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36 Stunden – Ein halbes Dutzend Jahre Filmriss!

36 Hours

Von Ansgar Skulme

Kriegs-Spionagethriller // Der Zweite Weltkrieg steuert auf entscheidende Schlachten zu. Wenige Tage vor der geplanten Landung in der Normandie wird Major Jefferson Pike (James Garner) nach Lissabon geschickt, um sich dort über einen Informanten zu versichern, dass die Deutschen die Invasion nach wie vor anderenorts erwarten. Dieser Plan geht jedoch gewaltig nach hinten los: Der in das Vorhaben Normandie genauestens eingeweihte Pike wird im bewusstlosen Zustand von den Deutschen entführt. Ziel: aus ihm herauszubekommen, was die Alliierten vorhaben. Major Walter Gerber (Rod Taylor) hat eine Methode entwickelt, mit der man an solche Informationen sogar gewaltfrei kommen kann, denn wer sich sicher fühlt und glaubt, dass nichts mehr passieren kann, redet durchaus bereitwillig. Seitens der SS hat man allerdings Probleme mit dem intellektuellen Gerber, der gezwungen ist, seine Wissenschaft zweckentfremdet einzusetzen, und stellt ihm den Standartenführer Otto Schack (Werner Peters) zur Seite. Schack traut weder Gerber noch der ehemaligen Konzentrationslagerinsassin Anna Hedler (Eva Marie Saint), die beim bösen Spiel mit Pike nur mitmacht, um nach langen, schlimmen Qualen ihr eigenes Leben zu retten.

Dass „36 Stunden“ nachgewiesenermaßen als Inspirationsquelle für eine frühe Episode der 1966 gestarteten ersten „Mission: Impossible“-Serie (hierzulande auch bekannt als „Kobra, übernehmen Sie!“) diente, glaubt man gern. Denkbar sogar, dass der Film einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung des Gesamtkonzepts für die Serie hatte. Die erste „Mission: Impossible“-Episode lief in den USA etwa eineinhalb Jahre nach dem US-Kinostart von „36 Stunden“. George Seaton ist hier mit einer seiner letzten Regiearbeiten einer der bemerkenswertesten psychologisch hochambitionierten, jedoch nicht von Alfred Hitchcock inszenierten US-Thriller der 60er-Jahre gelungen, der als solcher in einem Atemzug mit beispielsweise „Mitternachtsspitzen“ (1960) oder „Die 27. Etage“ (1965) zu nennen ist.

Wendungen und doppelte Böden

Da man als Zuschauer in die Pläne der Deutschen schon unmittelbar nach deren Auftauchen in der Geschichte eingeweiht wird und somit von vornherein transparent ist, wie sie mit Pike verfahren wollen, könnte man meinen, dass dies der Spannung schadet. Aber weit gefehlt! Seaton spielt stattdessen die triumphale Karte aus, dass man wahrhaft händeringend mit Pike zu fiebern beginnt, ob er noch rechtzeitig herausfinden wird, was mit ihm getrieben wird. Dazu kommt der Faktor, dass Major Gerber verdammt überzeugend und fundiert agiert – eine faszinierende Figur, obwohl sie gezwungenermaßen auf Seiten der Deutschen arbeitet. Diesem Gerber – zumal er von dem damals in Heldenrollen erprobten Rod Taylor gespielt wird –, traut man es mehr und mehr wirklich zu, dass er Erfolg auf ganzer Linie haben könnte. Wann findet Pike heraus, was los ist? Ist es, selbst falls es ihm gelingt, dann aber vielleicht längst zu spät? Welche Konsequenzen und für wen wird all die Zeit haben, die er im Irrglauben verliert, mögen es Stunden, Jahre oder ein ganzes Leben sein – und wie viele Informationen wird er preisgeben? Wird er sich zumindest selbst retten können oder aber vielleicht opfern müssen? Fühlt man sich einmal sicher, wird der Teppich nochmals unter den Füßen weggerissen. Von mehreren Figuren wird mit gemeinen Tricks und Finten gearbeitet.

Beflügelte Leistungen, interessante Zusammentreffen

Werner Peters wird gern einmal auf seine Hauptrolle in dem DEFA-Film „Der Untertan“ (1951) reduziert – in dem Sinne, dass in Verbindung mit seinem Namen meist dieser Film genannt wird –, konstante Erfolge hatte er aber auch noch, wenn nicht sogar vor allem als Charakterdarsteller in den 60er-Jahren. Er gehört zu den prägnantesten Erscheinungen des 60er-Genrekinos der Bundesrepublik und war zudem schon seit den 50ern ein recht gefragter Synchronsprecher. In „36 Stunden“ spielte er seine vielleicht wichtigste internationale Rolle, seine größte in einem Hollywood-Film. Sie beweist, dass in ihm ähnliches Potenzial wie in Gert Fröbe schlummerte. Spannend an dieser Besetzung ist neben seiner schauspielerischen Qualität, dass Peters als seinerzeit nach wie vor in Deutschland ansässiger Schauspieler für diese Rolle engagiert und über den großen Teich geholt wurde. Dass man für eine Nebenrolle in einem damaligen Hollywood-Film einen Schauspieler aus Übersee verpflichtete, ist – von nicht-amerikanischen Darstellern mit Englisch als Muttersprache einmal abgesehen – eher ungewöhnlich. Kein Einzelfall natürlich, aber schon einer mit einem gewissen Seltenheitswert; zumindest für eine Hollywood-Produktion, die auch tatsächlich in den USA gedreht wurde. Eher war so etwas im damaligen Hollywood-Kino anzutreffen, wenn die Szenen der entsprechenden Schauspieler in beispielsweise deren Heimatländern gedreht wurden. Das war hier aber nicht der Fall. Werner Peters drehte vor Ort in den Vereinigten Staaten und synchronisierte sich für die deutsche Fassung später, zurück in Deutschland, dann selbst.

