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Killer McCoy – Von einem der lernte, der Größte zu werden

Killer McCoy

Von Ansgar Skulme

Sportdrama // Tommy McCoy (Mickey Rooney) kennt das tägliche Ringen ums liebe Geld nur zu gut. Sein Vater (James Dunn) ist Bühnenkomiker, hat aber mittlerweile keinen Erfolg mehr, er selbst schlägt sich mit kleinen Jobs und Wetten durch – mal mehr, mal weniger legal. Die verständnisvolle Mutter (Gloria Holden) hält die Familie zusammen, auch wenn Tommy mal wieder der Kragen platzt, weil der Vater sich seiner Ansicht nach nicht genügend bemüht, auch einmal etwas zu verdienen, wenn ihm die Arbeit unter seiner Würde erscheint. Durch ein zufälliges Treffen geraten McCoy und Sohn in das Rahmenprogramm bei Events des erfolgreichen Boxers Johnny Martin (Mickey Knox), der nicht nur von Tommys Gesangs- und Tanzeinlagen, sondern auch dessen Kämpferpotenzial im Ring beeindruckt ist. Und wenn ein Champion fällt, bieten sich schnell Chancen für erfolgshungrige Nachfolger. Nur eine Frage der Zeit, bis im Schatten des Erfolges der eine oder andere Spekulant ein großes Geschäft wittert. Jim Caighn (Brian Donlevy) und Cecil Walsh (Tom Tully) wetten für ihr Leben gern – und lassen von ihren Handlangern eintreiben, wovon sie denken, dass es ihnen zusteht.

„Killer McCoy“ war nicht nur ein Publikumserfolg, der an den Kinokassen ein deutliches Plus erwirtschaftete, sondern zeigt zudem einen ideal besetzten Mickey Rooney in der Hauptrolle, der allein schon dafür sorgt, dass dieser Film im Kontext der besten Boxerfilme aller Zeiten zumindest eine lobende Erwähnung finden sollte. Man kauft diesem hoch begabten Schauspieler, der singen, tanzen, dramatisch, tragisch sowie komisch überzeugen und – wie man hier sieht – auch als kämpferischer Sportler eine glaubwürdige Figur machen konnte, den Aufstieg vom Heißsporn aus normalbürgerlichen Verhältnissen zum immer reflektierter werdenden Star absolut ab. Er ist wie geschaffen für die Rolle. Vor allem wie Rooney seine enorme Bandbreite dann noch in einer sehr natürlich wirkenden, affektiven Spielweise verpackt, ist bemerkenswert und stellenweise recht visionär. Sein Schauspielstil ist zeitlos und mutet für das damalige Kino überaus modern an. Rooney war einer der eher wenigen, denen der Sprung vom Kinderstar ins Erwachsenenfach und schließlich auch in dramatische Rollen großer Tragweite glückte. Einer, der später aber auch einen guten weiteren Weg in charismatischen Nebenrollen für sich fand, ohne am Verlust der ersten Reihe zu verbittern, und bis ins hohe Alter vor der Kamera agil blieb. „Killer McCoy“ war ein Meilenstein in seiner Karriere – sein finaler Durchbruch, mit dem er letzte Zweifel begrub. Als früher Durchstarter in Hollywood musste man die Kritiker immer wieder eines Besseren belehren. Jede Rolle gleichzeitig auch ein stetiges Wehren gegen Gerüchte, vielleicht doch nur als Kinderstar, vielleicht doch nur als Teenie-Star oder vielleicht doch nur als amüsanter Spaßvogel vor der Kamera für Hauptrollen getaugt zu haben.

Was nach dem Höhepunkt kommt

Bezeichnenderweise bestreitet Killer McCoy seinen ersten Kampf im Film gegen einen von Douglas Croft verkörperten Konkurrenten. Croft war genau einer der diversen Jungstars des klassischen Hollywoods der 30er bis 50er, die jung berühmt wurden und auch jung starben – 1963 endete sein Leben durch eine akute Alkoholvergiftung im Alter von 37 Jahren. „Killer McCoy“ war Douglas Crofts letzter Film. Mickey Rooney aber blieb der tiefe Fall vieler ebenfalls frühzeitig in Hollywood erfolgreich gewesener Mitstreiter erspart.

Spannend ist, dass noch nicht einmal die Figur des Killer McCoy an einen Punkt im Film gelangt, wo ihr der Ruhm zu Kopf steigt und sie deswegen tief fällt. Sie geht insofern sehr glaubwürdig aus dem dahinterstehenden Schauspieler hervor. Im Sportlerdrama sind Twists, in denen der Held mit seinem Erfolg nicht mehr umzugehen versteht oder sich aus sonstigen Gründen gehen lässt und am Boden landet, um dann wieder aufzustehen oder auch nicht, durchaus üblich – der vorliegende Film umgeht dies aber in recht gewandter Art und Weise. Vielmehr ist es sogar so, dass McCoy eher derjenige ist, der anderen, die ihrerseits den Boden unter den Füßen verlieren, den Spiegel vorhält – angefangen bei seinem eigenen Vater. Mag er im Ring noch so wild nach vorn preschen, bleibt in jeder Szene das Gefühl vorherrschend, dass dieser Mensch immer ganz genau vor Augen hat, wo er hergekommen ist und wie schnell alles wieder vorbei sein kann.

Nobody is perfect

Diese Abkehr von gewissen Auf-und-Ab-Mustern des Sportlerfilms, was die Charakterentwicklung der Hauptfigur angeht, macht es einem dann auch ein Stück weit einfacher zu verzeihen, dass der Film in sonstiger Hinsicht durchaus die eine oder andere Schwachstelle offenbart. Manchmal wird die Story ein wenig zu oberflächlich erzählt. Ein gewisser Druck ist spürbar, das Bedienen bestimmter mutmaßlicher Vorlieben des Publikums erzwingen zu wollen. So krankt die zweite Hälfte der Erzählung etwas an einer zu starken Fokussierung auf die nun hinzukommende Liebesgeschichte sowie auf die Geschäftemacher im Hintergrund. Zudem wird versäumt, glaubwürdig zu erklären, warum McCoy sich von seinen eigenen Geldgebern als „Killer“ McCoy vermarkten lässt und sich nicht – so energisch, wie man ihn aus anderen Szenen kennt – dagegen wehrt, obwohl er den Todesfall, auf den sich dieser Spitzname bezieht, mehrfach im Film zutiefst bedauert. Auch werden einige durchaus wichtige Etappen im Zeitraffer abgespult, was die Fragen aufwirft, warum diese Hektik und warum ausgerechnet an Stellen, wenn es beispielsweise um McCoys Aufstieg und seine Erfolge im Ring sowie um die Entstehung des Spitznamens „Killer“ durch Gerichtsverhandlungen und die Presse geht. Alle Schwachstellen eint die Gemeinsamkeit, dass es sich um Passagen des Films handelt, für die man sich im Grunde genommen einfach nur mehr Mickey Rooney wünscht – womit die entstehenden Glaubwürdigkeitsprobleme wahrscheinlich überwiegend prompt gelöst gewesen wären. Ein wenig länger wäre der Film dann aber sicherlich auch geworden.

