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Shape of Water – Das Flüstern des Wassers: So lieben wir Guillermo del Toro

The Shape of Water

Kinostart: 15. Februar 2018

Von Matthias Holm

Fantasy-Melodram // Guillermo del Toro hatte es in letzter Zeit nicht leicht: Sein Kaijū-Film „Pacific Rim“ war eine sinnfreie Prügel-Orgie mit einer spannenden Welt, die man dafür lieben oder, wie im Fall von Blogbetreiber Volker, als „Dumm-Spektakel“ bezeichnen kann. Auch sein folgender Film „Crimson Peak“ hatte wieder starke visuelle Qualitäten, aber die Schauermär kam einfach nicht in die Puschen. Da kommt es etwas überraschend, dass nun Del Toros jüngste Regiearbeit „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ bei den Golden Globes für sieben Trophäen nominiert war und zwei mit nach Hause nahm – für del Toros Regie und den Soundtrack. Bei den Oscars hat das Fantasy-Melodram sogar satte 13 Mal die Chance auf einen Goldjungen. Jede dieser Nominierungen ist gerechtfertigt, denn „Shape of Water“ ist endlich mal wieder ein fantasievolles Märchen für Erwachsene – eine Kategorie, auf die sich der Mexikaner bestens versteht.

Elisa tagträumt gern

In den 60er-Jahren arbeitet die stumme Elisa (Sally Hawkins, „Paddington 2“) in einer geheimen Forschungseinrichtung der Regierung zusammen mit ihrer Freundin Zelda (Octavia Spencer, „The Help“) als Putzfrau. Eines Tages wird ein merkwürdiges Wesen (Doug Jones, „Pans Labyrinth“) in die Einrichtung gebracht, begleitet von dem sadistischen Richard Strickland (Michael Shannon, „Nocturnal Animals“). Zwischen dem Meereswesen und Elisa entwickeln sich zarte Bande und zusammen mit ihrem Nachbarn Giles (Richard Jenkins, „Cabin in the Woods“), Zelda und dem Forscher Hoffstetler (Michael Stuhlbarg, „A Serious Man“) versucht sie, ihren neuen Freund aus der Einrichtung zu retten.

Ein Herz für Außenseiter

„Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ ist vor allen Dingen ein Film über Außenseiter. Sämtliche Figuren, die als die Guten auftreten, haben irgendeinen Makel, der sie in der Gesellschaft beeinträchtigt, in der sie leben. Giles zum Beispiel ist schwul, was ihn als Illustrator um seinen Job gebracht hat. Zelda hat als Schwarze in den 60ern eh einen schweren Stand und der Wissenschaftler Hoffstelter lebt zwischen zwei Welten. Doch die offensichtlichsten Außenseiter sind Elisa und das Amphibienwesen.

Elisa hat durch einen Gewaltakt ihre Stimme verloren und kann so nur noch eingeschränkt mit dem Rest der Welt kommunizieren. Das macht ihr zwar wenig aus, doch gerade in einem Streitgespräch mit Giles kommt ihre gesamte Frustration hoch. Sally Hawkins trägt „Shape of Water“ zu jeder Zeit, allein durch ihre Mimik und Gestik übermittelt sie selbst die kleinsten Gemütsänderungen. Das Amphibienwesen hingegen ist ein komplett Fremder, der unsere Welt direkt mit Gewalt in Verbindung bringt. Doug Jones schafft es mit seinen Bewegungen, dieser unwirklichen Kreatur etwas Menschliches zu geben, ohne jedoch das Animalische zu verharmlosen, das diese Figur ausmacht. Die Romanze der beiden wirkt also nur auf den ersten Blick etwas merkwürdig, im Kontext der restlichen Geschichte ist sie absolut stimmig.

Die Kreatur

Erst als sämtliche Figuren ihren Makel annehmen und als ein Teil von sich betrachten, können sie über sich hinauswachsen und das Richtige tun. Der klare Gegenpol dazu ist Strickland. Er steht für die patriarchale Struktur, in der sich die Welt befindet, er sieht sich als denjenigen, der das Sagen, die Gewalt hat – und er duldet kein Aufbäumen von Menschen, die nicht seinen Werten entsprechen. Diese Denke wurde ihm lange eingetrichtert, in einer Szene mit einem Vorgesetzten sieht man, wie er sich nach Anerkennung für seine Taten verzehrt – und doch nur Ablehnung erhält. Damit ist er, als jemand im Dienste des Militärs, auch die Anti-These zu Hoffstetler, der sich in einer ähnlichen Lage befindet, sich allerdings für die moralisch richtige Handlungsweise entscheidet. Michael Shannon ist der perfekte Antagonist zu Elisa, der Trieb und die pure Boshaftigkeit, die von seiner Figur ausgehen, sind zutiefst furchteinflößend.

