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Schlagwort-Archive: Rezension

Horror für Halloween (XIX): Dark Waters – Blind, blass und blutig

Dark Waters

Von Lars Johansen

Das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt. (H. P. Lovecraft)

Horror // Es war 1997, als ich in Christian Kesslers Buch „Das wilde Auge“ von „Dark Waters“ erfuhr. Zwölf Jahre später fiel mir zufällig die US-DVD mit eher schlechtem Bild in die Hände, aber ich war glücklich, den legendären Film endlich gesehen zu haben. Ganz so legendär fand ich ihn dann doch nicht, aber in Ordnung. Und jetzt habe ich ihn wieder gesehen. Er hat mir auf jeden Fall besser gefallen.

Auf der Fähre von Dunwich nach Innsmouth

Die junge Elizabeth (Louise Salter) fährt zu einem abgelegenen Landstrich in Russland und lässt sich bei stürmischem Wetter auf eine Insel übersetzen, auf welcher sich ein Nonnenkloster befindet, welches ihr Vater offenbar über viele Jahre finanziert hat. Er ist mittlerweile gestorben und sie will, gegen den ausdrücklichen Willen ihres Erzeugers, dorthin – auch um zu erkunden, was mit einer Freundin von ihr geschehen ist, die sich hier umgesehen hatte und irgendwann nichts mehr von sich hören ließ. Die Zuschauer wissen bereits, dass sie getötet worden ist. Elizabeth findet das und noch viel mehr heraus, unterstützt von einer jungen Nonne (Venera Simmons). Es geht um einen seltsamen Maler, ein geheimnisvolles altes Buch, dunkle Riten, ein großes steinernes Amulett (dessen Bruchstücke wieder zusammengefügt werden müssen) und schließlich um die Beschwörung einer uralten Kreatur aus dem Wasser. Nichts ist, wie es scheint.

Feuchte Erkenntnisse

Der 1967 in Neapel geborene Regisseur Mariano Baino dreht Filme, laut eigener Aussage, seitdem er acht Jahre alt ist, und hat neben diesem, seinem einzigen Langfilm, eine Handvoll Kurzfilme und ein paar Musikvideos geschaffen. Außerdem gestaltet er CD-Cover und hat seine Arbeiten aus dem Bereich der bildenden Kunst unter anderem in England, Italien und New York ausgestellt. Den Film „Dark Waters“, der mit englischen und russischen Geldern unter großen Problemen auf der Krim gedreht wurde, dem italienischen Kino zuzuschlagen, ist zwar rein formal falsch, aber inhaltlich richtig. Denn er steht ganz in der Tradition des italienischen Gothic-Horror-Kinos eines Mario Bava oder Antonio Margheriti zum Beispiel.

Geschwister: einst …

Außerdem klingt der berühmte fantastische US-Autor H. P. Lovecraft an, wenn der Film auch nicht konkret auf einer seiner Erzählungen beruht, sondern eher den von ihm ersonnenen Cthulhu-Mythos variiert. Aber zwei seiner bekanntesten Werke, nämlich die Erzählung „Schatten über Innsmouth“ und die Kurzgeschichte „Das Grauen von Dunwich“ haben ziemlich offensichtlich großen Einfluss auf den Film gehabt – sehr viele Elemente aus beiden tauchen auf und werden nicht ungeschickt miteinander verknüpft. Der Maler, welcher in einem verborgenen Raum unter dem Kloster die geradezu monströsen Ereignisse auf Papier bannt, erinnert an eine weitere Erzählung, nämlich „Pickmans Modell“. Das Buch schließlich, welches eine nicht unwichtige Rolle spielt, sieht dem aus „Tanz der Teufel“ („The Evil Dead“, USA 1982) sehr ähnlich, und natürlich ist damit das von Lovecraft erfundene Necronomicon gemeint. Der Regisseur und Drehbuchautor Mariano Baino räumt seine Inspiration durch diesen Autoren auch unumwunden ein. Natürlich kennt er sein Werk sichtbar sehr gut und es gelingt ihm exzellent, Lovecrafts Geist zu erfassen und filmisch geschickt umzusetzen.

