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Winchester – Das Haus der Verdammten: Willkommen in der Geisterherberge

Winchester

Von Philipp Ludwig

Horrordrama // Amerika,1906: Eigentlich wollte der bekannte Psychologe Dr. Eric Price (Jason Clarke, „Everest“) ein Sabbatical einlegen. Den Tod seiner geliebten Ehefrau Ruby (Laura Brent) hat er nicht wirklich verkraftet, sodass er seine Trauer nun mit Laudanum, Whiskey und der Gesellschaft von Huren zu betäuben versucht. Das nächtliche Auftragsgesuch eines Anwalts der berühmten Winchester Repeating Arms Company kann er dann allerdings doch nicht ausschlagen. Verspricht ihm die üppige Belohnung nicht nur Schuldenfreiheit, am Ende dürfte auch eine ganze Menge Geld für noch mehr Laudanum, Alkohol und leichte Mädchen übrig bleiben.

Witwer Dr. Eric Price betreibt Trauerbewältigung auf eigene Art

Der Auftrag lautet: eine professionelle Einschätzung der psychischen Verfassung von Sarah Winchester (Helen Mirren, „The Queen“). Als Witwe von William Winchester hat diese nicht nur dessen beachtliches Vermögen geerbt – sie wurde auch zur Mehrheitseignerin der von ihm gegründeten, berühmten Waffenfirma. Einige hohe Herrschaften in der Führungsetage sehen nun die Gelegenheit gekommen, die Kontrolle über die lukrative Firma zu erlangen. Hat sich Sarah doch auf ein Anwesen in der Nähe San Franciscos zurückgezogen – das Winchester House, das sie in stetiger Arbeit Tag und Nacht schier end- wie scheinbar auch planlos erweitern lässt. Sie glaubt, die wütenden Seelen der zahlreichen von Winchester-Waffen Getöteten würden sie als Geister heimsuchen, und unternimmt daher den Versuch, diese in speziell für sie hergerichteten Räumen zu beherbergen und so gut es geht zu besänftigen. Aber ist sie tatsächlich ein Medium dieser unruhigen wie wütenden Seelen oder, aufgrund ihrer Schuldgefühle für ihren auf Tod und Verderben basierenden Reichtum, dem Wahnsinn verfallen?

Das Schlimmste ist, wenn das Bier alle ist

Auf dem Anwesen angekommen, dauert es einige Zeit, bis der Psychologe seine Patientin erstmalig treffen kann. Zunächst wird er von einer Reihe anderer dort lebender Menschen nicht nur in die Eigenheiten des imposanten und höchst verworrenen Gebäudes eingeführt, sondern vor allem auch auf die charakterlichen Besonderheiten der Millionenerbin vorbereitet: ihrer ebenfalls verwitweten Nichte Marian (Sarah Snook) mit ihrem Sohn Henry; dem emsigen Bauleiter John Hansen (Angus Sampson) sowie dem geheimnisvollen Butler Ben (Eamon Farren). Price machen aber zunächst eher die strengen Regeln der Hausherrin zu schaffen: kein Alkohol vor dem Abendessen und vor allem: kein Laudanum mehr! Ebenso scheint ihn der stetige, auch nachts nicht abklingende Baulärm mehr um den Verstand zu bringen, als es die ersten geisterhaften Erscheinungen zu erreichen vermögen – tut er diese doch zunächst als Nachwirkungen seines vorherigen Drogenkonsums ab. Doch im Laufe der Zeit muss er feststellen, das sowohl er als auch seine eigenwillige Patientin und Gastgeberin weniger verrückt zu sein scheinen als zunächst angenommen. Und wie es aussieht droht ausgerechnet jetzt ein besonders bösartiger und hartnäckiger Geist, sich in dem Anwesen einzunisten.

