RSS

Schlagwort-Archive: Splatter

Nocta – Sein 40. Geburtstag oder Der falsche Partygast

Nocta

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Licht über Licht. Der Gott führt zu seinem Licht, wen er will. Und der Gott führt den Menschen die Gleichnisse an. Und der Gott weiß über alle Dinge Bescheid. Dieser Ausschnitt aus dem Lichtvers des Korans leitet „Nocta“ ein, die 2019er-Produktion aus dem Hause P.S.Y.C.H.O. Productions. Die rührigen Filmemacher („Das Geheimnis der Zauberpilze“, „Der König der Kannibalen“ und andere) erfreuen sich unter Freunden des deutschen Undergrounds anhaltender Beliebtheit. Vorfreude auf „Nocta“ war in der Gemeinde somit vorhanden.

Till, Shabbi und Ernst (v. l.) trauen ihren Augen nicht

Ernst Lichtenbusch (Jim Aal) wird bald 40 Jahre alt, lebt aber in seiner eigenen, vom fanatisch katholischen Vater geprägten Welt. Freunde hat er keine, eine Freundin schon mal gar nicht. Sein Bekannter Till (Sebastian Zeglarski) überredet ihn, den Geburtstag mit einer zünftigen Fete im Keller zu begehen. Das Organisatorische übernimmt Till mit seinem muslimischen Kumpel Shabbi (Raping Ras), der sich selbst als Afrogermane bezeichnet. Auch um ausreichend Gäste will sich Till kümmern.

Nocta richtet …

Vor allem die vom Organisator in Aussicht gestellte Option, Ernst mit einem Weibe in Kontakt zu bringen, lässt den Naivling frohlocken und dem Abend in gebannter Erwartung entgegensehen. Als die Sause ihren Lauf nimmt, ist er zwar von der obskuren Musik, dem vielen Alkohol, anderen Drogen und dem exzessiven Benehmen etlicher Gäste alles andere als angetan; auch die Bekleidung speziell der weiblichen Gäste missfällt dem Guten: Die Frauen sind alle angezogen wie babylonische Huren. Aber da er sich in die holde Nocta (Resa Elstner) verguckt hat, will er wohl mal ein Auge zudrücken. Doch es kommt alles ganz anders, denn Nocta hütet ein düsteres Geheimnis und blutige Vorlieben. Bald geht es untot zu.

Blut, Gedärme, offene Wunden

Feingeister werden angesichts diverser Körperausscheidungen jeglicher Art die Nase rümpfen, aber für die haben die Regisseure – und P.S.Y.C.H.O.-Productions-Gründer – Crippler Criss, Master W „Nocta“ auch nicht gemacht. Hier wird gesplattert, dass sich die Balken biegen! Blutfontänen, Gedärme, offene Wunden noch und nöcher – handgemacht, ist ja klar. Und das sieht insgesamt gar nicht mal schlecht aus. Etwaige Unzulänglichkeiten kaschieren die beiden mit überzeugenden Licht- und Schattenwechseln, Perspektiven und dem Schnitt. Gedreht wurde größenteils – logisch – im Keller. Hoffen wir für den Eigentümer, dass er für die Wände ohnehin einen roten Anstrich in Planung hatte. Der Humor ist simpel, zotig bis an den Rand des Fäkalen und darüber hinaus gehend – ich will mir hinterher nicht vorwerfen lassen, nicht gewarnt zu haben. Ein paar schräge Gesangseinlagen verflüssigen den Ohrenschmalz.

… einiges Unheil an

Die Leistungen der Darsteller/innen und die Dialogregie hinken da erwartungsgemäß hinterher. Der Underground lebt eben von Laien, die gern mal vor die Kamera treten, sei es aus der Lust am Schauspiel oder weil der Kumpel aus der Schulzeit zum Amateurdreh bittet. Damit können all jene, die dem Underground huldigen, in aller Regel sehr gut umgehen. Und wer das nicht kann, möge diesem Segment der Filmkunst besser fernbleiben.

