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Gefährliche Freundin – Etwas Wildes

Something Wild

Von Lars Johansen

Komödie // Der deutsche Titel dieses wundervollen Meisterwerks ist leider sehr einschränkend und daher durchaus ein wenig dumm. Denn die Wildheit, um die es im Original geht, wohnt nicht nur der Frau inne, sondern auch den beiden Männern. Alle sind Wilde und während die Frau am Ende anscheinend domestiziert wurde (was tatsächlich nicht der Fall ist), ist der eine an seiner Wildheit gestorben und der andere durch seine Wildheit am Leben.

Lulu in Aktion

Charles Driggs (Jeff Daniels) lebt ein ganz normales Yuppie-Leben, hat einen guten Job, wurde gerade zum Vizepräsidenten seiner Firma befördert und, wie es aussieht, hat er Frau und Kinder und ist ein ehrlicher Mensch. Als er in der Mittagspause ein Restaurant verlässt, ohne sein Essen zu bezahlen, wird er von Lulu (Melanie Grifftih) darauf angesprochen. Dann verspricht sie ihm, ihn mit ihrem Auto zu seiner Arbeitsstelle zu bringen, fährt aber stattdessen aus New York heraus, stiehlt Geld in einem Geschäft und mietet sich mit ihm ein Zimmer in einem Motel, um dort mit ihm zu schlafen. Danach kleiden sich beide neu ein, sie stellt ihn ihrer Mutter vor und nennt sich auf einmal Audrey. Am Abend geht Audrey mit Charles zu ihrer Highschool-Reunion-Party. Dort lernt er Ray (Ray Liotta) kennen, welcher sich als ihr krimineller Ehemann entpuppt, der frisch aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Charlie ohne Lulu

Als „Gefährliche Freundin“ 1986 herauskam, war der Film kein großer Erfolg. Er brauchte einige Zeit, um sich einen Status zu erarbeiten, der ein wenig über einen Geheimtipp hinausging. Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, aber wenn man ihn heute wieder sieht, dann stellt man ziemlich rasch fest, dass er im Gegensatz zu vielen anderen Werken aus jener Zeit sehr gut gealtert ist. Das beginnt schon bei der Kameraführung von Tak Fujimoto, welcher der Hauskameramann von Jonathan Demme war, und auch hier wieder Bilder komponiert hat, die sich nie in selbstreferenzieller Schönheit ergehen, sondern sich der dichten Dramaturgie unterordnen. Dabei aber gewinnen sie durchaus eine eigene Ästhetik. Das Roadmovie beginnt als Komödie, wird dann zu einem Film noir und die Bilder verändern sich mit dem Genrewechsel. Die hellen, milden Farben werden erst abendlich bunt und dann nächtlich dunkel. Eine Überfallszene wird tatsächlich zu großen Teilen nur aus Sicht der schwarz-weißen Überwachungskameras gezeigt. Am Ende herrscht wieder das milde Licht vom Anfang, welches seine Friedfertigkeit komplett verloren hat und doch Hoffnung zu geben vermag.

Kleider machen Leute

Das wird ergänzt durch die sich verändernde Kleidung der beiden Hauptfiguren. Nur Ray wird sich und seine Kleidung nicht ändern. Charles beginnt mit einem steifen Businessanzug, der irgendwann durch einen leichten hellen Anzug ersetzt wird. Das Geschäft, in dem er seine neue Kleidung bekommt, wird von zwei alten Damen betrieben, bei deren sehr authentischen Darstellerinnen es sich übrigens um die Mütter von Jonathan Demme und David Byrne handelt. Dieses Outfit wird dramaturgisch stimmig durch Shorts und ein T-Shirt ersetzt, die Charles in einer Tankstelle kauft, in welcher er vom Schlagzeuger der Talking Heads, Steve Scales, bedient wird. Schließlich ergänzt ein buntes Hemd sein neues Ich. Am Ende trägt er einen schwarz-weißen Anzug, der ihm trotzdem eine bunte Leichtigkeit auf den Weg gibt und damit seinen Wandel vom Büromenschen zu einer neuen Persona auch äußerlich hervorhebt.

