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Der Preis – Wenn man über Nacht ein anderer Mensch wird

The Prize

Von Ansgar Skulme

Spionagethriller // Jedes Jahr werden in Stockholm die Nobelpreise vergeben. Unter den klugen Köpfen, die diesmal ausgezeichnet werden sollen, ist auch Dr. Max Stratman (Edward G. Robinson); den in Deutschland geborenen US-Bürger erwartet eine Ehrung für seine Verdienste auf dem Gebiet der Physik. Im Vertrauen trifft er einen alten Freund, doch ahnt nicht, warum dieser ihm wirklich nach Skandinavien gefolgt ist. Wenig später fallen dem designierten Literatur-Nobelpreisträger Andrew Craig (Paul Newman), der es gewohnt ist sehr genau zu beobachten, merkwürdige Veränderungen an Stratmans Verhalten auf. Der trinkfeste Schürzenjäger beginnt Nachforschungen anzustellen, doch keiner will seine Beobachtungen für bare Münze nehmen. Die mit seiner Betreuung während des Aufenthaltes beauftragte Inger Lisa Andersson (Elke Sommer) hat jedoch wohl oder übel die Pflicht, ihn zu unterstützen. Während die Puzzle-Teile langsam zusammenzupassen beginnen, wird die Zeit bis zur Preisverleihung immer knapper.

Dass das Drehbuch zu diesem Film von Ernest Lehman geschrieben wurde, der zuvor bereits das Skript für Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ (1959) verfasst hatte, überrascht angesichts etlicher Parallelen in der Erzählung und einer ähnlich schrägen Hauptfigur wenig. Dennoch ist „Der Preis“ weit davon entfernt, so etwas wie ein langweiliger Abklatsch zu sein. Paul Newman gab zuweilen an, er habe bei diesen Dreharbeiten mehr Spaß als bei allen anderen gehabt. Manchmal bewegt sich die Inszenierung recht nah am Sektor der Thrillerkomödie und die Story geht sparsamer als „Der unsichtbare Dritte“ mit Schockmomenten sowie Drahtseilakt-ähnlicher Spannung um, doch genau das gibt dem Film mitsamt dauerbetrunkenem Helden, der sich nach beinahe jeder Frau umzudrehen scheint, am Ende auch seine eigene Note.

Treffen der Generationen

Für die 1940 in Berlin geborene Elke Sommer, die sich bereits ab Beginn ihrer Filmkarriere Ende der 50er-Jahre in Produktionen verschiedener Länder versucht hatte, nachdem sie in Italien bei einer „Miss“-Wahl entdeckt worden war, wurde „Der Preis“ so etwas wie der große Durchbruch, der ihr die Tür nach Hollywood öffnete. Bei den Golden Globes 1964 zeichnete man sie für ihre Arbeit an diesem Film als vielversprechendste Newcomerin aus – gleichzeitig mit Tippi Hedren (für ihre Rolle in „Die Vögel“) und Ursula Andress (für ihre Rolle im ersten 007-Film „James Bond jagt Dr. No“). Diane Baker in der Rolle von Doktor Stratmans Nichte wurde ebenfalls für den Golden Globe nominiert, als beste Nebendarstellerin, konnte die Trophäe allerdings nicht gewinnen. Schade eigentlich, denn ihre Rolle ist eine der konturenreichsten, die der Film zu bieten hat und gemeinsam mit dem Wettstreit, den sich Kevin McCarthy und Sergio Fantoni um den Medizin-Nobelpreis liefern, so etwas wie das heimliche schauspielerische Highlight der Geschichte. Baker verlor in der „Nebendarstellerinnen“-Kategorie gegen eine gestandene Größe, die fast 50 Jahre ältere, vor allem als „Miss Marple“ populäre Margaret Rutherford, die für ihre Rolle in „Hotel International“ prämiert wurde und für ihre Leistung einen Monat später auch den Oscar gewann.

Rutherford war etwa im selben Alter wie Edward G. Robinson; dieser bog mit Filmen wie „Der Preis“ gewissermaßen auf die Zielgerade seiner Karriere ein. Er zählt zu den Schauspielern, die im Alter von rund 70 Jahren noch einmal ein neues Image für sich zu erschließen vermochten. Hatte Robinson von den 30ern bis in die 50er häufig Gangster, Schufte oder Polizisten verkörpert, hinterließ er in den 60ern und frühen 70ern schließlich auch noch einige Filme, aus denen er als großväterlicher Mann von Welt – nun mit Vollbart – in Erinnerung bleibt. Manche dieser Rollen überraschen dabei als recht sensibel, im Gegensatz zu den taffen Typen, auf die er zu seinen erfolgreichsten Zeiten spezialisiert gewesen war. Er zeigte dem Publikum gerade in seinen letzten Jahren des Öfteren sein freundlichstes Gesicht. Sinnbildlich dafür kann sein finaler Kinofilm, der futuristische „Jahr 2022 … die überleben wollen“ (Originaltitel: „Soylent Green“), der sich als zunehmend visionär herausstellt, stehen, in dem er den väterlichen Freund von Charlton Heston spielte und mit einer sehr berührenden, mit Musik von Beethoven untermalten Schlussszene die Leinwand verließ. Der Film kam erst ein Vierteljahr nach Robinsons Tod in die US-Kinos. Noch als „Soylent Green“ 2017 im Rahmen der Retrospektive auf der Berlinale gezeigt wurde, gab es Sonderapplaus, als Edward G. Robinsons Name im Abspann erschien.

Hitchcock ist ein schweres Erbe

Es sind letztlich wohl drei zentrale Aspekte, die „Der Preis“ für mich zu einem wunderbaren Kinoerlebnis machen, auch wenn die Ähnlichkeiten zu Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“ ihm bei vielen Rezensenten Minuspunkte eingehandelt haben. Da ist zum einen der sehr sympathische Umgang mit den Charakterdarstellern und deren Stärken; angefangen bei der liebenswerten Eröffnungsszene mit Hitchcock-Dauerbrenner Leo G. Carroll als Organisator der Preisverleihung sowie wenig später Karl Swenson und John Qualen als lustige Hotel-Pagen. Veredelt wird dieser angenehme Eindruck vom Schauspieler-Team durch die internationale Zusammensetzung des Ensembles, auch über die Charakterdarsteller hinaus, das neben Elke Sommer und Sergio Fantoni beispielsweise auch Gérard Oury, Sacha Pitoëff und Micheline Presle aus dem Hut zaubert, statt sich im Wesentlichen mit amerikanischen und britischen Schauspielern zu begnügen.

