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Edward Lee: Das Schwein (Buchrezension)

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The Pig

Horror // Der erste Satz – oft entscheidet er über Wohl und Wehe, im Einzelfall gar über Weiterlesen oder Weglegen. Schauen wir uns den ersten Satz von Edwards Lees „Das Schwein“ an:

Sissy schaute auf das Schnapsglas voller Schweinesperma und kippte es auf ex.

Wuärkx! Will man da weiterlesen? Hier trennt sich sofort die Spreu vom Weizen. Aber Verleger Frank Festa will mit seiner Reihe Festa Extrem ohnehin nur Leser in Versuchung führen, die auf der Suche nach – nun ja – extremen Leseerfahrungen sind; Leser, die bei Stephen King und Dean Koontz womöglich nur noch milde lächeln.

Es wird schmutzig

Wagen wir uns weiter hinein ins Buch. Eine Warnung vorweg: Es wird hässlich, es wird grausam, es wird schmutzig – extrem schmutzig. Wer bei einem Schnapsglas voller Schweinesperma schon schlucken muss, sollte sich zweimal überlegen, ob er oder sie sich auf den Höllentrip in die Sex-und-Gewalt-Gedankenwelt eines Edward Lee begeben will. Aber das war es vielleicht auch, was der US-Autor mit seinem ersten Satz bezweckt hat. Insofern: Danke für die Warnung, Mr. Lee.

Die Sau wird hier nicht durchs Dorf getrieben

Besagte – und bedauernswerte, wie wir schnell erfahren werden – Sissy muss sich unmittelbar im Anschluss an ihren animalischen Shot erst einmal übergeben. Leonard war angewidert … Sissy war angewidert … Sogar das Schwein war angewidert … Mit Leonard lernen wir nun also auch schnell den Protagonisten des Romans kennen. Wir erfahren, dass er 20 Jahre zuvor in Maryland aufgewachsen ist und seinem Vater nacheiferte – der Schweinefarmer hatte eine besondere Vorliebe für seine Sau Lacie. Richtig gelesen, genau das ist gemeint.

Im Knast geht’s rund

Weiter im Text? Edward Lee hatte uns gewarnt! Der junge Leonard entwickelt eine Leidenschaft fürs Filmemachen. Er schreibt die Kurzgeschichte „Der Beichtvater“ – die wir zu lesen bekommen –, will sie verfilmen und beim Sundance einreichen. Der Versuch, sich das nötige Equipment auf illegale Weise zu beschaffen, bringt ihn in den Knast, wo er seinem Zellengenossen als Lustknabe dient, der ihn obendrein an alle anderen Insassen vermietet. Die Details von Leonards Zeit als Zellenschlampe erspare ich euch, Lee erspart sie uns nicht.

In den Fängen der Mafia – Tierpornos statt Arthaus für Sundance

Kaum entlassen, klaut Leonard die Ausrüstung erneut. Diesmal kommt er davon, aber dann gerät er in die Fänge eines Kredithais der Mafia. Doch es ist nicht die ehrenwerte Gesellschaft, die wir aus „Der Pate“ und anderen Mafia-Epen kennen. Diese Mafioso sind Rocco und Knuckles, zwei schmierige – das Wort ist an sich zu schwach – Sadisten, die im Pornogeschäft tätig sind. Im Tierpornogeschäft.

Der Wert eines Junkielebens

Fortan muss Leonard in einer schäbigen Bruchbude fernab jeder Ortschaft und Hoffnung fürs organisierte Verbrechen Tierpornos drehen. Seine Darsteller sind Hunde, Pferde, Schweine – was das Herz der perversen Kunden begehrt. Seine Darstellerinnen sind die beiden abgewrackten heroinsüchtigen Prostituierten Sissy und Snowdrop, die nur noch die Sucht nach dem nächsten Schuss auf den Beinen hält. Rocco und Knuckles haben die Frauen auf diese Weise versklavt, weil sie beim Anschaffen auf dem Straßenstrich nicht mehr genug Kohle bringen. Ihre Leben sind nichts mehr wert, an Nachschub für die Dreharbeiten in Gestalt anderer Junkie-Huren herrscht kein Mangel.

Kameramann der Hölle

Ich bin der Kameramann der Hölle, denkt sich Leonard eines Tages, und das kommt der Realität wohl ziemlich nah. Einen Snuff-Film muss er da drehen – zum Glück seinen einzigen in den zehn Monaten seines Daseins als Mafia-Pornofilmer. Rocco und Knuckles nehmen sich die Tochter eines missliebigen Richters vor. Wenn Rocco der jungen Frau zu Beginn erst einmal mit einem Bolzenschneider die Zehen kappt, ahnt man nur vage, was sie und den Leser erwartet. Wenn die Bedauernswerte es fünf Seiten später endlich hinter sich hat, ist erst einmal Durchatmen angesagt. Das Zimmer sollte allerdings noch wochenlang unsäglich stinken. Viel Härteres habe ich in meinem Leben noch nicht gelesen – vielleicht bei Bret Easton Ellis’ „American Psycho“. Nekrophil geht’s zum Glück nur einmal zu.

Haltet das Buch von Minderjährigen fern!

Wenige Seiten später kommt Leonard während eines besonders bizarren Erlebnisses die Erkenntnis, dass das womöglich die absurdesten Worte waren, die jemals in der Geschichte der Zivilisation laut ausgesprochen worden waren. Dass Rocoo und Knuckles ihm bald darauf auch noch bedeuten, sein Daddy wäre stolz auf ihn, setzt dem Fass die Krone auf. Worum es in dieser Sequenz geht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden – es könnten Kinder mitlesen. Apropos Kinder: Legt dieses Buch ganz weit weg außerhalb der Reichweite eurer Kinder!

Auftritt der sexsüchtigen Sektenbraut

Später wird Leonard von einer sexsüchtigen Sektenbraut verführt, die sich gern fisten lässt, und der Roman bekommt gar einen dämonischen Einschlag. Immerhin lässt sich konstatieren: No animals were harmed during the making of this novel. Wir nehmen einfach mal zugunsten von Edward Lee an, dass „Das Schwein“ kein Erfahrungsbericht ist.

Extreme Horror und Splatterpunk

Es geht drastisch zur Sache in „Das Schwein“, so drastisch, dass es kaum auszudrücken ist. Lee „gilt als obszöner Provokateur und führender Autor des Extreme Horror“, schreibt Frank Festa in der Kurzbiografie am Ende des Romans. Das kann man so stehen lassen, zudem das Wort Splatterpunk in den Raum werfen, obwohl diese Subgattung des Horrorgenres an sich nicht ganz mit derartigen Perversionen von Sex und Gewalt konnotiert wird. Edward Lee bewegt sich jedenfalls in diesen Gefilden.

Wer kann so etwas lesen?

Wem kann man den Roman ans Herz legen, wem muss man abraten? Ein versierter Schreiber ist Lee, keine Frage. Einstieg mitten in die Handlung, dann zügig Rückschau zum Kennenlernen von Leonard, danach alsbald ans Eingemachte – strukturell lädt „Das Schwein“ jedenfalls zur Lektüre ein. Wer sich vom Schweinesperma-Prolog nicht abschrecken lässt, weiß spätestens mit der ersten Schäferhund-und-Frau-Szene ab Seite 11 und Leonards Knastaufenthalt ab Seite 25, was Sache ist. Die Sex-und-Gewalt-Schraube steigert sich zwar immens, aber Lee schreibt so flüssig, dass man den Roman beendet hat, bevor man begreifen konnte, worauf man sich da eingelassen hat. Es fällt auch im Anschluss schwer zu begreifen.

Auf der Suche nach Grenzerfahrungen?

Seid Ihr als Horror-Aficionado auf der Suche nach Lesestoff jenseits der Hölle? Habt Ihr keine Berührungsängste, was menschliche und tierische Körperflüssigkeiten angeht? Oder erigierte menschliche und animalische Genitalien? Sucht Ihr neue Grenzerfahrungen in Richtung Torture Porn? Dann greift zu, bedenkt aber Friedrich Nietzsche: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Festa Extrem

Zur Bestellmöglichkeit des Buchs beim Festa Verlag geht’s hier. Für die Mutigen geht’s hier zur Übersichtsseite von Festa Extrem. Man kann die Reihe auch abonnieren – mit Preisvorteil. Ich trau’ mich aber nicht recht. Der Festa Verlag legt die Bücher der Reihe ohne ISBN auf. Sie können somit nur beim Verlag bezogen werden.

Autor: Edward Lee
Originaltitel (1997): The Pig
Deutsche Erstveröffentlichung: 4. Februar 2013
160 Seiten
Übersetzung: Markus Mäurer
Verlag: Festa Verlag
Preis: 12,80 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Logo: © Festa Verlag

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Verfasst von - 2015/04/26 in Literatur, Rezensionen

 

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Cold in July – Viel mehr als ein Rachethriller

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Cold in July

Von Volker Schönenberger

Thriller // Mitten in der Nacht wird Richard Dane (Michael C. Hall) von seiner Frau Ann (Vinessa Shaw) geweckt. Das Geräusch splitternden Glases hat sie aufschrecken lassen. Richard holt seine Pistole hervor. Im Wohnzimmer stellt er einen Eindringling. Die Uhr schlägt, aus Richards Waffe fällt ein Schuss. Der Einbrecher sinkt zu Boden. Bei Licht bietet sich ein furchtbarer Anblick: Blut, Hirnmasse und Schädelsplitter des Eindringlings haben sich an der Wand und auf dem Sofa verteilt.

Ein Vater will Vergeltung

Richard hat einen Mann getötet, doch vorzuwerfen hat er sich nichts. Es war Notwehr. Auch für die Polizei ist der Fall klar. Der Einbrecher wird als der gesuchte Kriminelle Freddy Russell identifiziert. Für dessen Vater jedoch ist die Sache alles andere als klar: Ben Russell (Sam Shepard), Ex-Sträfling auf Bewährung, ist seinem Sohn zwar alles andere als ein Mustervater gewesen, dennoch brennt er vor Rachedurst. Nach der Beerdigung bleibt er im Ort, lässt sich sogar vor der Schule von Richards Sohn blicken.

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Michael erschießt einen Einbrecher …

Bis dorthin erweckt „Cold in July“ den Eindruck eines zwar fesselnden, aber letztlich gewöhnlichen Rachedramas um eine ehrbare Familie auf der einen und deren Bedrohung durch einen Schurken auf der anderen Seite. Als es zur Home Invasion durch Ben Russell kommt, nimmt die Polizei die Gefahr für die Familie Dane endlich ernst. Von diesem Zeitpunkt an nimmt der 1989 im Osten von Texas angesiedelte Film Fahrt auf – und schlägt eine ganz andere Richtung ein.

Düstere Story mit fesselnden Wendungen

Mit minimalistischem Synthie-Score suggestiv untermalt, trägt das tolle Schauspiel von Michael C. Hall („Dexter“, „Six Feet Under“) und Sam Shepard („Der Stoff aus dem die Helden sind“) als Kontrahenten den Film über das erste Drittel. Mit der dann folgenden Wendung gewinnt die Geschichte deutlich an Finesse. Etwas Comic Relief bringt das Auftauchen des großspurigen Privatdetektivs Jim Bob, gespielt von Don Johnson („Miami Vice“). Das tut auch Not, denn an Düsternis verliert die Story keineswegs – im Gegenteil.

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… und muss künftig um seine Lieben fürchten

„Cold in July“ hatte seine Premiere im Januar 2014 beim Sundance Film Festival und wurde auch in Cannes sowie in Deutschland beim Fantasy Filmfest gezeigt. Der Thriller weist eine ebenso schöne wie klare Dreiakt-Struktur auf, die durch interessante Wendungen vorangetrieben wird und in einen knackigen Showdown mündet. Man muss klassische Drehbuch-Prinzipien gar nicht verlassen, um einen originellen Plot zu präsentieren. Ein feines Krimidrama, das auf verschiedenen Ebenen sehr gut funktioniert und nachhaltig Eindruck hinterlässt.

Verfilmung eines Romans von Joe R. Lansdale

Regisseur Jim Mickle inszeniert zuvor unter anderem 2010 den dystopischen Vampir-Horrorfilm „Vampire Nation“ und 2013 das Kannibalenhorror-Remake „We Are What We Are“. Noch interessanter ist der Autor der Romanvorlage von „Cold in July“: Joe R. Lansdale ist mehrfacher Preisträger des Bram Stoker Awards. Seinen ersten Roman „Act of Love“ (1981, bei uns „Akt der Liebe“) hat er selbst auf meine Nachfrage als „Crime Novel“ bezeichnet, obwohl die beinharte Serienkillergeschichte mit Horrorelementen gespickt ist. Etwa zur selben Zeit entstanden die Romane „The Nightrunners“ (in Deutsch vergriffen) und der bei uns nie erschienene „Dead in the West“, erschienen aber später. Lansdale hat zu Beginn seiner Laufbahn verstärkt im Horrorgenre reüssiert, bevor er sich auch als Krimi-/Thrillerautor einen Namen machte. Der Texaner sieht sich allerdings nicht auf ein Genre beschränkt. Die wohl bekannteste Verfilmung eines seiner Werke ist die Horrorkomödie „Bubba Ho-tep“ (2002) mit Bruce Campbell.

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Ben Russell lauert vor der Schule

Viele von Lansdales Arbeiten harren noch der filmischen Umsetzung. Angesichts der konstanten Schwemme an Zombiefilmen verwundert es etwas, dass sein Untoten-Western „Dead in the West“ noch nicht adaptiert worden ist. Lansdales Roman „Cold in July“ ist in Deutschland erstmals 1997 unter dem Titel „Kalt brennt die Sonne über Texas“ erschienen. Eine Neuauflage vom März 2015 trägt den Titel „Die Kälte im Juli“.

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Jim Bob greift ein

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Mickle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Nick Damici in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 5. März 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 106 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Cold in July
USA/F 2014
Regie: Jim Mickle
Drehbuch: Nick Damici, Jim Mickle, nach einem Roman von Joe R. Lansdale
Besetzung: Michael C. Hall, Sam Shepard, Don Johnson, Vinessa Shaw, Wyatt Russell, Bill Sage, Nick Damici
Zusatzmaterial (nur Blu-ray): Deleted Scenes
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Blu-ray-Packshot: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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