Trotzdem macht sich der Psychologe auf den Weg zu dem imposanten Anwesen

„Winchester – Das Haus der Verdammten“ basiert zum Teil auf wahren Begebenheiten. So hat es nicht nur die Hauptfigur der Sarah Winchester tatsächlich gegeben, sondern auch das imposante Anwesen – es kann im kalifornischen San José besichtigt werden. Dieses zunächst gerade einmal acht Zimmer umfassende, Gebäude wurde von der Witwe des Erfinders des Repetiergewehres in jahrelanger Arbeit nach eigenen Entwürfen umfangreich umgestaltet. So entstanden bis zu ihrem Tod 1922 im Alter von 82 Jahren mehrere hundert Zimmer, auf sieben Etagen verteilt. Etliche Treppen und Türen führen ins Nichts, Gänge enden unvermittelt, auch Fenster innerhalb des Hauses sind zu bemerken. Die Vermutungen, warum sie diese scheinbar planlose Ansammlung an Zimmern, Fluren und Treppen erschuf, gehen allerdings auseinander. So wird einerseits ihre durch Trauer bedingte Depression als Begründung herangezogen, verlor Sarah Winchester kurz nach ihrem Mann doch auch die gemeinsame Tochter, noch im Säuglingsalter. Andererseits bestehen Gerüchte, sie hätte tatsächlich geglaubt, von den Geistern der Winchester-Todesopfer heimgesucht zu werden, deren rastlosen Seelen sie in dem Anwesen eine Art Zufluchtsort spenden wollte. Als unbestritten gilt, dass die bodenständige Witwe aufgrund ihres durch menschliches Leid begründeten Vermögens, schwere Schuldgefühle plagten.

Sarah Winchester – Medium für rastlose Seelen oder dem Wahnsinn verfallen?

Verantwortlich für die filmische Umsetzung dieser faszinierenden und mit viel Grusel-Potenzial versehenen Vorlage sind die australisch-deutschen Zwillingsbrüder Peter und Michael Spierig. Als „The Spierig Brothers“ konnten diese bereits einige Erfahrungen im Horrorgenre sammeln, sowohl als Regisseure wie auch Drehbuchautoren – etwa mit dem Vampirfilm „Daybreakers“ (2009) mit Ethan Hawke in der Hauptrolle, ebenso wie mit „Jigsaw“, als ihren persönlichen Beitrag für die meiner Meinung nach vollkommen überflüssige „Saw“-Filmreihe.

Tolle Vorlage – mäßige Umsetzung

Trotzdem gelingt es den Zwillingsbrüdern leider nicht, aus der spannenden historischen Vorlage in „Winchester“ mehr zu machen als einen höchstens (aber immerhin) grundsoliden Gruselstreifen. Gerade die Vorgeschichte um Sarah Winchester wie auch das Anwesen hätte deutlich mehr zu bieten gehabt. Ebenso etwa das Potenzial, das die zahlreichen, durch Winchester-Waffen Getöteten als unendlicher Quell toller Geistergeschichten geboten hätten – die dann im Film aber leider lediglich als gruseliges Hintergrundrauschen wie auch als Mittel mehr oder minder einfallsreicher Jump-Scares herhalten müssen. Ebenso kommt „Winchester – Das Haus der Verdammten“ trotz einiger vielversprechender Ansätze nie in Fahrt. Was nach dem durchaus gelungenen, einführenden Spannungsaufbau in der ersten Hälfte umso enttäuschender ist.

Dr. Price und seine Patientin, wahlweise: Gastgeberin

Eine gelungene Grusel-Atmosphäre können die Spierig Brothers auf alle Fälle kreieren. Sowohl das Sounddesign mit allerlei Stöhnen, Krächzen und Knarzen als auch die stimmige musikalische Untermalung – von Peter Spierig selbst komponiert – werden einem Spukhausfilm absolut gerecht. Auch die gelegentlich eingeschobenen, obligatorischen Jump-Scares sind weitgehend gut gemacht und sitzen im Timing. Sie sind zwar mitunter etwas vorhersehbar, für leicht Erschreckbare wie mich aber absolut ausreichend. Den Puls von Horrorprofis werden sie dagegen wohl weniger zum Rasen bringen. Ebenso ist das Anwesen gerade zu Beginn fulminant in Szene gesetzt worden, auch wenn die offensichtlich erkennbaren CGI-Effekte mitunter etwas nerven können.

