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James Stewart (IV): Winchester 73 – Perfekt geschmiedete Odyssee eines Schießeisens

Winchester ’73

Anmerkung des Blogbetreibers: Aufgrund der extensiven und überaus lesenswerten Betrachtung lassen sich Spoiler nicht vermeiden. All jenen, die „Winchester 73“ noch nicht kennen, sei daher dringend ans Herz gelegt: Erst schauen, dann lesen!

Von Dirk Ottelübbert

Western // Eingangs liegt er hinter Glas, der „Titelstar“ dieses Films: ein Winchester-Repetiergewehr aus dem Produktionsjahr 1873, ein perfekt gelungenes Exemplar, „eine unter tausend“ – bestimmt zum Siegerpreis eines Schießwettbewerbs. Die Traumwaffe bleibt also nicht lange ein Ausstellungstück. Sie landet beim besten Schützen, wandert durch Raub allerdings in die Finger eines Schurken. Auch der verliert sie, und so nimmt die Winchester ihren Weg durch zahlreiche Hände, löst Bewunderung und Gier aus, bringt aber keinem ihrer Besitzer am Ende Glück …

Über einen einsamen Bergkamm reiten Lin McAdam (James Stewart) und sein Freund High-Spade (Millard Mitchell) nach Dodge City, Kansas. Wie im Taubenschlag geht es dort zu – es ist der 4. Juli 1876, zur Hundertjahrfeier der USA findet in dem Nest ein Preisschießen statt, und die Menge schart sich plappernd um den Preis, eine edle Winchester.

Waffen weg vor dem Waffengang

Aus diesem Grund werde auch „er“ in die Stadt kommen, versichert Lin mit Blick auf die Waffe. Offenbar erwartet der Westmann ein unerfreuliches Treffen. Nur ungern liefern Lin und High-Spade daher – Sicherheitsmaßnahme für alle – ihre Waffen beim örtlichen Gesetzeshüter Wyatt Earp (Will Geer) ab. „Er“ – das ist Dutch Henry Brown (Stephen McNally). Mit dem selbstsicher auftretenden, klobigen Kerl verbindet Lin eine gemeinsame Vergangenheit, und eine finstere Tat von Dutch ließ die beiden zu Todfeinden werden.

Lin (r.) und High-Spade (M.) geben ihre Waffen bei Wyatt Earp ab

Kurz darauf hallen die Straßen vom Echo der Gewehrschüsse wider: Die sieben Teilnehmer tragen den Wettbewerb aus. Lin und Dutch, einander stetig belauernd, setzen sich vom Feld ab. lm Scheibenschießen liegen sie gleichauf, beim Feuern auf Münzen findet Dutch in Lin seinen Meister. Viel zu schade sei die Büchse für das Jagen von Kaninchen, höhnt der Verlierer. Ja, und auch zu schade, um einem Mann in den Rücken zu schießen, entgegnet Lin böse …

Wie gewonnen, so zerronnen

Noch am selben Tag verliert er seine Trophäe. Dutch und zwei Spießgesellen überfallen ihn, rauben die Waffe und suchen das Weite. Ihr Ziel: Tascosa in Texas. Auf dem Weg machen sie Halt in der Prärie-Absteige „Riker’s Bar“, wo Dutch die Winchester beim Poker an den gewieften Händler Lamont (John McIntire) verliert. Auch der behält sie nicht lange: Lamont, mit den Indianern Geschäfte treibend, weigert sich, die Büchse an den rebellischen Sioux-Häuptling Young Bull (Rock Hudson) zu verkaufen, und bezahlt das mit dem Leben.

Bei der Attacke auf eine Kutsche und später auf einen Trupp Kavalleristen kommt Young Bulls neuer Besitz zum blutigen Einsatz. Die Soldaten unter Sergeant Wilkes (Jay C. Flippen) wehren sich vehement gegen die roten Krieger. Lin und High-Spade wie auch Saloondame Lola (Shelley Winters) und ihr Geliebter Steve (Charles Drake) sind zu den Männern gestoßen, helfen tatkräftig bei der Verteidigung. Nachdem Lin den Häuptling erschießt, geben die Indianer den Kampf auf. Die Winchester liegt im Staub des Kampfplatzes, bis ein junger Soldat (kleine Rolle für Tony Curtis, damals 25) sie entdeckt und an den erfreuten Wilkes weiterreicht. Das sei doch ein Geschenk für … „Lin!“, ruft der alte Offizier dem Davonreitenden nach, aber der ist außer Hörweite. So erhält Steve das kostbare Stück. An ihn scheint es vergeudet, denn er ist ein Feigling und gehört überdies zu einer Bande, mit der sich Dutch in Tascosa für einen Banküberfall verabredet hat.

