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Terry Gilliam (IV): Die Abenteuer des Baron Münchhausen – Fuck Your Reality, Imagination Rulez!

The Adventures of Baron Munchausen

Von Lutz R. Bierend

Fantasy-Abenteuer // „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ bildet den dritten Teil von Terry Gilliams informeller Fantasie(Imagination)-Trilogie, welche nach „Time Bandits“ (1981) und „Brazil“ (1985) hier einen überzeugenden Abschluss findet. Während in „Time Bandits“ ein kleiner Junge von seinen Fantasien in wilde Abenteuer getrieben wird und sich in „Brazil“ ein erwachsener Mann mithilfe seiner Fantasie aus einer unerträglichen Realität flüchtet, erleben wir in „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“, wie ein Meister der Fantasie seine Imagination nutzt, um sich die Welt nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Wer sollte dazu besser geeignet sein als der altbekannte Lügenbaron? Dem hatten unter anderen bereits 1943 Hans Albers in der Titelrolle, Erich Kästner als Drehbuchautor (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) und Regisseur Josef von Báky in „Münchhausen“ ein Denkmal gesetzt. Nicht nur die treue Anhängerschaft des buntesten Durchhalte-Films des Zweiten Weltkriegs erschwerte es Gilliam, für seine Regiearbeit ein neues Publikum zu finden.

Schneller als Treppensteigen: einfach mit dem Pferd aus dem Fenster springen

Einer der Gründe warum das Werk so unter Wert lief, waren wieder mal (ähnlich wie bei „Brazil“) politische Querelen mit dem Studio. Diesmal vollzog sich während der Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ein Regimewechsel bei Columbia Pictures. Die neuen Verantwortlichen wollten laut IMDb die von ihren Vorgängern begonnenen Produktionen nicht allzu erfolgreich aussehen lassen und nachdem Gilliam sein Budget schon um fast das Doppelte seiner veranschlagten 23,5 Millionen Dollar überzogen hatte, brachte der Verleih den Film in den USA in lediglich 48 Kinos. Bedauerlich, er ist es definitiv wert, von mehr Menschen gesehen zu werden.

Your reality, sir, is lies and balderdash and I’m delighted to say that I have no grasp of it whatsoever.

Auch die Aura des Spießigen die bereits der Name Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen mit sich bringt, war zusammen mit seinen eher klischeehaften Rollenmodellen schon in den 80ern des 20. Jahrhunderts nicht mehr wirklich PC. Außerdem kennt jeder den Ritt auf der Kanonenkugel und die meisten anderen Geschichten die den Lügenbaron in die Literaturgeschichte haben eingehen lassen. Als ich damals die Ankündigung las, dass Gilliam Baron Münchhausen verfilmt, fiel mir die Vorstellung schwer, wie man aus dieser Geschichte noch etwas Sehenswertes herausquetschen kann. Aber zum Glück heißt der kreativere Terry der Monty Pythons immer noch Gilliam, und er hatte schon vorher gezeigt, dass er klassische Themen durch Entschlackung und seine ganz eigene Perspektive faszinierend neu gestalten kann. So inszenierte er den „Jabberwocky“ (1977) aus Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ ohne die dazugehörigen Alice und das Wunderland, sein filmischer Beitrag zum Überwachungsjahr 1984 kam ohne den Big Brother aus – der erste Arbeitstitel seiner kafkaesken Dystopie „Brazil“ lautete „1984 and ½“. Nun also sollte Baron Münchhausen einer Radikalkur unterzogen werden.

Late 18th Century. The Age of Reason. Wednesday.