Dann ist da eben diese denkwürdig-versoffene Darbietung von Paul Newman, der dem von ihm gespielten Autor letztlich auch eine angenehm selbstironische Note verleiht. Immer wieder enttäuscht dieser Held des Films die Erwartungen der High Society, innerhalb derer er sich bewegt, und demontiert das glorifizierende Bild, das die Leute von ihm haben und aufrecht zu erhalten versuchen, gewissermaßen kontinuierlich absichtlich. In diesem Andrew Craig stecken ein Hauch Cary Grant zwischen „Der unsichtbare Dritte“ und „Arsen und Spitzenhäubchen“, ein Hauch Philip Marlowe, ein Hauch Inspektor Columbo, ein Hauch James Bond und ein Hauch ganz normaler Mensch von nebenan. Er meistert seine Actionszenen glaubhaft, zeigt Ängste und körperliche Schwächen. Die Etikette der Gesellschaft, die ihn feiert, ist ihm ziemlich schnuppe – ein Funken vom „Dude“ aus „The Big Lebowski“ scheint ihn ebenfalls schon zu umtreiben.

Und nicht zuletzt empfand ich insbesondere die letztendliche Auflösung und Demaskierung in gewisser Weise als besondere Errungenschaft im Sinne eines inszenatorischen Kniffs. Hier wurde sehr geschickt damit gespielt, dass so eine frühzeitig als solche deutlich werdende Doppelrolle auf den ersten Blick natürlich sehr unglaubwürdig wirken kann und deswegen für den Zuschauer vielleicht sogar enttäuschend sein mag. Doch wie des Öfteren einmal, wenn man klassische Filme vorschnell in die „Altbacken“-Schublade zu stopfen versucht, kommt es auch hier anders als man denkt, obwohl zunächst eigentlich alles recht klar gestrickt zu sein scheint. In dem Moment, als man am wenigsten damit rechnet, und eigentlich nur noch einen finalen Showdown und ein wenig Action erwartet, vollzieht der Film einen cleveren Twist, mit gut ausgewählten Gesichtern, der die Geschichte für ein paar Figuren emotional noch einmal auf den Kopf stellt.

Besonderheiten der deutschen Synchronfassung

Die deutsche Version von „Der Preis“ beinhaltet einen der letzten großen Auftritte von Walther Suessenguth, dem damaligen Stammsprecher von Spencer Tracy und Maurice Chevalier, der hier als Stimme von Edward G. Robinson zu hören ist. Suessenguth starb Ende April 1964, kaum mehr als einen Monat nach der Deutschlandpremiere des Films. Robinson wurde von Mitte der 50er bis Mitte der 60er überwiegend von Alfred Balthoff gesprochen, MGM jedoch verfügte über ein eigenes Synchronisationsatelier in Berlin und ist dafür bekannt, dass man damals häufig mit den Besetzungskontinuitäten aus Filmen anderer Studios brach und stattdessen eigene Varianten etablierte. Suessenguth hatte Robinson zuvor auch schon in „Zwei Wochen in einer anderen Stadt“ (1962) gesprochen – ebenso ein MGM-Film. Nach Suessenguths Tod setzte MGM zunächst gleichfalls auf Balthoff, der sich jedoch wenige Jahre später vom Synchronisieren zurückzog.

Eine typische MGM-Besetzung war zudem der Einsatz von Wolfgang Kieling für Paul Newman. Bei sonstigen Studios wurde Newman schon damals meist von Gert Günther Hoffmann synchronisiert, MGM jedoch übertrug diese Aufgabe bis „Der Preis“ an Kieling (z. B. auch in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“). Wolfgang Kieling hatte seinen ersten Auftritt für Newman in den 50ern allem Anschein nach allerdings etwas früher als Hoffmann, der zudem gerade in den 60ern Stammsprecher diverser anderer Stars war, weshalb ein wenig Abwechslung, wie hier, prinzipiell nicht zu verachten ist. Bei MGM wurde Kieling auffallend häufiger als bei anderen Studios als Stammsprecher von Stars etabliert, so zum Beispiel ebenfalls für Kirk Douglas und Glenn Ford. Mitte der 60er machte sich Kieling im Synchronstudio etwas rarer und scheint sich vermehrt auf eigene Arbeiten vor der Kamera konzentriert zu haben, was wiederum zu etlichen Synchronarbeiten für seine eigenen Rollen in internationalen Produktionen führte. Dies war vermutlich einer der Gründe, warum er Kirk Douglas und Paul Newman ab diesem Zeitraum nie mehr synchronisierte. Das Brechen von MGM mit sonst üblichen Stammbesetzungen befördert natürlich das etwas verwirrende Phänomen, dass man teilweise die sonst gewohnten Sprecher in anderen Rollen oder gar im Dialog mit ihren angestammten Stars hört – so kommt es beispielsweise auch in „Der Preis“ zu einem Dialog zwischen Paul Newman mit der Stimme von Wolfgang Kieling und Gert Günther Hoffmann in einer kuriosen Rolle als Redner eines Nudisten-Kongresses. Besonders irritierend, wenn eine der Figuren in so einer Situation mit dem Rücken zur Kamera steht oder aus dem Off spricht, während man die gewohnte Stimme hört, bewusst oder unterbewusst erkennt und sie dann spontan richtig zuordnen muss. Wolfgang Kieling und Paul Newman trafen sich nach „Der Preis“ in einer sehr berühmten Szene wieder – bedenkt man die vielen Hitchcock-Anleihen in „Der Preis“, dem letzten Film in dem Kieling also die Stimme von Paul Newman war, umso amüsanter, dass dieses Wiedertreffen ausgerechnet in einem Hitchcock-Film stattfand. Gemeint ist selbstverständlich „Der zerrissene Vorhang“ (1966), mit seiner legendären, vielzitierten Todeskampf-Szene zwischen Kieling und Newman.