So hatte sich Ernst sein erstes Date nicht vorgestellt

Wer das turbulente Treiben im Keller aufmerksam verfolgt, wird mit ein paar feinen – oder groben, je nach Sichtweise – Anspielungen belohnt. Peter Jackson („Braindead“) und Ridley Scott („Alien“) lassen grüßen. Und dass zwei Nazis gehörig etwas abbekommen, bringt natürlich Sympathiepunkte. Blu-ray und DVD von „Nocta“ können über die Facebook-Seite von P.S.Y.C.H.O. Productions sowie per E-Mail an shop(at)psychoproductions.com bestellt werden. Die 90 Minuten sind reichlich gefüllt und vergehen dank temporeicher Inszenierung wie im Fluge. Längen habe ich keine zu bemängeln, das ist im Underground-Segment durchaus bemerkenswert. Natürlich ist die Gewalt repetitiv bis redundant, um es weniger bildungsbürgerlich zu beschreiben: Ein paar Mal wiederholt es sich. Aber das haben Splatterspektakel nun mal so an sich, erst recht brachiale wie dieses. Empfehlenswert! Aber was hat nun der zu Beginn thematisierte Lichtvers aus dem Koran mit dem blutrünstigen Treiben zu tun? Womöglich fällt das in die Kategorie: Seltsam? Aber so steht’s geschrieben … Wer entdeckt „Die Nacht der lebenden Texte“-Autor Marco Kraus alias Marco Grindhouse unter den Partygästen?

Die Partygäste haben sich verändert

Veröffentlichung: 23. November 2019 als Blu-ray und Doppel-DVD

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Nocta
D 2019
Regie: Crippler Criss, Master W
Drehbuch: Master W
Produktion: Crippler Criss
Visuelle Effekte: Sebastian Zeglarski
Besetzung: Resa Elstner, Jim-Aal, Sebastian Zeglarski, Raping Ras, Meta Morphosia, Marco Klammer, Jens Schütte, Marc Gore, Uwe Choroba, Marco Kraus
Zusatzmaterial: Audiokommentare, Making-of, „Im Keller des Entsaftens“, Interviews, Bloopers, Jim Aal-Spezial, Musikvideos, Trailer
Label/Vertrieb: P.S.Y.C.H.O. Productions

Copyright 2020 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshots: © 2019 P.S.Y.C.H.O. Productions

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Subconscious Cruelty – Morbide Anthologie getreu dem Motto: „If It Bleeds, It Leads.“

Subconscious Cruelty

Von Lucas Knabe

Horror // Mitch Davis’ und Karim Hussains Vision vom Kino ist jene einer bewussten Grenzüberschreitung, die eine „innere Erfahrung“ im Zuschauer hervorrufen möchte. So Prof. Dr. Marcus Stiglegger über die Maximen des Produzenten und Regisseurs, die „Subconscious Cruelty“ bereits während der 1990er-Jahre im jungen Erwachsenenalter produzierten und zu Beginn des aktuellen Millenniums veröffentlichten. Doch kann die angepriesene Grenzüberschreitung in „Subconscious Cruelty“ fast 20 Jahre nach der Veröffentlichung tatsächlich die innere Erfahrung und die damit verbundene Tiefenpsychologie seines Publikums in exzentrischer Weise aufarbeiten oder handelt es sich dabei lediglich um einen mit Kunstblut aufgeblasenen Popanz, der allein durch reißerische Gedanken und abstrakte Bilder schocken möchte?

Experimentierfreudiger Exploitation-Film an den Grenzen des Menschseins

Erst einmal will ich erneut hervorheben und honorieren, dass Regisseur Karim Hussain und Produzent Mitch Davis zu Beginn der Produktion 18 beziehungsweise 19 Jahre alt sind, was in jedem und ganz besonders in diesem Fall eine beneidenswerte und bravouröse Leistung darstellt, die meine persönliche Wertung des Films vorerst in die Schranken weist. Erst recht, wenn man betrachtet, mit welchem Budget und unter welchen Faktoren ein 80-minütiger Film entstand, der auf der inszenatorischen Ebene lediglich durch seine sehr intensive Darstellung abschrecken kann. Daher möchte ich in dieser kurzen Besprechung überwiegend auf die künstlerischen Prozesse und Wirkungen eingehen, die in ihrer technischen Darstellung der Visualität und Tonalität dem lobenden Wort perfektionistisch nahekommen. Aber die, wie schon in der Teilüberschrift signalisiert, in ihrer moralischen Methodik durchaus Grenzen überschreiten, ja sogar Kunst und Tabu in die Nähe eines Konflikts treiben können.

