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Cadillac Man – Sex, Lügen und Luxusautos: Ein Hoch auf das amerikanische Unternehmertum

Cadillac Man

Von Lucas Gröning

Komödie // Joey O’Brian (Robin Williams) ist Geschäftsmann durch und durch. Bereits in der ersten Szene des 1990 veröffentlichten Films „Cadillac Man“ sehen wir den Autoverkäufer beim Verrichten seines Handwerks. Selbst eine pannenbedingt gestoppte Beerdigung stellt für ihn eine Möglichkeit dar, eines der kostbaren Vehikel des Autohauses „Turgeon“ an den Mann oder die Frau zu bringen. Doch trotz dieser zur Schau getragenen Skrupellosigkeit und eines stark ausgeprägten Geschäftssinns hat Joey ein Problem: Im Zuge einer Umstrukturierung plant seine Firma einen Umzug, in dessen Verlauf auch eine Entlassungswelle auf die Mitarbeiter zukommen könnte. Nur die besten Verkäufer sollen weiterhin für „Turgeon“ arbeiten dürfen, weshalb Joey nun dazu gezwungen ist, im Rahmen des Schlussverkaufs am kommenden Sonntag mindestens zwölf Autos zu verkaufen.

Joey O’Brian ist ein nur bedingt erfolgreicher Autoverkäufer

Doch nicht nur aufgrund seiner Bedürfnisse ist eine Weiterbeschäftigung wünschenswert; zusätzlich hat der Geschäftsmann, wie wir im Verlauf der Handlung erfahren, 20.000 Dollar Schulden beim dubiosen Geschäftsmann Frankie Dipino (Richard Panebianco), obendrein muss er den Unterhalt für seine Ex-Frau Tina (Pamela Reed) und die gemeinsame Tochter Lisa (Tristine Skyler) bezahlen. Zusätzlich hat Joey mit Joy (Fran Drescher) und Lila (Lori Petty) gleich zwei Geliebte, die er mit der jeweils anderen betrügt und denen er jeweils einen gewissen Luxus bieten muss, um sich weiterhin als Liebhaber zu qualifizieren. Eine verzwickte Situation also, die sich auch am letzten Verkaufstag nicht entspannt, denn das Geschäft läuft für Joey nur mäßig. Als sei das nicht genug, verschlimmert sich die Situation noch einmal, denn der Autohandel wird plötzlich vom dort beschäftigten Mechaniker Larry (Tim Robbins) überfallen, der bewaffnet und mit Sprengstoff ausgestattet das Autohaus stürmt und alle Anwesenden als Geiseln nimmt. Reichlich Stress also für den „Cadillac Man“ und es bleibt abzuwarten, ob und wie er und die anderen gefangenen Leute aus dieser misslichen Lage wieder herauskommen.

Zu Joeys zahlreichen Problemen gesellt sich bald ein weiteres

Inszeniert wird der Film von Roger Donaldson, einem australischen Regisseur, der nach seiner Emigration nach Neuseeland maßgeblich am Aufbau der dortigen Filmindustrie beteiligt war. Sein Debütfilm „Schlafende Hunde“ (1977) stellt hier den wohl größten Coup dar, denn es war der erste neuseeländische Spielfilm überhaupt, welcher es in die US-amerikanischen Kinos schaffte. In der Folge drehte Donaldson vermehrt in Hollywood und konnte eine ganze Reihe von Stars für seine Filme gewinnen. So arbeitete er im 1984 erschienenen „Die Bounty“, dem zweiten Remake des 1935er Klassikers „Meuterei auf der Bounty“ mit Daniel Day-Lewis, Mel Gibson, Anthony Hopkins und Laurence Olivier zusammen und mit Tom Cruise im 1988 veröffentlichten „Cocktail“. Weitere Filme von ihm sind unter anderem „No Way Out“ (1987), „Species“ (1995) und „Mit Herz und Hand“ (2005). In „Cadillac Man“ wiederum gibt sich ebenfalls eine ganze Reihe von Stars die Ehre, von denen jedoch die wenigsten zum damaligen Zeitpunkt schon über einen hohen Bekanntheitsgrad verfügten. Fran Drescher beispielsweise fiel bis dato in erster Linie durch kleinere Nebenrollen auf, beispielsweise in „This Is Spinal Tap“ (1984), ehe sie 1993 die Hauptrolle in der CBS-Serie „Die Nanny“ bekam, mit der man sie heute am ehesten in Verbindung bringt. Tim Robbins hingegen war damals schon durchaus ein Name in Hollywood, seinen großen Durchbruch schaffte auch er allerdings erst in den darauffolgenen Filmen – am ehesten im ebenfalls 1990 erschienenen „Jacob’s Ladder – In der Gewalt des Jenseits“ und natürlich im 1994er Gefängnisdrama „Die Verurteilten“.

