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I Am Not Your Negro – Rassismus und Kapitalismus

I Am Not Your Negro

Von Lucas Gröning

Gesellschafts-Doku // „Ich glaube wirklich nicht, dass es besser wird, solange man weiter solche Formulierungen benutzt. Es geht nicht darum, was mit den Schwarzen passiert. Dies ist eine brennende Frage, die mich interessiert. Aber noch mal: Es geht viel mehr darum, was mit diesem Land geschieht.“ Dies sind Sätze, die der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin (1924–1987) einem Talkshow-Moderator entgegensetzt, als dieser Aussagen präsentiert, die darauf hindeuten, die Lebensverhältnisse von schwarzen Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika hätten sich doch schon enorm verbessert. Es gebe doch inzwischen schwarze Bürgermeister, Schwarze seien in allen Sportarten vertreten, sie seien Teil des öffentlichen Diskurses in der Politik und (etwas scherzhaft gemeint) sogar Teil der Fernsehwerbung. Aussagen, welche einen weltoffenen, liberalen, bürgerlichen Menschen tatsächlich zu der Annahme verleiten könnten, dass das Rassismusproblem in den USA auf dem Weg sei, beseitigt zu werden.

James Baldwin jedoch zeigt, nicht zuletzt mit diesen einleitenden Sätzen, dass das Gegenteil der Fall ist und dass diese Ideologie viel tiefere Wurzeln hat, als die bloße Ablehnung der Hautfarbe des Gegenübers. Der haitianische Regisseur Raoul Peck hat Baldwin 2016 die Dokumentation „I Am Not Your Negro“ gewidmet. Bereits in vorherigen Produktionen seines filmischen Schaffens hatte sich Peck mit Themen wie systematischer Unterdrückung, Protestbewegungen und den Strukturen von Gesellschaften auseinandergesetzt, dabei auch mit den Mythen, auf denen diese beruhen. Genannt seien an dieser Stelle der Dokumentarfilm „Lumumba“ (1991), in welchem es um den kongolesischen Freiheitskämpfer und späteren Ministerpräsidenten Patrice Lumumba geht (auch drehte Peck im Jahr 2000 einen Spielfilm mit dem Titel „Lumumba“), sowie „Als das Morden begann“ („Sometimes in April“, 2005), welcher den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 zum Thema macht. „I Am Not Your Negro“ stellt in dieser Reihe den bisherigen Höhepunkt im Œuvre des Regisseurs dar, thematisiert er hier doch nicht bloß den Umgang mit Rassismus in den USA, sondern reflektiert auch klug über die amerikanische Gesellschaft als Ganzes und über die Rolle des Mediums Film in dieser Entwicklung.

Baldwin und das moderne Amerika

Im Zentrum der Dokumentation stehen, wie bereits angedeutet, der Schriftsteller James Baldwin sowie insbesondere ein unvollendetes, dreißigseitiges Romanskript des Autors mit dem Titel „Remember this House“. Baldwin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sich in dieser Schrift mit dem Rassismus in den USA auseinanderzusetzen und eine Geschichte der nebeneinander existierenden schwarzen und weißen Gesellschaften Amerikas zu beschreiben. Dies tat er, indem er drei seiner Freunde und zugleich zentrale Personen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung ins Zentrum des Interesses rückte: Medgar Evers (1925–1963), Malcom X (1925–1965) und Martin Luther King Jr. (1929–1968). Grundlage für Raoul Pecks Doku bilden neben Auszügen aus dieser Schrift vor allem Briefe, welche Baldwin an seinen Agenten Jay Acton geschrieben hatte. Die darin getätigten Aussagen Baldwins werden im englischen Original von Schauspieler Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“, „Jackie Brown“) verlesen, in der deutschen Synchronisation übernimmt der Hip-Hop-Musiker Samy Deluxe diesen Job. Die Bilder von „I Am Not Your Negro“ wiederum wurden zum Großteil nicht von Peck selbst aufgenommen, sondern entstammen Archivmaterial aus den vergangen Jahrzehnten. Diese umfassen zum einen Sequenzen aus Reden von beispielsweise Martin Luther King, Malcom X und James Baldwin selbst, TV-Aufnahmen aus verschiedenen Berichten oder Talkshows sowie Material aus Spielfilmen. Dabei beschränkt sich Raoul Peck nicht bloß auf Beobachtungen und Aufnahmen, welche James Baldwin zu seinen Lebzeiten gemacht hat oder in dieser Zeit entstanden sind. Dies hätte lediglich eine historische Einordnung zufolge, als ginge es um eine Erzählung aus längst vergangener Zeit. Vielmehr geht es dem Regisseur darum, den Bogen zum Amerika des 21. Jahrhunderts zu spannen und zu verdeutlichen, wie rassistisch die Gesellschaft der Vereinigten Staaten auch heute noch immer ist.

