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Alfred Hitchcock (XIII): Ich kämpfe um dich – Die Wiedervereinigung

Spellbound

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Dr. Constance Petersen (Ingrid Bergman) arbeitet in einer Psychiatrie, deren Chef Dr. Murchison (Leo G. Carroll) kurz vor der Ablösung steht. Ihr Kollege Fleurot (John Emery) beißt sich an der natürlichen Schönheit mit klugem Kopf, die in Liebesdingen aber noch reichlich unerfahren ist, eifrig die Zähne aus – und damit war und ist er nicht der einzige. Ihr neuer Vorgesetzter (Gregory Peck) macht jedoch Eindruck auf die sonst so eiserne Constance. Sie verliebt sich zum ersten Mal in ihrem Leben von ganzem Herzen. Doch mit dem Mann, der sich Anthony Edwardes nennt und die Einrichtung nun führen soll, scheint etwas nicht zu stimmen. Vielmehr leidet er womöglich selbst unter akuten psychischen Problemen. Constance versucht dem undurchsichtigen Fremden, der ihr so schnell ungewohnt nah geworden ist, zu helfen. Ihr Mentor Dr. Brulov (Michael Chekhov) wertet ihren Enthusiasmus als leichtsinnig, aber welche Gefahr droht wirklich – und wem?

Die Romanze und der Psychothriller scheinen auf den ersten Blick zwei äußerst gegensätzliche Genres zu sein. Alfred Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ ist der beste Beweis, dass beides aber auch zusammen geht. Es war erst der zweite Hitchcock-Film, den David O. Selznick produzierte, obwohl es Selznick gewesen war, der Hitchcock das Durchstarten in Hollywood ermöglicht und ihn als erster in den USA langfristig unter Vertrag genommen hatte. Nach dem sehr guten Beginn mit „Rebecca“ (1940) erstreckte sich die Zusammenarbeit jedoch zunächst darauf, dass Hitchcock an andere Studios und Produzenten verliehen wurde. „Ich kämpfe um dich“ schaffte es zwar nicht, die beträchtliche Zahl von elf Oscar-Nominierungen zu erreichen, die „Rebecca“ errungen hatte, brachte es aber immerhin auf sechs, darunter erneut für den besten Film, wenngleich diese Kategorie diesmal nicht gewonnen werden konnte. Auch George Barnes, der für seine Schwarz-Weiß-Kameraarbeit an „Rebecca“ seinen einzigen Oscar gewonnen hatte, wurde für „Ich kämpfe um dich“ erneut nominiert, konnte den Erfolg aber ebenfalls nicht wiederholen. Dafür gab es diesmal aber einen Oscar für die Musik, obwohl Miklós Rózsa, ähnlich wie Dimitri Tiomkin bei der Arbeit an „Duell in der Sonne“ (1946), große Schwierigkeiten mit den Eigenheiten Selznicks hatte. Der streitbare Produzent ging sogar so weit, Rózsas Musik teils durch ältere Aufnahmen von Franz Waxman, die für Hitchcocks „Verdacht“ (1941) gemacht worden waren, sowie Musik von Roy Webb zu ersetzen. Mochte Selznick dem heute legendären Komponisten aus Budapest auch ins Handwerk gepfuscht haben, soll Rózsas Score zu „Ich kämpfe um dich“ den später berühmt gewordenen Filmkomponisten Jerry Goldsmith maßgeblich dazu inspiriert haben, in derselben Branche einzusteigen.

Die den Unterschied machen

„Ich kämpfe um dich“ kann man im Großen und Ganzen der Schublade an Filmen zurechnen, die einen nicht unbeträchtlichen Teil ihres Spannungsgehalts einbüßen, wenn man die Auflösung einmal kennt. Dass der melodramatische Thriller auch bei wiederholtem Schauen trotzdem noch gut funktioniert, ist neben Rózsas großartiger, teils wirklich grusliger Musik vor allem der sensiblen, natürlichen Performance von Ingrid Bergman, der man die aufrichtige Liebe zum gescholtenen Protagonisten wirklich abkauft, guten Nebendarstellern, interessanten Spezialeffekten, diversen ansehnlichen Regieeinfällen Hitchcocks, die kameraästhetisch wunderbar von George Barnes umgesetzt wurden, und einer von Salvador Dalí ersonnenen Traumsequenz zu danken. Diese wurde für die finale Schnittfassung allerdings stark gekürzt und zudem, anders als man glauben mag, gar nicht von Hitchcock inszeniert, sondern ausgelagert beim kleinen Studio Monogram Pictures von William Cameron Menzies („Invasion vom Mars“) und Dalí. Hitchcocks Wunschbesetzung für diese Gastszene war Josef von Sternberg, der schließlich aber doch nicht im Regiestuhl Platz nahm. Menzies, Sternberg und David O. Selznick trafen sich allerdings bald darauf im Zuge der Produktion von „Duell in der Sonne“ wieder, als es erneut um das Beisteuern einzelner filmischer Bausteine ging.