Der Film beginnt in einer namenlosen, vermutlich österreichischen Stadt, die von den Türken belagert wird. Es ist das Zeitalter der Vernunft. Mittwoch. Öffentliche Bekanntmachungen empfehlen den Einwohnern, Nahrung zu sparen und es doch mal mit Kannibalismus zu probieren. Die Türken schießen unverschämterweise selbst am Mittwoch die halbe Stadt in Trümmer und die Bevölkerung der belagerten Metropole vertreibt sich die Zeit in einem Theater. Man gibt „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“. In seiner Loge bespricht währenddessen der hochwohlgeborene Bürgermeister Horatio Jackson (Jonathan Pryce) mit seinem Stab die Lage und beklagt sich über das unsittliche Verhalten des belagernden Sultans (Peter Jeffrey), weil dieser es wagt, am Mittwoch zu kämpfen. Nebenbei wird ihm ein Offizier (Sting) vorgestellt, der ganz allein sechs Kanonen des Feindes zerstört und zehn gefangene Kameraden befreit hat. Der muss natürlich umgehend hingerichtet werden. Wo komme man denn hin, wenn solch emotionale, von toxischer Maskulinität getriebenen Kerle die durchschnittlichen Soldaten herabwürdigen, weil sich diese natürlich nie mit solchem Heldenmut messen können.

We can’t have such emotional people demoralising the average citizen.

Währenddessen bemühen sich die Schauspieler redlich, ihr Stück zu Ende zu bringen. Das wird dadurch erschwert, dass inzwischen alle Bühnentechniker der Belagerung zum Opfer gefallen sind. Dann erscheint ein alter Mann (John Neville), der die Aufführung lautstark unterbricht. Er kann nicht mit ansehen, wie sein Leben von ein paar Chargen als Ansammlung von Lügengeschichten dargestellt wird. Der wahre Baron Münchhausen übernimmt die Hauptrolle und erklärt dem Publikum, wie es zu dieser Belagerung durch die Türken kommen konnte. Eine leichtfertige Wette zwischen Baron und Sultan habe den Herrscher der Osmanen um den Inhalt seiner Schatzkammer gebracht.

Wenn so reizende Damen fragen – wie kann man da nicht die Stadt retten wollen?

Letztendlich wird die Aufführung von den Kanonen des Sultans beendet und Horatio Jackson ordnet an, die Theatertruppe solle die Stadt verlassen. Wer mit solchem fantastischen Kokolores die Rationalität untergräbt, hat dort nichts zu suchen. Von den anwesenden Damen und allen voran von der kleinen Tochter des Chefs der Theatertruppe Sally Salt (Sarah Polley in einer frühen Rolle) lässt sich der Baron überreden, doch nicht zu sterben und stattdessen loszuziehen, um seine außergewöhnlichen Diener zu suchen, mit denen er die Belagerung durch den Sultan im Nu beenden kann. Mit einigen hundert Damenschlüpfern und einem Schiff aus der Bühnenrequisite bauen die Schauspieler einen Heißluftballon, und der Baron macht sich auf den Weg zum Mond.

Der Baron und Sally auf dem Weg zum Mond

Münchhausen hat allerdings die Rechnung ohne Sally gemacht, die sich in dem Ballon versteckt hat und dem Baron nun bei seiner Suche nach den Dienern zur Seite steht. Mit ihr zusammen muss er zuerst zum König vom Mond, dessen Frau immer noch dem Charme des Barons verfallen ist, in den Vesuv hinab, wo er mit Venus (Uma Thurman in einer ebenfalls frühen Rolle) anbändelt, und darf nach Sturz durch den Erdkern auch seine letzten Diener finden. Während der Baron bei dem einen oder anderen Flirt gern die Zeit vergisst und zwischendurch sein Interesse am Leben verliert, ist es Sally, die den alten Mann immer wieder an seine Aufgabe erinnert und nicht sterben lässt, bevor er die Stadt nicht gerettet hat. Aber der Tod ist ein ständiger Begleiter des Barons und will nicht ohne dessen Lebenslicht von dannen ziehen.

…any famous last words?

Not yet.

Not yet? Is that famous?

