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Everybody Wants Some!! Unbeschwerte Reise in die 80er

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Everybody Wants Some!!

Von Andreas Eckenfels

Komödie // Bei seinem preisgekrönten Filmexperiment „Boyhood“ (2014) begleitete Regisseur Richard Linklater den zunächst kleinen Mason (Ellar Coltrane) über Jahre hinweg beim Erwachsenwerden. Der Film endet damit, dass Mason aufs College geht. Insofern könnte „Everybody Wants Some!!“ direkt im Anschluss an „Boyhood“ spielen – wäre Linklaters jüngstes Werk zeitlich nicht im Jahr 1980 angesiedelt.

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Jake ist auf dem Weg ins College

Genauer gesagt beginnt es am Donnerstag, 28. August 1980. Jake (Blake Jenner) hat seine sieben Sachen inklusive Plattensammlung gepackt. Er ist auf dem Weg zu einer texanischen Universität, wo er in drei Tagen und 15 Stunden sein Studium aufnehmen wird. Doch bevor für den Baseball-Spieler der Ernst des Lebens beginnt, verlebt Jake noch einmal ein unbeschwertes Wochenende mit seinen neuen Teamkollegen, mit denen er ab sofort ein Haus teilen wird. Als Frischling wird Jake von seinen halbstarken Mitbewohnern natürlich erst kritisch beäugt und beschnüffelt, dann aber schnell in die Gemeinschaft aufgenommen.

In dem Haus gibt es nur zwei Regeln zu beachten: „Kein Alkohol“ und „Keine Mädchen im oberen Stockwerk“ – klar, dass beide Vorschriften schnell gebrochen werden. Die Jungs sind in Feierlaune und geben ihr Bestes, um in der Disco und auf Partys bei Bier, Schnaps und Gras hübsche Kommilitoninnen aufzureißen. Bald versucht Jake bei der süßen Kunststudentin Beverly (Zoey Deutch) sein Glück.

Inoffizielle Fortsetzung

Wenn man den Inhalt liest, wird man weniger an „Boyhood“ erinnert, sondern mehr an ein Frühwerk von Richard Linklater: In „Confusion – Sommer der Ausgeflippten“ (1993) dreht sich alles um eine Gruppe von Jugendlichen, die im Mai 1976 im texanischen Austin ihren letzten Schultag feiert. „Everbody Wants Some!!“ könnte man somit durchaus als inoffizielle Fortsetzung zu dem Kultfilm bezeichnen. Wie häufig bei Linklater bilden die Filme eine begrenzte Zeitspanne aus dem Leben Heranwachsender ab, die kurz davor sind, sich einer neuen Herausforderung stellen zu müssen. Beide Filme sind ebenfalls nach einem Songtitel benannt: Der im Original betitelte „Dazed and Confused“ von 1993 ist dem gleichnamigen Lied von Led Zeppelin entliehen. „Everybody Wants Some!!“ ist auf dem Van-Halen-Album „Woman and Children First“ aus dem Jahr 1980 zu finden.

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Jake (l.) geht mit seinen neuen Mitbewohnern auf Tour

Die Musik spielt sowieso wieder eine große Rolle: Fast jede Szene wird mit einem zeitgenössischen Song eröffnet. Den Anfang macht „My Sharona“ von The Knack. Auf dem stimmungsvollen Soundtrack sind außerdem noch viele weitere Klassiker aus allen möglichen Stilen von Rock, Disco, Punk, Pop bishin zu Hip-Hop vertreten.

Amüsanter Retro-Charme

Doch nicht nur durch die Songauswahl lässt Linklater die Zuschauer nostalgisch in die 80er-Jahre zurückblicken. Auch die Schnauzer, die Frisuren, die Kleidung, Telefone mit Wählscheibe, Flipper und der „Space Invaders“-Videospielautomat unterstreichen den amüsanten Retro-Charme des Films. Heute wirkt das Meiste davon peinlich, aber sowas war vor über 35 Jahren eben angesagt.

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Finn (r.) hat eine ganz besondere Masche, um die Damen rumzukriegen

Die belanglos wirkenden Jungsgespräche sind natürlich zentraler Bestandteil von „Everybody Wants Some!!“ – schließlich hatte Linklater das Dauergeplauder mit „Rumtreiber“ (1991) salonfähig gemacht und dadurch andere Filmemacher wie Kevin Smith („Clerks – Die Ladenhüter“) maßgeblich inspiriert. Aber diesmal fehlt es vielen Dialogen an Kraft, reflektierende Untertöne über die wahren Gefühle oder die damaligen Lebensumstände der Studenten sind nur selten zu spüren.

