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Point Blank – Die Ganovenehre und der Rachefeldzug

Point Blank

Von Tonio Klein

Actionthriller // „Point Blank“ (1967) hat einen gewissen Kultstatus, was nicht zuletzt an der teils verunglückten Neuverfilmung mit Mel Gibson („Payback – Zahltag“, 2006) zu sehen ist, in der ein harter Kerl so hart ist, dass er mit zertrümmerten Füßen gehen und Auto fahren kann. Die Erstverfilmung des Romans „Jetzt sind wir quitt“ („The Hunter“) ist besser, wenn auch nicht vollkommen. Am Anfang weidet Regisseur John Boorman das eigentlich gelungene Verwirrspiel um Zeitsprünge zu weidlich aus und lässt seinen Film zu sehr zur delirierenden Pop-Art-Collage werden, als dass man sich auf Handlung und Charaktere einlassen könnte. Zudem wird hier der harte Kerl, Walker (Lee Marvin), ebenfalls zur unglaubwürdigen Ikone, wenn er, als künstlerisches Standbild drapiert, schwer verwundet am Stacheldrahtzaun von Alcatraz hängt, um dann die Flucht zu meistern, die selbst Unverwundeten mutmaßlich nie gelungen ist.

Es geht um mehr als um 93.000 Dollar

Aber es wird was draus. Walker hat ein starkes Motiv, das alles zu überleben – er will „seine 93.000“; Geld aus einem Überfall, um das er geprellt wurde. Es geht ihm im Grunde nicht um die Dollar, sondern um die Ehre: Angesichts der Mächtigkeit der als Wirtschaftsunternehmen getarnten „Organisation“, mit der er sich anlegt, ist die Summe im Grunde so lächerlich gering wie die eine Million, die „Dr. Evil“ in den 1990er Jahren dafür verlangt, die Vernichtung der Welt zu unterlassen („Austin Powers – Das Schärfste, was Ihre Majestät zu bieten hat“, 1997). Aber ein Deal ist nun mal einzuhalten, auch unter Ganoven. Und so zieht Walker mit einer Mischung aus Gerissenheit und Gewalt auf einen Feldzug, der nicht so sehr ein Rachefeldzug ist, sondern darauf abzielt, einer einmal geschlossenen Vereinbarung zu ihrer Durchsetzung zu verhelfen – was mich übrigens an den späteren „Der Profi“ mit Jean-Paul Belmondo erinnert hat.

Auf dem Weg steigert sich „Point Blank“ zu einer ziemlich bösen Konsequenz, denn die wahren Bösen sind eher die Buchhaltertypen als die Aggressiven mit der Knarre. Mehrfach wird uns ein Gegner präsentiert, von dem wir erst denken, er sei der Hauptgegner, der dann aber einem noch gefährlicheren Gegner Platz machen muss. Kann sich da die Ganovenehre durchsetzen? Walkers Schwägerin Chris (Angie Dickinson), mit der er nach dem Tod seiner Frau zusammenarbeitet und einmal auch zusammenkommt, meint zu Recht: „Du bist auf Alcatraz wirklich gestorben.“ Ihr geht es übrigens ähnlich, sie arbeitet für „die Organisation“, weil man ja von irgendetwas leben muss. Er hat nie einen Vornamen, sie hat nie einen Nachnamen (wie einmal in einem Dialog pointiert herausgestellt wird), die beiden sind also die perfekte Symbiose – aber im Grunde zwei lebende Tote. Werden sie sich gegen die höchst lebendige „Organisation“ durchsetzen können?

