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Schlagwort-Archive: Samuel L. Jackson

The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück: Heldenmut im Vietnamkrieg

The Last Full Measure

Von Lucas Gröning

Kriegsdrama // Sehnen wir uns nicht alle nach Helden? Nach Vorbildern, an deren beispiellosen Taten wie uns orientieren können und deren Charaktereigenschaften universell in Kategorien wie „gut“ und „richtig“ eingeordnet werden können? Hingabe gehört natürlich zu diesen Eigenschaften, genauso wie Mut, Tapferkeit und Selbstlosigkeit. Eine Person, die im klassischen Sinne als ein solches Vorbild dienen könnte, ist wohl William H. Pitsenbarger, ein ehemaliger US-Soldat, der für die Amerikaner bis zu seinem Tod im Vietnamkrieg kämpfte. Er starb am 11. April 1966 , während er eine Gruppe GIs versorgte, die sich in einer ausweglosen Situation befand. Für seine Verdienste, besonders in dieser Situation, wurde er posthum mit dem Air Force Cross ausgezeichnet, der zweithöchsten militärischen Auszeichnung der amerikanischen Luftstreitkräfte. Im Jahr 2000 wiederum wurde Pitsenbarger sogar die höchste Ehrung Medal of Honor zuteil. Mit „The Last Full Measure“ widmet sich nun ein Film den Ereignissen rund um den 11. April 1966 und den Bemühungen, Pitsenbarger und seinen Heldenmut nachträglich zu würdigen.

Scott Huffman (r.) ist als Jurist im Pentagon tätig

Regisseur Todd Robinson, der auch das Drehbuch schrieb, ist vor allem durch das Krimidrama „Lonely Hearts Killers“ (2006) mit John Travolta, Salma Hayek und Jared Leto sowie den Militär-Thriller „Phantom“ (2013) mit Ed Harris bekannt – bei beiden war er ebenfalls für Drehbuch und Regie in Personalunion tätig. Für „The Last Full Measure“ holte sich Robinson gleich eine ganze Reihe von Hollywood-Legenden, die die Darstellung der einzelnen Charaktere übernahmen. Zu der illustren Runde gehören unter anderen die Oscar-Preisträger Christopher Plummer („Beginners“) und William Hurt („Kuss der Spinnenfrau“) sowie die Oscar-Nominierten Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“) und Ed Harris („Apollo 13“). Für den zwei Mal ebenfalls für den Oscar nominierten Peter Fonda („Easy Rider“), sollte es die letzte Rolle vor seinem Tod im Jahr 2019 werden. Die Hauptrolle des fiktiven Charakters Scott Huffman wird von Sebastian Stan verkörpert, der einem breiten Publikum vor allem durch seine Darstellung des Winter Soldiers Bucky Barnes aus dem Marvel Cinematic Universe bekannt sein dürfte.

Zwei Formen von Ästhetik

„The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ konzentriert sich zunächst auf den erwähnten Scott Huffman. Dieser ist im Jahr 1998 im Stab des Pentagons als Anwalt tätig und wird damit beauftragt, eine Anfrage des Vietnam-Kriegsveterans Tully (William Hurt) und der Eheleute Frank und Alice Pitsenbarger (Christopher Plummer, Diane Ladd) zu bearbeiten, die darauf abzielt, dem in Vietnam gefallenen US-Soldaten William Pitsenbarger (Jeremy Irvine) 32 Jahre nach dessen Tod für die zu Beginn geschilderten Ereignisse die Medal of Honor zu verleihen. Huffman geht der Sache auf die Spur und sucht dazu das Gespräch mit Überlebenden des Gefechts von damals. Er trifft auf die Vietnam-Kriegsveteranen Takoda (Samuel L. Jackson), Mott (Ed Harris) und Burr (Peter Fonda), die ihm ihre Versionen der damaligen Ereignisse schildern. Mit der Zeit kommt Huffman einer Verschwörung auf die Spur, mit deren Aufklärung er womöglich seine Karriere gefährdet. Angesichts der Schwangerschaft seiner Frau Tara (Alison Sudol) stellt ihn das vor ein Dilemma.

Der Vietnam-Veteran Tully will einen gefallenen Kameraden ehren

Der Film erzählt seine Geschichte auf zwei Zeitebenen: Zum einen sehen wir Huffman und die andere Protagonisten, wie sie im Jahr 1998 für die Auszeichnung Pitsenbargers mit der Medal of Honor streiten. Zum anderen zeigt uns das Kriegsdrama die Begebenheiten rund um die Schlacht im Jahr 1966 und schildert uns so die Blicke der Kriegsveteranen auf die Taten des gefallenen Soldaten. Beide Zeitstränge sind stilistisch klar voneinander abgegrenzt. Dominieren auf der Gegenwartsebene vor allem helle, satte Farbpaletten und ruhige Kamerabilder zur Unterstützung einer gewissen Idylle, wird der kriegerische Konflikt der Vergangenheitsebene durch schwach gesättigte, graue Töne, sowie hektische Kamerabewegungen und schnelle Schnitte gekennzeichnet.

Heldenhafter Einsatz: William Pitsenbarger

Diese formale Gestaltung der gezeigten Bilder spiegelt sich nicht nur auf visueller Ebene wider, sondern auch auf symbolischer. In der Vergangenheit werden dem Zuschauer durch die Bilder Krieg, Leid, Tod und Verderben suggeriert. Das bildet einen starken Kontrast zur Ästhetik der Gegenwartsbilder, die uns sowohl durch die gealterten Gesichter der Veteranen als auch durch die ausgestrahlte Idylle und die Handlungen anderer Personen verdeutlichen, dass der Krieg weit weg von der Lebensrealität der amerikanischen Bevölkerung ist. Sehen wir in Vietnam noch um ihr Leben rennende Soldaten, explodierende Granaten und verblutende Menschen, so begegnen uns in den USA riesige Springbrunnen, idyllische Vorgärten und Kinder, die im Schulbus mit Papierfliegern spielen. Vor allem das häufige Auftauchen von Kindern fällt ins Auge und suggeriert so im Kontrast zum Vietnam der 1960er-Jahre eine sichere Heimat, in der es sich wohlbehütet und in Sicherheit aufwachsen lässt.

Jede Menge Pathos

Zum anderen verweist der Film damit unterschwellig auf den Anteil der Soldaten an dieser wohlbehüteten Heimat. Er behauptet, jene, welche derart tapfer für ihre Heimat gekämpft haben, sind die eigentlichen Bewahrer des Friedens und haben somit einen großen Teil zu dieser wohlhabenden Gemeinschaft beigetragen. Überhaupt lässt „The Last Full Measure“ keine Chance aus, die Veteranen und natürlich vor allem den gefallenen Soldaten mit größtem Pathos in den Himmel zu loben, emotionalisierende musikalische Untermalung inklusive. Zugleich drehen sich auch die platten Dialoge oftmals um Themen wie Mut, Selbstlosigkeit und Ehre. Mehrmals werden die Soldaten als Helden bezeichnet, wobei zusätzlich ihre eigene Selbstlosigkeit und vor allem Bescheidenheit herausgearbeitet wird. Gerade in der ersten Hälfte öffnet sich das Kriegsdrama doch recht stark einer patriotisch-konservativen Sichtweise, die die starken Soldaten als Beschützer und Behüter der großen Nation versteht. Zugleich hält der Film an mehreren Stellen die klassische Familie als leuchtendes Beispiel einer idealen Gemeinschaft in einer Gesellschaft hoch und unterstreicht diesen Konservatismus damit zusätzlich.

Takoda erinnert sich an seine Zeit in Vietnam

In der zweiten Hälfte des Films ändert sich dieses Bild jedoch in weiten Teilen. Plötzlich werden auch bei den Veteranen menschliche und sensible Seiten bearbeitet. Plötzlich werden Schwächen zugelassen und die Veteranen wirken nicht länger wie die verbitterten alten Kampfmaschinen, die nichts weiter als Anerkennung für ihre Leistungen im Krieg wollen. Es werden andere Motive sichtbar, die vor allem auf ein Vergessen und Verdrängen der durchlebten Ereignisse abzielen. Hier bricht „The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ ansatzweise mit seiner konservativen Attitüde und öffnet sich für einen breiten Diskurs, ohne seine Haltung im Grundsatz zu verändern. Dennoch zeichnet sich hier eine demokratische und eben nicht absolutistische Einstellung ab, von der „The Last Full Measure“ ab der zweiten Hälfte gekennzeichnet ist. Der Film vertritt immer noch die Werte der ersten Hälfte, ist aber klug genug, diese zu hinterfragen. Wir sehen uns dann mit Fragen konfrontiert, die auf ein tatsächliches Heldendasein der Kriegsveteranen abzielen – so rückt etwa die Frage in den Vordergrund, ob die Existenz von Helden in einem derart grausamen Zustand wie dem Krieg überhaupt möglich ist.

Konservativ, aber dem Diskurs geöffnet

Alles in allem hat Todd Robinson mit „The Last Full Measure“ ein ordentliches Kriegsdrama inszeniert. Der Film ist technisch auf einem anständigen Niveau und bietet für beide dargestellten Zeitebenen eine eigene Ästhetik, wobei die Szenen im Vietnamkrieg aus meiner Sicht noch ein bisschen düsterer hätten sein können. Hier sind die Schauplätze zum Teil zu sauber ausgeleuchtet und gerade beim Einfall von grellem Licht kann das einen recht unpassenden Blendeffekt verursachen. Auch die Musik bietet zum Teil wunderbare Stücke, die allerdings in vielen Momenten zu pathetisch wirken. Dieser Pathos unterstützt, vor allem in der ersten Hälfte, eine sehr patriotisch-konservative Ideologie, die sich in der zweiten Hälfte zumindest für eine diskursive Auseinandersetzung öffnet und sich somit in eine Reihe mit beispielsweise „Der Soldat James Ryan“ (1998) und „American Sniper“ (2014) stellt. Die geistige Höhe eines Kriegsdramas wie etwa „Hacksaw Ridge – Die Entscheidung“ (2016) oder gar „Apocalypse Now“ (1979) erreicht „The Last Full Measure – Keiner bleibt zurück“ zu keinem Zeitpunkt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ed Harris und Samuel L. Jackson haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Die Huffmans erwarten Nachwuchs

Veröffentlichung: 24. Januar 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Last Full Measure
USA 2019
Regie: Todd Robinson
Drehbuch: Todd Robinson
Besetzung: Christopher Plummer, Samuel L. Jackson, Sebastian Stan, Bradle Whitford, Ed Harris, Diane Ladd, Jeremy Irvine, Michael Imperioli, Alison Sudol, Linus Roache, Peter Fonda, William Hurt, Zach Roerig, Ser’Darius Blain, Amy Madigan
Zusatzmaterial: Trailer
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2020 by Lucas Gröning
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Universum Film

 

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Spider-Man – Far from Home: Spinnenmann schwingt sich durch Europa

Spider-Man – Far from Home

Kinostart: 4. Juli 20169

Von Iris Janke

SF-Action // Erwachsenwerden auf der Klassenfahrt – paradox, aber genau dieses Kunststück gelingt Jon Watts („Clown“) mit „Spider Man – Far from Home“, seiner auf „Spider-Man – Homecoming“ folgenden Regiearbeit. Watts schickt Peter Parker (Tom Holland) alias Spider-Man diesmal auf eine Klassenfahrt quer durch Europa. Dabei versucht der junge Mann, den richtigen Moment zu finden, seiner Klassenkameradin Michelle Jonas (Zendaya, „K.C. Undercover“) alias MJ seine Gefühle zu gestehen.

Spinnenmann auf Klassenausflug

Peter Parkers ursprünglicher Plan für den Europatrip sah vor: viel Entspannung, das rote Superheldenkostüm auf jeden Fall daheim lassen und MJ auf dem Eiffelturm ein romantisches Geschenk überreichen. Doch dabei hat er die Rechnung ohne Happy Hogan (Jon Favreau) gemacht. Der informiert ihn, dass sein neuer Ziehvater Nick Fury (Samuel L. Jackson) ihn dringend sprechen will. Wir erinnern uns: Spider-Man-Förderer Tony Stark (Robert Downey Jr.) alias Iron-Man ist tot. Peter Parker jedoch steht der Sinn gerade wenig nach Action. Kein Wunder also, dass er Happy Hogans Aufforderung ignoriert, Nick Fury zu kontaktieren. Fury allerdings lässt sich nicht so leicht abweisen. Kurzerhand leitet er den gesamten Europatrip der Klasse um – geradewegs dahin, wo sich vier übermächtige Bösewichte tummeln: die Elementals Hydron, Magnum, Zephyr und Hellfire. Klar, dass Peter Parker in altbekannte Gefahrensituationen gerät und sich zwecks Rettung seiner Klassenkameraden und der übrigen Bevölkerung plötzlich durch Venedig, Prag, Berlin und London schwingt. Seltsam: Überall dort, wo gerade eine Katastrophe passiert, taucht Quentin Beck (Jake Gyllenhaal) alias Mysterio, auf …

Soll Peter Parker MJ seine Liebe gestehen?

Der MCU(Marvel Cinematic Universe)-Episode „Spider-Man – Far from Home“ tut es extrem gut, dass sie an für Spider-Man ungewöhnlichen Orten spielt. Scheinbar mühelos lässt Regisseur Watts den Spinnenmann in – gefühlt – ganz Europa Menschen retten. Spider-Man Peter Parker mit Tom Holland in der Hauptrolle wirkt, anders als seine Rollen-Vorgänger (Tobey Maguire und Andrew Garfield) frischer, jünger und irgendwie entstaubt. Auch Zendaya als Peter Parkers neuer Schwarm MJ trägt zur Verjüngung des Teams bei. Ebenfalls toll besetzt: Jake Gyllenhaal als Hingucker Mysterio, umso interessanter, da er einst selbst einst als Spider-Man-Besetzung im Gespräch war. Watts gelingt der Mix aus guten jungen Schauspielern und etablierten Stars, computeranimierten Superschurken, historischer Kulisse und pointierten Gags. Ergebnis: gelungenes buntes Popcornkino für alle.

Nick Fury (r.) will Spider-Man für seine Zwecke einsetzen

Kenner des MCU werden zudem ihren Spaß daran haben, diesen „Spider-Man“-Teil in die „richtige“ zeitliche Reihenfolge der anderen Teiles zu bringen. Wichtig: Unbedingt bis nach dem Abspann im Kinosessel sitzen bleiben, denn wie bei den meisten Marvel-Filmen gibt es einen Ausblick auf kommende Ereignisse, tatsächlich sogar zwei völlig verschiedene – einen vergleichsweise kurz nach Beginn des Abspanns, den anderen ganz am Ende.

Freunde? Spider-Man und Mysterio (r.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jake Gyllenhaal und Samuel L. Jackson sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Neuer schwarzer Anzug für Spider-Man

Länge: 129 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Spider-Man – Far from Home
USA 2019
Regie: Jon Watts
Drehbuch: Chris McKenna, Erik Sommers, nach den Comicvorlagen von Steve Ditko und Stan Lee
Besetzung: Tom Holland, Jake Gyllenhaal, Samuel L. Jackson, Marisa Tomei, Jon Favreau, Zendaya, Jacob Batalon, Remy Hii, Angourie Rice, Cobie Smulders, Martin Starr, Numan Acar
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2019 by Iris Janke

Filmplakate, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

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Captain Marvel – Marvels mächtigste Heldin ist da!

Captain Marvel

Kinostart: 7. März 2019

Von Andreas Eckenfels

Fantasy-Action // Das Marvel Cinematic Universe (MCU) steht vor einem großen Umbruch. Neue Helden kommen, alte Recken gehen. Bevor Phase 3 des MCU ab dem 25. April mit „Avengers – Endgame“ offiziell beendet wird, lernen wir mit Carol Danvers alias Captain Marvel eine der neuen Kämpferinnen für das Gute kennen. Der 21. Film innerhalb des MCU bietet gleich eine doppelte Premiere: Erstmals wird eine weibliche Superheldin in den Mittelpunkt der Handlung gestellt, dargestellt von Oscar-Preisträgerin Brie Larson („Raum“). Gleichzeitig übernimmt mit Anna Boden erstmals eine Frau die Regie bei einem Marvel-Film – wenn auch gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Ryan Fleck. In beiden Punkten hatte zuvor ausnahmsweise die ansonsten stets hinterherhinkende Konkurrenz aus dem DC Extended Universe die Nase vorn. Ob „Captain Marvel“ einen ähnlichen Erfolg an den Kinokassen feiern wird, wie „Wonder Woman“ von Patty Jenkins, wird die nahe Zukunft zeigen.

Mentor und Schülerin: Yon-Rogg und Vers

In der Abspannszene von „Avengers – Inifinity War“ (2018) konnte Nick Fury (Samuel L. Jackson) mit seinem Pager einen letzten Notruf an Captain Marvel (Larson) absetzen. Die erstmals 1968 in Comic-Form in Erscheinung getretene Superheldin ist somit die letzte Hoffnungsträgerin, um mit ihren Fähigkeiten die aussichtslos erscheinende Schlacht gegen Thanos doch noch in einen Sieg umzumünzen. Ihre hier erzählte Vorgeschichte setzt dabei im Jahr 1995 ein, ist also zeitlich vor dem ersten MCU-Film „Iron Man“ (2008) angesiedelt.

Zurück auf der Erde

Wenn wir Carol Danvers das erste Mal begegnen, hört sie auf den Namen Vers und gehört einer galaktischen Elite-Einheit der Krees an. Da sie nachts im Schlaf von Erinnerungen und Visionen heimgesucht wird, trainiert sie in dieser Zeit lieber mit ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) ihre Kampftechnik. Doch ihr Temperament und ihre Energiestöße, die sie aus ihren Armen schießen lassen kann, hat Vers noch nicht ganz im Griff. Da kommt ein neuer Auftrag gerade recht. Gemeinsam mit ihrem Team, dem unter anderem auch Korath (Djimon Hounsou) und Minn-Erva (Gemma Chan) angehören, soll sie unter Yon-Roggs Führung ein besetztes Territorium zurückerobern. Dieses ist in die Hände der Skrulls gefallen. Die Alien-Rasse ist der Erzfeind der Krees und verfügt über eine besondere Fähigkeit: Die Kreaturen können ihre Gestalt wandeln.

Auf der Erde macht sich Vers mit dem öffentlichen Nahverkehr vertraut

Der Einsatz geht schief. Vers wird gefangen genommen und erhält von Talos (Ben Mendelsohn), dem Anführer der Skrulls, eine Spezialbehandlung. Doch bevor der Außerirdische ihre Erinnerungen scannen kann, gelingt der Soldatin mit einer Rettungskapsel die Flucht. Vers landet krachend auf der Erde – in einer Blockbuster-Videothek in Los Angeles. Auch einige Skrulls haben es auf den Planeten geschafft und nehmen jetzt zur Tarnung fleißig das Aussehen verschiedener Passanten an. Gemeinsam mit dem herbeigerufenen S.H.I.E.L.D-Agenten Nick Fury jagt Vers schließlich den Aliens hinterher. Dabei werden ihre Visionen und Déjà-Vus immer intensiver. Bald findet Vers heraus, dass sie schon einmal auf der Erde war. Als Air-Force-Piloten, die 1989 einen folgenschweren Absturz hatte. Ihr damaliger Name: Carol Danvers.

Kein Überflieger

„Höher, weiter, schneller, Baby!“ Mit diesem Spruch starten Carol Denvers und Pilotenkollegin Maria Rambeau (Lashana Lynch) in ihren Maschinen in die Lüfte. Doch so ganz will dieses Motto zunächst nicht passen. Ein echter Überflieger ist „Captain Marvel“ nicht geworden, dafür ein solider, unterhaltsamer Blockbuster, dem es allerdings etwas an Spektakel fehlt. Der erste Einsatz gegen die Skrulls könnte aus einer „Star Trek“-Folge stammen, gegen Ende gibt es eine Flug-Verfolgungsjagd durch einen engen Canyon, welche in ihrer Machart an „Star Wars“ erinnert. Diese Actionszenen erfüllen ihren Zweck, wirken aber etwas uninspiriert und es fehlt an der nötigen Dramatik, um wirklich mit ihnen mitfiebern zu können. Vielleicht war die Inszenierung dieser Sequenzen für die Filmemacher Boden/Fleck, die sich mit kleinen Indie-Perlen wie „Half Nelson“ (2006) einen Namen gemacht haben, doch eine Nummer zu groß.

Digitale Verjüngunskur

Dafür spielen sie ihre Qualitäten in anderen Bereichen voll aus und können sich auf ihren namhaften Cast verlassen. Sobald das Geschehen vom All auf die Erde verlagert wird, fühlt sich das 21. MCU-Abenteuer auch überaus geerdet an. Dass ein Großteil der Kulissen und auch die Alien-Masken am Computer generiert sind, erkennt man nur selten. Das Duo Brie Larson und Samuel L. Jackson, die beide schon gemeinsam in „Kong – Skull Island“ (2017) arbeiteten, erweist sich als perfekt eingespieltes Team. Im Stil eines Buddy-Movies fetzen sie sich ordentlich, jagen den Bösewichtern hinterher und geben einander Rückendeckung. Dabei gibt Larson zunächst eine eher zurückhaltende Performance ab, doch je mehr ihre Figur wieder zu sich selbst findet, ihre Erinnerungen zurückkehren, lässt sie ihre verbissene Ernsthaftigkeit hinter sich und es huscht immer häufiger ein Lächeln über ihr Gesicht. Samuel L. Jackson ist natürlich ein Selbstgänger, grandios wie immer. Kaum zu glauben, dass er im vergangenen Dezember seinen 70. Geburtstag gefeiert hat – erst recht nicht, da sein Gesicht einer digitalen Verjüngungskur unterzogen wurde. Marvel hatte diese Methode bereits für einige Szenen mit Robert Downey Jr. in „The First Avenger – Civil War“ (2016) und Michael Douglas in „Ant-Man“ (2015) angewendet, aber den vermeintlich jungen Samuel L. Jackson während der Dauer eines kompletten Films zu sehen, ist überzeugend gelungen. Ebenso wurde auch Clark Gregg als Agent Coulson auf jung getrimmt. Wenn man sich dazu die absolut lächerlich wirkende Anfangssequenz mit Nicole Kidman und Temuera Morrison aus „Aquaman“ (2018) ins Gedächtnis ruft, ist das MCU in diesem Bereich dem Konkurrenten klar überlegen.

Dort sind auch Talos (l.) und die anderen Skrulls gelandet

Die Geschichte gibt zum Glück auch Ben Mendelsohn die Möglichkeit, trotz seiner Alien-Maske und mithilfe der Sprache seiner Figur die nötige Tragik zu verleihen und nicht wie etwa in „Ready Player One“ einen recht generischen Schurken zu geben. Und dann ist da noch der heimliche Star des Films, über den jeder sprechen wird: die coole Katze Goose! Ob das Pelztier nach Anthony Edwards’ Charakter gleichen Namens aus „Top Gun – Sie fürchten weder Tod noch Teufel“ (1986) benannt ist?

Die 90er sind wieder da

Nach der allgemeinen Nostalgiewelle auf die 80er-Jahre feiert das Comic-Abenteuer jetzt das darauffolgende Jahrzehnt. Und das mit einem großen Augenzwinkern: CD-Rom-Laufwerke in Windows-95-Rechnern, die Ewigkeiten benötigten, bis die Daten eingelesen waren, Videotheken mit großen Pappaufstellern oder die Grunge-Mode. Für alle, die dabei waren, ein großer Spaß. Gleichzeitig sorgt auch schon wie in „Guardians of the Galaxy“ der passende Soundtrack für Stimmung: Von R.E.M. über Nirvana bis hin zu TLC werden zahlreiche zeitgenössische Hits serviert. Und nur wenn Carol Danvers zu den Takten von „Just a Girl“ von No Doubt die Bösewichte in einer Rockerkneipe verprügelt, dringt die ansonsten eher subtil vermittelte feministische Botschaft etwas zu laut ins Gehör.

Schlummernde Kräfte

Dass die Ursprungsgeschichte von Captain Marvel diesmal unüblich nicht chronologisch erzählt wird, sondern sich durch Rückblenden nach und nach zusammensetzt, ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits durchbricht diese Herangehensweise erfrischend das übliche Muster, andererseits verliert die Titelfigur durch die ständige Ungewissheit und ihre Suche nach ihrer Identität auch etwas von ihrer Stärke. Doch sobald Carol im letzten Akt zu sich selbst gefunden hat, mit voller Energie sowie neuer Anzugfarbe in den Himmel steigt und im Kosmos durch ein Raumschiff wie durch Butter gleitet, dann können wir erahnen, welche Kräfte in Marvels mächtigster Heldin schlummern. Und diese wird Captain Marvel in „Avengers – Endgame“ mit Sicherheit ohne zuvor angezogene Handbremse demonstrieren können.

S.H.I.E.L.D.-Agent Nick Fury in jungen Jahren – und noch mit zwei Augen

Abschließend zwei Hinweise: Ja, die leider verstorbene Comic-Legende Stan Lee (1922–2018) erhält eine Würdigung, und wie üblich bei Marvel-Filmen heißt es: Während des Abspanns sitzen bleiben! In der Mitte und am Ende folgen je noch eine kurze Szene.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Brie Larson sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Samuel L. Jackson und Jude Law unter Schauspieler.

Höher, weiter, schneller, Captain Marvel!

Länge: 124 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Captain Marvel
USA 2019
Regie: Anna Boden, Ryan Fleck
Drehbuch: Anna Boden, Ryan Fleck, Geneva Robertson-Dworet
Besetzung: Brie Larson, Gemma Chan, Ben Mendelsohn, Samuel L. Jackson, Jude Law, Lee Pace, Annette Bening, Djimon Hounsou, Clark Gregg, Lashana Lynch
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

Copyright 2019 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Walt Disney Studios Motion Pictures Germany

 

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