Lulu wird Audrey

Ähnlich, aber eben komplett umgekehrt verhält es sich bei Lulu. Schon der Name und die Frisur erinnern an Louise Brooks, die Hauptdarstellerin in den deutschen Stummfilmadaptionen von Wedekinds Theaterstücken „Erdgeist“ und „Die Büchse der Pandora“. Im Gegensatz zu Griffiths Lulu endet die klassische Bühnenfigur am Ende als Opfer der Männer. Darum muss Lulu hier zu Audrey werden, um sich davon zu entfernen. Und wenn sie dazu schon am Anfang eine Monografie über die sehr emanzipierte Malerin Frida Kahlo liest, später noch ein Buch über Winnie Mandela, dann ist es klar, dass sie ihre Weiblichkeit sehr reflektiert. Am Rande eingeschoben, wenn sie und Charlie ihre Mutter besuchen, haben diese und ihre Katze beide einen Verband am Bein. Kahlo hatte ein verkürztes Bein, das ihr Zeit ihres Lebens Probleme bereitete. Bei Demme gibt es keine Zufälle.

Reminiszenz an Audrey Hepburn

Doch nicht nur die Bücher charakterisieren Lulu alias Audrey. Trägt sie am Anfang noch dunkle Kleidung und sehr viel, fast überladenen Schmuck, wird daraus ein geblümtes Kleid, zu dem sie kaum noch Schmuck trägt. Schließlich färbt sie sich die Haare blond und trägt ein weißes Abendkleid und als einzigen Schmuck eine Kette mit einem Kreuz daran. Später wird daraus ein fast graues, erdfarbenes Ensemble, das ihre Person nahezu auflöst. Und ganz am Ende, welches mit dem Anfang korrespondiert, trägt sie die edle Garderobe einer selbstbewussten reichen Frau, die mit einem Hut gekrönt wird. Es ist ein Outfit, das sehr von einer anderen Audrey, nämlich Audrey Hepburn beeinflusst wurde und in die 60er-Jahre verweist. Sie nimmt eine neue Rolle an, die der Ehefrau, die sich anscheinend unterordnen wird. Dazu hat sie ein familientaugliches Fahrzeug dabei, denn sie allein hat die Entscheidung gefällt, mit Charlie eine Familie zu gründen. Er hat die Prüfungen bestanden, die sie ihm auferlegt hat, und den bösen Drachen oder Zauberer (Ray) besiegt. Vom Anfang bis zum Schluss bleibt sie die bestimmende Person und die Unterordnung nur eine weitere Rolle einer schillernden Figur. Melanie Griffith verkörpert diese glaubwürdig mit einer überraschenden Vielschichtigkeit. Aber auch Jeff Daniels spielt sehr gut seinen sich stetig verändernden Geschäftsmann, der am Anfang beim Trinken aus einer Whiskyflasche geradezu im Beifahrersitz zu verschwinden scheint und am Ende ein Selbstbewusstsein entwickelt hat, das ihn dieser starken Frau gewachsen sein lässt.

Audrey in Aktion

Der dunkel gekleidete Ray dagegen bleibt, was er von Anfang an ist, attraktiv, wild, wütend und unmittelbar in seinen Bedürfnissen. Er definiert sich über körperliche Gewalt. Nur einmal verändert er sein Äußeres. So wie Audrey an einer Stelle eine Gesichtsmaske trägt und danach eine neue Person geworden ist, so streicht er sich mit seiner blutigen Hand durch die Haare und hinterlässt so ebenfalls eine Art Gesichtsmaske, die ihn zu einer endgültigen und schließlich letzten Identität verändert.

Christliche Symbolik und reine Liebe

Das Kreuz, welches Audrey trägt, ist nur eines in einer ganzen Reihe von christlichen Symbolen, die den Film begleiten. In ihrem ersten Auto steht bei all dem Voodoo-Zubehör auch eine kleine Heiligenfigur vor der Windschutzscheibe, in ihrer Wohnung gibt es ein Kreuz über der Tür und ein paar Kreuze sind unten am Haus angebracht. Im Jugendzimmer bei ihrer Mutter finden wir ein christliches Bild mit dem offenen Herzen Jesu. Charlies Geld ist eigentlich für Weihnachten gedacht und wenn er Audrey und Ray verfolgt, steht er mit seinem Wagen vor einer Kirche mit drei Kreuzen. Ray schließlich behauptet einem jungen Mädchen gegenüber, seine Frau sei mit einem Bibelverkäufer durchgebrannt, und wenn er seinen Kontrahenten mit dem Auto verfolgt, hört er im Radio einen Bibel-Sender. So viel Symbolik ist sicher kein Zufall, denn die christliche Liebe ist eben auch eine reine. Wenn Ray im Auto mit Charlie über Audreys Qualitäten im Bett redet, dann weist dieser das als unangemessen zurück. Seine Liebe ist tatsächlich rein und das gilt letztlich auch für Audrey, die mit dem weißen Kleid und dem Kreuz wie eine jungfräuliche Braut wirkt. Sie erhalten sich diese Reinheit bis zum Schluss, auch wenn es nur eine Reinheit des Geistes sein mag.

Ray ohne Charlie und Lulu

Schließlich möchte ich nicht die Musik vergessen. Den Score komponierten Laurie Anderson und John Cale. Das ist durchaus ungewöhnlich, denn beide sind gewiss nicht dem musikalischen Mainstream zuzurechnen. Ihre Musik unterstützt die Bilder und das Spiel adäquat. Der Titelsong „Loco de Amor“ stammt von David Byrne, der immer wieder mit Demme zusammengearbeitet hat, und dieser hatte zwei Jahre zuvor „Stop Making Sense“ mit und über die Talking Heads gedreht, der bis heute als einer der besten Konzertfilme überhaupt gilt. Am Anfang und am Ende von „Gefährliche Freundin“ erklingt Weltmusik unterschiedlicher Interpreten. Die Highschool-Reunion wird musikalisch intensiv von einer Band begleitet, die sehr gitarrenlastige Musik spielt und im Film „The Willies“ heißt. Diese sind tatsächlich „The Feelies“, die zu jener Zeit eine recht bekannte Independent-Band in den USA waren. Danach wird die Musik so finster wie die Handlung und am Ende schließen sich die Bögen auch musikalisch. Der Soundtrack ist leider nur in Auszügen erschienen und dürfte eine der besten Kompilationen von Popmusik aus der Mitte der 80er darstellen.

Jonathan Demme

Ganz am Ende ein paar Worte zum Regisseur. Wenige Jahre nach „Gefährliche Freundin“ hatte Jonathan Demme den endgültigen Durchbruch mit „Das Schweigen der Lämmer“ („The Silence of the Lambs“, 1991) und „Philadelphia“ (1993), die mit Oscars überschüttet wurden. Eigentlich kam er von der Musik her, er arbeitete als Musikjournalist, und lernte das Filmhandwerk bei Roger Corman. Für den realisierte er 1974 als Debüt den sehenswerten Frauengefängnisfilm „Das Zuchthaus der verlorenen Mädchen“ („Caged Heat“). Danach drehte er mit unterschiedlichem Erfolg Spielfilme, aber auch Fernsehfilme und Dokumentationen. Direkt nach „Gefährliche Freundin“ drehte er die Aufzeichnung der Soloperformance „Swimming to Cambodia“ von Spalding Gray. Dieser gehörte zu einer der einflussreichsten amerikanischen Theatergruppen, der „Wooster Group“, die das postdramatische Theater der 80er- und 90er-Jahre auch in Europa prägen sollten. Ein anderes Mitglied der Gruppe, Ron Vawter, hatte immer mal wieder kleine Rollen in Demmes Filmen. Man muss das auch wissen, um zu verstehen, was für ein vielschichtiger Filmemacher Demme war. Er mäanderte zwischen Avantgarde und Bahnhofskino. Und „Gefährliche Freundin“ ist das beste Beispiel dafür, kluges intellektuelles Kino, das gleichzeitig aber auch Genres zu bedienen weiß. Kurz, der Idealfall, der ein sehr unterschiedliches Publikum gut zu unterhalten weiß.

Audrey erklärt Ray Lulu und Charlie

Die Veröffentlichung von OFDb Filmworks ist uneingeschränkt zu empfehlen. Bild und Ton sind sehr gut und der Audiokommentar kenntnisreich und zielführend. Der Booklet-Text ergänzt diesen hervorragend.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jonathan Demme haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Daniels unter Schauspieler.

Ray und Charlie in Aktion

Veröffentlichung: 27. Februar 2020 als Limited 2-Disc Edition (Blu-ray & DVD, 2 Covervarianten à 999 und 222 Exemplare), 4. September 2006 und 25. November 2002 als DVD

Länge: 114 Min. (Blu-ray), 108 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Something Wild
USA, 1986
Regie: Jonathan Demme
Drehbuch: E. Max Frye
Besetzung: Melanie Griffith, Jeff Daniels, Ray Liotta, George „Red“ Schwartz, Margaret Colin, Leib Lensky, Tracey Walter, Charles Napier, John Waters
Zusatzmaterial: Englischer Trailer, Audiokommentar von Patrick Bennat, Booklet mit einem Text von Thorsten Hanisch
Label/Vertrieb Mediabook: OFDb Filmworks
Label/Vertrieb DVD 2006: Twentieth Century Fox Home Entertainment
Label/Vertrieb DVD 2002: MGM

Copyright 2020 by Lars Johansen

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 OFDb Filmworks

 
 

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Tschick – Per Lada durch die Pampa

tschick-plakat

Tschick

Kinostart: 15. September 2016

Von Matthias Holm

Komödie // Mit Filmen wie „Kurz und schmerzlos“, „Im Juli“ und „Gegen die Wand“ hat sich Fatih Akin einen Ruf als Regisseur mit Gespür für seine Figuren erarbeitet. Auch bei „Auf der anderen Seite“, „Soul Kitchen“ und „The Cut“ sind es vor allem die Protagonisten, die dem Zuschauer im Gedächtnis bleiben. Da ist Akin für die Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“, in denen zwei Jugendliche mit einem blauen Lada durch die deutsche Provinz fahren, nur die logische Wahl.

Zwei Außenseiter auf Reisen

Maik Klingenberg (Tristan Göbel) ist in seiner Klasse nicht gerade beliebt. Der Höhepunkt seines Außenseiterstatus: Er wird fast als Einziger nicht zum Geburtstag von Tatjana (Aniya Wendel) eingeladen. Dabei hatte er lange an einem Geschenk für sie gearbeitet. Plötzlich steht sein neuer Klassenkamerad Andrej Tschichatschow (Anand Batbileg), kurz Tschick, mit einem geklauten Auto vor der Tür. Er lockt Maik aus der Reserve und zusammen begeben sich die beiden Teenager auf einen Sommer-Roadtrip.

Maik (Tristan Göbel) und Tschick (Anand Batbileg)

Maik und Tschick rasen auch durch Kornfelder

Akin schafft in „Tschick“ eine Sache, die vielen Filmen in letzter Zeit abgeht: Er trifft ein perfektes Erzähltempo. Zu Anfang wird Maik in seiner gewohnten Umgebung gezeigt, mit seiner alkoholkranken Mutter und seinem arroganten Vater. So bekommt der Zuschauer früh ein Gefühl für die Figur, was im Lauf des Films dazu führt, die Entwicklung von Maik einfacher nachvollziehen zu können.

Tschick als Mysterium

Der Gegensatz dazu ist Tschick. Der russische Junge, immer in kaputten Schuhen und Jogginghose unterwegs, dient als Katalysator für Maiks Wandlung, viel erfährt man aber nicht über ihn. Das ist auch gut so, denn so wird Tschick zu einer überhöhten Figur, die auch nach Ende des Films mysteriös bleibt. Die zwei Jungschauspieler Tristan Göbel und Anand Batbileg stemmen ihre Figuren mit Bravour, man schaut beiden auf ihrer Reise gern zu.

Auf dem Weg in die Walachai

Deutsche Landidylle

Dafür sorgen auch die Dialoge. Der Jugendslang ist gewöhnungsbedürftig, wirkt aber nie aufgesetzt, sondern immer realistisch. In den Unterhaltungen werden nicht nur lustige Sprüche ausgetauscht, während der Reise kehren die Jungs auch immer mehr ihr Innerstes nach außen, es entsteht ein witziger und berührender Coming-of-Age Film.

So kann Akin wieder seine Stärke voll ausspielen – das erwähnte Gespür für Figuren. Und auch alle anderen Aspekte, wie die modernen Musikstücke von zum Beispiel „Royal Blood“ und „K.I.Z“, die Nebendarsteller und die visuelle Gestaltung sind auf höchstem internationalen Niveau. Einzig der etwas ereignislose Mittelteil zieht den Film ein wenig runter, ansonsten ist „Tschick“ ein wunderbarer, konsequenter deutscher Film.

Kevin Kuranyi? Nein, Tschick (Anand Batbileg) mit aufgeklebtem "Bart"

Spaß mit Klebeband

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Tschick
D 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Hark Bohm, Lars Hubrich, nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf
Besetzung: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Nicole Mercedes Müller, Bella Bading, Sammy Scheuritzel, Aniya Wendel, Max Kluge
Verleih: Studiocanal Filmverleih GmbH

Copyright 2016 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Studiocanal Filmverleih GmbH

 

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