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I Am Mother – Android zieht Menschenkind groß

I Am Mother

Kinostart: 22. August 2019

Von Volker Schönenberger

Science-Fiction // In einer nicht allzu fernen Zukunft haben die Menschen ihren Heimatplaneten mittels Weltkrieg verwüstet und vergiftet, sich dabei selbst dahingerafft. In einer hermetisch abgeriegelten Einrichtung lagern 63.000 Embryonen, die der Menschheit eine Zukunft geben und die Erde zu gegebener Zeit neu besiedeln sollen. Ein Android – genannt „Mutter“ – hat ein Embryo hervorgeholt und in eine künstliche Gebärmutter gelegt. Das Ungeborene reift zu einem weiblichen Baby heran und wird schließlich „geboren“. Mutter zieht ihre „Tochter“ zärtlich groß, das Mädchen wird zu einem aufgeweckten Teenager (Clara Rugaard, „Teen Spirit“), das aufrichtige Liebe zu Mutter entwickelt hat.

„Mutter“ zieht ihre „Tochter“ auf

Mit dem Heranwachsen wächst zwangsläufig auch die Neugier der Tochter auf die Außenwelt. Und natürlich hätte sie gern menschliche Gesellschaft. Eines Tages hört sie an der Schleuse, die den einzigen Zugang zur Außenwelt darstellt, von außen eine Stimme, die um Hilfe fleht. Eine Frau (Hilary Swank) mit einer Schusswunde bittet um Einlass. Ist die Erde am Ende doch nicht so verseucht, wie Mutter es Tochter beigebracht hat?

Das Mädchen hat sich zu einem wissbegierigen Teenager entwickelt

Wie werden sich in den kommenden Jahrzehnten Automatisierung, künstliche Intelligenz, Kybernetik und Robotik entwickeln? Voraussichtlich enorm, wenn man sich vor Augen führt, was heute schon möglich ist. „I Am Mother“ treibt das mit seinem endzeitlichen Szenario auf die Spitze und zeigt sich kurz sogar von „Terminator“ inspiriert. Auch Anspielungen auf (oder Einflüsse von) Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ und Ridley Scotts „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ sind zu bemerken. Atmosphärisch erinnert der weitgehend kammerspielartige „I Am Mother“ ein wenig an Duncan Jones’ Regiedebüt „Moon“ (2009) mit Sam Rockwell. Alex Garlands „Ex Machina“ (2015) sei ebenfalls als Referenz genannt, wobei sich „I Am Mother“ nicht so intensiv mit der Frage befasst, ob Roboter ein Bewusstsein oder gar eine Seele entwickeln können.

Auswüchse des technischen Fortschritts

Der technische Fortschritt bietet gigantische Möglichkeiten, aber auch große Gefahren für die Menschheit, wie wir nicht erst seit der Atombombe wissen. Wenn es nach ihrer sogenannten Mutter geht, sollte die Tochter nicht alles wissen, so viel wird schnell deutlich. Doch ist die fremde Frau ehrlich zu ihr? Wem darf und soll die Tochter mehr trauen? Aus dieser Frage zieht „I Am Mother“ viel Spannung. Das Kinodebüt des australischen Regisseurs Grant Sputore bietet visionäre und intelligente Science-Fiction, technisch und schauspielerisch perfekt umgesetzt.

Ist Mutter zu Emotionen fähig?

Das beginnt schon bei Mutter: Die vom Schauspieler und Spezial-Effekt-Techniker Luke Hawker („Krampus“) verkörperte und im Original von Rose Byrne („X-Men – Apocalypse“) gesprochene Androiden-Figur entstand bei den vielfach prämierten neuseeländischen Trick-Experten von Weta Workshop, seit „Der Herr der Ringe“ dick im Geschäft, aber schon früher mit Peter Jackson groß geworden. Im Presseheft von „I Am Mother“ verrät Regisseur Grant Sputore, er und Drehbuchautor Michael Lloyd Green hätten einfach eine noch nicht mal fertige Fassung des Skripts an die auf der Website von Weta genannte E-Mail-Adresse geschickt und darum gebeten, Weta möge ihnen einen Roboter bauen. Kurz gesagt: Mutter ist einfach umwerfend geraten! Viel besser, als ein CGI-Android hätte werden können. Das Design der Einrichtung, in der die künstliche Mutter ihre menschliche Tochter aufzieht, entspricht üblichen Raum-Settings in der Science-Fiction – das passt.