Vergangenheit und Moderne

Hierzu bedient er sich vor allem der Montage. Es sind nicht durchgängig Aufnahmen aus der Zeit von Baldwins öffentlichem Wirken, also grob dem Zeitraum der 1950er- bis 1970er-Jahre, welche von den Texten des Schriftstellers begleitet werden. Häufig wird durch die Montage der Eindruck erweckt, Baldwin kommentiere das Amerika der 1990er-Jahre oder Ereignisse des 21. Jahrhunderts. Dieser Eindruck eines kontinuierlichen Fortbestehens einer Gesellschaft, die sich seit jeher mit Rassismus auseinandersetzen muss, wird vor allem dann verstärkt, wenn beispielsweise Proteste aus den 1960er-Jahren mit Protesten aus den 2010ern gegengeschnitten werden. Sowohl auf Seiten der Schwarzen, als auch auf Seiten des weißen Amerika. Wenn uns der Film Proteste zeigt, in denen deutlich wird, dass Menschen aus dem bürgerlichen Millieu, gläubige Christen und sowie Anhänger des Nationalsozialismus für dieselbe Sache streiten, fühlen wir uns zwangsläufig an Bilder erinnert, welche ähliche Eindrücke vom modernen Amerika, aber auch von anderen westlichen Staaten wie Deutschland vermitteln.

Gleiches zeigt uns der Film, wenn er das rigorose, unverhältnismäßig brutale Vorgehen der Polizei gegen Schwarze zu Zeiten der Rassentrennung mit dem Durchgreifen der Staatsmacht in der Moderne vergleicht. Die augenscheinliche Botschaft hinter dieser Form der Montage: Eigentlich hat sich gar nicht so viel geändert. Die Gewissheit, den Rassismus in der Gesellschaft hinter sich gelassen zu haben, durch politisch erreichte Gleichberechtigung und das Aufheben der Rassentrennung beispielsweise, wird hier Lügen gestraft. Kleine Veränderungen führen dementsprechend nicht zu einer gesellschaftlichen Akzeptanz aller Ethnien. Der Rassismus in den USA hat viel tiefere Wurzeln, wie der Regisseur uns zeigt. Raoul Peck liefert mit seiner Dokumentation nämlich nicht nur eine Analyse des Rassismus der jüngeren und der älteren Vergangenheit, sowie einen Vergleich. Er geht obendrein auch den Ursachen auf den Grund und stellt dar, inwiefern der Rassismus in den USA nicht bloß durch plumpe Fremdenfeindlichkeit begründet ist, sondern dass er sogar einen elementarer Bestandteil der Identität des weißen Amerika darstellt und für den Zusammenhalt der weißen Gesellschaft unabdingbar ist.