Auch Sarahs Nichte Marian will den mysteriösen Geschehnissen auf den Grund gehen

Besonders schade ist aber vor allem tatsächlich, dass „Winchester“ sein Potenzial für einen wirklich tollen Gruselfilm nie wirklich ausschöpfen kann und dieses nach dem durchaus guten Start ab etwa der Hälfte des Films zunehmend in den Sand gesetzt wurde. Wird zunächst noch stetig Spannung erzeugt und für ausreichend Gruselgefühl gesorgt, während wir zusammen mit Dr. Price das Anwesen erkunden und die von Sarah kontaktierten Geister kennenlernen, so verliert sich die Handlung zunehmend in Vorhersehbarkeiten und Belanglosigkeiten, um am Ende in einem ziemlich einfallslosen und simpel gehaltenen Finale zu gipfeln, das den Möglichkeiten der Vorlage erst recht nicht gerecht wird. Sonderlich innovativ ist der Film darüber hinaus auch nicht, dafür wird sich leider etwas zu oft auf altbewährte Tricks des Genres verlassen.

Selbst eine Oscar-Gewinnerin hilft nur bedingt

Erstaunlich, dass sich eine großartige Schauspielerin wie Helen Mirren für einen derartig durchschnittlichen Film hergegeben hat. Ebenso der Australier Jason Clarke, der in den vergangenen Jahren zunehmend auf sich aufmerksam machen konnte. Ihnen ist es dann auch in erster Linie zu verdanken, dass der Film wenigstens seinen Standard des Mittelmaßes halten kann – nicht auszudenken, wären sie durch weniger talentierte Darstellerinnen und Darsteller ersetzt worden. So präsentiert Mirren eine tolle Darstellung ihrer interessanten und außergewöhnlichen Figur Sarah, hin- und hergerissen zwischen Trauer, Schuld und Sühne, die sich auch von den unheimlichen Geisterkontakten kaum aus der Ruhe bringen lässt. Auch Clarke überzeugt als vom Schicksal gebeutelter Psychiater, der zwischen Alkohol- und Drogenkonsum und seiner persönlichen Gier zunehmend ein Interesse an Sarah und den Geschehnissen im Haus entwickelt. Der sich übrigens selbst, gegenüber einem Bildnis seiner verstorbenen Frau, als einen „Betrüger“ bezeichnet – leider nur ein weiterer vielversprechender Handlungsstrang, der ins Leere verläuft.

Die Geister, die ich rief …

Interessant finde ich persönlich die moralische Komponente des Films und die hier aufgeworfene Frage nach Schuld und Sühne. Sarah Winchester muss stellvertretend für ihren Mann mit den tragischen Folgen von dessen Arbeit klarkommen. Die ethische Frage nach den Möglichkeiten eines Lebens in Saus und Braus, insbesondere in Bezug auf das Zustandekommen der Grundlage für eben dieses Leben, finde ich auf jeden Fall spannend. Auch ich würde es begrüßen, würden all die Waffenproduzenten und -händler dieser Welt, ebenso wie etwa Auto- oder Tabakindustrielle, Massentierhalter, Braunkohleunternehmer oder Bad Banker von den Geistern der von ihnen Geschädigten heimgesucht werden. Das wäre doch mal gerecht und auch ein Stück weit schön. Ja, ich gebe zu, auch ich habe manchmal so eine gewisse, bösartige Seite an mir. Aber eigentlich bin ich ein ganz netter Kerl.

