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Holodomor – Bittere Ernte: Vom Hungertod in der Kornkammer Ukraine

Bitter Harvest

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Dem Holodomor fielen in den Jahren 1932 und 1933 in der Sowjetrepublik Ukraine mehrere Millionen Menschen zum Opfer – Schätzungen schwanken zwischen zwei und mehr als zehn Millionen Toten. Ob es sich dabei um einen von Stalin veranlassten Völkermord handelt oder um eine unglückselige Verkettung der Folgen von Missernten und der Zwangskollektivierung, kann in einer Filmrezension nach oberflächlicher Internetrecherche nicht seriös festgestellt werden. Klar ist, dass Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion und die Ukraine in dieser Frage unterschiedlicher Meinung sind und auch Instanzen der weltweiten Völkergemeinschaft sich schwer mit einer Einordnung tun. Dabei spielen politische und diplomatische Erwägungen zweifellos eine große Rolle, und das nicht erst seit der jüngsten Krimkrise.

Stalin erlässt verhängnisvolle Maßnahmen

In der kanadischen Produktion „Bitter Harvest“ nimmt Stalin (Gary Oliver) es kalt lächelnd in Kauf, dass die von ihm veranlassten Enteignungen zum Tod vieler Ukrainer führen können. Er befiehlt gar verschärfende Maßnahmen, als man ihm vom Widerstand der Landbevölkerung berichtet. Trotz einiger Szenen mit dem sowjetischen Diktator ist „Holodomor – Bittere Ernte“ aber kein Politdrama mit bedeutenden Gestalten der Weltgeschichte, der Film bricht die Geschichte des Holodomor auf das Schicksal von Yuri (Max Irons) und seiner Familie herunter. Yuris Vater Yaroslav (Barry Pepper) will die künstlerische Neigung seines Sohns fördern, während Yaroslavs Vater Ivan (Terence Stamp) es lieber hätte, wenn sein Enkel frühzeitig lernt, mit dem Säbel umzugehen. Yuris Liebe zu Natalka (Samantha Barks) sind nur kurze Momente des Glücks vergönnt. Besonders der sowjetische Kommissar Sergei (Tamer Hassan) geht bei den Enteignungen mit großer Grausamkeit vor.

Auch Yuri wird enteignet

Während anfangs kräftige Farben dominieren, etwa beim Blick über goldene ukrainische Kornfelder und ein paar Szenen im Wasser, wird die Farbsättigung im weiteren Verlauf merklich zurückgedreht. Wenn die ganze Tragik des von EU und UNO immerhin „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ genannten Holodomor über Yuri und seine Mitmenschen hereinbricht, dominieren düstere Grau- und Brauntöne. Wir sehen Massenerschießungen und willkürliche Morde. Musikalisch untermalt wird das ergreifende Epos von einem allgegenwärtigen Streicher-Score, der das Historiendrama etwas ins Pathetische abgleiten lässt. Regisseur George Mendeluk kann sich aber auf seine illustre Darstellerriege verlassen.

Stolzer Ukrainer: Ivan

Gedreht wurde immerhin auch an Originalschauplätzen in der Ukraine. Angesichts der gelinde gesagt angespannten politischen Gemengelage zwischen Russland und der Ukraine kann man wohl damit zufrieden sein, dass sich immerhin eine kanadische Produktion der filmischen Aufarbeitung des Holodomor angenommen hat. Der Begriff bedeutet übersetzt in etwa Hungertod. „Holodomor – Bittere Ernte“ ist immerhin auch in ukrainischen Kinos gezeigt worden, in russischen vermutlich nicht. Verdient hätte das bittere Historiendrama es. Die Ereignisse von 1932 und 1933 dürfen nicht der Vergessenheit anheimfallen, nennt man sie nun Völkermord oder nicht. „Bitter Harvest“ ergreift eindeutig Partei, aber wie kann man angesichts solcher Ereignisse unparteiisch bleiben?

Erschießungen sind an der Tagesordnung

Veröffentlichung: 31. März 2017 als Blu-ray und DVD sowie 2-Disc Special Edition Blu-ray und DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Bitter Harvest
KAN 2017
Regie: George Mendeluk
Drehbuch: Richard Bachynsky Hoover, George Mendeluk
Besetzung: Max Irons, Samantha Barks, Barry Pepper, Tamer Hassan, Terence Stamp, Aneurin Barnard, Richard Brake, Tom Austen, Lucy Brown, Richard Brake, Aneurin Barnard, Gary Oliver
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Trailershow, Wendecover, nur Special Edition: Dokumentation, Interview mit Wilfried Jilge (Osteuropahistoriker)
Vertrieb: Pandastorm Pictures

Copyright 2017 by Volker Schönenberger

Die Leichen stapeln sich

Fotos & Packshot: © 2017 Pandastorm Pictures

 

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In the Crosswind – Vom Schicksal der Deportierten Estlands

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Risttuules

Von Volker Schönenberger

Drama // In der Nacht des 14. Juni 1941 wurden mehr als 40.000 unschuldige Menschen aus Estland, Lettland und Litauen deportiert. Ziel dieser von Stalin angeordneten geheimen Operation war es, die baltischen Länder von ihren einheimischen Bewohnern ethnisch zu säubern. Unter diesen Tausenden war Erna Tamm, auf deren Briefen aus Sibirien diese Geschichte basiert. So die per Texttafeln zu Beginn eingeblendete Prämisse des estnischen Dramas „In the Crosswind“, Originaltitel: „Risttuules“, das 2014 und 2015 bei diversen internationalen Festivals gezeigt wurde.

Statische Bilder in Schwarz-Weiß

Drehbuchautor und Regisseur Martti Helde nähert sich dem Thema auf kunstvolle, außergewöhnliche Weise, auf eine Spielhandlung herkömmlicher Erzählweise verzichtet er völlig. Wir sehen nahezu ausschließlich statische, sorgfältig arrangierte Bilder, in denen die Figuren bewegungslos ausharren, als seien es aneinandergereihte Fotos. Für die Schauspieler sicher eine besondere Erfahrung, da sie wie zu Salzsäulen erstarrt posieren mussten. In Bewegung ist nur die Kamera: Darsteller und Komparsen sind in manchen Szenen großflächig verteilt, die Kamera umfließt sie. Mittels Schärfe und Unschärfe entsteht bisweilen eine dreidimensionale Anmutung. Jede einzelne Einstellung ist sorgfältig vorbereitet und an einem Tag abgedreht – für sein Langfilmdebüt benötigte Martti Helde drei Jahre.

Auch Dialoge gibt es nicht, aus dem Off ertönen Zeilen aus den Briefen von Erna Tamm (Laura Peterson). Nach der Ankunft in Sibirien ist sie mit ihrer Tochter Eliide (Mirt Preegel) von Ehemann Heldur (Tarmo Song) getrennt worden, muss fortan in einer Kolchose schuften. Auch die Zeit mit Eliide ist begrenzt.

Wir werden uns treffen, wo die Winde sich treffen

Lediglich zu Beginn und am Ende ist Bewegung in den Menschen, dazu einmal zwischendurch, offenbar eine Erinnerung Ernas an bessere Zeiten. Ich verstehe wirklich nicht, was für eine Art Land das hier ist. So lesen und hören die Zuschauer sie nach Stalins Tod seufzen. Nach und nach erhalten die Esten die Erlaubnis, in ihre Heimat zurückzukehren – auch Erna. Viele entschließen sich zu bleiben, sie jedoch bricht auf. 15 Jahre Sibirien liegen hinter ihr. Ihr Mann hat ihr einst geschrieben, bevor er vor ein Tribunal kam, von dem niemand zurückkehrte. Sie möge nicht auf seine Rückkehr warten, aber: Und eines Tages werden wir uns wiedersehen! Dann komm vom Westen als frischer, freier Wind. Und ich werde von hier kommen als Ostwind. Und wir werden uns im Seitenwind treffen. Wir werden uns treffen, wo die Winde sich treffen. Bei unserem Apfelbaum unter dem Flügel des Schöpfers. In Liebe, Heldur. Sind diese Zeilen die Hoffnung, an die sich Erna all die Jahre geklammert hat? Dass Heldur fünf Monate nach seiner Ankunft in Sibirien hingerichtet worden ist, erfuhr sie 47 Jahre danach.

Ein bedrückender Film, gewidmet den Opfern des sowjetischen Holocausts. Schwarz-weiße Bilder, Statik, Dialogfreiheit – ein großes Publikum wird „Into the Crosswind“ mit seiner ungewöhnlichen formalen Strenge nicht gefunden haben, wird es auch mit der deutschen DVD-Veröffentlichung ohne Synchronisation – lediglich deutsch untertitelt – nicht finden. Verdient hätte er es, und wer sich konzentriert auf ihn einlässt, mag den Hauch eines Gefühls davon bekommen, was Erna und ihresgleichen erlitten haben.

Veröffentlichung: 23. September 2016 als DVD

Länge: 83 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Estnisch
Untertitel: Deutsch (nicht ausblendbar)
Originaltitel: Risttuules
EST 2014
Regie: Martti Helde
Drehbuch: Martti Helde, Liis Nimik
Besetzung: Laura Peterson, Tarmo Song, Mirt Preegel, Ingrid Isotamm, Einar Hillep
Zusatzmaterial: Making-of (englisch untertitelt), Trailershow
Vertrieb: Indigo

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2016 Indigo / good!movies

 

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Die Schneekönigin – Sowjet-Märchen nach Hans Christian Andersen

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Snezhnaya koroleva

Zeichentrick-Märchen // Bei der Sichtung des erfolgreichen Computertrick-Abenteuers „Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ saß ich neben meinen Töchtern, da dämmerte es mir, als Kind eine andere, weniger freie Adaption von Hans Christian Andersens Märchen gesehen zu haben: „Die Schneekönigin“ als Zeichentrickfilm. Kurze Suche im Netz ergab, dass es sich um die sowjetrussische 1957er-Verfilmung gehandelt haben mag. Also flugs erworben und nun – erneut mit den Kleinen – angetestet. Ergebnis: Kann sein, dass es der Film aus der Erinnerung war, vielleicht war es aber auch ein anderer.

Das dänische Sandmännchen erzählt

Ole Lukøje, das dänische Sandmännchen, erzählt eine bittersüße Geschichte: das Märchen von Gerda und Kai. Eines Abends mitten im Winter sitzen die zwei Nachbarskinder bei Gerdas Großmutter, die ihnen von der Schneekönigin und deren Palast erzählt. Da erscheint die Schneekönigin am Fenster, einer ihrer Eissplitter trifft Kai mitten ins Herz. Aus dem so warmherzigen Knaben wird ein frecher und kaltherziger Junge, den die Eiskönigin schließlich zu sich in ihren Palast holt. Doch die tieftraurige Gerda will den Verlust nicht hinnehmen und begibt sich auf eine abenteuerliche Suche nach dem Eispalast und Kai.

Etwas gruselig für die ganz Kleinen

Zugegeben: Der Zeichentrickstil wirkt heute arg antiquiert, die Bildqualität lässt zu wünschen übrig. Farben könnten knackiger, Konturen schärfer sein. Allein aus nostalgischen Gründen ist das düstere Märchen aber einen Blick wert. Stichwort düster – die FSK-6-Freigabe ist gerechtfertigt. Zwar passiert nicht viel Böses, der traurige Grundton und einige finster gezeichnete Gestalten lassen „Die Schneekönigin“ aber für jüngere Kinder etwas gruselig erscheinen. Wenn man seinen Kindern nur die neuesten Disney-, Pixar- und DreamWorks-Filme zeigt, dürften die lieben Kleinen bei der Sichtung womöglich etwas enttäuscht sein. Dennoch bringt die Märchenverfilmung aus der Sowjetunion eine schöne altmodische Farbe ins Kinderfilmregal.

Veröffentlichung: 10. Oktober 2011 als DVD

Länge: 60 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine
Originaltitel: Snezhnaya koroleva
UdSSR 1957
Regie: Lev Atamanov
Drehbuch: Lev Atamanov, Nikolay Erdman, Georgiy Grebner, Nikolai Zabolotsky (Verse), nach einem Märchen von Hans Christian Andersen
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Icestorm Distribution GmbH

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Packshot: © 2014 Icestorm Distribution GmbH

 

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