Die Starpersona Robin Williams

Ein weiterer Schauspieler dieser Kategorie ist Hauptdarsteller Robin Williams. Dieser hatte zwar vorher bereits große Rollen, mit denen man ihn auch heute noch in Verbindung bringt – „Good Morning Vietnam“ (1987) und „Der Club der toten Dichter“ (1989) seien hier genannt –, seinen Siegeszug in Hollywood und das Erreichen einer höheren Popularität feierte er allerdings vor allem in den 1990er- und 2000er-Jahren mit Werken wie „Hook“ (1991), „Mrs. Doubtfire – Das stachelige Kindermädchen“ (1993), „Jumanji“ (1997) „Good Will Hunting – Der gute Will Hunting“ (1997) und „Insomnia – Schlaflos“ (2002). Insbesondere die ersten drei dieser Reihe sind hier interessant, denn sie können als Filme angesehen werden, die vor allem die humorvolle Seite des Darstellers zur Schau stellen und sich vornehmlich an ein jüngeres Publikum und an Familien richten. Auch wenn diese Seite auch in anderen, ernsthafteren Filmen von Williams mitschwingt, finden wir sie in den genannten Werken doch recht explizit. Der Humor, der das Spiel des Schauspielers in all diesen Rollen auszeichnet, entsteht dabei durch eine Vielzahl von wiederholten Elementen, vor allem aber durch eine Form von überambitioniertem Handeln und Selbstüberschätzung, mit der die Hauptperson an einem Punkt des Filmes überfordert ist, kombiniert mit einer gewissen, subtil zur Schau getragenen Tollpatschigkeit, die sich gerade in brenzligen Situationen artikuliert, wenn die Überforderung am höchsten scheint. In „Hook“ ist der von Williams verkörperte Peter Pan zunächst überfordert mit der Situation, einen Draht zu den jungen Leuten aufzubauen und damit, die Aufnahmerituale der Gruppe zu überstehen. Als Mrs. Doubtfire entsteht seine Überforderung durch die schwere, ambitionierte Aufgabe, ein Kindermädchen spielen zu müssen und deren Rolle in perfekter Weise auszuüben, also auch im authentischen Überschreiten von Gendergrenzen. „Jumanji“ wiederum überfodert seine Hauptfigur mit der enorm hohen Zahl an Gefahren des Dschungels, genauso wie mit der modernen Zivilisation und der Notwendigkeit, trotz dieser Ausnahmesituation eine alltägliche Normalität aufrechtzuerhalten.

Das Autohaus seines Arbeitgebers wird vom Mechaniker Larry überfallen

All diese Filme eint, dass die von Robin Williams gespielten Figuren im Lauf der Handlung, mit einiger Hilfe von Außen, die Oberhand gewinnen und es somit zu einem klassischen Happy End kommt. Wir erleben seine Charaktere also immer als Menschen, die in der Lage sind, selbst verschuldete Ausnahmesituationen innerhalb des Alltags zu meistern, trotz dass wir es, auch aufgrund ihrer Tollpatschigkeit, nicht mit einem klassischen strahlenden Helden oder einem souveränen Mann der Marke James Stewart oder Clark Gable zu tun haben. Auch sein recht dünner Körperbau erinnert nicht an diese lange vergangenen typischen Männerfiguren, die man aus dem klassischen Hollywoodkino kennt. Vielmehr scheint sich in den Rollen von Williams ein Männertypus zu manifestieren, der eben nicht dieses vermeintliche Ideal abbildelt, sondern sich eher an die Lebensrealität des Großteils der männlichen Zuschauerschaft annähert. Seine Rollen sind, um es vielleicht einfacher und klarer zu formulieren, „normale“ Leute, die jedoch über sich hinauswachsen und in die Lage versetzt werden, außergewöhnliche Situationen zu meistern. Dies scheint ein wichtiger Aspekt der Essenz der Starpersona von Robin Williams zu sein, der den hohen Identifikationsfaktor des Schauspielers mit einem Großteil der Zuschauerschaft ausmacht. Zugleich spielt in seinen Filmen häufig die Beziehung zwischen Vätern zu ihren Kindern eine große Rolle – oder auch von Ersatzvätern zu ihren Kindern. Durch seine oftmals antiautoritäre Herangehensweise, das große Verständnis für die Situation der Kinder und den starken Einsatz humoristischer Elemente wird Williams hier auch als Vaterfigur für ein Publikum der Kinder inszeniert.

Larry vermutet, dass seine Frau ihn betrügt …

Durch die zugleich enorm fürsorgliche Seite seiner Rollen bringt er jedoch auch spezifische, im psychoanalytischen Sinne (beispielsweise zu finden bei C. G. Jung) als weiblich konnotierte Eigenschaften in sein Spiel, wodurch man vielleicht schlussfolgern kann, dass seine Figuren nicht nur Vaterfiguren, sondern auch Mutterfiguren repräsentieren (besonders explizit in „Mrs. Doubtfire“) und somit dem reinen klassischen autoritären Vatertypus in gewisser Weise widersprechen. Somit bieten seine Charaktere eben nicht bloß Identifikationspotenzial für Männer und Väter, sondern auch für Frauen und Mütter. Man könnte also sagen, dass mit der Starpersona Robin Williams im Hollywoodkino der 1990er- und 2000er-Jahre ein Vehikel produziert wurde, mit dem sich fast uneingeschränkt jeder identifizieren kann. Er verkörpert eine bestimmte Wunschvorstellung von Elternschaft, die sowohl Väter und Mütter als auch Kinder anspricht, was mit einem Ablösen des klassischen männlichen, souveränen Helden einhergeht und ein viel weiblicher-konnotiertes und zeitgemäßeres Bild von Männlichkeit und Vaterschaft produziert. Dahingehend bilden die Rollen von Robin Williams, genauso wie seine Filme, tatsächlich den kleinsten gemeinsamen Nenner und eignen sich daher für die Rezeption eines Massenpublikums in beispielhafter Weise.

