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Aniara – Planlos durchs Weltall

Aniara

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Ein Science-Fiction-Film erhält beim nationalen Filmpreis Schwedens – dem Guldbagge – die Trophäen für die beste Regie, die beste weibliche Haupt- und Nebenrolle sowie die besten visuellen Effekte. Das sollte uns mal in Deutschland passieren, wo Genrefilme nicht gerade im Scheinwerferlicht auf dem roten Teppich hofiert werden.

Ein Shuttle bringt die Menschen …

„Aniara“ lautet der Name des gigantischen Raumschiffs, welches per Shuttle Tausende von Menschen aufnimmt, die die Erde in Richtung Mars verlassen. Die Menschheit hat ihren Heimatplaneten heruntergewirtschaftet und sich selbst dezimiert, die kümmerlichen Reste haben auf dem Roten Planeten eine Kolonie gegründet. In drei Wochen soll die „Aniara“ den Mars erreichen, doch es kommt anders: Weltraumschrott macht eine Kursänderung notwendig, der Aufprall einer Schraube richtet beträchtlichen Schaden an, sodass Kapitän Chefone (Arvin Kananian) zur Sicherheit den gesamten Treibstoff ablassen muss. Folge: Es ist ihm unmöglich, die „Aniara“ wieder auf Kurs zu bringen. Vielleicht gelingt das, indem man die Schwerkraft eines Himmelskörpers ausnutzt, aber wann das geschieht, steht buchstäblich in den Sternen. Oder wollte Kapitän Chefone (Arvin Kananian) die Passagiere mit der Behauptung nur in Sicherheit wiegen?

Auf der Speisekarte nur noch Algen

Fortan geht das Leben auf der „Aniara“ seinen Gang. Für Lustbarkeiten ist gesorgt, auf die Annehmlichkeiten der Konsumgesellschaft muss man an Bord nicht verzichten. Wellness-Einrichtungen, Restaurants, Clubs, Videospiele – ist das für die Menschen auf der „Aniara“ für den Rest ihres Daseins der Sinn des Lebens? Der Speiseplan schrumpft nach einiger Zeit auf Algen zusammen.

… auf die „Aniara“

Wer ein bildgewaltiges Weltraum-Epos mit funkelnden interstellaren Motiven erwartet, wird womöglich enttäuscht. „Aniara“ beschränkt sich weitgehend auf das Geschehen im Innern des titelgebenden Raumschiffs, den Kabinen, Gängen, Räumen und Sälen. Manches ähnelt einer Einkaufspassage. Die Passagierin Mimaroben (Emelie Jonsson) hat die Aufgabe übernommen, Menschen in den Räumen der künstlichen Intelligenz „Mima“ zu betreuen, denen dort eine Form virtueller Realität oder Illusion präsentiert wird. Aber „Mima“ verändert sich, wird offenbar bockig, scheint eine Art Trauma erlitten zu haben.

Die künstliche Intelligenz „Mima“ …

Die Jahre ziehen dahin, die Gesellschaft an Bord verändert sich, nicht zuletzt dank der Ziellosigkeit, mit der das Raumschiff durchs Weltall treibt. Eine Weile keimt Hoffnung auf, aber worauf? In bedächtigem Tempo zeigt „Aniara“, wie sich peu à peu die Strukturen des menschlichen Miteinanders wandeln. Fragmentarisch eingestreute Ereignisse unterbrechen den Trott – die Inszenierung passt gut zur Story, die Form schmiegt sich an den Inhalt.

Nach einem Vers-Epos von Literatur-Nobelpreisträger Harry Martinson

„Aniara“ beruht auf dem aus 103 Gesängen bestehenden Gedicht-Epos „Aniara – Eine Revue vom Menschen in Zeit und Raum“, das der schwedische Schriftsteller Harry Martinson (1909–1978) 1956 veröffentlicht hat. In Deutschland erschien es fünf Jahre später. Eine auf dem Werk basierende Oper feierte 1959 in Schweden Premiere, ein Jahr wurde im Fernsehen des Landes die erste Verfilmung des Stoffs ausgestrahlt. 1974 erhielt Martinson den Literaturnobelpreis, was Aufruhr verursachte, da er dem Auswahl-Komitee selbst angehörte. Dem Vernehmen nach kam er mit den Vorwürfen der Kungelei nicht klar, woraus letztlich seine zwei Selbstmordversuche resultierten – dem zweiten erlag er vier Jahre nach Erhalt des Nobelpreises.