Interessant auch, dass sich hier ansonsten Jahrzehnte zuvor aus Deutschland, Österreich und Ungarn ausgewanderte deutschsprachige Schauspieler die Klinke in die Hand geben und mit Peters direkt und indirekt zusammentreffen. Celia Lovsky, Martin Kosleck, Oscar Beregi Jr., John Banner und Sig Ruman – sie alle hört man hier in der Originalfassung Deutsch sprechen. Die deutsche Synchronfassung wurde allerdings komplett synchronisiert, es wurden also auch die Szenen neu aufgenommen, die nur aus deutschen Dialogen bestehen. Das mag sich absurd anhören, ist aufgrund der Klangunterschiede zwischen Original- und Studioton aber ein aus handwerklicher und künstlerischer Sicht nachvollziehbarer Vorgang. Somit hört man die eigenen Stimmen der Emigrierten in der deutschen Fassung also leider nicht, da die Synchronfassung natürlich vollständig in Deutschland aufgenommen wurde. Verfahrensweisen wie heute, die ermöglichen, dass Dialoge einzelner Personen für eine Synchronisation durchaus auch einfach in den USA aufgenommen werden können und der Rest in Deutschland, waren damals noch nicht realisierbar. So entsteht ein Kuriosum: Während manche der deutschsprachigen Schauspieler auch englischsprachige Dialoge im Film haben, sprechen andere in der Originalfassung komplett nur Deutsch – da sie nur mit deutschen Figuren interagieren und/oder ihre Figuren des Englischen gar nicht mächtig sind –, haben in der deutschen Fassung aber dennoch eine andere Stimme. Noch kurioser allerdings ist die Originalfassung selbst – und zwar in den Momenten, wenn inmitten all der Deutschen plötzlich Schauspieler Deutsch sprechend auftauchen, denen man sofort anmerkt, dass es nicht ihre Muttersprache ist. Warum man hier nicht konsequent blieb und Deutsche oder Österreicher besetzte, ist schwer nachvollziehbar. Die amerikanischen Akzente im Deutsch stören die Glaubwürdigkeit des Films in der Originalfassung und sorgen für unfreiwillige Komik an Stellen, wo sie nicht hinpasst – nur bei Rod Taylor ist das Vorhandensein des Akzents sehr geschickt gelöst und der Wechsel zum Englischen zudem gut begründet.

Apropos Rod Taylor: Der Film glänzt, wie eingangs angedeutet, nicht nur durch seine Nebenrollen, sondern auch das Zusammentreffen zweier vorheriger Hitchcock-Stars. Rod Taylor („Die Vögel“), dem hier zweifelsohne eine der besten Darbietungen seiner Karriere gelang, merkt man in der Rolle des Majors Gerber an, dass er Freude an den darstellerischen Möglichkeiten hatte, die sich durch diese komplexe, sehr intelligente Figur eröffneten. Er spielt Gerber ausgesprochen glaubwürdig, dabei immer wieder in extremen Situationen agierend, in denen der Figur kein Fehler unterlaufen darf. Man beginnt diesen Gerber zu mögen, immer mehr treten seine Seele und Menschlichkeit zutage, aber selbst dann noch kann man ihm nicht völlig trauen. Er scheint oft allen einen Schritt voraus zu sein – Major Pike, der SS und dem Zuschauer. Und da ist zudem die sehr würdevolle Darbietung von Eva Marie Saint („Der unsichtbare Dritte“) als im KZ gepeinigte und nun zur Lüge gezwungene starke Frau, die immer wieder neue Schläge einstecken muss und angibt, das Weinen verlernt zu haben. Angenehm auch, dass zwischen ihr und Pike keine unangemessen übertriebene Liebesgeschichte übers Knie gebrochen wird. Sie kommen sich näher, aber eher emotional, nicht körperlich – keine kitschigen Kussszenen oder dergleichen.

Unnötige Kleinigkeiten

Frei von Spoilern ist dieser Abschnitt nicht. Daher in Unkenntnis des Films bitte erst ab dem nächsten Absatz weiterlesen! Im Gegensatz zu Eva Marie Saint und Rod Taylor gibt es für den dritten großen Star im Bunde, den Hauptdarsteller James Garner, der hier auch zum Produzentengespann gehörte, leichte Punktabzüge, da er, trotz sehr guter Darbietung bis über die Hälfte der Geschichte hinaus, im letzten Drittel des Films überraschend blass wird. Gen Ende wirkt „36 Stunden“ – nachdem alle Karten auf dem Tisch liegen und der Film in Folge der langen Phase der Täuschungen die Ebene hin zur Flucht wechselt – bedauerlicherweise etwas einfallslos, Pike verliert merkwürdig an Gewicht im Rahmen des Geschehens. Stattdessen gewinnt John Banner zu einem Zeitpunkt, wo es auch richtig spannend und dramatisch hätte werden können, mit seiner auf komisch gebürsteten Rolle ein wenig zu sehr die Oberhand – noch dazu gewissermaßen aus dem Nichts. Dass hier nach allen ausgelegten Fährten, den vielen Lügen und schlau gestrickten Wendungen plötzlich ein herumalbernder Wiener mit einem lockeren Zeigefinger am Abzug im Schnellverfahren Probleme zu lösen beginnt, erscheint deplatziert. Auf der Zielgeraden gehen gewisse Vorgänge in der Geschichte dann auf einmal ein gutes Stück zu einfach. Unter anderem ist es alles andere als glaubhaft, wie sich der SS-Mann zum Abschluss leichtsinnig als Zielscheibe präsentiert, da er nur noch auf die beiden Flüchtigen achtet. Sich so fahrlässig von einem permanent herumblödelnden alten Mann abknallen zu lassen, der zudem den Eindruck macht, nicht mehr ganz bei Verstand zu sein, passt nicht zu einer solchen SS-Figur – und das dann noch als Finale des Films. Aber wenigstens gibt es in der Folge eine versöhnliche, elegant und berührend gelöste Schlussszene mit Eva Marie Saint und James Garner, die diese „36 Stunden“ abrundet und verhindert, dass der Film sich, wegen einiger schier unerklärlicher Momente, nach über einer Stunde ziemlich großartigem Kino am Ende in Banalitäten verliert.