Mit dem Eintreffen der Frau ändert sich alles

Das Drehbuch landete 2016 auf der sogenannten „Black List“, einer jährlichen Liste noch nicht umgesetzter, gleichwohl begehrter Skripts. Schließlich entstand „I Am Mother“ in Sputores Heimat Australien. Als Tochter wurde die im Dezember 1997 geborene dänische Schauspielerin Clara Rugaard verpflichtet – ein Glücksgriff, was natürlich von immenser Bedeutung ist. Rugaard verleiht ihrer Figur genau das richtige Maß an Stärke, Schwäche, Neugier und Misstrauen. Auf die doppelte Oscar-Preisträgerin Hilary Swank („Boys Don’t Cry“, „Million Dollar Baby“) ist natürlich ohnehin Verlass, und Allerdings interessiert sich der Regisseur irgendwann nicht mehr wirklich dafür, was das Aufwachsen in völliger Einsamkeit mit einem Menschen macht. Kann die künstliche Mutter die zwischenmenschlichen Kontakte wirklich ersetzen, sodass die Tochter zu einem geistig gesunden sozialen Wesen heranreift?

Vision vom Ende der Menschheit

Ist Mutter fürsorglich oder bedrohlich? Ist sie die letzte Hoffnung der Menschheit oder ihr Untergang? Schließlich verlässt der Film auch die abgeriegelten Räumlichkeiten, und wir bekommen in einigen Totalen etwas von der Außenwelt zu sehen. Die dystopische Vision lässt frösteln, doch am stärksten bleibt „I Am Mother“ in der Interaktion zwischen Mutter, Tochter und der Frau von draußen. Science-Fiction, die etwas zu sagen hat und existenzielle Fragen des Miteinanders von Menschen und künstlicher Intelligenz aufwirft.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Hilary Swank sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt.

Feindinnen?

Länge: 113 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: I Am Mother
AUS 2019
Regie: Grant Sputore
Drehbuch: Michael Lloyd Green
Besetzung: Luke Hawker, Rose Byrne (Stimme im Original), Maddie Lenton, Hilary Swank, Summer Lenton, Hazel Sandery, Tahlia Sturzaker, Clara Rugaard, Jacob Nolan
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Concorde Filmverleih GmbH

 

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Running Man – Wann ist unsere Gesellschaft so weit?

The Running Man

Von Volker Schönenberger

SF-Action // In den 80er-Jahren lag 2017 noch in ferner Zukunft. „Running Man“ geht von der Vorstellung aus, dass in jenem Jahr die Weltwirtschaft kollabiert ist, was zu einer enormen Verknappung von Nahrung, Rohstoffen und Erdöl geführt hat. Wir befinden uns in einem mit harter Hand geführten Polizeistaat. Das Fernsehen ist in der Hand der Obrigkeit, Kunst, Musik und Kommunikation werden zensiert. Die TV-Show „The Running Man“ hat sich zum erfolgreichsten Fernsehformat der Geschichte entwickelt. Aber es regt sich Widerstand.

