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Zum 100. Geburtstag von Harry Carey Jr. / Wyatt Earp (VII): Tombstone – Das Gesetz sind wir: Der Mythos lebt

Tombstone

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1879 reiten die an ihren roten Schärpen zu erkennenden „Cochise County Cowboys“ in eine Kleinstadt in Mexiko ein. Die von Curly Bill Brocius (Powers Boothe) angeführte berüchtigte Gangsterbande richtet bei der Hochzeit eines mexikanischen Polizisten ein Massaker an – Vergeltung für zwei getötete Bandenmitglieder. Johnny Ringo (Michael Biehn), Billy Clanton (Thomas Haden Church), Johnny Barnes (John Corbett), Sherman McMasters (Michael Rooker), Billy Claiborne (Wyatt Earp III) und andere Revolverschwinger kennen kein Erbarmen.

Familientreffen der Earp-Brüder

Derweil trifft der Ex-Marshal Wyatt Earp (Kurt Russell) mit seiner Ehefrau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) per Eisenbahn in Tucson, Arizona ein. Dort trifft er auf seine Brüder Virgil (Sam Elliott) mit Ehefrau Allie (Paula Malcomson) und Morgan (Bill Paxton) mit Ehefrau Louisa (Lisa Collins). Die Ehepaare zieht es ins Cochise County nach Tombstone, wo sie als Geschäftsleute reüssieren wollen. Der freundliche Sheriff John Behan (Jon Tenney) vermittelt ihnen eine Unterkunft, und als Marshal Fred White (Harry Carey Jr.) die Brüder auf den Saloon „The Oriental“ hinweist, gelingt es Wyatt zügig, in dem Etablissement das Glücksspielgeschäft zu übernehmen. Den zuvor auf dem Sessel sitzenden Rowdy Johnny Tyler (Billy Bob Thornton) vertreibt er mit ein paar Ohrfeigen.

Doc Holliday!

Zufällig hält sich auch Wyatts alter Weggefährte Doc Holliday (Val Kilmer) mit seiner Freundin Kate (Joanna Pacula) in Tombstone auf. Der professionelle Glücksspieler hofft, dass ihn im trockenen Klima von Arizona seine Tuberkulose weniger plagt. Fast gleichzeitig treffen auch die Schauspielerin Josephine Marcus (Dana Delany) und ihr Kollege Mr. Fabian (Billy Zane) dort ein. Sie wirft zügig ein Auge auf Wyatt Earp, und weil dessen Ehe mit Mattie nicht zuletzt aufgrund ihrer Abhängigkeit von Laudanum kriselt, zeigt er sich für ihre Avancen durchaus anfällig.

Die Schießerei am O. K. Corral

Ein erstes Aufeinandertreffen mit Curly Bill Brocius und seinen Männern lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich kommt es zur Schießerei am O. K. Corral (Gunfight at the O.K. Corral) am 26. Oktober 1881, bei der die Earps und Doc Holliday gegen Billy und Ike Clanton (Stephen Lang) sowie Tom (John Philbin) und Frank McLaury (Robert John Burke) antreten.

Die Earp-Vendetta

Diese zum Mythos gewordene bewaffnete Auseinandersetzung ist im Westerngenre wiederholt als finaler Showdown inszeniert worden, auf den der jeweilige Film zielgenau hinausläuft, so etwa in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und in John Sturges’ „Zwei rechnen ab“ (1957) mit Burt Lancaster als Earp und Kirk Douglas als Holliday. Tatsächlich aber war die Schießerei am O. K. Corral lediglich eines von diversen blutigen Ereignissen – und nicht das letzte. In der Folge kam es zur berüchtigten Earp-Vendetta, die wiederum John Sturges in „Die fünf Geächteten“ (1967) aufgriff. Sie wird auch in „Tombstone“ ausgiebig präsentiert und zeigt Wyatt Earp als so gnadenlos wie rachsüchtig. Der Stern des Marshals, den er sich nach einiger Zeit erneut ansteckt, dient ihm als Alibi, um die Bande der „Cowboys“ zu jagen und niederzuknallen. Ein immerhin differenziertes Porträt des schillernden Gesetzeshüters, der in der Realität wohl kein so strahlender Held war, wie es manche Western darstellen. Historische Freiheiten nimmt sich „Tombstone“ dennoch zur Genüge.

