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Alfred Hitchcock (XIII): Ich kämpfe um dich – Die Wiedervereinigung

Spellbound

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Dr. Constance Petersen (Ingrid Bergman) arbeitet in einer Psychiatrie, deren Chef Dr. Murchison (Leo G. Carroll) kurz vor der Ablösung steht. Ihr Kollege Fleurot (John Emery) beißt sich an der natürlichen Schönheit mit klugem Kopf, die in Liebesdingen aber noch reichlich unerfahren ist, eifrig die Zähne aus – und damit war und ist er nicht der einzige. Ihr neuer Vorgesetzter (Gregory Peck) macht jedoch Eindruck auf die sonst so eiserne Constance. Sie verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben von ganzem Herzen. Doch mit dem Mann, der sich Anthony Edwardes nennt und die Einrichtung nun führen soll, scheint etwas nicht zu stimmen. Vielmehr leidet er womöglich selbst unter akuten psychischen Problemen. Constance versucht dem undurchsichtigen Fremden, der ihr so schnell ungewohnt nah geworden ist, zu helfen. Ihr Mentor Dr. Brulov (Michael Chekhov) wertet ihren Enthusiasmus als leichtsinnig, aber welche Gefahr droht wirklich – und wem?

Die Romanze und der Psychothriller scheinen auf den ersten Blick zwei äußerst gegensätzliche Genres zu sein. Alfred Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ ist der beste Beweis, dass beides aber auch zusammen geht. Es war erst der zweite Hitchcock-Film, den David O. Selznick produzierte, obwohl es Selznick gewesen war, der Hitchcock das Durchstarten in Hollywood ermöglicht und ihn als erster in den USA langfristig unter Vertrag genommen hatte. Nach dem sehr guten Beginn mit „Rebecca“ (1940) erstreckte sich die Zusammenarbeit jedoch zunächst darauf, dass Hitchcock an andere Studios und Produzenten verliehen wurde. „Ich kämpfe um dich“ schaffte es zwar nicht, die beträchtliche Zahl von elf Oscar-Nominierungen zu erreichen, die „Rebecca“ errungen hatte, brachte es aber immerhin auf sechs, darunter erneut für den besten Film, wenngleich diese Kategorie diesmal nicht gewonnen werden konnte. Auch George Barnes, der für seine Schwarz-Weiß-Kameraarbeit an „Rebecca“ seinen einzigen Oscar gewonnen hatte, wurde für „Ich kämpfe um dich“ erneut nominiert, konnte den Erfolg aber ebenfalls nicht wiederholen. Dafür gab es diesmal aber einen Oscar für die Musik, obwohl Miklós Rózsa, ähnlich wie Dimitri Tiomkin bei der Arbeit an „Duell in der Sonne“ (1946), große Schwierigkeiten mit den Eigenheiten Selznicks hatte. Der streitbare Produzent ging sogar so weit, Rózsas Musik teils durch ältere Aufnahmen von Franz Waxman, die für Hitchcocks „Verdacht“ (1941) gemacht worden waren, sowie Musik von Roy Webb zu ersetzen. Mochte Selznick dem heute legendären Komponisten aus Budapest auch ins Handwerk gepfuscht haben, soll Rózsas Score zu „Ich kämpfe um dich“ den später berühmt gewordenen Filmkomponisten Jerry Goldsmith maßgeblich dazu inspiriert haben, in derselben Branche einzusteigen.