Blutige, schöne Effekte

Auch in der Ausstattung punktet „Shape of Water“: Wie bereits del Toros Vorgänger-Filme wirkt alles real, von Eilsas und Giles Wohnung über einem Kino bis hin zu dem dunklem Labor. Gleiches gilt für die Spezialeffekte, die, del-Toro-typisch, auch punktuell sehr blutig sein können – die FSK-Freigabe ab 16 Jahren geht durchaus in Ordnung. Dazu kommt ein verträumter Soundtrack von Alexandre Desplat, der, wie auch der Film, gekonnt zwischen heiter-verspielten Klängen und düsteren Tönen wechselt und so den Zuschauer in die Welt zieht.

Ein einziges Manko weist der Film auf – er ist nicht sonderlich aufregend. Die Geschichte bewegt sich in vorhersehbaren Bahnen, es gibt keine großen Überraschungen. So herrscht zwar ein konstantes Erzähltempo vor, etwas Varianz hätte hier und da nicht geschadet. Das ist aber nur ein kleiner Makel in einem ansonsten fantastischen Film, mit dem del Toro an die Qualität eines „Pans Labyrinth“ anknüpft. Man darf auf die Oscar-Verleihung gespannt sein und ob sich „Shape of Water“ gegen die starke Konkurrenz durchsetzen kann, zum Beispiel „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Guillermo del Toro sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Sally Hawkins und Octavia Spencer unter Schauspielerinnen, Filme mit Michael Shannon in der Rubrik Schauspieler.

Strickland (l.) im Streit mit Hoffstetler

Länge: 123 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Shape of Water
USA 2017
Regie: Guillermo del Toro
Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
Besetzung: Sally Hawkins, Doug Jones, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Michael Stuhlbarg, David Hewlett, Nick Seacry, Stewart Arnott
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2018 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2018 Twentieth Century Fox

 

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Clint Eastwood (XX): Die Brücken am Fluss – Sein einziger Ausflug ins romantische Fach

The Bridges of Madison County

Von Simon Kyprianou

Melodram // Meryl Streep hat eingeräumt, sie habe Robert James Wallers Romanvorlage, die Clint Eastwood ihr schickte, nach dem Lesen direkt in die Mülltonne geworfen – an solchem Kitsch habe sie kein Interesse. Das Drehbuch hat sie dann erfreulicherweise doch überzeugt. Bis heute hat der Film einen Sonderstatus im Werk von Clint Eastwood, zwischen Western und Actionfilmen sticht das klassische Melodram schon heraus, genau wie die vielen schönen Musikfilme die Eastwood gemacht hat. „Die Brücken am Fluss“ blieb leider Eastwoods einziger Ausflug in diese Richtung.

Die italienische Einwanderin Francesca Johnson (Streep) lebt in den 60er-Jahren zusammen mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern ein leidenschaftsloses Leben auf einer Farm in Iowa. Kurz nachdem ihr Mann mit den Kindern für ein paar Tage zu einer Landwirtschaftsausstellung nach Illinois gefahren ist, macht der Fotograf Robert Kincaid (Clint Eastwood) zufällig Halt bei der Farm der Johnsons, um nach dem Weg zu einer Brücke zu fragen, die er für National Geographic fotografieren soll. Die beiden verlieben sich ineinander.

Zum Glück sentimental

Eastwood inszeniert den Film in der wunderbaren Tradition des Hollywood-Melodrams. Er versichert sich dabei in seiner Inszenierung nicht gegen Sentimentalität oder Kitsch, um bemüht nüchtern und abgeklärt zu erzählen, glücklicherweise ist das Gegenteil der Fall: Er gibt sich Sentimentalität und Kitsch regelrecht hin, der Film zerfließt geradezu in Gefühlen. Und er vertraut seinen Figuren und ihrer Geschichte, versucht erst gar nicht, dieser intimen Liebesgeschichte etwas hinzuzufügen. Er erzählt die Geschichte aus Francescas Perspektive – in der Rahmenhandlung, die eine Brücke von Liebes- zu Familiendrama schlägt, finden sich ihre Berichte über die Affäre in ihrem Nachlass – sie werden von ihren Kindern entdeckt. Die weibliche Figur ist also Dreh- und Angelpunkt der Erzählung, das rückt den Film abermals in die Nähe der klassischen Hollywood-Melodramen, die ja auch meist „Frauengeschichten“ waren und gerade deshalb von der zeitgenössischen Kritik gern als trivial abgetan wurden.

Zehnte Oscar-Nominierung für Meryl Streep

Eastwood erzählt diese Geschichte geradeheraus und schnörkellos, ohne dabei Distanz zu den Figuren und ihren aufgewühlten Gefühlen zu suchen, mit viel Vertrauen in Lennie Niehaus’ großartige Filmmusik. Meryl Streep war nie wieder so gut wie in diesem Film, sie spielt Francesca ganz ohne Eitelkeiten. So frei wie hier, so scheint mir jedenfalls, hat sie selten gespielt. Das reichte immerhin für die zehnte ihrer mittlerweile 21 Oscar-Nominierungen. Sie wird es verschmerzt haben, dass sie 1996 Susan Sarandon unterlag, die den Academy Award für ihre Hauptrolle in „Dead Man Walking – Sein letzter Gang“ gewann.