Elke Sommer sprach sich in „Der Preis“ selbst – ausnahmsweise einmal, könnte man beinahe sagen. Wie es scheint, versuchte sie sich hier auch zum ersten Mal daran; ein vorher datierender Einsatz ist mir nicht bekannt. Man merkt ihrer Betonung allerdings an, dass sie damit wenig Übung hatte. Sie wurde häufig von anderen Sprecherinnen synchronisiert. Es gab sie, die Schauspieler, denen das Synchronisieren einfach nicht lag oder keinen Spaß machte. Zudem konnte es bei Vielreisenden auch zum Terminproblem werden. Heute werden Synchronschauspieler im Normalfall getrennt voneinander aufgenommen und somit ist auch das Aufzeichnen einzelner Rollen in anderen Städten oder Ländern letztlich kein großes Problem, aber damals stand man beim Synchronisieren gemeinsam im Studio. Dass ein deutscher Star über den eigenen Kopf hinweg bis hin zu Synchronarbeiten an deutschen Produktionen mit internationaler Besetzung unfreiwillig der eigenen Stimme beraubt wurde, dürfte hingegen als eher unwahrscheinlich zu bewerten sein.

In den USA läuft der Vertrieb der Blu-ray und DVD des Films über die Warner Brothers. Bleibt nun die Frage, wer sich dieser Aufgabe in Deutschland annehmen wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mark Robson haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Paul Newman unter Schauspieler.

Veröffentlichung (USA): 15. Januar 2019 als Blu-ray, 1. August 2011 als DVD

Länge: 134 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: The Prize
Deutscher Alternativtitel: Kein Lorbeer für den Mörder
USA 1963
Regie: Mark Robson
Drehbuch: Ernest Lehman, nach einem Roman von Irving Wallace
Besetzung: Paul Newman, Elke Sommer, Edward G. Robinson, Diane Baker, Micheline Presle, Gérard Oury, Sergio Fantoni, Kevin McCarthy, Leo G. Carroll, John Wengraf
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer / Warner Bros.

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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James Stewart (V): Geheimagent des FBI – Mit dem Holzhammer und doch gelungen

The FBI Story

Von Ansgar Skulme

Spionagedrama // John Michael Hardesty (James Stewart), den seine Freunde alle nur „Chip“ nennen, blickt auf eine jahrzehntelange Laufbahn als FBI-Agent zurück. Mittlerweile hat er einen Status erreicht, mit dem er Vorträge vor dem interessierten Nachwuchs halten kann. Junge Menschen blicken zu ihm auf und wollen von ihm lernen. Es gibt viel zu erzählen aus seinem Leben: von zahlreichen Begegnungen mit teils berühmten, teils weniger populären Kriminellen, von strategisch komplizierten verdeckten Ermittlungen und von im Hintergrund detailliert vorbereiteten Einsätzen. Aber auch von aufopferungsvollen Kollegen wie Sam Crandall (Murray Hamilton) oder den Entbehrungen, die der Job und die häufigen Einsatzortswechsel Hardestys Familie immer wieder abverlangten – allen voran seiner Frau Lucy (Vera Miles).

Familie Hardesty ist häufige Wohnortwechsel gewohnt

Strenggenommen ist „Geheimagent des FBI“ ein lupenreiner Propaganda-Film, der von J. Edgar Hoover höchstpersönlich vorangetrieben wurde, um Werbung für das seit 1924 von ihm geleitete FBI zu machen – das zwar bis 1935 zunächst anders hieß, aber trotzdem schon rund zehn Jahre die Handschrift von Hoover trug, ehe es schließlich den Namen FBI erhielt. Unfair allerdings wäre, Hoover vorzuwerfen, „Geheimagent des FBI“ gewissermaßen mit kühler Berechnung auf das Publikum losgelassen zu haben. Vielmehr ist durchaus glaubwürdig, dass es dem eingefleischten, stark von sich selbst eingenommenen Landesdiener Hoover tatsächlich eine durchaus emotionale Herzensangelegenheit war, einmal einen solchen Film über sein Lebenswerk zu drehen. Mag man seine Weltsicht nun teilen oder auch nicht. Beim Dreh einer Szene, in der einer der Agenten erschossen wird, soll Hoover angeblich sogar geweint haben – jedoch ist umstritten, wie sehr dies Promotionszwecken diente.

Lass das mal die Mama machen!

Betont werden muss, dass freilich versucht wurde, ein paar rückblickend sehr fragwürdige Operationen unter Hoovers Ägide in einem besseren Licht beziehungsweise als besondere Erfolge dastehen zu lassen, die sie eigentlich nicht waren. Beispielsweise ist aus heutiger Sicht kaum stichhaltig nachzuweisen, dass „Ma“ Barker wirklich das durchtriebene kriminelle Planungsgenie, dieser rücksichtslose weibliche Verbrecherleitwolf war, als der sie in die Geschichte einging. Als wahrscheinlicher gilt, dass dieses Image vom FBI um J. Edgar Hoover ersponnen wurde, um im Nachhinein die Tötung einer alten Frau rechtfertigen zu können. Die kuriose Aussage des Bankräubers Harvey Bailey, der Ma Barker gut kannte und zu ihrem Status als angebliche Drahtzieherin kommentierte, dass Ma Barker nicht einmal ein Frühstück hätte planen können, sei in diesem Zusammenhang einfach mal in den Raum gestellt. Angeblich wurde sie, wenn immer es ernst wurde, von den Kriminellen in ihrem Umfeld am besten ins Kino oder sonst irgendwie aus dem Weg geschickt. Demnach diente sie viel eher der Tarnung der Bande, als fürsorgliche Mutter im Vordergrund, die auch nicht so genau wusste, was drumherum wirklich vor sich ging, und war keineswegs das kaltherzige, durchtriebene Mannweib, das sogar die eigenen Kinder zu Verbrechen anstiftete, wie später häufig – auch in anderen Filmen – Glauben gemacht wurde. Wer weiß, in welcher Mitte genau die Wahrheit liegt.

J. Edgar First

Am Set war die Hierarchie klar geregelt: J. Edgar Hoover überwachte die Produktion des Films persönlich oder durch Mittelsmänner, wählte James Stewart persönlich für die Hauptrolle aus, veranlasste einen Nachdreh einer Szene, weil ihm ein einziger Statist nicht zusagte, schritt auch darüber hinaus wiederholt ein, wenn ihm Inhalte nicht gefielen, und stellte kontinuierlich zwei FBI-Agenten für das Set ab, die aufpassten, was vor sich ging und gegebenenfalls natürlich auch als Berater taugten. Als Vorlage diente das Buch „The FBI Story“ von Don Whitehead aus dem Jahr 1956, auf dessen Cover in den Film-Credits zudem grafisch Bezug genommen wird. Doch ein mit „FBI Story“ betitelter Roman aus dem Jahre 1950, aus der Feder eines unter dem Namen „The Gordons“ firmierenden Autoren-Ehepaares wurde schließlich Gegenstand eines Rechtsstreits, der zugunsten des Schreiberpärchens ausging. Was so eine Buchvorlage oder auch zwei oder drei am Ende des Tages noch an inhaltlicher Relevanz haben, wenn sich jemand wie J. Edgar Hoover sowieso ständig in die Produktion mischt und gewissermaßen das Druckmittel benutzt, dass ohnehin niemand noch mehr „aus erster Hand“ berichten kann als er selbst als Chef der Organisation, von der der Film handelt, ist allerdings so eine Sache. Zumal Hoover auch sehr unliebsam werden konnte, wenn man sich ihm in den Weg stellte – und als FBI-Chef natürlich über reichhaltige Möglichkeiten verfügte, jemandem das Leben schwer zu machen. Das Sammeln von Informationen über hohe Tiere, welches gegebenenfalls in Erpressung selbiger mündete, zeigte sich hierbei als erstaunlich salonfähig. Nicht einmal vor dem Regisseur des Films, Mervyn LeRoy, machte Hoover mit derartigen Mätzchen Halt. Er setzte ihn unter Druck und machte deutlich, wenn nötig mit Dreck um sich werfen zu wollen, ehe er „Geheimagent des FBI“ schließlich so gebogen hatte, dass er ihn fürs Kino abzusegnen bereit war – obwohl beide eigentlich privat befreundet waren, was auch glaubwürdig ist, da LeRoy den Vertrauensjob andernfalls wohl kaum bekommen hätte.

Auf Waffen muss das FBI eine Weile warten – aber dann …

Somit kann man letztlich im Umkehrschluss die Frage stellen, ob es nicht umso bemerkenswerter ist, dass es selbst J. Edgar Hoover nicht gelungen ist, diesen Film so richtig unfreiwillig komisch oder einfach völlig unglaubwürdig und somit schlicht kaputt zu machen? Denn „Geheimagent des FBI“ ist über mehr als zwei Stunden ein durchaus unterhaltsamer, bunter und spannender Genre-Mix mit wenigen einigermaßen großen Rollen, dafür aber sehr vielen verschiedenen Akteuren, die das Werk abwechslungsreich halten. Ein Film, bei dem das Erzähltempo und die Zahl der Schauplatzwechsel für die doch recht lange Distanz einfach sehr gut getroffen wurden. Ein Film, den ich sogar als recht kurzweilig bezeichnen würde, was bei über 140 Minuten Laufzeit kein Selbstläufer ist. Und ein Film, der visuell schön altmodisch angelegt wurde, die Vorzüge atmosphärisch ausgeleuchteter Studioaufnahmen als Ersatz für das Drehen im Freien schön zur Geltung bringt und genauso viel Spaß macht wie LeRoys wenig später, mit Frank Sinatra und Spencer Tracy in den Hauptrollen, erschienener bunter Abenteuerstreifen „Der Teufel kommt um vier“ (1961), der filmästhetisch die eine oder andere nette Gemeinsamkeit mit „Geheimagent des FBI“ aufweist.

Einmal Eintopf mit allem, bitte!

Diese „FBI Story“ mischt in episodenhafter Erzählstruktur Schauplätze und Figuren des Neo-Westerns, in dem bereits Autos fahren, aber noch von alteingesessenen Indianern berichtet wird, mit Stil- und Handlungselementen des Kriegsfilms, des exotischen Abenteuerfilms, des Familienmelodrams, des Gangsterfilms und natürlich des Spionage- und Agentenfilms. Zudem lässt James Stewart in der Hauptrolle auch den Humor beileibe nicht zu kurz kommen. J. Edgar Hoover war es bei der Besetzung besonders wichtig, einen so positiv wirkenden Star als Zugpferd zu haben. Die implizite Botschaft „Beim FBI kannst du alles machen, was du als kleiner Junge immer werden wolltest!“ bringt der Film dementsprechend recht gut an den Mann. Egal ob man nun Agenten, Soldaten, Polizisten, Dschungel-Abenteurer oder Cowboys und Indianer zum Kinderfasching oder auch später noch besonders gern mochte, dürfte „Geheimagent des FBI“ das Kind im Manne doch bei etlichen erreichen und damit auch über einen konsequenten Mangel an Objektivität in der Handlung erfolgreich hinwegtäuschen. Hier wird am Ende eben gut gemachtes Popcorn-Kino als eine Art Wochenschau-Tatsachenbericht mit Schauspielern verkauft, was natürlich albern ist, aber an den Schau- und Unterhaltungswerten des Films nichts ändert.

Chips bester Freund Sam Crandall will ihn nicht vom FBI weglassen

Nicht zuletzt beweist der Regisseur Mervyn LeRoy, der schon mit Projekten wie „Der kleine Caesar“ (1931), „Ich bin ein entflohener Kettensträfling“ (1932), „Madame Curie“ (1943) und „Quo Vadis“ (1951) Meilensteine der Filmgeschichte erschaffen hatte, einmal mehr, dass er zu den am wenigsten auf irgendein Genre festgelegten großen Hollywood-Regisseuren der damaligen Zeit zählte und ebenso episch wie spannend auch über lange Laufzeiten erzählen konnte, praktisch egal welchen Stoff man ihm vorlegte. Angefangen bei einem fesselnden Intro, das in „Geheimagent des FBI“ schon fast die halbe Miete ist, wenn es darum geht, den Zuschauer zu gewinnen – und das sehr klug mit dem Einsatz der eröffnenden Credits abgestimmt ist. Aus heutiger Sicht steht LeRoy etwas im Schatten von Namen wie William Wyler, John Ford, Cecil B. DeMille, Howard Hawks, Billy Wilder und John Huston – zu Unrecht!