Schwere Kost

Bereits die Struktur der Erzählung offeriert, dass man mit stereotypischen Sehgewohnten populärer Filme nicht weit kommen wird. „Subconscious Cruelty“ ist in drei autonome Kapitel untergliedert: „Human Larvae“, „Rebirth“ sowie „Rightbrain/Martyrdom“, die nach einer kurzen, aber skurrilen Exposition ihren Hass in die Welt senden. Zu Anfang des Films wird auf eine bereits veraltete medizinische Ansicht rekurriert, die besagt, die linke Hirnhälfte sei für rationales und analytisches Denken verantwortlich, wogegen die rechte Hälfte der Sitz des Instinkts sei. Um den Erkenntnissen des Films zu folgen, solle man die linke Hirnhälfte „abschalten“ – ein interessanter Schachzug. Vor Beginn der eigentlichen Handlungen greift der Film also in die Wahrnehmung seiner Zuschauer ein und versucht somit für das geeignete Mindset zu sorgen. Das Sujet der Kapitel besteht, wie Hussain selbst äußert, aus Themen, die ihn zu jener Zeit stark beschäftigten und emotionalisierten. Daher handelt es sich, wie er selbst sagt, bei „Subconscious Cruelty“ um einen von Hass erfüllten und naiven Film, der in der heißblütigen Aversion seiner selbst Probleme wie Frauenhass, Religion und Umwelt in einem eigenwilligen Narrativ verbalisiert und visualisiert.

Im Zentrum von Hussains Regiearbeit steht dabei erwartungsgemäß der Mensch selbst. Nach seiner einführenden Äußerung bieten sich nun zig Herangehensweisen an, um sein Werk inhaltlich, moralisch, ethisch, philosophisch oder symbolisch aufzudröseln und zu interpretieren, wovon ich allerdings Abstand nehmen möchte, da gerade bei diesem Film eine inhaltliche Nüchternheit wichtig ist, da man sonst schnell in einen unendlichen Strudel aberwitziger Sinnfragen hineingeraten könnte, deren jetzige Artikulierung nur unnötig einnorden, beeinflussen oder verwirren würde. Wichtiger und als Schlüssel zum Film erachte ich ohnehin dessen unbedarfte Erstsichtung, da krampfhaftes Deuten und Orakeln das Seherlebnis entscheidend mindern kann.

Zurück zum Mensch im Film: Das menschliche Individuum dient lediglich als fleischgewordener Gedanke und führt die Gedanken auf einen nicht immer greifbaren, aber immerhin kunstvoll visualisierten Sachverhalt. Ungewöhnlich ist dies insofern, als die Figuren keinerlei Worte nutzen. Man könnte sagen, dass Hussain lebendige Gemälde zeichnet und zusammenfügt, sodass Szene für Szene, also Gemälde für Gemälde, als sinnstiftende und symbolkräftige Arrangements ineinandergreifen, die mit Figurenzeichnungen sowie Charakter- und Kommunikationsmodellen konventioneller Filme nichts gemein haben.

Kultstatus im Underground

Das aufreibende Moment daran ist dabei die Verarbeitung und Darstellung von Hussains Gedanken und Intentionen. Hierbei werden zutiefst menschliche Motive durch eine selten gesehene filmische Exzentrik visualisiert, die über das Gros durchschnittlicher Sehgewohnheiten hinaus gehen dürfte – eine Visualisierung, die dem Film sehr wahrscheinlich seinen Kult-Status im Underground-Segment eingebracht hat. Andersrum könnte man mit Schärfe behaupten, dass ohne die Form der enttabuisierten menschlichen Gewalt und Brutalität, die auf ein destruktives und auflösendes Niveau gehoben wird, sich wohl weitaus weniger Menschen für die wilden und rebellierenden Gedanken eines 18- oder 19-Jährigen interessieren würden, was die künstlerische Leistung dieses Films keinesfalls schmälern soll. Die Intensität des Films und explizit der Gore-Effekte sind aber wahrscheinlich die Qualitäten, die ihn auszeichnen und die womöglich viele Interessierte letztlich zum Kauf anregen, in der Hoffnung, eine cineastische Grenzerfahrung zu erleben, die die wenigsten Filme bieten können. Der Erfolg von „Subconscious Cruelty“ scheint dies zu bestätigen.