Die Schatten der Vergangenheit plagen Sarah

Ein Urteil über „Winchester – Das Haus der Verdammten“ zu fällen, ist also nicht ganz einfach. Das Horrordrama ist weder sonderlich schlecht noch besonders gut. Dank der soliden Gruselatmosphäre und ein paar gelungener Schreckmomente wird er zumindest gelegentlichen Horrorzuschauern wie mir etwas mehr zu bieten haben als den wahren Genrecracks. Diese wird der Film wohl noch weniger vom Hocker hauen, hat er dafür in seiner Durchschnittlichkeit doch einfach zu wenig innovative und vor allem einfallsreiche Ideen zu bieten. Ein klassischer Fall also von „Kann man mal gucken, muss man aber nicht.“ Schade – bei der Story und der Besetzung wäre mehr drin gewesen, wie zumindest in Ansätzen zwischendurch immer mal wieder zu erkennen ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Helen Mirren sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Jason Clarke unter Schauspieler.

Kann Price den Überblick behalten?

Veröffentlichung: 31. August 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Winchester
Alternativtitel: Winchester – The House that Ghosts Build
AUS/USA 2018
Regie: Michael und Peter Spierig
Drehbuch: Tom Vaughan, Michael und Peter Spierig
Besetzung: Helen Mirren, Jason Clarke, Sarah Snook, Finn Scicluna-O’Prey, Angus Sampson, Laura Brent, Tyler Coppin, Eamon Farren, Bruce Spence, Emm Wiseman
Zusatzmaterial: Making-of, Interviews
Label/Vertrieb: splendid film

Copyright 2018 by Philipp Ludwig

Fotos & Packshot: © 2018 splendid film

 
 

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Horror für Halloween (I): Presence – Es ist hier! Geisterjäger mal wieder im Spukhaus

The Dead Room

Im Horroctober – wahlweise Horrorctober – erhöhen wir auch bei „Die Nacht der lebenden Texte“ wieder die Taktzahl der Horrorfilme – als würden wir das Genre ansonsten missachten, hehe. Freut euch auf einen bunten Mix verschiedenartiger Monster und Subgenres!

Von Volker Schönenberger

Horror // Bislang haben die beiden neuseeländischen Geisterjäger Scott (Jeffrey Thomas) und Liam (Jed Brophy) nicht viel gerissen. Ob ihr neuer Fall die paranormalen Ermittler in die Erfolgsspur bringt? Mit der medial begabten Holly (Laura Petersen) im Schlepptau dringen sie in ein abgelegenes Farmhaus, das schon bessere Tage gesehen hat. Eine Spukgestalt hat dort angeblich so sehr gewütet, dass die dort lebende Familie fluchtartig das Weite gesucht hat. Der Einsatz lässt sich ruhig an, doch tatsächlich bemerkt das Trio nach einiger Zeit außergewöhnliche Phänomene. Holly beginnt, eine Präsenz zu spüren, die nichts Gutes im Schilde führt.

Auf Gespensterjagd: Scott (l.) und Liam

Na klar: „Presence – Es ist hier!“ beruht auf wahren Begebenheiten. Damit gesellt sich der Spukhaus-Schocker in eine Reihe mit Filmen wie „Amityville Horror“ (1979) und „Conjuring – Die Heimsuchung“ (2013). Das Haunted-House-Rad lässt sich dabei schwerlich neu erfinden, und so verwundert es nicht, dass die Arbeit des neuseeländischen Regisseurs Jason Stutter nicht an die beiden genannten Werke heranreicht. Immerhin setzt er die Räume des Farmhauses visuell gekonnt in Szene, auch wenn sich manche Fluchtpunkt-Einstellung des langen Flurs wiederholt.

Ob sich hier ein Geist verbirgt?

