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I, Tonya – Schneewittchen und die Eishexe

I, Tonya

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Basierend auf ironiefreien, extrem widersprüchlichen, und absolut wahren Interviews mit Tonya Harding und Jeff Gillooly.

Kurz vor den Olympischen Winterspielen in Lillehammer erschütterte am 6. Januar 1994 ein Skandal die Sportwelt: In Detroit, Michigan wurde die Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan Opfer eines brutalen Angriffs. Ein Mann schlug der amerikanischen Medaillenhoffnung nach dem Training mit einer Eisenstange auf ihr rechtes Knie und flüchtete. Shane Stant erhielt für die Aktion 6.500 US-Dollar von seinem Onkel Derrick Smith, der den Fluchtwagen steuerte.

Von Kindesbeinen an steht Tonya auf dem Eis

Wie sich herausstellte, hatte Smith die Tat gemeinsam mit dem Bodyguard Shawn Eckhardt und Jeff Gillooly geplant. Gillooly war pikanterweise ausgerechnet der Ex-Ehemann von Tonya Harding, der großen Rivalin von Nancy Kerrigan. Bei den folgenden Ausscheidungskämpfen konnte Kerrigan nicht antreten. Harding dagegen gelang die Qualifikation und durfte ihr Land in Lillehammer im Eiskunstlaufen vertreten. Da Kerrigans Knochen nicht gebrochen war, erholte sie sich allerdings schnell von ihrer Verletzung und durfte nach einem Beschluss des US-Komitees als zweite Starterin ebenfalls zu den Olympischen Winterspielen reisen. Tonya Harding hatte stets bestritten, etwas über den geplanten Angriff auf ihre Konkurrentin gewusst zu haben. Erst Anfang 2018 – 24 Jahre nach dem Vorfall – gab sie in einem Interview mit dem US-Sender ABC zu, wenigstens etwas von den Plänen geahnt zu haben. Dieses Geständnis wurde öffentlich, nachdem „I, Tonya“ in den US-Kinos angelaufen war.

Jeder hat seine eigene Wahrheit

Als Autor Steven Rogers nach Sichtung der ESPN-Dokumentation „The Price of Gold“ (2014) beschloss, ein Drehbuch über den Fall zu schreiben, merkte er schnell, dass er die Frage, ob Tonya Harding etwas gewusst hatte, nicht so einfach beantworten konnte. Bei seinen Interviews mit Harding und Jeff Gillooly sprachen sie zwar viel und offen über die Vergangenheit. Dennoch widersprachen sich ihre Aussagen fast komplett – selbst auf die Frage, wie ihr erstes Date verlaufen war, machte das Ex-Paar völlig unterschiedliche Angaben. Rogers verfasste das Drehbuch auf Basis der Interviews mit den beiden Beteiligten und fügte zahlreiche zeitgenössische O-Töne aus Video- und Audioaufnahmen hinzu. Am Ende obliegt es somit dem Zuschauer zu entscheiden, was nun Fakt und Fiktion ist. Und das entpuppt sich durchaus als reizvolle Aufgabe.

Früh zieht Tonya mit Jeff zusammen

Was unbestritten ist: Tonya Harding (Margot Robbie) wuchs in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter LaVona (Allison Janney) auf. Die tyrannische und alkoholkranke Frau schickte Tonya bereits im Kindesalter aufs Eis. Um ihr zu entfliehen, zog Tonya früh mit ihrem späteren Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan) zusammen. Doch ihre Liebe zum Eiskunstlaufen verlor sie nie. 1991 wurde sie US-Meisterin und trug sich in die Geschichtsbücher ein: Als erster Amerikanerin und zweiter Frau überhaupt gelang Tonya ein dreifacher Axel. Insgesamt meisterten bis heute nur sieben anderen Eiskunstläuferinnen diesen technisch extrem anspruchsvollen Sprung. Der Name Tonya Harding war nun weltweit bekannt.

Mockumentary mit großartigen Darstellern

Regisseur Craig Gillespie („Lars und die Frauen“) gelang mit „I, Tonya“ ein durchaus unorthodoxes Biopic, welches in großen Teilen als schwarzhumorige „Mockumentary“ inszeniert ist. Immer wieder streut er fiktionale Interview-Schnipsel in die Handlung ein, in denen die verschiedenen Figuren ihre Sicht auf die Dinge schildern – ebenso verwirrend, doppelbödig und selbstentlarvend, wie Drehbuchautor Steven Rogers die widersprüchlichen Aussagen aller damals Beteiligten wahrgenommen hat. Gleichzeitig lässt Gillespie die Charaktere auch immer wieder überraschend die vierte Wand durchbrechen. Wenn sich Tonya ans Filmpublikum wendet, verstärkt das die empathische Bindung zu ihrer tragischen Figur, es wirkt aber aufgrund der ironischen Erzählweise nie mitleidheischend.

Nach dem gelungenen dreifachen Axel ist Tonya auf dem Höhepunkt ihrer Karriere

Ich muss gestehen: Von Margot Robbie habe ich zuvor nicht viel gehalten. In ihrem Hollywood-Durchbruch „The Wolf of Wall Street“ und „Legend of Tarzan“ tat sie sich mehr wegen ihres attraktiven Äußeren als ihrer Schauspielkunst hervor. Im miesen „Suicide Squad“ war Robbie als Harley Quinn immerhin einer der rar gesäten Pluspunkte. Doch ihre Leistung in „I, Tonya“ ist phänomenal. Mit den 90er-Jahre-Kostümen und -Frisuren, die sie tragen muss, geht sie völlig in der Rolle als verletzliche Kämpfernatur mit White-Trash-Attitüde auf. Die Nominierungen für Golden Globe und Oscar waren hochverdient. Derzeit steht die Australierin für den neuen Tarantino-Thriller „Once Upon a Time in Hollywood“ vor der Kamera, in dem sie Sharon Tate spielen wird.

LaVona empfindet keine Liebe für Tonya

Einen Golden Globe und einen Oscar für die beste Nebenrolle gewann dafür verdientermaßen Allison Janney als Tonyas gnadenlose Mutter, die selbst dann keine Miene verzieht, wenn ihr Vogel während eines Interviews an ihrem Ohr herumkaut. Die Szenen sind nicht erfunden. Die echte LaVona Harding gab im schrecklichen Pelzmantel tatsächlich ein Interview mit ihrem Haustier auf der Schulter.

Die Macht der Massenmedien

„Ich war die zweitberühmteste Person der Welt – nach Bill Clinton“, sagt Tonya Harding in einer Szene. Neben dem Blick auf Tonya Hardings Leben gelingt es „I, Tonya“ ebenfalls großartig, ein Bild auf das Amerika der 90er-Jahre und dem aufkommenden Einfluss der Massenmedien zu werfen. Der Fall war ein gefundenes Fressen für die weltweiten TV-Anstalten, Zeitungen und Zeitschriften, die jeden Schritt von Tonya begleiteten und ihr Privatleben ausschlachteten. Die Medien prägten ihr Bild in der Öffentlichkeit und kochten das Duell zwischen Nancy Kerrington und Tonya Harding bei den Olympischen Winterspielen 1994 zur Seifenoper hoch. Die brünette Kerrington wurde liebevoll „Schneewittchen“ genannt, passend dazu war Harding schlicht als verhasste „Eishexe“ verschrien. Ob es allein am Eiskunstlauf-Wettbewerb lag, ist nicht mehr nachvollziehbar, aber selbst das ZDF nannte die Winterspiele in Lillehammer diejenigen mit den höchsten Einschaltquoten. Diese wurden erst 2014 mit der Übertragung der Winterspiele in Sotschi übertroffen.

Ob Tonya Harding nun von den Anschlagplänen wusste oder nicht – es nutzte ihr nichts. In Lillehammer erreichte sie nur den achten Platz, während Nancy Kerrigan die Silbermedaille gewann.

Die Medien verfolgen jeden Schritt der „Eishexe“

Veröffentlichung: 24. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 120 Min. (Blu-ray), 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: I, Tonya
USA 2017
Regie: Craig Gillespie
Drehbuch: Steven Rogers
Besetzung: Margot Robbie, Allison Janney, Sebastian Stan, Julianne Nicholson, Paul Walter Hauser, Bobby Cannavale, Bojana Novakovic, Caitlin Carver
Zusatzmaterial: Making-of, Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: DCM Film Distribution GmbH
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2018 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos, Packshot & Trailer: © 2018 DCM Film Distribution GmbH / Universum Film

 

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