Aus persönlicher Sicht teile ich die Lobeshymnen um den Film nur bedingt, obgleich ich den Mut und die äußerst anspruchsvolle künstlerische und audiovisuelle Verarbeitung sowie Erschließung des Inhalts zu großen Teilen beeindruckend finde, was ich mit allem Nachdruck betone. Die minutenlangen und eskalierenden Folter-Orgien, die sich Kapitel für Kapitel in anderen Gewändern mit gleicher Roheit zeigen, sodass Liter um Liter Kunstblut aus den sich windenden Opfern rausschießen, überspannen den Bogen jedoch. Was im ersten Kapitel noch atemstockend und abscheulich wirkt, verliert in in der Folge an Sprengkraft. Extreme Gore-Effekte als inszenatorischer Brandbeschleuniger funktionieren hier nur bedingt, da diese in hohem Maße inflationär genutzt werden, um ein eigentlich längst auf den Punkt gebrachtes Thema durch kannibalische Gewalt nochmals zu illustrieren, sodass man etwa verekelt oder gelangweilt fragen kann: „War das nötig?“ Gore mit noch mehr Gore zu steigern, das erweist sich hier leider als wirkungslos und wenn man keine Faszination an den morbiden Gedankenspielen Hussains findet, kann es passieren, dass man nach den ersten 40 Minuten gleichgültig und empathielos dreinschaut. Weniger flapsig formuliert: Hussains bewusst herbeigeführte Grenzüberschreitung ist Fluch und Segen zugleich.

Drei Cover der „Cinestrange Extreme Edition“

Das Mediabook der „Cinestrange Extreme Edition“ ist ansprechend aufgemacht und kommt in drei Covervarianten mit unterschiedlicher Auflagenhöhe daher, von denen Cover C dank nur 222 Exemplaren bereits vergriffen ist und auf dem Sammlermarkt im Preis steigt. 888 (Cover A) und 444 (B) Exemplare der beiden anderen Motive erscheinen üppig bemessen und auch noch lieferbar sind. Der Film ist von der FSK nicht geprüft worden, wird also im Handel so behandelt wie ein indizierter: mit Bewerbungsverbot inklusive Verbot öffentlicher Auslage. Sammler von Uncut-Filmen werden die einschlägigen Händler kennen.

Booklettext von Prof. Dr. Marcus Stiglegger

Das Bonusmaterial ist üppig ausgefallen: Außer einem viertelstündigen Intro von Regisseur Karim Hussain und einem 77-minütigen Making-of finden sich Davis’ und Hussains Kurzfilme „Divided into Zero“ (34 Minuten lang) von 1999 und „God’s Little Girl“ (16 Minuten) von 2004. Transgressives Kino der Grausamkeit nennt Prof. Dr. Marcus Stiglegger das Werk der beiden in seinem Essay „Film als Kunst der Überschreitung – Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ im Booklet des Cinestrange-Mediabooks, aus dem ich auch das diesen Text einleitende Zitat entnommen habe. Ein inhaltlich identischer, aber anders strukturierter Essay mit dem Titel „Überschreitung und Erlösung? Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ findet sich im Übrigen auch in Stigleggers 2018 veröffentlichten Buch „Grenzüberschreitungen – Exkursionen in den Abgrund der Filmgeschichte“, dem zweiten Band seiner „Grenz-Trilogie“ – nach „Grenzkontakte – Exkursionen ins Abseits der Filmgeschichte“ (2016) und vor „Jenseits der Grenze – „Im Abseits der Filmgeschichte“ (2019). Die drei Taschenbücher sind im Martin Schmitz Verlag erschienen und versammeln zahlreiche essayistische Gedanken des profilierten Film- und Kulturwissenschaftlers. Wer sich mit dem Verständnis filmischer Randerscheinungen wie „Subconscious Cruelty“ schwertut, erhält von Stiglegger einige lesenswerte Hilfestellungen mit auf den Weg.

Veröffentlichung: 21. Oktober 2019 als Blu-ray, 21. Dezember 2018 als Limited 2-Disc Edition Mediabook (Blu-ray & DVD, 3 Covermotive à 888, 444 und 222 Exemplare)

Länge: 80 Min. (Blu-ray), 77 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Subconscious Cruelty
KAN 2000
Regie: Karim Hussain
Drehbuch: Karim Hussain
Besetzung: Sophie Lauzière, Anne-Marie Belley, Brea Asher, Ivaylo Founev, Eric Levasseur, Janis Higgins, Nadia Simaani, Anna Berlyn, Nancy Simard, Sean Spuruey, Scott Noonan, Mitch Davis, Christopher Piggins, Martin Sauvageau, Annette Pankrac
Zusatzmaterial: Kurzfilm „Divided Into Zero“ (Englisch mit deutschen Untertiteln, 34 Min.); Kurzfilm „Gods Litte Girl“ (Englisch mit deutschen Untertiteln, 16 Min.), exklusives Intro von Regisseur Karim Hussain (Englisch mit deutschen Untertiteln, 16 Min.), Bildergalerie, Trailer; Making-of (Englisch, 77 Min.), 12-seitiges Booklet mit dem Essay „Film als Kunst der Überschreitung – Anmerkungen zum transgressiven Kino von Mitch Davis und Karim Hussain“ von Prof. Dr. Marcus Stiglegger
Label/Vertrieb: Cinestrange Extreme

Copyright 2019 by Lucas Knabe
Packshot Blu-ray & Mediabook-Covervariante C: © Cinestrange Extreme

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

What’s Wrong with You? Surreale Underground-Rätselhaftigkeit

What’s Wrong with You?

Von Volker Schönenberger

Horror-Psychodrama // Ein Mann erwacht, wirkt nachdenklich, verwirrt. Er greift nach einem neben ihm liegenden Messer und schneidet sich die Kehle durch. Neben dem Bett erblicken wir eine tote Frau, hinter ihr in der Ecke erscheint aus dem Nichts ein geisterhaftes Wesen mit Kapuze und seltsamer weißer Maske, das sogleich wieder verschwindet.

What’s wrong with you?

So verstörend beginnt das neueste Werk des deutschen Underground-Filmemachers Sebastian Zeglarski. Sein Regiedebüt „A Fucking Cruel Nightmare“ (2010) hat mich als reiner Folterfilm seinerzeit nicht unbedingt beeindruckt, aber seine Fans gefunden. „What’s Wrong with You?“ beginnt schon mal völlig anders und weckt mit der ersten Szene bereits mein Interesse, wie es denn weitergehen mag. Wir lernen einen anderen Mann – verkörpert von Zeglarski selbst – kennen, der von seinen inneren Dämonen geplagt wird. Oder sind es äußere?

Ob das Aufbohren neue Erkenntnisse bringt?

Tod und Gewalt begleiten den Protagonisten. Einige brutale Gewaltspitzen sind zu ertragen. Handelt es sich bei den mörderischen Visionen um Erinnerungen? Immer wieder sehen wir den Maskenmann mit Kapuze aus dem Prolog, zum Teil bei übelsten Mordtaten. Oft sehen wir den Protagonisten im Wald. Hofft er, dort Frieden zu finden? Falls ja, erweist sich das als Irrglaube, denn auch dort suchen ihn Visionen heim. Oder ist es die Realität? Seine Realität? Er geht an einigen Personen vorbei, die Schilder vor ihre Gesichter halten: WAKE UP! und YOU DO NOT SLEEP steht auf ihnen geschrieben. Ein Widerspruch, der die innere Zerrissenheit des Protagonisten widerspiegelt. Immer wieder sehen wir auch eine Frau (Missy), mal in harmonischer Zweisamkeit mit dem Protagonisten, mal als Opfer eines gewaltsamen Todes, das aber nicht in chronologischer Abfolge. Handelt es sich um die Lebensgefährtin des Mannes? Hat ihn ihr Tod aus der Bahn geworfen?

Mehrere Deutungen möglich

Ihr merkt schon: Ich werfe Fragen auf, ohne sie zu beantworten. Das mag daran liegen, dass „What’s Wrong with You?“ Rätsel aufgibt, die schwer lösbar sind – wenn überhaupt. Allein schon die mit dem Filmtitel gestellte Frage lässt sich kaum abschließend beantworten. Mit seinem oft surrealen Charakter bietet der Film viel Interpretationsspielraum, sodass diverse Deutungen möglich erscheinen. Wahnsinn des Protagonisten kann eine Erklärung liefern, aber ob der aus seinem Innern entstanden ist oder äußere Ereignisse ihn hervorgerufen haben – da mögen mehrere Zuschauerinnen oder Zuschauer zu unterschiedlichen Folgerungen kommen. Das Finale bringt einigen Aufschluss, sodass eine Interpretation möglich erscheint, dennoch muss man dieser Variante nicht folgen. Vielleicht bringt es neue Erkenntnisse, das Werk zu sichten und dabei bewusstseinserweiternde Substanzen zu konsumieren, aber da bin ich mittlerweile raus. Und ich will natürlich niemanden zum Rauschgiftkonsum verleiten, also, liebe Kinder: Finger weg von Drogen!