… und jetzt

Gleichzeitig gibt es auf jeden Fall eine weitere Inspiration, nämlich Michael Winners „Hexensabbat“ („The Sentinel“, 1977), dessen grundsätzliches Handlungsgerüst von Baino einfach übernommen wurde. Vor allem der Plot-Twist am Ende ist nahezu identisch, nur dass die blinde Nonne aus „Dark Waters“ bei Winner ein ebenso blinder Priester und das Kloster auf einer abgelegenen Insel hier eben ein Mietshaus im nicht ganz so abgelegenen New York und gleichzeitig das Tor zur Hölle ist. Aber die Heldin befindet sich am Ende in der gleichen Situation.

Blinde Nonne

Man sieht „Dark Waters“ sein sehr beschränktes Budget eigentlich nur am Ende an, wenn das unnennbare Grauen dann doch gezeigt wird, was zwar ziemlich geschickt inszeniert ist, aber in der Sichtbarkeit doch weit hinter die Imagination zurückfällt. Die Hauptdarstellerin hat hernach keine großen Hauptrollen mehr gespielt und macht einen ordentlichen Job, aber auch nicht mehr. Die Nebenfiguren leben von ihrem teils skurrilen Äußeren und werden effizient eingesetzt. Das ist besonders bei einer Szene relativ am Anfang der Fall, wo die Mitfahrer in dem merkwürdigen kleinen Bus, mit dem die Heldin zum Kloster fährt, durch ihre pure Präsenz eine Atmosphäre des Fernen und Fremden erzeugen. Dem Regisseur gelingen immer wieder wunderbare Aufnahmen, die, fast schwarz-weiß mit ein paar bunten Tupfern, den Geist des Unheimlichen sehr gut abbilden. Lange bleibt im Dunkeln, worum es eigentlich geht, und für Momente ist man verwirrt, aber gerade das sind die Qualitäten eines Films, der immer wieder überraschende Auflösungen anbietet, die zu weiteren Rätseln führen, welche erst am Ende aufgelöst werden. Auch nach der fast zu klaren Auflösung bleibt eine leichte Unsicherheit, die Realität des Gezeigten betreffend. Trotz dieser deutlichen Qualitäten in vielen einzelnen Szenen des Films ist das Gesamtergebnis doch ein wenig disparat geraten. Wundervolle Bilder stehen unvermittelt neben Banalitäten und kleinen Längen. Aber da Erstgenanntes dominiert, kann man darüber hinwegsehen und diesen kleinen, etwas verspäteten Genrebeitrag zum italienischen Horrorkino genießen.

Pickmans Monstermalereien

Beim Mediabook hat Wicked-Vision Media wieder ganze Arbeit geleistet. Bild und Ton sind tadellos und die Extras fast schon unüberschaubar, aber sinnvoll. Das gilt sowohl für den Audiokommentar mit Mariano Baino und Filmemacher, Produzent und Festivalleiter Michele De Angelis als auch den unbedingt sehenswerten Video-Essay mit Genrekenner Pelle Felsch. Dazu kommen ein paar Featurettes, immerhin drei Kurzfilme des Regisseurs und das informative, zweisprachige Booklet. Für Fans des italienischen Kinos lohnt sich die Anschaffung sicher, aber auch Horror- oder Lovecraft-Aficionados werden daran Gefallen finden. Und dazu wird natürlich ein Klosterfrau Melissengeist gereicht. Der beruhigt unheimlich.

Blutige Erkenntnisse

Veröffentlichung: 25. Mai 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs, 3 Covervarianten à 333, 444 und 333 Exemplaren)

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: Ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Temnye vody
RUS/GB 1993
Regie: Mariano Baino
Drehbuch: Mariano Baino, Andy Bark
Besetzung: Louise Salter, Venera Simmons, Mariya Kapnist, Lubov Snegur
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Mariano Baino und Michele De Angelis, Vorwort von Mariano Baino, Video-Essay von Pelle Felsch („Beneath Dark Waters“), 6 Featurettes, Dokumentation („Deep into the Dark Waters“), Kurzfilme mit Regie-Kommentar („Dream Car“, „Caruncula“, „Never Ever After“), Making of „Never Ever After“, Musik-Video („Face and the Body“), 4 Promoclips (2019), geschnittene Szenen, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerien, 48-seitiges Booklet mit Texten von David Renske und Michele De Angelis (in Deutsch und Englisch)
Label/Vertrieb: Wicked-Vision Media

