, und damit faschistoide Kräfte nicht wieder Zugang zu politischer Macht finden.

Das Syndikat macht keine Gefangenen

„Das Syndikat“ gilt heute als großer wegbereitender Vertreter des Poliziottesco. Ob man ihn, wie manch einer behauptet, wirklich sogar als Geburtsstunde dieses Subgenres des italienischen Thrillers bezeichnen kann, sei einmal dahingestellt. Das hängt davon ab, welche Kriterien man an den damaligen italienischen Polizeifilm anlegt. Vergessen wir aber Filme wie „Milano Kaliber 9“ (1971) und „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ (1971) nicht. Regie bei „Das Syndikat“ führte Stefano Vanzina alias Steno, der zuvor zwar schon zahlreiche Filme realisiert hatte, letztlich aber erst ab 1973, durch seine Zusammenarbeit mit Bud Spencer an der Plattfuß-Reihe sowie „Banana Joe“, nachhaltige Bekanntheit erlangte. Seine temporeiche Inszenierung, die auch außerhalb der Verfolgungsjagden und der eher wenigen Schießereien eine hohe Dynamik an den Tag legt, macht den Film, mitsamt der gewohnt forschen Musik von Stelvio Cipriani, zu einem mitreißenden Erlebnis – bis hin zum überraschenden Ende.

Wie weit darf man gehen?

Die große Stärke dieses Films ist die provokativ geführte Eröffnung des Diskurses darüber, wie weit Justiz, Polizei und Bürgerinitiative gehen dürfen, wie viel weiter sie eigentlich gehen sollten, vielleicht auch könnten und wann das Rechtsprechen und ordnende Zuschlagen schließlich zu weit geht. Verbunden mit der Frage, wer sich überhaupt anmaßen darf, zu entscheiden, was Recht und Ordnung eigentlich sind. Bertone wird dabei zu einer tragischen Figur: Mit der Auslegung des Rechts in Italien und dem ständigen Davonkommen von Verbrechern unzufrieden, aber von ehrenwerten Absichten getrieben, wird er schließlich von rechts von einem „Syndikat“ überholt, das ihm vor Augen führt, was passieren kann, wenn man kurzerhand selbst beginnt, Gesetze zu vollstrecken – und dann eventuell sogar noch eigene, selbst gemachte Kriterien als Gesetze versteht.

Mit Vollgas auf der Flucht

„Das Syndikat“ lotet sehr gut die Missstände in einem politisch verunsicherten Staat aus, immer im Kontext der Problematik, welche Herausforderungen sich stellen, wenn es darum geht, auch wirklich konstruktive Lösungen für ebendiese gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu finden. Wie sich faschistoide Kräfte in Zeiten der Desorientierung ihre Schlupfwinkel suchen, um schließlich gnadenlos zuzuschlagen, wird hier sehr desillusionierend und niederschmetternd in Szene gesetzt. Thematisch topaktuell, auch heute wieder – gut 45 Jahre später.

Wer ist hier das Opfer?

Veredelt wird dieses anspruchsvolle Kino von Enrico Maria Salernos energischer Darbietung in der Hauptrolle, der beim Ausrasten auch schon mal anfängt, wild auf die nächstgelegene Oberfläche zu schlagen, Kriminelle am Kragen zu packen und anzuschreien oder mit dem Zeigefinger wie ein Diktator in der Luft herumzufuchteln. „Das Syndikat“ war vielleicht nicht der erste Poliziottesco, Salerno allerdings zweifelsohne einer der wichtigsten Hauptdarsteller dieses Genres und hier in seiner ersten derartigen Polizistenrolle zu sehen. Daneben Mario Adorf, ungewöhnlich besetzt als zugeknöpfter, aber aufrechter Anwalt, im krassen Gegensatz zu seinen brutalen Rollen in „Milano Kaliber 9“ und „Der Mafia-Boss – Sie töten wie Schakale“ (1972). Wie sich dieser von Adorf gespielte Ricciuti zunehmend als ganz anders als zunächst erwartet entpuppt, das beschert dem Film schließlich ein Gänsehaut-Finale.

