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Horror für Halloween (XXX) / David Cronenberg (VIII): Shivers – Parasiten-Mörder: Die Sexbestien im Hochhaus

Shivers

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Ein älterer Mann jagt in einem Appartement einer jungen Frau in Schuluniform hinterher. Sie wehrt sich, aber schließlich gelingt es ihm, sie zu erwürgen. Er legt ihren Oberkörper frei, zieht sie aus, dann auch sich. Mit einem fachmännischen Schnitt legt der Mann die Bauchhöhle der Toten frei. Er gießt Säure in die Wunde, dann schneidet er sich selbst die Kehle durch.

Parallel erfahren wir mehr über den hochmodernen Hochhauskomplex, in dem sich das beklemmende Geschehen abspielt. Es handelt sich um die Starliner Towers auf Starliner Island, einer bei Montreal gelegenen Insel. Die Appartements sind offenbar heiß begehrt. Der in der kleinen Klinik des Gebäudes tätige Arzt Roger St. Luc (Paul Hampton) entdeckt die beiden Leichname und benachrichtigt die Polizei. Zuvor hatte schon der Nachbar Nicholas Tudor (Allan Kolman) das Appartement betreten, angesichts des grausamen Anblicks aber nur fluchtartig das Weite gesucht.

Parasiten als Organersatz

Beim Mörder handelt es sich um den Wissenschaftler Dr. Hobbes. Dessen Partner Rollo Linsky (Joe Silver) klärt St. Luc darüber auf, dass die beiden daran gearbeitet hatten, einen Parasiten zu züchten, der in der Lage ist, die Funktion eines menschlichen Organs zu übernehmen. Bald darauf entdeckt Linsky, dass Hobbes die Experimente insgeheim etwas modifiziert hat, um einen Parasiten zu entwickeln, der die sexuelle Gier steigert und gleichzeitig das Denken ausschaltet, damit sich die Menschen hemmungslosen Orgien hingeben. Die junge Frau diente ihm dabei als Versuchskaninchen. St. Luc berichtet dem Wissenschaftler, sie habe in den Starliner Towers diverse Affären gehabt …

Sexuelle Triebhaftigkeit

Orgien, Orgien, wir wollen Orgien! Verzeiht mir diese kleine Asterix-Reminiszenz in einer Rezension eines David-Cronenberg-Films, aber sie passt ja. Wobei die Sexbesessenheit der von den Parasiten befallenen Unglückseligen in „Shivers – Parasiten-Mörder“ nicht unbedingt gewollt ist. Mit der übersteigerten Triebhaftigkeit geht auch Aggressivität einher, jedenfalls haben die Befallenen keinerlei Hemmungen, lüstern über bislang nicht infizierte Menschen herzufallen und ihnen dabei auch den Parasiten unterzujubeln.

Wer Cronenbergs Durchbruch-Film von 1975 mit voyeuristischer Erwartung startet, sei gewarnt: Zwar bekommen wir reichlich nackte Haut und sich wälzende Körper zu sehen, die Erotik geht dabei aber eher flöten. Vielmehr haben die Sexbestien mit ihrer Fixierung auf einen Aspekt der Körperlichkeit Ähnlichkeit mit Zombies. Hat George A. Romero je zugegeben, „Shivers“ vor den Dreharbeiten zu „Zombie“ („Dawn of the Dead“, 1978) gesehen zu haben? Die mangelnde Befriedigung des Voyeurs verleiht Cronenbergs Regiearbeit Distanz zu reiner Exploitation.

David Cronenbergs Body Horror

Der Ausdruck Body Horror muss in Texten über viele Arbeiten des kanadischen Filmemachers natürlich fallen, so auch in diesem, dem sei hiermit Genüge getan. Er passt perfekt zu Cronenbergs erstem abendfüllenden Spielfilm, das brauche ich wohl nicht weiter auszuführen. Die Parasiten sind eben sehr körperlich, machen sich unter der Bauchdecke bemerkbar, kommen aus Mündern hervorgekrochen … Da kann sich schon mal ein gewisser Ekel einstellen.

Warnung vor dem Spoiler

In diesem Absatz spoilere ich etwas. Wer „Shivers“ noch nicht geschaut hat, möge spätestens nach dem nächsten Satz direkt zum Folgeabsatz springen. Gedreht wurde auf der Île des Sœurs oder Nuns’ Island im Sankt-Lorenz-Strom bei Montreal, ein dort befindlicher Hotelbau diente als Starliner Towers. Glück für die Menschheit, möchte man meinen, da die Verbreitung der Parasiten so begrenzt bleibt – doch weit gefehlt: Am Ende verlassen die Menschen per Auto das Gebäude, zweifellos, um den Parasiten in die Welt zu tragen, wie auch eine über den Beginn des Abspanns gelegte Radiomeldung andeutet. Von sexueller Raserei ist dabei nichts mehr zu bemerken, fast verwundert es, dass die Menschen überhaupt noch Auto fahren können. Hat Cronenberg in der Hinsicht etwa ein kleines Logikloch übersehen? Vielleicht hat der Parasit aber auch eine Art Schwarmintelligenz entwickelt, die ihm bewusst gemacht hat, auf welche Weise er seine Art am besten erhält – nämlich, indem er die Starliner Towers verlässt und sich in die Welt begibt. Hier meine ich, ein paar Parallelen zu Don Siegels „Die Dämonischen“ („Invasion of the Body Snatchers“, 1956) zu bemerken. Fast hätte ich auf Philip Kaufmans „Die Körperfresser kommen“ („Invasion of the Body Snatchers“, 1978) verwiesen, aber der ist ja drei Jahre nach „Shivers“ entstanden.

Was haben sich die Kanadier damals nur gedacht?

„Shivers“ entstand seinerzeit mit Fördermitteln des kanadischen Staats. Ob die Entscheider wussten, was sie da förderten? Im Booklet des NSM-Mediabooks erfahren wir, dass sich nach dem Kinostart der kanadische Senat mit der Frage beschäftigte, was für Filme man finanziell fördern soll. Nach einem Verriss in einer Zeitschrift wurde Cronenberg angeblich sogar aus seiner Wohnung geworfen, weil er einen so unmoralischen Film gedreht hatte. Vermutlich hatte sein Vermieter (oder seine Vermieterin) „Shivers“ nicht mal gesehen – die heftigsten Reaktionen auf kontroverse Werke kommen ja oft von Menschen, die wissen, wie schlimm ein Film ist, ohne auch nur eine Minute davon geschaut zu haben. Übrigens hatte ich mich bis hierhin erfolglos gefragt, wie ich meinen Leserinnen und Lesern den Parasiten beschreiben soll, glücklicherweise nimmt mir der Booklettext das Problem ab: … wie eine Mischung aus Phallus und Exkrement. Generell ein interessanter Text, den Manfred Riepe fürs Mediabook verfasst hat, aber noch mehr will ich daraus nicht abschreiben.

Featurette von Cronenberg-Kenner Marcus Stiglegger

Im Zusatzmaterial des Mediaboooks gefallen vor allem das Interview mit David Cronenberg sowie das eigens für diese Edition produzierte 23-minütige Featurette „Creative Cancer and the New Flesh“, in welchem sich der Publizist und Kulturwissenschaftler Marcus Stiglegger ausgiebig über David Cronenberg und „Shivers“ auslässt. Das hat er übrigens auch schon in gedruckter Form getan – Stigleggers Standardwerk „David Cronenberg“ ist 2011 bei Bertz & Fischer erschienen. Blu-ray und DVD des Mediabooks enthalten sowohl die ursprüngliche deutsche Synchronisation von 1975, bei der die damals fehlenden Sequenzen nachsynchronisiert worden sind, als auch die neue Synchronisation von 2002. Eine empfehlenswerte Veröffentlichung. Mein Steelbook aus dem englischen Hause Arrow Video möchte ich dennoch nicht missen (siehe Foto ganz oben), auch wenn das Label in der Erstauflage irrtümlich die zensierte R-Rated-Fassung aus den USA auf die Discs gepackt hatte. Die Nachlieferung der ungeschnittenen Fassung lief aber problemlos, nachdem Arrow die Ersatz-Discs produziert hatte.

J. G. Ballard grüßt aus seinem Hochhaus

Das Hochhaus-Setting erinnert an J. G. Ballards im selben Jahr wie Cronenbergs Film veröffentlichten Roman „Hochhaus“ („High-Rise“), in welchem die Bewohnerinnen und Bewohner sich nach und nach der Anarchie hingeben, 2015 vom englischen Regisseur Ben Wheatley („Sightseers – Killers on Tour“) als „High-Rise“ in die Kinos gebracht. Die Exzesse in „Shivers – Parasiten-Mörder“ sind roher, enthemmter, Cronenbergs Regiearbeit wirkt im Vergleich zu „High-Rise“ deutlich räudiger. Als weiterer Vergleich bietet sich der mit Cronenbergs späteren Filmen „Rabid – Der brüllende Tod“ (1977) und „Die Brut“ (1979) an, aber dazu müsste ich beide erst mal wieder sichten. Es gehört nicht viel Fantasie zu der Annahme, dass diese Cronenbergs Können gereift zeigen. „Shivers – Parasiten-Mörder“ ist dennoch unverzichtbar, ein so raues wie brillantes Frühwerk des großen kanadischen Autorenfilmers.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Cronenberg sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Barbara Steele unter Schauspielerinnen.

Veröffentlichung: 29. März 2019 als limitiertes 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 6 Covermotive à 555, 2 x 333 und 3 x 222 Exemplare), 25. September 2009 und 14. Oktober 2002 als DVD

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Shivers
Alternativtitel: They Came from Within / It Came from Within
KAN 1975
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
Besetzung: Paul Hampton, Joe Silver, Lynn Lowry, Allan Kolman, Susan Petrie, Barbara Steele, Ronald Mlodzik, Barry Baldaro, Camil Ducharme, Hanna Poznanska, Wally Martin, Vlasta Vrana, Silvie Debois
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar von Dr. Gerd Naumann und Dr. Rolf Giesen, Interview mit David Cronenberg, „Creative Cancer and the New Flesh“ (Featurette mit Marcus Stiglegger, 23 Min.), Open-Matte-Fassung (R-Rated, Standard Definition), Super-8-Fassung, Bildergalerie, deutscher Trailer, Vintage Trailer, Originaltrailer, neuer englischer Trailer, 16-seitiges Booklet mit einem Text von Manfred Riepe
Label/Vertrieb Mediabook: NSM Records
Label DVD: splendid film
Vertrieb DVD: splendid film

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Packshots: © 2019 NSM Records

 
 

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