Copyright 2019 by Lars Johansen

Szenenfotos & Packshots: © Wicked-Vision Media 2019

 

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Horror für Halloween (XVIII) / Dario Argento (II): Horror Infernal – Mater Tenebrarum bittet zum Tanz im Feuer

Inferno

Von Lucas Knabe

Horrorthriller // Naive Figuren, bunte Lichter, eine fabulöse Inszenierung und ein exzentrischer Score können als Patentrezept der ersten beiden Teile der Muttertrilogie Dario Argentos gelten. Als Sequel zu „Suspiria“ (1977) brachte der italienische Horrorregisseur drei Jahre später unter großen Mühen „Horror Infernal“ („Inferno“, 1980) ans Licht, das bis heute im Schatten seiner großen Schwester lediglich in Kennerkreisen verharrt und eher zu einem Geheimtipp vereinsamt, als zu den Klassikern populärer filmkultureller Avantgarde in einer Geniezeit des Giallo-Horrors zu gehören.

Die junge Autorin Rose Elliot (Irene Miracle) lebt in einem Apartmenthaus in New York City. Eines Abends entdeckt sie in dem Buch „Die drei Mütter“, das sie vom benachbarten Antiquitätenhändler Kazanian (Sacha Pitoëff) erstanden hat, einige beunruhigende Passagen des Autors Varelli (Feodor Chaliapin Jr.): Die Rede ist von drei Hexen: Mater Suspiriorum, Mater Tenebrarum (Veronica Lazar) und Mater Lachrymarum, die in Freiburg, New York und Rom ihre Residenzen haben und diese als Zentren ihrer Macht und Bosheit ausnutzen.

Wie es der Zufall will, stellt sich laut dem Buch ausgerechnet Roses Wohnsitz als Adresse von Mater Tenebrarum heraus, was sie zutiefst beunruhigt und dazu bewegt, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch das waghalsige Nachforschen nach den Geheimnissen um Mater Tenebrarum fordert seinen blutigen Tribut, der alle mit einem grausamen Tod bestraft, die den Mysterien auf die Schliche kommen wollen – oder die ohne ersichtliche Notwendigkeit für etliche bizarre Splatter-/Gore-Szenen von der personifizierten Giallo-Allegorie mit den schwarzen Handschuhen massakriert werden.

Albtraumhafte Konstruktion trifft auf traumhafte Inszenierung

Gab es in „Suspiria“ noch die eine oder andere erhellende Szene, die half, die Konstruktion der düsteren Geheimnisse um Mater Suspiriorum alias Helena Markos in schlüssige Bahnen zu lenken, so muss man in „Inferno“ ordentlich die grauen Zellen bemühen, um in einem Wirrwarr der Ästhetik nicht den Anschluss zu verlieren. Hierbei ist es von Vorteil, „Suspiria“ zu kennen und zu mögen, sodass man die durchaus ähnliche Erzählweise zügig durchblickt, da Absichten der Protagonisten oder gar die Struktur des Drehbuchs keine fundierten Erläuterung finden, welche sich die Mühe machen, dem Zuschauer etwas vorzukauen. Insofern geht Argento bei diesem Film nicht zimperlich mit Erstsehern um. Man wird nach einer konstruierenden, aber sehr dichten Exposition in die Handlung hineingeworfen, was durchaus zu Irritation und Ablehnung führen kann, wenn schon die Bereitschaft schwerfällt, sich Argentos artifiziellem Stil anzunehmen. „Inferno“ serviert keine Antworten, sondern lässt einem die Wahl des Berieselns oder Detektierens – trotz allem erzeugen beide Varianten ein positives Filmerlebnis, egal ob man etwa der obskuren Relevanz des Vollmonds auf die Spur geht, oder einfach vom wohligen Grusel unterhalten werden möchte. Wer nun skeptisch ist, den will ich besonders nach der Sichtung von „Suspiria“ ermutigen, „Horror Infernal“ zu schauen, auch mehrmals, man wird ihn sicherlich im Gedächtnis behalten.