Ben will Amber zwingen, ihm zur Flucht zu verhelfen

So erfahren wir es zu Beginn mittels Texteinblendungen. Die Handlung setzt mit einem Polizei-Helikopter im Einsatz ein. Als der Pilot Ben Richards (Arnold Schwarzenegger) den Befehl erhält, das Feuer auf eine Schar unbewaffneter Demonstranten auf Nahrungssuche zu eröffnen, verweigert er das, was ihm schnurstracks die Deportation in ein Arbeitslager einbringt. Dessen Insassen tragen Halsbänder, die im Falle einer Flucht detonieren. Dennoch gelingt Richards mit ein paar anderen Häftlingen das Entkommen, darunter die Widerstandskämpfer William Laughlin (Yaphet Kotto) und Harold Weiss (Marvin J. McIntyre). Weil Ben nur überleben will, lehnt er es ab, sich dem Widerstand anzuschließen.

Schlächter von Bakersfield wird Kandidat bei „The Running Man“

Bemerkenswert: Als die TV-Komponistin Amber Mendez (Maria Conchita Alonso) ihre Wohnung betritt, lässt sie per Sprachsteuerung das Licht angehen und sich Toast und Kaffee bereiten. Dort sind wir heute ja schon fast, Alexa anyone? Jedenfalls ist Amber gerade erst in die Wohnung gezogen – sie gehörte Bens Bruder, der allerdings ohne Bens Wissen zur „Umerziehung“ deportiert wurde. Der wollte mit seiner Hilfe das Land verlassen, nun zwingt er Amber, ihm zu helfen. Doch sie überlistet ihn, Ben wird gefangen genommen. Er gilt als „Schlächter von Bakersfield“, weil ihm das Massaker an der Menschenmenge in die Schuhe geschoben wurde, dessen Ausführung er verweigert hatte. Der gewissenlose Produzent und Moderator Damon Killian (Richard Dawson) nötigt ihn zur Teilnahme an „The Running Man“.

Stattdessen landet er in der Show von Damon Killian

Unter dem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte Stephen King 1982 seinen Roman „Menschenjagd“, der im Original „The Running Man“ betitelt ist. Als Executive Producer Rob Cohen die Filmrechte erwarb, wusste er angeblich nicht, dass sich hinter Bachman tatsächlich King verbarg. Ob Horror-Großmeister King den deutschen Fernsehfilm „Das Millionenspiel“ von 1970 je gesehen hat? Nach einem Drehbuch von Wolfgang Menge inszeniert, dreht sich die Handlung um die titelgebende Fernsehshow, in der ein Kandidat eine Woche lang von Auftragsmördern gejagt wird. Einer davon: ein gewisser Dieter Hallervorden. Als Moderator tritt Dieter Thomas Heck auf, die echten Journalisten Arnim Basche, Werner Sonne und Heribert Faßbender spielen Reporter, die Journalistin Gisela Marx eine Reporterin. „Das Millionenspiel“ ist unbedingt ebenfalls die Sichtung wert.

Paul Michael Glaser, in der Rolle des Starsky in der TV-Serie „Starsky & Hutch“ auch hierzulande bekannt geworden, übernahm für die Verfilmung den Regiestuhl, war allerdings alles andere als erste Wahl. Vordergründig reduziert Glasers „Running Man“-Adaption den gesellschaftskritischen Aspekt der Vorlage zugunsten plakativer Action, wie sie in den 80ern üblich war und die Genrefans auch heute noch in Ehren halten. Wer genau hinschaut, entdeckt aber problemlos den dystopischen Subtext. Klar, noch sind wir nicht bei TV-Shows mit realen Menschenjagden, aber das Niveau heutiger Fernsehshows bewegt sich in diese Richtung. Und angesichts der offenbar steigenden Gaffer-Problematik bei Verkehrsunfällen und anderen tragischen Ereignissen in der Öffentlichkeit erscheint ein Pöbel wie das begeisterte Publikum im „The Running Man“-Saal nicht unwahrscheinlich.

I’ll be back!