Ein bedächtiger Auftakt, es kommt zu ersten Ereignissen, hier klopft es, dort fällt eine Tür wie von Geisterhand (hihi) zu, hier wackelt eine Deckenlampe, dort fliegt ein Gegenstand durchs Zimmer – „The Dead Room“, so der Originaltitel, klappert die üblichen Versatzstücke des Spukhaus-Sujets ab, um leider auch mit zunehmender Eskalation auf ausgetretenen Pfaden zu verweilen. Originalität ist Mangelware. Das kann man wohlwollend als „bewährt“ oder gar „oldschool“ bezeichnen, weniger wohlwollend auch als „schon x-mal gesehen“ oder „langweilig“. Zumindest nimmt sich das Geschehen nicht allzu ernst. Eine Szene wie auf dem Cover der deutschen Veröffentlichung habe ich übrigens nicht bemerkt.

Oder hier?

Nicht zuletzt dank Peter Jackson hat sich in Neuseeland eine kleine, aber feine Filmszene entwickelt. Die beiden Hauptdarsteller Jed Brophy und Jeffrey Thomas waren 2012 mit kleinen Nebenrollen in Jacksons „Der Hobbit – Eine unerwartete Reise“ zu sehen, Brophy auch 2002 in „Der Herr der Ringe – Die zwei Türme“ sowie 2005 in „King Kong“. Obendrein hatte er 1992 einen denkwürdigen Part in – Trommelwirbel! – „Braindead“, ebenfalls unter der Regie von Peter Jackson. Als Rowdy Void mutierte er darin zum Zombie und endete mit einer Harke im Schädel. „Presence – Es ist hier!“ enthält trotz eines gegenüber dem vorherigen Verlauf der Handlung dann doch etwas actionreicheren Finals weniger erinnerungswürdige Momente als „Braindead“. Freunde von Spukhaus-Geschichten können Gefallen dran finden, sofern sie sich an dem Mangel an Eigenständigkeit nicht stören. Welche neuseeländischen Horrorfilme könnt Ihr empfehlen?

Holly jedenfalls spürt etwas

Veröffentlichung: 2. Oktober 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Dead Room
NZ 2015
Regie: Jason Stutter
Drehbuch: Kevin Stevens, Jason Stutter
Besetzung: Jed Brophy, Jeffrey Thomas, Laura Petersen, Carolyn McLaughlin, Elliot Conlon, Eleanor Conlon, Acushla-Tara Kupe, Cohen Holloway, Sophie Hambleton, Justin B. Carter, James R. W. Smith
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label: Tiberius Film
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2018 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2018 Tiberius Film

 
 

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Die Hexe – Sie war vor euch hier: Mal wieder Spuk im Spukhaus

The Inhabitants

Von Philipp Ludwig

Horror // Der Film mit dem etwas verqueren deutschen Titel „Die Hexe – Sie war vor euch hier“ (im Original deutlich passender als „The Inhabitants“ tituliert) ist das zweite Regiewerk der gleichzeitig auch als Drehbuchautoren tätigen Brüder Shawn und Michael Rasmussen, die als die Rasmussen Brothers (nicht zu verwechseln mit den Duffer Brothers) bereits einige Erfahrungen im Bereich des B-Movie-Horrorfilms sammeln konnten, beispielsweise als Drehbuchautoren für John Carpenters „The Ward“ (2010) sowie als Autoren und Regisseure ihres eigenen Debütfilms „Dark Feed“ (2013).