Val Kilmer

Die namhafte Besetzung bürgt für Schauspielkunst, und diese bekommen wir auch ausgiebig zu sehen. Hervorheben will ich lediglich Val Kilmer, der würdig in die Fußstapfen berühmter Doc-Holliday-Darsteller wie Victor Mature („Faustrecht der Prärie“), Kirk Douglas („Zwei rechnen ab“), Jason Robards („Die fünf Geächteten“) und Stacy Keach („Doc“, 1971) tritt. Für mich vielleicht Val Kilmers beste Rolle, zumal er womöglich noch ein wenig von seiner abgründigen Attitüde als Jim Morrison vom zwei Jahre früher entstandenen Biopic „The Doors“ auf die Rolle von Doc Holliday übertragen hat.

Auffällig an „Tombstone“ ist der fehlende Schmutz. Vom Einfluss des Italowesterns hat sich Regisseur George P. Cosmatos („Rambo II – Der Auftrag“) zumindest visuell völlig freigemacht – oder war es Kurt Russell? Dazu später mehr. Das Tombstone des Films ist ein dank Silberminen prosperierendes, fast schon glamouröses Städtchen, in welchem sich die Bürgerinnen und Bürger adrett kleiden und über die breiten Straßen flanieren. Mit Rauschmitteln geht der Western durchaus ins Gericht, wie nicht nur die Laudanum-Abhängigkeit von Wyatt Earps Ehefrau Mattie belegt; Doc Hollidays diverse Zusammenbrüche resultieren nicht nur aus der Tuberkulose, sondern auch aus seinem ungehemmten Alkoholkonsum. Dann haben wir die unabhängige und damit starke Frau Josephine Marcus, die mit forscher Initiative das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Handlungsstrang ihrer sich anbahnenden Romanze mit Wyatt Earp läuft etwas nebenher. In Vergessenheit gerät sie nicht, aber ein wenig fehlt die Verbindung zum Hauptplot. Immerhin unterstreicht sie die Ambivalenz von Wyatt Earp. Ebenso wie er sich sträubt, wieder zur Waffe zu greifen, weil er weiß, dass das Töten eines Menschen seiner Seele Schaden zufügt, ringt er mit dem Zwiespalt, sich als pflichtbewusster Ehemann einer drogensüchtigen Frau zu einer freigeistigen Lebedame hingezogen zu fühlen.

Robert Mitchum und Charlton Heston

Für die Rolle von Old Man Clanton war Robert Mitchum vorgesehen, der sie jedoch aufgrund eines Reitunfalls nicht ausüben konnte. Der Part wurde daraufhin aus dem Film herausgeschrieben, Mitchum ist in der Original-Sprachfassung als Stimme aus dem Off mit einigen einleitenden Worten zu Beginn und abschließenden Worten am Ende zu hören. Charlton Heston hat einen kurzen Part als wohlhabender Rancher Henry Hooker übernommen, der Earp und seinen Leuten Unterschlupf gewährt.

Jubilar Harry Carey Jr.

Mit 62 Jahren war Harry Carey Jr. doppelt so alt wie der Marshal Fred White, den er verkörpert. Carey hätte am 16. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Dasein als Westerndarsteller wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Seine als Olive Fuller Golden (1896–1988) geborene Mutter und sein Vater Harry Carey (1878–1947) hatten beide seit der Frühzeit des Kinos in vielen Western mitgewirkt. Sein Leindwanddebüt gab der kleine Harry bereits im Geburtsjahr 1921 in John Fords „Desperate Trails“, in welchem sein Vater die Hauptrolle spielte. Mit ihm spielte er später zwei weitere Male zusammen: 1948 in John Fords „Spuren im Sand“ mit John Wayne und im selben Jahr in „Red River“ von Howard Hawks mit John Wayne und Montgomery Clift. Auch mit seiner Mutter Olive Carey stand Harry Jr. mehrfach gemeinsam vor der Kamera, darunter in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) mit John Wayne und „Zwei ritten zusammen“ (1961) mit James Stewart und Richard Widmark. Nicht zuletzt der langen und tiefen Freundschaft seiner Eltern mit Regie-Legende John Ford ist es zu verdanken, dass auch der Junior in diversen Western des Filmemachers mitwirkte, darunter „Der Teufelshauptmann“ (1949), „Rio Grande“ (1950) und „Cheyenne“ (1964), dazu in weiteren John-Wayne-Western anderer Regisseure, etwa „Die Unbesiegten“ (1969). Für „Rio Bravo“ (1959) gedrehte Szenen mit Harry Carey Jr. fielen der Schere zum Opfer. In den 1970er-Jahren trat er auch in Italowestern auf, etwa den Komödien „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer sowie „Verflucht, verdammt und Halleluja“ (1972) mit Terence Hill. Zwischendurch war er auch im Horrorgenre präsent, so in Joe Dantes „Gremlins – Kleine Monster“ (1984) und „Der Exorzist III“ (1990) von William Peter Blatty. Dem Westerngenre blieb Harry Carey Jr. bis zum Karriereende treu, wie beispielsweise Walter Hills „Long Riders“ (1980) und eben „Tombstone“ belegen. Der Kalifornier starb am 27. Dezember 2012 im Alter von 91 Jahren.