Pidax schließt mal wieder Lücken

Man hätte ja fast meinen können, dass zumindest von John Wayne und James Stewart nunmehr so ziemlich jeder Film, wenigstens der 50er-Jahre, auch in Deutschland auf DVD erschienen ist. Doch diese Rechnung ist zumindest schon einmal ohne ihre Propaganda-Streifen – und ein paar andere Filme – gemacht. Ob es Zufall ist, dass dem hiesigen Publikum bisher gerade John Waynes Anti-Kommunisten-Entgleisung „Marihuana“ und James Stewarts Pro-Hoover-Statement „Geheimagent des FBI“ vorenthalten wurden? Wenn ja, dann zumindest ein großer. Beide Filme eint die Gemeinsamkeit, dass sie unterhaltsam und filmästhetisch ansehnlich sind, wenn man ihre Intentionen ausblendet, was bei Waynes „Marihuana“ durch die deutsche Synchronfassung erleichtert wird und bei Stewarts „Geheimagent des FBI“ ein Stück weit durch die Kürzungen in der deutschen, gegenüber der rund 20 Minuten längeren englischsprachigen Fassung. Wobei es auch nicht so ist, dass die in der deutschen Fassung geschnittenen Szenen allesamt besonders pathetisch sind. Doch gekürzt ist der Film automatisch weniger episch, da weniger lang, und somit fällt auch die Glorifizierung des FBI automatisch ein wenig harmloser aus.

Der Vater hat wenig Zeit, aber seine Kinder brauchen ihn trotzdem

Allerdings muss man natürlich auch sehen, dass die Lobhudelei aus heutiger Sicht ohnehin kaum noch den gewünschten Anklang finden wird. Ein eindimensionales, angestaubtes Loblied auf das FBI in den falschen Hals zu bekommen und bierernst für bare Münze zu nehmen, dürfte dem heutigen deutschen Publikum erheblich schwerer fallen als einen anti-kommunistischen Hetzfilm wie „Marihuana“ als Alternative für irgendwas aufzufassen, der mit seinen ursprünglichen Intentionen heute sicher immer noch genügend stammtischaffine Fürsprecher fände. So gesehen ist es zu begrüßen, dass Pidax diese moralisch sicher streitbare, aber künstlerisch und mit Blick auf Spannung und Unterhaltungswert vollauf sehenswerte „FBI Story“ endlich aus der Mottenkiste gekramt hat – und in der ungekürzten Version, mit untertitelten Szenen sowie den üblichen Pidax-Extras für rare Klassiker veröffentlicht.

Die Stimme in Berlin verloren

Die deutsche Synchronfassung bietet übrigens die Besonderheit, dass hier nicht Siegmar Schneider als Stimme von James Stewart zu hören ist, der vor allem in Filmen von 1953 bis 1958 beinahe exklusiv für Stewart im Einsatz war, aber auch schon vorher in berühmten Western wie „Winchester 73“ (1950) und „Meuterei am Schlangenfluss“ (1951). Von 1959 bis 1961 klafft allerdings eine kurze Lücke, ehe Schneider ab 1962 dann bis weit in die 70er-Jahre hinein wieder regelmäßig zum Einsatz kam – und vereinzelt auch noch darüber hinaus. Von den Hitchcock-Filmen „Vertigo“ (1958) und „Cocktail für eine Leiche“ (1948) gibt es sogar jeweils zwei Synchronfassungen, in denen Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist – die erste aus den 50ern bzw. 60ern und die letzte in beiden Fällen aus den 80ern –, wobei von „Vertigo“ heute kurioserweise die dritte Synchronfassung am bekanntesten ist, in der man nicht Siegmar Schneider, sondern Sigmar Solbach („Dr. Stefan Frank“) hört. Wie paradox Synchron manchmal sein kann, zeigt sich zudem daran, dass von dem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950) wiederum zwar auch zwei Synchros existieren, wobei aber nicht einmal die zweite Fassung mit Schneider für James Stewart aufwartet – was natürlich mit dem Stimmalter des Sprechers gegenüber dem Zeitpunkt des Filmdrehs begründet werden kann, das bei den verspäteten Hitchcock-Synchros allerdings auch kein Hindernis war.

Auch beim FBI wird immer Nachwuchs benötigt

Als Ersatz in der Phase, als die 50er gerade von den 60ern abgelöst wurden und Siegmar Schneider, aus mir nicht gänzlich bekannten Gründen, plötzlich mehrfach nicht für James Stewart besetzt wurde, fungierten Hans Nielsen, Wolfgang Lukschy und im vorliegenden „Geheimagent des FBI“ Friedrich Schoenfelder, der seine Sache ziemlich gut macht und sich eng an das manchmal stimmlich – nicht nur in dieser Rolle von James Stewart – durchaus schräge Original zu halten versucht. Auffällig ist, dass auch in dem kurz vorher entstandenen Warner-Film „Lindbergh – Mein Flug über den Ozean“ (1957) nicht Siegmar Schneider für James Stewart zu hören ist, sondern stattdessen Peter Pasetti, was seinerzeit gewissermaßen der erste Bruch zur Kontinuität seit Jahren war. Das lässt sich in dem Fall allerdings damit erklären, dass man „Geheimagent des FBI“ und „Lindbergh“ in München synchronisieren ließ, während die Stewart-Filme mit Siegmar Schneider standardmäßig in Berlin aufgenommen wurden – im Verlauf der 60er kam Schneider dann in Berlin auch bei Warner für James Stewart zum Einsatz. Die anderen drei Filme aus dem Fenster von 1959 bis 1961, in denen Siegmar Schneider neben „Geheimagent des FBI“ nicht zu hören ist, wurden allerdings nicht von Warner, sondern Columbia verliehen, und in Filmen dieses Verleihs hatte man Schneider auch schon zuvor durchaus für Stewart besetzt – zudem entstanden diese Synchronfassungen 1959, 1960 und 1961 alle drei in Berlin. Wodurch genau sich hier Schneiders Abwesenheit erklären lässt, bleibt für mich offen. Erfreulich, dass danach der Weg zurück gefunden wurde.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Vera Miles haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit James Stewart unter Schauspieler.