Die den Unterschied machen

„Ich kämpfe um dich“ kann man im Großen und Ganzen der Schublade an Filmen zurechnen, die einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Spannungsgehalts einbüßen, wenn man die Auflösung einmal kennt. Dass der melodramatische Thriller auch bei wiederholtem Schauen trotzdem noch gut funktioniert, ist neben Rózsas großartiger, teils wirklich grusliger Musik vor allem der sensiblen, natürlichen Performance von Ingrid Bergman, der man die aufrichtige Liebe zum gescholtenen Protagonisten wirklich abkauft, guten Nebendarstellern, interessanten Spezialeffekten, diversen ansehnlichen Regieeinfällen Hitchcocks, die kameraästhetisch wunderbar von George Barnes umgesetzt wurden, und einer von Salvador Dalí ersonnenen Traumsequenz zu danken. Diese wurde für die finale Schnittfassung allerdings stark gekürzt und zudem, anders als man glauben mag, gar nicht von Hitchcock inszeniert, sondern ausgelagert beim kleinen Studio Monogram Pictures von William Cameron Menzies („Invasion vom Mars“) und Dalí. Hitchcocks Wunschbesetzung für diese Gastszene war Josef von Sternberg, der schließlich aber doch nicht im Regiestuhl Platz nahm. Menzies, Sternberg und David O. Selznick trafen sich allerdings bald darauf im Zuge der Produktion von „Duell in der Sonne“ wieder, als es erneut um das Beisteuern einzelner filmischer Bausteine ging.

Unter den Nebendarstellern stechen vor allem Leo G. Carroll und Michael Chekhov hervor. Carroll brachte es im Laufe seiner Karriere auf insgesamt sechs Nebenrollen in Hitchcock-Filmen – er gilt daher heute als der am häufigsten unter Hitchcock eingesetzte männliche Schauspieler. Dies wäre wahrscheinlich Cary Grant geworden, hätte Hitchcock stets seine Besetzungswünsche umsetzen können, denn auch im Kontext von „Ich kämpfe um dich“ (1945) fällt Hitchcock damit auf, dass er Stars besetzen wollte, mit denen er bereits gearbeitet hatte. Grant sollte es am liebsten schon hier wieder in der Hauptrolle sein, wie in „Verdacht“ – und wenn nicht der, dann Joseph Cotten, wie in „Im Schatten des Zweifels“ (1943), wenn nicht sogar beide, Grant und Cotten gemeinsam, da Cotten neben dem später von Gregory Peck gespielten Hauptpart angeblich auch für die Rolle des Dr. Murchison im Gespräch war. Als Murchison und/oder Brulov wurde zudem auch Paul Lukas („20.000 Meilen unter dem Meer“, 1954) gehandelt. Ingrid Bergman erhielt eine Rolle, für die zunächst Dorothy McGuire („Die Wendeltreppe“) vorgesehen war und die auch zu Spekulationen um ein Comeback von Greta Garbo geführt hatte. Ferner lehnte Hitchcock Selznicks Flamme Jennifer Jones als weitere Option für die weibliche Hauptrolle ab, was das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Regisseur und Produzent nicht gerade heruntergefahren haben dürfte. Aber Selznick ließ nicht locker und brachte Jennifer Jones schließlich in „Duell in der Sonne“ unter, wo sie dann doch noch an der Seite von Gregory Peck landete. Romantik am Set von „Ich kämpfe um dich“ gab es trotzdem: Bergman und Peck kamen einander näher. Ob das für David O. Selznick ein Trost war?

Der schlaue Professor

Die Besetzung von Bergman und Peck im finalen Film ist insofern interessant, weil Michael Chekhov, der hier Dr. Brulov spielt, einer der Schauspiellehrer von Gregory Peck und Ingrid Bergman war. Die Gelegenheit, Lehrer und Schüler im selben Film und dann noch dazu in ausgiebigen Szenen auf so engem Raum und gewissermaßen unter sich zu sehen, bekommt man leider eher selten. Kurioserweise ergatterte Chekhov für den Film seine einzige Oscar-Nominierung, während seine Schülerin und sein Schüler, mit denen er den Großteil seiner Szenen in „Ich kämpfe um dich“ in kammerspielartigen Situationen zu zweit oder zu dritt bestreitet, nicht nominiert wurden. Gekrönt von dem Umstand, dass Chekhov 1946 mit dieser Rolle der einzige für den Oscar-nominierte männliche Nebendarsteller war, dessen Nominierung aus einem Film hervorging, der gleichzeitig auch als bester Film nominiert wurde, „Ich kämpfe um dich“ parallel jedoch der einzige Film bei dieser Preisverleihung war, der zwar als bester Film nominiert wurde, aber nicht einmal für wenigstens eine der beiden Hauptdarsteller-Kategorien. Wenn man so will, setzte der Lehrer seinen Nachwuchs hier also ziemlich schachmatt.

