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The Grudge (2020) – Und Jump! Und Scare!

The Grudge

Kinostart: 9. Januar 2020

Von Volker Schönenberger

Horror // Remake, Reboot, Sequel – womit haben wir es bei „The Grudge“ zu tun? Allerorten ist über den 2020er-Film von einem Reboot die Rede, mir drängte sich beim Besuch der Hamburger Pressevorführung aber auch der Eindruck auf, dass die Handlung durchaus an „Der Fluch – The Grudge“ von 2004 andockt und daher als Fortsetzung angesehen werden kann. Aber was ist mit dessen eigentlicher Fortsetzung „Der Fluch – The Grudge 2“ von 2006? Fällt die dann hinten herunter? Was soll das Ganze überhaupt? War doch schon „Der Fluch – The Grudge“ ein US-Remake des J-Horror-Klassikers „Ju-on – The Grudge“ von 2002, der seinerzeit auch nur den ersten Kinofilm einer Direct-to-Video-Reihe darstellte. Über Sinn und Unsinn des zwanghaften Wiederkäuens bewährter Storys kann man sich natürlich nach Herzenslust echauffieren, es ändert aber nichts daran, dass dieses Phänomen uns Filmguckern im Allgemeinen und Horrorfans im Besonderen schon oft begegnet ist und immer wieder begegnen wird. Hat sich die Filmindustrie ihr Publikum zu innovationsfeindlich erzogen? Oder folgt sie nur dem Drang des gemeinen Filmfreunds, Produktionen nach bewährtem Muster gegenüber originären und außergewöhnlichen Werken den Vorzug zu geben? Vielleicht ein Ping-Pong beider Seiten. Und es ist ja beileibe nicht alles schlecht, was schon mal dagewesen war.

Detective Muldoon untersucht eine stark verweste Leiche

Die Handlung des neuesten Beitrags zu diesem japanischen Filmuniversum setzt 2004 in Tokio ein. Fiona Landers (Tara Westwood) verlässt ein Haus, das sie so sehr in Furcht versetzt hat, dass sie beschließt, umgehend das Land zu verlassen und in ihre US-Heimat zu ihrem Ehemann Sam (David Lawrence Brown) und der gemeinsamen Tochter Melinda (Zoe Fish) in einer Kleinstadt in Pennsylvania zurückzukehren.

Leichenfund im Wald

Zwei Jahre später tritt Detective Muldoon (Andrea Riseborough) in der Gegend eine neue Stelle an. Drei Monate zuvor war ihr Ehemann gestorben, mit ihrem Sohn Burke (John J. Hansen) will sie per Wohnortwechsel der Erinnerung entkommen und neu anfangen. Ihr erster Einsatz führt sie und ihren neuen Partner Detective Goodman (Demián Bichir) zu einem Autowrack in einem Waldstück, das dort schon eine Weile unentdeckt gestanden hat. Die Leiche auf dem Fahrersitz befindet sich bereits in fortgeschrittenem Verwesungszustand. Bei der Toten handelt es sich um eine Frau, die anscheinend von einer Anschrift abgefahren ist, die Goodman in Unruhe versetzt. Ein zurückliegender Fall hatte ihn und seinen damaligen Partner Detective Wilson (William Sadler) dorthin geführt, doch Goodman wollte partout keinen Fuß in das Haus setzen und verweigert dies nun wieder (das Publikum sieht sofort: es ist das Sanders-Haus). Muldoon lässt sich jedoch nicht davon abhalten, den alten Fall zu studieren und das Gebäude aufzusuchen …

Auch Detective Goodman erlebt Furchtbares

Zurück in die Vergangenheit: Die miteinander verheirateten Immobilienmakler Nina und Peter Spencer (Betty Gilpin, John Cho) erfahren, dass ihr ungeborenes Baby erblich bedingt mit hoher Wahrscheinlichkeit an ALD erkranken wird. Trotz des Schocks fährt das Paar zu einem Haus, für dessen Verkauf nur noch die Unterschriften der Eigentümer erforderlich sind – es handelt sich um das Haus der Landers’. Weil die beiden niemanden antreffen, fährt Peter bald darauf erneut dorthin. An der Tür begegnet ihm Melinda, die kein Wort spricht und aus der Nase zu bluten beginnt.

Detective Wilson hat es fast hinter sich

Ein weiterer Handlungsstrang setzt zeitlich in der Mitte ein: 2005 trifft die Suizidbetreuerin Lorna Moody (Jacki Weaver) in besagtem Haus ein. Dort leben mittlerweile die älteren Eheleute Faith und William Matheson (Lin Shaye, Frankie Faison). Die sterbenskranke Faith hat ihren Wunsch bekräftigt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Doch sie wirkt dement, scheint mit einem unsichtbaren Mädchen zu reden, weshalb Lorna es verweigert, den Selbstmord zu begleiten. Sie bleibt aber vorerst zu Gast. Ein Fehler …

Nach beachtlichem Regiedebüt zum Einerlei

Der aus New York City stammende Nicolas Pesce gab 2016 mit dem außergewöhnlichen, in Schwarz-Weiß gedrehten Horrordrama „The Eyes of my Mother“ seinen Einstand auf dem Regiestuhl. „The Grudge“ stellt nach „Piercing“ (2018) seine dritte Regiearbeit dar. Im Gegensatz zu seinem Debüt begibt er sich mit „The Grudge“ leider auf ausgetretene Pfade. Die Verzahnung der drei Zeitebenen darf dabei noch als Positivum gewertet werden, auch wenn dieses Hin und Her schon bei den Vorgängern zu beobachten war. Immerhin: Wann wir uns 2004, wann 2005 und wann 2006 befinden, ist jederzeit nachvollziehbar, und die Sprünge erfolgen schlüssig.

Unter der Dusche gut die Kopfhaut massieren!

Enttäuschend gerät das Ganze von Anfang an bei den Horrorelementen des Geisterfilms: Eine still ausharrende junge Frau mit gesenktem Kopf und langen schwarzen Haaren, dazu ein sonderbar knarrend-knarzendes Geräusch – das stellt kein Novum mehr dar, sondern lediglich ein altbekanntes Motiv des J-Horrors. Das gilt ebenso für Momente, in denen ein Protagonist oder eine Protagonistin aus dem Augenwinkel vage eine Erscheinung wahrnimmt, die im nächsten Moment sogleich wieder verschwunden ist. Eine gespenstische Berührung hier, ein Jump-Scare dort, noch ein Jump-Scare bald darauf, dann zur Abwechslung mal wieder ein Jump-Scare. Ein wenig stand das zu befürchten, schade, dass es auch so generisch eingetreten ist.

Feines Ensemble reißt es auch nicht raus

Angesichts dessen, dass sowohl der 2002er- als auch der 2004er-Film inklusive beider Fortsetzungen bislang hierzulande und auch in diversen anderen Märkten lediglich auf DVD erschienen sind, ist durchaus denkbar, dass das Franchise bei nachgewachsenen Horrorfans aus dem Blickfeld geraten ist, was als Rechtfertigung für den Neuaufguss ausreichen mag. Aber weshalb so einfallslos? Wenn man schon mit so versierten Darstellerinnen und Darstellern wie Andrea Riseborough („Mandy“), Demián Bichir („The Hateful Eight“), Lin Shaye („Insidious – Chapter 2“, „Abattoir – Er erwartet dich!“) und John Cho („Star Trek – Beyond“) Sorgfalt beim Casting beweist, muss man doch beim Storytelling und dem Horror nicht derart nachlässig vorgehen. Da nützt es wenig, dass das Ensemble seine Sache vorzüglich macht und die versammelte Tragik der Figuren ansprechend in Szene setzt. „The Grudge“ wird die mal berechtigten, mal unberechtigten Ressentiments gegen Remakes und Reboots weiter schüren.

Kuckuck!

Demián Bichir musste noch vor Fertigstellung des Films den Tod seiner Ehefrau Stefanie Sherk verkraften. Sie starb im April 2019 im Alter von 37 Jahren. In „The Grudge“ hatte Sherk eine kleine Nebenrolle als Therapeutin – ihr letzter Filmauftritt. Sie ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Andrea Riseborough und Lin Shaye haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Demián Bichir und John Cho unter Schauspieler.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Grudge
USA/KAN 2020
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce
Besetzung: Andrea Riseborough, Demián Bichir, Lin Shaye, John Cho, Tara Westwood, Junko Bailey, David Lawrence Brown, Zoe Fish, John J. Hansen, Joel Marsh Garland, Bradley Sawatzky, Betty Gilpin
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2019 Sony Pictures Entertainment
Deutschland GmbH, Szenenfotos auch: © Allen Fraser

 

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3 from Hell – Finger im Po, Mexiko

3 from Hell

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Erinnern wir uns: Am Ende der „Haus der 1000 Leichen“-Fortsetzung „The Devil’s Rejects“ (2005) rasen Otis Driftwood (Bill Moseley), Captain Spaulding (Sid Haig) und Baby Firefly (Sheri Moon Zombie) mit gezückten Waffen auf eine Polizeiblockade zu – und lassen ihr Leben im Bleihagel.

Otis kommt vor Gericht

Denkste! Zu Beginn von „3 from Hell“ erfahren wir aus Nachrichtensendungen und von Zeitungsseiten, dass die drei zwar von Kugeln durchsiebt wurden, auf wundersame Weise aber innerhalb eines Jahres vollständig genasen. Captain Spaulding half das nicht viel, er wurde hingerichtet – ab dafür! Während der Gerichtsverfahren des Trios hatte sich ein bizarrer Kult um das Trio gebildet, der in einer Bewegung „Free the Three!“ gipfelte.

Keine Bewährung für Baby Firefly

1988 gelingt Otis mit Unterstützung seines Halbbruders Winslow Foxworth Coltrane (Richard Brake) während eines Arbeitseinsatzes die Flucht. Baby kommt derweil vor einen Bewährungsausschuss, bleibt aber erwartungsgemäß in Haft. Otis schmiedet einen Plan, seine Adoptivschwester mit unfreiwilliger Unterstützung des Gefängnisdirektors Virgil Dallas Harper (Jeff Daniel Phillips) zu befreien.

Können Ketten Baby Firefly aufhalten?

Die Prämisse missfällt mir leider. Unter all jenen, die „The Devil’s Rejects“ geschaut haben, befinden sich ohne jeden Zweifel all jene in der überwältigenden Mehrheit, die angesichts des Finals ein „Nun sind sie hin“ konstatiert haben. Zu einem anderen Schluss konnte man nicht ernsthaft kommen, auch wenn das tatsächliche Ableben der Fireflys nicht zu sehen war. Nun hat Rob Zombie also die Kehrtwendung vollzogen, warum auch immer. Fiel ihm nichts Besseres mehr ein als die mörderische Sippe aufleben und weiter ihr Unheil treiben zu lassen?

Danny Trejo darf denkbar kurz seine Rolle als Rondo aus „The Devil’s Rejects“ aufgreifen. In der Folge verziehen sich die Fireflys nach Mexiko, wo sie in irgendeinem räudigen Kaff untertauchen, um es sich gutgehen zu lassen – willige mexikanische Huren inklusive. Die Entspannung währt aber nur kurz, dann geht es wieder blutig zu. Das tödliche Treiben inszeniert der Regisseur so brutal, wie sich seine gewaltaffinen Fans das wohl wünschen.

Nichts Neues bei Rob Zombie

Was wird aus den Fireflys? Die Frage hat mich komplett kaltgelassen. Die beiden Vorgänger haben mir gut gefallen, aber dabei hätte es Zombie belassen sollen. Schon sein vorheriger Film „31 – A Rob Zombie Film“ (2016) war lediglich routiniertes Terrorkino, das dem Horrorgenre keinerlei Impulse gab. So auch bei „3 from Hell“. Neue Facetten der Fireflys lernen wir nicht kennen. Das neue Familienmitglied Winslow Foxworth Coltrane fügt sich anständig ein und steht Otis und Baby an Bösartigkeit in nichts nach, aber damit hat es sich auch. Außergewöhnliche Werke wie „The Lords of Salem“ (2012) und „Halloween II“ (2009) können wir von diesem Regisseur womöglich nicht mehr erwarten.