Ricciuti kommt ins Grübeln

Stark auch die verschlagene Performance von Cyril Cusack, der sich als Halbgötter aufspielende, angeblich altehrwürdige Pseudo-Staatsdiener, die im Grunde alles nach ihrem Bild zu formen versuchen, bitterböse entlarvt. Die sehr guten Leistungen der Synchronsprecher Manfred Schott (Salerno) und Wolfgang Büttner (Cusack) sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Während Schott damals des Öfteren für Hauptrollen engagiert wurde, sind Büttners Synchronverdienste eher in grandiosen Nebenrollen zu suchen – die populärste darunter sicherlich: Ernst Stavro Blofeld in „James Bond 007 – Man lebt nur zwemal“ (1967), verkörpert von Donald Pleasence. Der Blofeld, dessen Aussehen als Vorbild für Dr. Evil in der Austin-Powers-Trilogie diente, hatte in Deutschland also die Stimme von Wolfgang Büttner. Büttners Rolle in „Das Syndikat“ ist im Grunde aber sogar noch weitaus finsterer.

Der König von Mallorca

Für das deutsche Publikum bietet die Mitwirkung von Jürgen Drews einen zusätzlich spektakulären Aspekt. Man kann jedoch versichert sein, dass Drews seiner Rolle gewachsen war, mag seine Beteiligung aus heutiger Sicht auch schier unglaublich erscheinen. Dass er als Schauspieler keine Übung hatte, bekennt er auch ganz freimütig in dem sympathischen Interview, das sich im Bonusmaterial der Veröffentlichung von Colosseo Film befindet – und hat zudem viele weitere, teils wirklich kuriose Anekdoten aus dieser Zeit, bevor und während er als Musiker berühmt wurde, zu erzählen. Das kleine Bisschen an Extra-Schauspielkönnen und -talent, das Drews hier gerade in Momenten großer Anspannung seiner Figur sicher fehlte, kompensiert sein Synchronsprecher in „Das Syndikat“, Jürgen Clausen, ausgesprochen gut. Man muss zudem betonen, dass sich im damaligen italienischen Genrekino untalentierte „Schauspieler“ relativ ungeniert austoben konnten und des Öfteren sogar recht große Rollen ergatterten, was bisweilen in einem kuriosen Widerspruch zu den an ihrer Seite agierenden alten Hollywood-Stars steht, die hier späte Kinorollen erhielten. Um über den schauspielerischen Leistungen solcher Mimen zu stehen, hätte auch schon eine halb so gute Darbietung wie die von Jürgen Drews in „Das Syndikat“ gereicht! Dieser Film muss unbedingt zum Vermächtnis des Jürgen Drews gezählt werden, da er immer dabei helfen wird, aufzuzeigen, dass es komplett sinnfrei ist, Drews als Künstler auf seine Karriere als Party-König zu reduzieren.

Nichts für Schubladen

Interessant ist der Film auch, weil er recht deutlich werden lässt, wie schwer manchmal die Abgrenzung und Einordnung in das passende Subgenre ist. Einerseits erscheint die bloße Bezeichnung „Thriller“ oberflächlich, wenn man auch Filme als „Actionthriller“ oder „Politthriller“ oder „Horrorthriller“ genauer einsortiert, andererseits verbindet „Das Syndikat“ so viele Elemente, dass die bloße Bezeichnung „Thriller“ hier im ganz positiven Sinne eher so zu verstehen ist, dass er von vielem etwas hat. Es gibt Szenen, die einem Actionthriller alle Ehre machen, grundsätzlich natürlich reichlich Elemente des Polizeifilms, dazu aber auch fundierte Dialoge von hochpolitischer Brisanz.

Nackt fliehen wird peinlich …

Von einem „Politthriller“ erwartet man nach meiner persönlichen Definition nicht unbedingt die rasante Action-Komponente, die dieser Film an den Tag legt (Politthriller können durchaus auch mal sehr dialoglastig sein, da sie ein gewisses Hintergrundwissen erfordern, das dem Zuschauer unter Umständen detailliert vermittelt werden muss). Zudem treten in „Das Syndikat“ nur recht wenige Politiker als Figuren in Erscheinung und auch politische Parteien spielen keine vordergründige Rolle. Dennoch aber sind die Themen und Dialoge äußerst politisch, da es letztlich um die Grundfesten der Gesellschaft geht – und darum, wie man diese erschüttern, wenn nicht sogar aushebeln und außer Kraft setzen kann. Von daher kann ich jeden verstehen, der hier bereits von einem Politthriller sprechen würde.