Vertieft man sich in Entstehung und Produktion des Films, bekunden Argento und sein Kameramann Romano Albani in den Extras des 2012er-Mediabooks zügig, dass diese nicht wie der Film selbst mit minuziösem Eifer donnernd voranschritten, sondern von etlichen Problemen gebeutelt waren. So musste etwa Mario Bava, der in die Produktion ohnehin eingebunden war, sogar die Führung am Set übernehmen, da Argento aufgrund einer schweren Infektion mehrere Wochen ausfiel. Daher kursieren auch mehrere Gerüchte um die Aufgabenverteilung und Arbeitsanteile während der Fertigstellung des Films, sodass man immer wieder liest, Mario Bava sei beispielsweise für die ikonische Unterwasserszene verantwortlich, die zu den inszenatorischen und ästhetischen Höhepunkten gehört.

Dem Film ist jenes Tohuwabohu jedoch nicht anzumerken. Hier begegnet man einer makellosen Aufführung, in der nichts dem Zufall überlassen wurde. Die künstlerische Eigentümlichkeit von „Horror Infernal“ mit dem Score Keith Emersons, der Goblin in nichts nachsteht und durch psychedelisch aufpeitschenden Prog-Rock besticht, münden in einer Stimmigkeit, die jedes ASMR-Video auf die Plätze verweist. Aus sicherer Distanz kann man so den Protagonisten zusehen, wie sie sich in einer leblosen Welt von albtraumhafter Anonymität in Argento-typischer Manier in die Spirale des Todes winden. Spätestens nach den ersten 50 Minuten sollten auch Splatter-Fans auf ihre Kosten kommen, wenn etwa eine Glasscheibe als Guillotine enthemmt im lebenden Fleisch versenkt wird.

Ein 80er-Glanzlicht

Als ungeschnittene DVD oder Blu-ray mit deutscher Tonspur ist „Horror Infernal“ aufgrund einer Folgeindizierung rar gesät, sodass man mit Glück auf dem Sammlermarkt eine der von Koch Films veröffentlichten Ausgaben ergattern kann, die zwischen 2012 und 2017 in geringer Auflage als Mediabook erschienen sind. Wem die englische, französische oder italienische Tonspur ebenso zusagt, der kann auf das von ESC Distribution veröffentlichte Mediabook zugreifen, das über französische Internetquellen für unter 30 Euro (Stand Oktober 2019) zu bekommen ist. Auch das für herausragende Editionen bekannte englische Label Arrow Video hat „Inferno“ veröffentlicht. Das exklusiv über einen Online-Händler vertriebene Steelbook mit Blu-ray ist allerdings ebenso vergriffen wie die 2-Disc Edition mit Blu-ray und DVD im gewohnten weißen Schuber und vier Plakatmotiven als Wendecover, bleibt die Blu-ray im Softcase.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Dario Argento haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Veröffentlichung: 13. Oktober 2017 als Limited 3-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & 2 DVDs, 4 Covervarianten), 15. Juli 2016 und 24. Februar 2012 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (DVD & Blu-ray)

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 102 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Inferno
IT 1980
Regie: Dario Argento
Drehbuch: Dario Argento
Besetzung: Leigh McCloskey, Irene Miracle, Eleonora Giorgi, Daria Nicolodi, Sacha Pitoëff, Alida Valli, Veronica Lazar, Gabriele Lavia, Feodor Chaliapin Jr., Leopoldo Mastelloni, Ania Pieroni, James Fleetwood, Rosario Rigutini, Ryan Hilliard, Paolo Paoloni, Fulvio Mingozzi, Luigi Lodoli, Rodolfo Lodi, Dario Argento, Gianni Macchia
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Christian Keßler und Marcus Stiglegger, Intros von Dario Argento und Romano Albani, Fotogalerie, „Of Darkness and Fire“ mit Romano Albani, Fabio Traversari, Pierantonio Mecacci, Luigi Cozzi und Lamberto Bava (97 Min.), „L’Inferno delle tre Madri“ mit Dario Argento, Claudio Argento, Eleonora Giorgi und Leopoldo Mastelloni (23 Min.), „Critics on Fire“ mit Antonio Bruschini und Antonio Tentori (20 Min.), Fragen und Antworten mit Keith Emerson und Irene Miracle (31 Min.), Locations-Tour (4 Min.), deutscher Trailer, englischer Trailer, spanischer Trailer, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Hans Langsteiner
Label/Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Knabe

 

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James Stewart (V): Geheimagent des FBI – Mit dem Holzhammer und doch gelungen