Arnold Schwarzenegger gibt wie üblich kernige Einzeiler zum Besten, sogar sein legendäres I’ll be back! aus dem drei Jahre älteren „Terminator“ darf er recyclen. So macht man aus der Not begrenzter Fähigkeiten eine Tugend. Weitere interessante Personalien: Mick Fleetwood, Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Fleetwood Mac, ist als Widerstandskämpfer Mic zu sehen, die Rolle soll womöglich sogar er selbst sein. Frank Zappas Sohn Dweezil spielt ebenfalls einen Revolutionär. Richard Dawson war tatsächlich ein beliebter Show-Moderator. Für „Family Feud“, Vorbild der deutschen Show „Familien-Duell“, erhielt er einen Emmy. Maria Conchita Alonso wirkte kurz nach „Running Man“ an der Seite von Robert Duvall und Sean Penn in Dennis Hoppers „Colors – Farben der Gewalt“ mit. 2012 rekrutierte Rob Zombie sie für „The Lords of Salem“.

Dort wollen ihm mächtige Jäger an den Kragen

Visuell kann „Running Man“ die 80er nicht leugnen. Es lässt mich immer wieder schmunzeln, wie sich die Macher von Science-Fiction-Filmen jener Dekade die Zukunft vorstellten. Allein schon die Frisuren und Klamotten! Und das Fernsehballett! Mehr 80er geht nicht. Der Synthie-Score und die visuellen Spezialeffekte tragen dazu bei. Manchen mag das als schlecht gealtert erscheinen, aber wer wie ich damals Teenager war und all diese Actionfilme im Kino gesehen oder sich in der Videothek ausgeliehen und mit Kumpeln und Bier geschaut hat, freut sich auch heute noch daran. Als Arnold Schwarzenegger 2003 zur Gouverneurswahl von Kalifornien antrat, reiste er zu seinen Wahlkampfauftritten mit einem Bus, den er „The Running Man“ nannte.

Ähnlichkeiten mit „Total Recall“

„Running Man“ erinnert nicht nur wegen Arnold Schwarzenegger an Paul Verhoevens drei Jahre später entstandenes SF-Spektakel „Total Recall – Die totale Erinnerung“. Das gefällt mir vielleicht noch einen Hauch besser, aber die Richard-Bachman-Verfilmung hat bei meiner Sichtung anlässlich dieser Rezension dazugewonnen. Die vorherige liegt ewig zurück, es wurde mal wieder Zeit.