Herausforderung: Auf der Überholspur mithalten

Erwähnt werden muss ferner, dass Rooney nicht die einzige Ausnahmedarbietung im Schauspielerensemble abliefert. So sticht vor allem James Dunn in der tragischen Rolle des alkoholsüchtigen Vaters hervor, der sich verzweifelt gegen das Vergessenwerden zu wehren und immer wieder viel Schmerz wegzulächeln versucht – im Schatten seines großen Talents aus früheren Tagen. Dunn vollbringt mimisch eine Meisterleistung, die offensichtlich weit überdurchschnittliches Niveau hat. Auch Sam Levene ist als Boxtrainer glaubwürdig und authentisch besetzt. Diese Figuren, die besonders nah an Killer McCoy dran sind, mit zwei so guten Darbietungen gefüllt zu wissen, ist sehr wichtig für das Funktionieren des Films, angesichts der energiegeladenen und realitätsnah anmutenden Performance von Mickey Rooney, neben der man als Nebendarsteller verdammt schnell verblassen kann. Wenn man zudem Tom Tully aus seiner späteren Serienhauptrolle als Polizei-Ermittler in „The Lineup“ (1954–1960) kennt, macht seine verschmitzte Darbietung als risikofreudiger und gefühlskalter Wettpate in „Killer McCoy“ umso mehr Spaß – der später als hartgesottener TV-Polizist berühmt gewordene Tully hier also zunächst einmal auf der anderen Seite des Gesetzes. Dazu der zwar manchmal etwas minimalistisch spielende Brian Donlevy, dem es allerdings oft sehr gut gelang, die von ihm dargestellten Figuren recht wenig vorhersehbar wirken zu lassen. Er verkörperte Helden wie auch Schurken und auch öfter mal etwas zwischendrin; eine sich wandelnde Figur wie in „Killer McCoy“ war für ihn daher bestens geeignet. Brian Donlevy, der damals infolge seiner Hauptrollen in Fritz Langs „Auch Henker sterben“ (1943) und King Vidors „An American Romance“ (1944) durchaus noch zur ersten Liga gehörte, ist immer wieder ein schöner Gegenentwurf zu den nicht wenigen auf Helden- oder Schurkenrollen ab einem gewissen Punkt weitestgehend abonnierten Stars des klassischen Hollywood-Kinos. Ein Pokerface, dem man nie so ganz in die Karten schauen kann. Zudem ist er als ruhender Gegenpol zum rast- und ruhelos wirkenden Killer McCoy eine sehr interessante Wahl.

Killer im Wartestand

Bei „Killer McCoy“ handelt es sich um ein Remake von „Schnelle Fäuste“ (1938), in dem Robert Taylor unter der Regie von Richard Thorpe die Hauptrolle spielte. Beide Filme gibt es in den USA seit nunmehr knapp zehn Jahren auf DVD – „Schnelle Fäuste“ erschien in den Staaten fast auf den Tag genau ein Jahr nach „Killer McCoy“, im Rahmen derselben Kollektion. Beide zählen zum Corpus der von MGM produzierten Klassiker, die in die digitale Obhut der Warner Brothers übergingen und von diesen auf DVD veröffentlicht wurden. Die „Warner Archive Collection“ ist genau für solche Stücke Filmgeschichte gemacht – egal ob Warner-Eigenproduktion oder nicht. In Deutschland wurde „Killer McCoy“ offenbar erst 1990 für das Fernsehen erstmalig synchronisiert. Allzu häufig dürfte diese Fassung auch nicht ausgestrahlt worden sein – ein Schicksal, das leider etliche erst Jahrzehnte nach den Dreharbeiten für das TV neu oder erstmals deutsch synchronisierte Hollywood-Klassiker teilen, von denen viele zwar auch in den 2000er- und 2010er-Jahren noch öfters ausgestrahlt worden sind, diverse aber eben auch nicht. Insofern wäre eine Wiederentdeckung des auch mit seinen dynamisch inszenierten Kampfszenen immer wieder punktenden „Killer McCoy“ auf DVD für den deutschen Markt in mehrfacher Hinsicht wünschenswert – am besten gleich im Doppelpack mit „Schnelle Fäuste“.

Die vorliegende Synchronisation gehört zu den positiven Beispielen für deutsche Bearbeitungen über 40 Jahre älterer US-Filme. Neusynchronisationen sind atmosphärisch – vor allem bei sehr großen Abständen zur Entstehungszeit des Films – nicht immer stimmig genug, aber hier passt der Gesamteindruck. Übrigens eine Berliner Synchronfassung, wenngleich es von Hollywood-Klassikern der 30er und 40er auch viele Münchner sowie Hamburger Neusynchros gibt.

Veröffentlichung (USA): 21. Dezember 2009 als DVD

Länge: 104 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Killer McCoy
USA 1947
Regie: Roy Rowland
Drehbuch: Frederick Hazlitt Brennan, nach einem Drehbuch von George Bruce, Thomas Lennon und George Oppenheimer
Besetzung: Mickey Rooney, Brian Donlevy, Ann Blyth, James Dunn, Tom Tully, Sam Levene, Mickey Knox, Walter Sande, Gloria Holden, Douglas Croft
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot: © 2009 MGM / Warner Bros.

 

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