The FBI Story

Von Ansgar Skulme

Spionagedrama // John Michael Hardesty (James Stewart), den seine Freunde alle nur „Chip“ nennen, blickt auf eine jahrzehntelange Laufbahn als FBI-Agent zurück. Mittlerweile hat er einen Status erreicht, mit dem er Vorträge vor dem interessierten Nachwuchs halten kann. Junge Menschen blicken zu ihm auf und wollen von ihm lernen. Es gibt viel zu erzählen aus seinem Leben: von zahlreichen Begegnungen mit teils berühmten, teils weniger populären Kriminellen, von strategisch komplizierten verdeckten Ermittlungen und von im Hintergrund detailliert vorbereiteten Einsätzen. Aber auch von aufopferungsvollen Kollegen wie Sam Crandall (Murray Hamilton) oder den Entbehrungen, die der Job und die häufigen Einsatzortswechsel Hardestys Familie immer wieder abverlangten – allen voran seiner Frau Lucy (Vera Miles).

Familie Hardesty ist häufige Wohnortwechsel gewohnt

Strenggenommen ist „Geheimagent des FBI“ ein lupenreiner Propaganda-Film, der von J. Edgar Hoover höchstpersönlich vorangetrieben wurde, um Werbung für das seit 1924 von ihm geleitete FBI zu machen – das zwar bis 1935 zunächst anders hieß, aber trotzdem schon rund zehn Jahre die Handschrift von Hoover trug, ehe es schließlich den Namen FBI erhielt. Unfair allerdings wäre, Hoover vorzuwerfen, „Geheimagent des FBI“ gewissermaßen mit kühler Berechnung auf das Publikum losgelassen zu haben. Vielmehr ist durchaus glaubwürdig, dass es dem eingefleischten, stark von sich selbst eingenommenen Landesdiener Hoover tatsächlich eine durchaus emotionale Herzensangelegenheit war, einmal einen solchen Film über sein Lebenswerk zu drehen. Mag man seine Weltsicht nun teilen oder auch nicht. Beim Dreh einer Szene, in der einer der Agenten erschossen wird, soll Hoover angeblich sogar geweint haben – jedoch ist umstritten, wie sehr dies Promotionszwecken diente.

Lass das mal die Mama machen!

Betont werden muss, dass freilich versucht wurde, ein paar rückblickend sehr fragwürdige Operationen unter Hoovers Ägide in einem besseren Licht beziehungsweise als besondere Erfolge dastehen zu lassen, die sie eigentlich nicht waren. Beispielsweise ist aus heutiger Sicht kaum stichhaltig nachzuweisen, dass „Ma“ Barker wirklich das durchtriebene kriminelle Planungsgenie, dieser rücksichtslose weibliche Verbrecherleitwolf war, als der sie in die Geschichte einging. Als wahrscheinlicher gilt, dass dieses Image vom FBI um J. Edgar Hoover ersponnen wurde, um im Nachhinein die Tötung einer alten Frau rechtfertigen zu können. Die kuriose Aussage des Bankräubers Harvey Bailey, der Ma Barker gut kannte und zu ihrem Status als angebliche Drahtzieherin kommentierte, dass Ma Barker nicht einmal ein Frühstück hätte planen können, sei in diesem Zusammenhang einfach mal in den Raum gestellt. Angeblich wurde sie, wenn immer es ernst wurde, von den Kriminellen in ihrem Umfeld am besten ins Kino oder sonst irgendwie aus dem Weg geschickt. Demnach diente sie viel eher der Tarnung der Bande, als fürsorgliche Mutter im Vordergrund, die auch nicht so genau wusste, was drumherum wirklich vor sich ging, und war keineswegs das kaltherzige, durchtriebene Mannweib, das sogar die eigenen Kinder zu Verbrechen anstiftete, wie später häufig – auch in anderen Filmen – Glauben gemacht wurde. Wer weiß, in welcher Mitte genau die Wahrheit liegt.