Darüber, dass sie von Lehrmeister Chekhov abgehängt wurden, mussten sich Bergman und Peck allerdings nicht ärgern, da beide für dieselbe Preisverleihung dennoch eine Nominierung erhielten: Peck als bester Hauptdarsteller in „Schlüssel zum Himmelreich“, Bergman als beste Hauptdarstellerin in „Die Glocken von St. Marien“. Chekhov, dessen Fluchtgeschichte schon in den 20er-Jahren begann, auch in Deutschland Station machte und schließlich in den USA endete, war neben gelegentlichen Filmauftritten und seiner Lehrtätigkeit vor allem selbst als Schauspieler am Theater beschäftigt, leitete eigene Ensembles und erarbeitete ein Buch über die Technik des Schauspielers, das kurz vor seinem Tod schließlich auch zur Veröffentlichung kam. Seine Darbietung in „Ich kämpfe um dich“ besticht insbesondere, da er die Rolle zwar als sympathischen, klassischen Kauz anlegte, sie aber mit Tiefgang, nachdenklichen Untertönen und frechen Spitzen spielte, weit über den bloßen etwas verrückten alten Professor, der vor allem zum Schmunzeln da ist, hinausgehend – eine schräge Figur, die ganz nach Hitchcocks Geschmack gewesen sein dürfte, ähnlich der von Ludwig Donath in „Der zerrissene Vorhang“ (1966). Obendrein mit sehr stilbildend frisiertem Antlitz: der ganz klassische Professor wie aus dem Bilderbuch, als sei er soeben zum tausendsten Male einem Hörsaal entsprungen.

Des einen Freud, des anderen Leid

Schon allein, weil „Ich kämpfe um dich“ zu den ältesten Hollywood-Filmen zählt, die sich mit Psychoanalyse beschäftigen, lohnt er die Sichtung. Der Drehbuchautor Ben Hecht war sehr bemüht darum, Experten dieser medizinisch-psychologischen Disziplin zu konsultieren, um eine schlüssige Geschichte mit angemessenen Dialogen abzuliefern. Auch David O. Selznick wollte Expertise beisteuern und Erfahrungen einfließen lassen, da er selbst in psychotherapeutischer Behandlung war. Er brachte seine eigene Psychotherapeutin als Beraterin mit ans Set, die sich dort allerdings gefallen lassen musste, von Hitchcock teils recht oberflächlich belehrt und übergangen zu werden. Hitchcock machte damals und auch später kein Geheimnis daraus, dass es für ihn nur eine weitere Thriller-Story war und die Psychoanalyse in dem Falle gewissermaßen nur Mittel zum Zweck; eine Art austauschbarer Baustein, um die Story spannend und am Laufen zu halten. Dieses Herangehen kennt man von ihm auch aus dem Kontext weiterer Filme, sein Fokus lag auf anderen Aspekten. Selznick hingegen sollte man sicherlich, inmitten aller kurioser Anekdoten, zugutehalten, dass es zwar für seine Mitarbeiter oft kein Vergnügen war, mit ihm arbeiten zu müssen, er aber zweifelsohne sehr ambitioniert und ein Mann mit Vorstellungen war, die er unbedingt umsetzen wollte. Notfalls sogar bereit, sich einer möglichen Bloßstellung auszusetzen, indem er seine Crew mit seiner eigenen Therapeutin zusammenbrachte – und all das nur, um seinem Film mehr Tiefe zu geben. Ein Vollblutfilmschaffender, Visionär und Positiv-Verrückter, wenn man so will, der einige wirklich große Filme hinterlassen hat.

