RSS

Schlagwort-Archive: Russland

Coma (2019) – Verkehrte Welt

Koma

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // Ein Mann (Aleksey Serebryakov) erwacht. In einem surrealen Albtraum. Die Welt – seine Welt – ist aus den Fugen. Einiges in seiner Wohnung wirkt wie immer, aber hinter einem Blatt Papier und unter einem Kleidungsstück am Boden scheint sie sich aufzulösen. Im Treppenhaus begegnet er einem Nachbarn, der ebenfalls in Auflösung begriffen scheint. Draußen erwartet ihn ein noch schlimmerer Anblick. Er erkennt seine Umgebung nicht wieder, riesige Lücken klaffen allerorten, Gebäude von weit her ragen schwebend von oben herab, manche Straßen stehen hochkant.

Welt aus den Fugen

Eine große schwarze Kreatur undefinierbarer Form und Konsistenz erscheint auf der Bildfläche, hat es anscheinend auf den Mann abgesehen. Drei Unbekannte mit Schusswaffen tauchen auf und retten ihn. Sie wirken wie Milizionäre. Das Quartett ergreift die Flucht. Die Soldatin Fly (Lyubov Aksyonova) klärt den Mann darüber auf, dass er im Koma liegt, wohl nach einem Unfall. Die Welt, die er wahrnehme, setze sich aus den Erinnerungen aller Menschen zusammen, die gerade im Koma liegen. Viktor, so der Name des Mannes, ist Architekt und schließt sich der Gruppe an, zu der Fly und ihr Anführer Phantom (Anton Pampushnyy) ihn bringen. Es gilt vor allem, sich vor den Reaper genannten düsteren Wesen zu hüten, die die albtraumhafte Welt durchstreifen.

Aber ganz gewaltig

War Timur Bekmambetovs „Wächter der Nacht – Nochnoi Dozor“ (2004) nebst Fortsetzung „Wächter des Tages“ (2006) so etwas wie ein Startschuss für das moderne russische Blockbuster-Genrekino? Im Effektbereich mischt seit jener Zeit auch Nikita Argunov mit, der unter anderem für die visuellen Tricks von „Titanium – Strafplanet XT-59“ (2014) verantwortlich zeichnet und beim Superheldenfilm „Guardians“ (2017) unter den Produzenten zu finden ist. Mit „Coma“ hat er nun sein Regiedebüt abgeliefert, und das sogar nach eigenem Drehbuch.

Fly will Viktor helfen

Dabei merkt man, dass Argunov seine Hollywood-Hausaufgaben gemacht hat. Eine Prise „Matrix“ hier, eine gehörige Portion „Inception“ dort – und doch gelingt Argunov das Kunststück, eine eigene Effekt-Handschrift zu entwickeln und sein Publikum auch mit einer interessanten Story bei der Stange zu behalten. Im Interview mit „Deadline – Das Filmmagazin“ offenbarte der Regisseur seine Vorbilder, deren Fan er seit der Kindheit sei – „Star Wars“, „Blade Runner“, „Terminator“, „Aliens – Die Rückkehr“ und „Zurück in die Zukunft“. Fast interessanter noch lesen sich seine literarischen Inspiratoren: Robert A. Heinlein, Philip K. Dick, Ray Bradbury, Harry Harrison. Der Mann kann also aus dem Vollen schöpfen, was die Science-Fiction angeht, und das belegt er mit „Coma“ zur Genüge. Dass wir einige seiner visuellen Ideen zuvor bereits in Marvels „Doctor Strange“ (2016) zu sehen bekamen, führt er auf Zufall zurück, und ich bin geneigt, ihm zu glauben. Qualitativ erreichen die Bilder von „Coma“ nicht ganz das Niveau der genannten Vorbilder. Argunov reizt die Idee des fragmentarisch zerteilten Raumes und der ineinander übergehenden Erinnerungen von Koma-Patienten leider nicht voll aus, weshalb sie mehr wie ein Gimmick wirkt; letztlich sind es lediglich Kulissen, durch die sich die Figuren bewegen, auch wenn sie bisweilen den Gesetzen der Schwerkraft zu trotzen scheinen. Von solchen Spielereien hätte ich gern mehr gesehen. Immerhin kommt es im Verlauf auch mal zu einem zwischen zwei unterschiedlichen Ebenen geführten Feuergefecht, bei dem sich die Frage stellt, wie man wohl eine Handgranate so wirft, dass sie die gegnerische Ebene erreicht. Insgesamt ist das Gezeigte originell genug, sodass wir gern bei der Stange bleiben.

Bei Phantom kann man da nicht so sicher sein

Irgendwann im Verlauf erfahren wir auch, was es mit dem Koma auf sich hat; alle Fragen werden jedoch nicht beantwortet. Einiges zu den Reapern beispielsweise bleibt offen, aber in meinen Augen ist es kein Verlust, Interpretationsspielraum zu lassen. Ich brauche auch niemanden, der mir am Ende alles erklärt. Bei Viktor zeigen sich zügig ein paar Parallelen zu „Matrix“. Ist er ein Auserwählter? Jedenfalls kein Neo. Bei der Ausarbeitung seiner Figuren hat Argunov noch etwas Luft nach oben, aber vielleicht wirkt das auch nur so angesichts der visuellen Kraft des Gezeigten. „Coma“ bildet damit einen Gegenpol zu „Prospect“ (2018) – ebenfalls moderne russische Science-Fiction, wenn auch mit Raumfahrt-Bezug, der hier völlig fehlt.