Showdown in den Bergen

Die texanische Stadt bildet nun die letzte Reisestation der Waffe. Steve, von Lola nur noch widerwillig begleitet, lässt sich von Bandit Waco Johnny Dean (Dan Duryea) demütigen und provozieren; nachdem er zum Colt greift, erschießt Waco ihn und nimmt die Winchester an sich. Beim Zusammentreffen mit Dutch fordert dieser sein „Eigentum“ zurück. Waco gibt nach, kündigt dabei an, er werde sich das Gewehr schon wiederholen, auf ähnliche Weise wie tags zuvor bei Steve. Dazu kommt es allerdings nicht: Lin erreicht inzwischen Tascosa, durchkreuzt die Pläne der Banditen und liefert sich mit Dutch in den Bergen ein zweites – finales – Duell.

Dutch (l.) und Co. planen Finsteres

Genug erzählt! Tatsächlich kommt man in Versuchung, Szene für Szene dieses Klassikers nachzuzeichnen – so flüssig wechselt er die Schauplätze, Orte eigenständiger Mini-Dramen, so markant konturiert er seine Figuren. Die 92 Minuten von „Winchester 73“ liefern eine Glanzleistung in Sachen Erzählökonomie. Gemeinsam mit „Die Farm der Besessenen“ (ebenfalls 1950) bildet er Anthony Manns ersten Schritt ins Western-Genre, zudem markiert er den Beginn von dessen fruchtbarer Zusammenarbeit mit James Stewart (1908–1997). Fünf Western drehten sie gemeinsam, und ihr Startschuss geriet nicht zur Fingerübung, sondern avancierte sogleich zu einem Markstein des Genres, vielbesprochen, verehrt und erfolgreich. Ein maßgeschneiderter Einstieg in ein kommerziell wie künstlerisch bedeutsames Jahrzehnt für den US-Western.

Der Part des Lin McAdam gab Stewart die Gelegenheit, ein neues, toughes Image zu präsentieren, viele staubige Meilen entfernt vom unbeirrbaren, idealistischen und immer liebenswerten Gutmenschen, den er etwa in Frank Capras Meisterwerken „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) und „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) verkörpert hatte. Wie eigentlich alle „Helden“ aus Manns Western-Kosmos scheint Lin ein Getriebener, in sich gekehrt, zerquält. Alfred Hitchcock war ein weiterer Regisseur, der Stewarts dunklere Seiten hervorlockte, in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) und vor allem natürlich in „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958).

James Stewart: hart oder verletzlich – oder beides?

Stewart selbst verwendete für den neuen Rollentypus statt „hart“ lieber das Stichwort „verletzlich“, was dem erstgenannten nicht unbedingt widerspricht: Lins Verwundungen – die lange zurückliegende Bluttat Dutchs, der Raub der Winchester – setzen Wut und Rachedurst frei. Der eigentlich gerechte Zorn trägt dabei pathologische Züge, Lin geht an seinem Drang nach Vergeltung fast zugrunde.

Als ich in Kindertagen, mit elf Jahren vielleicht, „Winchester 73“ zum ersten Mal sah, war ich bis dato eher mit Posen und Pathos der Karl-May-Schinken vertraut (gegen die ich hier nix sagen will!). Dieser Western jedenfalls schien mir etwas steif und redselig, James Stewart zu wenig Held. Seine Wut aber beeindruckte mich tief. Sein lodernder Blick, wenn er im vollen Saloon Dutch erstmals begegnet und der reflexartig zum Gürtel greift. Oder etwas später sein verächtlicher Zorn, wenn er seinem Feind schneidend entgegnet, er, Dutch, brauche die Winchester wohl „zum Morden“.