Neu aufgelegt und aufgepeppt

Colosseo Film hat „Das Syndikat“ erstmals 2011 in einer schönen Doppel-DVD-Edition im Pappschuber veröffentlicht. Neu ist nun aber nicht nur die Blu-ray, sondern auch die Bildqualität der DVD, welcher auch die neue 2K-Abtastung zugrundeliegt. Die Bonus-DVD enthält dieselben Interviews wie bei der ersten Veröffentlichung: In einem ausführlichen, engagiert auf die Beine gestellten Featurette kommen neben Jürgen Drews auch der Schauspieler und Produzent Dieter Geissler („Besessen – Das Loch in der Wand“, „The Child – Die Stadt wird zum Alptraum““), der einer der Initiatoren hinter „Das Syndikat“ war, sowie der Schauspieler und Autor Peter Berling und Mario Adorf über ihre Arbeit und Erlebnisse vor dem Hintergrund des italienischen Genrekinos der 70er zu Wort. Das Interview mit Drews ist außerdem in einer sehr ausführlichen, separaten Langfassung enthalten. Neu im Bonus der jetzigen Veröffentlichung ist das lesenswerte Booklet von Thomas Hübner. Bleibt zu hoffen, dass auch die anderen beiden deutsch synchronisierten Poliziotteschi mit Enrico Maria Salerno in der Hauptrolle als Ermittler, „Auf verlorenem Posten“ (1973) und „Der unerbittliche Vollstrecker“ (1973), recht bald veröffentlicht werden mögen. Colosseo Film erweist sich mit dieser Edition als große Verstärkung auf dem Markt. Welche italienischen Filme der 60er und 70er wünscht Ihr euch als Nächstes auf DVD und Blu-ray?

Genug ist genug

Veröffentlichung: 25. Mai 2018 als 3-Disc Limited Collector’s Edition (Blu-ray & 2 DVDs), 30. September 2011 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: La polizia ringrazia
IT/BRD/F 1972
Regie: Steno
Drehbuch: Steno, Lucio De Caro
Besetzung: Enrico Maria Salerno, Mariangela Melato, Mario Adorf, Cyril Cusack, Jürgen Drews, Franco Fabrizi, Laura Belli, Corrado Gaipa, Giorgio Piazza, Ezio Sancrotti
Zusatzmaterial: Booklet, ausführliche Interviews, Bildergalerie
Label: Colosseo Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Colosseo Film / Al!ve AG

 

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I’m a Cyborg, But That’s OK – Entwickle dich weiter, aber bleib, wer du bist!

Ssa-i-bo-geu-ji-man-gwen-chan-a

Von Volker Schönenberger

Tragikomödie // Gibt es eine Bezeichnung für den Irrglauben, sich für einen Cyborg zu halten? Mir ist keine bekannt. Gibt es diese Wahnvorstellung überhaupt im wirklichen Leben? Durchaus denkbar angesichts des Einflusses der Science-Fiction in Literatur und modernen Medien, wo die Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine seit jeher in Erscheinung treten. Als Beispiele seien nur „RoboCop“ (1987), „Universal Soldier“ (1992) und „Ghost in the Shell“ (1995) genannt.

Von der Fabrik verschlägt es Young-goon …

Also: Kann sich jemand tatsächlich einbilden, ein Cyborg zu sein? In Park Chan-wooks („Die Taschendiebin“) 2006er-Regiearbeit „I’m a Cyborg, But That’s OK“ ist es Young-goon (Lim Soo-jung, „A Tale of Two Sisters – Der Fluch der zwei Schwestern“), die der Wahnvorstellung erliegt. Sie verweigert die Nahrungsaufnahme und versucht, Energie aus Steckdosen und Batterien in ihren Körper zu laden. Das kostet sie den Job in der Fabrik, in der sie Radiogeräte zusammengebaut hat, und bringt die junge Frau schnurstracks in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Dort verkennt man ihren Zustand, weil sie ihr kleines Geheimnis niemandem außer ihrer Mutter (Lee Yong-nyeo) offenbart hat. Young-goons Versuch, an ihren Pulsadern ein Stromkabel anzuschließen, wird fälschlicherweise als Selbstmordversuch interpretiert.

Der Meisterdieb mit der Maske

Ihre Mitpatienten sind nicht minder wirr im Kopf, etwa der selbsternannte Meisterdieb Il-sun (Rain), der gern mit Maske herumläuft und sich einbildet, seinen Mitmenschen Charakterzüge stehlen zu können. Zwischen den beiden entsteht ein unsichtbares Band, doch derweil verschlechtert sich Young-goons Zustand, weil sie nach wie vor keine Nahrung aufnehmen mag.