J. Edgar First

Am Set war die Hierarchie klar geregelt: J. Edgar Hoover überwachte die Produktion des Films persönlich oder durch Mittelsmänner, wählte James Stewart persönlich für die Hauptrolle aus, veranlasste einen Nachdreh einer Szene, weil ihm ein einziger Statist nicht zusagte, schritt auch darüber hinaus wiederholt ein, wenn ihm Inhalte nicht gefielen, und stellte kontinuierlich zwei FBI-Agenten für das Set ab, die aufpassten, was vor sich ging und gegebenenfalls natürlich auch als Berater taugten. Als Vorlage diente das Buch „The FBI Story“ von Don Whitehead aus dem Jahr 1956, auf dessen Cover in den Film-Credits zudem grafisch Bezug genommen wird. Doch ein mit „FBI Story“ betitelter Roman aus dem Jahre 1950, aus der Feder eines unter dem Namen „The Gordons“ firmierenden Autoren-Ehepaares wurde schließlich Gegenstand eines Rechtsstreits, der zugunsten des Schreiberpärchens ausging. Was so eine Buchvorlage oder auch zwei oder drei am Ende des Tages noch an inhaltlicher Relevanz haben, wenn sich jemand wie J. Edgar Hoover sowieso ständig in die Produktion mischt und gewissermaßen das Druckmittel benutzt, dass ohnehin niemand noch mehr „aus erster Hand“ berichten kann als er selbst als Chef der Organisation, von der der Film handelt, ist allerdings so eine Sache. Zumal Hoover auch sehr unliebsam werden konnte, wenn man sich ihm in den Weg stellte – und als FBI-Chef natürlich über reichhaltige Möglichkeiten verfügte, jemandem das Leben schwer zu machen. Das Sammeln von Informationen über hohe Tiere, welches gegebenenfalls in Erpressung selbiger mündete, zeigte sich hierbei als erstaunlich salonfähig. Nicht einmal vor dem Regisseur des Films, Mervyn LeRoy, machte Hoover mit derartigen Mätzchen Halt. Er setzte ihn unter Druck und machte deutlich, wenn nötig mit Dreck um sich werfen zu wollen, ehe er „Geheimagent des FBI“ schließlich so gebogen hatte, dass er ihn fürs Kino abzusegnen bereit war – obwohl beide eigentlich privat befreundet waren, was auch glaubwürdig ist, da LeRoy den Vertrauensjob andernfalls wohl kaum bekommen hätte.

Auf Waffen muss das FBI eine Weile warten – aber dann …

Somit kann man letztlich im Umkehrschluss die Frage stellen, ob es nicht umso bemerkenswerter ist, dass es selbst J. Edgar Hoover nicht gelungen ist, diesen Film so richtig unfreiwillig komisch oder einfach völlig unglaubwürdig und somit schlicht kaputt zu machen? Denn „Geheimagent des FBI“ ist über mehr als zwei Stunden ein durchaus unterhaltsamer, bunter und spannender Genre-Mix mit wenigen einigermaßen großen Rollen, dafür aber sehr vielen verschiedenen Akteuren, die das Werk abwechslungsreich halten. Ein Film, bei dem das Erzähltempo und die Zahl der Schauplatzwechsel für die doch recht lange Distanz einfach sehr gut getroffen wurden. Ein Film, den ich sogar als recht kurzweilig bezeichnen würde, was bei über 140 Minuten Laufzeit kein Selbstläufer ist. Und ein Film, der visuell schön altmodisch angelegt wurde, die Vorzüge atmosphärisch ausgeleuchteter Studioaufnahmen als Ersatz für das Drehen im Freien schön zur Geltung bringt und genauso viel Spaß macht wie LeRoys wenig später, mit Frank Sinatra und Spencer Tracy in den Hauptrollen, erschienener bunter Abenteuerstreifen „Der Teufel kommt um vier“ (1961), der filmästhetisch die eine oder andere nette Gemeinsamkeit mit „Geheimagent des FBI“ aufweist.

Einmal Eintopf mit allem, bitte!

Diese „FBI Story“ mischt in episodenhafter Erzählstruktur Schauplätze und Figuren des Neo-Westerns, in dem bereits Autos fahren, aber noch von alteingesessenen Indianern berichtet wird, mit Stil- und Handlungselementen des Kriegsfilms, des exotischen Abenteuerfilms, des Familienmelodrams, des Gangsterfilms und natürlich des Spionage- und Agentenfilms. Zudem lässt James Stewart in der Hauptrolle auch den Humor beileibe nicht zu kurz kommen. J. Edgar Hoover war es bei der Besetzung besonders wichtig, einen so positiv wirkenden Star als Zugpferd zu haben. Die implizite Botschaft „Beim FBI kannst du alles machen, was du als kleiner Junge immer werden wolltest!“ bringt der Film dementsprechend recht gut an den Mann. Egal ob man nun Agenten, Soldaten, Polizisten, Dschungel-Abenteurer oder Cowboys und Indianer zum Kinderfasching oder auch später noch besonders gern mochte, dürfte „Geheimagent des FBI“ das Kind im Manne doch bei etlichen erreichen und damit auch über einen konsequenten Mangel an Objektivität in der Handlung erfolgreich hinwegtäuschen. Hier wird am Ende eben gut gemachtes Popcorn-Kino als eine Art Wochenschau-Tatsachenbericht mit Schauspielern verkauft, was natürlich albern ist, aber an den Schau- und Unterhaltungswerten des Films nichts ändert.