„Ich kämpfe um dich“ wurde in Deutschland mehrfach von verschiedenen Labels digital veröffentlicht. Hinsichtlich der Bildqualität setzte schon die frühe Veröffentlichung von EuroVideo gute Maßstäbe, während es an Bonusmaterial leider grundsätzlich bis heute eher mager aussieht. Zusätzlich zu mehreren Einzelveröffentlichungen erschien der Film natürlich auch gebündelt in der einen oder anderen Box. Ein paar ausgewählte Veröffentlichungsdaten sind unten genannt. Die deutsche Synchronfassung aus den frühen 50er-Jahren ist hörenswert, wobei vor allem der geniale Hans Hinrich als Stimme von Leo G. Carroll hervorsticht, der seinerzeit nicht umsonst auserkoren worden war, Claude Rains als „Phantom der Oper“, im gleichnamigen herrlichen Technicolor-Film von 1943 aus dem Hause Universal, mit einer deutschen Stimme zu versehen. Hinrich war unter anderem fantastisch darin, emotionale Gleichgültigkeit und gebrochene Seelen zu spielen. Die Synchronfassung von „Ich kämpfe um dich“ entstand offenbar Rücken an Rücken mit der Synchronfassung zu „Der Fall Paradin“ (1947) – Hitchcocks letztem Film, den er innerhalb seines Vertrages mit David O. Selznick drehte. Während Gregory Peck in „Der Fall Paradin“ von Paul Klinger gesprochen wird, in „Ich kämpfe um dich“ allerdings von Wolfgang Lukschy, ist Hans Hinrich in beiden Filmen für Leo G. Carroll zu hören.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Gregory Peck in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. September 2014 als Blu-ray, 27. Juli 2012 als DVD, 14. September 2009 als DVD, 2. Oktober 2002 als DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Spellbound
USA 1945
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Ben Hecht & Angus MacPhail, nach einem Roman von Hilary A. Saunders & John Palmer
Besetzung: Ingrid Bergman, Gregory Peck, Michael Chekhov, Leo G. Carroll, Rhonda Fleming, John Emery, Norman Lloyd, Bill Goodwin, Wallace Ford, Regis Toomey
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Biografien, Filmografien (nicht alle Features auf jeder Veröffentlichung enthalten)
Vertrieb: Great Movies GmbH (Blu-ray 2014 & DVD 2012), Crest Movies (DVD 2009), EuroVideo Medien GmbH (DVD 2002)

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot Blu-ray: © 2014 Great Movies GmbH, Packshot DVD: © 2002 EuroVideo Medien GmbH, Filmplakat: Fair Use

 

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Gold in Neuguinea – Die Essenz des Abenteuerfilms

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Crosswinds

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Der Aussteiger Steve Singleton (John Payne) schippert mit seinem Boot durch die Gewässer Neuguineas. Auf der Suche nach neuen Abenteuern in der Südsee ist einer immer an seiner Seite: der treue Bumidai (Frank Kumagai). Eines Tages lernt Singleton den Geschäftemacher „Jumbo“ Johnson (Forrest Tucker) kennen, der ihn zu einer Expedition überredet. Dieses Abenteuer kostet Singleton sein Boot, doch während er noch auf der Suche nach dem Verantwortlichen ist, lernt er schon die nächsten Abenteurer (Alan Mowbray, John Abbott) kennen und sticht mit deren Boot zu einer Goldsuche in See. Die Spur zum Gold führt über die Witwe Katherine (Rhonda Fleming), vorbei an mordlustigen Eingeborenen – und da wo es was zu holen gibt, ist auch „Jumbo“ Johnson nicht weit.

„Gold in Neuguinea“ wurde von Pine-Thomas Productions realisiert; der Hauptdarsteller John Payne stand bei Pine-Thomas als Star unter Vertrag. Die Filme dieser Produktionsfirma wurden regelmäßig von Paramount in die Kinos gebracht und gelangten so an ein großes Publikum. John Payne legte besonderen Wert darauf, dass seine Filme in Farbe produziert wurden, und der vorliegende Streifen ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie viel das ausmachen konnte, gerade wenn es um Abenteuergeschichten aus exotischen Regionen der Erde geht. Zwar setzte man die herrliche Natur der Südsee ersatzweise in Florida in Szene, doch wenn die Flusslandschaften, umrandet von sattem Grün, in Technicolor erstrahlen, vergisst man schnell alles andere und wird in die Ferne entführt.