Das wird wohl nichts mit der Blondine

Bei aller gnadenlos-tragischen Konsequenz fehlt nicht der gallige Humor, der sich noch in kleinsten, für die Handlung eigentlich überflüssigen Details äußert – wenn etwa ein Mobster mittleren Ranges, getarnt als Gebrauchtwagenhändler, noch schnell ein Date mit einer knackigen Blondine ausmacht, bevor er zu einer Probefahrt mit Walker startet, und wir ahnen, dass das mit dem Date und dem eindeutig geplanten Abschleppen schwierig werden könnte. Oder wenn die in diesem Film durchweg negativ gezeichneten, scheinbar biederen Leute in Gestalt von allzu schaulustigen Frauen einen aus dem x-ten Stock unsanft auf den Boden gefallenen Nackten möglichst genau sehen wollen.

Auch jenseits solcher Einsprengsel ist „Point Blank“ enorm aufmerksam inszeniert. Hier sitzt jedes kleine, vermeintlich überflüssige Detail, wobei auffällt, dass „unschuldige“ Tiere für eine Menschlichkeit zu stehen scheinen, die sich bei vielen Menschen nicht mehr findet. Die Katze von Walkers Frau, die noch schnell herausgelassen wird, bevor es zu dramatischen Ereignissen kommt. Das Vögelchen auf dem Alcatraz-Stacheldraht, das in der Freiheit ist, in die Walker erst noch kommen muss (der dem Tier gleich, aber leidend, auf dem Stacheldraht zu sehen sein wird). Daneben ein wildes Delirium aus zerfließenden Farben, aggressiver Musik, Gewalt, Tod. Interessanterweise wird eine solchermaßen inszenierte Nachtclubszene bereits optisch durch das Ineinanderfließen von Farben in einer Badewanne vorweggenommen – ein eigentlich überflüssiger Zoom, aber in der einen wie der anderen Szene: alles in Unordnung, und der Tod ist nicht weit. Alles hängt mit allem zusammen, Vergangenheit und Gegenwart – und (keine) Zukunft.

Nur knapp an der Höchstwertung vorbei

Die Zeitsprünge ergeben im Nachhinein Sinn, wobei manchmal auch Parallelen im Dialog („Du musst mir vertrauen“) hervorgehoben werden. Schließlich ist die große Leistung von Lee Marvin hervorzuheben, der zu Unrecht gelegentlich als besserer „heavy“ gesehen wird. Die Inszenierung fordert ihn, beispielsweise in einer recht langen Szene zu Beginn, in der Walker seine Frau wiedertrifft. Die Kombination aus Breitwand und fehlendem Schuss-Gegenschuss führt dazu, dass Walker die ganze Zeit im Bild zu sehen ist, während die Gattin über die Ereignisse der vergangenen Zeit und ihre Gefühle spricht. Da spielt sich ein veritables Drama in Walkers Gesicht ab, und Marvin spielt das wunderbar minimalistisch, mit resigniertem Blick, in dem wir Romane lesen können. Dem ebenso harten und konsequent bitteren wie tragischen Thriller-Drama gerät höchstens im ersten Akt seine Eigenwilligkeit zu manieriert. Damit verfehlt „Point Blank“ nur knapp eine Höchstwertung.

Walker, Porter, Parker – was denn nun?

Romanautor Donald E. Westlake veröffentlichte seine Romane mit diesem Protagonisten allesamt unter dem Pseudonym Richard Stark. Seine Hauptfigur heißt dort allerdings nicht Walker, auch nicht Porter wie Mel Gibsons Rolle in „Payback – Zahltag“, sondern Parker. Immerhin trägt Jason Statham den richtigen Namen in – genau – „Parker“ (2013). Dafür haben die beiden Thriller „Point Blank“ von 1998 und 2019 wiederum nichts mit John Boormans Regiearbeit zu tun.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lee Marvin haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Juli 2014 als Blu-ray, 14. Oktober 2006 als DVD der „SZ-Cinemathek“

Länge: 92 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch
Originaltitel: Point Blank
USA 1967
Regie: John Boorman
Drehbuch: Alexander Jacobs, David Newhouse, Rafe Newhouse, nach dem Roman „The Hunter“ von Donald E. Westlake alias Richard Stark
Besetzung: Lee Marvin, Angie Dickinson, Keenan Wynn, Carroll O’Connor, Lloyd Bochner, Michael Strong, John Vernon, Sharon Acker, James Sikking, Sid Haig, Michael Bell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von John Boorman und Steven Soderbergh, Dokumentationen „The Rock – Teil 1“, „The Rock – Teil 2“, US-Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2020 by Tonio Klein

 

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3 from Hell – Finger im Po, Mexiko

3 from Hell

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Erinnern wir uns: Am Ende der „Haus der 1000 Leichen“-Fortsetzung „The Devil’s Rejects“ (2005) rasen Otis Driftwood (Bill Moseley), Captain Spaulding (Sid Haig) und Baby Firefly (Sheri Moon Zombie) mit gezückten Waffen auf eine Polizeiblockade zu – und lassen ihr Leben im Bleihagel.

Otis kommt vor Gericht

Denkste! Zu Beginn von „3 from Hell“ erfahren wir aus Nachrichtensendungen und von Zeitungsseiten, dass die drei zwar von Kugeln durchsiebt wurden, auf wundersame Weise aber innerhalb eines Jahres vollständig genasen. Captain Spaulding half das nicht viel, er wurde hingerichtet – ab dafür! Während der Gerichtsverfahren des Trios hatte sich ein bizarrer Kult um das Trio gebildet, der in einer Bewegung „Free the Three!“ gipfelte.

Keine Bewährung für Baby Firefly

1988 gelingt Otis mit Unterstützung seines Halbbruders Winslow Foxworth Coltrane (Richard Brake) während eines Arbeitseinsatzes die Flucht. Baby kommt derweil vor einen Bewährungsausschuss, bleibt aber erwartungsgemäß in Haft. Otis schmiedet einen Plan, seine Adoptivschwester mit unfreiwilliger Unterstützung des Gefängnisdirektors Virgil Dallas Harper (Jeff Daniel Phillips) zu befreien.

Können Ketten Baby Firefly aufhalten?

Die Prämisse missfällt mir leider. Unter all jenen, die „The Devil’s Rejects“ geschaut haben, befinden sich ohne jeden Zweifel all jene in der überwältigenden Mehrheit, die angesichts des Finals ein „Nun sind sie hin“ konstatiert haben. Zu einem anderen Schluss konnte man nicht ernsthaft kommen, auch wenn das tatsächliche Ableben der Fireflys nicht zu sehen war. Nun hat Rob Zombie also die Kehrtwendung vollzogen, warum auch immer. Fiel ihm nichts Besseres mehr ein als die mörderische Sippe aufleben und weiter ihr Unheil treiben zu lassen?

Danny Trejo darf denkbar kurz seine Rolle als Rondo aus „The Devil’s Rejects“ aufgreifen. In der Folge verziehen sich die Fireflys nach Mexiko, wo sie in irgendeinem räudigen Kaff untertauchen, um es sich gutgehen zu lassen – willige mexikanische Huren inklusive. Die Entspannung währt aber nur kurz, dann geht es wieder blutig zu. Das tödliche Treiben inszeniert der Regisseur so brutal, wie sich seine gewaltaffinen Fans das wohl wünschen.

Nichts Neues bei Rob Zombie

Was wird aus den Fireflys? Die Frage hat mich komplett kaltgelassen. Die beiden Vorgänger haben mir gut gefallen, aber dabei hätte es Zombie belassen sollen. Schon sein vorheriger Film „31 – A Rob Zombie Film“ (2016) war lediglich routiniertes Terrorkino, das dem Horrorgenre keinerlei Impulse gab. So auch bei „3 from Hell“. Neue Facetten der Fireflys lernen wir nicht kennen. Das neue Familienmitglied Winslow Foxworth Coltrane fügt sich anständig ein und steht Otis und Baby an Bösartigkeit in nichts nach, aber damit hat es sich auch. Außergewöhnliche Werke wie „The Lords of Salem“ (2012) und „Halloween II“ (2009) können wir von diesem Regisseur womöglich nicht mehr erwarten.

Winslow Foxworth Coltrane steht seinem Halbbruder an Bösartigkeit in nichts nach

Natürlich setzt der Regisseur seine Gemahlin Sheri Moon Zombie oft und gern ins Bild. Manche Rezipienten bemängelten ihre mangelnde Schauspielkunst – mich hat das nicht gestört, da ich diesbezüglich keine Erwartungshaltung entwickelt hatte. Es hat schon seinen Grund, dass sie selten von anderen Regisseuren und Produzenten gebucht wird, aber mit ihrer durchgeknallten Baby Firefly ist sie mittlerweile doch vertraut genug.

Kommt auch die Unrated-Fassung zu uns?

Studiocanal hat in Deutschland die R-Rated-Fassung lizenziert und bei der FSK im zweiten Anlauf – also in Berufung – eine Freigabe ab 18 Jahren erreicht. In den USA hat in der Zwischenzeit auch eine ungeprüfte Fassung („unrated“) das Tageslicht erblickt, die im Übrigen im Vereinigten Königreich bereits veröffentlicht worden ist. Sie wird beizeiten sicher auch im deutschsprachigen Raum vertrieben werden, und sei es als ungeprüfte Fassung oder mit SPIO/JK-Siegel. Für ein paar blutige Schnipsel mehr legen sich ja viele Fans gewalthaltiger Filme gern teure Editionen zu. 41 Sekunden sind es in diesem Fall, die genauen Unterschiede können im Schnittbericht nachgelesen werden. Sie motivieren mich nicht, mir beizeiten die Unrated-Fassung zu Gemüte zu führen, zumal ihr Fehlen in der R-Rated-Version nicht auffällt. Auch weitere Regiearbeiten Rob Zombies sehne ich nicht herbei. Bedauerlich angesichts dessen, dass sich der Gute als unabhängiger Horrorfilmemacher an sich wenig um Erwartungshaltungen zu scheren braucht. Er hat vormals bewiesen, dass er sich davon freimachen kann, aber zuletzt entstand der Eindruck, er schiele zu sehr auf Fanbedienung. Schade drum.

Adios, Captain Spaulding!

Dass Sid Haigs Captain Spaulding bereits frühzeitig hingerichtet wird und somit im Verlauf nicht mehr auftaucht, hängt übrigens nicht mit dem Tod des Schauspielers zusammen, sondern mit dessen bereits in der Vorproduktionsphase angegriffenen Gesundheit, was Rob Zombie veranlasste, die Rolle drastisch zu kürzen. Haig starb am 21. September 2019 im Alter von 80 Jahren, wenige Tage nach der Weltpremiere von „3 from Hell“. Mit seinem Captain Spaulding hat er der Horrorwelt eine moderne Ikone gegeben. Sid Haig ruhe in Frieden.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Rob Zombie haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Danny Trejo unter Schauspieler.

3 from Hell

Veröffentlichung: 21. November 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 115 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: 3 from Hell
USA 2019
Regie: Rob Zombie
Drehbuch: Rob Zombie
Besetzung: Sheri Moon Zombie, Bill Moseley, Sid Haig, Jeff Daniel Phillips, Richard Brake, Kevin Jackson, Tracey Leigh, Dee Wallace, Clint Howard, Danny Trejo, Barry Bostwick
Zusatzmaterial: Making-of: „Zur Hölle und zurück“, Trailer, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2019 Studiocanal Home Entertainment

 

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Haus der 1000 Leichen – Rob Zombies Debüt endlich wieder uncut

House of 1000 Corpses

Von Volker Schönenberger

Horror // Am 30. Oktober 1977 überfallen zwei Kleinkriminelle eine Provinz-Tankstelle in der Nähe von Ruggsville, die sich neben „Captain Spaulding’s Museum of Monsters and Madmen“ befindet. Das bekommt ihnen nicht gut, denn Captain Spaulding (Sid Haig) und seine Mitarbeiter Stucky (Michael J. Pollard) und Ravelli (Irwin Keyes) sind keineswegs wehrlos.

Tankwart und Museumsführer: Captain Spaulding

Bald darauf erreichen vier junge Leute den Ort des Geschehens. Jerry (Chris Hardwick), Bill (Rainn Wilson), Mary (Jennifer Jostyn), und Denise (Erin Daniels) suchen für ein Buchprojekt nach abseitigen Attraktionen. Das Museum des verschrobenen Captain Spaulding kommt ihnen da gerade recht. Der stets als Clown Gekleidete berichtet ihnen vom örtlichen Mythos des Dr. Satan, der angeblich einst an einem nahegelegenen Baum aufgehängt wurde, dessen Leiche aber am nächsten Tag verschwunden gewesen sei. Auf der Suche nach dem Baum nimmt das Quartett die Anhalterin Baby (Sheri Moon Zombie) mit. Nach einer Panne landen alle im Haus von Babys Familie. Sie ahnen nicht, dass es sich um das titelgebende Haus handelt …

Baby hat es faustdick hinter den Ohren

„House of 1000 Corpses“ kam 2003 völlig überraschend über die Horrorgemeinde. Der Metal-Musiker Rob Zombie hatte zwar bereits einige Musikvideos eigener Songs inszeniert und 2002 auch das Video zu Ozzy Osbournes „Dreamer“ gedreht, aber dass er in der Lage war, einen Horrorfilm auf professionellem Niveau zu drehen, hätten ihm wohl nur wenige zugetraut, zumal sein Langfilm-Regiedebüt von Kenntnis des Genres zeugte. Zombie bevölkerte seinen Hinterland-Schocker mit einer bizarren Familie, die glatt als Nachbarn der Leatherface-Sippschaft aus Tobe Hoopers „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974) durchgehen könnte. Kommt uns Captain Spaulding zu Beginn schon reichlich sonderbar vor, erscheint er uns später beinahe als normal. Babys Mutter „Mother Firefly“ (Karen Black, „Landhaus der toten Seelen“) beispielsweise entpuppt sich als lüsterne Matrone mit Hang zu aufreizender Kleidung, ihr Adoptivbruder Otis (Bill Moseley) sieht sich als Künstler, der ganz spezielle Skulpturen anfertigt. Und dann ist da noch Babys deformierter und übergroßer Bruder Tiny (Matthew McGrory), von schlichtem Gemüt, um es milde auszudrücken. Er tut, was seine Familie ihm sagt. In einer Nebenrolle als Cop ist Walton Goggins („The Hateful Eight“) zu sehen.

Formale Experimente im Regiedebüt

So sehr „Haus der 1000 Leichen“ in die Seelen diverser Vorgänger aus dem Genre eintauchte, so sehr merkt man Zombies Spielfilm-Regiedebüt auch an, dass sich der Musiker noch nicht recht traute, eigene Horrorwege zu beschreiten – das darf man einem Erstling aber auch zubilligen. Umso mehr tobte sich der Regisseur in Sachen Schnitt, Setdesign und Exzess aus, sodass Zombie in Horrorkreisen bald als große Genre-Hoffnung gefeiert wurde – Lorbeeren, die er für viele mit seinen Folgefilmen auch einlöste. Ganz unverblümt gönnt sich Zombie sogar den Einbau kompletter Szenen aus klassischen Gruselfilmen, mit wilden Schnitten und Farbwechseln schickt er Protagonisten wie Publikum auf einen manchmal etwas hektischen Ritt in die Katakomben der Familie Firefly. Wenn auch nicht inhaltlich, so zeigte sich Zombie immerhin formal experimentierfreudig.

Auch Mama Firefly ist nicht von schlechten Eltern

Die zeitgenössische Kritik nahm all das eher negativ auf, wie der niedrige Wert von 19 Prozent im Tomatometer belegt. Die Publikumswertung bei Rotten Tomatoes hingegen liegt bei guten 65 Prozent, auch die User der IMDb haben mit einer Durchschnittswertung von 6,1 positiv geurteilt (Stand der drei Werte: November 2018). Rob Zombie hat also den Fans das gegeben, wonach es sie gelüstete, wobei einzuräumen ist, dass sich die Horrorgemeinde eher konservativ gebärdet und nicht unbedingt als scharf auf Innovationen gilt.

An Entkommen ist nicht zu denken

Das blutrünstige Panoptikum von Zitaten, skurrilen Gestalten und bizarren Grausamkeiten zeigt kein Interesse an den Figuren, die wie Schlachtvieh behandelt werden. Was das Lexikon des internationalen Films zweifellos kritisch verstanden wissen wollte, werden Horrorfans als Empfehlung interpretieren. Und sie haben recht! Wer braucht in einer Backwoods-Metzelei ausgefeilte Charakterzeichnungen?

Groucho Marx lässt grüßen

Captain Spaulding? Da war doch was … Richtig: Groucho Marx verkörperte 1930 in „Animal Crackers“ eine Figur dieses Namens. Weitere Rollennamen des Films sind ebenfalls Marx-Brothers-Filmen entnommen, etwa „Die Marx Brothers im Krieg“ (1933), in welchem Groucho einen gewissen Rufus T. Firefly spielte. Rob Zombie kann also nicht nur Horrorfilme zitieren.

Otis sieht sich als Künstler in Blut

Seine Deutschlandpremiere feierte „Haus der 1000 Leichen“ im August 2003 beim Fantasy Filmfest. Auf DVD erschien der Schocker anschließend sowohl in ungeschnittener Form mit SPIO/JK-Siegel als auch mit Zensurschnitten und FSK-Freigabe. Die 2005 erfolgte Indizierung wurde im Herbst 2018 aufgehoben, sodass Studiocanal die Uncut-Fassung mit FSK-18-Freigabe ohne weitere Auflagen in den Handel bringen kann – gut so.

In netter Gesellschaft

Die etwas reifere 2005er-Fortsetzung „TDR – The Devil’s Rejects“ hatte hierzulande glücklicherweise keine Probleme mit der Zensur. Warten wir ab, wie es dem 2019 über uns kommenden zweiten Sequel „3 from Hell“ ergehen wird, das Rob Zombie bereits abgedreht hat. Captain Spaulding, Otis und Baby tauchen darin laut IMDb erneut auf, was die Frage aufwirft, ob es sich um ein Prequel handelt – was es Gemunkel zufolge nicht sein wird – oder das Trio den finalen Shoot-out aus „TDR – The Devil’s Rejects“ am Ende doch überlebt hat. Versüßt euch die Wartezeit mit „Haus der 1000 Leichen“ uncut! Es lohnt sich, auch wenn Rob Zombie an seinem Horror-Regiedebüt mittlerweile selbst einiges auszusetzen hat.

Die Fireflys führen ihre Opfer …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Rob Zombie sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

… ins Verderben

Veröffentlichung: 22. November 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 89 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: House of 1000 Corpses
USA 2003
Regie: Rob Zombie
Drehbuch: Rob Zombie
Besetzung: Sid Haig, Karen Black, Bill Moseley, Sheri Moon Zombie, William Bassett, Erin Daniels, Matthew McGrory, Chris Hardwick, Rainn Wilson, Jennifer Jostyn, Walton Goggins
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Rob Zombie, Making-of (2:34), Originaltrailer, Casting & Proben (16:12), Interviews (15:19), Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2018 Studiocanal Home Entertainment

 
 

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