Auch „Running Man“ durfte vom Index runter

Der Film teilt das Schicksal vieler zeitgenössischer Produktionen: Er wurde 1989 indiziert und 2014 turnusmäßig nach einem Vierteljahrhundert von der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien gestrichen. Im Fernsehen häufig verstümmelt ausgestrahlt, gab es über die Jahre aber ausreichend DVD-Veröffentlichungen der ungeschnittenen Fassung, wenn auch in teils suboptimaler Qualität. Dem hat capelight pictures 2018 mit einem Rundumschlag abgeholfen. Der geneigte Sammler darf sich aus diversen Editionen diejenige seiner Wahl aussuchen oder bei ausreichend Budget alle Versionen ins Regal stellen – Auflistung siehe unten. Mein Favorit: das Mediabook mit Blu-ray und DVD inklusive einer weiteren Blu-ray mit umfangreichem Bonusmaterial sowie dem Soundtrack auf CD. An der Bild- und Tonqualität gibt es für meinen Geschmack nichts zu mäkeln, das fette Booklet enthält einen erwartungsgemäß fachkundigen Text von Nando Rohner sowie Konzept- und Storyboard-Zeichnungen zum Film. Nando steuert einige Hintergrundinformationen bei, darunter zum plötzlichen Wechsel auf dem Regiestuhl, von dem Arnold Schwarzenegger alles andere als begeistert war. „Running Man“ war dann auch an den Kinokassen weniger Erfolg beschieden, als es sich Schwarzenegger erhofft hatte – immerhin war der Österreicher damals auf der Höhe seines Ruhms als Filmstar. Heute kann sich Arnold Schwarzenegger über den Ruf des Films nicht beklagen. „Running Man“ hat über die Jahre seine Fangemeinde um sich geschart und steht in seiner Filmografie durchaus auf einer Stufe mit Klassikern wie „Total Recall – Die totale Erinnerung“, „Predator“ und „Phantom Kommando“. An den ikonischen Status der „Terminator“-Filme kommen sie alle natürlich nicht heran, aber das gilt ja für viele Action-Klassiker mit anderen Topstars.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Arnold Schwarzenegger sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Veröffentlichung: 28. Juni 2019 als Doppel-Blu-ray und Blu-ray, 14. Dezember 2018 als Limited 4-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays, DVD & Soundtrack-CD), Retro VHS-Edition Blu-ray (limitiert auf 3.000 Exemplare), Blu-ray im Steelbook und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Running Man
USA 1987
Regie: Paul Michael Glaser,
Drehbuch: Steven E. de Souza, nach einem Roman von Stephen King alias Richard Bachman
Besetzung: Arnold Schwarzenegger, Maria Conchita Alonso, Yaphet Kotto, Jim Brown, Jesse Ventura, Erland van Lidth, Marvin J. McIntyre, Gus Rethwisch, Mick Fleetwood, Professor Toru Tanaka, Dweezil Zappa, Richard Dawson, Karen Leigh Hopkins
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Regisseur Paul M. Glaser und Produzent Tim Zinnemann, Audiokommentar vom ausführenden Produzenten Rob Cohen, „Running On Empty“ (Interview mit Robert Grasmere über die visuellen Effekte in „Running Man“), „Back to Bachman“ (Interview mit Drehbuchautor Steven E. de Souza), „Muscular Memories“ (Interview mit Susan Jeffords über den Actionfilm-Boom der Achtzigerjahre), „The Sound of The Running Man“ (Gespräch mit Harold Faltermeyer), „Lockdown on Main Street“ (über die Bürgerrechte in den USA seit dem 11. September 2001), „The Game Theory“ (über die Dystopie in „Running Man“ zur Gegenwart des Reality-TVs), nur Mediabook: Booklet mit einem Text von Nando Rohner
Label: capelight pictures
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2018 capelight pictures

 
 

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Replicas – In der Tradition von Philipp K. Dick?

Replicas

Von Lucas Gröning

Science-Fiction // Was ist der Mensch? Was macht die ureigene Existenz des menschlichen Wesens aus? Was macht uns so besonders? Wodurch unterscheidet sich der Mensch von anderen Lebewesen? Vor allem: Was unterscheidet den Menschen in einer immer weiter von künstlicher Intelligenz dominierten Welt von der Maschine? Mit diesen Fragen verbinden wir heute in der Popkultur vor allem einen Mann: Philip K. Dick, seines Zeichens einer der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts. Zahlreiche seiner Werke wie die Kurzgeschichtensammlung „Electric Dreams“, „The Man in the High Casle“ oder auch „Do Androids Dream of Electric Sheep“ erlangten weit über die Buchvorlagen hinaus große Bekanntheit. Besonders letztgenannter Stoff wurde im Zuge seiner 1982er-Verfilmung „Blade Runner“ durch Ridley Scott in beiden Mediengattungen zum Klassiker. Scott stellte mit seinem Film ebenfalls die Frage nach der menschlichen Existenz und ihrem Verhältnis zu den Maschinen, in diesem Beispiel den sogenannten Replikanten. Am Ende ist es ein Einhorn, welches uns in „Blade Runner“ den finalen Twist des Films offenbart und uns die Beziehung der beiden noch einmal von vorn durchdenken lässt. Ein Motiv, dass Jeffrey Nachmanoff in seiner Regiearbeit „Replicas“ ebenfalls aufgreift. Es ist nicht die letzte Gemeinsamkeit beider Werke, auch wenn Nachmanoff, das sei vorweggenommen, es weit verfehlt, dem selbst zur Sprache gebrachten Vergleich mit dem berühmten Vorbild von Altmeister Ridley Scott gerecht zu werden. Dies wäre zwar zu viel der Erwartung, dennoch provoziert der Film diesen Vergleich an vielen Stellen selbst (das Einhorn sei nur als ein Beispiel genannt), wodurch man um eine Gegenüberstellung schwerlich herumkommt. Nachmanoff, der hauptsächlich durch die Inszenierung einiger TV-Episoden verschiedener Serien sowie seine Arbeit als Drehbuchautor an einigen Folgen der Serie „Homeland“ und Roland Emmerichs Katastrophenfilm „The Day After Tomorrow“ bekannt ist, hat sich dafür einen echten Routinier des Genres ins Boot geholt: Schauspieler Keanu Reeves, der durch seine Darstellungen des Neo in der „Matrix-Trilogie“ und des Protagonisten in Richard Linklaters „A Scanner Darkly“ (ebenfalls nach einer Geschichte von Philip K. Dick) bereits Erfahrung im Genre gesammelt hat. Inwiefern sich das auszahlte, soll im vorliegenden Text aufgezeigt werden.

