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River’s Edge – Das Messer am Ufer: Der Tod als Nebensache

River’s Edge

Von Leonhard Elias Lemke

Drama // Im Gegensatz zu „Dirty Dancing“ ist dies der wirklich dreckige Tanz durchs Leben. Abseits des lebensbejahenden Stroms. Hier ist die Romantik nicht zu Hause. Samson (Daniel Roebuck) hat gerade seine Freundin – dieses Wort verbietet sich in seinem Kontext eigentlich – getötet. Am Rand eines Flusses sitzt er neben ihrer Leiche, sichtlich unschockiert. Vielmehr interessiert ihn, wo er sein nächstes Sixpack herbekommt. In den folgenden Tagen erzählt er nicht ohne Stolz von seiner Untat. Zunächst ungläubig, werden die zur Leiche geführten Schaulustigen – zu denen wir auch gehören – mehr. Der hier fast schon dokumentierte Ausschnitt der Gesellschaft hat keine Konzepte für richtig und falsch und somit keine Moral entwickelt. Die Tote wird mit Neugier betrachtet, nicht mit Schrecken. Als endlich die Polizei informiert wird, ist es längst zu spät, um für Recht und Ordnung zu sorgen. Jede Hilfe für diese Gesellschaft kommt zu spät.

Der belanglose Tod

Der Titel bezieht sich auf das lebensspendende Wasser, aus dem wir gemacht sind, den fließenden Fluss. Doch die Charaktere dieser Geschichte stehen am Rand, sie werden nicht mitgetragen von den Lebenden. Hier ist Stillstand – maximal.
Basierend auf einer wahren Begebenheit verfasste Neal Jimenez („Hideaway – Das Böse“) das Drehbuch. Gemeinsam mit Regisseur Tim Hunter („Die Helden von Fort Washington“) lässt er den Tod in „River’s Edge – Das Messer am Ufer“ zur Nebensache werden. Er berührt weder die Protagonisten noch den Zuschauer. Obwohl er die Story bestimmt und allgegenwärtig ist, wird er nicht zum Thema. Man interessiert sich nicht für ihn. Der Tod erscheint ohne Bedrohung, wenn man nie gelebt hat.

Kann man hier noch träumen?

Eigentlich will der Zuschauer mit Bestürzung auf die Gleichgültigkeit der Figuren reagieren, doch es ist der Verdienst von Jimenez, Hunter und Lynch-Kameramann Frederick Elmes, dass auch wir (emotional) untätig einfach zusehen. Wir stehen „on the edge“. Mögen wir auch in rosigeren Verhältnissen als die Protagonisten des Films leben, so können wir uns doch in dieser tristen Realität wiederfinden. Wir kennen sie entweder aus Einzelerfahrungen oder spüren, wie sie drohend hinter der nächsten Ecke lauert.

Sich wegspülen lassen

In „River’s Edge“ wird der Mensch zum Abfallprodukt des empathielosen Kapitalismus, der seine Opfer zu perspektivlosen Konsumenten verbildet. Kinder werden sich selbst überlassen, ihre Eltern sind nicht fähig, ihr eigenes Leben zu strukturieren, und umso weniger in der Lage, ihrer familiären Verpflichtung nachzukommen. Drogenkonsum findet gemeinsam, generationenübergreifend statt. Es ist die Realitätsflucht, die verbindet, nicht die gemeinsame Erfahrung. In einer Welt ohne Ziele entsteht Todessehnsucht. Die nackte Leiche des Mädchens wirkt geisterhaft – ein schöner Geist, dem die Pastelltöne der körperlichen Verwesung etwas Märchenhaftes verleihen.

Cast on the edge

Dennis Hopper spielt einen einbeinigen Drogendealer, der schief Saxophon spielt und dessen Freundin eine Gummipuppe ist – nachdem er jene aus Fleisch und Blut einst erschossen hat. Das von ihm dargestellte menschliche Wrack ist das, was einem Freund von Samson am nächsten kommt. Seine widerliche Figur ist dennoch die einzige mit Herz. Ein damals noch unbekannter Keanu Reeves spielt gewollt blass. Eher gut als böse, aber immer naiv und ohne Kontrolle. Crispin Glovers Figur ist der Clown, der nicht zu lachen vermag, der eigenen Lächerlichkeit preisgegeben. Jederzeit scheint er explodieren oder in sich zusammenbrechen zu können. Daniel Roebuck als tragischer Samson ist hassenswert und doch schafft man es nicht, ihm sein Verhalten übel zu nehmen. Auch er ist Opfer. Eine grandiose Schauspielriege, die sich ganz in „River’s Edge“ verliert, Dank vor allem Tim Hunter, der mal fast „Robocop 2“ inszeniert hätte. Das hätte ich gern gesehen.

Wenn „Im Angesicht des Todes“ keine Angst mehr macht

Das Label „Camera Obscura“ ist vor allem für seine sehr guten Veröffentlichungen italienischer Genrefilme bekannt. Dabei gelingt es stets, eine gute Filmauswahl, hohe technische Qualität und aufwendig neuproduzierte Extras zusammenzubringen. Ab und an kommt auch ein Nicht-Italo – in gleicher hervorragender Fassung, Aufmachung und Begleitung. Die Extras umfassen einen Audiokommentar von Tim Hunter, ausführliche, eigens erstellte Featurettes mit Roebuck und Elmes sowie den englischen und deutschen Trailer samt einer Fotogalerie. Das Booklet stammt von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, ein Freund des Labels. Die lesenswerten Zeilen – weiß auf schwarz ist schon optisch ein Gewinner – werden mit einem Zitat von Albert Camus eingeleitet, das diese Besprechung schließen soll: „Die Gemeinschaft der Opfer ist die gleiche, die das Opfer mit dem Henker verbindet. Aber der Henker weiß es nicht.“

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD), 7. Mai 2007 als DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: River’s Edge
USA 1986
Regie: Tim Hunter
Drehbuch: Neal Jimenez
Besetzung: Daniel Roebuck, Dennis Hopper, Crispin Glover, Keanu Reeves, Ione Skye, Joshua John Miller, Roxana Zal, Josh Richman, Phillip Brock
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Tim Hunter, Featurettes mit Daniel Roebuck und Frederick Elmes, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Booklet mit einem Text von Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb DVD: MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)
Label Mediabook: Camera Obscura
Vertrieb Mediabook: Al!ve AG

Copyright 2019 by Leonhard Elias Lemke

Szenenfotos & Packshot Mediabook: © 2019 Camera Obscura, Packshot DVD: © 2007 MGM (Twentieth Century Fox Home Entertainment)

 

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