Spaß muss sein – sonst wird der Verbrecherjäger-Alltag trist

Veröffentlichung: 11. Oktober 2019 als DVD

Länge: 142 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für die nicht synchronisierten Szenen
Originaltitel: The FBI Story
USA 1959
Regie: Mervyn LeRoy
Drehbuch: Richard L. Breen & John Twist, nach einer Vorlage von Don Whitehead
Besetzung: James Stewart, Vera Miles, Murray Hamilton, Larry Pennell, Diane Jergens, Joyce Taylor, Buzz Martin, Nick Adams, Paul Genge, Victor Millan
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 5204
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Szenenfotos © 2019 Pidax Film

 

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Inferno – Jules Verne, James Bond und Joe McCarthy

Hell and High Water

Von Ansgar Skulme

Kriegs-Spionagethriller // Angesichts einer wachsenden nuklearen Bedrohung nimmt ein Team um den Wissenschaftler Montel (Victor Francen) im Sommer 1953 privat finanziert alle denkbaren Risiken auf sich: In einer abgelegenen Inselregion Asiens bereiten die Chinesen offenbar einen Atombombenabwurf vor. Unklar ist allerdings, was genau vor sich geht, ebenso das Ziel des Anschlags. Professor Montel will daher gemeinsam mit seiner Assistentin (Bella Darvi) vor Ort herausfinden, was los ist. Er und der organisatorische Leiter der Expedition, Fujimori (Richard Loo), engagieren den früheren US-Navy-Offizier Adam Jones (Richard Widmark), um mit einem alten japanischen U-Boot und einer überwiegend nach den Wünschen des kommandierenden Offiziers zusammengestellten Besatzung ins Feindesland aufzubrechen.

Dicke Luft in den Tiefen des Meeres

Rot ist hier leider nicht nur die atmosphärische nächtliche Beleuchtung im U-Boot, sondern auch das Feindbild, auf das der Film Jagd macht. „Inferno“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass man im Kino immer wieder zwischen ästhetischem und/oder erzählerischem Funktionieren, wenn nicht gar Brillieren, sowie inhaltlich-thematischer Relevanz unterscheiden muss. Ich mag diesen Film sehr gern und hatte ihn mir auch schon aus jungen Jahren in bleibender Erinnerung bewahrt, weil er sowohl spannend als auch visuell ansehnlich inszeniert und mit charismatischen, guten Schauspielern besetzt ist und zudem spektakuläre, im Gedächtnis bleibende Explosionen sowie dynamisch inszenierte Feuergefechte zeigt. Politisch jedoch ist er hanebüchen flach und naiv – was mir heute natürlich weit mehr als früher auffällt.

Du bist schuld! Nein, du!

Die Oscar-Nominierung für die Spezialeffekte gab es zu Recht – und das ist auch nicht der einzige hervorragende Aspekt an diesem von Samuel Fuller als Gefallen für 20th-Century-Fox-Legende Darryl F. Zanuck inszenierten Projekt. Auf eine Art tragisch allerdings ist, dass „Inferno“ somit eine Art Gegenleistung Fullers dafür war, dass Zanuck ihn gegenüber FBI-Chef J. Edgar Hoover verteidigt hatte, weil diesem Fullers „Polizei greift ein“ (1953) – ebenfalls mit Richard Widmark in der Hauptrolle – nicht patriotisch und vor allem FBI-freundlich genug war und Hoover in Fullers Arbeit schon damals offenbar generell zu viele eher linke Tendenzen sah. Zanuck nahm Fuller daraufhin in Schutz und so wollte dieser ihm den Wunsch nicht abschlagen, „Inferno“ zu inszenieren, wenn er denn wenigstens maßgeblich das ursprüngliche Drehbuch umgestalten durfte.

Widerstand gegen die Feindesgewalt

Bedeutet im Rückschluss: Fuller inszenierte einen antikommunistischen Film wie „Inferno“, der den Kommunismus – oder um im Jargon des Films zu bleiben: die „Roten“ – pauschal und ohne Gründe zu nennen als gesichtsloses Feindbild darstellt, das zu äußersten Mitteln zu greifen bereit ist. Und das als Dank dafür, dass Zanuck ihn vorher Filme hatte machen lassen, die tendenziell eher das Gegenteil aussagten und zumindest keine Werbung fürs Vaterland in dem Sinne waren, wie es der FBI-Chef am liebsten gesehen hätte; und als Dank dafür, dass Zanuck diese Projekte sogar gegenüber Hoover verteidigte. Spätestens am Set von „Inferno“ hätte Fuller durchaus die Zeichen der Stunde anders verstehen können, denn dort erfuhr er, dass er für „Polizei greift ein“ mit dem Bronzenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet worden war (ein Goldener Löwe wurde bei dieser Preisverleihung nicht vergeben, nur silberne und bronzene) – mochte J. Edgar Hoover den Film nun verabscheut haben oder nicht. Trotzdem aber geriet Fullers erster Film nach der Auszeichnung von Venedig dann zum antikommunistischen Reißer – ein „Inferno“ also in jedem Fall, auf welche Art nun auch immer man es betrachtet.

Fullers Richtungswechsel wirkt zumindest auf den ersten Blick ein wenig enttäuschend – wie ein Hürdenläufer, der sich nach Überwinden aller Hindernisse auf der Zielgeraden plötzlich zum Umkehren entscheidet, obwohl er eigentlich schon durch war. Die Frage „Warum das denn jetzt eigentlich, Herr Fuller?“ schwebt ein wenig über diesem Film, vor allem, da das Drehbuch ja entscheidend von Fuller überarbeitet werden durfte und Zanuck demnach gar nicht einmal besonders repressiv war. Dass es überdimensionale Feinde geben muss, wenn man einen Film über eine Atombombe dreht, finde ich sogar noch nachvollziehbar, und da alle dementsprechenden Feinde der USA damals (angebliche) Kommunisten waren – sei es drum. Enttäuschend aber ist vor allem die Profil- und Motivlosigkeit des Gegners, die dieser Film suggeriert. Da sind eben irgendwo „drüben“ einfach Böse, die einfach nur böse sind und Amerika schaden wollen – wer genau das ist oder warum das Ganze, bleibt ziemlich unklar. Als ob es rein mordlustige Wesen ohne jegliche Ideale und Überzeugungen wären, die auch für keinen Zweck agieren, sondern aus reiner Boshaftigkeit. Es lässt sich in groben Umrissen natürlich ableiten und erschließen, auf wen der Thriller hinaus will beziehungsweise wen er alles meinen könnte, Gesichter oder Gemeinte kann man auch erahnen, ohne sie wirklich zu sehen, aber insbesondere die Motive des Feindes werden quasi so gut es geht ausgespart und der Film bleibt konsequent das Gegenteil von konkret oder von stichhaltig – nämlich erschreckend oberflächlich und pauschal. Entscheidend ist offenbar nur: Amerika ist in Gefahr und muss beschützt werden und alle, als deren Beschützer Amerika sich sieht – egal warum eigentlich, aber dafür um jeden Preis. Da kommen Weltbilder zum Vorschein, die es den gebildeten Zuschauer angst und bange werden lassen können. So als ob jemand einem kleinen Jungen dessen Schokoriegel weggenommen hätte – aber wer es war, weiß er nicht. Und dann fängt er eben einfach an zu weinen und wettert pauschal gegen alle, die in Frage kommen, und wenn man ihn jetzt nicht gleich in Ruhe lässt, dann nimmt er Rache. Tiefgang sieht wirklich anders aus. In Frankreich – wohlgemerkt der Heimat der Figur Professor Montel im Film – war „Inferno“ aufgrund seiner politischen Marschroute sogar für eine Weile verboten und wurde, wie aus der Begründung hervorgeht, ähnlich wie sowjetische Propaganda-Filme auf der Gegenseite behandelt beziehungsweise auf Augenhöhe mit diesen angesiedelt.

Meine Hobbys sind: Kernkraft, Atombomben, U-Boote und Flugzeuge

Ein bisschen sieht man von den „Roten“ aber schon. Ein paar Schergen sieht man, wie sie sich beim Belauschen zusammenrotten, dann sind da ein paar herumballernde Angreifer, die man kaum erkennt, die zudem genau dann angreifen, als der Professor gerade vom Willen zum Dialog redet, und einen Gefangenen sieht man noch, der brutal einen Wehrlosen angreift – dieser ist die Figur, von der man auf Seiten des Gegners noch am meisten hört und erkennen kann –, Gehaltvolleres ist da aber einfach nicht. Zum Glück kann „Inferno“ handwerklich und künstlerisch weit mehr, als er mit seiner tapsigen Naivität auf der politischen Ebene draufhat. Die asiatischen Kommunisten sind hier in diesem Genre, zumindest in diesem Film, gewissermaßen das, was im Western die Indianer sind, wobei man diesen Spionagethriller in dieser Hinsicht schon etwas anders und strenger beurteilen sollte als einen Western, da er immerhin topaktuelle politische Diskurse kommentierte und verharmloste. Mag der Western kein Historiengenre sein und nun einmal seine Geschichtchen erzählen – das ist ein anderes Paar Schuhe. Ich bin schließlich selbst kein Freund davon, den Western zu einem historisch ambitionierten Genre zu verklären, was ich hier im Blog auch schon ausführlich dargelegt habe – eine Entschuldigung dieser Sorte gilt für „Inferno“ und seine Machart aber auf keinen Fall. Der Film bezog damals Stellung zu laufenden politischen Prozessen, beförderte Feindbilder ohne Argumente und lässt selbst ein Interesse daran vermissen, die Gegenseite zu Wort kommen zu lassen. Natürlich erschwerte auch der Western eine korrekte historische Aufarbeitung der US-amerikanischen Geschichte, allerdings geht es in „Inferno“ eben nicht um historische Aufarbeitung, sondern eher um das Neuerschaffen von Feindbildern. Und das ist der letztlich entscheidende Unterschied zwischen den Indianern im Western und den „roten“ Asiaten in „Inferno“, an deren Dämonisierung sich der Film gewissermaßen tagesaktuell beteiligte.

Frauen auf einem U-Boot? Soweit kommt’s noch! Genau …

Vielleicht wollte Samuel Fuller gerade dadurch, dass er Gesichter des Feindes vermied und die feindliche Macht so gut wie gar nicht zu Wort kommen ließ – und wenn, dann in fremder Sprache –, einen abstrakten Eindruck erzeugen, der das Feindbild noch vergleichsweise harmlos wirken lässt; zumindest harmloser als wenn man exakt greifbare Superschurken mit Namen und Thesen vor sich hätte, denen man gleichzeitig auch Authentizität unterstellt. Erreicht wird jedoch meiner Ansicht nach genau das Gegenteil. Oberflächlich irgendwelchen Personengruppen oder Erdteilen oder implizit einer Nation einen Atombombenbau anzuhängen und dann noch nicht einmal genau zu erläutern, warum sie das überhaupt machen wollen sollte(n) oder implizit den Gedankengang „Weiß doch eh jeder, warum die Atombomben bauen und dass sie deswegen eine Gefahr für uns sind! Die sind ja alle gleich.“ mitschwingen zu lassen, ist schon ein sehr starkes Stück. Und vor allen Dingen tut man damit genau das, was man im Film eigentlich dem Gegner vorwirft – der den Abwurf der Bombe den Amerikanern anhängen will. Man beschuldigt und dämonisiert, ohne klare Argumente zu formulieren. Im Film wird es als verwerflich dargestellt, dass der „rote“ Feind in Asien eine Atombombe abwerfen will, um danach einfach zu behaupten, die Amerikaner seien es gewesen. Der Film selbst beziehungsweise seine Macher behaupten aber gleichsam, dass es eben in Asien Elemente gibt, die einfach so Atombomben abwerfen und so wickelt sich die komplette Story davon ausgehend ab. Das Wort „grotesk“ wäre für diese freche Paradoxie noch sehr freundlich gewählt.

Phönix aus der Asche

Gerade weil „Inferno“ thematisch umso absurder wird, umso genauer man ihn betrachtet, ist die Leistung der künstlerischen Verantwortlichen und Schauspieler umso höher einzustufen. Denn so viel populistischen Unsinn, der aufgrund der Tragweite der Entgleisungen im Rahmen dieser Rezension auch als erstes genannt werden musste, muss man auf der anderen Seite wirklich erst einmal in einen dennoch so spannenden und ansehnlichen Film verpacken. Wie „Inferno“ mit dem Untersee-Expeditionsmotiv sowie dem alten Professor an Bord immer wieder an Jules Verne erinnert, hat Charme – Jules Verne als Kriegsfilmvariation, wenn man so will. Dazu der Aspekt, dass das Zielobjekt eine mysteriöse Nuklearbasis auf einer abgelegenen Insel ist und lange unklar bleibt, was genau dort vor sich geht – politisch gesehen reißerischer Humbug, aber andererseits ein amüsanter Vorgriff auf die späteren James-Bond-Filme, in denen es allerdings auch immer einen Superschurken gab, der der feindlichen Macht ein Gesicht und Motive verlieh, wenn er auch manchmal erst sehr spät zum Vorschein kam. Die zugehörigen Romane von Ian Fleming begannen etwa zu der Zeit, als „Inferno“ ins Kino kam, langsam auf den Markt zu strömen, aber die den Bond-Filmen, die punktuell am ehesten an „Inferno“ erinnern, zugrundeliegenden Romane erschienen erst nach Ende der Dreharbeiten zum vorliegenden Film von Samuel Fuller – einzig „Casino Royale“ war schon als Buch veröffentlicht worden, bevor „Inferno“ in die Kinos gebracht wurde.