Fragen über Fragen

Die Geschichte dreht sich um den Protagonisten William Foster (Reeves), einen Neurowissenschaftler, der mit seiner Familie, bestehend aus seiner Frau Mona (Alice Eve) sowie den drei Kindern Matt (Emjay Anthony), Sophie (Emily Alyn Lind) und Zoe (Aria Lyrik Leabu) in Puerto Rico lebt. Er arbeitet für das Unternehmen Bionyne, welches versucht, das Bewusstsein aus dem menschlichen Gehirn mitsamt aller Daten auf Maschinen zu übertragen. Das Unternehmen selbst fungiert im Auftrag der Regierung. Durch die Übertragung soll es möglich werden, gefallene Soldaten in einem neuen, stärkeren Körper wieder zum Leben zu erwecken. Alle Versuche schlugen jedoch bisher fehl. Es stellte sich heraus, dass die synthetischen Gehirne nicht in der Lage sind, das menschliche Bewusstsein anzunehmen. Stattdessen wird es abgestoßen, was zu einer Selbstzerstörung der Maschine führt. Der Chef der Abteilung, Mr. Jones (John Ortiz), kündigt das Ende des Auftrags an, sollten Fosters Bemühungen nicht bald von Erfolg gekrönt sein.

Mit dem glücklichen Familienleben ist es bei den Fosters bald vorbei, doch …

Auf der Suche nach dem Schlüssel landen der Familienvater und sein Kollege und Freund Ed (Thomas Middleditch) jedoch weiterhin in Sackgassen, sodass Foster beschließt, zur Ablenkung einen Kurzurlaub mit seiner Familie zu unternehmen. Während der gemeinsamen Autofahrt gerät die Familie in einen Sturm. Durch einen auf die Straße fallenden Baum kommt es zu einem Unfall, in dessen Folge die gesamte Familie bis auf den trauernd zurückbleibenden Familienvater stirbt. Bereits in dem Moment, in dem seine Frau Mona von einem Ast durchbohrt wird, ahnen wir die nächsten Schritte des Protagonisten. William ruft seinen Kollegen Ed an und die beiden machen sich auf die Mission, die einzelnen Familienmitglieder zu klonen und die im Hirn verbliebenen Daten in die Kopien zu transferieren.

Leider keine Antworten

Ein Auftakt wie gemacht, um eine Verhandlung der Themen rund um das Klonen, den Transfer des menschlichen Bewusstseins, der Möglichkeit dieses Unterfangens, und allen damit einhergehenden ethischen und philosophischen Fragen zu beginnen. Diese Ausgangssituation ist wirklich spannend, und auch wir Zuschauer stellen uns diese Fragen ganz automatisch. Schade jedoch, dass wir in dieser Hinsicht die Einzigen sind, lehnt doch „Replicas“ selbst eine klare Verhandlung der sich anbietenden Fragestellungen ab. Ob es überhaupt eine gute Idee ist, das menschliche Bewusstsein in Maschinen (die hier übrigens ebenfalls Replikanten genannt werden) zu transformieren? Keine Stellungnahme. Welches übergeordnete Ziel könnte eine Regierung oder beispielsweise ein Unternehmen des Silicon Valley mit dem Klonen und dem damit einhergehenden unendlichen Erhalt des menschlichen Lebens verfolgen? Keine Stellungnahme. Und auch die eigens aufgeworfenen Problematiken des Films verpuffen teilweise im Nirgendwo. Warum zum Beispiel funktioniert die Übertragung des Bewusstseins auf einen Klon im späteren Verlauf des Films? Eine Erklärung liefert der Film zwar, jedoch eine wenig befriedigende und zugleich unlogisch hergeleitete.