Stephen McNally als Gegenspieler Dutch

Womit wir beim starken Antagonisten wären, in jedem Western Anthony Manns eine feste Größe. Über Stephen McNally (1911–1994) als Dutch Henry Brown zeigte sich nicht nur Stewart des Lobes voll. Der wuchtige New Yorker, vormals Anwalt, stapfte durch eine ganze Reihe von B-Filmen, meist entweder als harter Bursche oder als Schurke, wie etwa in Jean Negulescos „Johnny Belinda“ (1948). Sein Dutch präsentiert sich als aufbrausendes, zudringliches Alpha-Männchen mit unstetem Blick. Eine formidable Leistung, auch wenn McNally etwas zurückbleibt hinter anderen Mann-Schuften wie dem doppelgesichtigen Cole alias Arthur Kennedy („Meuterei am Schlangenfluss“, 1952) oder dem dämonischen Vandergroat eines Robert Ryan („Nackte Gewalt“, 1953).

Abschied: Bardame Lola und Lin

Mindestens ebenso große Sorgfalt widmet das Drehbuch den zahlreichen Nebenfiguren, die vor allem durch gewitzte Dialoge ins Bild rücken und – je nach Perspektive – zu den Hauptdarstellern aufschließen oder aber Stewart und McNally (fast) in die „zweite Reihe“ holen. Auch dies ist ein Markenzeichen zumindest der drei Anthony-Mann-Western, für die Borden Chase als Autor verantwortlich zeichnete. Neben „Winchester 73“ gehen auch „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952) und „Über den Todespass“ (1954) auf sein Konto.

So wie die Winchester-Büchse von Hand zu Hand wandert, tauchen diese Figuren auf der Bühne dieses Westerns auf und verschwinden teils wieder aus der Handlung. Aber sie setzen sich fest und klingen nach, lange nachdem der Film vorbei ist:

Wyatt Earp als Schiedsrichter

Wyatt Earp, Gesetzeshüter und Aufseher über das Preisschießen, gibt den launigen Festredner, wenn er schwadroniert, er selbst gäbe „seine rechte Hand“ für das prachtvolle Gewehr. Dann hält er inne und korrigiert sich: Vielleicht doch lieber die linke Hand, da er die rechte (Revolverhand) ja brauche, um im Nest für Ordnung zu sorgen. Das meint er dann völlig ernst.

Lins alter Freund High-Spade buchstabiert bei der Abgabe der Waffen in Dodge City seinen Namen: „High-Spade, mit einem Bindestrich. Auf dem ruhe ich mich aus, wenn ich mal müde bin.“ Was für ein Satz! Ein Mann der Sprache, abgesetzt vom rastlosen Tatmenschen Lin. Nicht umsonst ist es High-Spade, der Lola am Ende die Geschichte der Männerfeindschaft erzählt, während sich Lin und Dutch ihren Shootout liefern.

Bardame Lola ist keine „damsel in distress“, sondern bietet auch Schuften Paroli und zeigt Mut im Kampf. Als die Sioux-Krieger das Soldatenlager angreifen, drückt Lin ihr zögernd eine Waffe in die Hand. Lola sagt, sie könne damit umgehen und wisse auch, wofür die letzte Patrone aufzusparen sei …

Mit der Figur des aufrührerischen Sioux-Häuptling knüpft die Filmhandlung an die historischen Ereignisse jener Zeit an: Young Bulls unnachgiebiges Bestreben gilt dem Kauf von Repetiergewehren: Neun Tage vor der Hundertjahrfeier 1876 – mit der „Winchester 73“ seinen Anfang nimmt – hatten Krieger der Sioux, Arapaho und Cheyenne dem 7. US-Kavallerie-Regiment unter General Custer in der Schlacht vom Little Bighorn eine vernichtende Niederlage beigebracht. Dieser Sieg gelang nicht zuletzt dank der Repetiergewehre, die den Indianern einen Vorteil verschafften gegenüber den Einschüssern der Kavalleristen.

In Gettysburg noch Gegner

Sergeant Wilkes alias Jay C. Flippen, Anführer des Soldatentrupps, lobt Lin beim Abschied als einen Mann „nach meinem Geschmack“. In Gettysburg, jener blutig-berühmten Schlacht im Sezessionskrieg, hätte er ihn gern an seiner Seite gehabt. Schmunzelnd räumen Lin und High-Spade ein, sie seien doch dabeigewesen. Wilkes stutzt. Auf der Gegenseite, vervollständigen die beiden. Da lacht Wilkes – ein kurzes, herrlich weises Lachen, das eventuelle alte Gräben zwischen Nord- und Südstaatlern einfach zuschüttet.