… in die Psychiatrie

Wer Park Chan-wook („Stoker – Die Unschuld endet“) in erster Linie mit seiner Rachetrilogie um das fulminante Kernelement „Oldboy“ (2003) verbindet, wird sich wundern, welch sanfte Töne der koreanische Ausnahmeregisseur anschlagen kann. Sein mit bunten Bildern voll surrealer Extravaganz angereichertes Psychiatrie-Sujet ist ein Hohelied auf Empathie und Toleranz. Jemand hält sich für ein Mischwesen? Ist doch okay, sofern man es hinbekommt, dass die Person nicht am Hungertod stirbt, weil Elektrizität nun mal keine Nahrung darstellt.

Von Leichtfüßigkeit zur Schwermut

Park Chan-wook visualisiert die Einbildung seiner Protagonistin mit fantasievollen Motiven, etwa wenn er ihre Arme zu Maschinengewehrläufen umfunktioniert, mit denen die junge Frau das Pflegepersonal niedermäht – nun gut, so ganz ohne Gewalt kann er offenbar doch nicht. An Milos Formans Psychiatrie-Meisterwerk „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) kommt „I’m a Cyborg, But That’s OK“ nicht heran, aber der Ansatz ist auch ein anderer. Chan-wooks Inszenierung wirkt phasenweise leichtfüßig, dann wieder erhält der Film eine Schwere bis hin zu kurzzeitigem Schwermut, wobei der Regisseur existenzielle Fragen aufwirft, ohne eine Antwort mitzuliefern. Das muss aber auch nicht seine Aufgabe sein. Kostet es die Identität, wenn man den Verstand verliert?

Dort freundet sie sich mit Il-sun an

K-Pop-Star Rain kommt die Rolle als Retter zu, der Young-goons Wahn aufnimmt und mit viel Respekt nicht etwa zu heilen versucht, sondern ihn kanalisiert, um ihr Überleben zu ermöglichen. Auch andere Patienten profitieren von seinen Fähigkeiten als Dieb, aber diese kleinen, feinen Details seien hier ausgespart. Erlebt sie selbst! „I’m a Cyborg, But That’s OK“ ist es wert – ein ungewöhnlicher Bestandteil von Park Chan-wooks Filmografie, aber dann auch wieder nicht, weil das an sich für jede seiner Regiearbeiten gilt.

Erst der Film, dann das Booklet

Für weitere interpretatorische Ansätze empfiehlt sich die Lektüre von Marco Heiters langem Text im Booklet des Mediabooks von capelight pictures. Jedoch rate ich dringend dazu, erst den Film zu schauen und dann das Booklet zu lesen. Wie üblich, ist das Mediabook mit Blu-ray und DVD inklusive reichlich Bonusmaterial qualitativ über Zweifel erhaben. Angesichts der Masse an 30-Euro-Repacks, die den Mediabook-Markt überschwemmen, kann nur immer wieder herausgestellt werden, dass es möglich ist, sogfältig produzierte Editionen für unter 20 Euro in den Handel zu bringen. Ob Filmsammler, die „I’m a Cyborg, But That’s OK“ bereits als DVD im Regal stehen haben, nun unbedingt zur HD-Premiere greifen müssen, sei ihrem eigenen Sammlerwahn überlassen. Gibt es dafür eigentlich ein Wort?

Der zeigt sich gern maskiert

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Park Chan-wook sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Der Heizungskeller wird zum Cyborg-OP

Veröffentlichung: 16. Juli 2018 als 2-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 20. Januar 2012, 22. Mai 2009, 23. Januar 2009 und 17. Januar 2008 als DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 103 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Koreanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Ssa-i-bo-geu-ji-man-gwen-chan-a
KOR 2006
Regie: Park Chan-wook
Drehbuch: Jeong Seo-kyeong, Park Chan-wook
Besetzung: Lim Soo-jung, Rain, Choi Hee-jin, Kim Byeong-ok, Lee Yong-nyeo, Oh Dal-su, Yu Ho-jeong,
Zusatzmaterial Mediabook: „Kein Mitgefühl“ (Interview mit Park Chan-wook), „Keine Traurigkeit“ (Making-of), „Keine Sehnsucht“ (Interview mit Lim Soo-jung und Jung Ji-hoon), „Kein Hinauszögern wichtiger Dinge“ (Die Viper Digitalkamera), „Keine sinnlose Tagträumerei“ (Crew-Interviews), „Keine Schuldgefühle“ (entfallene und alternative Szenen), „Keine Dankbarkeit“ („I’m a Cyborg, But That’s OK“ auf der Berlinale), Director’s Choice: Kurzfilm „2 Minutes“, Musikvideo, Original Kinotrailer, Teaser, TV-Spots, 24-seitiges Booklet
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2018 capelight pictures

 

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