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Ma – Kein Alkohol ist keine Lösung

Ma

Kinostart: 30. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Horrorthriller // Teenager Maggie (Diana Silvers) ist genervt. Nachdem die Ehe ihrer Eltern in die Brüche ging, zieht es ihre Mutter Erica (Juliette Lewis) von San Diego zurück in ihr Heimatkaff in Ohio – und Maggie muss mit, ob es ihr passt oder nicht. Einer Kleinstadt, in der so gar nichts Aufregendes passiert, wie ihr ihre neu gewonnenen Freundinnen und Freunde an der Highschool unverblümt mitteilen. Mit der Clique um Hayley (McKaley Miller) und dem potenziellen Love-Interest in spe, Andy (Corey Fogelmanis) geht Maggie daher der anscheinend einzig sinnvollen örtlichen Freizeitbeschäftigung nach – einem ordentlichen Besäufnis im zum Party-Zimmer umgestalteten Van oder in einer abgelegenen Bauruine. Frei nach Karl Dalls Gassenhauer und Sonderzug-Evergreen: „Heute schütten wir uns zu, denn wir haben ja allen Grund dazu.

An ihrer neuen Schule schließt Maggie (r.) schnell Freundschaften

An den harten Stoff zu kommen, stellt die jugendlichen Freunde allerdings immer wieder vor große Herausforderungen. Da kommt die liebevoll anmutende Sue Ann (Octavia Spencer, „Hidden Figures“) genau richtig. Die Tierarzthelferin führt gerade einen ihrer in diesem Fall nicht mehr ganz vierbeinigen Patienten Gassi, als sie von Maggie nach Unterstützung beim Alkoholkauf gebeten wird. Lehnt sie zunächst noch entrüstet ab, kommt sie dann doch den umfangreichen Wünschen der Teenies nach und kauft ihnen eine stattliche Spirituosen-Sammlung, die sich sehen lässt. Nicht lange dauert es danach, bis aus diesen wiederholten Gefälligkeitskäufen das Angebot entsteht, den Van und die örtlich bekannte Bauruine als Party-Location gegen Sue Anns geräumigen Keller in ihrem abgelegenen Haus zu tauschen. Einzige Regeln der Gastgeberin: kein Fluchen, der Fahrer bleibt nüchtern und der Rest des Hauses ist absolute Tabuzone. Nach einigen gestalterischen Anpassungen entwickelt sich der Keller innerhalb kürzester Zeit zum heißesten Party-Spot für die örtlichen Teenagermassen, die Sue Ann allesamt nur liebevoll „Ma“ nennen. Doch ist es für Maggie und ihre neuen Freunde tatsächlich ratsam, diese scheinbar so liebenswürdige wie einsame Dame in ihr Leben zu lassen? Schließlich hat diese aus eigener Schulzeit noch eine alte Rechnung mit deren Eltern offen. Und eins ist klar: So schnell wieder los wird man die beeindruckend feierfreudige Sue Ann nicht mehr.

Ein Projekt unter Freunden

Regisseur Tate Taylor und Hauptdarstellerin Octavia Spencer sind seit ihren gemeinsamen WG-Zeiten vor 25 Jahren nahezu unzertrennliche Freunde und haben bereits bei dem hochgelobten „The Help“ (2011) in dieser Konstellation zusammengearbeitet. Als Taylor über die Story-Idee zu „Ma“ von Scotty Landes (Autor bei Comedy Centrals „Workaholics“) stolperte, wusste er sofort, dass er diese zu einem Film mit seiner Freundin als Idealbesetzung in der Hauptrolle umsetzen will. Und gerade Spencer ist es dann auch zu verdanken, dass sich diese filmische Umsetzung zumindest noch gerade so einigermaßen sehen lässt.

Liebenswürdig bietet Sue Ann den trinkwütigen Teenagern ihre Hilfe an

Denn wie die populäre US-Amerikanerin (die für ihre Leistung in „The Help“ immerhin mit dem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde) die Hauptfigur Sue Ann, respektive „Ma“, darstellt, ist eine wahre Freude. Zunächst noch als knuffige und absolut liebenswerte nette Tante angelegt, merken wir schnell, dass an dieser Fassade nur wenig Wahres ist und unter der Maske Abgründe schlummern. Unterstützt durch Rückblenden wird deutlich, dass Sue Ann in ihrer eigenen Schulzeit einiges durchmachen musste und die Eltern unserer jugendlichen Protagonisten daran nicht ganz unschuldig waren. Die schauspielerische Klasse von Spencer und ihre große darstellerische Bandbreite sind wirklich beeindruckend – zudem kann sie entgegen ihres etablierten Rollenprofils hier als Darstellerin auch einmal ihre dunkelsten und mörderischsten Seiten präsentieren. Spencer selbst wollte unbedingt an dem Projekt ihres Freundes mitwirken. Nicht auszudenken, was aus „Ma“ ohne ihr Mitwirken geworden wäre.

Doch ist ihre Gastgeberin wirklich so nett, wie sie vorgibt? Maggie (l.) kommen erste Zweifel

Trotz einer netten Grundidee und einem recht vielversprechendem Beginn gelingt es dem renommierten Regisseur Taylor leider nicht, mit „Ma“ einen überzeugenden Film zu liefern. Die durch umfangreiche Werbemaßnahmen erzeugte Erwartungshaltung kann er, mit Ausnahme der Besetzung von Spencer, somit leider zu keiner Zeit gerecht werden. Stattdessen bietet die One-Woman-Show ihr größtes Unterhaltungspotenzial neben seiner irren Hauptfigur höchstens noch in den ausgiebig dargestellten Saufgelagen und Party-Sessions in Sue Anns Keller, die im Grunde wie eine nicht enden wollende 80er-Jahre-Party anmuten. Auch ist der Alkohol- und Drogenkonsum der Teenies hierbei schon beachtlich und vielleicht erklärt sich dadurch auch ihr oft idiotisches und unlogisches Verhalten, wer weiß? Denn mit der Logik nimmt es Taylor in seinem Psycho-Horrorthriller nun gewiss nicht allzu genau, wie auch Scotty Landes im Drehbuch. Dabei wurde mit dem Produktionsstudio Blumhouse Productions von Jason Blum ein Partner an die Hand genommen, die mit dem Überraschungserfolg „Get Out“ (2017) bereits gezeigt haben, zu was sie filmisch in diesem Genre fähig sind. Warum also kann „Ma“ nicht an diesen Hit anknüpfen?

Faule Drehbuchautoren?

Bereits in meiner kürzlich erschienenen Rezension zum inhaltlich recht ähnlich angelegten Thriller „Greta“ hatte ich angemerkt, dass im Sinne der „Suspension of Disbelief“ Logikschwächen und Plotholes nicht zwingend ein Ausschlusskriterium für das Gelingen eines filmischen Werkes darstellen müssen. Kritisch wird es jedoch, wenn diese ein Ausmaß annehmen, das eine Toleranz ihnen gegenüber schwermacht. Bei „Ma“ ist dies leider, zumindest bei mir, ausgiebig der Fall gewesen. Ob platte, stereotype Figuren am laufenden Band, mitunter sinnlose Schockmomente oder ein halbherziger, ziemlich aus der Luft gegriffener und überzogener Rachefeldzug der Protagonistin Sue Ann – bei „Ma“ gibt es ob des Dargebotenen viel zu oft Grund zu gelangweiltem Kopfschütteln. So haben wir es mit einer erstaunlich langen Expositionsphase als Einführung in die Geschichte zu tun, die nur halbherzig durch wahllos eingestreute Spannungs- und Schockmomente den Thriller-Charakter des Films erhalten soll. Nur, um dann zum Ende hin urplötzlich in den Wut-Modus von Sue Ann zu wechseln, wonach dann alles erstaunlich schnell vonstattengeht und ehe man sich’s versieht auch schon der Abspann über die Leinwand läuft. Die unglaubwürdigen Handlungsweisen der meisten Figuren sowie die mitunter hanebüchenen Plot-Twists erwecken den Eindruck, als seien die Drehbuchverantwortlichen ein wenig faul gewesen und hätten keine anderen Möglichkeiten gefunden, sich aus ihren vielen Story-Sackgassen auf andere Weise befreien zu können.

Ein paar Worte zum Trailer

Es ist natürlich immer schwierig, die Schwächen im Skript zu thematisieren, ohne Gefahr zu laufen, dem Spoiler-Teufel anheimzufallen. Wer sich nur ungern schon im Vorhinein vom Inhalt des Films „Ma“ zu viel verraten lassen will, sollte dringend Abstand vom Trailer halten – zeigt dieser doch nahezu den gesamten Plot sowie beinahe sämtliche interessanten Schock- und Gewaltelemente. Wer beim Kinobesuch erwartet, dass dies nur die Appetizer waren und es im Film mehr in diese Richtung geben wird, dürfte bitter enttäuscht werden. So misslingt es Taylors neuestem Werk nicht nur aufgrund uninspirierter, starrer Treue gegenüber den Genre-Konventionen, für Überraschungen zu sorgen – den Betrachtern des Trailers wird er erst recht nichts Unerwartetes oder gar Schockierendes zu bieten haben. Was zur Folge hat, dass „Ma“ als Horrorthriller natürlich noch weniger funktioniert, stellen diese Elemente doch Kernelemente des Genres dar. Leider erahnt man so aber bei einer stattlichen Zahl an Szenen bereits im Vorfeld meilenweit, was als Nächstes passieren wird. Den Sinn hinter derartigen Trailern werde ich zumindest nicht mehr verstehen.

Einmal Bully, immer Bully? Welche Rolle spielte Ben (r.) in Sue Anns Vergangenheit?

Ist Octavia Spencer als Sue Ann zwar der größte Pluspunkt, den „Ma“ zu bieten hat, so ist diese starke Fokussierung auf die Hauptfigur auch gleichzeitig eine der weiteren großen Schwächen des Films. Die übrigen Figuren bleiben dagegen leider meist blass und klischeebeladen. Viele scheinen auch nur als Baustein im Genrebaukasten oder zum Voranbringen der Story zu fungieren, anders ist ihre Existenz sowie ihr mitunter seltsam anmutendes Verhalten nicht zu erklären. Demzufolge nutzt auch der restliche Cast nur wenige Gelegenheiten, aus den schwachen Rollen groß etwas herauszuholen. Gerade die eher unbekannten jungen Gesichter hinterlassen kaum besonderen Eindruck – am ehesten noch Diana Riggs („Glass“). Diese profitiert als rehäugige Maggie vor allem davon, dass wenigstens ihrer Figur dann doch etwas mehr emotionale Tiefe gegeben wurde. Den restlichen Mitgliedern ihrer Clique ist trotz aufkommender Bedenken gegenüber Ma dagegen stets nur der nächste Suff von Bedeutung – koste es was es wolle. Auch die älteren und etablierten Gesichter sind kaum imstande, mehr aus ihren Rollen herauszuholen, als ihnen diese dünnen Vorlagen bieten; 90er-Jahre-Kultfilm-Ikone Juliette Lewis („From Dusk Til Dawn“, „Natural Born Killers“) spielt Maggies Mutter Erica als toughe Version einer Single-Mom mit Hang zur Hysterie und „Hobbit“-Haudrauf Luke Evans gibt mit Ben – Vater von Maggies Freund Andy – einen Macho zum Besten, der seit Teenie-Tagen nichts von seiner Arschlochattitüde eingebüßt hat. Allison Janney („I, Tonya“) knüpft als zynische und notorisch-griesgrämige Tierärztin nicht nur an ihre Oscar-prämierte Rolle als Tonya Hardings Rabenmutter an, sie darf sich ebenso wiederholt herrlich amüsant über Sue Anns mangelnden Arbeitseifer echauffieren – „Ma“ wirkt somit durch sie sogar ein klein wenig selbstreferenziell, spiegelten doch diese Charaktereigenschaften ihrer Rolle meine Laune mit zunehmendem Verlauf der Sichtung des Films ziemlich treffend wider.

Finger weg von „Ma“

Zum Abschluss lohnt sich der Vergleich mit dem oben bereits erwähnten, erst kürzlich im Kino erschienenen Thriller „Greta“. Teilt dieser mit „Ma“ nicht nur einen Plot um junge Menschen, die sich mit scheinbar netten und einsamen alten Menschen einlassen und diese dann nicht mehr loswerden – beide Filme vereint auch ihre ärgsten Schwächen: Obwohl von renommierten Filmemachern kreiert, bieten sie durch ihr starres Festhalten an etablierten Erzählweisen des Thriller-Genres nur wenig Überraschungspotenzial und sind nicht in der Lage, diesem neue Elemente beizusteuern. Gepaart mit der fehlenden narrativen Tiefe, blassen Figuren wie auch zahlreichen Logikschwächen dürften derartige Werke nur wenig Potenzial bieten, Besucher hinter dem Ofen hervorzulocken. Filmschaffende sollten sich dringend einmal hinterfragen, ob Filme wie „Greta“ oder „Ma“ tatsächlich die Zukunft sein sollen oder ob sie damit nicht noch mehr Zuschauerinnen und Zuschauer an häufig deutlich ansprechendere Serienproduktionen verlieren werden. Zwischen ewig gleichen Erzählmustern und dem x-ten Superheldenspektakel sollte der Kinofilm auch weiterhin versuchen, kreativ und mutig zu sein. „Ma“ ist leider weder das eine noch das andere. Kommt mein obiger Rat für die jugendlichen Helden im Film bereits zu spät, so kann ich zumindest euch Leserinnen und Leser dieser Rezension dazu anhalten, im Kino einen Bogen um diesen ziemlich lahmen Horrorthriller zu machen und euch stattdessen lieber in netter Gesellschaft ein nettes Tröpfchen zu gönnen. Aber wer weiß – vielleicht steigt mit zunehmendem Alkoholpegel auch das Unterhaltungspotenzial von „Ma“?! Zum Wohl!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Juliette Lewis und Octavia Spencer sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgeführt, Filme mit Luke Evans unter Schauspieler.

„You can dance, if you want to.“ Sue Ann zeigt den Kids von heute, wie man richtig feiert

Länge: 99 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Ma
USA 2019
Regie: Tate Taylor
Drehbuch: Scotty Landes
Darsteller: Octavia Spencer, Diana Silvers, Juliette Lewis, Luke Evans, McKaley Miller, Missi Pyle, Corey Fogelmanis, Gianni Paolo, Dante Brown, Allison Janney
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH,
Szenenfotos: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH. All rights reserved.

 

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Greta – Wer nett ist, verliert?

Greta

Kinostart: 16. Mai 2019

Von Philipp Ludwig

Thriller // Wer wie ich aus eher ländlichen Gefilden stammt, dem wird gern eine gewisse Grund-Naivität nachgesagt – nach dem Motto „treudoof stolpern wir durch die Welt“. Dabei sind wir in der Regel einfach nur außerordentlich nett und zuvorkommend. Kommt man im Lauf seines Lebens zunehmend mit größeren Städten in Berührung, so hält dies für uns Landeier stets immer ein erhöhtes Überraschungspotenzial parat. Nicht allzu selten scheint in diesen leider das Recht des Stärkeren zu herrschen und man sollte mitunter auch mal ordentlich die Ellenbogen auspacken können. Mir persönlich reicht Hamburg da schon voll und ganz und das Leben mit den häufig recht rücksichtslosen Menschen hier bringt mich gelegentlich nah an den Rand eines Nervenzusammenbruchs.