Mit Längen und unvergesslichen Momenten

Dass der Funke diesmal nicht ganz überspringen will, liegt nicht an den Jungdarstellern. Die sind hervorragend gecastet, etwa der aus „Glee“ bekannte Blake Jenner sowie Zoey Deutch, übrigens die Tochter von Lea Thompson („Zurück in die Zukunft“) und „Pretty in Pink“-Regisseur Howard Deutch. Es liegt mehr an den grob gezeichneten Figuren, die über reine Typen, wie den Sportler, den Ehrgeizigen, den Neuankömmling und den Kiffer nicht hinauskommen.

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Dauerkiffer Willoughby (r.) hat etwas zu verbergen

Dennoch hat „Everybody Wants Some!!“ auch einige unvergessliche Momente und witzige Sprüche zu bieten: Es gibt Marihuana-geschwängerte Gespräche über die Mysteryserie „Twilight Zone“ und Pink Floyd. Finn (Glen Powell) versucht die Frauen rumzukriegen, indem er ihnen über die angeblich durchschnittliche Größe seines besten Stücks erzählt – und hat mit der Masche erstaunlichen Erfolg. Was die Neuen auf dem Baseballfeld erleiden müssen, ist äußerst schmerzhaft und komisch zugleich. Dazu sind die Discoszenen und besonders die abschließende Kostümparty mit ihrer Detailverliebtheit wunderbar anzusehen.

Trotz einiger Längen darf man Richard Linklaters Reise in die 80er-Jahre dennoch genießen. Der Regisseur preist darin wieder einmal die unschuldige Zeit der Jugend als kostbares Gut, welches viel zu schnell verfliegt. Im Fall von Jake noch nicht am Montagmorgen, wenn mit dem Semesterbeginn „Everybody Wants Some!!“ endet. Aber früher oder später müssen auch er und seine Kumpels erwachsen werden.

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Jake und Beverly kommen sich näher

Veröffentlichung: 3. November 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Everybody Wants Some!!
USA 2016
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater
Besetzung: Blake Jenner, Juston Street, Ryan Guzman, Zoey Deutch, Temple Baker, Wyatt Russell, Glen Powell
Zusatzmaterial: Baseballspieler können tanzen (7 Min.), Für Anfänger: Der Stil der 80er (4 Min.), Skill Videos (5 Min.), Rickipedia (4 Min.), Kinotrailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Constantin Film

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Constantin Film

 
 

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Boyhood – Als Experiment beeindruckend

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Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Das Experiment, das „Boyhood“ wagt, die Beharrlichkeit und die konsequente Herangehensweise von Richard Linklater sind faszinierend. So etwas hat man wirklich niemals zuvor gesehen: Der Dreh ging über zwölf Jahre, an insgesamt 39 Drehtagen, von 2002 bis 2013, zweifellos beeindruckend.

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Der Vater enttäuscht ihn oft

Der junge Mason (Ellar Coltrane) wird erwachsen. Am Anfang ist er sechs Jahre alt, am Ende geht er ins College. In der Zwischenzeit lassen sich seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) und sein Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) scheiden und Mason ist zwischen ihnen hin und her gerissen. Diverse mal mehr, mal weniger gute Stiefväter kommen und gehen, man versucht seinen Platz im Leben zu finden, geht auf Partys, lernt Mädchen kennen, eben alles, was einem beim Erwachsenwerden so begegnet.

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Seltener Moment der Ruhe mit der Mutter

Der Film geht zwar 160 Minuten und doch wirkt er überfüllt. Linklater stopft seinen Film voll mit Ereignissen, Veränderungen und Entwicklungen die er dann nie ausgiebig betrachten kann, das Meiste wird nur kurz gestreift. All das kommt einem auch bekannt vor, die miesen Stiefväter, die schönen Partys, die Streitereien mit Mommy, die erste Freundin, die Leere nach dem Ende der Schule, das Zelten mit Daddy, Linklater dekliniert bloß Plattitüden des Erwachsenwerdens durch, die man wirklich alle schon mal (besser) gesehen hat.

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Mason (r.) mit seinen Kumpels

Obendrein ist „Boyhood“ leider ziemlich formlos. Linklater hält die Kamera einfach drauf, es gibt keine (vor allem schauspielerisch) beeindruckenden Plansequenzen wie in den „Before …“ Filmen, keine raue Verspieltheit wie beispielsweise in „Slacker“, die Form ist furchtbar langweilig und einfallslos.

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Wohin führt ihn das Leben?

„Boyhood“ hat zweifellos großartige Momente, tolles Schauspiel und hat ein beeindruckendes Konzept, ist allein deswegen schon sehenswert. Das Meisterwerk, das viele in ihm sehen, kann ich leider nicht erkennen. Da sind Linklaters übrige Filme wesentlich interessanter.

Veröffentlichung: 6. November 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 165 Min. (Blu-ray), 159 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch u .a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Boyhood
USA 2014
Regie: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater
Besetzung: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Ethan Hawke, Nick Krause, Evie Thompson, Sam Dillon, Lorelei Linklater, Steven Chester Prince
Zusatzmaterial: Hinter den Kulissen
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2014 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshot & Trailer: © 2014 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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