Als filmisches Bewerbungsschreiben für seine populär gewordene, ähnlich geartete Rolle in der Comedyserie „Ein Käfig voller Helden“, die auch im Jahr 1965 startete, hat „36 Stunden“ John Banner, der eigentlich Johann Banner hieß, aber vermutlich gute Dienste erwiesen, auch wenn sein Part im Gesamtbild dieses Films diskutabel ist. Es hat etwas Bemerkenswertes, dass er in der Serie, wie auch Werner Klemperer in der Rolle seines Vorgesetzten, als Mensch aus einer jüdischen Familie in einer Nazirolle auftrat und beide somit ihrer eigenen Vergangenheit Woche für Woche und Drehtag für Drehtag mit ausgesprochen viel Humor begegneten. „Ein Käfig voller Helden“ entwickelte sich in den Staaten zu einem großen Erfolg und bescherte Banner gegen Ende seines Lebens ein spätes Höchstmaß an Aufmerksamkeit, dazu Auftritte in TV-Shows und nachhaltige Bekanntheit. Leider wird der Spaßfaktor der Serie aus heutiger Sicht arg von dem hinterhältigen und besonders brutalen, noch immer erstaunlicherweise nicht abschließend geklärten Mord an dem, aufgrund seines Privatlebens sehr kontrovers diskutierten, Hauptdarsteller Bob Crane im Jahre 1978 überschattet. Sich diese Serie anzusehen, die gewissermaßen John Banners größtes Vermächtnis als Schauspieler darstellt – nachdem er sich mit „36 Stunden“ für die Rolle des Feldwebels Schultz empfohlen hatte –, hat daher einen bitteren Beigeschmack, wenn man um die Hintergründe weiß, der schwer mit der lockeren Gangart des Humors kompatibel ist. Banner, der 1973 am Tage seines 63. Geburtstages bei einem Heimatbesuch in Wiens starb, das er im Zuge seiner Flucht vor den Nazis lange Zeit nicht hatte besuchen können, erlebte das finstere Drama um Bob Crane nicht mehr.

Wir sind wieder zu langsam

In den USA wurde „36 Stunden“ schon vor mehr als zehn Jahren erstmals auf DVD herausgebracht, was Veröffentlichungen in Europa, allerdings nicht in Deutschland, zur Folge hatte. Dies ist auch insofern ärgerlich, als die Warner Brothers, bei denen die Rechte für den DVD- und Blu-ray-Vertrieb des Films liegen, zum damaligen Zeitpunkt durchaus noch aktiv darin waren, ihren Klassikern in Deutschland DVD-Veröffentlichungen zukommen zu lassen. 2017 folgte in den Staaten eine DVD-on-Demand-Neuauflage, nun gekoppelt mit einer Blu-ray, mittlerweile ist eine Direktveröffentlichung eines solchen Klassikers über Warner in Deutschland aber recht unwahrscheinlich. Man kann daher eigentlich nur hoffen, dass ein nach wie vor um Klassiker bemühtes Label irgendwann einmal Erfolg damit haben wird, die Rechte an sich zu bringen, um diesen besonderen Film wieder einem großen deutschen Publikum zugänglich zu machen. Schon allein aufgrund seiner Bedeutsamkeit hinsichtlich der vielen deutschsprachigen Schauspieler im Ensemble und aufgrund von deren denkwürdigen Lebens- und gegebenenfalls Fluchtgeschichten, nicht zuletzt weil man in diesem Film auch ungewöhnlich viele von ihnen Deutsch (miteinander) sprechen hört und weil es sich um einen recht späten Film handelt, der diverse deutschsprachige Exil-Schauspieler noch einmal versammelt. Hollywood-Produktionen mit vielen Deutschen in Nebenrollen findet man ansonsten eher im Fundus der 40er-Jahre. Diese Schauspieler aus dem Exil kennt in Deutschland heute kaum noch jemand, Anerkennung und ein kleines Denkmal haben sie aber zweifelsohne verdient. Ein solches könnte beispielsweise eine DVD-Veröffentlichung von „36 Stunden“ hierzulande sein. Dass mit dem Film schon bei seiner Produktion ähnliche Ansinnen verfolgt wurden, kann man dadurch bestätigt sehen, dass man jemanden wie Sig Ruman, der beispielsweise in „Stalag 17“ (1953) und „Sein oder Nichtsein“ (1942) deutlich größere Parts gespielt hatte, hier zumindest in einer sehr kleinen Rolle auftauchen ließ, die im Grunde jeder hätte spielen können.

Veröffentlichung (USA): 11. April 2017 als Blu-ray und DVD, 5. Juni 2007 als DVD

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: 36 Hours
USA 1964
Regie: George Seaton
Drehbuch: George Seaton, nach einer Kurzgeschichte von Roald Dahl sowie einer für die Leinwand geschriebenen Geschichte von Carl K. Hittleman und Luis H. Vance
Besetzung: James Garner, Eva Marie Saint, Rod Taylor, Werner Peters, John Banner, Russell Thorson, Alan Napier, Martin Kosleck, Oscar Beregi Jr., Sig Ruman
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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Atomic Blonde – Das coolste 80er-Jahre-Berlin-Musikvideo

Atomic Blonde

Kinostart: 24. August 2017

Von Matthias Holm

Actionthriller // Der Action-Film scheint sich in letzter Zeit in eine äußerst interessante Richtung zu entwickeln. Ja, es gibt die stupiden „Transformers“-Filme oder die „Fast & Furious“-Reihe, aber es scheinen sich immer mehr Filmemacher dem Genre aus einer anderen Richtung zu nähern. So war „Mad Max – Fury Road“ ein energetischer Wahnsinns-Trip, und jüngst verschmolz Edgar Wright mit „Baby Driver“ Musik und Bild zu einem einzigartigen Cocktail. Auch die Trailer zu „Atomic Blonde“ ließen vermuten, dass man es mit einem ähnlichen Feuerwerk an Action zu tun hat. Doch auch wenn Regisseur David Leitch fantastische Faustkämpfe und Schusswechsel auf die Leinwand zaubert, liegt der Fokus eigentlich woanders.

Willkommen in Berlin

Im Kalten Krieg wird sich absolut nichts geschenkt. Dann taucht plötzlich in Berlin eine Liste auf, die sämtliche Identitäten von Spionen beinhalten soll – sogar mancher Doppelagenten. Natürlich beginnt ein Wettrennen der Geheimdienste um diese Liste und so landet die Agentin Lorraine Broughton (Charlize Theron) in einer Stadt, die 1989 so kurz vor einem historischen Umbruch einem Pulverfass gleicht.

Berlin in den 80ern

„Atomic Blonde“ stellt seinen Stil vor alles andere. Wer bei schon bei der aus Graffiti und Neon bestehenden Titeleinblendung zu viel vom gewollten 80er-Jahre-Flair hat, sollte lieber das Weite suchen. Hier gibt es Punks und Stasi-Agenten, die zu Nenas „99 Luftballons“ durch ein graues Berlin ziehen. Der Film könnte auch problemlos in der Gegenwart einer beliebigen Stadt spielen, doch die Macher zwängen alles ins Korsett der gewählten Zeitperiode. Dadurch entsteht zwar manchmal der Eindruck eines sehr langen Musikvideos, zum Rest passt das aber allemal.