Insbesondere in den vergangenen Jahren wünscht man sich, Eastwood werde sich wieder mehr Filmen wie „The Bridges of Madison County“ zuwenden, statt wieder und wieder amerikanische Helden zu porträtieren.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Clint Eastwood sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Meryl Streep unter Schauspielerinnen.

Veröffentlichung: 9. Mai 2014 als Blu-ray, 15. August 2008 als Special Edition DVD, 2. Mai 2008 und 25. September 1998 als DVD

Länge: 135 Min. (Blu-ray), 129 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch
Originaltitel: The Bridges of Madison County
USA 1995
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: Richard LaGravenese, nach einem Roman von Robert James Waller
Besetzung: Clint Eastwood, Meryl Streep, Annie Corley, Victor Slezak
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Packshots: © 2018 Warner Home Video

 

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Howard Hawks (V): His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle: Wie verhindere ich eine Hochzeit?

His Girl Friday

Von Simon Kyprianou

Liebeskomödie // Walter Burns (Cary Grant) ist Reporter und Herausgeber bei einer großen Zeitung und lebt für seinen Beruf. Mit seinen Gedanken ist er immer bei der Arbeit und ständig hinter einer guten Story her. Seine Ehe mit Hildegard (Rosalind Russell), ebenfalls Reporterin, ging dadurch in die Brüche. Eines Tages besucht sie ihn in seinem Büro, um ihm mitzuteilen, dass sie sich aus ihrem Beruf zurückzieht, ihren Verlobten Bruce (Ralph Bellamy) heiratet und Hausfrau wird. Walter will das nicht zulassen – zum einen ist er immer noch in Hildegard verliebt, zum anderen will er sie als Reporterin nicht verlieren, denn sie ist die beste. Walter schlägt Hildegard einen Deal vor: Sie schreibt ihm einen letzten Artikel über einen Mann im Todestrakt, dessen Hinrichtung kurz bevorsteht. Nebenher versucht der Zeitungsmann natürlich alles, um die Hochzeit zu verhindern.

Dialoge als Teil körperlicher Performance

„His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ ist furchtbar komisch in seinen Bildern voller Chaos und Gewusel und den Dialogen, die sich überschlagen und überlappen. In den Dialogen kämpft jeder mit seinem Gegenüber. Bei Howard Hawks kommt es gar nicht so sehr auf den Inhalt des Gesagten an, sondern alles ist Teil einer körperlichen Performance und das Sprechen ist für Hawks in etwa wie eine Geste, wie eine Bewegung. Interessant ist vor allem, dass eigentlich alles in diesem Film absolut furchtbar ist. Alles ist eine Verletzung, niemand tut sich selbst oder dem anderen gut. Walter und Hildegard gehören zwar irgendwie zusammen, sie lieben einander eben, vor allem brauchen sie einander, können einfach nicht ohne den anderen, auch wenn sie sich gegenseitig aneinander abarbeiten, aber so brutal kann die Liebe eben manchmal sein.

Screwball-Protagonisten als Duellisten

Und Bruce, der gutmütige, bis über beide Ohren verliebte Verlobte von Hildegard, hat es am schlimmsten, er wird pausenlos umgeschubst und in die Pfanne gehauen. Die Liebe so brutal zu zeigen, so unfair und willkürlich, wie sie manchmal sein kann, zeigt, dass Hawks sie als Thema sehr ernst nimmt und dass es die große Kunst einer Komödie ist, ein solches Thema derart komisch zu behandeln, ohne den Kern groß verbiegen zu müssen. Es ist eine große Freude, den Schauspieler dabei zuzusehen, wie sie taktieren, versuchen den andere auszuspielen. Bei Hawks sind die Figuren ja oft Duellisten, die versuchen, ihr Gegenüber aus der Reserve zu locken, auch in „Leoparden küsst man nicht“ (1938) mit Cary Grant und Katharine Hepburn und natürlich in „Tote schlafen fest“ (1946) mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. In „His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ spielen Cary Grant und Rosalind Russell auch ganz wunderbar, schnell und aggressiv, sie können mit Hawks’ Screwball-Tempo mühelos mithalten. Das macht das Kino von Howard Hawks auch so schön, so filmisch, weil es das zeigt, was zwischen den Figuren passiert, weil man sehen kann wie Verteidigungen fehlschlagen, Fassaden bröckeln, wie Figuren umeinander herum taktieren, tanzen, nur um den anderen immer wieder von neuem zu verführen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Howard Hawks sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Oktober 2014 und 29. Februar 2012 als DVD

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: His Girl Friday
USA 1940
Regie: Howard Hawks
Drehbuch: Charles Lederer, nach dem Theaterstück „The Front Page“ von Ben Hecht und Charles MacArthur
Besetzung: Cary Grant, Rosalind Russell, Ralph Bellamy, Gene Lockhart, Porter Hall
Zusatzmaterial: keine Angabe
Label/Vertrieb: Edel Germany GmbH (2014), Best Entertainment AG (2012)

Copyright 2018 by Simon Kyprianou

Packshots: © 2014 Edel Germany GmbH bzw. 2012 Best Entertainment AG
Filmplakat: Fair Use

 
 

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