Was hat es mit den Reapern auf sich?

„Coma“ hat es im Westen mit Ausnahme einer kurzen Kinoauswertung in Deutschland im Februar nicht in die Lichtspielhäuser geschafft, obwohl das Werk das verdient gehabt hätte. Dass der Film aufgrund der erwähnten Kritikpunkte nicht ganz ausgereift erscheint, lässt sich angesichts der beeindruckenden Bilder und der fesselnden Story verschmerzen. Ich hätte mich auch über ein Mediabook gefreut, capelight pictures hat sich stattdessen außer der Veröffentlichung als Blu-ray und DVD in herkömmlichen Softcases für eine Blu-ray im Steelbook entschieden – auch gut. Natürlich weckt der Filmtitel die Erinnerung an Michael Crichtons Medizinthriller „Coma“ von 1978, mit dem hat der russische „Coma“ allerdings nichts zu tun. Jedenfalls lebt die russische Science-Fiction, Vorfreude auf weitere Produktionen ist berechtigt.

Es kommt zum Kampf

Veröffentlichung: 3. April 2020 als Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 111 Min. (Blu-ray), 107 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Koma
RUS 2019
Regie: Nikita Argunov
Drehbuch: Nikita Argunov, Timofei Dekin, Aleksey Gravitskiy
Besetzung: Rinal Mukhametov, Lyubov Aksyonova, Anton Pampushnyy, Milos Bikovic, Konstantin Lavronenko, Polina Kuzminskaya, Rostislav Gulbis, Vilen Babichev, Leonid Timtsunik, Alexey Lubchenko, Evgeniya Karatygina, Sergei Gilev
Zusatzmaterial: Featurettes (Die CGI-Effekte, Die Charaktere, Liebe, Die Welt von „Coma“), Original Kinotrailer
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2020 capelight pictures

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Island of the Condemned – Knackis auf die Insel!

Novaya Zemlya

Von Volker Schönenberger

SF-Actiondrama // Irgendwo in einem russischen Knast befragt der Anstaltsleiter seine Gefangenen über ihre Träume – aus was für Gründen auch immer. Will er sie quälen? Die Insassen werden im Jahr 2013 auf einem alten Frachtschiff eingepfercht und deportiert. Es stellt sich heraus, dass die Männer für das „Projekt Terra Nova“ als Versuchskaninchen auserwählt worden sind: 600 Kriminelle erhalten eine ganz spezielle Form der Freiheit: Sie sollen die im Nordpolarmeer gelegene Doppelinsel Novaya Zemlya besiedeln. Da weltweit die Todesstrafe abgeschafft wurde, sind die Gefängnisse anscheinend überfüllt.

Die Knackis balgen sich um …

Immerhin hat Väterchen Russland Vorräte bereitgestellt, die für drei Monate reichen sollen. Ob sie nun Teil eines ohne Skrupel konzipierten sozialen Experiments sind oder einfach nur entsorgt werden sollten – schon bei der Verteilung der Schlüssel für ihre Handfesseln zeigt sich, dass das Gros der Männer aus bösartigen Halsabschneidern besteht. Keine gute Grundlage für den Aufbau einer kleinen Zivilisation. Der besonnene Ivan Georgevitch Zhilin (Konstantin Lavronenko) schaut sich das nicht lange an, er schnappt sich ein paar Vorräte, etwas Ausrüstung und zieht allein von dannen. Kurz darauf schließt sich ihm Sipa (Andrey Feskov) an, der ihm gefolgt ist.

Erinnerung an „Flucht aus Absolom“

Knackis auf einer einsamen Insel – kein nagelneues Sujet. 1994 wagten Ray Liotta und Lance Henriksen die „Flucht aus Absolom“ („No Escape“). 2007 bildeten unter anderen Steve Austin und Vinnie Jones „Die Todeskandidaten“ („The Condemned“). Trotz der Titelnähe zu letztgenanntem Actionfilm findet der russische „Island of the Condemned“ einen eigenen Ansatz. Das knallharte Survival-Abenteuer wirkt auf den ersten Blick wie reine Exploitation, offenbart nach kurzer Zeit aber dramatische Qualitäten und erweist sich sogar als anständig gespielt. Hauptdarsteller Konstantin Lavronenko hat 2007 mit dem Darstellerpreis in Cannes für das russische Drama „Die Verbannung“ immerhin schon internationale Meriten erworben. Ihm und seinen Mitstreitern mit ihren vom Wetter oder dem Leben gegerbten Gesichtern nimmt man ihre Lage jederzeit ab. Hoffnung ist in den Augen der Männer jedenfalls kaum zu erkennen.