Lorraine und David Percival müssen einander vertrauen

Dabei achtet der Film deutlich mehr auf die Erzählung, als es die Trailer vermuten lassen. Wie in „Codename U.N.L.C.E.“ wird gelogen und betrogen, was das Agenten-Repertoir hergibt – nur ohne die Ironie eines Guy Ritchies. Alles ist bitterernst, der Informationskrieg wird an mehreren Fronten geführt und bei keiner Figur weiß man, ob man ihr auch wirklich trauen kann. So ergibt es sich allerdings auch, dass manche Szenen erst nach dem Abspann ihre volle Tragweite entfalten – vorher wirken sie im Filmkonstrukt eher zufällig und führen zu der einen oder anderen Länge.

Gleich wird es schmerzhaft

Doch zum Glück gibt es Charlize Theron. Bereits in „Mad Max – Fury Road“ bewies die Südafrikanierin, dass sie mit vollem Körpereinsatz bei der Action ist. „Atomic Blonde“ ist nun vollkommen auf seine Hauptdarstellerin zugeschnitten, sämtliche Bilder wurden komponiert, um Theron gut aussehen zu lassen. Das wirkt allerdings nie zu plump, auch wenn manche Posen und Outfits von normalen Personen in den 80ern wohl eher selten bemüht worden sind. Seinen Höhepunkt findet das Ganze, wenn Lorraine in einem augenscheinlichen One-Take mehrere russische Agenten niedermacht. Das ist intensiv, hart, beeindruckend – und sicherlich eine der besten Actionszenen des Jahres. Durch diesen Fokus auf die Hauptfigur geraten die durchaus namenhaften Nebendarsteller, wie James McAvoy, John Goodman oder die interessante Newcomerin Sofia Boutella („Die Mumie“, „Kingsman – The Secret Service“), etwas ins Hintertreffen, aber einen Komplettausfall gibt es nicht zu berichten. Selbst Til Schweiger bewältigt seinen kurzen Gastauftritt als zwielichtiger Uhrmacher überzeugend.

Fesselnde Agentinnen-Action

„Atomic Blonde“ ist spannendes Agentinnen-Kino mit enorm physischen Action-Einlagen. Dass die Geschichte dabei komplexer wirkt, als sie eigentlich ist und bestimmte Wendungen bereits meilenweit gegen den Wind zu riechen sind, wird durch ein unbändiges Stil-Bewusstsein und eine famose Hauptdarstellerin aufgefangen. Ganz so unterhaltsam-kreativ wie Wrights „Baby Driver“ ist David Leitchs Ausflug nach Berlin zwar nicht geworden, dennoch sollte man sich auch mal auf diesen Trip begeben.

Lorraine und die Französin kommen einander näher

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Charlize Theron sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit James McAvoy und/oder John Goodman in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Atomic Blonde
D/USA/SWE 2017
Regie: David Leitch
Drehbuch: Kurt Johnstad, basierend auf den Comic „The Coldest City“ von Antony Johnson und Sam Hart
Besetzung: Charlize Theron, James McAvoy, Eddie Marsan, John Goodman, Toby Jones, James Faulkner, Sofia Boutella
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Matthias Holm

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2017 Universal Pictures Germany GmbH</p

 

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Alfred Hitchcock (IX): Der Auslandskorrespondent – Die große Bewährungsprobe

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Foreign Correspondent

Von Ansgar Skulme

Spionagethriller // Johnny Jones (Joel McCrea) steht nach einer Handgreiflichkeit und so einigen anderen Entgleisungen unmittelbar vor seiner Entlassung beim New York Globe. Sein Chef (Harry Davenport) jedoch glaubt, in dem weltpolitisch unbedarften, aber schlagfertigen Reporter genau die richtige Lösung für ein großes Problem der Zeitung zu sehen, und zitiert ihn in sein Büro. Schon lange genügt der Auslandskorrespondent in Europa nicht mehr den Wünschen aus New York und über Nacht wird Jones der neue Mann in Übersee für den Globe. Unter dem absonderlichen Pseudonym Huntley Haverstock – immerhin kein Allerweltsname wie Johnny Jones – berichtet er direkt von der Quelle und stößt schon bald auf ein Komplott um den niederländischen Diplomaten Van Meer (Albert Bassermann). Der Zweite Weltkrieg droht unabwendbar zu werden, doch die sogenannte „Weltfriedenspartei“ unter Stephen Fisher (Herbert Marshall) scheint sich nach Kräften um eine Abwendung des Schlimmsten zu bemühen. Jedoch treiben in Amsterdam und London auch Attentäter und andere mysteriöse wie auch kuriose Gestalten ihr Unwesen und Van Meer gerät in große Gefahr. Spätestens als auch noch Fishers hübsche Tochter Carol (Laraine Day) wiederholt seinen Weg kreuzt, weiß Johnny Jones kaum noch, wo er zuerst hinsehen soll, jedoch ist Obacht geboten, da plötzlich auch sein Leben auf dem Spiel steht. Womöglich endet er ansonsten wie die Vorfahren von Scott ffolliott (George Sanders), dessen Familie ihren Nachnamen mit kleinem „f“ schreibt, weil Heinrich der VIII. einen der Ffolliotts einst hatte enthaupten lassen.

Nachdem Hitchcock 1940 mit der sehr düsteren Daphne-du-Maurier-Romanverfilmung „Rebecca“ sein Hollywood-Debüt gegeben hatte, folgte im selben Jahr mit „Der Auslandskorrespondent“ eine Produktion, deren Erzählweise und Hauptfigur wieder deutlich mehr an seine britischen Filme der Vorjahre erinnern. Es gibt einen humorvollen, selbstironischen Helden zu sehen, der mit Ernst, aber ohne Angst und Scheu bei der Sache ist, dazu vielerlei Wortgefechte und Spitzen zwischen ihm und seiner Angebeteten sowie eine reichhaltige Bande an charismatischen Verschwörern und hinterhältigen Schuften. Unter Führung eines versierten Regisseurs wie Alfred Hitchcock zeigt der Hauptdarsteller Joel McCrea hier mal so richtig, was er konnte. Bevor seine guten Rollen und Leistungen ab Ende der 40er-Jahre leider drastisch abnahmen, war McCrea zum Zeitpunkt des Drehs von „Der Auslandskorrespondent“ gewissermaßen auf dem Höhepunkt seiner Filmkarriere angelangt.