Die Falle ist gestellt, die Abhöraktion läuft

Man könnte im Rückschluss also auch zu der Folgerung gelangen, dass „Inferno“ im Prinzip eigentlich versucht, mit wesentlichen Bausteinen der Logik, der Ästhetik und der Dramaturgie von (teils später entstandenen) James-Bond- und Jules-Verne-Filmen ein politisch topaktueller, anspruchsvoller, glaubwürdiger, möglichst authentisch verpackter Spionage-Kriegsfilm zu sein. Ein Ansatz, der – gelinde gesagt – sehr mutig ist. So mag „Inferno“ für Bond-Fans am Ende vielleicht sogar teils visionäre, beeindruckende Züge haben, während er dem einen oder anderen Diplomaten der Weltpolitik wiederum wahrscheinlich das blanke Grausen einjagen wird.

Tiefgang? Niedergang? Untergang? Tauchgang!

Erwähnt werden muss aber auch: Der Umstand, dass Samuel Fuller Schauspieler wie Gene Evans und David Wayne in ziemlich kleinen Rollen, ohne auch nur eine einzige Szene, die sie in den Vordergrund stellen würde, gewinnen konnte, weist seinen so oder so damals schon recht hohen Stellenwert in der Branche nach – und auch ein gewisses Urvertrauen in dieses Projekt, das bei vielen vorhanden gewesen sein dürfte. Zwei Schauspieler, die zuvor bereits wesentlich größere Parts, also Hauptrollen oder Hauptgegenspieler, in anderen Filmen verkörpert hatten – Wayne hatte man beispielsweise im Hollywood-Remake von Fritz Langs „M“, das 1951 herauskam, als Kindermörder in den Fußstapfen von Peter Lorre sehen können. „Inferno“ war unstrittig ein großes Prestige-Projekt und zudem auch an den Kinokassen kommerziell sehr erfolgreich. Stark vor allem darin, die klaustrophobisch stickige Atmosphäre im U-Boot immer wieder glaubhaft einzufangen und die taktischen Manöver des kommandierenden Offiziers spannend widerzuspiegeln, aber auch energiegeladen mitreißend in actionreichen Momenten. Darüber hinaus mit interessanten Lichtstimmungen verziert – manchmal denkbar einfach und doch genial gelöst, insbesondere in der Liebesszene, die vom tiefen Rot der U-Boot-Nachtbeleuchtung gerahmt wird – und mit einem denkwürdigen, facettenreichen Score von Alfred Newman gesegnet, der zu Recht auch als reine Musik-Tonspur auf der neuen Blu-ray- und DVD-Veröffentlichung von explosive media zu finden ist.

Schickes Update

Sogar wer bereits die alte deutsche DVD-Veröffentlichung von Universum Film aus dem Jahr 2008 besitzt, tut sich allein schon mit der neuen DVD von explosive media einen Gefallen. Der Ton ist jetzt besser – vor allem bei der Originalfassung –, der Bonus auf der Disc umfangreicher und zusätzlich sind Untertitel vorhanden. Die alte Veröffentlichung hatte zwar noch eine kleine, gedruckte Textbeigabe mit Schauspielerbiografien und -filmografien, deren Fehlen man aber verschmerzen kann. Und dass die Blu-ray hinsichtlich Bild- und Tonqualität noch mal einen draufsetzt, versteht sich in diesem Kontext ohnehin fast von selbst. Die deutsche Synchronfassung ist wunderbar atmosphärisch gelungen und interessant besetzt. Richard Widmark gehört zu den Hollywoodklassiker-Stars, die jeweils mehrfach mit unterschiedlichen außerordentlich gut passenden deutschen Synchronstimmen besetzt worden sind. Mitte der 50er war der auch hier zu hörende E. W. Borchert für ihn gesetzt, der mir sehr gut als Widmark gefällt. Daneben gibt es in „Inferno“ unter anderem Harald Juhnke als Stimme von Cameron Mitchell und Walther Suessenguth für Victor Francen zu erleben – zwei sehr versierte Sprecher, die zu hören immer eine Freude ist. Bella Darvi, die in „Inferno“ ihr Spielfilmdebüt gab und damals eine Liaison mit Darryl F. Zanuck hatte, nachdem sie sich zunächst mit ihm und seiner Ehefrau Virginia angefreundet und aus deren beider Vornamen ihren Künstlernachnamen „Darvi“ abgeleitet hatte, spricht in der deutschen Fassung mit der Stimme von Tina Eilers. Die polnische Newcomerin, die die Rolle nur aus persönlichen Gründen von Zanuck erhalten hatte und am Set von „Inferno“ nicht sonderlich beliebt war, blieb allerdings nicht lange erfolgreich. Samuel Fuller überzeugte Gene Evans, sie während der Dreharbeiten zu coachen, um das Beste aus ihr herauszuholen, doch nach rund 15 weiteren Auftritten vor der Kamera – die wenigsten davon in Hollywood-Filmen – endete ihre Karriere schließlich in mehreren Selbstmordversuchen, von denen einer dann auch gelang. Die neue deutsche Veröffentlichung von explosive media ist fast auf den Tag genau 65 Jahre nach dem deutschen Kinostart des Films erschienen. Ein Kauf, der sich für Fans des klassischen Hollywood-Kinos in jedem Fall lohnt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Richard Widmark sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 25. Juli 2019 als Blu-ray und DVD, 26. Mai 2008 als DVD

Länge: 103 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Hell and High Water
USA 1954
Regie: Samuel Fuller
Drehbuch: Samuel Fuller, Jesse Lasky Jr., nach einer Geschichte von David Hempstead
Besetzung: Richard Widmark, Bella Darvi, Victor Francen, Cameron Mitchell, Gene Evans, David Wayne, Richard Loo, John Wengraf, Wong Artarne, Stephen Bekassy
Zusatzmaterial: Original-Trailer, Original-Teaser, Bildergalerie, Musik-Tonspur
Label: explosive media
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2019 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 explosive media

 

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