Unter den Nebendarstellern stechen vor allem Leo G. Carroll und Michael Chekhov hervor. Carroll brachte es im Laufe seiner Karriere auf insgesamt sechs Nebenrollen in Hitchcock-Filmen – er gilt daher heute als der am häufigsten unter Hitchcock eingesetzte männliche Schauspieler. Dies wäre wahrscheinlich Cary Grant geworden, hätte Hitchcock stets seine Besetzungswünsche umsetzen können, denn auch im Kontext von „Ich kämpfe um dich“ (1945) fällt Hitchcock damit auf, dass er Stars besetzen wollte, mit denen er bereits gearbeitet hatte. Grant sollte es am liebsten schon hier wieder in der Hauptrolle sein, wie in „Verdacht“ – und wenn nicht der, dann Joseph Cotten, wie in „Im Schatten des Zweifels“ (1943), wenn nicht sogar beide, Grant und Cotten gemeinsam, da Cotten neben dem später von Gregory Peck gespielten Hauptpart angeblich auch für die Rolle des Dr. Murchison im Gespräch war. Als Murchison und/oder Brulov wurde zudem auch Paul Lukas („20.000 Meilen unter dem Meer“, 1954) gehandelt. Ingrid Bergman erhielt eine Rolle, für die zunächst Dorothy McGuire („Die Wendeltreppe“) vorgesehen war und die auch zu Spekulationen um ein Comeback von Greta Garbo geführt hatte. Ferner lehnte Hitchcock Selznicks Flamme Jennifer Jones als weitere Option für die weibliche Hauptrolle ab, was das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Regisseur und Produzent nicht gerade heruntergefahren haben dürfte. Aber Selznick ließ nicht locker und brachte Jennifer Jones schließlich in „Duell in der Sonne“ unter, wo sie dann doch noch an der Seite von Gregory Peck landete. Romantik am Set von „Ich kämpfe um dich“ gab es trotzdem: Bergman und Peck kamen einander näher. Ob das für David O. Selznick ein Trost war?

Der schlaue Professor

Die Besetzung von Bergman und Peck im finalen Film ist insofern interessant, weil Michael Chekhov, der hier Dr. Brulov spielt, einer der Schauspiellehrer von Gregory Peck und Ingrid Bergman war. Die Gelegenheit, Lehrer und Schüler im selben Film und dann noch dazu in ausgiebigen Szenen auf so engem Raum und gewissermaßen unter sich zu sehen, bekommt man leider eher selten. Kurioserweise ergatterte Chekhov für den Film seine einzige Oscar-Nominierung, während seine Schülerin und sein Schüler, mit denen er den Großteil seiner Szenen in „Ich kämpfe um dich“ in kammerspielartigen Situationen zu zweit oder zu dritt bestreitet, nicht nominiert wurden. Gekrönt von dem Umstand, dass Chekhov 1946 mit dieser Rolle der einzige für den Oscar-nominierte männliche Nebendarsteller war, dessen Nominierung aus einem Film hervorging, der gleichzeitig auch als bester Film nominiert wurde, „Ich kämpfe um dich“ parallel jedoch der einzige Film bei dieser Preisverleihung war, der zwar als bester Film nominiert wurde, aber nicht einmal für wenigstens eine der beiden Hauptdarsteller-Kategorien. Wenn man so will, setzte der Lehrer seinen Nachwuchs hier also ziemlich schachmatt.

Darüber, dass sie von Lehrmeister Chekhov abgehängt wurden, mussten sich Bergman und Peck allerdings nicht ärgern, da beide für dieselbe Preisverleihung dennoch eine Nominierung erhielten: Peck als bester Hauptdarsteller in „Schlüssel zum Himmelreich“, Bergman als beste Hauptdarstellerin in „Die Glocken von St. Marien“. Chekhov, dessen Fluchtgeschichte schon in den 20er-Jahren begann, auch in Deutschland Station machte und schließlich in den USA endete, war neben gelegentlichen Filmauftritten und seiner Lehrtätigkeit vor allem selbst als Schauspieler am Theater beschäftigt, leitete eigene Ensembles und erarbeitete ein Buch über die Technik des Schauspielers, das kurz vor seinem Tod schließlich auch zur Veröffentlichung kam. Seine Darbietung in „Ich kämpfe um dich“ besticht insbesondere, da er die Rolle zwar als sympathischen, klassischen Kauz anlegte, sie aber mit Tiefgang, nachdenklichen Untertönen und frechen Spitzen spielte, weit über den bloßen etwas verrückten alten Professor, der vor allem zum Schmunzeln da ist, hinausgehend – eine schräge Figur, die ganz nach Hitchcocks Geschmack gewesen sein dürfte, ähnlich der von Ludwig Donath in „Der zerrissene Vorhang“ (1966). Obendrein mit sehr stilbildend frisiertem Antlitz: der ganz klassische Professor wie aus dem Bilderbuch, als sei er soeben zum tausendsten Male einem Hörsaal entsprungen.