Natürlich kann man „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ vorwerfen, er sei (wie „Time Bandits“) eine Nummernrevue, in der die nettesten Momente der klassischen Lügengeschichten abgehakt werden, aber letztlich ist es Terry Gilliams Fähigkeit zu verdanken, großartige Bilder zu einem bizarren Gesamtwerk zusammenzufügen, dass der Film auch nach dem dritten Schauen immer noch überraschende Details bietet und bei genauerer Betrachtung sogar eine relativ klassische Dramaturgie hat, auch wenn sich der Zuschauer zwischendurch in den Unglaublichkeiten verliert. Die vielen legendären Momente, allen voran der Ritt auf der Kanonenkugel, passieren so überraschend beiläufig, dass sie ihre Schönheit beim ersten Sehen fast untergeht.

I didn’t fly miles. It was more like a mile-and-a-half. And I didn’t precisely fly. I merely held onto a mortar shell in the first instance and then a cannonball on the way back.

Wie so oft bei Gilliam hat man ohnehin das Gefühl, dass der Film immer kurzweiliger wird, je häufiger man ihn sieht. Wirkt die Reise, auf die der Regisseur den Zuschauer mitnimmt, beim ersten Mal etwas planlos und lang, weil man sich zu sehr mit der Frage beschäftigt, wohin die Reise einen führen wird, wird sie von Mal zu Mal schöner und kurzweiliger. Einfach da sitzen und darauf vertrauen, dass das Gezeigte bis zum Abspann noch ein kohärentes Ganzes ergibt, ist bei Gilliam immer ein guter Rat. Eines sei verraten: Am Ende siegt die Fantasie grandios über die Vernunft und über die Realität. Baron Münchhausen ist halt kein Anfänger wie Sam Lowrie aus „Brazil“, dem seine Fantasie nur noch hilft, aus einer unerträglichen Realität zu fliehen. Er ist ein Meister und dadurch, dass er seine Zuhörer und Zuschauer an seine Hirngespinste glauben lässt, werden sie für alle wahr.

He won’t get far on hot air and fantasy.

Terry Gilliam urteilte über die Verfilmung mit Hans Albers, dieser hinge leider Zwanghaftigkeit an: Die Deutschen wollten zeigen, dass sie einen Zwei-Fronten-Krieg führen und trotzdem den aufwendigsten Fantasy-Film ihrer Zeit drehen können. „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ hingegen springt spielend zwischen – fast brutalem – Realismus und der manchmal absurden Schönheit der Fantasiewelten des Barons hin und her. Wenn die türkischen Belagerer die Stadt in Schutt und Asche schießen und die verletzten Einwohner aus den Trümmern geborgen werden, fragt man sich schon, ob man wirklich in einem Familienfilm gelandet ist. Auch der Harem des Sultans ist meilenweit entfernt von den klassischen Darstellungen, die man aus Hollywoods 1001-Nacht-Verfilmungen wie „Der Dieb von Bagdad“ (1940) oder „Sindbads siebente Reise“ (1958) kennt. Man findet man kaum eine Frau, welche den westlichen Schönheitsidealen entspricht. Wohingegen Details wie die Längen- und Breitengrade auf der Erdkugel, auf die der Baron, Sally und sein Diener Berthold (Eric Idle) bei der Rückreise vom Mond herunterfallen, darauf hindeuten, dass sich die Geschichte wohl doch eher im Kopf eines Kindes abspielt, welches letztlich auch die Person ist, welche die Stadt rettet. Terry Gilliam widmete diesen Film seiner Frau und ihren beiden Töchtern, und offensichtlich nimmt er seine Kinder sehr ernst. Die Authentizität der Belagerung bildet einen guten Kontrast für eine fantastische, leichtfüßige Geschichte, die mit dem notwendigen Augenzwinkern erzählt wird, um den größten Lügner aller Zeiten nicht altbacken wirken zu lassen. Zu keiner Sekunde kommt das Gefühl auf, man würde die Geschichte bereits aus der Hans-Albers-Verfilmung kennen.