… lenkt die Passagiere ab

Pella Kågerman und Hugo Lilja inszenierten mit „Aniara“ ihr Langfilm-Regiedebüt. Das Werk bildet mit spröder Ästhetik einen willkommenen europäischen Gegenpol zu Hollywoods „Passengers“ (2016) mit Jennifer Lawrence und Chris Pratt. Kurz kam mir auch die Ballard-Verfilmung „High-Rise“ mit Tom Hiddleston und Luke Evans in den Sinn, die aber viel exzessiver ausgefallen ist. Wohin schlingert die Menschheit? Ein Ziel ist nicht zu erkennen, eine Antwort werden wir wohl nicht erhalten – oder erst dann, wenn es zu spät ist. Etliches bleibt rätselhaft, aber das sollte uns nicht daran hindern, „Aniara“ als einen intelligenten Beitrag zur Science-Fiction zu würdigen – einem Genre, das uns immer noch etwas zu sagen hat.

Auch für Mimaroben führt die Reise ins Nichts

Veröffentlichung: 13. Februar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Schwedisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Aniara
SWE/DK 2018
Regie: Pella Kågerman, Hugo Lilja
Drehbuch: Pella Kågerman, Hugo Lilja, nach einem Gedicht von Harry Martinson
Besetzung: Emelie Garbers (als Emelie Jonsson), Bianca Cruzeiro, Arvin Kananian, Anneli Martini, Jennie Silfverhjelm, Emma Broomé, Jamil Drissi, David Nzinga, Dakota Trancher Williams
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2020 EuroVideo Medien GmbH

 

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Vollmacht für Jack Clifton – Bomben und Viren sind Schnee von gestern

Agente 077 dall’oriente con furore

Von Ansgar Skulme

Agenten-Abenteuer // Der angesehene Wissenschaftler Professor Franz Kurtz (Ennio Balbo) wird entführt, sein Begleitschutz ermordet. Die Sorge ist groß, dass mit Hilfe von Kurtz’ Wissen eine gefährliche Waffe in die falschen Hände gerät. Die Zeiten, als Superschurken mit Bomben oder Viren Chaos in der Bevölkerung zu stiften versuchten, scheinen überholt, wenn man auch in den Besitz einer Strahlenkanone kommen kann. Der größenwahnsinnige Goldwyn (Franco Ressel) freut sich darauf, mit diesem leicht zu bedienenden und tragbaren Utensil schon bald alles, was ihn stört, schlichtweg vom Erdboden verschwinden lassen zu können. Die CIA schickt Agent 077, Jack Clifton (Ken Clark), auf die Reise durch Europa bis an den Bosporus. Sein Chef Heston (Philippe Hersent) weiß genau, was er an ihm hat: Dieser Clifton ist in allen Lebenslagen ein Meister im Aufspüren seiner Ziele, im Umlegen und im Flachlegen.

Heston (r.) ist der starke Mann im Hintergrund

„Vollmacht für Jack Clifton“ zählt zu den populärsten Vertretern des sogenannten Eurospy-Genres, mit dem Agentenfilme der 60er-Jahre bezeichnet werden, die im Fahrwasser der James-Bond-Reihe entstanden und sich ähnlicher Geschichten und Figuren bedienten. Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass man bei Jack Clifton durchaus mit einem gewissen Aufwand an internationalen Schauplätzen und nicht etwa nur billig in Italien oder Spanien drehte, wenngleich es sich um hauptsächlich italienische Produktionen handelt. Aus der Masse an sichtbar kostengünstig gehaltenen italienischen Genrefilmen der 60er stechen Projekte dieser Art tatsächlich heraus – diverse niedrig budgetierte Eurospy-Agentenfilme eingeschlossen, die Jack Clifton gewissermaßen links liegenlässt. Das Unterfangen war erfolgreich genug, um eine Trilogie zu werden. Neben „Vollmacht für Jack Clifton“ erschienen binnen kurzer Zeit „Mission Bloody Mary“ (1965) und „Im Netz der goldenen Spinne“ (1966), letztgenannter sogar mit Beteiligung eines damals topaktuellen Bond-Girls: Daniela Bianchi („Liebesgrüße aus Moskau“, 1963). Pidax hat alle drei nun gemeinsam in einem Set auf DVD veröffentlicht.