Winslow Foxworth Coltrane steht seinem Halbbruder an Bösartigkeit in nichts nach

Natürlich setzt der Regisseur seine Gemahlin Sheri Moon Zombie oft und gern ins Bild. Manche Rezipienten bemängelten ihre mangelnde Schauspielkunst – mich hat das nicht gestört, da ich diesbezüglich keine Erwartungshaltung entwickelt hatte. Es hat schon seinen Grund, dass sie selten von anderen Regisseuren und Produzenten gebucht wird, aber mit ihrer durchgeknallten Baby Firefly ist sie mittlerweile doch vertraut genug.

Kommt auch die Unrated-Fassung zu uns?

Studiocanal hat in Deutschland die R-Rated-Fassung lizenziert und bei der FSK im zweiten Anlauf – also in Berufung – eine Freigabe ab 18 Jahren erreicht. In den USA hat in der Zwischenzeit auch eine ungeprüfte Fassung („unrated“) das Tageslicht erblickt, die im Übrigen im Vereinigten Königreich bereits veröffentlicht worden ist. Sie wird beizeiten sicher auch im deutschsprachigen Raum vertrieben werden, und sei es als ungeprüfte Fassung oder mit SPIO/JK-Siegel. Für ein paar blutige Schnipsel mehr legen sich ja viele Fans gewalthaltiger Filme gern teure Editionen zu. 41 Sekunden sind es in diesem Fall, die genauen Unterschiede können im Schnittbericht nachgelesen werden. Sie motivieren mich nicht, mir beizeiten die Unrated-Fassung zu Gemüte zu führen, zumal ihr Fehlen in der R-Rated-Version nicht auffällt. Auch weitere Regiearbeiten Rob Zombies sehne ich nicht herbei. Bedauerlich angesichts dessen, dass sich der Gute als unabhängiger Horrorfilmemacher an sich wenig um Erwartungshaltungen zu scheren braucht. Er hat vormals bewiesen, dass er sich davon freimachen kann, aber zuletzt entstand der Eindruck, er schiele zu sehr auf Fanbedienung. Schade drum.

Adios, Captain Spaulding!

Dass Sid Haigs Captain Spaulding bereits frühzeitig hingerichtet wird und somit im Verlauf nicht mehr auftaucht, hängt übrigens nicht mit dem Tod des Schauspielers zusammen, sondern mit dessen bereits in der Vorproduktionsphase angegriffenen Gesundheit, was Rob Zombie veranlasste, die Rolle drastisch zu kürzen. Haig starb am 21. September 2019 im Alter von 80 Jahren, wenige Tage nach der Weltpremiere von „3 from Hell“. Mit seinem Captain Spaulding hat er der Horrorwelt eine moderne Ikone gegeben. Sid Haig ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Rob Zombie haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Danny Trejo unter Schauspieler.

3 from Hell

Veröffentlichung: 21. November 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: 3 from Hell
USA 2019
Regie: Rob Zombie
Drehbuch: Rob Zombie
Besetzung: Sheri Moon Zombie, Bill Moseley, Sid Haig, Jeff Daniel Phillips, Richard Brake, Kevin Jackson, Tracey Leigh, Dee Wallace, Clint Howard, Danny Trejo, Barry Bostwick
Zusatzmaterial: Making-of: „Zur Hölle und zurück“, Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Studiocanal Home Entertainment

 

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Doctor Sleeps Erwachen – Overlook ist überall

Doctor Sleep

Kinostart: 21. November 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Hand aufs Herz: Wer hat nach Sichtung von Stanley Kubricks Horrorklassiker „Shining“ (1980), der von Stephen King persönlich produzierten TV-Miniserie „The Shining“ (1997) oder Lektüre des Romans darüber nachgedacht, wie wohl das spätere Leben von Danny Torrance verlaufen werde? Niemand? Ich auch nicht. Stephen King offenbar schon. Vielleicht hat er sich auch von diesbezüglichen Äußerungen motivieren und inspirieren lassen, 2013 – 36 Jahre nach Erscheinen des ersten Romans – die Fortsetzung „Doctor Sleep“ nachzuschieben. Dem Vernehmen nach hatte 1998 bei einer Signierstunde jemand den Horrorautor gefragt, was aus Danny geworden sein mag. So oder so hat dessen Schöpfer natürlich jedes Recht, um die Figur herum eine neue Geschichte zu spinnen. Und angesichts der derzeitigen Schwemme an King-Verfilmungen war klar, dass das Kino nicht um eine Adaption herumkommt. Visuell erinnerte mich „Doctor Sleeps Erwachen“ mehr an Kubricks Regiearbeit als an die Zweitverfilmung – und das, obwohl Stephen King als Executive Producer am Kino-Sequel beteiligt war. Sollte er im Lauf der Jahre seinen Frieden mit der ungeliebten Kubrick-Version gemacht haben? Vielleicht war ihm der visuelle Aspekt auch gleichgültig, solange nun endlich die Bösartigkeit des Overlook-Hotels deutlich werden würde – und das kann konstatiert werden.