Die Illusion von Reinheit

Rassismus in den USA gibt es bereits seit 400 Jahren. Schwarze Menschen haben inzwischen die gleichen Rechte wie Menschen weißer Hautfarbe. Und obwohl sich die Idee von Gleichberechtigung damit auf politischer Ebene durchgesetzt hat, so legt der Film nahe, ist die Ideologie des Rassismus immer noch ein Kernbestandteil Amerikas. Raoul Peck und James Baldwin erklären dies damit, dass es trotz dieser rechtlichen Gleichstellung keine echte Aufarbeitung dieser 400-Jahre umfassenden Geschichte gab. Nein, und viel schlimmer, es gab vielmehr eine Verdrängung der vergangenen Ereignisse rund um Unterdrückung und Sklaverei. Inmitten einer Illusion eines reinen und sündenfreien Amerikas gab es keinen Platz für die grausamen Handlungen der Sklavenhändler, die dieses Bild beschmutzt hätten. Viel lieber konstituierten die Amerikaner eine bunte, makellose Fantasiewelt. Das Problem hierbei sei, dass die schwarze Bevölkerung in dieser Fantasiewelt nie einen Platz gehabt hätte. Wie soll man auch Menschen in diese Makellosigkeit integrieren, deren Existenz als eine Form der Erweckung vergangener Dämonen fungiere und dem weißen Amerika vergangene Gräueltaten in Erinnerung ruft, vor allem, da der Wohlstand der Amerikaner nicht zuletzt auf deren Ausbeutung beruht. Die Folge ist eine Ignoranz schwarzer Geschichte, einhergehend mit der Eingliederung schwarzer Menschen in eine neu geschriebene weiße Geschichte, welche sich im Film vor allem als eine Geschichte des Kapitalismus und der Konsumgesellschaft darstellt. James Baldwin behauptet dann auch an einer Stelle indirekt, gerade die zum Egoismus treibenden Kräfte des Konsums seien ein Nährboden dafür, eben nicht auf die Schwächeren und Unterdrückten der Gesellschaft zu schauen, sondern sich ganz dem Kaufrausch hinzugeben. Die amerikanische Gesellschaft wird hier also nicht als echte Gemeinschaft illustriert, sondern als Ansammlung einzeln und für sich existierender Egoisten, deren einziger Zusammenhalt in der ständigen Rekonstruktion derselben weiß-geprägten Fantasiewelt besteht, in der die Schwarzen als Individuen keinen Platz haben, sondern bloß als homogene Masse betrachtet werden können, welcher man lediglich durch das Zuschreiben von Stereotypen begegnen kann.

Eine Eingliederung in die kapitalistische Logik

Der Film zeigt uns, zur Unterstreichung dieses Eindrucks, vor allem Werbeclips und Aufnahmen aus dem US-amerikanischen Showgeschäft. Präsentiert wird oftmals eine klassische weiße, bürgerliche Familie. An einer Stelle sieht man eine solche beispielsweise im Supermarkt beim Einkaufen. Lachende, glückliche Gesichter dominieren das Bild im Einklang mit hellen, sauberen Farben. Es ist eine Art Idealbild, eine Norm, was uns hier in mehreren Formen als Ansammlung glücklicher Konsumenten verkauft wird. Hier wird allerdings nicht nur eine Norm konstruiert, die als Kennzeichnung für das weiße, reine Amerika zu verstehen ist, sondern auch als Kennzeichnung dessen dient, was eben nicht zu diesem Gesellschaftsentwurf dazugehört. Es sind dabei die Bilder gepeinigter schwarzer Sklaven aus den Geschichtsbüchern, welche sich nicht mit diesem angestrebten Typus vereinbaren lassen. Vielmehr sind die Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft das Gegenstück, geduldet, allerdings nie vollends akzeptiert, gerade in Bezug auf einen eigenen kulturellen, alternativen, nicht-konsumorientierten Hintergrund. Wirkliche Akzeptanz kann daher nur stattfinden, wenn sich auch die Schwarzen diesen Logiken unterwerfen und die Bereitschaft zeigen, den vorgegebenen Lebensstil zu übernehmen.

Damit einhergehend, so legt „I Am Not Your Negro“ nahe, findet diese Aufnahme in die Gesellschaft oftmals nur unter der Prämisse von Verwertbarkeit statt. Das wird anhand der Präsidentschaft Barack Obamas im Film deutlich. Während James Baldwin auf der Tonebene den Begriff „Onkel Tom“ benutzt, – eine Bezeichnung für Afroamerikaner, welche sich angepasst und unterwürfig Weißen unterordnen, sodass er von diesen nicht als Bedrohung angesehen werden kann –, zeigt der Film den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika mit seiner Ehefrau Michelle Obama. Beide lächeln auf diesen Bildern und die Aufnahmen erinnern nicht zufällig an die weiße Konsumentenfamilie aus dem Supermarkt. Hier findet also kein Hinterfragen des weißen Idealtypus durch Barack und Michelle Obama statt, sondern ganz im Gegenteil: dessen Bestätigung. Der naheliegende Schluss: Obama wurde nicht trotz seiner Hautfarbe Präsident, sondern gerade wegen ihr. Er wurde zu einer Art Symbolfigur für die Demokraten, welche sich durch seine Präsidentschaft Freiheit und Diversität auf die Fahne schreiben konnten, während sie die Gewissheit hatten, an den tatsächlichen Lebens- und Machtverhältnissen nicht das Geringste ändern zu müssen. Im Kapitalismus und der Sprache des Marktes spricht man von einem Unique Selling Point, also einem Alleinstellungsmerkmal.