Liebesgrüße an die Weltherrschaft

Die Clifton-Filme warten mit schönen, musikalisch durchaus ambitionierten Titelsongs auf, die sich gut an das fügen, was man von James Bond gewohnt ist. Zudem bieten sie abwechslungsreiche Unterhaltung im Stil von 007, mit unterschiedlichen Erzählungsschwerpunkten, ganz getreu dem Vorbild aus Großbritannien. Wenn man sich alle Bond-Filme der 60er vornimmt, wird man feststellen, dass jeder der drei Clifton-Filme seine Pendants in den Erzählungen hat, denen er hier und da am nächsten kommt oder ggf. nachempfunden ist. „Vollmacht für Jack Clifton“ ist eindeutig der reißerischste der drei Filme, der sich die beliebte Thematik Superwaffe nach allen Regeln der Kunst vornimmt, um vor allem am Ende ein paar denkwürdige Trash-Akzente zu setzen, die weit ins Lager der Science-Fiction, wenn nicht sogar der Fantasy vorpreschen. Die anderen beiden Filme sind da vergleichsweise moderat, aber genau wie bei Bond geht es eben manchmal – aber nicht immer – einfach darum, dem Fass den Boden auszuschlagen. Oder, wie man es im Englischen paraphrasieren könnte, Geschichten „over the top“ zu erzählen, bewusst absolut zu übertreiben und Obergrenzen zu sprengen. Das Finale von „Vollmacht für Jack Clifton“ hat genau diese Rolle innerhalb der Trilogie.

Clifton (M.) teilt gern aus

Und bis zu diesem Knalleffekt-Schlusspunkt gibt es spannende sowie lustige Unterhaltung mit vielen klasse Charakterdarstellern wie Ennio Balbo, Lorenzo Robledo, Luciano Pigozzi und Fernando Sancho, sehenswerten Schauplätzen, hübschen Damen und einem Ken Clark, der das, was von ihm in dieser Agentenrolle erwartet wird, sehr gut zu erfüllen wusste. Hervorgehoben werden sollte allerdings im Besonderen der für gewöhnlich außerordentlich gut aufgelegte Franco Ressel, der hier in den Credits unter ferner liefen aufgeführt wird, aber den Oberschurken spielt – später war er zum Beispiel auch der Gegenspieler von Lee Van Cleef in „Sabata“ (1969). Ressel war ein hochbegabter Schauspieler mit einem einprägsamen Gesicht, das er mimisch gekonnt zu nutzen verstand, bei dem auf ziemlich große Rollen aus unerfindlichen Gründen aber auch schnell wieder recht kleine folgten. Doch bis hin zu seinem unvergesslichen Mini-Part als steifer Snob-Kellner in „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) war bei diesem Franco Ressel Verlass auf denkwürdige Darbietungen unterschiedlicher Größenordnung. Im Übrigen dürfte „Vollmacht für Jack Clifton“ einer von wenigen, wenn nicht gar der einzige Eurospy-Film sein, in dem sowohl der Held als auch der Superschurke von Schauspielern verkörpert wurden, die privat als homosexuell galten, ohne dass dies damals natürlich großartig bekannt gemacht worden wäre. Durchaus ein sympathisches Kuriosum inmitten des dominanten Männer- und devoten Frauenbildes, das derartige Superagenten-Filme augenzwinkernd zeichnen, damit klassische Rollenbilder schon fast satirisch auf die Spitze treiben und diese gewissermaßen ebenso übertreiben wie ihre trashigen Weltherrschafts- und Weltzerstörungstheorien. Schließlich ist es das Genre der männlichen Hetero-Alphatiere schlechthin – auf der guten wie der bösen Seite. Das Genre der Männer, die sich Frauen einfach nehmen, das Genre, in dem die Frauen gehorchen – auch wenn sie das Bett mit mehreren anderen Girls teilen müssen – und zu den Möchtegern-Eroberern sowie den Rettern der Welt aufblicken, die beide vor Führungsqualitäten nur so zu strotzen scheinen. Ken Clark und Franco Ressel dürften ihren Spaß daran gehabt haben, mit dieser Fülle an Klischees und polarisiertem Begehren zu spielen.

Entwirrung im Namenswirrwarr

Die Jack-Clifton-Reihe stellt den Fan in Deutschland vor einige Herausforderungen, um den Überblick zu behalten. Zunächst einmal, weil Jack Clifton im Original gar nicht Jack Clifton heißt, sondern Dick Malloy. Der Name Clifton ist ein Produkt der deutschen Synchronfassungen. Warum man ihm hierzulande einen anderen Namen verpasste, ist mir nicht bekannt. Möglich, dass man Jack Clifton wählte, weil „Jack“ zumindest mit denselben Buchstaben wie „James“ beginnt, sich – im Klang vergleichbar – ebenfalls in einer Silbe spricht und „Clifton“ durch seine letzten beiden Buchstaben einen ähnlichen Abgang hinsichtlich des Klanges wie „Bond“ hat. Als Rückschritt gegenüber dem sonderbaren Rufnamen „Dick“ würde ich die Umbenennung in jedem Fall nicht unbedingt werten. Was das Wort „dick“ im Englischen so alles bedeutet – mag es als Rufname im englischsprachigen Raum noch so beliebt sein –, kann man im Wörterbuch ergiebig nachschlagen; zu einem coolen Superagenten wollen jedoch weder die dort greifbaren Adjektive noch die Substantive so recht passen.

Zusätzliche Verwirrung entsteht, weil der dritte Film, „Im Netz der goldenen Spinne“, in Deutschland von einem anderen Synchronstudio in einer anderen Stadt bearbeitet wurde und die Umbenennung von Malloy zu Clifton hier nicht beibehalten wurde – Synchronsprecherwechsel bei der Hauptfigur und seinem Chef Heston eingeschlossen. Somit gibt es also in Deutschland drei Dick-Malloy- bzw. Jack-Clifton-Filme, von denen zwei den Helden Jack Clifton nennen und einer ihn Dick Malloy nennt, bei dem dann auch noch die bekannten Figuren plötzlich anders klingen. Das hätte man eleganter lösen können. Besonders ärgerlich ist das zudem deswegen, weil Clifton in den ersten beiden Filmen von Gert Günther Hoffmann gesprochen wurde, der seit „Liebesgrüße aus Moskau“ auch die Stimme von Sean Connery als James Bond war und den Charme der Rolle gewissermaßen von Bond auf Clifton überträgt sowie Ken Clarks limitierte schauspielerische Möglichkeiten aufwertet – seinen Bond-Zungenschlag beim Umgang mit Frauen wie auch Schurken inbegriffen. Zumindest wird man in der deutschen Fassung des akustisch aus dem Rahmen fallenden dritten Films aber mit einer sehr attraktiven Darbietung von Ingeborg Schöner für Daniela Bianchi entschädigt, die ich wiederum auch nicht missen wollen würde.

Goldwyn (l.) hat mit der Menschheit noch ein bisschen was vor

Das komplette Durcheinander wird von dem Umstand formvollendet, dass sich in Deutschland noch ein Film mit dem Titel „Jack Clifton jagt Wostok III“ (1964), ebenfalls mit Ken Clark in der Hauptrolle, findet, den man dem Veröffentlichungsjahr nach sogar fälschlicherweise für den ersten Teil der Reihe halten könnte. Es mag tatsächlich sein, dass sich Clark mit diesem Film letztlich für die Rolle des Dick Malloy alias Jack Clifton empfahl, es handelt sich allerdings um einen Film aus der Francis Coplan-Reihe, die in den 60er-Jahren mit mehreren Beiträgen, jedoch stetig wechselnden Hauptdarstellern bestückt wurde.

Weiteres Potenzial für Durcheinander bietet der Umstand, dass Mitte der 60er-Jahre auch noch andere Agenten mit der Bond-ähnlichen Seriennummer 077 im Eurospy-Kinouniversum unterwegs waren: Brett Halsey beispielsweise spielte in „Agentenfalle Lissabon“ (1965) den Agenten 077, George Farrell. Luis Dávila wiederum ging als Agent 077 mit Namen Marc Mato bzw. Mike Murphy in „Agent 077 – Heißes Pflaster Tanger“ (1965) auf die Reise, dem mit „Mike Murphy 077 gegen Ypotron“ (1966), erneut mit Dávila, eine Quasi-Fortsetzung folgte – auch hier sind je nach Sprachfassung aber wieder unterschiedliche Namen der Hauptfigur bei beiden Filmen im Umlauf. Sogar in Indien erschien 1968 ein Film mit dem Titel „Golden Eyes Secret Agent 077“, mit überraschendem Namensvorgriff auf den späteren ersten Film mit Pierce Brosnan als James Bond.

Man lebt nur einmal – oder zweimal?

Wie sich schon jetzt erahnen lässt, gibt der Eurospy-Markt noch einiges her, was in Deutschland nach wie vor nicht zur Veröffentlichung auf DVD oder Blu-ray gekommen ist. Besonders prädestiniert für ein ähnliches Set, wie es bei Pidax nun für Jack Clifton vorliegt, erscheint die „Agent 3S3“-Reihe mit George Ardisson, aus der es zwei offizielle Filme von 1965 und 1966 („Agent 3S3 kennt kein Erbarmen“ und „Agent 3S3 pokert mit Moskau“) sowie den durch Namensveränderung der Reihe angegliederten „Agent 3S3 setzt alles auf eine Karte“ (1967) gibt. Diese ebenfalls sehr sehenswerten Genre-Beiträge sind in Deutschland bisher noch nicht komplett und auch nicht in guter Qualität auf DVD erschienen. Qualitative Maßstäbe haben ansonsten bereits die „Kommissar X“-Veröffentlichungen von Anolis Entertainment gesetzt. Filmreihen mit mehr als zwei Teilen sind im Eurospy-Bereich eher selten, wobei es einige Hauptdarsteller gibt, auf die sich ein paar Filme bündeln – mögen sie da nun unterschiedliche Rollennamen tragen oder auch nicht. Somit lassen sich theoretisch diverse schlüssig zusammenhängende Veröffentlichungsblöcke entlang der auftretenden Protagonisten und ihrer Darsteller kreieren.

Kein Superschurke ohne brutale Schergen

Den Eurospy-Film, bei dem es mich persönlich am meisten überrascht, dass er immer noch einer digitalen Veröffentlichung in der Bundesrepublik harrt, eint mit den beiden besagten offiziellen „Agent 3S3“-Filmen die Gemeinsamkeit, dass der mit seinen Italowestern wenig später sehr berühmt gewordene Sergio Sollima (Vater von „Gomorrha“-Regisseur Stefano Sollima) die Regie innehatte. Gemeint ist „Der Chef schickt seinen besten Mann“ (1966) – für mich unverständlich, dass selbst ausgerechnet dieser Film bisher noch nicht in Deutschland auf DVD herausgebracht wurde, denn auch über Sollima hinaus passt das eigentlich nicht ins Gesamtbild: Die Zahl der Filme mit Peter van Eyck aus den 60ern, die es hierzulande noch nicht auf DVD gibt, ist mittlerweile überschaubar – gefühlt erst recht mit Blick auf seine internationalen Produktionen. Obendrein Stewart Granger in der Hauptrolle – dessen Hauptrollen im europäischen Genrekino aus den 60ern ansonsten ebenfalls bereits recht gut erschlossen sind – und auch hier Bond-Girl Daniela Bianchi, wie im dritten Jack-Clifton-Film. Zweifelsohne einer aus der Kategorie „Warten viele darauf!“. Dieser als Sollima-Eurospy-Box gemeinsam mit „Agent 3S3 kennt kein Erbarmen“ und „Agent 3S3 pokert mit Moskau“ – es wäre zu wünschen, und würde als Trio sogar noch mehr Sinn ergeben als ein Paket mit dem dritten, nur durch den Titel zu einem „3S3“-Film gewordenen Streifen im Bunde, der zudem nicht von Sollima, sondern Mino Guerrini inszeniert worden ist. Sicher ist eines: Die Eurospy-Filme der 60er sind ein Kapitel der Filmgeschichte, bei dem im Bereich der digitalen Veröffentlichungen in Deutschland noch Etliches zu holen ist.

Egal, wo er hinkommt, steht Unterstützung für Jack Clifton bereit

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als DVD (in der „Jack Clifton – Agent 077-Collection“)

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Agente 077 dall’oriente con furore
IT/F/SP 1965
Regie: Sergio Grieco
Drehbuch: Sandro Continenza, Arpad DeRiso, Leonardo Martín, Giovanni Scolaro
Besetzung: Ken Clark, Margaret Lee, Franco Ressel, Philippe Hersent, Fabienne Dali, Ennio Balbo, Evi Marandi, Mikaela, Fernando Sancho, Lorenzo Robledo
Zusatzmaterial: Englischer Kinotrailer, Bildergalerie, Werbematerial
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos und unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Enkel für Anfänger – Jung macht Alt Beine

Enkel für Anfänger

Kinostart: 6. Februar 2020

Von Iris Janke

Komödie // Eigentlich sollen die Alten die Jungen unterstützen – eine Art Win-win-Situation der Generationen. So jedenfalls der Plan. Per Agentur suchen Eltern Rentner als Nanny für ihren Nachwuchs. Die Rentner bieten Zeit, haben jede Menge Langeweile und möglichst keine Geldprobleme. Bestenfalls verfügen sie zudem über eigene Erfahrung in Sachen Kindererziehung, eigene Enkel haben sie nicht – oder zumindest keine, von denen sie selbst wissen.

Lust auf Neues: Die Leihgroßeltern Karin, Gerhard und Philippa (v. l.)

In diese Reihe passen die flippige Philippa (Barbara Sukowa), ihre eher ruhige Schwägerin Karin (Maren Kroymann) und Karins alter Bekannter Gerhard (Heiner Lauterbach) perfekt. Alle sind um die 60 Jahre alt, fit, gebildet und gut situiert. Karin würde gern endlich mal wieder verreisen, nach Neuseeland vielleicht. Von den Reiseplänen seiner Frau hält ihr mürrischer Gatte Harald (Günther Maria Halmer) allerdings wenig. Er verbringt sein Rentnerdasein am liebsten jeden Tag auf die gleiche Art. Das höchste aller Gefühle ist dabei ein Ausflug in den Baumarkt, um einen neuen Rasenmäher auszusuchen. Die geplante Reise seiner Frau sagt Harald eigenmächtig ab: „Für das Geld kriegen wir zwei Treppenlifte“.

Die Hüpfburg verbindet Jung und Alt

Zufällig trifft die frustrierte Karin ihre pfiffige Schwägerin Philippa, die vom ersten Treffen mit ihrer gerade auf die Welt gekommenen Enkeltochter Leonie kommt. Damit, dass deren Eltern eine ganz besondere pädagogische Vorstellung davon haben, wie ihre Leihoma mit ihrer Tochter umzugehen hat, will sie sich nicht beschäftigen. Statt dessen zieht sie ihr eigenes Ding durch – ohne Regeln. Durch Philippa gerät Karin an den hyperaktiven Jungen Jannik (Julius Weckauf, „Der Junge muss an die frische Luft“) – und damit mehr als unfreiwillig zwischen die erzieherischen Fronten einer Patchwork-Familie (u. a. Dominic Raacke als Vater).

Per Zufall zum Leih-Opa

Anders als Karin und Philippa gerät der verwitwete, schwule Ex-Internist Gerhard an seinen Job als Leihopa. Pragmatischer Grund: Leihopas sind – laut Agentur – schwer zu finden. Folglich wird Gerhard flugs engagiert, als er nur zufällig mit Viktor, dem Sohn der Russin Elena (Palina Rojinski) redet. Denn die alleinerziehende, herzliche Elena sucht für ihren musisch begabten Sohn unbedingt eine männliche Identifikationsfigur. Dass Gerhard offiziell noch gar nicht von der vermittelnden Agentur engagiert ist, ist ihr egal.

Leihoma Philippa praktiziert gern unkonventionelle Erziehungsmethoden

Warum „Enkel für Anfänger“ ein echter Familienfilm ist? Väter, Mütter, Omas, Opas und auch Kinder finden sich in der einen oder anderen Rolle wieder. Regisseur Wolfgang Groos („Kalte Füße“, 2018) versteht es, sein Generationen-Porträt mit einer gehörigen Portion bissigen Humors zu würzen. Ein großartig aufgelegter Heiner Lauterbach, eine souverän agierende Maren Kroymann und eine ausgelassen aufspielende Barbara Sukowa sorgen als Best-Ager-Trio für eine schwungvolle Wohlfühlkomödie.

Die alleinerziehnde Elena lässt bei Leihopa Gerhard ihren Charme spielen

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK ab 6
Originaltitel: Enkel für Anfänger
D 2020
Regie: Wolfgang Groos
Drehbuch: Robert Löhr
Besetzung: Maren Kroymann, Heiner Lauterbach, Barbara Sukowa, Dominic Raacke, Günther Maria Halmer, Lavinia Wilson, Palina Rojinski, Paula Kalenberg, Tim Oliver Schultz, Julius Weckauf
Verleih: Studiocanal

Copyright 2020 by Iris Janke

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Studiocanal, Szenenfotos auch: © Wolfgang Ennenbach

 

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