Des einen Freud, des anderen Leid

Schon allein, weil „Ich kämpfe um dich“ zu den ältesten Hollywood-Filmen zählt, die sich mit Psychoanalyse beschäftigen, lohnt er die Sichtung. Der Drehbuchautor Ben Hecht war sehr bemüht darum, Experten dieser medizinisch-psychologischen Disziplin zu konsultieren, um eine schlüssige Geschichte mit angemessenen Dialogen abzuliefern. Auch David O. Selznick wollte Expertise beisteuern und Erfahrungen einfließen lassen, da er selbst in psychotherapeutischer Behandlung war. Er brachte seine eigene Psychotherapeutin als Beraterin mit ans Set, die sich dort allerdings gefallen lassen musste, von Hitchcock teils recht oberflächlich belehrt und übergangen zu werden. Hitchcock machte damals und auch später kein Geheimnis daraus, dass es für ihn nur eine weitere Thriller-Story war und die Psychoanalyse in dem Falle gewissermaßen nur Mittel zum Zweck; eine Art austauschbarer Baustein, um die Story spannend und am Laufen zu halten. Dieses Herangehen kennt man von ihm auch aus dem Kontext weiterer Filme, sein Fokus lag auf anderen Aspekten. Selznick hingegen sollte man sicherlich, inmitten aller kurioser Anekdoten, zugutehalten, dass es zwar für seine Mitarbeiter oft kein Vergnügen war, mit ihm arbeiten zu müssen, er aber zweifelsohne sehr ambitioniert und ein Mann mit Vorstellungen war, die er unbedingt umsetzen wollte. Notfalls sogar bereit, sich einer möglichen Bloßstellung auszusetzen, indem er seine Crew mit seiner eigenen Therapeutin zusammenbrachte – und all das nur, um seinem Film mehr Tiefe zu geben. Ein Vollblutfilmschaffender, Visionär und Positiv-Verrückter, wenn man so will, der einige wirklich große Filme hinterlassen hat.

„Ich kämpfe um dich“ wurde in Deutschland mehrfach von verschiedenen Labels digital veröffentlicht. Hinsichtlich der Bildqualität setzte schon die frühe Veröffentlichung von EuroVideo gute Maßstäbe, während es an Bonusmaterial leider grundsätzlich bis heute eher mager aussieht. Zusätzlich zu mehreren Einzelveröffentlichungen erschien der Film natürlich auch gebündelt in der einen oder anderen Box. Ein paar ausgewählte Veröffentlichungsdaten sind unten genannt. Die deutsche Synchronfassung aus den frühen 50er-Jahren ist hörenswert, wobei vor allem der geniale Hans Hinrich als Stimme von Leo G. Carroll hervorsticht, der seinerzeit nicht umsonst auserkoren worden war, Claude Rains als „Phantom der Oper“, im gleichnamigen herrlichen Technicolor-Film von 1943 aus dem Hause Universal, mit einer deutschen Stimme zu versehen. Hinrich war unter anderem fantastisch darin, emotionale Gleichgültigkeit und gebrochene Seelen zu spielen. Die Synchronfassung von „Ich kämpfe um dich“ entstand offenbar Rücken an Rücken mit der Synchronfassung zu „Der Fall Paradin“ (1947) – Hitchcocks letztem Film, den er innerhalb seines Vertrages mit David O. Selznick drehte. Während Gregory Peck in „Der Fall Paradin“ von Paul Klinger gesprochen wird, in „Ich kämpfe um dich“ allerdings von Wolfgang Lukschy, ist Hans Hinrich in beiden Filmen für Leo G. Carroll zu hören.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Gregory Peck in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 26. September 2014 als Blu-ray, 27. Juli 2012 als DVD, 14. September 2009 als DVD, 2. Oktober 2002 als DVD

Länge: 118 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Spellbound
USA 1945
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Ben Hecht & Angus MacPhail, nach einem Roman von Hilary A. Saunders & John Palmer
Besetzung: Ingrid Bergman, Gregory Peck, Michael Chekhov, Leo G. Carroll, Rhonda Fleming, John Emery, Norman Lloyd, Bill Goodwin, Wallace Ford, Regis Toomey
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Biografien, Filmografien (nicht alle Features auf jeder Veröffentlichung enthalten)
Vertrieb: Great Movies GmbH (Blu-ray 2014 & DVD 2012), Crest Movies (DVD 2009), EuroVideo Medien GmbH (DVD 2002)

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshot Blu-ray: © 2014 Great Movies GmbH, Packshot DVD: © 2002 EuroVideo Medien GmbH, Filmplakat: Fair Use

 

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