Der Film als Spiegel der Gesellschaft

Raoul Peck hat auf diese Weise also herausgearbeitet, inwiefern der Rassismus der amerikanischen Gesellschaft auch ökonomische Wurzeln hat und inwiefern der Kapitalismus diese Machtverhältnisse verhärtet. Einen wesentlichen Beitrag zur Verfestigung dieser Verhältnisse leistet nach Peck neben der reinen Unterhaltungsindustrie allerdings auch das Medium Film. Gezeigt werden zur Demonstration dieser Tatsache vor allem alte Western mit John Wayne. Wir bekommen Szenen zu sehen, in denen der heldenhafte Cowboy sich gewaltsam gegen aggressive Indianerstämme verteidigt. Hier findet, so zeigt es „I Am Not Your Negro“, eine Assoziation zu den Schwarzen statt, genauso wie eine Umdeutung der amerikanischen Geschichte, sodass diese eben wieder in das reine, amerikanische Traumbild passt. Somit trägt auch das Medium Film wesentlich dazu bei, dass ein Umdenken in der amerikanischen Geschichte niemals stattfinden kann.

Auch in späteren Filmen, in denen schwarze Schauspieler an der Seite von Weißen spielten, findet eine echte Begegnung auf Augenhöhe nie statt. Oftmals sind Schwarze hier Bedienstete von weißen Herren wie in „Vom Winde verweht“ (1939) und „Song of the South“ (1946). Die aktuelle Debatte um die Entfernung von „Vom Winde verweht“ aus dem Sortiment eines US-Streamingsenders passt da perfekt ins Bild, zeigt das Südstaaten-Melodram doch Sklaverei in stark verharmlosender Art und Weise.

Selbst in Filmen mit zum Beispiel Sidney Poitier ab den 1950er-Jahren änderte sich nicht allzu viel. Zwar bewegt sich der Protagonist hier schon eher auf Augenhöhe mit den weißen Darstellern, eine echt innige Begegnung kann jedoch auch hier nicht stattfinden. Stattdessen herrschen Distanz und stille, vorsichtig akzentuierte Akzeptanz. Diese Verhältnisse lassen sich jedoch nicht bloß auf Filme längst vergangener Zeiten beziehen. Auch hier spannt Raoul Peck den Bogen zur Gegenwart. So zeigt „I Am Not Your Negro“ Actionfiguren aus dem Marvel Cinematic Universe. Wir müssen uns die Frage stellen, ob die diversen Casts aus diesen Filmen nicht ebenfalls bloß für den Erhalt einer sauberen, reinen, heilen Welt dienen? Dienen die Schwarzen hier nicht auch bloß dem Erhalt des Status Quo, sodass ja keine Veränderung der dargestellten, von Weißen konstruierten Lebenswelt stattfindet? Somit würde auch der Film, zumindest der massentaugliche, konventionelle Film, keine Gegenwelt zu den dargestellten Verhältnissen aufbauen, sondern diese im Gegenzug eher verstärken. Der Film fungiert hier im wahrsten Sinne des Ausdrucks von Siegfried Kracauer als Spiegel der bestehenden Gesellschaft.