Ein ungewohntes Seherlebnis

Für jemanden, der unter anderem mit den zuvor genannten Filmen aufgewachsen ist, wirkte die Sichtung von „Cadillac Man“ in gewisser Weise vertraut und befremdlich zugleich. Zunächst zu den Aspekten, die sich auch in den zuvor beschriebenen Filmen finden lassen: Auch hier haben wir es mit einem Familienvater zu tun und auch hier haben wir es mit einer Situation der Überforderung zu tun, aus der zum Teil exzellente komödiantische Szenen entstehen. Nicht nur scheint die Aufgabe, zwölf Autos an einem Tag verkaufen zu müssen, auch angesichts der individuellen und teils sehr anspruchsvollen Wünsche der Kunden, äußerst schwierig, auch das selbstgewählte Leid, mehrere Liebschaften paralell zu organisieren, stellt eine große Herausforderung dar. Und hier findet sich gleich der wichtigste Punkt, in dem sich Joey O’Brian von den anderen komödiantischen Charakteren des Darstellers unterscheidet: Wir haben hier keinen klassischen treusorgenden Ehemann oder zumindest eine liebenswürdige Vaterfigur, sondern jemanden, der das Wohl seiner Ex-Frau und Tochter, wenn überhaupt, nur aus den Augenwinkeln betrachtet. Die Ausgangslage für eine rührende Familienvereinigung bietet der Film zwar, diese lässt sich jedoch, vor allem aufgrund der individuellen Bedürfnisse des Protagonisten, nicht realisieren. Kein klärendes Gespräch zwischen Mann und Frau, keine rührselige Umarmung zwischen Vater und Tochter – Gelegenheiten, die sich die Regisseure jener Familienfilme der 1990er-Jahre mit Sicherheit nicht hätten entgehen lassen, lässt Roger Donaldson verstreichen. Doch er will auch gar nicht darauf hinaus, wie die beiden parallel unterhaltenen Liebschaften Joeys zeigen. Den Frauen spielt er etwas vor, kauft für sie teure Sachen und lässt jede der beiden jeweils glauben, sie sei die einzig Wahre für ihn. In erster Linie, das wird schnell deutlich, geht es hier um Sex, nicht um Liebe – einhergehend mit einer Objektifizierung von Frauen. Damit sei jedoch nicht gemeint, der Film an sich sei sexistisch, vielmehr führt die wegfallende Identifikationsmöglichkeit mit Joey, hinsichtlich seines recht offensichtlich sexistischen Umgangs mit Frauen dazu, dass wir seine Sichtweise auf die Dinge stärker hinterfragen und diese Position eben nicht zwangsläufig einnehmen. Eine Rolle von Robin Williams, die ihn eben nicht als klassischen Symphatieträger zeigt, abgesehen von seinen Antagonistenrollen in „Insomnia“ oder „One Hour Photo“ (2002) beispielsweise, stellt dahingehend schon ein recht ungewohntes Seherlebnis dar.

Ein Funken Ronald Reagan

Die Komödie bereitet einen also auf der einen Seite darauf vor, was man in Filmen mit Robin Williams später noch sehen würde, nämlich die Art, wie komödiantische Situationen entstehen, und zeigt auf der anderen Seite eine vollkommen andere Figur, deren Verständnis von Familie, Sex und Liebe sich fundamental von diesen unterscheidet. Die Familie wird aber auch insgesamt in „Cadillac Man“, trotz dass wir Joeys Sichtweise nicht unbedingt teilen müssen, größtenteils hintendran gestellt, was am Mangel eines positiven Gegenbeispiels für die zerrüttete Familie der Hauptperson festzumachen ist. Dahingehend widerspricht der Film in gewisser Weise dem zum damaligen Zeitpunkt und bis heute größtenteils immer noch dominierenden Denken in den Vereinigten Staaten von Amerika, vor allem hinsichtlich der Präsidentschaftsära von Ronald Reagan. Der von ihm in den 1980er-Jahren politisch realisierte Neoliberalismus, wonach sich der Staat weitgehend aus dem Wirtschaftskreislauf heraushalten soll, sah vor allem eine Eigenverantwortung des Individuums für das persönliche Wohl vor und eben kein „In-die-Bresche-Springen“ der gesamten Gesellschaft in Form von Investitionen des Staates, beispielsweise realisiert in Sozialleistungen. Sollte das Individuum aus irgendeinem Grund nicht in der Lage sein, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, solle die Familie einspringen und den Einzelnen absichern. Oder um es mit den Worten von Margaret Thatcher auszudrücken, die ungefähr im gleichen Zeitraum britische Premierministerin war und der gleichen Strömung wie Reagan zuzurechnen ist (die Reaganomics und der Thatcherismus sind zwei Seiten einer Medaille): „There’s no such thing as society. There are individual men and women and there are families.“ Zu deutsch: „So etwas wie eine Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt individuelle Männer und Frauen und es gibt Familien.“ Zwar ist Joey dazu gezwungen, den Unterhalt für seine Frau und seine Tochter zu zahlen, eine wirklich enge persönliche Verbindung gibt es zu beiden jedoch nicht. Vielmehr stellt der Film hier das Individuum heraus und wird auch im Laufe der Handlung, insbesondere in der zweiten Hälfte darauf zurückkommen, dass es so etwas wie eine solidarische Gesellschaft durchaus gibt, wenn auch nicht im Sinne von monetären Kausalitäten.

… und hält bald Joey für den geheimen Liebhaber

Hinsichtlich der angesprochenen Geldzusammenhänge nämlich folgt „Cadillac Man“ schon den Idealen der 1980er und feiert den amerikanischen Unternehmergeist recht offensichtlich. Joey lässt keine Gelegenheit aus, seinem Geschäft nachzugehen und sieht in jedem dahergelaufenen Menschen einen Kunden. Er bestätigt dadurch die neoliberale Ideologie, nach derer die Menschen, wenn sie keine soziale Absicherung haben und im wahrsten Sinne des Wortes dazu gezwungen werden, auf dem Markt aktiv zu werden, ihr Potenzial entfalten und den Wohlstand für eine Nation erwirtschaften – frei nach dem Ronald-Reagan-Zitat „We must not look to government to solve our problems. Government is the problem.“ Zu deutsch: „Wir dürfen nicht auf die Regierung schauen, um unsere Probleme zu lösen. Die Regierung ist das Problem.“ Dementsprechend ist auch Joeys Selbstbezeichnung in diese Richtung zu verstehen, denn mehrmals im Film spricht er von sich als „Legende, Liebhaber, Verkäufer“. Stellt der Begriff „Legende“ noch eine überhöhte Selbstglorifizierung des Protagonisten dar und die Bezeichnung „Liebhaber“ den Verweis auf sein freies, ungebundenes Sexualleben, zeigt „Verkäufer“ das Aufgehen des Protagonisten im Beruf und die Identifikation mit der Tätigkeit des Verkaufens an. Das ist eine Haltung, mit der im Verlaufe des Films auch nicht wirklich gebrochen wird, was in der Folge zu einer ausbleibenden Charakterentwicklung führt. Wie zu Beginn sehen wir am Ende des Films (keine Sorge, das ist kein großer Spoiler) eine Einstellung, in der Joey während einer Autofahrt zu uns Zuschauern spricht. Die Kamera ist dabei auf dem Beifahrersitz in einer Halbnahen platziert und auf die Hauptfigur gerichtet. Während dieser Einstellung trägt Joey mit derselben Mimik, den gleichen Gesten und annähernd denselben Worten die gleiche Selbstdarstellung vor, die er auch zu Beginn geäußert hat – inklusive der Bezeichnung als „Legende, Liebhaber, Unternehmer“. Eine höhere Erkenntnis, beispielsweise in der Notwendigkeit des Auflösens seiner Doppelbeziehung zu den beiden Frauen oder eine Wiedervereinigung der Familie, bleibt dadurch lediglich Behauptung und der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Weniger unschuldig als spätere Williams-Filme

Man kann also insgesamt konstatieren dass „Cadillac Man“ noch recht wenig von der Unschuld späterer Williams-Filme hat, wenn er auch einige Elemente, allen voran jene seiner Komödien, durchaus vorwegnimmt. Eine eindeutige politische Verortung bleibt ebenfalls aus, denn dazu bilden die einzelnen Elemente ein zu komplexes und ambivalentes Konstrukt, gerade wenn man auf die zahlreichen, im Text weitestgehend unbeachteten Nebenfiguren blickt. Einen Funken des Zeitgeistes aus der Reagan-Ära, in der sich der Film historisch verorten lässt, findet sich mit dem Herausstellen des amerikanischen Unternehmertums aber in jedem Fall. Auch wenn die Figur des Joey O’Brian als satirische Überhöhung dieses Geistes angesehen werden kann, so kann der Film diese Lesart durch den fehlenden Bruch mit jenen Idealen nur schwer abstreifen.

Eine brenzlige Situation, aus der sich Joey nur schwer befreien kann

Von den interpretatorischen Fäden abgesehen bietet „Cadillac Man“ exzellente komödiantische Unterhaltung, die andere Filme des Hauptdarstellers zwar nur bedingt erreicht, jedoch gerade im Zusammenspiel mit Co-Star Tim Robbins einen nicht zu verachtenden Charme entfaltet. In Deutschland hat die Wicked Vision Distribution GmbH die Komödie 2020 zum 30. Jahrestag ihrer Premiere in einer ansprechenden 30th Anniversary Edition veröffentlicht. Die Version enthält ein umfangreiches Booklet mit interessanten und informativen Texten von Christoph N. Kellerbach bezüglich der Biografie von Robin Williams und der Entstehungsgeschichte von „Cadillac Man“, garniert mit einer Vielzahl amüsanter Anekdoten und einer Einordnung des Films in die Werkhistorie seines Hauptdarstellers. Lektoriert wurden die Beiträge übrigens von „Die Nacht der lebenden Texte“-Betreiber Volker Schönenberger. Die 30th Anniversary Edition kann unter anderem direkt im Online-Shop von Wicked Vision geordert werden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tim Robbins und Robin Williams haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 29. Mai 2020 als 2-Disc 30th Anniversary Edition (Blu-ray & DVD), 5. Februar 2007 und 5. September 2002 als DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Cadillac Man
USA 1990
Regie: Roger Donaldson
Drehbuch: Ken Friedman
Besetzung: Robin Williams, Tim Robbins, Pamela Reed, Fran Drescher, Zack Norman, Lori Petty, Annabella Sciorra, Paul Guilfoyle, Bill Nelson, Richard Panebianco
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Roger Donaldson, Bildergalerie, deutscher Trailer, Originaltrailer, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph N. Kellerbach
Label/Vertrieb 2020: Wicked Vision Distribution GmbH
Label/Vertrieb 2007/2002: MGM

Copyright 2021 by Lucas Gröning

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Wicked Vision Distribution GmbH

 

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Terry Gilliam (IV): Die Abenteuer des Baron Münchhausen – Fuck Your Reality, Imagination Rulez!

The Adventures of Baron Munchausen

Von Lutz R. Bierend

Fantasy-Abenteuer // „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ bildet den dritten Teil von Terry Gilliams informeller Fantasie(Imagination)-Trilogie, welche nach „Time Bandits“ (1981) und „Brazil“ (1985) hier einen überzeugenden Abschluss findet. Während in „Time Bandits“ ein kleiner Junge von seinen Fantasien in wilde Abenteuer getrieben wird und sich in „Brazil“ ein erwachsener Mann mithilfe seiner Fantasie aus einer unerträglichen Realität flüchtet, erleben wir in „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“, wie ein Meister der Fantasie seine Imagination nutzt, um sich die Welt nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Wer sollte dazu besser geeignet sein als der altbekannte Lügenbaron? Dem hatten unter anderen bereits 1943 Hans Albers in der Titelrolle, Erich Kästner als Drehbuchautor (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) und Regisseur Josef von Báky in „Münchhausen“ ein Denkmal gesetzt. Nicht nur die treue Anhängerschaft des buntesten Durchhalte-Films des Zweiten Weltkriegs erschwerte es Gilliam, für seine Regiearbeit ein neues Publikum zu finden.

Schneller als Treppensteigen: einfach mit dem Pferd aus dem Fenster springen

Einer der Gründe warum das Werk so unter Wert lief, waren wieder mal (ähnlich wie bei „Brazil“) politische Querelen mit dem Studio. Diesmal vollzog sich während der Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ein Regimewechsel bei Columbia Pictures. Die neuen Verantwortlichen wollten laut IMDb die von ihren Vorgängern begonnenen Produktionen nicht allzu erfolgreich aussehen lassen und nachdem Gilliam sein Budget schon um fast das Doppelte seiner veranschlagten 23,5 Millionen Dollar überzogen hatte, brachte der Verleih den Film in den USA in lediglich 48 Kinos. Bedauerlich, er ist es definitiv wert, von mehr Menschen gesehen zu werden.

Your reality, sir, is lies and balderdash and I’m delighted to say that I have no grasp of it whatsoever.

Auch die Aura des Spießigen die bereits der Name Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen mit sich bringt, war zusammen mit seinen eher klischeehaften Rollenmodellen schon in den 80ern des 20. Jahrhunderts nicht mehr wirklich PC. Außerdem kennt jeder den Ritt auf der Kanonenkugel und die meisten anderen Geschichten die den Lügenbaron in die Literaturgeschichte haben eingehen lassen. Als ich damals die Ankündigung las, dass Gilliam Baron Münchhausen verfilmt, fiel mir die Vorstellung schwer, wie man aus dieser Geschichte noch etwas Sehenswertes herausquetschen kann. Aber zum Glück heißt der kreativere Terry der Monty Pythons immer noch Gilliam, und er hatte schon vorher gezeigt, dass er klassische Themen durch Entschlackung und seine ganz eigene Perspektive faszinierend neu gestalten kann. So inszenierte er den „Jabberwocky“ (1977) aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ ohne die dazugehörigen Alice und das Wunderland, sein filmischer Beitrag zum Überwachungsjahr 1984 kam ohne den Big Brother aus – der erste Arbeitstitel seiner kafkaesken Dystopie „Brazil“ lautete „1984 and ½“. Nun also sollte Baron Münchhausen einer Radikalkur unterzogen werden.

Late 18th Century. The Age of Reason. Wednesday.

Der Film beginnt in einer namenlosen, vermutlich österreichischen Stadt, die von den Türken belagert wird. Es ist das Zeitalter der Vernunft. Mittwoch. Öffentliche Bekanntmachungen empfehlen den Einwohnern, Nahrung zu sparen und es doch mal mit Kannibalismus zu probieren. Die Türken schießen unverschämterweise selbst am Mittwoch die halbe Stadt in Trümmer und die Bevölkerung der belagerten Metropole vertreibt sich die Zeit in einem Theater. Man gibt „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“. In seiner Loge bespricht währenddessen der hochwohlgeborene Bürgermeister Horatio Jackson (Jonathan Pryce) mit seinem Stab die Lage und beklagt sich über das unsittliche Verhalten des belagernden Sultans (Peter Jeffrey), weil dieser es wagt, am Mittwoch zu kämpfen. Nebenbei wird ihm ein Offizier (Sting) vorgestellt, der ganz allein sechs Kanonen des Feindes zerstört und zehn gefangene Kameraden befreit hat. Der muss natürlich umgehend hingerichtet werden. Wo komme man denn hin, wenn solch emotionale, von toxischer Maskulinität getriebenen Kerle die durchschnittlichen Soldaten herabwürdigen, weil sich diese natürlich nie mit solchem Heldenmut messen können.

We can’t have such emotional people demoralising the average citizen.

Währenddessen bemühen sich die Schauspieler redlich, ihr Stück zu Ende zu bringen. Das wird dadurch erschwert, dass inzwischen alle Bühnentechniker der Belagerung zum Opfer gefallen sind. Dann erscheint ein alter Mann (John Neville), der die Aufführung lautstark unterbricht. Er kann nicht mit ansehen, wie sein Leben von ein paar Chargen als Ansammlung von Lügengeschichten dargestellt wird. Der wahre Baron Münchhausen übernimmt die Hauptrolle und erklärt dem Publikum, wie es zu dieser Belagerung durch die Türken kommen konnte. Eine leichtfertige Wette zwischen Baron und Sultan habe den Herrscher der Osmanen um den Inhalt seiner Schatzkammer gebracht.

Wenn so reizende Damen fragen – wie kann man da nicht die Stadt retten wollen?

Letztendlich wird die Aufführung von den Kanonen des Sultans beendet und Horatio Jackson ordnet an, die Theatertruppe solle die Stadt verlassen. Wer mit solchem fantastischen Kokolores die Rationalität untergräbt, hat dort nichts zu suchen. Von den anwesenden Damen und allen voran von der kleinen Tochter des Chefs der Theatertruppe Sally Salt (Sarah Polley in einer frühen Rolle) lässt sich der Baron überreden, doch nicht zu sterben und stattdessen loszuziehen, um seine außergewöhnlichen Diener zu suchen, mit denen er die Belagerung durch den Sultan im Nu beenden kann. Mit einigen hundert Damenschlüpfern und einem Schiff aus der Bühnenrequisite bauen die Schauspieler einen Heißluftballon, und der Baron macht sich auf den Weg zum Mond.

Der Baron und Sally auf dem Weg zum Mond

Münchhausen hat allerdings die Rechnung ohne Sally gemacht, die sich in dem Ballon versteckt hat und dem Baron nun bei seiner Suche nach den Dienern zur Seite steht. Mit ihr zusammen muss er zuerst zum König vom Mond, dessen Frau immer noch dem Charme des Barons verfallen ist, in den Vesuv hinab, wo er mit Venus (Uma Thurman in einer ebenfalls frühen Rolle) anbändelt, und darf nach Sturz durch den Erdkern auch seine letzten Diener finden. Während der Baron bei dem einen oder anderen Flirt gern die Zeit vergisst und zwischendurch sein Interesse am Leben verliert, ist es Sally, die den alten Mann immer wieder an seine Aufgabe erinnert und nicht sterben lässt, bevor er die Stadt nicht gerettet hat. Aber der Tod ist ein ständiger Begleiter des Barons und will nicht ohne dessen Lebenslicht von dannen ziehen.

…any famous last words?

Not yet.

Not yet? Is that famous?

Natürlich kann man „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ vorwerfen, er sei (wie „Time Bandits“) eine Nummernrevue, in der die nettesten Momente der klassischen Lügengeschichten abgehakt werden, aber letztlich ist es Terry Gilliams Fähigkeit zu verdanken, großartige Bilder zu einem bizarren Gesamtwerk zusammenzufügen, dass der Film auch nach dem dritten Schauen immer noch überraschende Details bietet und bei genauerer Betrachtung sogar eine relativ klassische Dramaturgie hat, auch wenn sich der Zuschauer zwischendurch in den Unglaublichkeiten verliert. Die vielen legendären Momente, allen voran der Ritt auf der Kanonenkugel, passieren so überraschend beiläufig, dass sie ihre Schönheit beim ersten Sehen fast untergeht.

I didn’t fly miles. It was more like a mile-and-a-half. And I didn’t precisely fly. I merely held onto a mortar shell in the first instance and then a cannonball on the way back.

Wie so oft bei Gilliam hat man ohnehin das Gefühl, dass der Film immer kurzweiliger wird, je häufiger man ihn sieht. Wirkt die Reise, auf die der Regisseur den Zuschauer mitnimmt, beim ersten Mal etwas planlos und lang, weil man sich zu sehr mit der Frage beschäftigt, wohin die Reise einen führen wird, wird sie von Mal zu Mal schöner und kurzweiliger. Einfach da sitzen und darauf vertrauen, dass das Gezeigte bis zum Abspann noch ein kohärentes Ganzes ergibt, ist bei Gilliam immer ein guter Rat. Eines sei verraten: Am Ende siegt die Fantasie grandios über die Vernunft und über die Realität. Baron Münchhausen ist halt kein Anfänger wie Sam Lowrie aus „Brazil“, dem seine Fantasie nur noch hilft, aus einer unerträglichen Realität zu fliehen. Er ist ein Meister und dadurch, dass er seine Zuhörer und Zuschauer an seine Hirngespinste glauben lässt, werden sie für alle wahr.

He won’t get far on hot air and fantasy.

