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Tunes for Eternity (III): Peter Gabriel – Mercy Street

Peter Gabriel – Mercy Street

Von Volker Schönenberger

Rockmusik // Dass ich Peter Gabriel sehr zugetan bin, haben frühe Leserinnen und Leser von „Die Nacht der lebenden Texte“ zweifellos bereits aus meiner 2013er-Rezension der Konzert-Blu-ray „Live in Athens 1987“ herausgelesen. Dabei bin ich in den 1980er-Jahren erst über den Umweg der alten Genesis zum Soloschaffen des genialen englischen Künstlers und Polit-Aktivisten gekommen. Oder hatte ich „So“ bereits entdeckt, als ich „The Lamb Lies Down on Broadway“, „Nursery Cryme“ und die Genesis-Glanztaten bis 1975 zu würdigen begann? Egal, „So“ erschien am 19. Mai 1986, und irgendwann zwischen dem Tag und vielleicht 1988 wanderte die LP in meine Sammlung, um sich anschließend zahllose Male auf meinem Plattenteller zu drehen.

Beginnend mit den Hits „Red Rain“, „Sledgehammer“ und „Don’t Give Up“ – dem wunderschön zarten Duett mit Kate Bush – erschloss sich mir die Klasse des Albums schnell, aber „Mercy Street“ avancierte zügig zu meinem Favoriten auf „So“. Peter Gabriel hatte sich vom Wirken und Leben der US-Dichterin Anne Sexton (1928–1974) zu seinem Song inspirieren lassen. Er erwähnt ihren Namen auch heute noch gern, bevor er „Mercy Street“ im Konzert anstimmt. Den Titel entlehnte der Musiker Sextons gleichnamigem Bühnenstück von 1969.

Ruderboot auf der Bühne

Mangels Kenntnis des Œuvres von Anne Sexton kann ich darüber nichts Gescheites schreiben, also lasse ich es einfach. Ich vermag deshalb auch den Text kaum zu entschlüsseln, aber auch Rätselhaftigkeit kann ja bei Musikstücken einen besonderen Reiz entfalten, das ist in diesem Fall bei mir definitiv so. Let’s take the boat out. Wait until darkness. „Lass uns das Boot nehmen. Warten wir bis zur Dunkelheit.“ Das Bootsmotiv hat Gabriel später in Konzerten auch visuell aufgegriffen, ein kleines Ruderboot über die Bühne gleiten lassen – gern mit seiner Tochter und Background-Sängerin Melanie Gabriel an Bord. Dreaming of Mercy Street in your daddy’s arms. Wer träumt da in des Vaters Armen von der Straße der Gnade? Anne, with her father is out in the boat, riding the water, riding the waves on the sea. So die letzten Zeilen des Stücks. Gleitet Anne Sexton mit ihrem Vater über die Gewässer des Todesreichs? Vielleicht eine plumpe Interpretation, aber mir fällt keine andere ein.

Besonders im Konzert verfehlt „Mercy Street“ niemals seine eindrückliche Wirkung, und ich bin froh, dies wiederholt live in Hamburg erlebt zu haben. Große Songs erkennt man oft schon am ersten Ton, selbst wenn es ein unauffälliger Ton ist, weil sie sich uns eingebrannt haben. Wenn Gabriel „Mercy Street“ ansagt, ist das Erkennen natürlich zwangsläufig gegeben. Das sanfte Klingeln, welches sich durch die gesamte Dauer zieht, gibt dem Stück in Verbindung mit dem sparsamen Percussion-Einsatz seine ganz besondere, charakteristische Magie, in der ich immer wieder gern versinke. Der pointierte Flöteneinsatz im Mittelteil tut sein Übriges. „Mercy Street“ wabert ganz wunderbar dahin, ohne auf einen Höhepunkt zuzusteuern, den das Lied auch gar nicht braucht – es ist ein Höhepunkt als Gesamtkunstwerk. Konserve gibt das nur unzureichend wieder, dennoch sei auf die wundervollen Versionen auf „Growing Up Live“ sowie auf der eingangs erwähnten Blu-ray verwiesen. Tunes for Eternity fürwahr.

Meine Reihe „Tunes for Eternity“ im Überblick:

01. David Bowie – Space Oddity
02. Bruce Springsteen – Youngstown
03. Peter Gabriel – Mercy Street
04. Cowboy Junkies – Sweet Jane
05. ???

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

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2 Kommentare

Verfasst von - 2018/06/02 in Musik, Rezensionen

 

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