Ah, the real Baron Munchhuusen!

„Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ ist ein wunderscherschönes Abenteuer über die Macht der Fantasie geworden, und man versteht nach der Sichtung gut, weshalb Joanne K. Rowling Terry Gilliam als Regisseur für die Harry-Potter-Verfilmung favorisierte. Allerdings wird an ihm auch deutlich, warum es eine wirtschaftlich sehr vernünftige Entscheidung von Warner Bros. war, Rowling ihren Wunsch zu verwehren. Die Filme wären zweifellos noch atemberaubender und fantasievoller geworden, aber Gilliam ist einfach kein Blockbuster-Regisseur und es ist zu bezweifeln, dass er 2019 bereits den Gefangenen von Askaban befreit hätte.

Der König des Mondes ist nicht gut auf Münchhausen zu sprechen

Die Produktion von „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ war – wie bei fast jedem Terry-Gilliam-Film – von diversen Katastrophen geplagt. Am Ende des Budgets war weder die Szene mit dem König vom Mond gedreht, noch hatte Gilliam den eigentlich für diese Rolle vorgesehenen Sean Connery gewinnen können. Als Ersatz sprang Robin Williams ein, der direkt aus dem Flieger zum Set gebracht wurde, und seine Rolle als geübter Stand-up-Comedian fast komplett improvisierte. Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass das mal anders geplant war. Wer sich fragt, warum der Film nicht in Willams’ offizieller Filmografie gelistet ist: Im Nachspann steht er als Ray D. Tutto, denn das Geld war verbraucht, Williams spielte gratis und durfte deshalb nicht namentlich genannt werden.

Auch bei Vulkan und Venus hängt dank des alten Charmeurs der Haussegen schief

Die meisten Darsteller empfanden den Dreh als Zumutung. Sarah Polley bezeichnete die Erfahrung als traumatisierendes Kindheitserlebnis. Sie ist übrigens der einzige Grund, weswegen man die Originalfassung der ansonsten außerordentlich guten Synchronfassung vorziehen sollte. Wer sich beklagt, dass dieses Kind in der deutschen Fassung nervt, sollte sich davon überzeugen, dass sie im Englischen ein ganz entzückender Motor für das Voranschreiten der Geschichte ist. Kinder zu synchronisieren, das scheinen die Deutschen überhaupt nicht zu können. Ansonsten macht es auch Spaß, in der englischen Fassung zu hören, auf wie viele verschiedene Arten Engländer den Namen Münchhausen aussprechen können.

It wasn’t just a story, was it?

Von Gilliams altem Monty Python-Kollegen Eric Idle ist die Lebensweisheit überliefert: „Bis zu Munchausen war ich sehr schlau im Umgang mit Terry-Gilliam-Filmen. Sieh sie dir um jeden Preis an, aber sei nie ein Teil von ihnen. Es ist ein verdammter Wahnsinn!“ In einem Interview erklärte Gilliam einmal den Unterschied zwischen Blockbuster-Regisseuren wie Steven Spielberg und Filmemachern wie Stanley Kurbrick: „Meiner Meining nach basiert der Erfolg der meisten Hollywood-Filme in diesen Tagen auf der Tatsache, dass sie tröstlich sind. Sie binden große Fragen in schönen kleinen Päckchen zusammen und geben dem Zuschauer Antworten. Selbst wenn die Antworten dumm sind. Es sind Antworten. Du gehst nach Hause und machst dir keine Sorgen. Die Kubricks dieser Welt, die großartigen Filmemacher lassen Sie nach Hause gehen und darüber nachdenken.“ Terry Gilliam ist definitiv ein Filmemacher, der das Publikum mit Fragen nach Hause schickt. Bei „Das Kabinett des Doktor Parnassus“ (2009) und „The Zero Theorem“ (2013) haben diese Fragen zwar so sehr überhandgenommen, dass sich nur Hardcore-Fans auf ein zweites Sehen einlassen, aber selbst bei „Die Abenteuer des Baron Münchhausen“ gelingt es Gilliam, das Publikum erst mal verwirrt zurückzulassen. Aber vermutlich werden seine Filme deshalb auch von Mal zu Mal schöner, weil sich die Fragen beim zweiten und dritten Schauen entwirren und man sich auf all die vielen Details konzentrieren kann, für die kaum ein Hollywoodproduzent sein Budget rauswerfen will.