Ein Autorenfilm der etwas anderen Art

Wertet man es als Kriterium für einen Autorenfilm, dass Drehbuchautor und Regisseur ein und dieselbe Person waren, so ist „Gold in Neuguinea“ eine Art Autorenfilm: Zwar basiert er auf dem Roman „New Guinea Gold“ von Thomson Burtis, welcher ihn offenbar auch höchstselbst für diesen Film adaptierte, die weitere Arbeit vom Drehbuch bis zum fertigen Film lag dann allerdings in den Händen von Lewis R. Foster. Foster war bei den Dreharbeiten für den Western „El Paso – Die Stadt der Rechtlosen“ (1949) mit John Payne zusammengetroffen und inszenierte binnen nur zwei Jahren vier weitere Filme mit ihm – mit Ausnahme von „Käpt’n China“ (1950) alle in Farbe. „Gold in Neuguinea“ war nach den Western „Der Rebell von Mexiko“ (1950) und „Die Faust der Vergeltung“ (1951) der letzte dieser fünf Filme, markiert in der Filmografie Fosters gleichzeitig aber auch den Beginn einer Reihe von vier in direkter Folge erschienenen Abenteuern an exotischen Schauplätzen – alle in Farbe! Für „Hongkong“ (1952) und „Tropische Abenteuer“ (1953) arbeitete Foster erneut mit Rhonda Fleming zusammen, wobei statt John Payne nun Ronald Reagan den männlichen Hauptpart übernahm, als vierter Film folgte schließlich „Weiße Herrin auf Jamaica“ (1953) mit Ray Milland und Arlene Dahl. Bei sämtlichen der besagten Filme verfasste Foster auch selbst die Drehbücher, wenngleich nicht immer ohne Mitstreiter.

Fosters Abenteuer in Technicolor kommen, wenn nötig, mit recht einfachen filmischen Mitteln aus. Es ist ein wenig, als würde man in einen Groschenheft-Roman fallen wie Alice ins Wunderland und davon nicht mehr losgelassen. Fosters Filme zeigen aufs Wesentliche reduziert, warum Hollywood eine Traumfabrik war, und „Gold in Neuguinea“ ist das wahrscheinlich eindrucksvollste Beispiel unter seinen Abenteuerproduktionen, da der Film in mehrerlei Hinsicht auf ein Minimum reduziert scheint und seine Geschichte trotzdem stilsicher zu Ende erzählt.

Da werden Männerträume wahr – Frauenträume vielleicht auch!

In „Gold in Neuguinea“ treten nur sieben namentlich genannte Darsteller auf, viel mehr Rollen mit Dialog gibt es auch nicht. Im Grunde beschränkt sich die Bewegung der Figuren im Film darauf, dass Singleton zweimal den Fluss hinauf- und einmal auch wieder hinunterfährt, aber es steckt viel, viel mehr dahinter. Die Geschichte vereint etliche Motive, die Sehnsüchte nach Abenteuern deutlich werden lassen. Alle Charaktere sind Aussteiger, fernab der Zivilisation, selbst die Frau verstößt als Trinkerin gegen eine Grundregel des guten Geschmacks. Für Singleton ist der Traum vom Leben auf einem Boot Wirklichkeit geworden, an Land ist er nur noch ab und an. Er hat es geschafft – wenn man so will.