Der Wald bringt neue Rätsel …

Gedreht in Gevelsberg im südlichen Ruhrgebiet, fallen von Anfang an einige hoch professionell wirkende Aspekte auf, beginnend beim suggestiven Score des ebenda ansässigen Prisma Audio Tonstudios (Axl Wild Productions). Die elektronischen Klänge sind mal eher dissonant geraten, was die surreale Stimmung mancher Bilder sehr gut unterstreicht, bisweilen bekommen wir harmonische Tastenfolgen zu hören. Auch die visuelle Gestaltung gefällt mir in puncto Perspektive ausgesprochen gut, sie ist fantasievoll und vielseitig geraten, auch wenn man den Bildern ansieht, dass sie nicht mit Hightech-Equipment gedreht worden sind. Dennoch sieht das Ergebnis recht wertig aus, gerade wenn man das niedrige Budget bedenkt, mit dem Zeglarski „What’s Wrong with You?“ produziert hat.

… und Visionen

Auf das gesprochene Wort wird weitgehend verzichtet, eine weibliche Stimme aus dem Off führt uns ab und zu in die verwirrten und verwirrenden Gedankengänge des Protagonisten ein. Die Abwesenheit von Dialogen erscheint mir auch insofern sinnvoll, als hölzern und amateurhaft wirkende Gespräche womöglich zu Lasten der Atmosphäre gegangen wären. Immerhin haben wir es mit Laiendarstellern zu tun. Das merkt man natürlich, es fällt aber auf diese Weise weniger ins Gewicht. Dialogregie ist eben eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, gerade für Underground-Filmemacher – vielleicht war das ein Teil von Zeglarskis Motivation, auf Dialoge zu verzichten.

Zeglarski auch als Effektmeister

Ein paar Bearbeitungen, Verfremdungen und Überblendungen des Bilds sind in meinen Augen amateurhaft zu nennen, aber es handelt sich ja auch um einen Amateurfilm. Mein Eindruck ist, dass Sebastian Zeglarski in dem Bereich einiges ausprobiert und mit der Technik gespielt und experimentiert hat. Das geht schon in Ordnung und dürfte ihm Erfahrung für künftige Arbeiten gebracht haben. Vielleicht sieht die Endfassung des Films auch noch etwas besser aus, zur Sichtung stand mir lediglich eine Screener-Disc zur Verfügung. Die praktischen Effekte, insbesondere Make-up und Splatter wiederum überzeugen – auch dafür zeichnet Zeglarski selbst verantwortlich.

Schaufelt er sich sein eigenes Grab?

Bei der Genrebezeichnung habe ich mich für das Konstrukt Horror-Psychodrama entschieden, was es meines Erachtens am besten trifft. Als ich Sebastian fragte, in welche Richtung seine Regiearbeit geht, war er sich selbst nicht ganz sicher und warf den Ausdruck „experimenteller Sicko mit Splatter“ in den Raum. „What’s Wrong with You?“ kann als DVD im Online-Shop von Blacklava Entertainment geordert werden, und das auch im Doppelpack mit „A Fucking Cruel Nightmare“. Es lohnt sich. „What’s Wrong with You?“ entwickelt durchaus eine sogartige Wirkung und beschert einem aufgeschlossenen Publikum mit Wohlwollen gegenüber Underground- und Amateur-Produktionen ein surreales filmisches Erlebnis.

Sie scheint im tödlichen Mittelpunkt zu stehen

Veröffentlichung: 19. Juli 2019 als auf 666 Exemplare limitierte DVD

Länge: 77 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: What’s Wrong with You?
D 2019
Regie: Sebastian Zeglarski
Drehbuch: Sebastian Zeglarski
Besetzung: Sebastian Zeglarski, Missy, Markus Innocenti, A. Kolnik, Uwe Kolnik, Christian Nowak, Thynomite, Amok Pia
Zusatzmaterial: Behind the Scenes, Diashow, Trailer
Produktion: Violent Art
Label/Vertrieb: Blacklava Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Plakat: © 2019 Blacklava Entertainment

 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

 
%d Bloggern gefällt das: