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A Quiet Place 2 – Die leisen Überlebenden gehen in die zweite Runde

A Quiet Place Part II

Kinostart: 24. Juni 2021

Von Iris Janke

Horrorthriller // Zunächst schien es, als würde sich „A Quiet Place 2“ von Regisseur, Drehbuchautor und Produzent John Krasinski („Jack Ryan“, „The Office“) in die Reihe der üblichen zweiten Teile eines erfolgreichen US-Kinofilms einreihen. Vielleicht erwartungsgemäß etwas schlechter, weil es ein zweiter Teil mit einer an den ersten Teil anschließenden Filmhandlung meist schwer hat, sein Publikum zu überraschen. Nur wenigen zweiten Teilen gelingt dieses Kunststück, „Terminator 2 – Tag der Abrechnung“ vielleicht, „Stirb Langsam 2“ hingegen hat es, meiner Meinung nach, leider nicht geschafft. Der ist zwar auch gut, dennoch überrascht die Fortsetzung nicht so sehr wie der erste Teil.

Letzte Pressevorführung vor dem Corna-Shutdown

In diesem zweiten Teil ist alles anders: Ich erinnere mich noch sehr genau an den 10. März 2020 (!), den Tag der Pressevorführung in Köln – „A Quiet Place 2“ war meine letzte Pressevorführung, bevor die Kinos geschlossen und damit sämtliche Pressevorführungen und Starttermine verschoben wurden. Die Vorstellung fand im wirklich schönen Kölner Programmkino „Residenz“ statt und war brechend voll. Jede Menge eingeladener Kollegen standen dicht gedrängt auf der Treppe, die in den oberen Saal führt. Es war so voll, weil jeder Pressevertreter noch eine Person mitbringen durfte. Vom neuartigen Corona-Virus und der Krankheit Covid-19 hatte ich bislang nur in Verbindung mit China gehört. Alle schienen sich beim Einlass geistig schon auf die in ein paar Tagen anstehende Kinokritik einzustellen. Dann kann alles anders – schon drei Tage später …

Auf der Suche nach einem Versteck: Familie Abbott

Bald darauf wurde „A Quiet Place 2“ auf den September 2020 verschoben, im August dann sogar auf den April des Folgejahres. Unter normalen Umständen hätte man also vermutlich auch dieses Sequel zu den eher soliden und insofern „normalen“ zweiten Teilen gezählt: Die Handlung schließt nahezu nahtlos an an „A Quiet Place“ (2018) an. Vater Lee Abbott (Regisseur John Krasinski) starb im ersten Teil, also ohne jede Chance auf Rückkehr. Mutter Evelyn (Krasinskis echte Ehefrau Emily Blunt, „Sicario“) musste am Ende des ersten Teils wegen der ebenso Geräusch-empfindlichen wie mörderischen Monster beinahe lautlos ihr drittes Kind gebären. Zu Beginn des zweiten Teils nun scheint für die Mutter und ihre drei Kinder kurz Normalität einzukehren. Doch dann nimmt das Unheil erneut seinen Lauf: Die seltsamen, spinnenähnlichen Ungeheuer mir ihren scharfen, hackenden Mahlwerkzeugen machen Jagd auf die Menschen in der kleinen Stadt. Wieder versucht Mutter Evelyn ihre Familie in Sicherheit zu bringen – diesmal mit einem schreienden Säugling auf dem Arm. Mittels Sauerstoffgerät versucht sie, das Baby zum Schlafen zu bringen, dessen Grebrüll zu unterdrücken und die Monster fern zu halten. Gemeinsam mit ihren beiden anderen Kindern, der gehörlosen Regan (Millicent Simmonds) und dem jüngeren Marcus (Noah Jupe), sieht sie in einem verlassenen Eisenbahnwaggon einen idealen Zufluchtsort. Die Familie ahnt nicht, dass dieses Versteck schon dem undurchsichtigen Emmet (Cillian Murphy, „Dunkirk“) Unterschlupf bietet, der ebenfalls auf der Flucht vor den Monstern ist. Zunächst wenig einladend stellt sich Emmet der kleinen Familie in den Weg.

Erfahrung mit der Apokalypse: Cillian Murphy

Fungierte im ersten Teil Regisseur und Autor John Krasinski zusätzlich als Hauptdarsteller, tritt er diesen Part in „A Quiet Place 2“ ab. Der Spannung des Films tut dies keinen Abbruch, Cilian Murphy füllt den Part des männlichen Hauptdarstellers glaubhaft und souverän aus – mit apokalyptischen Horrorgeschichten kennt er sich seit seiner Hauptrolle in Danny Boyles „28 Days Later“ (2002) bestens aus.

Mucksmäuschenstille ist oberstes Gebot: Mutter Evelyn und Sohn Marcus

Grandios glaubhaft und exellent besetzt sind nicht nur die beiden Haupdarsteller Emily Blunt und Cilian Murphy, sondern auch die beiden Kinderdarsteller: die auch im wirklichen Leben gehörlose Millicent Simmonds als Regan und Noah Jupe als ihr jüngerer, stets etwas unbedarft wirkender Bruder Marcus. Trotz Corona und zweimaliger Startterminverschiebung hoffe ich sehr, dass dieser hoch spannende zweite Teil sein „leises“ Kinopublikum findet. In der Pressevorführung hätte man jedenfalls jedes noch so geräuscharme Popkorngeraschel gehört.

Undurchsichtige Hilfe: Emmet

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Emily Blunt haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Cillian Murphy unter Schauspieler.

Haben die Abbotts endlich Zuflucht gefunden?

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: A Quiet Place Part II
USA 2020
Regie: John Krasinski
Drehbuch: John Krasinski
Besetzung: Emily Blunt, Millicent Simmonds, Cillian Murphy, Noah Jupe, Djimon Hounsou, John Krasinski, Lauren-Ashley Cristiano, Zachary Golinger, Blake DeLong, Barbara Singer, Okieriete Onaodowan, Gary Sundown, Ashley Dyke, Silas Pereira-Olson
Verleih: Paramount Pictures Germany

Copyright 2020 by Iris Janke

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2020 Paramount Pictures Germany

 

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I Spit on Your Grave – Deja Vu: Ojemine!

I Spit on Your Grave – Deja Vu

Von Volker Schönenberger

Horrorthriller // Alter! Zweieinhalb Stunden Rape and Revenge – wer soll das aushalten? Die Überlänge von „I Spit on Your Grave – Deja Vu“ überrascht. Für den üblichen Plot dieses kleinen Bastards des Horrorgenres müssten knackige anderthalb Stunden doch mehr als genug sein. Schon jetzt sei verraten: Die 148 Minuten sind in der Tat viel zu lang. Genau genommen sogar 148 Minuten zu lang.

Jennifer Hills gerät in die Gewalt …

Zu Beginn sehen wir ein paar kurze Ausschnitte der Vergewaltigungen von „Ich spuck’ auf dein Grab“ („I Spit on Your Grave“, 1978), dem berüchtigten Vorgänger, dessen offizielle Fortsetzung „I Spit on Your Grave – Deja Vu“ (2019) darstellt. Für Drehbuch und Regie zeichnet bei beiden Meir Zarchi verantwortlich, und mit Camille Keaton ist im Sequel auch die damalige Hauptdarstellerin an Bord, die erneut als Jennifer Hills zu sehen ist. Mit den drei im Zeitraum 2010 bis 2015 entstandenen Filmen hat „I Spit on Your Grave – Deja Vu“ inhaltlich somit nichts zu tun.

… der Angehörigen ihrer Peiniger

40 Jahre nach den Ereignissen von „Ich spuck’ auf dein Grab“ hat Jennifer die Erlebnisse in einer Autobiografie verarbeitet, die die Bestsellerlisten emporgeklettert ist. Nebenbei berät sie Vergewaltigungsopfer. Ihre Tochter Christina (Jamie Bernadette) hat sie allein großgezogen, die junge Frau arbeitet als Topmodel, hadert aber mit der Oberflächlichkeit ihres Tuns. Nach einem Restaurantbesuch werden Mutter und Tochter draußen von zwei vermeintlichen Fans aufgehalten, die Jennifer darum bitten, ihnen ihr Buch zu signieren. Doch Kevin (Jonathan Peacy) und Scotty (Jeremy Ferdman) überwältigen die beiden Frauen und verschleppen sie zurück in die Gegend von Jennifers Leid. Die zwei Kerle entpuppen sich als Verwandte der damaligen Täter. Als Rädelsführerin erweist sich Becky (Maria Olsen), Witwe eines der Vergewaltiger.