Terry Gilliam urteilte über die Verfilmung mit Hans Albers, dieser hinge leider Zwanghaftigkeit an: Die Deutschen wollten zeigen, dass sie einen Zwei-Fronten-Krieg führen und trotzdem den aufwendigsten Fantasy-Film ihrer Zeit drehen können. „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ hingegen springt spielend zwischen – fast brutalem – Realismus und der manchmal absurden Schönheit der Fantasiewelten des Barons hin und her. Wenn die türkischen Belagerer die Stadt in Schutt und Asche schießen und die verletzten Einwohner aus den Trümmern geborgen werden, fragt man sich schon, ob man wirklich in einem Familienfilm gelandet ist. Auch der Harem des Sultans ist meilenweit entfernt von den klassischen Darstellungen, die man aus Hollywoods 1001-Nacht-Verfilmungen wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) oder „Sindbads siebente Reise“ (1958) kennt. Man findet man kaum eine Frau, welche den westlichen Schönheitsidealen entspricht. Wohingegen Details wie die Längen- und Breitengrade auf der Erdkugel, auf die der Baron, Sally und sein Diener Berthold (Eric Idle) bei der Rückreise vom Mond herunterfallen, darauf hindeuten, dass sich die Geschichte wohl doch eher im Kopf eines Kindes abspielt, welches letztlich auch die Person ist, welche die Stadt rettet. Terry Gilliam widmete diesen Film seiner Frau und ihren beiden Töchtern, und offensichtlich nimmt er seine Kinder sehr ernst. Die Authentizität der Belagerung bildet einen guten Kontrast für eine fantastische, leichtfüßige Geschichte, die mit dem notwendigen Augenzwinkern erzählt wird, um den größten Lügner aller Zeiten nicht altbacken wirken zu lassen. Zu keiner Sekunde kommt das Gefühl auf, man würde die Geschichte bereits aus der Hans-Albers-Verfilmung kennen.

Ah, the real Baron Munchhuusen!

„Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ist ein wunderscherschönes Abenteuer über die Macht der Fantasie geworden, und man versteht nach der Sichtung gut, weshalb Joanne K. Rowling Terry Gilliam als Regisseur für die Harry-Potter-Verfilmung favorisierte. Allerdings wird an ihm auch deutlich, warum es eine wirtschaftlich sehr vernünftige Entscheidung von Warner Bros. war, Rowling ihren Wunsch zu verwehren. Die Filme wären zweifellos noch atemberaubender und fantasievoller geworden, aber Gilliam ist einfach kein Blockbuster-Regisseur und es ist zu bezweifeln, dass er 2019 bereits den Gefangenen von Askaban befreit hätte.

Der König des Mondes ist nicht gut auf Münchhausen zu sprechen

Die Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ war – wie bei fast jedem Terry-Gilliam-Film – von diversen Katastrophen geplagt. Am Ende des Budgets war weder die Szene mit dem König vom Mond gedreht, noch hatte Gilliam den eigentlich für diese Rolle vorgesehenen Sean Connery gewinnen können. Als Ersatz sprang Robin Williams ein, der direkt aus dem Flieger zum Set gebracht wurde, und seine Rolle als geübter Stand-up-Comedian fast komplett improvisierte. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das mal anders geplant war. Wer sich fragt, warum der Film nicht in Willams’ offizieller Filmografie gelistet ist: Im Nachspann steht er als Ray D. Tutto, denn das Geld war verbraucht, Williams spielte gratis und durfte deshalb nicht namentlich genannt werden.

Auch bei Vulkan und Venus hängt dank des alten Charmeurs der Haussegen schief

Die meisten Darsteller empfanden den Dreh als Zumutung. Sarah Polley bezeichnete die Erfahrung als traumatisierendes Kindheitserlebnis. Sie ist übrigens der einzige Grund, weswegen man die Originalfassung der ansonsten außerordentlich guten Synchronfassung vorziehen sollte. Wer sich beklagt, dass dieses Kind in der deutschen Fassung nervt, sollte sich davon überzeugen, dass sie im Englischen ein ganz entzückender Motor für das Voranschreiten der Geschichte ist. Kinder zu synchronisieren, das scheinen die Deutschen überhaupt nicht zu können. Ansonsten macht es auch Spaß, in der englischen Fassung zu hören, auf wie viele verschiedene Arten Engländer den Namen Münchhausen aussprechen können.

It wasn’t just a story, was it?

Von Gilliams altem Monty Python-Kollegen Eric Idle ist die Lebensweisheit überliefert: „Bis zu Munchausen war ich sehr schlau im Umgang mit Terry-Gilliam-Filmen. Sieh sie dir um jeden Preis an, aber sei nie ein Teil von ihnen. Es ist ein verdammter Wahnsinn!“ In einem Interview erklärte Gilliam einmal den Unterschied zwischen Blockbuster-Regisseuren wie Steven Spielberg und Filmemachern wie Stanley Kurbrick: „Meiner Meining nach basiert der Erfolg der meisten Hollywood-Filme in diesen Tagen auf der Tatsache, dass sie tröstlich sind. Sie binden große Fragen in schönen kleinen Päckchen zusammen und geben dem Zuschauer Antworten. Selbst wenn die Antworten dumm sind. Es sind Antworten. Du gehst nach Hause und machst dir keine Sorgen. Die Kubricks dieser Welt, die großartigen Filmemacher lassen Sie nach Hause gehen und darüber nachdenken.“ Terry Gilliam ist definitiv ein Filmemacher, der das Publikum mit Fragen nach Hause schickt. Bei „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ (2009) und „The Zero Theorem“ (2013) haben diese Fragen zwar so sehr überhandgenommen, dass sich nur Hardcore-Fans auf ein zweites Sehen einlassen, aber selbst bei „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ gelingt es Gilliam, das Publikum erst mal verwirrt zurückzulassen. Aber vermutlich werden seine Filme deshalb auch von Mal zu Mal schöner, weil sich die Fragen beim zweiten und dritten Schauen entwirren und man sich auf all die vielen Details konzentrieren kann, für die kaum ein Hollywoodproduzent sein Budget rauswerfen will.