Zum Motiv des Aussteigers kommt die Abenteuerlust, die Risikofreude, sich in der Nähe gefährlicher Eingeborener und wilder Tiere herumzutreiben, obwohl es sich anderswo viel sicherer leben ließe. Diesen positiven Leichtsinn teilen alle im Film auftauchenden Figuren. Dann ist da ein Steckenpferd, ein großes Hobby, eine Passion – für Singleton ist es sein Boot, dessen Verlust ihn mehr trifft als ihn alles andere hätte treffen können, für Bumidai ist es die bedingungslose Treue und Freundschaft zu seinem Chef. Freundschaft – ein unverzichtbares Gut bei jedem Abenteuer und am liebsten besteht man seine Abenteuer schließlich gemeinsam mit seinen besten Freunden. Freundschaft entsteht in diesem Film aber auch unter ehemaligen Feinden und Gegner raufen sich zusammen, um gemeinsam ihr Ziel zu erreichen. Die Umstände in der Wildnis lassen die Menschen über sich hinauswachsen und über ihre Schatten springen – ein die Gemeinschaft würdigendes und stärkendes Motiv. Dazu gibt es waghalsige Kämpfe über Wasser und heikle Tauchmissionen unter Wasser. Egal in welche Richtung man schaut, ob nach oben zum Flugzeug am Beginn des Films oder später nach unten in die Gewässer, nach rechts oder links zu korrupten Amerikanern oder den noch gefährlicheren Eingeborenen – überall lauert das Abenteuer. Und nicht zuletzt findet sich das uralte Motiv der Schatzsuche in doppelter Ausfertigung, erst eine Suche nach Perlen, dann nach Gold.

Ein Kammerspiel als Freilichttheater – ganz ohne Bühne

Kurzum: „Gold in Neuguinea“ ist wie ein Abenteuerurlaub, der sinngemäß alles bietet, was man sich als junger Teenager immer an Abenteuer gewünscht und als Erwachsener (möglicherweise völlig zu Recht) nicht mehr getraut hat. Kein Kinderfilm, sondern ein Film für das Kind im Erwachsenen – eine Art Abenteuermärchen gewissermaßen. So ein Film braucht auch keine auffälligen Kameraeinstellungen, genauso wenig wie ein Märchenfilm nach den Gebrüdern Grimm sie nötig hat. Entscheidend sind Handlung, Figuren und Schauplätze, die unsere Abenteuerlust ansprechen müssen. Dass dieser Film zudem mit so einem kleinen Schauspielerensemble auskommt, welches den kompletten dramaturgischen Konflikt der Story gewissermaßen unter sich ausmacht, lässt das Gesehene umso griffiger erscheinen. Die wenigen Protagonisten sind sehr charismatisch, teilweise nah an Figuren aus einer Fabel – ein durchaus wichtiger Aspekt für so ein Abenteuermärchen. Eine Überzeichnung der Figuren darf hier sein, muss es bei so einer Geschichte vielleicht sogar.

Durch die kammerspielartige Figurenkonstellation und die Tatsachen bedingt, dass der Film über weite Strecken auf einem Boot bzw. an Anlegeplätzen oder in deren Nähe spielt, hat der Film etwas von Theater. Mag er von den filmischen Stilmitteln her noch so einfach wirken, so kann man die Erzählweise dennoch als ähnlich der eines Theaterstücks sehen, das allerdings die Fesseln der Bühne gesprengt hat und statt Kulissen echte Natur zeigt. Wohlgemerkt: All das würde nicht annähernd so gut wirken, hätte man den Film nicht in Farbe gedreht, denn erst dadurch wird der kindliche Traum vom Abenteuer in der Traumfabrik filmische Wirklichkeit für Erwachsene. Und auch die Spielfreude der Darsteller macht gerade bei einem kleinen Ensemble ohne Zweifel viel aus. Der Film schafft es, dass man am Ende zu jedem hält, egal wie negativ sich manch einer zuvor verhalten hat – das Abenteuer hat gestandene Menschen aus allen Schatzsuchern gemacht. Ohne überzeugende Schauspielerleistungen würde das nicht funktionieren, Sympathie mit den Figuren kommt nicht von allein. Besonders unterhaltsam und ziemlich ungewöhnlich sind selbstredend Alan Mowbray und John Abbott als äußerst ungleiches Galgenvogel-Duo auf der Jagd nach dem Gold; die Geschichte allerdings steuert beide auf eine durchaus überraschende Eskalation zu. Vorhersehbar ist der Film beim besten Willen nicht immer, schnörkellos allerdings bleibt er konsequent.