… Vater William sucht nach einem Weg, seine Familie zurückzuholen

Immerhin stellt Mona ihrem Mann zu Beginn die interessante Frage, ob das menschliche Gehirn nicht mehr ist als eine Ansammlung von Daten inklusive einer Mischung aus Elementen der Neurochemie. Damit stößt sie bei William auf Ablehnung, sodass die Frage im Nichts verschwindet und später auch nicht wieder aufgegriffen wird. Die einzige Figur, die Williams Handlung zu Beginn noch konstant hinterfragt – sein Freund Ed –, wirft alle ethischen und moralischen Bedenken im Augenblick des Erfolges sofort über Bord. Der zu erwartende finanzielle Gewinn des Durchbruchs scheint alles zu rechtfertigen, was sich auch im Schicksal des als Antagonist aufgebauten Mr. Jones wiederspiegelt. Ein weiterer interessanter Aspekt tut sich auf, wenn William die Social-Media-Accounts seiner Kinder verwaltet und so zum Beispiel Chatnachrichten der Schulkameraden und Freunde beantwortet, um den Anschein zu erwecken, die Kinder seien noch am Leben, während ihre Klone im Keller in Tanks hochgezüchtet werden. Der Nachricht eines Jungen, der mit seiner Tochter Sophie flirtet und ein Date arrangieren möchte, begegnet William hierbei mit Ablehnung. Was uns als Zuschauer fremd und falsch vorkommt, wird vom Film nicht weiter kommentiert und bleibt als semi-lustiger Gag zur Auflockerung der Story stehen. Man sieht: Der Film bietet genügend Potenzial zur Bearbeitung dieser komplexen Themen, verweigert sich dieser jedoch und man fragt sich, wozu der Vergleich zu Ridley Scotts Meisterwerk an so vielen Stellen erzwungen wird.

Logiklöcher und ein Genrewechsel

Doch auch abgesehen von der Verweigerung, die Thematik auf eine philosophische Ebene zu ziehen, leidet „Replicas“ an einigen Schwächen. Es begegnen uns viele Szenen, gepaart mit Handlungen der Figuren, die auch losgelöst von einem übergeordneten Sinn nicht logisch erscheinen. Wie erwähnt werden die Klone im Keller des Hauses Foster hochgezüchtet. Das Equipment für den Prozess, drei große Tanks und einer Menge weiteres Zubehör, stehlen William und Ed noch in derselben Nacht des Unfalls aus den Laboren von Bionyne. Wieso es zwei Wissenschaftlern gelingt, unbemerkt Materialien im Wert von Millionen aus einer militärisch gesicherten Basis zu entwenden, bleibt das Geheimnis des Films. Selbst an den folgenden Tagen scheint dies niemand bemerkt zu haben. Auch der Diebstahl sämtlicher Autobatterien der Nachbarschaft zum elektrischen Betrieb der Tanks scheint niemanden außer zwei Polizisten zu kümmern, die das aber auch nicht länger interessiert als die kurze Gesprächsdauer während der routinemäßigen Befragung von William. Man fragt sich, wozu dieses Konfliktpotenzial überhaupt aufgeworfen wurde.

Im späteren Verlauf kommt es außerdem zu einigen Konflikten hinsichtlich der fragwürdigen Entscheidungen von William, die er während des Todes seiner Familie getroffen hat. Diese sich meist auf persönlicher Ebene abspielenden Auseinandersetzungen verpuffen jedoch nach kurzen Streitgesprächen. Eine von vorn bis hinten durchdachte und logisch strukturierte Geschichte hat der Film dadurch eher nicht zu bieten, was sich auch in einem Genrewechsel gegen Ende des Werkes ausdrückt. Anstatt ein Science-Fiction-Film zu bleiben, die wichtigen Fragen zu stellen und den Versuch einer Beantwortung zu übernehmen, flüchtet sich der Stoff ins Genre des Thrillers. Dieser Teil macht zwar durchaus Spaß, fügt sich jedoch nur bedingt in die Handlung und die Komplexität der Themen und Motive ein.

Großes Potenzial

Nur um das, nach so viel Negativität, einmal klar zu stellen. „Repilcas“ ist alles andere als ein katastrophaler Film. Die Charaktere, auch wenn sie größtenteils Stereotype repräsentieren, die nötige Komplexität vermissen lassen und man ihr Schicksal bereits nach wenigen Minuten erahnen kann, sind durchaus sympathisch. Das liegt vor allem an den ansprechenden darstellerischen Leistungen. Keanu Reeves spielt seine Rolle routiniert und glaubhaft herunter. Nach zum damaligen Zeitpunkt zwei „John Wick“-Filmen und etlichen Charakterdarstellungen wie in „Im Auftrag des Teufels“ (1997) scheint er den Herausforderungen derartiger Rollen bereits lange entwachsen. Auch die übrigen Darsteller spielen ihre Rollen mit hoher Qualität. Alice Eve überzeugt als sich sorgende Ehefrau, Thomas Middleditch mimt einen glaubhaften und auflockernden Sidekick und John Ortiz nimmt man die Rolle des bösen, von Wirtschaftsinteressen gesteuerten Antagonisten jederzeit ab.

Auch technisch befindet sich „Replicas“ auf ordentlichem Niveau. Die Kulissen sind zu jedem Zeitpunkt perfekt ausgeleuchtet, was einen Gegensatz zum in einer fernen Dystopie angelegten „Blade Runner“ darstellt, zu einem „Replicas“, der eher vor der großen Katastrophe spielen soll, jedoch perfekt passt. Besonders das Farbenspiel des Films sei hervorgehoben: Stechen uns während der Szenen im Versuchslabor des Bionyne-Unternehmens klinisch-kalte und von blautönen durchzogene Bilder ins Auge, stellen die warmen und eher ins rötliche abdriftenden Farben des Familienhauses der Fosters einen Gegensatz dazu dar. In jedem Fall ist der Film durchzogen von Helligkeit, außer in den Nachtszenen beim Unfall inmitten eines Gewitters. Hier wird die düstere Stimmung durch die Beleuchtung unterstrichen und somit auch die Macht der Natur als Gegensatz zur perfekt funktionierenden und durchtechnologisierten Welt der Menschen. Unter dem Strich reicht das jedoch alles nicht, um den Vergleich mit anderen von Philip K. Dick inspirierten Werken zu bestehen. Dafür ist Nachmanoffs Werk unter dem Strich zu anspruchslos. Ein unterhaltsamer Film mit einigen netten Ideen ist dem Regisseur mit „Replicas“ aber in jedem Fall gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Keanu Reeves sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 9. Mai 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 107 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Replicas
GB/CHN/PUER/USA 2018
Regie: Jeffrey Nachmanoff
Drehbuch: Chad St. John
Besetzung: Keanu Reeves, Alice Eve, Thomas Middleditch, John Ortiz, Emjay Anthony, Emily Alyn Lind, Aria Lyric Leabu, Nyasha Hatendi, Amber Rivera
Zusatzmaterial: Making-of, entfallene Szenen, B-Roll, deutscher Kinotrailer, Originaltrailer
Label/Vertrieb: Concorde Home Entertainment

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2019 Concorde Home Entertainment

 
 

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