Rückblick: Danny im Overlook

Die Handlung setzt 1980 kurz nach den Ereignissen von „Shining“ ein. Wendy Torrance (Alex Essoe) und ihr Sohn Danny (Roger Dale Floyd) sind ins sonnige Florida gezogen und versuchen, die grauenvollen Ereignisse in den Bergen von Colorado zu verdrängen. Doch die Dämonen des Overlook geben keine Ruhe, verfolgen Danny. Glücklicherweise erhält er Unterstützung vom Geist von Dick Hallorann (Carl Lumbly), ehemaliger Chefkoch des Hotels. Der lehrt ihn, wie er die bösartigen Entitäten bezwingen und in mentale Boxen sperren kann.

Vom Alkoholiker zu Doctor Sleep

Im Jahr 2011 scheint sich Dan Torrance (Ewan McGregor) aufgegeben zu haben. Als schwerer Alkoholiker zieht er ziellos durch die Gegend, hat keine Hemmungen, bei einer Kneipenschlägerei seinen Kontrahenten mit einer Billardkugel brutal zusammenzuschlagen und kurz darauf eine Bettgefährtin zu beklauen, obwohl diese ein Kind hat. In einer Kleinstadt in New Hampshire trifft er auf Billy Freeman (Cliff Curtis), der seine helfende Hand ausstreckt – und Dan ergreift sie. Weitere acht Jahre später hat sich der seitdem trockene Alkoholiker zu einem anständigen Menschen entwickelt, der seine „Shining“-Gabe nutzt, um in einem Hospiz Sterbenden ihren letzten Weg zu erleichtern. Dafür wird er Doctor Sleep genannt.

Dan erhält eine beunruhigende Botschaft

Ein unsichtbares Band verbindet Dan mit dem jungen Mädchen Abra Stone (Kyliegh Curran), die ebenfalls über das „Shining“ verfügt. Ohne dass die beiden einander je begegnet sind, kommunizieren sie auf telepathische Weise miteinander. Doch Unheil braut sich zusammen: Die schöne, aber bösartige Rose the Hat (Rebecca Ferguson, „Mission: Impossible – Rogue Nation“) führt eine kleine, aber verschworene Gemeinschaft, einem sonderbaren Kult ähnlich, die sich „Wahrer Knoten“ (im Original „True Knot“) nennt. Die Gruppe zieht wie fahrendes Volk in Wohnmobilen durch die Vereinigten Staaten und führt nichts Gutes im Schilde.

Rose the Hat führt …

„Doctor Sleeps Erwachen“ dockt in einigen Sequenzen visuell so stark an Kubricks „Shining“-Variante an, dass manche puristische Fans den Untergang des Abendlandes befürchten und greinen werden, der neue Film schade dem älteren. Seid unbesorgt: Es ist in all den Jahren nicht mal Stephen King mit seinem Gemecker über Kubrick gelungen, am Status des Films als großes Meisterwerk des Horrorkinos etwas zu ändern. Wie soll das einer Fortsetzung gelingen?

… den wahren Knoten – doch wohin?

Natürlich erreicht „Doctor Sleeps Erwachen“ zu keinem Zeitpunkt die visuelle Wucht von „Shining“. Der gut beschäftigte Kameramann Michael Fimognari („Abattoir – Er erwartet dich!“, „Before I Wake“) braucht noch etwas, um an Kubricks Kameramann John Alcott heranzukommen, der immerhin 1976 einen Oscar für die Bilder von „Barry Lyndon“ erhalten hatte. Aber Fimognari stümpert nicht herum und findet einige schöne Einstellungen, zollt mit einigen Bildern dem Vorgänger auch unmittelbar Tribut. Das musste er allein schon deswegen tun, weil Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan („Oculus – Das Böse ist in dir“) ein paar Rückblenden einbauen wollte. Fans des filmischen und literarischen Stephen-King-Universums können sich ohnehin auf die Suche nach Referenzen begeben, von denen es einige zu entdecken gibt. Der oft dissonante Score der Newton Brothers, mit denen Flanagan bereits mehrfach kooperiert hat, bringt dräuende Atmosphäre und treibt immer wieder mit ruhigen, dumpfen Percussion-Klängen das Geschehen voran, speziell in den Sequenzen mit dem „True Knot“.

Von Danny zu Dan

Mike Flanagan inszenierte zuvor für Netflix die gelungene Stephen-King-Verfilmung „Das Spiel“ („Gerald’s Game“, 2017) und die hochgelobte Horrorserie „Spuk in Hill House“ („The Haunting of Hill House“, seit 2018). „Doctor Sleeps Erwachen“ ist mit zweieinhalb Stunden recht lang geraten. Damit muss bei Stephen-King-Verfilmungen stets gerechnet werden, neigt der Gute doch zu überlangen Romanen, die dann eben auch lange Verfilmungen nach sich ziehen. Aus der im Deutschen mehr als 700 Seiten langen Vorlage strich Mike Flanagan einiges heraus, anderes modifizierte er. So gab King im Roman der Entwicklung von Danny zu Dan deutlich mehr Raum; dies fürs Kino zu straffen, erscheint sinnvoll, damit der Film den Fokus auf eine Haupthandlung legen kann, die innerhalb eines stärker begrenzten Zeitraums stattfindet und nicht über mehrere Jahre hinweg ausfranst. Auch der Showdown im Finale gestaltet sich im Film gegenüber der Vorlage mit großen Unterschieden, aber ich unterlasse es, dies näher zu erläutern, damit sich niemand gespoilert fühlt. So recht zufriedengestellt hat mich die Entwicklung der Story hin zu diesem Showdown im Film nicht, sie erschien mir etwas herbeifabuliert. Aber da wir es mit übernatürlichen Ereignissen und Phänomenen zu tun haben, die sich unserem realistischen Verständnis von Logik entziehen, mögen sich andere Kinobesucherinnen und -besucher vielleicht nicht daran stören.

Konfrontation: Abra (l.) und Rose

In den US-Kinos kam „Doctor Sleep“ rumpelig aus den Startlöchern, schon ist vom „größten Schock“ die Rede. Ob das berechtigt ist, werden die kommenden Wochen und der Erfolg an den europäischen Kinokassen zeigen. Immerhin hat der Film seine Produktionskosten von 45 Millionen Dollar weltweit bereits eingespielt, ganz so arg wird es also nicht werden. Dennoch hat sich Warner nach dem Erfolg von „Es“ (2017) und „Es – Kapitel 2“ (2019) zweifellos mehr erhofft.

Kubricks „Shining“ bleibt unerreicht und unangekratzt

Ich neige dazu, solche Fortsetzungen mit hochgezogenen Augenbrauen wahrzunehmen, weil sie angetan sind, eine Figur zu entmystifizieren, wenn man sie zu Ende erzählt. Andererseits stellt Stanley Kubricks „Shining“ ein derartiges Monument eines Horrorfilms dar, dass nichts und niemand dem Werk seinen Mythos nehmen kann. „Doctor Sleeps Erwachen“ wird nach meiner Einschätzung niemals zu den wenigen großen Stephen-King-Verfilmungen aufschließen, muss sich angesichts der vielen missratenen Adaptionen aber auch nicht verstecken, reiht sich somit im soliden oberen Mittelfeld ein.

Auch im Busch-Labyrinth

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mike Flanagan haben wir unter Regisseure aufgeführt, Filme mit Ewan McGregor in der Rubrik Schauspieler.

Was war hier noch mal passiert?

Länge: 152 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Doctor Sleep
USA/GB 2019
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carel Struycken, Met Clark, Roger Dale Floyd, Alex Essoe, Carl Lumbly
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2019/11/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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