Das Bild vom hektisch durch die Lande, wenn nicht gar um die Welt reisenden Helden, der, stetig auf der Jagd nach der Wahrheit, Abenteuer besteht und sein Leben wie auch das Leben anderer verteidigen muss, verweist in Hitchcocks Gesamtwerk ebenso in seine Vergangenheit im britischen Kino wie auch in seine Zukunft in Hollywood. Oft waren diese Helden gleichzeitig unschuldig Verfolgte, im vorliegenden Film jedoch nicht. Auch typisch für Hitchcock in seinen älteren Filmen: die Verwendung von Modellen, um spektakuläre Distanzen überbrückende Kamerafahrten vorzutäuschen, wie gleich zu Anfang bei der Außenansicht des Gebäudes, in dem die Zeitungsredaktion des New York Globe sitzt.

Der typische MacGuffin

Zu den ganz populären Elementen, die Hitchcock in seinen Filmen immer wieder verwendete, zählt der „MacGuffin“. Der Begriff bezeichnet, grob zusammengefasst, ein Handlungselement, das die Geschichte des Films in Gang bringt und am Laufen hält, letztlich aber gar nicht das Herzstück der Erzählung, sondern nur Mittel zum Zweck ist. In „Der Auslandskorrespondent“ findet man eine solche Erzählstruktur: Van Meer hat ein Schreiben unterzeichnet, das eine geheime Klausel enthält, die er aber nicht preisgeben darf und will. Dieser Umstand bedingt die nachfolgenden Vorfälle im Film und interessiert sowohl den Helden als auch die Schurken brennend, jedoch ist das Ziel des Films gar nicht, das Geheimnis um den Inhalt der Klausel zu lüften – ein typischer MacGuffin. „Der Auslandskorrespondent“ zählt allerdings nicht unbedingt zu den Hitchcock-Streifen, die die Kurve vom handlungsauslösenden Element hin zu einem guten Ende abseits des MacGuffin wirklich elegant meistern. Das Finale im Flugzeug wirkt etwas aus dem Zusammenhang gerissen und reißerisch, auch wenn es immerhin insofern interessant ist, als dabei mit bestimmten Motiven bereits Hitchcocks wenig später entstandener Film „Das Rettungsboot“ („Lifeboat“, 1944) gewissermaßen angekündigt wird.

Hitchcocks vergessenes Talent

So gern man bei Hitchcock auch auf seine stilistischen Mittel der Spannungskonstruktion hinsichtlich Narration, Kameraarbeit und Schnitt achtet, zeigt „Der Auslandskorrespondent“ noch eindeutiger als viele andere Hitchcock-Filme allerdings vor allem auf, was für ein großartiger Schauspielregisseur Alfred Hitchcock gewesen ist. Joel McCrea und George Sanders eint die Gemeinsamkeit, dass sie spätestens ab den frühen 50er-Jahren nicht nur oftmals Rollen spielten, die von Film zu Film beinahe identisch wirken, was weniger an den Rollen als der Darstellung liegt, sondern auch, dass sie dabei oft recht gelangweilt erscheinen oder zumindest wirken, als würden sie ihre Figuren im Autopilot abspulen, ohne ein individuelles Interesse an einer Differenzierung der Rollen zu haben. Es birgt schon reichlich Tragik in sich, dass George Sanders nicht nur bereits in den 30er-Jahren gegenüber David Niven angekündigt haben soll, dass er im Alter einmal Selbstmord begehen würde, sondern im April 1972 dann auch tatsächlich einen Abschiedsbrief hinterließ, der mit den Worten „Dear World, I am leaving because I am bored.“ begann („Liebe Welt, ich trete ab, weil mir langweilig ist.“). George Sanders und wie er die Welt sah – freilich spiegelt sich dies auch teils in seinen Arbeiten wider. Hitchcock jedoch kitzelte aus diesen beiden durchaus talentierten, aber offenbar häufig nur schwer motivierbaren Schauspielern eine Spielfreude heraus, die beeindruckt. Oft habe ich mich gefragt, warum mir dieser Film so gut gefällt, obwohl ausgerechnet Joel McCrea und George Sanders in den Hauptrollen zu sehen sind. Die Antwort ist simpel: Sie konnten tolle Schauspieler sein, wenn sie wollten und Hitchcock wusste, wie er das bekommt. Die Szene, in der McCrea seiner Angebeteten mit Abschied droht und dann an der Tür noch einmal verharrt, weil er hofft, dass sie ihn zurückhält, und schwermütig wie zu einem Stoßgebet den Kopf gen Himmel richtet, als er glaubt, sie sagt nichts mehr, ist schauspielerisch wahrscheinlich mit das Beste, was man von ihm im Kino je zu sehen bekommen hat – und das bei einer Liebesszene. George Sanders wiederum spielt mit seiner hier sehr lässigen Präsenz und seinen frechen Sprüchen nicht nur gegen sein späteres Image an, sondern stiehlt auch einige Szenen, in denen er auftritt, selbst gegenüber dem gut aufgelegten McCrea. Witziger und dreister Höhepunkt ist eine Passage, in die er mitten hineinplatzt, als sich die Schurken gerade über den armen alten Van Meer hermachen, aber selbst da – im Angesicht des eigenen und eines alten Mannes drohenden Todes – nicht um einen flapsigen Spruch verlegen ist, ehe er schließlich mit einem wagemutigen Sprung aus dem Fenster flüchtet, nur um gemeinsam mit Verstärkung gleich wieder ins Haus zurückzurennen.

Die damals erst 19-jährige Laraine Day, die in ihrer Rolle alles andere als unerfahren wirkt, ist das ideale, unaufdringliche Pendant zu McCrea, bietet ihm Paroli, wirkt aber auch ehrlich interessiert an ihm, insgesamt glaubwürdig und vermittelt die Werte ihrer Figur plausibel. Alle drei jedoch werden von dem eloquenten Herbert Marshall übertrumpft, der seine Texte mit vereinnahmender Genauigkeit, kombiniert mit vielen mimischen und gestischen Akzenten, zu einem echten Hör- und Seherlebnis macht. Wie immer ist nichts zu merken davon, dass dieser hervorragende Schauspieler im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hatte – im Gegenteil: sein Schauspiel ist von großartiger Beweglichkeit. Die Kunst triumphiert! Marshall, der schon 1930 in „Mord“ („Murder!“) eine Hauptrolle unter Hitchcocks Regie gespielt hatte – einem Film, von dem es auch eine ebenfalls von Hitchcock inszenierte Version mit deutschen Schauspielern gibt, in der der „Metropolis“-Star Alfred Abel Herbert Marshalls Part übernahm –, wurde mit „Der Auslandskorrespondent“ nicht zuletzt auch einer der wenigen Schauspieler, die sowohl in Großbritannien als auch in Hollywood tragende Rollen in einem Hitchcock-Thriller übernommen haben. Schwierigkeiten bereiteten ihm einige Aufnahmen gegen Ende des Films, da er durch seine Kriegsverletzung nicht schwimmen konnte. Das Set musste daher seinen Bedürfnissen angepasst werden.