Es ist ein Kreuz

Kurzes Zwischenfazit: Es ist ein Martyrium! Allerdings nicht nur für die bedauernswerten Frauen, sondern vornehmlich fürs Filmpublikum. Jede Szene ist entweder zu lang geraten oder komplett überflüssig. Zur Sichtung lag mir die deutsch synchronisierte Fassung vor, deren unsäglichen Dialoge den Ohrenschmalz gerinnen lassen. Die unbeholfene Mimik und Gestik der Schauspielerinnen und Schauspieler lassen vermuten, dass die englischsprachige Originaltonspur demgegenüber keine qualitative Steigerung darstellt.

Kevin will mit Christina seinen Spaß haben

Ich habe kein Problem damit, Menschen in abgelegenen Provinzen als geistig schlichte Hinterwäldler porträtiert zu sehen. Davon lebt Backwoods-Horror. Hier jedoch nervt jeder Landbewohner. Natürlich ist es gewollt, Antagonisten negativ zu zeichnen, damit ihr gewaltsamer Tod später vom Publikum goutiert wird; wenn es aber dazu führt, dass man als Zuschauer das Bedürfnis verspürt, abzuschalten oder weiterzuskippen, macht ein Film irgendetwas falsch. Dieser macht vieles falsch. Tatsächlich kann ich gar nichts nennen, was er richtig macht. Obendrauf gibt es eine Enthüllung über Christinas Vater, aber da der zu Beginn nicht genannt worden war, stellt sie keine Überraschung dar. So ganz logisch erscheint das nicht, da der Film 40 Jahre nach den Ereignissen von „Ich spuck’ auf dein Grab“ spielt und Christina deutlich jünger wirkt, aber der Film ist ohnehin so mies, da fällt das nicht mehr groß ins Gewicht.

Mit moralischem Gewissen

Mit Herman (Jim Tavare) gibt es unter den Verwandten der toten Täter sogar wie im Original einen geistig zurückgebliebenen Gesellen, der immerhin Skrupel zeigt und gegenüber seinen Spießgesellen in einigen Szenen als moralisches Gewissen auftritt. Viel nützen tut ihm das auch nicht, das sei hier schon verraten.

Rachsüchtig: Witwe Becky will Vergeltung

Eine brutale Mordszene vor einer Kirche ist mit der Ansicht des im Inneren auf der Orgel spielenden Priesters zusammengeschnitten worden. Das soll wohl kunstvoll montiert wirken, erscheint aber nur sinnlos. Eine von vielen Szenen, bei denen ich mich gefragt habe, welche Absicht Regisseur Meir Zarchi damit verfolgt hat. Da er den Geistlichen spielt, soll das wohl sein Hitchcock-Moment sein. Wie blasphemisch.

Herman hat Skrupel

Insgesamt gehen bislang drei Filme auf Meir Zarchis Regisseurs- und Drehbuchautoren-Konto. Als Executive Producer war er auch am Remake „I Spit on Your Grave“ (2010) und dessen beiden Fortsetzungen „I Spit on Your Grave 2“ (2013) und „I Spit on Your Grave 3 – Vengeance Is Mine“ (2015) beteiligt. Der 1993 entstandene „Savage Vengeance“ mit Camille Keaton als Jennifer gilt als inoffizielles Sequel von „Ich spuck’ auf dein Grab“. „I Spit on Your Grave – Deja Vu“ dockt somit direkt ans 1978er-Original an. In den USA und im Vereinigten Königreich wurde 2019 die Doku „Growing up with I Spit on Your Grave“ veröffentlicht. Regie führte Terry Zarchi, Sohn des Spielfilm-Regisseurs.

Uncut mit FSK-18-Freigabe

Die FSK hat „I Spit on Your Grave – Deja Vu“ als ersten Film des gesamten Franchises ohne Zensurauflagen mit einer FSK-18-Freigabe bedacht. Das wird einige Gewalt- und Splatterjunkies enttäuschen, aber nicht auszudenken, wenn auch noch Folter- und Tötungsszenen das Elend verlängert hätten. Auch die obligatorische Vergewaltigungsszene gerät erfreulich kurz, von einem Zelebrieren, wie es anderen Rape-and-Revenge-Streifen bisweilen unterstellt wird, kann keine Rede sein. Ha! Da hat der Film also doch etwas richtig gemacht!

Christina schreitet zur Gegenwehr

„I Spit on Your Grave – Deja Vu“ ist bereits im Januar als Mediabook mit vier Covermotiven erschienen, nun legt Nameless Media Cover A erneut auf, diesmal als wattiertes Mediabook, eine große Hartbox wird mit Covermotiv D bestückt. Es soll ja Sammler geben, die den Zwang verspüren, von jedem Covermotiv ein Exemplar zu besitzen, selbst wenn diese einander so ähnlich sind wie in diesem Fall. Es sei ihnen gegönnt. Dann gibt es den Komplettistenwahn, von einem Franchise jeden Teil besitzen zu müssen, selbst wenn einer so übel ausgefallen ist wie „I Spit on Your Grave – Deja Vu“. Ich bedaure euch dafür. Wer die teure Mediabook- oder Hartbox-Ausgabe scheut, das Sequel aber unverständlicherweise dennoch seiner Sammlung einverleiben will, möge bis Anfang Oktober warten. Dann veröffentlicht Tiberius Film es als Blu-ray und DVD in herkömmlicher Verpackung. Mir fällt die Annahme schwer, irgendjemand könne an diesem Machwerk Gefallen finden. Ja ja, ich weiß schon, „Geschmäcker sind verschieden – und das ist auch gut so.“ Eine der beliebtesten und gleichzeitig hohlsten Phrasen, die man in Filmgruppen zu hören oder lesen bekommt. Bedauerlich, wenn ein Film nur deshalb eine Sonderverpackung wie Mediabook oder Hartbox bekommt, weil er Teil einer Reihe ist. Das trägt nicht gerade dazu bei, das Mediabook-Format aufzuwerten. Muss man jeden x-beliebigen Film in Collector’s Edition veröffentlichen? Liebe zum Film verrät das nicht gerade. „I Spit on Your Grave – Deja Vu“ ist ein Paradebeispiel für diese Inflation. Diese Fortsetzung ist so mies, dass ich mir auch gar keine Gedanken darüber machen wollte, ob hier Selbstjustiz verherrlicht wird oder nicht.

Beim besten Willen nicht

Ich versuche, jedem Film gerecht zu werden und dahinterzukommen, was Filmfans daran finden könnten. In diesem Fall will es mir einfach nicht gelingen. Ich kann an Backwoods-Horror meinen Spaß haben. Rape and Revenge schaue ich eher selten, gehe dennoch aufgeschlossen an diese Filme heran. Hier aber bin ich mit meinem Latein am Ende. Das Finale zieht sich mit noch einer und noch einer Szene wie Kaugummi und hält somit das Niveau des gesamten zusammengestümperten Films. Was hat Meir Zarchi nur geritten, das Elend auf zweieinhalb Stunden auszudehnen? Das Ende lässt die Möglichkeit eines weiteren Sequels offen. Der Regisseur hat auch bereits seine Absicht angekündigt, es zu inszenieren. Muss das sein?

Veröffentlichung: 1. Oktober 2020 als Blu-ray und DVD, 28. August 2020 als wattiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, limitiert auf 555 Exemplare) und Blu-ray in großer Hartbox (limitiert auf 66 Exemplare), 24. Januar 2020 als 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, vier Covermotive à 3 x 555 und 1 x 666 Exemplare)

Länge: 148 Min. (Blu-ray), 142 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: I Spit on Your Grave – Deja Vu
USA 2019
Regie: Meir Zarchi
Drehbuch: Meir Zarchi
Besetzung: Camille Keaton, Jamie Bernadette, Maria Olsen, Jim Tavaré, Jonathan Peacy, Jeremy Ferdman, Holgie Forrester, Roy Allen III, Alexandra Kenworthy, Terry Zarchi, Tammy Zarchi
Zusatzmaterial: 4 Trailer, Interviews mit Cast, Behind The Scenes mit Regisseur Meir Zarchi
Label Blu-ray & DVD im Softcase: Tiberius Film
Vertrieb Blu-ray & DVD im Softcase: Sony Pictures Entertainment
Label/Vertrieb Mediabooks & Hartbox: Nameless Media

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2020 Tiberius Film
Packshots Mediabooks: © 2020 Nameless Media

 
 

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The Grudge (2020) – Und Jump! Und Scare!

The Grudge

Kinostart: 9. Januar 2020

Von Volker Schönenberger

Horror // Remake, Reboot, Sequel – womit haben wir es bei „The Grudge“ zu tun? Allerorten ist über den 2020er-Film von einem Reboot die Rede, mir drängte sich beim Besuch der Hamburger Pressevorführung aber auch der Eindruck auf, dass die Handlung durchaus an „Der Fluch – The Grudge“ von 2004 andockt und daher als Fortsetzung angesehen werden kann. Aber was ist mit dessen eigentlicher Fortsetzung „Der Fluch – The Grudge 2“ von 2006? Fällt die dann hinten herunter? Was soll das Ganze überhaupt? War doch schon „Der Fluch – The Grudge“ ein US-Remake des J-Horror-Klassikers „Ju-on – The Grudge“ von 2002, der seinerzeit auch nur den ersten Kinofilm einer Direct-to-Video-Reihe darstellte. Über Sinn und Unsinn des zwanghaften Wiederkäuens bewährter Storys kann man sich natürlich nach Herzenslust echauffieren, es ändert aber nichts daran, dass dieses Phänomen uns Filmguckern im Allgemeinen und Horrorfans im Besonderen schon oft begegnet ist und immer wieder begegnen wird. Hat sich die Filmindustrie ihr Publikum zu innovationsfeindlich erzogen? Oder folgt sie nur dem Drang des gemeinen Filmfreunds, Produktionen nach bewährtem Muster gegenüber originären und außergewöhnlichen Werken den Vorzug zu geben? Vielleicht ein Ping-Pong beider Seiten. Und es ist ja beileibe nicht alles schlecht, was schon mal dagewesen war.

Detective Muldoon untersucht eine stark verweste Leiche

Die Handlung des neuesten Beitrags zu diesem japanischen Filmuniversum setzt 2004 in Tokio ein. Fiona Landers (Tara Westwood) verlässt ein Haus, das sie so sehr in Furcht versetzt hat, dass sie beschließt, umgehend das Land zu verlassen und in ihre US-Heimat zu ihrem Ehemann Sam (David Lawrence Brown) und der gemeinsamen Tochter Melinda (Zoe Fish) in einer Kleinstadt in Pennsylvania zurückzukehren.

Leichenfund im Wald

Zwei Jahre später tritt Detective Muldoon (Andrea Riseborough) in der Gegend eine neue Stelle an. Drei Monate zuvor war ihr Ehemann gestorben, mit ihrem Sohn Burke (John J. Hansen) will sie per Wohnortwechsel der Erinnerung entkommen und neu anfangen. Ihr erster Einsatz führt sie und ihren neuen Partner Detective Goodman (Demián Bichir) zu einem Autowrack in einem Waldstück, das dort schon eine Weile unentdeckt gestanden hat. Die Leiche auf dem Fahrersitz befindet sich bereits in fortgeschrittenem Verwesungszustand. Bei der Toten handelt es sich um eine Frau, die anscheinend von einer Anschrift abgefahren ist, die Goodman in Unruhe versetzt. Ein zurückliegender Fall hatte ihn und seinen damaligen Partner Detective Wilson (William Sadler) dorthin geführt, doch Goodman wollte partout keinen Fuß in das Haus setzen und verweigert dies nun wieder (das Publikum sieht sofort: es ist das Sanders-Haus). Muldoon lässt sich jedoch nicht davon abhalten, den alten Fall zu studieren und das Gebäude aufzusuchen …

Auch Detective Goodman erlebt Furchtbares

Zurück in die Vergangenheit: Die miteinander verheirateten Immobilienmakler Nina und Peter Spencer (Betty Gilpin, John Cho) erfahren, dass ihr ungeborenes Baby erblich bedingt mit hoher Wahrscheinlichkeit an ALD erkranken wird. Trotz des Schocks fährt das Paar zu einem Haus, für dessen Verkauf nur noch die Unterschriften der Eigentümer erforderlich sind – es handelt sich um das Haus der Landers’. Weil die beiden niemanden antreffen, fährt Peter bald darauf erneut dorthin. An der Tür begegnet ihm Melinda, die kein Wort spricht und aus der Nase zu bluten beginnt.

Detective Wilson hat es fast hinter sich

Ein weiterer Handlungsstrang setzt zeitlich in der Mitte ein: 2005 trifft die Suizidbetreuerin Lorna Moody (Jacki Weaver) in besagtem Haus ein. Dort leben mittlerweile die älteren Eheleute Faith und William Matheson (Lin Shaye, Frankie Faison). Die sterbenskranke Faith hat ihren Wunsch bekräftigt, freiwillig aus dem Leben zu scheiden. Doch sie wirkt dement, scheint mit einem unsichtbaren Mädchen zu reden, weshalb Lorna es verweigert, den Selbstmord zu begleiten. Sie bleibt aber vorerst zu Gast. Ein Fehler …

Nach beachtlichem Regiedebüt zum Einerlei

Der aus New York City stammende Nicolas Pesce gab 2016 mit dem außergewöhnlichen, in Schwarz-Weiß gedrehten Horrordrama „The Eyes of my Mother“ seinen Einstand auf dem Regiestuhl. „The Grudge“ stellt nach „Piercing“ (2018) seine dritte Regiearbeit dar. Im Gegensatz zu seinem Debüt begibt er sich mit „The Grudge“ leider auf ausgetretene Pfade. Die Verzahnung der drei Zeitebenen darf dabei noch als Positivum gewertet werden, auch wenn dieses Hin und Her schon bei den Vorgängern zu beobachten war. Immerhin: Wann wir uns 2004, wann 2005 und wann 2006 befinden, ist jederzeit nachvollziehbar, und die Sprünge erfolgen schlüssig.

Unter der Dusche gut die Kopfhaut massieren!

Enttäuschend gerät das Ganze von Anfang an bei den Horrorelementen des Geisterfilms: Eine still ausharrende junge Frau mit gesenktem Kopf und langen schwarzen Haaren, dazu ein sonderbar knarrend-knarzendes Geräusch – das stellt kein Novum mehr dar, sondern lediglich ein altbekanntes Motiv des J-Horrors. Das gilt ebenso für Momente, in denen ein Protagonist oder eine Protagonistin aus dem Augenwinkel vage eine Erscheinung wahrnimmt, die im nächsten Moment sogleich wieder verschwunden ist. Eine gespenstische Berührung hier, ein Jump-Scare dort, noch ein Jump-Scare bald darauf, dann zur Abwechslung mal wieder ein Jump-Scare. Ein wenig stand das zu befürchten, schade, dass es auch so generisch eingetreten ist.

Feines Ensemble reißt es auch nicht raus

Angesichts dessen, dass sowohl der 2002er- als auch der 2004er-Film inklusive beider Fortsetzungen bislang hierzulande und auch in diversen anderen Märkten lediglich auf DVD erschienen sind, ist durchaus denkbar, dass das Franchise bei nachgewachsenen Horrorfans aus dem Blickfeld geraten ist, was als Rechtfertigung für den Neuaufguss ausreichen mag. Aber weshalb so einfallslos? Wenn man schon mit so versierten Darstellerinnen und Darstellern wie Andrea Riseborough („Mandy“), Demián Bichir („The Hateful Eight“), Lin Shaye („Insidious – Chapter 2“, „Abattoir – Er erwartet dich!“) und John Cho („Star Trek – Beyond“) Sorgfalt beim Casting beweist, muss man doch beim Storytelling und dem Horror nicht derart nachlässig vorgehen. Da nützt es wenig, dass das Ensemble seine Sache vorzüglich macht und die versammelte Tragik der Figuren ansprechend in Szene setzt. „The Grudge“ wird die mal berechtigten, mal unberechtigten Ressentiments gegen Remakes und Reboots weiter schüren.

Kuckuck!

Demián Bichir musste noch vor Fertigstellung des Films den Tod seiner Ehefrau Stefanie Sherk verkraften. Sie starb im April 2019 im Alter von 37 Jahren. In „The Grudge“ hatte Sherk eine kleine Nebenrolle als Therapeutin – ihr letzter Filmauftritt. Sie ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Andrea Riseborough und Lin Shaye haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Demián Bichir und John Cho unter Schauspieler.

Halb zog sie ihn, halb sank er hin

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Grudge
USA/KAN 2020
Regie: Nicolas Pesce
Drehbuch: Nicolas Pesce
Besetzung: Andrea Riseborough, Demián Bichir, Lin Shaye, John Cho, Tara Westwood, Junko Bailey, David Lawrence Brown, Zoe Fish, John J. Hansen, Joel Marsh Garland, Bradley Sawatzky, Betty Gilpin
Verleih: Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Szenenfotos: © 2019 Sony Pictures Entertainment
Deutschland GmbH, Szenenfotos auch: © Allen Fraser

 

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