Hartgesottene WG-Veteranen dürften derartige Mitbewohner wenig schocken

Die Handlung des als Haunted-House-Schockers bezeichneten „Die Hexe – Sie war vor euch hier“ von 2015 ist schnell erzählt und birgt im Grunde genommen, dem Genre entsprechend, wenig Überraschendes: Die jungen Eheleute Jessica und Dan (Elise Couture, Michael Reed, beide bereits im besagten „Dark Feed“ zu sehen), ziehen in die amerikanische Provinz, wo sie ein altes Haus aus der Siedlerzeit erworben haben. Das darin seit einiger Zeit betriebene „Bed & Breakfast“-Geschäft übernehmen sie von der klischeebedingt geheimnisvollen und wortkargen alten Vorbesitzerin – die dann später mitunter gern mal, natürlich ungebetenerweise, mitten in der Nacht zu Besuch kommen kann. In dem Gebäude lebte im 17. Jahrhundert eine Frau, die der Hexerei beschuldigt und für den Tod mehrerer an Grippe erkrankter Kinder, die sie medizinisch versorgt hatte, verantwortlich gemacht und aufgrund dessen anschließend gehängt wurde. Seitdem gilt das Haus als verflucht, sowohl der Geist der angeblichen Hexe als auch der dort verstorbenen Kinder scheinen als unliebsame Mitbewohner im Kaufpreis inbegriffen zu sein.

Ehemann des Jahres und perfekter Schwiegersohn in Personalunion – Dan (Michael Reed) kann auch seine …

Schaut man sich „Die Hexe – Sie war vor euch hier“ an, sollte man sich zunächst einmal bewusst machen, dass es sich um einen B-Movie-Horrorstreifen handelt, der gar nicht erst den Anspruch erhebt, in die Filmgeschichte eingehen zu wollen. Von daher wird das eher hölzern wirkende Schauspiel des Hauptdarstellerpaars vermutlich nicht zwingend für verwundertes Augenrollen sorgen. Ein Mitfiebern mit den Protagonisten wird uns aufgrund einer damit einhergehenden empathischen Distanz jedoch nicht gerade einfach gemacht. So wird etwa die nach und nach zunehmende Bessessenheit Jessicas durch die im Haus scheinbar herrschende dämonische Kraft wenig auffällig sichtbar, war ihr Schauspiel doch vorher bereits ebenfalls kaum emotional erwärmender. Auch zu ihrem Mann Dan, der im Verlauf zum zentralen Helden avanciert, fällt es schwer, eine Bindung aufzubauen. Kann einem zunächst seine „Ehemann des Jahres“-Attitüde bereits ein ganz klein wenig auf die Nerven gehen, so ist es zudem mitunter amüsant zu betrachten, wie lange er etwa braucht, um zu bemerken, dass eventuell etwas in dem Haus sowie später auch mit seiner Ehefrau nicht so ganz stimmt – freundlich ausgedrückt. Ebenso wird man aufgrund der bereits erwähnten Erwartungshaltung auch über die mechanisch aufgesagten und stets etwas hölzern wirkenden Dialoge wahrscheinlich wohlwollend hinwegsehen können. Beispiele gefällig? Bitte schön:

Dan: Ich weiß, es ist verrückt, eine Frühstückspension zu leiten. Aber, es war immer dein Traum. So lange ich dich kenne.
Jessica: Ich weiß. Ich glaube, jetzt ist es unser Traum.

Oder der hier:

Dan: Hey Schatz, wann willst du morgen früh aufstehen?
Jessica: Mmh. Früh, so gegen 6.
Dan: Ok, geht klar. Ich mach uns Frühstück im Bett. Sag mal, willst du Pancakes oder Waffeln?
Jessica: Pancakes … Ich bin so fertig.
Dan: War ein langer Tag, ja?
Jessica: Ja.

… zunehmend dämonische Ehefrau Jessica so schnell nicht aus der Ruhe bringen

Und diese zwei Dialoge entstammen gerade einmal den ersten zehn Minuten. Man muss aber fairerweise sagen, dass dies natürlich auch ein Stück weit der deutschen Synchronisation geschuldet sein kann – die Originalfassung zum Vergleich lag mir leider nicht vor. Aber auch abseits der Dialoge bietet das Skript leider nur wenig Finesse und kaum Überraschungen, denn es wurden nicht nur nahezu alle Klischees des Haunted-House-Szenarios aufgegriffen, darüber hinaus bedienten sich die Rasmussen-Brüder bei einer ganzen Reihe anderer, Erfolge des Genres. Neben „Paranormal Activity“ sei hier auch an „The Conjuring“, „Sinister“ und die populäre Serie „American Horror Story“ erinnert. Es kommt einem daher vieles bekannt vor und das Publikum weiß leider oft schon früh (zumindest weit vor den immer etwas auf den Schlauch stehenden Protagonisten), worum es geht und was als Nächstes passieren wird.

Mit besten Grüßen an „Paranormal Aciticity“

Dennoch sei festgestellt, dass der Film definitiv auch eine Reihe positiver Aspekte und Ansätze zu bieten hat, mit denen er stellenweise durchaus imstande ist, sein Publikum zu erschrecken und zumindest phasenweise so etwas wie Spannung und Grusel zu erzeugen. Hervorzuheben ist hierbei insbesondere das herausragende Sounddesign, das den eigentlichen Star des Films, das Haus, hervorragend in Szene setzt. Überall knarzt und knirscht es, der Wind zieht durch die Fugen, der Regen tröpfelt durchs Dach, und in die allgemeine Geräuschkulisse scheint sich ständig ein geheimnisvolles dämonisches Flüstern zu mischen, wodurch sich auf jeden Fall mitunter ein unbehagliches Gefühl einstellen kann. Auch die musikalische Untermalung ist in dieser Hinsicht äußerst stimmig. Ebenso lässt die Bildqualität nichts zu wünschen übrig, was der durchweg guten Kameraarbeit absolut zugute kommt, die die vielen dunklen Geheimnisse des Hauses visuell und dramaturgisch ansprechend in Szene setzt. Denn trotz der umfangreichen Bedienung bei einer ganzen Reihe an Genre-Klassikern zeigen die Rasmussen-Brüder mitunter durchaus, dass sie auch zu eigenen innovativen Ansätzen in der Inszenierung fähig sind, wie etwa in einer überaus interessant gefilmten Badewannen-Abtauchszene Jessicas zu bewundern ist. Positiv hervorzuheben ist ebenfalls, dass sich die Brüder dem allgemein im Horror-Genre zu erkennenden Trend zur übermäßigen Nutzung von Jump Scares verweigern. So verwenden sie zwar dennoch selbstverständlich wiederholt eine ganze Reihe davon, doch wissen diese dennoch, aufgrund einer geschickten Platzierung in der Dramaturgie und trotz ihrer eventuellen Vorhersehbarkeit durchaus zu erschrecken und somit ihrem eigentlichen Sinn eher zu entsprechen, als das etwa so manche aktuelle und große Blockbuster-Schocker und Jump-Scare-Festivals à la „Es“ tun.

Der eigentliche Star des Films

Wer die Erwartungen dem B-Movie-Charakter des Films entsprechend richtig einordnet und keinen hochwertigen Horrorklassiker in spe erwartet, dem kann sich durchaus, trotz der genannten Mängel in Sachen Schauspielkunst, Dialogen und dem munteren Skript-Patchwork, ein kurzweiliges und mitunter sogar zumindest etwas gruseliges Filmerlebnis bieten. Muss aber auch nicht.

Jessica erkundet die dunklen Geheimnisse des vermeintlichen Traumhauses

Veröffentlichung: 3. Mai 2018 als Blu-ray und DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Inhabitants
USA 2015
Regie: Michael Rasmussen, Shawn Rasmussen
Drehbuch: Michael Rasmussen, Shawn Rasmussen
Besetzung: Elise Couture, Michael Reed, India Pearl, Vasilios Asimakos, Edmund Donovan, Erica Derrickson, Judith Chaffee, Rebecca Whitehurst
Zusatzmaterial: Trailer, Trailershow, Wendecover
Label/Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2018 by Philipp Ludwig
Fotos & Packshot: © 2018 Tiberius Film

 

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