Mal wieder hat der Baron sein Leben satt …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Uma Thurman unter Schauspielerinnen, Filme mit Oliver Reed und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

… und will dem Sultan seinen Kopf schenken

Veröffentlichung: 8. Mai 2008 als 20th Anniversary Edition Blu-ray, 10. April 2008 als 20th Anniversary Edition Doppel-DVD, 1. Oktober 1999 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Adventures of Baron Munchausen
GB/BRD 1988
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles McKeown, Terry Gilliam
Besetzung: John Neville, Eric Idle, Sarah Polley, Oliver Reed, Charles McKeown, Winston Dennis, Jack Purvis, Valentina Cortese, Jonathan Pryce, Bill Paterson, Peter Jeffrey, Uma Thurman, Alison Steadman, Sting, Robin Williams
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Terry Gilliam & Ko-Drehbuchautor/Schauspieler Charles McKeown, Wahnsinn & Missgeschicke bei der Produktion, Storyboards, entfallene Szenen, „Willkommen in der fantastischen Welt Münchhausens“
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend

Den Tod vor Augen, begehren die Bewohner gegen ihren Bürgermeister auf

Szenenfotos & Packshot: © 2008 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

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Zufällig allmächtig – Nicht mächtig genug

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Absolutely Anything

Von Simon Kyprianou

Komödie // Eine fortgeschrittene Alien-Rasse (Stimmen von John Cleese, Eric Idle, Terry Gilliam, Michael Palin und Terry Jones) will die Erde vernichten. Die Alien-Gesetze besagen aber: Erst müssen sie den Planeten einer Prüfung unterziehen, bevor sie ihn auslöschen. Ein zufällig ausgewählter Erdling bekommt für eine Woche die Macht, alles zu tun, was auch immer er will. Nutzt er die Kraft richtig und beweist damit, dass der Mensch eine Lebensform ist, die würdig ist, weiter existieren zu dürfen, so werden die Aliens unverrichteter Dinge abziehen.

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Neil und sein Hund Dennis sind einfach unzertrennlich

Die Wahl fällt auf den frustrierten Londoner Lehrer Neil (Simon Pegg). Der ist unzufrieden mit seinem Job, schafft es nicht, sein Buchprojekt endlich zu beenden und ist unsterblich in seine Nachbarin Catherine (Kate Beckinsale) verliebt. Seine einzigen wirklichen Freunde sind sein Hund Dennis (Stimme von Robin Williams) und sein Kollege Ray (Sanjeev Bhaskar). Als Neil seine neuen Fähigkeiten bemerkt, macht er sie sich sogleich zunutze, sein Leben zum Besseren zu wenden – permanent kritisch beäugt von den zerstörungswütigen Aliens.

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In Catherine ist Neil verliebt, aber es läuft nicht besonders gut

„Zufällig Allmächtig“ klingt erstmal ziemlich fantastisch: Regie führt Monty-Python-Mitglied Terry Jones, auch die restlichen überlebenden Pythons sind dabei, zumindest deren Stimmen, Robin Williams – und das erfüllt einen mit Wehmut – spricht den Hund Dennis und der wunderbare Simon Pegg veredelt sowieso jeden Film, an dem er mitwirkt. Außerdem gönnt sich „Zufällig allmächtig“ einen wunderschönen Vorspann – heutzutage leider eine Seltenheit.

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Mit seinen neuen Fähigkeiten richtet Neil (l.) viel Schaden an, den sein Freund Ray zu spüren bekommt

Viele Gags sind gelungen und teilweise auch angenehm räudig, lassen Erinnerungen an die alten Monty-Python-Filme aufkommen. Insgesamt bleibt „Zufällig allmächtig“ leider viel zu stark unter seinen Möglichkeiten. Neil kann alles tun, was er will – diese Prämisse nutzt der Film einfach nicht umfassend und interessant genug aus; dabei bietet sie Nährboden genug, etwa für bitterböse Zivilisationskritik. Das war gerade die Stärke von „Cobbler – Der Schuhmagier“, der eine mehr oder weniger ähnliche Prämisse hatte: Statt Allmacht hatte der Protagonist die Möglichkeit, in verschiedene Körper zu schlüpfen. Wo „Cobbler – Der Schuhmagier“ diese Idee voll und ganz ausgereizt hat – inklusive Vergewaltigungsfantasien und inzestuösen Szenen –, bleibt „Zufällig allmächtig“ viel zu zahm, plänkelt narrativ ständig dröge um die uninteressant geschriebene Beziehungsgeschichte herum. Viele gute Ideen hatten das Potenzial für bissige Komik, beispielsweise der Sexismus an Catherines Arbeitsplatz, der Egoismus des Menschen, die Unmöglichkeit, selbst mit der Allmacht die Welt zu einem besseren Ort zu machen; doch sie werden nur angedeutet und dann leider nicht weitergedacht.

Da wäre, und das ist durchgängig bemerkbar, einfach wesentlich mehr herauszuholen gewesen.

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Skrupellose Menschen wollen Neils Kräfte für sich ausbeuten

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Kate Beckinsale haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Brian Cox, Simon Pegg und Robin Williams unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 11. März 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: 86 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Absolutely Anything
GB/USA 2015
Regie: Terry Jones
Drehbuch: Gavin Scott, Terry Jones
Besetzung: Simon Pegg, Kate Beckinsale, Sanjeev Bhaskar, Emma Pierson, Meera Syal, Brian Cox sowie die Stimmen von John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Michael Palin, Terry Jones und Robin Williams
Zusatzmaterial: Wendecover
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2016 by Simon Kyprianou

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Wildbunch Germany / Universum Film

 

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