Chips bester Freund Sam Crandall will ihn nicht vom FBI weglassen

Nicht zuletzt beweist der Regisseur Mervyn LeRoy, der schon mit Projekten wie „Der kleine Caesar“ (1931), „Ich bin ein entflohener Kettensträfling“ (1932), „Madame Curie“ (1943) und „Quo Vadis“ (1951) Meilensteine der Filmgeschichte erschaffen hatte, einmal mehr, dass er zu den am wenigsten auf irgendein Genre festgelegten großen Hollywood-Regisseuren der damaligen Zeit zählte und ebenso episch wie spannend auch über lange Laufzeiten erzählen konnte, praktisch egal welchen Stoff man ihm vorlegte. Angefangen bei einem fesselnden Intro, das in „Geheimagent des FBI“ schon fast die halbe Miete ist, wenn es darum geht, den Zuschauer zu gewinnen – und das sehr klug mit dem Einsatz der eröffnenden Credits abgestimmt ist. Aus heutiger Sicht steht LeRoy etwas im Schatten von Namen wie William Wyler, John Ford, Cecil B. DeMille, Howard Hawks, Billy Wilder und John Huston – zu Unrecht!

Pidax schließt mal wieder Lücken

Man hätte ja fast meinen können, dass zumindest von John Wayne und James Stewart nunmehr so ziemlich jeder Film, wenigstens der 50er-Jahre, auch in Deutschland auf DVD erschienen ist. Doch diese Rechnung ist zumindest schon einmal ohne ihre Propaganda-Streifen – und ein paar andere Filme – gemacht. Ob es Zufall ist, dass dem hiesigen Publikum bisher gerade John Waynes Anti-Kommunisten-Entgleisung „Marihuana“ und James Stewarts Pro-Hoover-Statement „Geheimagent des FBI“ vorenthalten wurden? Wenn ja, dann zumindest ein großer. Beide Filme eint die Gemeinsamkeit, dass sie unterhaltsam und filmästhetisch ansehnlich sind, wenn man ihre Intentionen ausblendet, was bei Waynes „Marihuana“ durch die deutsche Synchronfassung erleichtert wird und bei Stewarts „Geheimagent des FBI“ ein Stück weit durch die Kürzungen in der deutschen, gegenüber der rund 20 Minuten längeren englischsprachigen Fassung. Wobei es auch nicht so ist, dass die in der deutschen Fassung geschnittenen Szenen allesamt besonders pathetisch sind. Doch gekürzt ist der Film automatisch weniger episch, da weniger lang, und somit fällt auch die Glorifizierung des FBI automatisch ein wenig harmloser aus.

Der Vater hat wenig Zeit, aber seine Kinder brauchen ihn trotzdem

Allerdings muss man natürlich auch sehen, dass die Lobhudelei aus heutiger Sicht ohnehin kaum noch den gewünschten Anklang finden wird. Ein eindimensionales, angestaubtes Loblied auf das FBI in den falschen Hals zu bekommen und bierernst für bare Münze zu nehmen, dürfte dem heutigen deutschen Publikum erheblich schwerer fallen als einen anti-kommunistischen Hetzfilm wie „Marihuana“ als Alternative für irgendwas aufzufassen, der mit seinen ursprünglichen Intentionen heute sicher immer noch genügend stammtischaffine Fürsprecher fände. So gesehen ist es zu begrüßen, dass Pidax diese moralisch sicher streitbare, aber künstlerisch und mit Blick auf Spannung und Unterhaltungswert vollauf sehenswerte „FBI Story“ endlich aus der Mottenkiste gekramt hat – und in der ungekürzten Version, mit untertitelten Szenen sowie den üblichen Pidax-Extras für rare Klassiker veröffentlicht.

Die Stimme in Berlin verloren

Die deutsche Synchronfassung bietet übrigens die Besonderheit, dass hier nicht Siegmar Schneider als Stimme von James Stewart zu hören ist, der vor allem in Filmen von 1953 bis 1958 beinahe exklusiv für Stewart im Einsatz war, aber auch schon vorher in berühmten Western wie „Winchester 73“ (1950) und „Meuterei am Schlangenfluss“ (1951). Von 1959 bis 1961 klafft allerdings eine kurze Lücke, ehe Schneider ab 1962 dann bis weit in die 70er-Jahre hinein wieder regelmäßig zum Einsatz kam – und vereinzelt auch noch darüber hinaus. Von den Hitchcock-Filmen „Vertigo“ (1958) und „Cocktail für eine Leiche“ (1948) gibt es sogar jeweils zwei Synchronfassungen, in denen Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist – die erste aus den 50ern bzw. 60ern und die letzte in beiden Fällen aus den 80ern –, wobei von „Vertigo“ heute kurioserweise die dritte Synchronfassung am bekanntesten ist, in der man nicht Siegmar Schneider, sondern Sigmar Solbach („Dr. Stefan Frank“) hört. Wie paradox Synchron manchmal sein kann, zeigt sich zudem daran, dass von dem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950) wiederum zwar auch zwei Synchros existieren, wobei aber nicht einmal die zweite Fassung mit Schneider für James Stewart aufwartet – was natürlich mit dem Stimmalter des Sprechers gegenüber dem Zeitpunkt des Filmdrehs begründet werden kann, das bei den verspäteten Hitchcock-Synchros allerdings auch kein Hindernis war.

Auch beim FBI wird immer Nachwuchs benötigt

Als Ersatz in der Phase, als die 50er gerade von den 60ern abgelöst wurden und Siegmar Schneider, aus mir nicht gänzlich bekannten Gründen, plötzlich mehrfach nicht für James Stewart besetzt wurde, fungierten Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy und im vorliegenden „Geheimagent des FBI“ Friedrich Schoenfelder, der seine Sache ziemlich gut macht und sich eng an das manchmal stimmlich – nicht nur in dieser Rolle von James Stewart – durchaus schräge Original zu halten versucht. Auffällig ist, dass auch in dem kurz vorher entstandenen Warner-Film „Lindbergh – Mein Flug über den Ozean“ (1957) nicht Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist, sondern stattdessen Peter Pasetti, was seinerzeit gewissermaßen der erste Bruch zur Kontinuität seit Jahren war. Das lässt sich in dem Fall allerdings damit erklären, dass man „Geheimagent des FBI“ und „Lindbergh“ in München synchronisieren ließ, während die Stewart-Filme mit Siegmar Schneider standardmäßig in Berlin aufgenommen wurden – im Verlauf der 60er kam Schneider dann in Berlin auch bei Warner für James Stewart zum Einsatz. Die anderen drei Filme aus dem Fenster von 1959 bis 1961, in denen Siegmar Schneider neben „Geheimagent des FBI“ nicht zu hören ist, wurden allerdings nicht von Warner, sondern Columbia verliehen, und in Filmen dieses Verleihs hatte man Schneider auch schon zuvor durchaus für Stewart besetzt – zudem entstanden diese Synchronfassungen 1959, 1960 und 1961 alle drei in Berlin. Wodurch genau sich hier Schneiders Abwesenheit erklären lässt, bleibt für mich offen. Erfreulich, dass danach der Weg zurück gefunden wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Miles haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Spaß muss sein – sonst wird der Verbrecherjäger-Alltag trist

Veröffentlichung: 11. Oktober 2019 als DVD

Länge: 142 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für die nicht synchronisierten Szenen
Originaltitel: The FBI Story
USA 1959
Regie: Mervyn LeRoy
Drehbuch: Richard L. Breen & John Twist, nach einer Vorlage von Don Whitehead
Besetzung: James Stewart, Vera Miles, Murray Hamilton, Larry Pennell, Diane Jergens, Joyce Taylor, Buzz Martin, Nick Adams, Paul Genge, Victor Millan
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5204
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Szenenfotos © 2019 Pidax Film

 

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