In allen Belangen präzise

Hitchcock baute seine Filme üblicherweise Einstellung für Einstellung zusammen, unterbrach bei der Inszenierung somit oft den Spielfluss, aber er kümmerte sich dennoch intensiv darum, dass die Schauspieler zur Geltung kamen, nur eben auf andere Weise als in den fließenden, stets den ganzen Raum einfassenden Abläufen am Theater. Hitchcock war sehr nah dran an seinen Schauspielern und an dem, was er durch sie zeigen wollte. Jede Blickrichtung in „Der Auslandskorrespondent“ sitzt mitsamt ihrer Position zur Kamera; es sind die kleinen Momente, die Pausen, mimischen Nuancen und im Gedächtnis bleibenden Gesichtsausdrücke, die vielen Figuren und Schauspielern in diesem Film eine Art von Größe geben: der Blick von Harry Davenport, als er McCrea offeriert hat, Auslandskorrespondent zu werden, mit bübischer Schadenfreude merkt, dass dieser keine Ahnung davon hat, worauf er sich einlassen wird und dies dem Zuschauer – mit dem Rücken zu McCrea – durch ein beinahe der Kamera zugewandtes Lächeln zeigt; Davenports Blick wenig später, als McCrea sogar vorschlägt, Hitler zu interviewen, woraufhin er vor Ungläubigkeit gleich zweimal hinsieht, ob dieser Reporter das gerade wirklich gesagt hat; die stoische Miene von Eduardo Ciannelli in der Rolle des mysteriösen Mr. Krug, den der Held selbst nach langer Zeit sofort wiedererkennt, ohne ihn je aus nächster Nähe gesehen zu haben, und das plötzlich hervorstechende falsche, verlogene Grinsen dieses Mannes mit dem Rollkragenpullover; der hinterhältige Blick eines Verschwörers, der offensichtlich etwas zu verbergen hat, als sich Martin Kosleck als angeblicher Obdachloser – scheinbar unbeobachtet – seine Hände im Nachhinein mit Dreck beschmiert, damit niemand merkt, dass er ein falsches Spiel treibt; nicht zuletzt das entlarvende Gesicht von dem als Attentäter angeheuerten Edmund Gwenn in der Rolle des Rowley, als er McCrea schon nach wenigen Momenten, beinahe direkt aus einem Gespräch heraus, von hinten vor ein Auto zu stoßen versucht und die Scheinheiligkeit, mit der er ihm danach wie gedruckt ins Gesicht lügt. Dazu kommen Aspekte wie der, dass Hitchcock Robert Benchley, der in der Rolle des nur Milch trinkenden Stebbins für einige humorvolle Momente sorgt, seine Dialoge selbst schreiben ließ und den schon seit Ende des 19. Jahrhunderts als Theatermime renommierten deutschen Schauspieler Albert Bassermann für die Rolle des Van Meer verpflichtete, weil er ihn bewunderte, obwohl dieser kein Englisch konnte und seine Texte – ob man es nun glaubt oder nicht – deswegen rein ihrem Klangbild nach erlernte. Verdientermaßen wurde Bassermann, der bei seiner finalen Wutrede ein finsteres, hasserfülltes, aber auch verzweifeltes Gesicht zeigt, welches man ihm in der Rolle zuvor kaum zutraut, für den Oscar als bester Nebendarsteller nominiert.

Mit all diesen Rollen hat sich Hitchcock sehr viel Mühe gegeben, sie prägnant zu gestalten, und trotz teils nur kurzer Auftritte bleiben sie im Gedächtnis. „Der Auslandskorrespondent“ ist ein Film der Gesichter, der mimischen Finessen – ein Film, der es wirklich verdient, ihn als „großes Schauspielerkino“ zu bezeichnen, auch wenn er als Thriller vielleicht nicht unbedingt das ist, was man im ersten Moment unter großem Schauspielerkino erwarten würde. Gary Cooper, der, genau wie auch Joel McCrea, in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre bereits Star einer großen Cecil-B.-DeMille-Produktion gewesen war – man kann nur spekulieren, ob dies ein Grund war, der dazu führte, dass gerade McCrea für „Der Auslandskorrespondent“ als Cooper-Ersatz verpflichtet wurde –, bereute später, dass er die Hauptrolle in diesem Hitchcock-Film abgelehnt hatte. Auch Clark Gable wollte den Auslandskorrespondenten nicht spielen, hätte in der Rolle aber wahrscheinlich auch nicht so gut wie McCrea oder Cooper funktioniert. Schade allerdings, dass es in der Folge nicht zu einer anderweitigen Zusammenarbeit zwischen Hitchcock und Cooper wie auch Gable kommen sollte. Ferner wollte Hitchcock Joan Fontaine für die weibliche Hauptrolle verpflichten, mit der er gerade erst an „Rebecca“ gearbeitet hatte, doch diese stand wie Hitchcock bei David O. Selznick unter Vertrag. Während Selznick Hitchcock für „Der Auslandskorrespondent“ an den Produzenten Walter Wanger ausgeliehen hatte, verweigerte er Fontaine dieses Leihgeschäft. Nur eine von vielen Schwierigkeiten, mit denen Hitchcock während der Produktion haushalten musste.