Konkurrent Kevin Costner

Einigermaßen parallel zu „Tombstone“ entstand auch Lawrence Kasdans „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ mit Kevin Costner in der Titelrolle. Costner und „Tombstone“-Drehbuchautor Kevin Jarre hatten an sich einen gemeinsamen Wyatt-Earp-Film geplant, waren aber getrennte Wege gegangen, weil sie sich nicht über den Fokus der Handlung einigen konnten. Dem Vernehmen nach versuchte Costner in der Folge, der Produktion des Konkurrenzfilms ein paar Steine in den Weg zu legen. Geholfen hat es nichts: Während „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ an den Kinokassen abschmierte, entwickelte sich „Tombstone“ immerhin zu einem moderaten Erfolg und erhielt auch mehr Kritikerzuspruch.

Wer führte Regie?

Apropos Kevin Jarre. Der war an sich gebucht, sein Skript auch selbst zu inszenieren, wurde aber aus mir unbekannten Gründen kurz nach Beginn der Dreharbeiten als Regisseur gefeuert (er hat wohl hauptsächlich die Szenen mit Charlton Heston gedreht). Kurt Russell hat 2006 in einem auch ansonsten lesenswerten Interview mit dem True West Magazine enthüllt, er selbst habe anschließend den Rest des Films gedreht, der als Jarre-Nachfolger verpflichtete George P. Cosmatos sei nur als Strohmann oder Geisterregisseur am Set gewesen. Wenn es denn so war, überrascht es ein wenig, dass die Produzenten Kurt Russell den Regiestuhl zutrauten, der zuvor noch nie auf einem gesessen hatte (und es auch anschließend nie wieder tun sollte), aber das Ergebnis gibt ihnen doch recht. „Tombstone“ ist nicht frei von Kritik, als klassischer Western mit ein paar modernen Einsprengseln aber aller Ehren wert. Der Mythos Wyatt Earp ist nicht nur nicht totzukriegen, er funktioniert auch im modernen Kino.

Bis zur Schießerei am O. K. Corral läuft der Film recht zielstrebig auf diesen zwischenzeitlichen Höhepunkt hinaus, in Kombination mit einigen Ereignissen kurz darauf ist sie eindeutig der Höhepunkt des Films. Anschließend verliert sich der Western etwas in der repetitiven Ziellosigkeit der oben bereits erwähnten Earp-Vendetta. Unterhaltsam genug ist das immer noch, aber vielleicht fehlte Regisseur Cosmatos die Vision, wo der Rachefeldzug hinführen soll. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die eine oder andere der vielen Figuren weiteres Profil bekommen hätte, aber dann wäre der Film wohl überlang geworden, was auch problematisch sein kann.

Der Director’s Cut

Bereits 2002 ist in den USA ein Director’s Cut von „Tombstone“ erschienen, der es hierzulande bislang nur auf DVD geschafft hat, die allerdings im Handel vergriffen ist. Dem Schnittbericht zufolge stellen die zusätzlichen knapp sechs Minuten eine sinnvolle Ergänzung dar, weil sie einige Handlungslücken schließen. So wird etwa Wyatt Earps schwierige Beziehung zu seiner Frau Mattie mit einer zusätzlichen Szene erhellt, in einer anderen erfahren wir, weshalb im Film Doc Hollidays Freundin Kate plötzlich nicht mehr auftaucht.

Allerdings sind im Netz unterschiedliche Längenangaben der deutschen Director’s-Cut-DVD zu finden – mal 127 Minuten, mal 134 Minuten. Beide Laufzeiten sind mehr als sechs Minuten länger als die 119 Minuten der Kinofassungs-DVD. Da mir lediglich die Kinofassung auf Blu-ray vorliegt, kann ich darüber keine abschließende Aufklärung liefern. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Blu-ray mit dem Director’s Cut.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn, Powers Boothe, Harry Carey Jr., Charlton Heston, Robert Mitchum, Bill Paxton, Michael Rooker, Kurt Russell und Billy Bob Thornton haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als Blu-ray, 13. August 2009 im Director’s Cut als Limited 2-Disc Edition DVD, 2. Oktober 2000 als DVD

Länge:130 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 127 Min. (DVD, Director’s Cut), 119 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tombstone
USA 1993
Regie: George P. Cosmatos
Drehbuch: Kevin Jarre
Besetzung: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley, Jon Tenney, Stephen Lang, Thomas Haden Church, Dana Delany, Paula Malcomson, Lisa Collins, Dana Wheeler-Nicholson, Joanna Pacula, Michael Rooker, Billy Bob Thornton, John Corbett, John Philbin, Robert John Burke, Billy Zane, nur Stimme: Robert Mitchum
Zusatzmaterial Blu-ray und 2-DVD-Edition: Making-of (27:19), Storyboard des Regisseurs (4:00), Trailer & TV-Spots, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Walt Disney / Buena Vista
Label/Vertrieb DVD 2009: Hollywood Pictures / Touchstone
Label/Vertrieb DVD 2000: BMG Video / UFA

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
DVD-Packshot: © 2009 Hollywood Pictures / Touchstone

 

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The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot – Die Jagd nach dem Monster

The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot

Von Lucas Gröning

Abenteuerdrama // Ein Mann (Aidan Turner), uniformiert in Nazi-Kluft, dringt in ein Gebäude ein. Darin warten weitere Menschen in Uniformen der Nationalsozialisten. Der Mann kommt zu einer Rezeption. Er gibt dort seine Waffen ab und kann passieren. Plötzlich findet er sich in einem langen Gang wieder. Sein Ziel: die Tür am Ende des Ganges. Er nähert sich ihr mit langsamen Schritten. Auf seinem Weg holt er allerhand Materialien aus verschiedenen Winkeln seiner Kleidung heraus. Er greift unter seinen Hut, in seine Jacke, seine Hose, in einen seiner Schuhe. Aus all diesen Materialien hat er sich in Sekundenschnelle eine Waffe gebaut. Es wird klar, dass sich hinter der Tür eine Zielperson befindet. Eine Zielperson, die es zu infiltrieren gilt. Doch wer soll überhaupt getötet werden? Und wer ist der Mann, der mit dem Mord beauftragt wurde? Fragen über Fragen, die sich beim Sehen des illustren Schauspiels stellen. Mit schnelleren Schritten nähert sich der Mann seinem Ziel und wir Zuschauer nähern uns den Antworten auf unsere Fragen. Als der Mann angekommen ist öffnet er die Tür, tritt herein und … Cut.

Calvin Harris führt im Alter ein ruhiges Leben

Es ist der Beginn von Robert D. Krzykowskis Debütfilm „The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot“ nach eigenem Drehbuch. Der Regisseur, vorher lediglich durch seinen Kurzfilm „Elsie Hooper“ und kleinere Produktionsjobs bekannt, hat es bereits mit dieser einen Szene, die auch gut aus einem James-Bond-Film hätte stammen können, geschafft, beim Zuschauer ungeheure Neugier zu wecken. Eine fantastische Szene, die so viele Fragen aufwirft, welche der Jungregisseur uns allerdings bereits mit dem Titel seines Werkes beantwortet. Die geheimnisvolle Zielperson des Mannes ist der Führer des nationalsozialistischen Deutschlands von 1933 bis 1945: Adolf Hitler. Der Mann, der den Flur entlang auf die Tür zuläuft, ist der Mann, der ihn töten wird und auch der Mann, der voraussichtlich das legendäre Monster Bigfoot töten wird. Wem das alles jetzt sehr verwirrend und trashig vorkommt, der hat zumindest teilweise recht, denn Geschichte, Fiktion und das Verhältnis beider zueinander wird von „The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot“ tatsächlich in Teilen auf diese Art verhandelt.

Der alte Mann

Wir machen einen Zeitsprung. Jahre später, irgendwann in den 1980er-Jahren, sehen wir einen alten Mann (Sam Elliott) am Tresen einer Bar. Es ist der Mann, der viele Jahre zuvor Adolf Hitler getötet hat. In der Folge zeigt uns der Film das Leben des Mannes, der auf den Namen Calvin Barr hört. Er zeigt uns die langsamen, gequälten Schritte, die er geht, sein bescheidenes Heim, seinen Hund und seinen Alltag, der aus täglichen Spaziergängen zu seinem Bruder (Larry Miller) und dem nächtlichem Schauen von Fernsehserien besteht – ein tristes Leben. Immer wieder beobachten wir Calvin dabei, wie er einen traurigen Blick in den Spiegel wirft. Gleichbedeutend mit dem Spiegelblick ist die Ankündigung eines Zeitsprunges. Krzykowski zeigt uns dann das Leben des Mannes, wie es früher war, vor dem Mord am nationalsozialistischen Despoten. Er zeigt uns den Job, den Calvin vor dem Hitler-Attentat hatte. Er zeigt uns das Kennenlernen und die ersten Dates mit der Frau (Caitlin FitzGerald), mit der sich Calvin später verloben wollte, was jedoch aus unterschiedlichen Gründen nie funktionierte. Außerdem zeigt er uns die Vorbereitung auf die wichtige Mission, den Diktator des „Dritten Reichs“ zu ermorden. Es sind gerade diese zwei Aspekte, die das Leben des Calvin Barr in der Vergangenheit so sehenswert machen – Die Liebe zu Maxine und die abenteuerliche Mission, das Monster des Nationalsozialismus zu vernichten. Beide Lebensinhalte fehlen dem alternden Calvin in der Gegenwart der 80er, jedoch soll sich bald ein neues Monster zeigen, das zur Strecke gebracht werden muss.

Die Suche nach dem Guten

Eines Tages klopfen zwei FBI-Agenten (Ron Livingston, Rizwan Manji) an seine Tür und überreden ihn, sich einer neuen Gefahr anzunehmen. Er, der Adolf Hitler unter der Vertuschung aller beteiligten Regierungen ermordet hat, soll sich aufmachen, den Bigfoot zu töten. Dieser ist im Film der Überträger einer gefährlichen, tödlichen Krankheit, die sich im Falle eines Weiterlebens des Wesens über die gesamte Welt ausbreiten könnte. Nach ein wenig Überzeugungsarbeit willigt Calvin ein und begibt sich auf die Reise. Dabei wird er stets von seinem inneren Drang getrieben, das Böse und Schlechte aus der Welt zu verbannen. Viele Szenen zeigen uns, wie sich das herzensgute Wesen und die Suche nach dem Guten in der Welt in den Aktionen des Hitler-Mörders manifestieren. So ist er im Rahmen einer ständig mitschwingenden Melancholie nach bestem Willen freundlich und gibt beispielsweise einen gefundenen Lottoschein mit einem Gewinn zurück, ohne den Gewinn einzustreichen. Zugleich manifestiert sich dieses absolut Gute in seiner damaligen Freundin Maxine, die stehts nach Moralvorstellungen handelt, die die meisten Menschen wohl als richtig und gut ansehen würden. Im Zuge dessen wird sie von Calvin sogar als Heilige bezeichnet. Nach diesem absolut Guten strebt auch Calvin, findet in der Gegenwart jedoch erst mit der Jagd auf Bigfoot seine Chance, dieser Suche in einem angemessenen Rahmen nachzugehen, obwohl er selbst dem Zuschauer bereits seit Beginn als rechtschaffende Person vorgestellt wird. Nicht umsonst ist der Protagonist als einer der wenigen Menschen immun gegen die Krankheit des Bigfoot. Somit wird Calvin selbst zum Repräsentanten des Guten und Heiligen, findet jedoch von sich selbst abgesehen zu wenig davon in einer von Egosimus, Korruption und Bosheit geprägten Welt.

Ein wilder Genremix

Diese Suche nach dem Guten erzählt Robert D. Krzykowski, indem er sich bei verschiedensten Filmgenres bedient. In Grundzügen sehen wir ein Drama, das von der Suche nach der eigenen Existenz, dem Sinn des Lebens und dem, wie bereits erwähnt, absolut Guten in der Welt geprägt ist. Darüber hinaus werden uns Szenen gezeigt, die an Agentenfilme angelehnt sind. Andere Abschnitte wie die Anfangsszene der Gegenwartserzählung erinnern an Western, gepaart mit einem Schuss klassischer Action. Zu guter Letzt sehen wir klare Referenzen an das Trashgenre – vor allem beim Aufeinandertreffen des Protagonisten und des Bigfoots und natürlich bei der grundlegenden Ausgangslage des Films, indem Geschichte bewusst verfälscht und mit bekannten fiktionalen Erzählungen vermischt wird. Damit macht uns der Regisseuer und Verfasser des Drehbuchs klar, dass wir diesen Film aus historischer Sicht nicht ernst zu nehmen haben. Auf Basis dieser einigermaßen abwegigen, aber immerhin logisch hergeleiteten Geschichte erzählt uns der Filmemacher tatsächlich eine schöne Story, die viele Fragen rund um das Alter, den Sinn des Lebens und das Streben nach einem bestimmten Lebenszustand stellt. Krzykowskis Werk weiß dabei von der ersten bis zur letzten Sekunde zu unterhalten, auch wenn dem Film die intellektuelle Tiefe anderer großer Werke abgeht, die dieselben Fragen aufwerfen. Darüber hinaus stimmt das Verhältnis der Längen in den einzelnen Szenen ab und an nicht. Manche wirklich spannende Szenen brechen teilweise abrupt ab, während andere, weniger fesselnde Passagen sich oft sehr langgezogen anfühlen. Die tolle Geschichte, die starken schauspielerischen Leistungen, allen voran von Hauptdarsteller Sam Elliott, die schönen Kulissen, sowie die wundervolle Musik von Joe Kraemer („Jack Reacher“, „Mission: Impossible – Rogue Nation“) machen jedoch vieles wieder wett. Auch die tolle Kameraarbeit von Alex Vendler („The Woman“, „Melvin Goes to Dinner“) soll hier Erwähnung finden.

Bald muss sich Calvin auf die Jagd nach einer neuen Gefahr machen

Somit bleibt ein technisch hervorragendes Drama, das seine Zuschauer unterhalten dürfte, dabei die großen Fragen des Lebens stellt, im Hinblick auf eine zufriedenstellende Beantwortung oder zumindest den Versuch dieser Beantwortung gegenüber vergleichbaren Filmen jedoch abfällt.

capelight pictures hat das Werk kürzlich im Mediabook-Format veröffentlicht. Die gewohnt sorgfältig produzierte Edition enthält den Film als Ultra HD Blu-ray, Blu-ray, und DVD. Im Booklet findet sich ein interessantes Interview mit Regisseur Robert D. Krzykowski. Geführt wurde es von „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Leonhard Elias Lemke im Auftrag von „Deadline – Das Filmmagazin“.

14. Juni 2019 als 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (Ultra HD Blu-ray, Blu-ray & DVD) Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Ultra HD Blu-ray und Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Man Who Killed Hitler and Then the Bigfoot
USA 2018
Regie: Robert D. Krzykowski
Drehbuch: Robert D. Krzykowski
Besetzung: Sam Elliott, Aidan Turner, Sean Bridgers, Ron Livingston, Caitlin FitzGerald, Larry Miller, Ellar Coltrane, Rizwan Manji, Mark Steger, Nikolai Tsankov
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Robert D. Krzykowski, Behind the Scenes, entfallene Szenen, Interview mit Soundtrack-Komponist Joe Kraemer, Robert D. Krzykowskis Kurzfilm „Elsie Hooper“, Trailershow, nur Mediabook: 24-seitiges Booklet mit einem Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Robert D. Krzykowski
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos & 3er-Packshot: © 2019 capelight pictures

 

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