Mal wieder hat der Baron sein Leben satt …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Uma Thurman unter Schauspielerinnen, Filme mit Oliver Reed und Robin Williams in der Rubrik Schauspieler.

… und will dem Sultan seinen Kopf schenken

Veröffentlichung: 8. Mai 2008 als 20th Anniversary Edition Blu-ray, 10. April 2008 als 20th Anniversary Edition Doppel-DVD, 1. Oktober 1999 als DVD

Länge: 126 Min. (Blu-ray), 121 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Adventures of Baron Munchausen
GB/BRD 1988
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Charles McKeown, Terry Gilliam
Besetzung: John Neville, Eric Idle, Sarah Polley, Oliver Reed, Charles McKeown, Winston Dennis, Jack Purvis, Valentina Cortese, Jonathan Pryce, Bill Paterson, Peter Jeffrey, Uma Thurman, Alison Steadman, Sting, Robin Williams
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Terry Gilliam & Ko-Drehbuchautor/Schauspieler Charles McKeown, Wahnsinn & Missgeschicke bei der Produktion, Storyboards, entfallene Szenen, „Willkommen in der fantastischen Welt Münchhausens“
Label/Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2019 by Lutz R. Bierend

Den Tod vor Augen, begehren die Bewohner gegen ihren Bürgermeister auf

Szenenfotos & Packshot: © 2008 Sony Pictures Home Entertainment

 
 

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Dawn of the Dead – So müssen Remakes sein!

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Dawn of the Dead

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Dass ihr Patient wegen einer vermeintlich leichten Bisswunde in der Hand auf die Intensivstation verlegt werden musste, lässt Krankenschwester Ana (Sarah Polley) am Ende einer überlangen Schicht nur kurz aufmerken. Beunruhigende Meldungen in Radio und Fernsehen blendet sie völlig aus. Das Grauen bricht morgens um 6.37 Uhr über sie und Ehemann Luis herein: Ein Nachbarsmädchen ist ins Haus eingedrungen und beißt Luis in den Hals. Er stirbt, kehrt unmittelbar darauf als rasender Wüterich ins Dasein zurück und attackiert Ana. Mit Müh und Not rettet sie sich aus dem Haus und fährt durch ihren bereits verwüsteten Vorort einer ungewissen Zukunft entgegen.

The Man Comes Around

Mit diesem flirrenden Prolog geht Zack Snyders Remake von George A. Romeros notorischem Klassiker „Zombie“ gleich in die Vollen. Im folgenden Vorspann erfahren wir zu den passenden Klängen von Johnny Cashs „The Man Comes Around“ mehr über die Seuche, die unmittelbar nach ihrem Ausbruch schon nicht mehr zu kontrollieren ist. Auf ihrer Flucht begegnet Ana dem Cop Kenneth (Ving Rhames). Mit ein paar anderen Überlebenden retten sich die beiden in ein – richtig – Einkaufszentrum.

Guter Tipp von Tom Savini

Achtet nach 25 Minuten auf die Fernseh-Übertragung, in der ein Sheriff namens Cahill verrät, wie die Kreaturen endgültig zu erledigen sind! Just shoot ’em in the head. Ein schönes Cameo von Splatter-Guru Tom Savini, der im Original den Machete schwingenden Rocker gab. Auch Ken Foree und Scott Reiniger aus dem Original haben Gastauftritte – Foree als Fernsehprediger, der den legendären Satz zitiert: When there is no more room in hell, the dead will walk the earth.