Einer der wichtigsten Filme der vergangenen Jahre

Das kluge Zusammendenken von Rassismus, Kapitalismus und die Reflexion über das Medium, in dem diese Auseinandersetzung stattfindet, machen Raoul Pecks Werk zu einer herausragenden Dokumentation. Voller virtuoser und intelligent zusammengestellter Montagen gelingt dem Regisseur das Erklären der Hintergründe einer rassistischen Gesellschaft; er zeigt uns, warum sture Akzeptanz und rechtliche Gleichstellung eben nicht reichen, um eine vielfältige Gesellschaft zu bilden. „I Am Not Your Negro“ zeigt uns, was für einen enorm langen Weg westliche Gesellschaften noch vor sich haben, ehe man auch nur im Ansatz von einer Beendigung der rassistischen Ideologie reden kann. Der Bezug zu den ökonomischen Verhältnissen und der Weckruf, diese als Voraussetzung ändern zu müssen, um eine Verbesserung der Situation zumindest annähernd erreichen zu können, machen „I Am Not Your Negro“ zu einem der wichtigsten und besten Filme der vergangenen Jahre. James Baldwin hat vollkommen recht, wenn er sagt, es gehe nicht um die Zukunft der Schwarzen, es gehe um die Zukunft einer ganzen Gesellschaft, welche sich befreien muss aus der Illusion, welche sie aufrechterhält. Als sehr wahrscheinlich erachtete der Schriftsteller diese Utopie nicht. Doch so pessimistisch Baldwins Worte auch geklungen haben mögen, so kommt doch ab und zu heraus, dass auch er noch einen Funken Hoffnung in seinem Herzen trug. Und mit aufklärerischen und intelligenten Filmen wie Raoul Pecks „I Am Not Your Negro“ kommen wir Baldwins Utopie in jedem Fall ein kleines Stück näher.

Veröffentlichung: 30. Juni 2017 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch. Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: I Am Not Your Negro
CH/F/BEL/USA 2016
Regie: Raoul Peck
Drehbuch: James Baldwin, Raoul Peck
Mitwirkende: Samuel L. Jackson, Archivbilder: James Baldwin, Martin Luther King, Malcom X, Medgar Evers, Barack Obama, George W. Bush, Rodney King, Robert F. Kennedy, Harry Belafonte, Billy Dee Williams, Sidney Poitier, Ray Charles, Arnold Schwarzenegger, John Wayne, Audrey Hepburn, J. Edgar Hoover, Paul Weiss
Salzgeber & Co. Medien GmbH

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Packshot: © Salzgeber & Co. Medien GmbH

 
 

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The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück: Heldenmut im Vietnamkrieg

The Last Full Measure

Von Lucas Gröning

Kriegsdrama // Sehnen wir uns nicht alle nach Helden? Nach Vorbildern, an deren beispiellosen Taten wie uns orientieren können und deren Charaktereigenschaften universell in Kategorien wie „gut“ und „richtig“ eingeordnet werden können? Hingabe gehört natürlich zu diesen Eigenschaften, genauso wie Mut, Tapferkeit und Selbstlosigkeit. Eine Person, die im klassischen Sinne als ein solches Vorbild dienen könnte, ist wohl William H. Pitsenbarger, ein ehemaliger US-Soldat, der für die Amerikaner bis zu seinem Tod im Vietnamkrieg kämpfte. Er starb am 11. April 1966 , während er eine Gruppe GIs versorgte, die sich in einer ausweglosen Situation befand. Für seine Verdienste, besonders in dieser Situation, wurde er posthum mit dem Air Force Cross ausgezeichnet, der zweithöchsten militärischen Auszeichnung der amerikanischen Luftstreitkräfte. Im Jahr 2000 wiederum wurde Pitsenbarger sogar die höchste Ehrung Medal of Honor zuteil. Mit „The Last Full Measure“ widmet sich nun ein Film den Ereignissen rund um den 11. April 1966 und den Bemühungen, Pitsenbarger und seinen Heldenmut nachträglich zu würdigen.

Scott Huffman (r.) ist als Jurist im Pentagon tätig

Regisseur Todd Robinson, der auch das Drehbuch schrieb, ist vor allem durch das Krimidrama „Lonely Hearts Killers“ (2006) mit John Travolta, Salma Hayek und Jared Leto sowie den Militär-Thriller „Phantom“ (2013) mit Ed Harris bekannt – bei beiden war er ebenfalls für Drehbuch und Regie in Personalunion tätig. Für „The Last Full Measure“ holte sich Robinson gleich eine ganze Reihe von Hollywood-Legenden, die die Darstellung der einzelnen Charaktere übernahmen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen die Oscar-Preisträger Christopher Plummer („Beginners“) und William Hurt („Kuss der Spinnenfrau“) sowie die Oscar-Nominierten Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“) und Ed Harris („Apollo 13“). Für den zwei Mal ebenfalls für den Oscar nominierten Peter Fonda („Easy Rider“), sollte es die letzte Rolle vor seinem Tod im Jahr 2019 werden. Die Hauptrolle des fiktiven Charakters Scott Huffman wird von Sebastian Stan verkörpert, der einem breiten Publikum vor allem durch seine Darstellung des Winter Soldiers Bucky Barnes aus dem Marvel Cinematic Universe bekannt sein dürfte.

Zwei Formen von Ästhetik

„The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ konzentriert sich zunächst auf den erwähnten Scott Huffman. Dieser ist im Jahr 1998 im Stab des Pentagons als Anwalt tätig und wird damit beauftragt, eine Anfrage des Vietnam-Kriegsveterans Tully (William Hurt) und der Eheleute Frank und Alice Pitsenbarger (Christopher Plummer, Diane Ladd) zu bearbeiten, die darauf abzielt, dem in Vietnam gefallenen US-Soldaten William Pitsenbarger (Jeremy Irvine) 32 Jahre nach dessen Tod für die zu Beginn geschilderten Ereignisse die Medal of Honor zu verleihen. Huffman geht der Sache auf die Spur und sucht dazu das Gespräch mit Überlebenden des Gefechts von damals. Er trifft auf die Vietnam-Kriegsveteranen Takoda (Samuel L. Jackson), Mott (Ed Harris) und Burr (Peter Fonda), die ihm ihre Versionen der damaligen Ereignisse schildern. Mit der Zeit kommt Huffman einer Verschwörung auf die Spur, mit deren Aufklärung er womöglich seine Karriere gefährdet. Angesichts der Schwangerschaft seiner Frau Tara (Alison Sudol) stellt ihn das vor ein Dilemma.

Der Vietnam-Veteran Tully will einen gefallenen Kameraden ehren

Der Film erzählt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen: Zum einen sehen wir Huffman und die andere Protagonisten, wie sie im Jahr 1998 für die Auszeichnung Pitsenbargers mit der Medal of Honor streiten. Zum anderen zeigt uns das Kriegsdrama die Begebenheiten rund um die Schlacht im Jahr 1966 und schildert uns so die Blicke der Kriegsveteranen auf die Taten des gefallenen Soldaten. Beide Zeitstränge sind stilistisch klar voneinander abgegrenzt. Dominieren auf der Gegenwartsebene vor allem helle, satte Farbpaletten und ruhige Kamerabilder zur Unterstützung einer gewissen Idylle, wird der kriegerische Konflikt der Vergangenheitsebene durch schwach gesättigte, graue Töne, sowie hektische Kamerabewegungen und schnelle Schnitte gekennzeichnet.

Heldenhafter Einsatz: William Pitsenbarger

Diese formale Gestaltung der gezeigten Bilder spiegelt sich nicht nur auf visueller Ebene wider, sondern auch auf symbolischer. In der Vergangenheit werden dem Zuschauer durch die Bilder Krieg, Leid, Tod und Verderben suggeriert. Das bildet einen starken Kontrast zur Ästhetik der Gegenwartsbilder, die uns sowohl durch die gealterten Gesichter der Veteranen als auch durch die ausgestrahlte Idylle und die Handlungen anderer Personen verdeutlichen, dass der Krieg weit weg von der Lebensrealität der amerikanischen Bevölkerung ist. Sehen wir in Vietnam noch um ihr Leben rennende Soldaten, explodierende Granaten und verblutende Menschen, so begegnen uns in den USA riesige Springbrunnen, idyllische Vorgärten und Kinder, die im Schulbus mit Papierfliegern spielen. Vor allem das häufige Auftauchen von Kindern fällt ins Auge und suggeriert so im Kontrast zum Vietnam der 1960er-Jahre eine sichere Heimat, in der es sich wohlbehütet und in Sicherheit aufwachsen lässt.

Jede Menge Pathos

Zum anderen verweist der Film damit unterschwellig auf den Anteil der Soldaten an dieser wohlbehüteten Heimat. Er behauptet, jene, welche derart tapfer für ihre Heimat gekämpft haben, sind die eigentlichen Bewahrer des Friedens und haben somit einen großen Teil zu dieser wohlhabenden Gemeinschaft beigetragen. Überhaupt lässt „The Last Full Measure“ keine Chance aus, die Veteranen und natürlich vor allem den gefallenen Soldaten mit größtem Pathos in den Himmel zu loben, emotionalisierende musikalische Untermalung inklusive. Zugleich drehen sich auch die platten Dialoge oftmals um Themen wie Mut, Selbstlosigkeit und Ehre. Mehrmals werden die Soldaten als Helden bezeichnet, wobei zusätzlich ihre eigene Selbstlosigkeit und vor allem Bescheidenheit herausgearbeitet wird. Gerade in der ersten Hälfte öffnet sich das Kriegsdrama doch recht stark einer patriotisch-konservativen Sichtweise, die die starken Soldaten als Beschützer und Behüter der großen Nation versteht. Zugleich hält der Film an mehreren Stellen die klassische Familie als leuchtendes Beispiel einer idealen Gemeinschaft in einer Gesellschaft hoch und unterstreicht diesen Konservatismus damit zusätzlich.