Große Fußstapfen, schwierige Anforderungen

Man muss „Der Auslandskorrespondent“ vor dem Hintergrund recht komplizierter Produktionsumstände einordnen. Das Werk war für ihn freilich eine weitere Chance in Hollywood, brachte Hitchcock aber auch in die Situation, einen Propagandafilm realisieren zu sollen. Vom ursprünglichen Auftrag blieb letztlich nicht mehr viel übrig – mit Ausnahme des aufgrund aktueller Entwicklungen in Europa improvisierten Endes, das fünf Tage vor der tatsächlichen Bombardierung Londons gedreht wurde, nachdem Hitchcock bei einem Besuch in England mitbekommen hatte, dass ein solcher Angriff nahte. Soweit das Finale des Films, doch Hitchcock wollte die Geschichte trotzdem so zeitlos wie möglich gestalten, was eine durchweg starke Politisierung der Inhalte ausschloss. Eine weitere Problematik war, dass der Produzent Walter Wanger eine sehr enge Bindung an den Stoff hatte, da er schon seit Jahren versucht hatte, einen Kinofilm daraus zu machen. Erst sollte der Auslandskorrespondent vor dem Hintergrund des Spanischen Bürgerkrieges agieren, schließlich bot das Europa am Beginn des Zweiten Weltkriegs eine Plattform. Insgesamt arbeiteten 14 Drehbuchautoren bis zur letztendlich realisierten Version an dem Film mit, was Hitchcock im Nachhinein nicht von der provokanten Behauptung abhielt, er hätte während des Drehs nie ins Skript geschaut. Wanger jedenfalls bestand darauf, dass auch noch während des Drehs aktuelle Entwicklungen in Europa eingearbeitet wurden, während Hitchcock – aus verständlichen Gründen – überhaupt nichts davon hielt, die Aufnahmen ohne ein fertiges Drehbuch zu beginnen, und zu Recht argumentierte, dass alles, was beim Dreh politisch aktuell sein mochte, bis zur Veröffentlichung des Films sowieso schon wieder überholt sein konnte.

Am Vorabend des großen Erfolges

Vergessen werden darf auch nicht, dass Hitchcock „Der Auslandskorrespondent“ drehen musste, ohne genau wissen zu können, wo er in den USA überhaupt stand, da sein erster und bis dato einziger Hollywood-Film „Rebecca“ erst nach dem Drehstart von „Der Auslandskorrespondent“ in die Kinos kam. Hitchcock konnte während des gesamten Drehs seines zweiten US-Films noch nicht einmal wissen, dass sein Erstling für insgesamt elf Oscars nominiert werden würde, darunter Hitchcock selbst für die Regie und seine Stars in drei von vier Schauspielerkategorien. Sein Durchbruch in Hollywood vollzog sich also erst nach Abschluss der Dreharbeiten zu „Der Auslandskorrespondent“, seines zweiten Films in den USA. Als dritter Film folgte die berüchtigte, völlig aus dem Rahmen seines filmischen Schaffens in Hollywood fallende Komödie „Mr. & Mrs. Smith“ (1941), ehe erst „Verdacht“ („Suspicion“, 1941) letztlich der erste Hollywood-Thriller des Meisters wurde, den dieser im vollen Bewusstsein drehen konnte, es in Amerika geschafft zu haben. Im Rückschluss bedeutet dies aber auch, dass Hitchcock – nach weit über einem Jahr des aufwendigen Vorlaufs mit Produktion und Veröffentlichung von zwei Filmen – schließlich das spektakuläre Kunststück gelang, bei der Oscar-Verleihung 1941 mit zwei Filmen gleichzeitig und insgesamt 17 Nominierungen anzutreten. „Rebecca“ brachte es auf elf Nominierungen und „Der Auslandskorrespondent“ auf sechs, wobei die Filme in vier Kategorien sogar beide nebeneinander nominiert waren. Ferner deckte Albert Bassermann für „Der Auslandskorrespondent“ die einzige der vier Schauspielerkategorien als Nominierter ab, in der „Rebecca“ nicht nominiert worden war. Kurzum: Präsenter, mit in fast allen Belangen erfolgreichen und als sehr gut anerkannten Arbeitsergebnissen, als Hitchcock 1941, kann ein Regisseur bei einer Oscar-Verleihung kaum sein. „Rebecca“ holte schließlich die Trophäen als bester Film und für die Schwarz-Weiß-Kameraarbeit – zwei der Kategorien, in denen beide Filme nominiert waren. In der Kategorie „Visuelle Effekte“ scheiterten beide an „Der Dieb von Bagdad“, der völlig neue Maßstäbe hinsichtlich des Einsatzes von Spezialeffekten setzte und schon allein aufgrund des Genres kaum zu schlagen war, beim Szenenbild in Schwarz-Weiß gewann „Stolz und Vorurteil“ (1940) gegen die beiden Hitchcocks. „Rebecca“ blieb der einzige Hitchcock-Film, der jemals den Oscar als bester Film gewann, Hitchcock wurde bis 1961 insgesamt fünfmal als bester Regisseur nominiert, gewann den Preis aber nie und wurde stattdessen erst bei der Verleihung 1968 mit dem „Irving G. Thalberg Memorial Award“ prämiert. Nach „Der Auslandskorrespondent“ wurde kein Hitchcock-Film jemals mehr in noch mehr Kategorien für den Oscar nominiert, vier Filme allerdings holten zumindest jeweils eine Trophäe, darunter gleich sein nächster Thriller „Verdacht“. Hier gewann nun endlich Joan Fontaine, die bereits für „Rebecca“ nominiert worden war und auf die Hitchcock für „Der Auslandskorrespondent“ gegen seinen Willen hatte verzichten müssen. Einzig „Ich kämpfe um dich“ („Spellbound“, 1945) konnte wie „Der Ausdlandskorrespondent“ noch einmal sechs Nominierungen erringen und gewann dabei den Award für die beste Musik. Wenn man die mit Nominierungen gewürdigten Werke betrachtet, war „Der Auslandskorrespondent“ also einer von Hitchcocks erfolgreichsten Filmen, zumindest was die Oscar-Verleihung anbetrifft.

Das Märchen von der verfälschten Synchronfassung

In Deutschland kam der Film, sicherlich aus politischen, den Kriegsbeginn zwischen Großbritannien und Deutschland betreffenden Gründen, trotzdem erst Ende 1961 ins Kino – unter dem Titel „Mord“, nicht zu verwechseln mit dem bereits im Text erwähnten Hitchcock-Film von 1930, in dem Herbert Marshall ebenfalls mitspielte. Diese Synchronfassung wurde spürbar um etwa 20 Minuten gekürzt – das pathetische Ende wurde dabei ausgespart –, ist ansonsten aber inhaltlich ziemlich originalgetreu. Der Film gehört wohlgemerkt nicht zu den Exemplaren, bei denen die Synchronfassung gezielt Zusammenhänge mit Nazis unterschlug, im Gegensatz zu „Berüchtigt“ („Notorious“, 1946) und dessen im wahrsten Sinne des Wortes berüchtigter erster Synchronfassung „Weißes Gift“, die aus Nazis Drogenhändler machte. Man könnte leicht dem Irrglauben unterliegen, „Der Auslandskorrespondent“ und seine Kinofassung seien ein ähnlicher Fall, doch dem ist nicht so. Schon im Original hat das Werk letztlich kaum Bezug zu Nazis – die Verschwörer sind eine internationale Gruppe von Fanatikern, die überwiegend gesprochene Sprache neben Englisch ist Niederländisch und nicht etwa Deutsch –, was die Frage aufwirft, inwiefern man hier Nazis in einer Synchronfassung überhaupt hätte verschweigen können, wo sie das Original doch nur andeutungsweise vorsieht (Mr. Krug heißt eben Krug und dass Deutschland der drohende Kriegsgegner war, ist allgemein bekannt), aber leider reden manche Leute über die Erstsynchronisation von „Der Auslandskorrespondent“ und ihren angeblich verfälschenden Charakter, ohne sie überhaupt zu kennen. Der Film wurde selbst zum Zeitpunkt seiner Erstveröffentlichung von den Nazis angeblich recht wohlwollend aufgenommen, da er sie schließlich auch kaum kritisiert, wobei das – historisch allerdings auch tatsächlich nicht korrekte – Ende aus deutscher Sicht natürlich umstritten war. Die 20 Jahre später entstandene erste deutsche Synchronfassung wurde lediglich inhaltlich gestrafft, was manchem Kritiker, der die Überlänge des Werks – mit einer Kinolaufzeit von zwei Stunden – anprangerte, eigentlich sogar zusagen müsste. Zudem kann an dieser Stelle auch einmal ganz allgemein festgehalten werden, dass Hitchcock, darauf angesprochen, sogar selbst betont haben soll, dass es für das Vorankommen einer Handlung letztlich nicht wichtig ist, ob die Schurken Nazis sind oder auch nicht. Dass Hitchcock gegen die inhaltliche „Verfälschung“ durch eine Synchronfassung wie „Weißes Gift“ nicht wirklich etwas hatte, ist im Grunde eine logische Konsequenz aus der zuvor erläuterten MacGuffin-Theorie. Es geht nur um das Vorankommen der Handlung und mag man die Filme noch so sehr politisieren wollen, ist vieles bei näherer Betrachtung eben doch nur Mittel zum erzählerischen Zweck.

Ein ordentlicher zweiter Versuch, aber …

Ab 1986 wurde „Der Auslandskorrespondent“ – diesmal nun unter dem mittlerweile geläufigen deutschen Titel – nichtsdestotrotz im Fernsehen fortan meist in einer neuen deutschen Synchronfassung und ohne Kürzungen ausgestrahlt. Diese Synchronfassung ist im Großen und Ganzen gut gelungen, bietet aber bis auf Hans Paetsch mit seiner genialen, berühmten Erzählerstimme, hier als Sprecher von Albert Bassermann, letztlich kaum Höhepunkte. In der gekürzten älteren Synchronfassung kommt man demgegenüber unter anderem in den Genuss von Harald Juhnke als Stimme von Joel McCrea. Juhnke, der damals beispielsweise die reguläre Synchronstimme von Marlon Brando war, wurde als Synchronsprecher in der Öffentlichkeit leider auch später kaum wahrgenommen, obwohl er gerade in diesem Bereich seine Wandlungsfähigkeit ganz besonders bewies. Zu schnell wird er auf seine später verstärkte Arbeit als Entertainer und immer wieder gefragte Präsenz als Schauspieler in komödiantischen Rollen festgenagelt. Auch Horst Naumann ist als kernige deutsche Stimme eine angenehme Bereicherung für den im Originalton oft etwas blasiert wirkenden George Sanders und toppt Frank Engelhardt in der zweiten Synchronfassung deutlich. Ebenso passt Wolfgang Eichberger besser für Herbert Marshall und kommt dem Charakter des Originaltons zumindest näher, als der die Rolle in der Zweitsynchro etwas zu alt und steif erscheinen lassende Thomas Reiner. Kürzungen hin oder her, hat die ältere deutsche Version also durchaus ihre Vorzüge. Am ärgerlichsten an der 60er-Jahre-Synchronfassung ist die neue Musik im Vorspann, die teilweise auch in die Handlung gemogelt wurde und leider sehr unpassend ist, weil sie dem Film musikalisch den Charakter eines 60er-Jahre-Krimis gibt.

DVD ohne die Erstsynchro

Auf DVD allerdings hat diese Fassung es bisher nicht geschafft, was für die meisten Erstsynchros von Hitchcock-Filmen gilt, die mehrmals synchronisiert worden sind – „Weißes Gift“ bildet dahingehend eine Ausnahme. Kinowelt (heute: Studiocanal) veröffentlichte „Der Auslandskorrespondent“ 2003 als Single-Edition und 2006 noch einmal im Rahmen der lohnenden „Master of Suspense“-Box gemeinsam mit sieben anderen Filmen aus dem Portfolio des Meisters. Das Bonusmaterial ist auch hier, wie bei vielen Hitchcock-Veröffentlichungen, überschaubar, aber Bild und Ton erfüllen alle Ansprüche. In den USA erschien im Oktober 2014 auch eine Blu-ray, in Deutschland bislang nicht. Sollte eine Blu-ray irgendwann kommen, wäre es erfreulich, wenn endlich auch die inhaltlich nahezu unverfälschte, lediglich stark gekürzte und musikalisch stellenweise unglückliche alte deutsche Fassung ihren Weg ins Bonusmaterial oder – kombiniert mit Untertiteln – zum Hauptfilm finden würde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 3. November 2006 als Teil der 6-DVD-Box „Alfred Hitchcock – Master of Suspense“ mit sechs weiteren Filmen, 25. März 2003 als DVD

Länge: 115 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Foreign Correspondent
USA 1940
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Joan Harrison, Charles Bennett und viele mehr, nach dem Roman „Personal History“ von Vincent Sheean
Besetzung: Joel McCrea, Laraine Day, Herbert Marshall, George Sanders, Albert Bassermann, Robert Benchley, Edmund Gwenn, Eduardo Ciannelli, Harry Davenport, Martin Kosleck
Zusatzmaterial: Produktionsnotizen, Starinfos, Trailer zu anderen Filmen
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2016 by Ansgar Skulme

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Packshot: © 2003 Studiocanal Home Entertainment, Filmplakat: Fair Use (User: Before my Ken)

 
 

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