Last not least ist natürlich Dan Duryea („Scarlett Street“, 1945) als Waco Johnny Dean zu nennen. Duryea, dessen Schauspiel-Stil so hingerotzt erscheint und doch so wohlbedacht ist, stiehlt hier komplett die Show als unberechenbarer, kichernder Tunichtgut.

Skrupellos überfällt Dutch eine Bank

Auch diese Liste des Western-Personals mag wie die Inhaltsangabe etwas langatmig ausgefallen sein. Mea culpa! So weitschweifig das in der Nacherzählung klingen mag, so klug, kurzweilig und lakonisch gerät das Werk, so reich grundiert die Darstellerriege das Drama. Bildet der Vergeltungs-Plot, der Kampf zwischen Lin und Dutch, das Skelett dieses Westerns, so bildet das restliche Ensemble dessen Blut, Fleisch und Herz. Im Typenreichtum und den Wechseln der Tonalität liegt auch ein besonderer Unterhaltungswert: „Ganze Sequenzen spielen meisterhaft mit der Mischung aus Thrill, Komik und Überraschung, die die alte Zirkusmentalität des Westerns ausmacht“ (zitiert nach: „Das Western-Lexikon“ von Joe Hembus).

Zum oben genannten „Thrill“ zählt definitiv auch die wohldosierte, dynamische Action: Die Attacke der Sioux auf die Kavalleristen überzeugt auch heute noch, im aufwühlenden Showdown zwischen Dutch und Lin fallen gefühlt mehr peitschende Schüsse als während der ersten großen Ballerei des Films, dem Preisschießen in Dodge City. Kameramann William H. Daniels leistete famose Arbeit; für den Film noir „Stadt ohne Maske“ (1948, Regie: Jules Dassin) hatte er einen Oscar gewonnen. Die Schießerei in den Bergen war denn auch Anthony Manns erklärte Lieblingsszene.

Nicht vergessen werden soll ein weiterer, laut Anthony Mann eigentlich der Hauptdarsteller des Films: „the Gun that Won the West“ – die Winchester. „Der ganze Film dreht sich um das Gewehr … das seine Besitzer entlarvt. Es gibt dem Film seine Struktur und wird selbst seine Hauptfigur“, so der Regisseur. Mythisiert der Film die Waffe? Ja und nein. Ein waffenkritisches Werk ist „Winchester 73“ ganz bestimmt nicht, zumal die Büchse ja am Ende in den „richtigen“, den „guten“ Händen landet (ironischerweise hat Lin zuvor kein einziges Mal mit ihr feuern dürfen).

Wie durchlöchert man eine Münze?

Schießen ist hier hohe Kunst (man denke an die physikalisch fast unmögliche mehrfache Durchlöcherung der Münzen beim Preissschießen!) und Mittel des Überlebens, Gewehre und Revolver sind Werkzeuge und psychologische Stütze – mehr als einmal beklagen die Westmänner, wie „nackt“ sie sich ohne Knarren und Munition fühlen. Anderseits weckt die Waffe Begehrlichkeiten respektive nackte Gier – sie befeuert und erhält somit den Zyklus aus Gewalt und Rache, der die Historie des Wilden Westens prägt und ausmacht.

Klassiker in neuer Optik: Erstmals erscheint „Winchester 73“ nun auf Blu-ray. Die Disc aus dem Hause Black Hill Pictures punktet mit gestochen scharfem Schwarzweiß-Bild und exzellenter Tonqualität. Zu den interessanten Extras zählt eine Super-8-Fasssung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Shelley Winters unter Schauspielerinnen, Filme mit Tony Curtis, Rock Hudson und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Todesmutig und entschlossen: Lin

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur DVD: Französisch
Untertitel: Deutsch, nur DVD: Englisch u. a.
Originaltitel: Winchester ’73
USA 1950
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase
Besetzung: James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Rock Hudson, Tony Curtis, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, John McIntire, Will Geer, Jay C. Flippen
Zusatzmaterial Blu-ray: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Biografien, Wendecover
Label Blu-ray: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb Blu-ray: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb DVDs: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Dirk Ottelübbert
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Black Hill Pictures GmbH