Exotisch, bunt, eskapistisch

Wer an den Technicolor-Abenteuerfilmen von Lewis R. Foster Gefallen findet, dieser stets schnörkellos erzählten, farbenfrohen Reise in exotische, ferne Kulturen, die fantasievoll mit Hilfe der Studios und heimischer Natur zum Leben erweckt wurden, der sollte sich auch einmal die farbigen Genrebeiträge von Edward Ludwig ansehen. Ludwigs Filmografie weist in der ersten Hälfte der 50er-Jahre einige Parallelen zu Fosters Filmografie auf. Seine Filme „Piraten von Macao“ (1951) mit Jeff Chandler, „Die Geliebte des Korsaren“ (1952) mit John Payne und „Der Schatz der Jivaro“ (1954) mit Fernando Lamas bewegen sich stilistisch und inhaltlich auf einer vergleichbaren Ebene wie Foster. Ferner drehte Ludwig mit Payne auch das Waldbrand-Abenteuer „Flucht vor dem Feuer“ (1952) und den Western „Geknechtet“ (1953) – bei beiden war Lewis R. Foster einer der Drehbuchautoren. Derartige Regisseure bilden die Essenz des B-Abenteuerfilms in den 50er-Jahren, da sie es verstanden, die Einfachheit und simple Faszination von Groschenheft-Romanen und damit vergleichbaren Geschichten in äquivalentes filmisches Erzählen zu übertragen. Das ist Unterhaltungskino in Reinkultur, bei dem der Regisseur letztlich ganz im Dienst der Geschichte und der erzählten Welt steht – sogar wenn er selbst das Drehbuch verfasst hat. Je mehr man vergisst und träumt und je weniger man durch immer wiederkehrende Stilmittel daran erinnert wird, wer der Regisseur ist, desto besser sind diese Filme. Die Regisseure treten sehr weit hinter die Geschichte zurück, was das Eintauchen für den Zuschauer umso einfacher macht, denn die Bilder, die Schauspieler, die Handlungs- und Drehorte sowie die Klänge sind genug, um in den Geschichten wandeln zu können. Es handelt sich hierbei nicht um Kunst zweiter Klasse, sondern um ein filmisches Erzählen der eher demütigen Art – Filme, in denen es eigentlich nur um die Geschichte mitsamt ihrer Figuren und Schauplätze geht und bei denen die Farbe an sich ein Stilmittel ist, das den Exotismus befördert. Alle anderen Aspekte, seien sie stilistisch oder künstlerisch motiviert, ordnen sich dem unter.

Eine Rarität mit Perspektive, eine zu bleiben

Da Paramount seit einigen Jahren keine Klassiker mehr in Deutschland veröffentlicht, allerdings auch keine Rechte an andere Labels abtritt, steht in den Sternen, wann es dieser Film einmal zu uns schaffen wird – nur im Pay-TV wurde er hin und wieder gezeigt. Auch in den USA ist „Gold in Neuguinea“ lediglich über „Amazon Video“ abrufbar, aber nicht als DVD zu erwerben. Die deutsche Synchronfassung mit Curt Ackermann als Sprecher von John Payne, Hans Hinrich in der Rolle des „Jumbo“ Johnson und einem seine Stimme ungewöhnlich tief drückenden Erich Fiedler – besser bekannt als jahrelange deutsche Stimme von Robert Morley –, der mit tiefer Stimmlage das Gewicht von Alan Mowbray erst einmal herstellen musste, ist sehr gelungen. Sie macht das Abenteuer auch auf Deutsch zu einem träumerischen, nicht nur nostalgischen Erlebnis.

Länge: 95 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Crosswinds
USA 1951
Regie: Lewis R. Foster
Drehbuch: Lewis R. Foster, nach einem Roman von Thomson Burtis
Besetzung: John Payne, Rhonda Fleming, Forrest Tucker, Alan Mowbray, John Abbott, Robert Lowery, Frank Kumagai
Verleih: Paramount Pictures

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

 

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