In meiner DVD-Hülle steckt noch die Rezension, die Gastautor Dirk Ottelübbert seinerzeit für die TV-Zeitschrift geschrieben hat, in der wir beide Redakteur waren. Pflichtfilm für Fans des harten Horrors und blutiges, rasantes und schnörkelloses Angstkino lautete damals sein Urteil – auch drastischer, entsetzlich guter Zombie-Reißer mit Hitpotenzial. In den mehr als zehn Jahren seit seiner Entstehung hat sich viel getan im Horrorgenre. Vor allem die Gewaltspirale hat sich nach oben gedreht, heute kommt Härteres ins Kino. Die atemraubenden Actionsequenzen von „Dawn of the Dead“ jedoch wirken nach wie vor auf der Höhe der Zeit.

Vision der Apokalypse

Die blutigen Details mögen angesichts späterer Exzesse wie der Torture-Porn-Reihen „Saw“ und „Hostel“ heute vergleichsweise harmlos erscheinen, tun aber ihren Dienst. Obligatorische Gruppenkonflikte unter den ums Überleben Kämpfenden treiben die Handlung voran, das ist nicht neu, aber anständig inszeniert. Das schon mit Prolog und Vorspann entworfene apokalyptische Szenario steht dem anderer Endzeit-Visionen im Horrorgenre auch heute in nichts nach.

Will man das Remake unbedingt mit dem Original vergleichen, ist zu konstatieren, dass es der Neuverfilmung zwangsläufig an Originalität mangelt – aber das ist ja ein grundsätzliches Problem von Remakes, wenn man es denn zum Problem machen will. Romeros zeitgenössischer Subtext ist natürlich vollständig weggewischt, aber auch das ließ sich ein Vierteljahrhundert später nun mal nicht vermeiden.

Snyder wollte kein politisches Statement abgeben, sondern beste Horror-Unterhaltung abliefern. Das ist ihm überaus stylish gelungen. Man muss Snyders Optik nicht mögen, seine künstliche Ästhetik missfällt vielen. Dass er Schein über Sein stellt, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber egal – wenn die untoten Horden heranrasen, sind schweißnasse Hände garantiert.

In Leichenstarre erlahmt oder als rasender Wüterich – Geschmackssache

Der augenfälligste Unterschied ist die Geschwindigkeit der Untoten: Bei Romero schlurfen die verwesenden Untoten, bei Snyder rennen sie in Raserei. Der Regisseur wollte auf diese Weise vermeiden, dass seine Kreaturen unfreiwillig komisch wirken. Ob lahm oder rasend, ist Geschmackssache. Als langjähriger Anhänger der Romero-Schule bevorzuge ich grundsätzlich zwar die langsamen Gesellen, die nur mühsam ihre Leichenstarre überwinden. Wenn die schnellen Wüteriche aber so virtuos in Szene gesetzt werden wie im Remake und auch bei Danny Boyles zwei Jahre zuvor entstandenen „28 Days Later“, soll es mir mehr als recht sein.

Speerspitze der Horror-Remakes

Für mich ist Romeros „Dawn of the Dead“-Original der ultimative Zombiefilm, was auch mit meiner Horrorfilm-Sozialisation zu tun hat (siehe hier). Snyders Neufassung aber hat als pure Horror-Action große Qualität und ist auf einer Rangliste von Horror-Remakes ganz weit vorn anzusiedeln, ebenso wie „The Crazies“ übrigens – noch so ein Romero-Remake.

Im optionalen Intro verrät Regisseur Zack Snyder über sein Spielfilm-Debüt, was ohnehin jeder weiß: Fürs Kino musste der Film etwas entschärft werden, in der „unrated“ Fassung darf mehr gesplattert werden. Auch ein paar Charakterszenen sind im Director’s Cut hinzugekommen. Insgesamt schlägt die Langfassung mit neun Minuten mehr zu Buche und ist vorzuziehen. Beschaffungsprobleme gibt es glücklicherweise nicht, die harten Szenen haben seinerzeit die FSK problemlos genommen.

Blut kaschiert nackte Brüste

Da ich gerade beim Thema Zensur bin, sei ein Kuriosum erwähnt: Zu Beginn des Director’s Cuts sieht Ana durch die Windschutzscheibe ihres Autos eine nackte Frau umherirren. In den USA ist diese Szene entschärft worden, indem man auf die Windschutzscheibe einfach mehr Blut retuschierte, um die Brüste der Frau zu bedecken. Die deutsche DVD kommt ohne diese Prüderie aus, auf der deutschen Blu-ray allerdings sind die Brüste nicht zu sehen – High Definition mal anders.

Das Zusatzmaterial bietet einiges: „Das verlorene Band: Der Horror von Andys letzten Tagen“ zeigt eine viertelstündige Aufnahme des Waffenhändlers Andy (Bruce Bohne), der sich in Found-Footage-Manier selbst gefilmt hat. Sein Waffengeschäft liegt gegenüber vom Einkaufszentrum, in dem sich die anderen Überlebenden verschanzt haben. Ein 21-minütiger „Spezial-Report“ zeigt eine TV-Reportage über die Epidemie.

Der Kopfschuss als Königsdisziplin des Zombiefilms

Einige entfernte Szenen enthalten elf Minuten lang mehr Untoten-Action. Hinzu kommt ein knapp achtminütiges Featurette über Masken und Make-up der Zombies. Die Ausstaffierung der Statisten war angesichts der großen Zahl an Zombies ein hoher logistischer Aufwand. In „Zerreißende Kopfschmerzen: Anatomie explodierender Schädel“ geht es fünf Minuten lang um die Erstellung der Kopfschuss-Sequenzen. Insgesamt ein feines Bonuspaket, das den Hauptfilm prima ergänzt.

Es gibt sie ja, die Filmfans, die ausnahmslos keine Remakes schauen. Euch entgeht mit Zack Snyders „Dawn of the Dead“ einiges – selbst Schuld.

Gastautor Simon teilt meine positive Haltung zu diesem speziellen Remake allerdings nicht, weshalb wir uns für eine Doppelbetrachtung des Films entschieden haben. Zu Simons Rezension geht’s hier. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Zack Snyder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Oktober 2010 als Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (Blu-ray weitere)
Untertitel: Deutsch, Englisch (Blu-ray weitere)
Originaltitel: Dawn of the Dead
USA/KAN/JAP/F 2004
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: James Gunn, nach dem Original-Drehbuch von George A. Romero
Besetzung: Sarah Polley, Ving Rhames, Mekhi Phifer, Jake Weber, Ty Burrell, Michael Kelly, Kevin Zegers, Matt Frewer, Lindy Booth, Jayne Eastwood
Zusatzmaterial: Intro von Regisseur Zack Snyder, Das verlorene Band: Der Horror von Andys letzten Tagen, Spezial-Report, „Untoten-Szenen“ mit optionalem Audiokommentar des Regisseurs, Die Toten erwecken, Angriff der lebenden Toten, Zerreißende Kopfschmerzen: Anatomie explodierender Schädel, Audiokommentar von Zack Snyder und Produzent Eric Newman, Trailer „Shaun of the Dead“
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 
 

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Dawn of the Dead – Zack Snyders missratenes Remake

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Dawn of the Dead

Von Simon Kyprianou

Horror-Action // Im Chaos der gerade losbrechenden Zombie-Apokalypse begegnen sich Ana (Sarah Polly), Kenneth (Ving Rhames), Michael (Jake Weber) und Andre (Mekhi Phifer). Gemeinsam schlagen sie sich zu einem Einkaufszentrum durch und verschanzen sich dort zusammen mit den zwielichtigen Sicherheitsleuten (u. a. Michael Kelly aus „House of Cards“). Doch die Horden an Zombies können nicht lange aufgehalten werden.

Maßstab: George A. Romeros Original

So sehr man es auch vermeiden und Snyders Version als eigenständigen Film betrachten will, er muss sich unweigerlich Vergleiche mit George A. Romeros Original stellen. Wo Romeros Film den Zuschauer direkt in die Handlung, in das Chaos hineinwirft, den Zuschauer ohne Exposition in die rauschende Dynamik der Apokalypse schleudert, beginnt Snyders Film konventionell.

Kein Interesse am politischen Kommentar

Die gesamte politische Komponente, die bei Romero im Mittelpunkt stand – für ihn waren die Zombies ja stets in erster Linie politisches Instrument – interessiert Snyder anscheinend wenig. Die Szenen, die die Protagonisten im Kaufhaus verbringen, waren bei Romero noch der eskapistische Kapitalismus-Rausch, Snyder stopft sie voll mit hässlichen Fickszenen und kruden Zombie-Babys. War Romeros Film ein aufrichtig-sorgenvoller Kommentar zu Amerika, ein komplexer Film, in dem die Zombies die Menschen spiegeln, ist Snyders Film nur noch ein ekelhaft zynischer Abklatsch. Romeros druckvolle, hektische Inszenierung ist bei Snyder viel Leerlauf.

Faschistische Ästhetik

Die Hand voll Dialogszenen, in denen er seinen Charakteren Tiefe verleihen will, misslingen ihm vollends. Snyder hat schlicht kein Gespür für menschliche Belange. Aber er inszeniert ja sonst auch nur Übermenschen („Watchmen“, „Man of Steel“, „300“). Apropos Übermenschen: „Dawn of the Dead“ kündigt die zutiefst verwerfliche faschistische Ästhetik von „300“ bereits an – keine Actionszene kommt ohne Zooms auf Waffenläufe, Magazine oder Patronenhülsen in Zeitlupe aus – als scheine Zack Snyder in den Waffen, dem Blut und der Gewalt eine tiefere Wahrheit zu suchen. Das pathetische Menschenopfer zum Schluss und der saudoof-zynische Kopfschuss, der den Abspann einleitet, dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Will man irgendetwas Gutes über „Dawn of the Dead“ sagen, so ist es Sarah Polley. Sie spielt die Hauptrolle kraftvoll und zugleich auch zerbrechlich. Snyder kann „Dawn of the Dead“ rein gar nichts hinzufügen, er nimmt ihm dafür einiges weg, nämlich die Klugheit, die Ästhetik und die Relevanz.

Blogbetreiber Volker teilt meine Meinung zum Remake übrigens nicht, deshalb haben wir uns entschieden, eine Doppelbetrachtung zu veröffentlichen. Zu seiner Rezension geht’s hier. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Zack Snyder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Oktober 2010 als Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Dawn of the Dead
USA/KAN/JAP/F 2004
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: James Gunn, nach dem Original-Drehbuch von George A. Romero
Besetzung: Sarah Polley, Ving Rhames, Mekhi Phifer, Jake Weber, Ty Burrell, Michael Kelly, Kevin Zegers, Matt Frewer, Lindy Booth, Jayne Eastwood
Zusatzmaterial: Intro von Regisseur Zack Snyder, Das verlorene Band: Der Horror von Andys letzten Tagen, Spezial-Report, „Untoten-Szenen“ mit optionalem Audiokommentar des Regisseurs, Die Toten erwecken, Angriff der lebenden Toten, Hämmernde Kopfschmerzen: Die Anatomie explodierender Schädel, Audiokommentar von Zack Snyder und Produzent Eric Newman, Trailer „Shaun of the Dead“
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

 

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