 

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Ernest Borgnine (VII): Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon

The Poseidon Adventure

Von Volker Schönenberger

Action-Abenteuer // Majestätisch zieht die „SS Poseidon“ kurz vor dem Jahreswechsel ihre Bahn durchs Mittelmeer. Das große Passagierschiff befindet sich auf dem Weg von New York nach Athen, wo es ausgemustert wird. Weil der Oceanliner im letzten Hafen keinen Ballast gebunkert hatte, muss er sich mühsam durch die raue See kämpfen. Auf der Brücke befindet sich auch ein Vertreter des Eigentümerkonsortiums der „Poseidon“, der Kapitän Harrison (Leslie Nielsen) nötigt, mit voller Kraft zu fahren.

Die „Poseidon“ kentert

Von den Spannungen auf der Brücke bekommen die Passagiere nichts mit. Der aufbrausende Polizist Mike Rogo (Ernest Borgnine) sorgt sich um seine seekranke Frau Linda (Stella Stevens), die junge Susan Shelby (Pamela Sue Martin) muss sich mit ihrem aufmüpfigen kleinen Bruder Robin (Eric Shea) herumplagen, das Pensionärs-Ehepaar Rosen (Shelley Winters, Jack Albertson) genießt einfach die Fahrt. An Bord befinden sich auch die Bordsängerin Nonnie Parry (Carol Lynley), der rebellische Geistliche Reverend Scott (Gene Hackman) und der schüchterne Einzelgänger James Martin (Red Buttons).

Seebeben löst Riesenwelle aus

Pünktlich zu Silvester klart das Wetter auf. Doch während die Passagiere im Ballsaal der „Poseidon“ das neue Jahr begrüßen und „Auld Lang Syne“ singen, bricht das Verderben über sie herein: Ein Seebeben hat eine Riesenwelle hervorgebracht. Als Kapitän Harrison das heranrasende Unheil bemerkt, ist es bereits zu spät, das Schiff zu drehen, die Welle fällt von der Seite über die „Poseidon“ her und bringt sie zum Kentern. Nach wenigen Momenten ist der Spuk vorbei, das riesige Gefährt treibt kieloben in der See. Eine kleine Gruppe Überlebender macht sich vom Ballsaal auf, zum Wellentunnel im Heck der „Poseidon“ zu gelangen, weil nur dort der Stahl des Rumpfs dünn genug sei, um durchbrechen zu können.

Tod im Ballsaal

Katastrophenfilme haben immer Konjunktur. Trotz technisch perfekter moderner, bisweilen gigantomanischer Umsetzungen wie „San Andreas“ (2015), „2012“ (2009), „The Day After Tomorrow“ (2004) und natürlich „Titanic“ (1997) und „Twister“ (1996) lohnt sich der Blick noch weiter zurück: etwa in die 1970er-Jahre, als mit „Flammendes Inferno“, „Erdbeben“ (beide 1974) und eben „Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon“ (1972) drei ikonische Genrebeiträge mit großer Starpower entstanden. Letztgenannter Vertreter gilt als Auslöser der Welle an Katastrophenfilmen jener Dekade.

Fünf Oscar-Preisträger an Bord

Mit Gene Hackman („French Connection – Brennpunkt Brooklyn“), Ernest Borgnine („Marty“), Shelley Winters („Das Tagebuch der Anne Frank“, „Träumende Lippen“), Red Buttons („Sayonara“) und Jack Albertson („The Subject Was Roses“) wartet die Besetzung mit gleich fünf Oscar-Preisträgern auf. Das Ensemble funktioniert dann auch formidabel, die Anstrengungen und Spannungen der Überlebenden in der klaustrophobischen Enge der Schiffsgänge werden hautnah nachvollziehbar. Hackmans Prediger und Borgnines Polizist liefern sich dabei ein paar Alphatier-Auseinandersetzungen. Die Figurenkonstellation und ihre Beziehungen sind deutlich besser gezeichnet als in vielen heutigen Blockbustern. Mit Oscar-Preisträger Stirling Silliphant („In der Hitze der Nacht“) zeichnete ein versierter Autor fürs Drehbuch verantwortlich, der Paul Gallicos Romanvorlage gekonnt für die Leinwand umschrieb. Gallico war dem Vernehmen nach zu seiner Geschichte inspiriert worden, als er an Bord der „RMS Queen Mary“ erlebte, wie eine überdimensionale Welle den Oceanliner in Schlagseite brachte.

Beschwerlicher Aufstieg durch den Schornstein

Als „Poseidon“ zu Beginn des Films fungiert ein Modell der „Queen Mary“, einige Szenen entstanden tatsächlich auf dem Schiff. Der Vollständigkeit halber sei der Oscar für den Filmsong „The Morning After“ erwähnt, hinzu kam bei der 1973er-Verleihung ein „Special Achievement Award“ für die visuellen Effekte. Oscarnominiert waren auch Shelley Winters als Nebendarstellerin, Harold E. Stine für die Kamera, die Ausstattung, das Kostümdesign,Ton, Schnitt sowie der Score von John Williams. Winters hatte für ihre Rolle kurz zuvor einen Golden Globe gewonnen.

Tsunami vs. Monsterwelle

Die Erklärung für die die „Poseidon“ zum Kentern bringende Welle erscheint etwas ungenau. Seebeben lösen gemeinhin zwar riesige Wellen aus, dabei handelt es sich aber in der Regel wohl um Tsunamis, die den Schiffen auf See kaum gefährlich werden, weil sie sich unterseeisch mit Tiefenwasser auftürmen und erst an der Küste hochschlagen. Anfang der 1970er-Jahre war der Begriff Tsunami im Westen ohnehin weitgehend unbekannt. Sogenannte Monsterwellen, die Schiffe auf See kentern lassen, galten früher als Seemannsgarn, bis ihre Existenz belegt wurde. Sie entstehen aus vielfältigen Ursachen, die mit dem Wetter, Strömungen und anderen Aspekten zusammenhängen.

Reverend Scott sucht unter Wasser einen Fluchtweg …

Auf „Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon“ folgte 1979 „Jagd auf die Poseidon“ („Beyond the Poseidon Adventure“) mit Michael Caine und Sally Field, in welchem Abenteurer das Wrack des nach wie vor kieloben treibenden Schiffs erkunden, weil sie darin ein Vermögen vermuten. Dabei treffen sie im Innern des Wracks sogar auf Überlebende. Regie führte „Master of Disaster“ Irwin Allen, der den Vorgänger sowie 1974 auch „Flammendes Inferno“ produziert hatte. 2005 entstand das TV-Remake „Der Poseidon-Anschlag“ („The Poseidon Adventure“) mit Adam Baldwin und Rutger Hauer, ein Jahr später verfilmte Wolfgang Petersen die Geschichte erneut unter dem Titel „Poseidon“. In den Hauptrollen: Josh Lucas, Kurt Russell und Richard Dreyfuss. Alle drei Umsetzungen erreichen zu keinem Zeitpunkt die Intensität des Originals. „Poseidon Inferno – Die Höllenfahrt der Poseidon“ ist auch heute noch eins der großen Highlights des Katastrophenfilms.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Shelley Winters sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Ernest Borgnine unter Schauspieler.

… und leistet geistlichen Beistand

Veröffentlichung: 22. März 2018 als Blu-ray und DVD, 30. März 2012 als Blu-ray, 27. Dezember 2006 als 2-Disc Special Edition DVD im Steelbook, 26. Juni 2006 als 2-Disc Special Edition DVD, 27. März 2003 als DVD

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Polnisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Polnisch u. a.
Originaltitel: The Poseidon Adventure
USA 1972
Regie: Ronald Neame
Drehbuch: Stirling Silliphant, nach einem Roman von Paul Gallico
Besetzung: Gene Hackman, Ernest Borgnine, Shelley Winters, Red Buttons, Carol Lynley, Roddy McDowall, Stella Stevens, Pamela Sue Martin, Jack Albertson, Arthur O’Connell, Eric Shea, Sheila Allen, Fred Sadoff
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur Ronald Neame, Audiokommentar mit den Darstellerinnen Pamela Sue Martin, Stella Stevens und Carol Lynley, Hollywood Backstories: Poseidon Inferno, Das Ensemble blickt zurück, Ernies Sturz nach oben, Der Autor: Stirling Silliphant, Die Helden der Poseidon, The Morning After: Die Story zum Song, R.M.S. Queen Mary, Gespräche mit Ronald Neame, Fotogalerien, Storyboard-Vergleiche, Featurette von 1972, Originalteaser, Originaltrailer, Wendecover
Label: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb: Koch Films
Label/Vertrieb 2012 und älter: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2018 Black Hill Pictures GmbH

 
 

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Robert Mitchum (I): Die Nacht des Jägers – Der Prediger und die Kinder

The Night of the Hunter

Heute wäre Robert Mitchum 100 Jahre alt geworden. Anlass genug, diesem virilen Charakterdarsteller eine kleine Werkschau zu widmen, beginnend mit einer seiner größten Rollen. Der Mann aus Connecticut gehörte zu den ersten großen Hollywood-Stars seiner Zeit, die derlei Schurken verkörperten.

Von Simon Kyprianou

Krimidrama // Charles Laughtons erste und einzige Regiearbeit spielt sich vor dem Hintergrund der Großen Depresseion Anfang der 1930er-Jahre ab: Ein aus Verzweiflung verübter Bankraub mit Mord, mit dem Ben Harper (Peter Graves) seine Familie absichern wollte, bringt ihm die Todesstrafe ein. Für kurze Zeit teilt er die Zelle mit Harry Powell (Robert Mitchum). Der erfährt von Harpers 10.000-Dollar-Beute und davon, dass nur Harpers Kinder John (Billy Chapin) und Pearl (Sally Jane Bruce) wissen, wo das Geld versteckt liegt. Nach Harpers Hinrichtung und seiner eigenen Entlassung gibt sich Powell als Gefängnispriester aus – so verführt er Bens Witwe Willa (Shelley Winters), lässt sie emotional von ihm abhängig werden, um an das Geld heranzukommen. Willa und die Dorfbewohner kann er täuschen, die Kinder aber spüren, dass von ihm etwas Bösartiges und Falsches ausgeht.

Powell schmeichelt sich bei der Witwe seines Zellengenossen ein

Die Kinder sind Powell ausgeliefert, ihre Mutter kann ihnen kein Schutz geben. Wo in einem gewöhnlichen Genrefilm die Familie angesichts der Bedrohung vielleicht eher erstarken oder sich neu zusammenfinden würde, lässt Laughton die Familie mit der Ermordung der Mutter schon zu Anfang des Films völlig zerbrechen. Die Kinder fliehen mit der Beute vor Powell, zuerst in einem Boot über einen Fluss, anschließend treffen sie auf die alte Rachel Cooper (Lillian Gish), die eine Art Kinderheim unterhält und die Kinder gegen Powell schützt.

Das Böse ist menschlich

Powell repräsentiert etwas animalisch Bösartiges, auf den ersten Blick zwar entmenschlicht, aber eigentlich doch sehr menschlich. Laughton scheint ihn als Repräsentation für das von Natur aus bösartige Wesen des Menschen zu begreifen. Indem er eine solche Figur als Priester auftreten lässt, als Demagogen, der die Menschen mit seinem Charisma mit Leichtigkeit verführen kann, impliziert Laughton damit natürlich auch eine allgemeine Anfälligkeit der Menschen für das Böse.
Die Kinder John und Pearl stehen im Mittelpunkt des Films, es ist eine Art „Anti-E.T.“. Wo in Spielbergs „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) das Alien in friedlicher Absicht auf die Erde kommt, den Kindern durch die ungewöhnliche Freundschaft Kraft verleiht und am Ende die Einheit der Familie festigt, ist Powell ein Fremdkörper, der in die Familie eindringt und sie zerstört.

Laughton inszeniert den Film noir teilweise sehr expressionistisch. Insbesondere die Bootsfahrt, unmittelbar nachdem John und Pearl Powell entkommen sind, ist wie eine Art Musical-Sequenz inmitten albtraumhaft-ausdrucksvoller Kulissen. Der expressionistische Stil der deutschen Stummfilme wird gebrochen durch den Gesang der Kinder. Das wirkt ein wenig, als würden die Kinder mit ihrem Gesang, mit dem Mittel des Tons einen Ausweg aus einer Welt suchen, die für sie zum Albtraum geworden ist. Die Bootsfahrt der Kinder durch das Schauerreich der nächtlichen Natur ist großartig: Die Bilder erzählen von Angst und Tod, während die Musik von besseren, schöneren Zeiten träumt.

Die alte Rachel riecht die üble Gesinnung des Predigers gegen den Wind …

„Die Nacht des Jägers“ wurde bei seiner Veröffentlichung eher negativ aufgenommen, seine Bedeutung und sein Ruf als Meisterwerk kristallisierten sich erst über die Jahrzehnte heraus. Wie oft bei derartigen Entwicklungen neigt man dazu zu sagen, Laughtons Film sei seiner Zeit voraus gewesen, aber selbst zehn bis zwölf Jahre später, als die Ära des New Hollywoods beginnt, wäre er wohl kein Erfolg geworden, in den 80ern, 90ern, 2000ern oder heute vermutlich erst recht nicht. „Die Nacht des Jägers“ entzieht sich jeder Kategorisierung und erzählt unter anderem vom Schlechten, vom Schwachen, vom Verführbaren im Menschen, was ihn zu einem unangenehmen Film macht.

Robert Mitchum

Von seinen Anfängen im Jahr 1943 war Robert Mitchum mehr als 50 Jahre als Schauspieler tätig – zu Beginn noch in kleinen Nebenrollen, zum Teil ohne Nennung in den Credits. Im Lauf seiner Karriere arbeitete er unter anderem mit Regisseuren wie Jacques Tourneur, Don Siegel, Otto Preminger, Robert Aldrich, Vincente Minnelli, Tay Garnett, Fred Zinnenmann, John Houston, Howard Hawks, Sydney Pollack, Elia Kazan und Jim Jarmusch zusammen. Im Gegensatz zu vielen anderen Stars seiner Generation, Gary Cooper, Cary Grant, James Stewart und John Wayne seien beispielhaft genannt, sind viele von Mitchums Rollen ambivalent, darunter gerade seine bemerkenswertesten Rollen: der Privatdetektiv in „Goldenes Gift“ (1947), der an sich selbst und an seiner Vergangenheit scheitert, der Sheriff in „El Dorado“ (1967), den Mitchum wesentlich kantiger spielt als Dean Martin in „Rio Bravo“ (1959), Max Cady als Verbrecher in „Ein Köder für die Bestie“ (1962) und natürlich auch die Rolle als teuflischer Prediger in „Die Nacht des Jägers“. Es entsteht der Eindruck, als wolle Mitchum mit seinen Rollen immer wieder daran erinnern, dass das menschliche Wesen eine zutiefst fehlerbehaftete Beschaffenheit hat. Sein oft als „minimalistisch“ bezeichnetes Spiel wirkt wie eine Kapitulation vor dem Wesen seiner jeweiligen Figur, ein Abfinden mit dem ihr eigenen Dasein, auch wenn das zuweilen bitter ist. Für einen Oscar hat es nie gereicht, Mitchums einzige Nominierung stammt aus der Frühphase seiner Laufbahn: für seine Nebenrolle in William A. Wellmans Kriegsdrama „Schlachtgewitter am Monte Cassino“ („Story of G.I. Joe“, 1945). Robert Mitchum starb am 1. Juli 1997 im Alter von 79 Jahren.

In Deutschland gibt es „Die Nacht des Jägers“ mittlerweile auch auf Blu-ray – Koch Films hat damit 2013 die mittlerweile anscheinend eingestellte Reihe „Masterpieces of Cinema“ gestartet. Im englischsprachigen Ausland existieren ebenfalls vorbildliche Veröffentlichungen, unter anderen eine des englischen Labels Arrow Video und eine der Criterion Collection in den USA.

… und passt auf ihre Schützlinge auf

Die Reihe „Masterpieces of Cinema“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Shelley Winters sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen zu finden, Filme von und mit Charles Laughton oder mit Robert Mitchum in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 15. März 2013 als Blu-ray, 24. Juni 2006 als DVD in der „SZ Cinemathek“, 17. Mai 2001 als DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: The Night of the Hunter
USA 1955
Regie: Charles Laughton
Drehbuch: James Agee, nach einem Roman von Davis Grubb
Besetzung: Robert Mitchum, Shelley Winters, Billy Chapin, Sally Jane Bruce, Lillian Gish, James Gleason, Evelyn Varden, Peter Graves, Don Beddoe, Gloria Castillo
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2013 Koch Films

 

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