… die Schlüssel ihrer Handfesseln

Als Studie über die Verrohung des Menschen funktioniert „Island of the Condemned“ nur bedingt, erweisen sich die Insulaner wider Willen doch als von vornherein verroht. Dystopisches Survival-Abenteuer trifft es ganz gut, und als solches lässt sich das Actiondrama auch vorzüglich schauen. Die heftigen Gewaltausbrüche mit Äxten und anderem Instrumentarium lassen die FSK-18-Freigabe der ungeschnittenen Fassung gerechtfertigt erscheinen, auch wenn die Kamera nie voll drauf hält. Wer auf derben Splatter hofft, wird enttäuscht. Immerhin braucht man nicht zu befürchten, im Regal die falsche Fassung zu ergattern. Zwar ist „Island of the Condemned“ in Deutschland auch unter den Titeln „Cannibal Massacre“ und „Terra Nova – Insel des Todes“ veröffentlicht worden, alle Editionen enthalten aber die Uncut-Version des Films. Die schmutzige kleine Dystopie aus Russland lohnt sich.

Spoilerwarnung für den letzten Absatz

In diesem Absatz spoilere ich zwar nicht den Ausgang des Films, beschreibe aber eine Entwicklung gegen Ende. Wer das Finale ungespoilert erleben will, möge diesen letzten Absatz ignorieren. Einen sonderbaren, gar bizarren Unterton bekommt „Island of the Condemned“ im letzten Viertel, wenn plötzlich UNO-Blauhelme auf der Bildfläche erscheinen, die offenbar mit den russischen Organisatoren von „Projekt Terra Nova“ gemeinsame Sache machen, und kurz darauf eine Schar neuer Gefangener eintrifft, welche Englisch sprechen und orangefarbene Overalls tragen. Was wollten uns die Produzenten damit sagen? Soll das eine Aussage gegen die Vereinten Nationen sein? Oder handelt es sich lediglich um eine skurrile Drehbuchidee? Meine Interpretationsansätze finden dort ihre Grenzen, also macht euch selbst ein Bild!

Veröffentlichung: 30. Januar 2015 (unter dem Titel „Cannibal Massacre“), 3. Oktober 2014 (unter dem Titel „Terra Nova – Insel des Todes“) sowie 18. Februar 2010 (unter dem Titel „Island of the Condemned“), jeweils als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Russisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Novaya Zemlya
Alternativtitel: Cannibal Massacre / Terra Nova – Insel des Todes
Internationaler Titel: Terra Nova
RUS 2008
Regie: Aleksandr Melnik
Drehbuch: Arif Aliev
Besetzung: Konstantin Lavronenko, Andrey Feskov, Marat Basharov, Pavel Sborshchikov, Sergey Zhigunov, Aleksandr Samoylenko, Tommy „Tiny“ Lister, Ingeborga Dapkunaite, Sergey Koltakov
Zusatzmaterial 2010: russischer und US-Trailer, Diashow, Trailer „Nobel Son“ und „Alexander“, Wendecover
Label/Vertrieb 2015: True Grit / Soulfood
Label/Vertrieb 2014: Edel Germany
Label/Vertrieb 2010: SchröderMedia HandelsgmbH & Co. KG

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos: © 2010 SchröderMedia HandelsgmbH & Co. KG

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , ,

Gewinnspiel: 2 x Quiet Comes the Dawn auf Blu-ray

Verlosung

Eine von Albträumen geplagte junge Frau nimmt nach dem wie aus dem Nichts gekommenen Selbstmord ihres Bruders mit drei anderen Probanden an einem Traumexperiment teil – mit fatalen Folgen. Die EuroVideo Medien GmbH hat den russischen Horrorfilm „Quiet Comes the Dawn“ kürzlich als Blu-ray und DVD veröffentlicht und uns zwei Blu-rays zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerinnen und Gewinner.

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf völlig freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 1,55 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel begebt Ihr euch zu meiner Rezension des Films und beantwortet dort (also nicht hier unter dem Gewinnspiel) bis Sonntag, 8. März 2020, 22 Uhr, im Kommentarfeld die Frage im letzten Absatz des Textes.

Seid Ihr dazu nicht in der Lage, so schreibt das einfach hin. Alle veröffentlichten Antworten landen im Lostopf. Nicht verzweifeln, wenn Ihr euren Kommentar nicht sogleich erblickt – aus Sicherheitsgründen schalten wir ihn erst frei. Das ist aber Formsache.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Gewinnerinnen oder Gewinner, die sich drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht gemeldet haben, verlieren den Anspruch auf die Blu-ray. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner/innen werde ich im Lauf der Woche nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie auch per E-Mail benachrichtigen.

Gewonnen haben

– Galster Martin,
– Ingo Grünewald.

Herzlichen Glückwunsch! Ihr werdet benachrichtigt.

Update 27. März 2020: Martin Galster hat leider auch die zweite Benachrichtigung unbeantwortet gelassen. Sein Gewinn verfällt. Als Gewinner wurde nunmehr Jansen ausgelost. Glückwunsch! Auch du wirst benachrichtigt.

Die Rezension von „Quiet Comes the Dawn“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: