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A Rainy Day in New York – Die Realität ist was für Leute, die nichts Besseres hinbekommen

A Rainy Day in New York

Von Tonio Klein

Liebeskomödie // Reden wir doch einfach mal nur über Woody Allens neuen Film. Tja, wenn das so einfach wäre. Und die Schwierigkeiten haben beileibe nicht nur mit der #Metoo-Debatte zu tun. Vielmehr ist es nun schon viele Jahrzehnte so, dass Werk und Person bei kaum jemandem so schwer zu trennen sind wie bei ihm. Was Woody Allen für mich zu einem wahrhaft großen Künstler macht. Sicher, es gibt die Chamäleons, aber ein Allen ist immer ein Allen. Es ist keine Schwäche, immer nur von den eigenen Vorlieben, teils Ängsten und Obsessionen, zu erzählen. Sondern es ist eine Stärke, von diesen so zu erzählen, dass es interessant ist (sonst wäre Goethes „Werther“ nicht Weltliteratur). Zudem oft ziemlich witzig, manchmal romantisch, manchmal bissig, manchmal tragisch.

Noch zusammen, noch nicht im Big Apple: Ashleigh und Gatsby

Allen hat da eine ganz erstaunliche Bandbreite, schafft es aber gleichzeitig, dass man sich nicht nur dem Werk nahe fühlt, sondern auch dem Mann. Allen-Filme, die mit Regelmäßigkeit herauskommen, sind eine sehr persönliche Angelegenheit, lassen einen teilhaben an des Mannes Kosmos, reihen sich wie ein persönlicher Schatz von Weinflaschen in einem heimeligen Keller aneinander. Nicht jeder Jahrgang ist gleich gut, aber immer hat man die Illusion, irgendwie Teil einer Allen- und Allen-Fan-Familie zu sein. Das gelingt dem Filmemacher natürlich nicht bei einer uferlosen Zahl von Zuschauern, aber ich gestehe, mich dieser Illusion doch sehr gern hinzugeben und mich bei Allen wohlzufühlen – jedenfalls meistens.

Mal konzentriert statt giggelnd: Ashleigh

Es sei also ganz offen zugegeben, dass hier der Fan schreibt. Wenige Filme sind schlecht, manche sind jenseits der Allen-Manierismen große Kunst (zuvörderst die Tragödie „Blue Jasmine“, 2013), wenige sind nur für Fans und solche, die es werden wollen. Und gar nicht so wenige lassen das Fanherz höherschlagen, haben aber auch Potenzial, den Neuling anzusprechen, zumal sie unterhaltsam sind. In diese Kategorie gehört „A Rainy Day in New York“, der mit „romantische Komödie“ ganz treffend beschrieben ist und der nicht mal jemanden vor den Kopf stößt, der Vorbehalte gegen diesen mutmaßlichen Stadtneurotiker hat. Außer, man sucht gezielt nach Hinweisen, welche die gegen Allen gemachten Anschuldigungen stützen sollen. Wer will, kann immer sehen, was er sehen will. Doch dazu später. Zunächst sei der Hinweis gegeben, dass die Blu-ray in hervorragender Qualität vorliegt, aber mit einer Ausstattung, die so spartanisch ist wie Allens stets gleiche Titelvorspänne in derselben Schrift vor schwarzem Hintergrund. Was mit einer Ausnahme wirklich völlig egal ist; der Film ist mir das Fleisch einer Blu-ray oder DVD. Dass es aber nicht die Möglichkeit gibt, beim Originalton die deutschen Untertitel auszublenden, ist nun wirklich eine unnötige Zuschauerbevormundung.

Eine scheinbar jämmerliche Frau und anscheinend jämmerliche Männer

Das Studentenpärchen Gatsby (Timothée Chalamet) und Ashleigh (Elle Fanning) hat die Aussicht darauf, ein Wochenende in Manhattan zu verbringen, da Ashleigh dort den berühmten Filmregisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen darf. Der nicht ganz so große Gatsby, der von dort stammt, möchte Landei Ashleigh „seine“ Stadt zeigen und hatte als Hobby-Pokerspieler kürzlich auch so viel Glück, dass er sich das leisten kann. Die Hotelsuite ist ein Palast, der Ausblick auf den Central Park grandios, aber das Paar wird getrennt und beide werden auf eine ziemlich abenteuerliche Odyssee geschickt.

Ashleigh als Lichtgestalt vor dem dunkel-grüblerischen Regisseur

Die Figur der Ashleigh wurde gelegentlich als misogyne Zurschaustellung eines Naivchens kritisiert, aber das greift in mehrfacher Hinsicht zu kurz. Erstens ist die Rolle voller herrlich absurder, typisch allenscher Komik. Etwa, wenn Ashleigh europäische, amerikanische Filmemacher und Akira Kurosawa durcheinanderwirbelt, oder wenn sie irgendwann nicht mal mehr ihren Namen weiß und auf ihrem Perso nachschauen möge – was sie sogar tut. Oder wenn sie beim von Pollard angebotenen „Bonbon“, also einer exklusiven Information, nur fragt: „Schoko?“ Zweitens spielt Fanning das mit einem so herrlich entwaffnenden Lächeln, mit jugendlicher Frische und oft eben doch einer gewissen begeisterten und begeisternden Eloquenz, dass man sich dem weder entziehen kann noch will. Viele junge Frauen, bis zurück zur frühen Diane Keaton, haben bei Allen so gespielt.

Walkin’ in the rain – Gatsby getrennt von Ashleigh

Drittens muss man einmal ganz deutlich sagen, dass es gerade die Männer sind, die bei Ashleighs Odyssee nicht gut wegkommen – ein Regisseur in der Sinnkrise, ein Weichei-Drehbuchautor (Jude Law) mit Eheproblemen und der Filmstar Francisco Vega (Diego Luna), der von Ashleigh nur das eine will. Natürlich ist Ashleigh da erst mal eine Geblendete, sie kann aber auch selbst blenden und verzaubert die Paparazzi und uns, wenn sie mit nonchalantem, ungebremst freudigem Lächeln mit dem Mann ins Auto steigt. Nein, so sieht kaum ein Film aus, in dem sich ein Regisseur an angeblichen Obsessionen für jüngere Frauen abarbeitet. Nur mal nebenbei: Als Allen letztmals selbst in einem Allen mitspielte („Crisis in Six Scenes“, 2016), stellte er sich die große Elaine May an seine filmeheliche Seite, geboren 1932, dreieinhalb Jahre älter als er.

Alter ego in Woodys nostalgischer Filmkunstwelt

Nun stellt er lieber seiner jungen Frau ein junges Allen-alter-ego an die Seite, oder gerade nicht an die Seite – die beiden werden ja getrennt. Gatsby mit dem „großen“ Namen und dem zu großen Tweedsakko ist ein Allen-Bohemien, wie er im Buche steht. Nicht zuletzt in Woody Allens Buche „Ganz nebenbei“, seiner brandaktuellen Autobiografie. New Yorker durch und durch, begeistert von altem Jazz und alten Filmen, auch vom Gangstermilieu – in seiner Studentenbude hängt ein Fahndungsplakat von John Dillinger. Das alles ist genauso im erwähnten Buch nachzulesen wie die Selbstauskunft, dass Allen entgegen den Erwartungen an einen „Intellektuellen“ manche Werke der Weltliteratur nicht lesen will, bloß, weil man es müsse. Gatsby sagt dasselbe von sich. Bis hin zu konkreten Namen wie dem Komponisten Irving Berlin (wird verehrt) und dem Autor Henry James (sei zu zäh) finden sich Parallelen zwischen Allen in der Autobiographie und Gatsby im Film. Auch die Vorliebe fürs Zocken ist hier zu erwähnen.

Gatsby schirmt sich nicht gegen Shannon ab

Manchmal, da ist Allen immer so genial wie gefährdet, droht bei allen diesen Referenzen das Namedropping überhandzunehmen. Wenn jemand eine Krise bekommt, macht er „einen auf Norma Desmond“ (Figur einer vergessenen Stummfilmdiva aus Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“, 1950). Auf einer Filmparty hängen übergroße Bilder von Stars vergangener Zeiten, wie Allen sie liebt, was – wenn man wie ich diesen Filmzeiten sehr verbunden ist – genauso erfreut wie ablenkt. Also, Lana Turner, Cary Grant, Katharine Hepburn, vielleicht Rock Hudson, und wer ist die mit dem breiten Lächeln in der Ecke – und Mist, was hatten Ashleigh und der Drehbuchautor gerade zueinander gesagt? Schwamm drüber, perfekt funktioniert jedenfalls die plötzliche, fast märchenhafte Erscheinung einer bildschönen Frau in Weiß (Kelly Rohrbach), die verführerisch Gatsby am Nebentisch einer Bar begegnet, wie aus einer Traumwelt, einem Film noir vielleicht. Und dass dies, wie Gatsbys Off-Kommentar meint, eine wie Jane Greer aus „Goldenes Gift“ (1947) sein könnte, trifft es recht gut.

„Keine Schamhaarspaltereien!“

Solche Schmankerln haben neben etwas Träumerisch-Nostalgischem aber immer auch einen Hintersinn. Die überirdisch schöne Kunstfrau ist tatsächlich eine solche, nämlich Edelprostituierte Terry, die „Träume wahr werden lässt“ – noch so ein Doppelsinn. Ähnlich, wie es Penélope Cruz in „To Rome with Love“ (2012) ergangen ist, engagiert Gatsby Terry, ihn als falsche Freundin zu begleiten. Diesmal auf eine Party seiner Mutter, vor der er sich eigentlich drücken wollte. Wenn Muttern recht schnell herausfindet, in welchem Gewerbe die Dame tätig ist, kommt es zu einem durchaus kritischen Dialog darüber, wie die Familie den Grundstock ihres immensen Reichtums aufgebaut hat – und was also „Amerika groß gemacht hat“, wie man so sagt. Und dass die Mutter Gatsbys Einwände mit „Keine Schamhaarspaltereien“ abwiegelt, ist zunächst eine passende Wortwitzpointe, aber dieser Dialog wird die beiden auch einander annähern und Gatsby reifen lassen.

Gatsby trifft Ex-Rotzgöre, die zur Frau ward – wie Woody?

Es ist nämlich mitnichten so, dass Ashleigh das Naivchen und Gatsby der schon Weltgewandte ist. Auf seiner eigenen Odyssee trifft er ehemalige Schulkumpels, die gerade einen Low-Budget-Studentenfilm drehen, und er wird aufgefordert, eben als Statist in einer Kussszene mitzuspielen. Seine Partnerin ist ausgerechnet Shannon (Selena Gomez), die jüngere Schwester einer ehemaligen Freundin. Und gerade, als Gatsby im dritten Take seine Scheu überwinden kann und sie erstmals mit vollem Einsatz küsst, setzt der titelgebende Regen ein – da läuft der Film schon eine ganze Weile! Es ist klar, dass etwas passiert ist und noch passieren wird … Nun könnte man, wenn man will, in diese Figur Woody Allens Ehefrau Soon-Yi hineinlesen. Jemand, der noch eine Rotzgöre war und nicht als Frau wahrgenommen wurde, in einer Zeit, als der Mann etwas mit der älteren Verwandten (im realen Leben nicht die Schwester, sondern die Adoptivmutter, Mia Farrow) hatte. Und plötzlich merkt Gatsby/Woody, dass da ja eine erwachsene Frau vor ihm steht. Zudem ist die Dame – wie auch der Film – zwar durchaus zu hemmungsloser und hoffnungsvoller Romantik fähig, aber sie ist die Starke, die dem lavierenden Gatsby auch mal klar ansagt, wo’s langgeht. Von Soon-Yi kann man einen ähnlichen Eindruck gewinnen, wenn man beispielsweise den Dokumentarfilm „Wild Man Blues“ (1997) sieht oder eben Allens Autobiografie liest. Offenbar brauchen Gatsby und Allen so eine. Maria Wiesner hat in einer sehr positiven Kritik in der Frankfurter Allgemeinen die Rolle starker Frauen in „A Rainy Day in New York“ zu Recht hervorgehoben, insbesondere die Figur Shannons. Ich möchte betonen, dass Parallelen zu Soon-Yi Spekulation bleiben müssen und dass ich es, wenn es stimmen würde, alles andere als schlimm fände. Die beiden sind jedenfalls schon seit Jahrzehnten ein Paar, und das mag erklären, warum der Film ziemlich romantisch, manchmal träumerisch geraten ist – aber nie süßlich, eher schon bewusst das Klischee überhöhend und dadurch etwas freilegend, gerade im nicht zu verratenden Ende.

Hintergründige Klassikerstars auf der Filmparty

Wichtig ist bei diesem Film der Look. Viele Allens schwelgen in farbsatter, edler Pracht, und bei „A Rainy Day in New York“ ist das nicht anders. Erlesene Interieurs strahlen goldgelb und vor allem diesmal rot wie das Herzblut – sogar ein Billardtischbezug hat diese Farbe statt des üblichen Grüns. Kameramann Vittorio Storaro hat ganze Arbeit geleistet und zudem oft mit Weitwinkelobjektiven gefilmt, was die großen Räume noch größer und prächtiger aussehen lässt. Sogar die Sonne ist gülden und das Bild ist selbst oft dann lichtdurchflutet, wenn es in Strömen regnet. Was zunächst wie eine Unsitte jüngerer Filme (wie auch gestochen scharfer Blu-rays) wirkt: Ständig ist alles übermäßig lichtdurchflutet und farbverstärkt. Dazu beigetragen haben mag, dass es dummerweise während der Drehzeit nicht geregnet hat und man in die gute alte Trickkiste greifen musste. Storaro und Allen wissen aber offensichtlich, was sie machen, denn man beachte die Momente, in denen sie den Effekt auslassen, in denen man nachdenklich blickt, Beziehungen einen Knacks bekommen, Erwartungen enttäuscht werden. Auch dies hatte die FAZ-Rezensentin übrigens völlig zu Recht als kommentierende Kameraarbeit/Lichtsetzung gewürdigt. Des Weiteren ist auffällig, dass Allen, der doch nach Meinung mancher so ein Lüstling ist, auf den nächstliegenden erotischen Effekt in einem verregneten New York verzichtet: Wir sehen hier zwar lauter schöne Frauen schöne Dinge tun (nach François Truffaut, den Allen verehrt, die Essenz des Kinos). Aber wir sehen sie nie im Wetlook, obwohl man ein-, zweimal damit rechnen kann. Hier ist Allen bemerkenswert souverän.

Kunst und Leben

„A Rainy Day in New York“ wartet noch mit manch amüsanter wie moderat bizarrer Idee auf, etwa einem Versteckspiel in der altägyptischen Abteilung eines Museums, wobei Gatsby irgendwie ebenfalls befürchten muss, tot zu sein, bevor er gelebt hat. Seine pseudointellektuelle Hülle, gepaart mit Scheu vor dem Kontakt zu seiner Familie, wird er ablegen. Und man kann ahnen, wer wen nach vorn bringt (wie übrigens auch in dem wunderschönen letzten Satz des Films). Vergessen wir mal die ganzen Parallelen zu Allen als Person und zu seinem Umfeld, vergessen wir mal, dass dies – was ja nicht schlecht ist – ein so romantischer wie komischer Film ist, und suchen eine ganz andere Verbindungslinie zu Allens Werk: Oftmals geht es um Menschen, die im Leben scheitern, aber in der Kunst gerettet werden (am direktesten in der Schlussszene in „Sweet and Lowdown“, 1999). Dabei vermengt Allen aber auch immer die Kunstwelt mit der realen Welt (zum Beispiel die lebendig werdenden Kurzgeschichtenhelden in „Harry außer sich“, 1997, und die in die Realität herübersteigende Kinofigur in „The Purple Rose of Cairo“, 1985). Manchmal lässt er auch im Doppelsinn zauberhafte Wunder wahr werden („Alice“, 1990).

Ein Latin Lover, der das Blaue vom Himmel so falsch wie eine Rückprojektion verspricht

„A Rainy Day in New York“ ist nun selbst ein Wunder. Der Plot enthält keine offenen Brechungen oder Unmöglichkeiten, aber die Geschichte ist eben „wundervoll“ inszeniert. Dabei gelingt Allen das große Kunststück, den Realitätsverweigerer Gatsby weder durch die Kunst zu erlösen noch auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Vielmehr trifft er auf Shannon, eine Frau, die die Realität einfach schöner und bewusster verweigert als Gatsby. „Die Realität ist was für Leute, die nichts Besseres hinbekommen“, sagt sie zu ihm. „Everything happens to me“, singt Gatsby bei ihr am Klavier. Bei Woody Allen kann einem alles passieren, und man hat selten gesehen, dass er so träumerisch wie lebensbejahend zugleich ist. Die Realität ist nichts? Man kann sich eine machen. Oder einfach diesen Film sehen.

Das Wiedersehen – aber die Deckelstütze des Flügels trennt Ashleigh und Gatsby

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Woody Allen haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jude Law unter Schauspieler.

Die Sonne scheint wieder, aber die Vordergrundfarben sind blass – kommentierende Lichtsetzung

Veröffentlichung: 23. April 2020 als Blu-ray und DVD

Länge: 93 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: A Rainy Day in New York
USA 2019
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Besetzung: Timothée Chalamet, Elle Fanning, Liev Schreiber, Jude Law, Selena Gomez, Suzanne Smith, Olivia Boreham-Wing, Ben Warheit, Griffin Newman, Annaleigh Ashford, Will Rogers
Zusatzmaterial: Kinotrailer
Label: Filmwelt Verleihagentur GmbH
Vertrieb: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2020 by Tonio Klein
Szenenfotos & Packshot: © 2020 Filmwelt Verleihagentur GmbH,
Szenenfotos auch: © 2019 Gravier Productions, Inc., Photos by Jessica Miglio

 
 

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Jim Jarmusch (III): The Dead Don’t Die – Zombies in Starbesetzung

The Dead Don’t Die

Kinostart: 13. Juni 2019

Von Anja Rohde

Horror(komödie) // Was haben dieses Blog und der neue Film von Jim Jarmusch gemeinsam? Beide Macher nutzten George Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ als Inspiration! Volker Schönenberger lässt beim Titel seines Weblogs keine Zweifel daran, welches Filmgenre er gut leiden mag und welcher Film ihn da wohl besonders beeindruckte, und auch Jim Jarmusch scheint diesen Zombie-Klassiker nicht nur einmal gesehen zu haben, so viele nette kleine Reminiszenzen finden sich in seinem aktuellen Werk.

Jim Jarmusch und Zombies – funktioniert!

Eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann der in allen Genres beheimatete Jarmusch sich endlich Zombies annehmen würde. Nach dem psychedelischen Western „Dead Man“, dem Samurai-Gangsterdrama „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“, dem existentialistischen „Limits of Control“, dem Liebesfilm „Broken Flowers“ und dem sensationellen Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ dürfen nun Horden von Untoten durch einen Jarmusch-Film wanken.

Da kommen sie aus ihren Gräbern

Warum? Weil die Menschen durch „Polar Fracking“ die Erde kaputt gemacht haben. Da sich die Erdachse verschoben hat, wird es erst nicht dunkel, dann drehen die Haustiere durch, und als es doch endlich Nacht wird, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern. Das ist physikalisch schwer erklärbar, aber welcher Zombiefilm liefert schon eine logische Begründung für das Phänomen? Dass die Menschheit selbst an ihrem Unglück schuld ist, welcher Art auch immer es sein mag, das jedenfalls steht ja wohl außer Frage.

Lieblingslied der jungen Frau in der Mitte: „The Dead Don’t Die“

Im Moment der Katastrophe befinden wir uns in Centerville. Diese Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, besteht aus einer langen Straße mit den wichtigsten Einrichtungen (ein Diner, ein Werkzeugladen, eine Tankstelle, ein Motel) und wird bewacht von einem Polizeitrio, welches sich ein Einraumbüro teilt, in das die Gefängniszellen locker eingebaut sind. So richtig viel zu tun gibt’s nicht, mal ist ein Streit zu schlichten, mal eine Tote aufzubewahren (in einer der Zellen), bis die Bestatterin Zeit hat.

Wie tötet man Untote?

Schnell überschlagen sich die Ereignisse, denn mit einer Zombie-Epidemie war nicht zu rechnen. Polizist Ronald Peterson (Adam Driver) ist schnell klar, dass es nichts anderes sein kann und dass die Sache bestimmt nicht gut ausgehen wird (ein Satz, den er mantramäßig den ganzen Film über wiederholen wird – ob er wohl recht behält?); sein Chef Cliff Robertson (Bill Murray) ist erst skeptisch, dann aber Bill-Murray-mäßig stoisch und unerschrocken. Mindy Morrison (Chloë Sevigny) gibt den unglücklichen und überforderten Gegenpart, schlägt sich aber wacker.

Farmer Miller sucht seine Tiere

Denn natürlich muss die Polizei das Städtchen beschützen, und natürlich weiß Peterson, was zu tun ist: Kopf ab! Hierbei zeigt sich eine erste Spezialität der Jarmuschschen Zombies: Da er sie laut eigener Aussage „bloodless and fluidless“ haben wollte, entweicht nur eine kleine Wolke schwarzer Rauch aus ihren abgetrennten Torsi.

„Kill the Head!“

Noch schöner ist allerdings die Idee, allen Zombies einen eigenen Charakter mitzugeben, indem sie mit dem Wunsch nach etwas, das ihnen auch im Leben viel bedeutete, zum Leben erwachen. Das kann ihr Lieblingsgetränk sein (bei dem einen Kaffee, bei der anderen Chardonnay) oder auch die Suche nach WLAN – und bei dieser Sorte Zombies sieht man gleich, dass sich Jarmusch an echten Menschen orientieren konnte. Wer kennt sie nicht, die Leute, die mit stierem Blick auf ihr Smartphone durch die Straßen schlurfen und den Rest um sich herum vergessen? „We’re all attached to things in the material world and we’re all zombies in one form or another — it’s not a huge stretch that we would yearn for those exact same things if we were re-animated.“ (Carter Logan, der zusammen mit Jarmusch in der Band „SQÜRL“ spielt, die für den Soundtrack dieses Films verantwortlich zeichnet.)

Iggy Pop – Zombie der Herzen

Ein besonderer Blick lohnt sich bei einem der beiden Kaffeezombies. Wer den Trailer gesehen und freudig festgestellt hat „Iggy Pop als Zombie! Was für eine sensationelle Besetzung!“, wartet sehnsüchtig auf den ersten Auftritt – und denkt vielleicht, na, den musste man wohl gar nicht sehr herrichten. Weit gefehlt! Zwar wurde seine Frisur laut Produktionsnotizen weitesgehend unangetastet gelassen, und auch das Make-up ging wohl recht flott von der Hand, nur ein paar Verkrustungen und Melierungen wurden aufgemalt, aber Jarmusch bemerkte: „Iggy looks too healthy to be a zombie, you need to rough him up“. Und so bekam der sehnige, jung gebliebende Körper ein Latex-Airbrush, um alt und tot zu wirken. Umso herrlicher, ihn dann auf der Suche nach Kaffee ins Diner wanken und sich das Zeug kannenweise ins Gesicht schütten zu sehen.

Die Frisur sitzt: Iggy Pop

Der andere Kaffeezombie ist übrigens Sara Driver, die wir als Production Managerin der ersten Jarmusch-Filme „Permanent Vacation“ und „Stranger Than Paradise“ kennen. Die Liste der Promis in kleinen Rollen hört damit nicht auf. Eszter Balint, das zauberhafte Teenagermädchen aus „Stranger Than Paradise“ spielt die Wirtin des Diners. RZA vom Wu-Tang Clan gibt den UPS-, nein WuPS-Fahrer, und Teenie-Star Selena Gomez ist die jugendliche Touristin, die, verzeiht mir den Spoiler, auch als abgeschlagener Zombiekopf noch gut aussieht.

Staraufgebot bis zum Abwinken

Wer möchte nicht in einem Jarmusch-Film mitspielen? Mit einem derart beeindruckenden Cast musste der Film einfach gut werden. Dass Bill Murray jeden Film aufwertet, braucht man gar nicht zu erwähnen. Ähnlich ist es mit Tilda Swinton, die allerdings im Gegensatz zu Murray, der ja doch immer sehr ähnliche, lakonische Rollen gibt, wieder etwas völlig Neues aus dem Hut zaubert: Bestatterin Zelda Winston ist freundlich, aber extrem seltsam – was ihre Umgebung einfach damit erklärt, dass sie Schottin sei. Ach so. Warum sie allerdings überirdisch gut mit dem Samuraischwert umgehen kann, darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aufmerksam und weise: Hermit Bob

Steve Buscemi! Wie viele Kotzbrocken hat der schon gespielt, und nun kommt ein neuer hinzu. Als rassistischer, polemischer Farmer mit „Keep America White Again“-Baseballkappe überzeugt er ebenso wie Tom Waits, der mit zunehmendem Alter ein immer besserer, weil immer kauzigerer Schauspieler wird. Sein „Hermit Bob“ lebt im Wald und beobachtet das Geschehen in Centerville mit Abstand – und Weisheit. Seine Erzählstimme bleibt im Gedächtnis.

Centerville und andere Nettigkeiten

Hallo Musikfans, klingelt’s beim Namen „Centerville“? Genau. Im Musikfilm „200 Motels“ über das Tourleben einer Rockband beschreibt Frank Zappa den Ort Centerville, durch den sie auf ihrer Fahrt kommen, als „A Real Nice Place to Raise Your Kids Up“, und als Hommage platziert Jarmusch den Slogan „A Real Nice Place“ auf dem Ortsschild von Centerville. Nice!

Zelda kann mit einem Schwerthieb mehrere Zombies niederstrecken

Der Titelsong „The Dead Don’t Die“ des traditionellen US-Countrysängers Sturgill Simpson begleitet uns durch den Film. Er läuft im Radio, die CD gibt’s in der Tanke zu kaufen, und dann läuft er erneut im Auto. Dafür gibt es Gründe … Und auch hier gibt es eine zauberhafte Anekdote: Der Zombie, der „Guitar!“ murmelnd sein Saiteninstrument hinter sich her zieht, wird natürlich von Simpson verkörpert.

„Having already appeared in what I consider to be the greatest zombie movie of all time, ,Zombieland‘, I felt like ,The Dead Don’t Die‘ could almost typecast me. Maybe I’ll become synonymous with the zombie horror genre!“ (Bill Murray, mit Chloë Sevigny und Adam Driver)

Besonderen Spaß machen einige Textpassagen auf der Metaebene, die hier nicht zitiert werden sollen, um selbigen nicht zu verderben. Einfach selbst gucken und freuen!

Sinn und Unsinn

Einige Kritiken, die man im Netz schon über „The Dead Don’t Die“ finden kann, fragen nach dem Sinn des Films. Da kann man sich diverse schöne Sachen ausdenken: der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, allgemein die Lage der Nation Amerika, vielleicht auch zeigen, dass es Menschen gibt, die auch in der größten Katastrophe nicht den Humor verlieren. In den Produktionsnotizen ist zu lesen, der Film wolle die inhaltliche Interpretation komplett dem Publikum überlassen – warum auch nicht, schließlich funktionieren viele Kunstwerke so. Und ganz vielleicht hatten Jim Jarmusch und sein illustres Team auch einfach Bock drauf, einen guten Zombiefilm zu drehen. Das ist gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Tilda Swinton unter Schauspielerinnen, Filme mit Steve Buscemi, Adam Driver und Bill Murray in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Dead Don’t Die
USA/SWE 2019
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Iggy Pop, Selena Gomez, Danny Glover, Rosie Perez, RZA, Caleb Landry Jones, Austin Butler, Eszter Balint, Carol Kane
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Anja Rohde

Filmplakate & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH, Szenenfotos: © 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Behaving Badly – Brav sein war gestern: Humor für Ewigpubertierende

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Behaving Badly

Gastrezension von Matthias Holm

Komödie // Freunde des stumpfsinnigen Humors aufgepasst: „Behaving Badly“ setzt alles daran, den Wächtern des guten Geschmacks mit dem nackten Hintern ins Gesicht zu springen. Dass der auf dem Buch „While I’m Dead Feed the Dog“ basierende Film nicht die Qualität von vergleichbaren Streifen wie „Superbad“ oder „Die To-Do Liste“ erreicht, macht dabei überhaupt nichts.

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Die Mutter seines besten Freundes bedrängt Rick

Der 17-jährige Rick Stevens (Nat Wolff) hat einen Traum, den wohl jeder pubertierende Teenager hat: Er will seinen Schwarm Nina (Selena Gomez) ins Bett kriegen. Doch bis es soweit ist, muss er sich mit Pamela (Elisabeth Shue) herumplagen, der nymphomanen Mutter seines besten Freundes. Auch ein notgeiler Stripclub-Besitzer (Dylan McDermott) und die litauische Mafia machen Rick zu schaffen.

Rick durchbricht die vierte Wand

Die Handlung wird von Rick persönlich erzählt, der auch immer wieder die vierte Wand durchbricht, indem er sich an die Zuschauer wendet. Auch das Geschehen selbst wird von ihm kontrolliert, sodass er manche Aussagen der Figuren verändert oder manche Szenen so gut findet, dass er sie immer wieder von vorn laufen lässt. Das sind einfache Stilmittel, die womöglich so oder ähnlich auch in der Buchvorlage zu finden sind, aber sie funktionieren.

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Der Grund für all das Theater: Nina

Wenn der Protagonist am Anfang gleichgültig den Selbstmordversuch seiner Mutter sieht und kurz danach dem Publikum erzählt, wie er von einer Stripperin fast einen geblasen bekommen hat, ist die Marschrichtung klar. Hier gibt es schlechten Geschmack und Skurrilitäten en masse, wer auf intellektuellen Humor aus ist, wird schnell das Weite suchen. Die Welt von „Behaving Badly“ kennt dabei kaum differenzierte Frauenbilder: Entweder die Damen sind dauernd heiß auf Sex oder absolute Heilige. Die Männer wollen hier sowieso am liebsten alles besteigen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Dylan McDermott stiehlt allen die Schau

Dass bei einem Film dieser Art keine großen darstellerischen Leistungen abverlangt werden, sollte jedem klar sein. Die Schauspieler erfüllen dabei jedoch alle zuverlässig ihren Zweck. Nat Wolff, der jüngst in dem hochgelobten „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ mitspielte, ist trotz hässlichen Ohrrings ein sympathischer Protagonist, den man auf seinen Eskapaden gern begleitet. Selena Gomez („Getaway“) ist als strenggläubige Angebetete süß wie eh und je. Von den Nebendarstellern fällt am ehesten Dylan McDermott („Freezer – Rache eiskalt serviert“, „American Horror Story – Asylum“) auf, der mit einigen unfassbar witzigen Auftritten jedem anderen die Show stiehlt – man achte nur auf seinen Abwasch.

Leider kann der Film das hohe Tempo, das er am Anfang vorlegt, nicht durchgängig halten und am Ende muss der Held natürlich moralisch erleuchtet werden. Das ist durchaus schade, denn zuvor bekommt man eine Komödie vorgesetzt, die auf jegliche Regeln pfeift. So wirkt der Schluss doch wie ein Einknicken vor Konventionen und dadurch nicht ganz passend zum Rest des Films. Aber auch so bekommt man gut 90 herrlich kurzweilige Minuten – wenn man über Sex-Witze lachen kann.

Veröffentlichung: 23. Juni 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 97 Min. (Blu-ray), 93 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Behaving Badly
USA 2014
Regie: Tim Garrick
Drehbuch: Tim Garrick, Scott Russell, nach einer Vorlage von Ric Browde
Besetzung: Selena Gomez, Nat Wolff, Mary-Louise Parker, Elisabeth Shue, Heather Graham, Cary Elwes, Dylan McDermott, Patrick Warburton, Jason Lee, Gary Busey, Lachlan Buchanan
Zusatzmaterial: Featurette, Trailer, Bildergalerie
Vertrieb: KSM GmbH

Copyright 2014 by Matthias Holm
Fotos & Packshot: © 2014 KSM GmbH

 

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