Takoda erinnert sich an seine Zeit in Vietnam

In der zweiten Hälfte des Films ändert sich dieses Bild jedoch in weiten Teilen. Plötzlich werden auch bei den Veteranen menschliche und sensible Seiten bearbeitet. Plötzlich werden Schwächen zugelassen und die Veteranen wirken nicht länger wie die verbitterten alten Kampfmaschinen, die nichts weiter als Anerkennung für ihre Leistungen im Krieg wollen. Es werden andere Motive sichtbar, die vor allem auf ein Vergessen und Verdrängen der durchlebten Ereignisse abzielen. Hier bricht „The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ ansatzweise mit seiner konservativen Attitüde und öffnet sich für einen breiten Diskurs, ohne seine Haltung im Grundsatz zu verändern. Dennoch zeichnet sich hier eine demokratische und eben nicht absolutistische Einstellung ab, von der „The Last Full Measure“ ab der zweiten Hälfte gekennzeichnet ist. Der Film vertritt immer noch die Werte der ersten Hälfte, ist aber klug genug, diese zu hinterfragen. Wir sehen uns dann mit Fragen konfrontiert, die auf ein tatsächliches Heldendasein der Kriegsveteranen abzielen – so rückt etwa die Frage in den Vordergrund, ob die Existenz von Helden in einem derart grausamen Zustand wie dem Krieg überhaupt möglich ist.

Konservativ, aber dem Diskurs geöffnet

Alles in allem hat Todd Robinson mit „The Last Full Measure“ ein ordentliches Kriegsdrama inszeniert. Der Film ist technisch auf einem anständigen Niveau und bietet für beide dargestellten Zeitebenen eine eigene Ästhetik, wobei die Szenen im Vietnamkrieg aus meiner Sicht noch ein bisschen düsterer hätten sein können. Hier sind die Schauplätze zum Teil zu sauber ausgeleuchtet und gerade beim Einfall von grellem Licht kann das einen recht unpassenden Blendeffekt verursachen. Auch die Musik bietet zum Teil wunderbare Stücke, die allerdings in vielen Momenten zu pathetisch wirken. Dieser Pathos unterstützt, vor allem in der ersten Hälfte, eine sehr patriotisch-konservative Ideologie, die sich in der zweiten Hälfte zumindest für eine diskursive Auseinandersetzung öffnet und sich somit in eine Reihe mit beispielsweise „Der Soldat James Ryan“ (1998) und „American Sniper“ (2014) stellt. Die geistige Höhe eines Kriegsdramas wie etwa „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ (2016) oder gar „Apocalypse Now“ (1979) erreicht „The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ zu keinem Zeitpunkt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ed Harris, Samuel L. Jackson und Christopher Plummer haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Huffmans erwarten Nachwuchs

Veröffentlichung: 24. Januar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Last Full Measure
USA 2019
Regie: Todd Robinson
Drehbuch: Todd Robinson
Besetzung: Christopher Plummer, Samuel L. Jackson, Sebastian Stan, Bradle Whitford, Ed Harris, Diane Ladd, Jeremy Irvine, Michael Imperioli, Alison Sudol, Linus Roache, Peter Fonda, William Hurt, Zach Roerig, Ser’Darius Blain, Amy Madigan
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Universum Film

 

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Spider-Man – Far from Home: Spinnenmann schwingt sich durch Europa

Spider-Man – Far from Home

Kinostart: 4. Juli 20169

Von Iris Janke

SF-Action // Erwachsenwerden auf der Klassenfahrt – paradox, aber genau dieses Kunststück gelingt Jon Watts („Clown“) mit „Spider Man – Far from Home“, seiner auf „Spider-Man – Homecoming“ folgenden Regiearbeit. Watts schickt Peter Parker (Tom Holland) alias Spider-Man diesmal auf eine Klassenfahrt quer durch Europa. Dabei versucht der junge Mann, den richtigen Moment zu finden, seiner Klassenkameradin Michelle Jonas (Zendaya, „K.C. Undercover“) alias MJ seine Gefühle zu gestehen.

Spinnenmann auf Klassenausflug

Peter Parkers ursprünglicher Plan für den Europatrip sah vor: viel Entspannung, das rote Superheldenkostüm auf jeden Fall daheim lassen und MJ auf dem Eiffelturm ein romantisches Geschenk überreichen. Doch dabei hat er die Rechnung ohne Happy Hogan (Jon Favreau) gemacht. Der informiert ihn, dass sein neuer Ziehvater Nick Fury (Samuel L. Jackson) ihn dringend sprechen will. Wir erinnern uns: Spider-Man-Förderer Tony Stark (Robert Downey Jr.) alias Iron-Man ist tot. Peter Parker jedoch steht der Sinn gerade wenig nach Action. Kein Wunder also, dass er Happy Hogans Aufforderung ignoriert, Nick Fury zu kontaktieren. Fury allerdings lässt sich nicht so leicht abweisen. Kurzerhand leitet er den gesamten Europatrip der Klasse um – geradewegs dahin, wo sich vier übermächtige Bösewichte tummeln: die Elementals Hydron, Magnum, Zephyr und Hellfire. Klar, dass Peter Parker in altbekannte Gefahrensituationen gerät und sich zwecks Rettung seiner Klassenkameraden und der übrigen Bevölkerung plötzlich durch Venedig, Prag, Berlin und London schwingt. Seltsam: Überall dort, wo gerade eine Katastrophe passiert, taucht Quentin Beck (Jake Gyllenhaal) alias Mysterio, auf …

Soll Peter Parker MJ seine Liebe gestehen?

Der MCU(Marvel Cinematic Universe)-Episode „Spider-Man – Far from Home“ tut es extrem gut, dass sie an für Spider-Man ungewöhnlichen Orten spielt. Scheinbar mühelos lässt Regisseur Watts den Spinnenmann in – gefühlt – ganz Europa Menschen retten. Spider-Man Peter Parker mit Tom Holland in der Hauptrolle wirkt, anders als seine Rollen-Vorgänger (Tobey Maguire und Andrew Garfield) frischer, jünger und irgendwie entstaubt. Auch Zendaya als Peter Parkers neuer Schwarm MJ trägt zur Verjüngung des Teams bei. Ebenfalls toll besetzt: Jake Gyllenhaal als Hingucker Mysterio, umso interessanter, da er einst selbst einst als Spider-Man-Besetzung im Gespräch war. Watts gelingt der Mix aus guten jungen Schauspielern und etablierten Stars, computeranimierten Superschurken, historischer Kulisse und pointierten Gags. Ergebnis: gelungenes buntes Popcornkino für alle.

Nick Fury (r.) will Spider-Man für seine Zwecke einsetzen

Kenner des MCU werden zudem ihren Spaß daran haben, diesen „Spider-Man“-Teil in die „richtige“ zeitliche Reihenfolge der anderen Teiles zu bringen. Wichtig: Unbedingt bis nach dem Abspann im Kinosessel sitzen bleiben, denn wie bei den meisten Marvel-Filmen gibt es einen Ausblick auf kommende Ereignisse, tatsächlich sogar zwei völlig verschiedene – einen vergleichsweise kurz nach Beginn des Abspanns, den anderen ganz am Ende.

Freunde? Spider-Man und Mysterio (r.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Marisa Tomei haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jake Gyllenhaal und Samuel L. Jackson unter Rubrik Schauspieler.

Neuer schwarzer Anzug für Spider-Man

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Spider-Man – Far from Home
USA 2019
Regie: Jon Watts
Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers, nach den Comicvorlagen von Steve Ditko und Stan Lee
Besetzung: Tom Holland, Jake Gyllenhaal, Samuel L. Jackson, Marisa Tomei, Jon Favreau, Zendaya, Jacob Batalon, Remy Hii, Angourie Rice, Cobie Smulders, Martin Starr, Numan Acar
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Iris Janke

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

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