„This city will eat you alive!“

Gleiches gilt wohl auch für die junge Studentin Frances McCullen (Chloë Grace Moretz, „Die 5. Welle“), die vor Kurzem erst in die Millionen-Metropole New York gezogen ist. Wobei hier zur Symbolisierung ihrer provinziellen Herkunft interessanterweise eine Großstadt wie Boston herhalten muss, aber in den USA sind die Dimensionen diesbezüglich wohl etwas anders ausgeprägt. Zusammen mit ihrer besten Freundin Erica Penn (Maika Monroe, „Independence Day – Wiederkehr“) teilt sie sich ein erstaunlich komfortables Loft. Um sich das Leben im Big Apple leisten zu können, muss sie sich für einen Großteil ihrer freien Zeit als Kellnerin in einem Sternerestaurant verdingen. Viel Zeit für weitere soziale Kontakte bleibt der schüchternen Frances daher kaum. Erschwerend hinzu kommt, das sie den kürzlichen Tod ihrer geliebten Mutter verkraften muss. Auch der extrovertierten Erica gelingt es nicht, ihre Freundin aus dem Schneckenhaus zu locken, in das sich diese verstärkt zurückzuziehen scheint.

Traurig in New York City: Die introvertierte Studentin Frances fühlt sich verloren in der großen Stadt

Als Frances eines Tages eine vergessene Handtasche in der U-Bahn bemerkt, ändert sich alles. Den nachdrücklichen Warnungen ihrer Freundin Erica zum Trotz macht sich die gute Seele auf, die Tasche ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurückzugeben. Diese stellt sich als die Klavierlehrerin Greta Hideg (Isabelle Huppert, „Elle“) heraus. Die französischstämmige und kultivierte ältere Dame wohnt einsam und zurückgezogenen in ihrem gemütlichen kleinen Häuschen in einem New Yorker Hinterhof. Nachdem ihre Tochter vor einiger Zeit zum Studieren nach Paris gegangen ist, sehnt sich Greta nach einer liebevollen Beziehung, so wie Frances dies nach dem Verlust ihrer Mutter ebenfalls tut. Die beiden einsamen Seelen finden daher schnell zueinander, eine innige Freundschaft scheint zu entstehen. Doch bald muss Frances feststellen, dass ihr Handtaschenfund weniger zufällig war als zunächst angenommen und dass sich hinter der unscheinbaren, netten Dame Greta weit mehr verbirgt. Diese lässt sich auch nicht so schnell wieder abwimmeln, wenn man ihr erst einmal die Tür ins eigene Leben geöffnet hat.

Der Fund einer damenlosen Handtasche wird Frances’ Leben nachhaltig verändern

Das der irische Regisseur Neil Jordan etwas vom Fach versteht, hat der Oscar-Gewinner (bestes Drehbuch für „The Crying Game“, 1992) hinlänglich bewiesen. Allerdings liegen die öffentlich beachteten Erfolge des mittlerweile fast 70-jährigen Filmemachers nun auch schon eine ganze Weile zurück – siehe beispielsweise auch „Interview mit einem Vampir“ (1994) und „Michael Collins“ (1996). Mit „Greta“ setzt er sich nun nach siebenjähriger Unterbrechung erstmalig wieder auf den Regiestuhl einer Filmproduktion. Und man merkt diesem Werk durchaus an, dass Jordan ein überzeugter Vertreter der alten Schule geblieben ist. Dies muss ja nun nicht zwingend ein Nachteil sein – ganz im Gegenteil –, in Bezug auf seinen Thriller um eine durchgeknallte Stalkerin im beginnenden Seniorenalter erweist es sich allerdings leider als nur bedingt förderlich.

Kaum Innovation im Thriller-Genre

So bekommen wir mit „Greta“ einen zumindest halbwegs soliden Thriller geboten, der sich etlicher etablierter Formen aus dem Genrebaukasten bedient: Mit Frances etwa einer klassischen, naiv gutherzigen wie hübschen jungen „Damsel in Distress“, in deren Alltag sich sukzessive das Grauen einschleicht, bis es zur unausweichlichen Katastrophe kommt. Ebenso vertraut Jordan auf klassische dramaturgische Inszenierungsstrategien des Suspense, indem er uns als Zuschauer stets etwas mehr wissen lässt als die bedauernswert ahnungslose junge Studentin. Wir bemerken dadurch relativ früh, dass hinter der Fassade der netten, einsamen Greta mehr lauert, und müssen fortan hilflos zusehen, wie sich unsere junge Protagonistin zunehmend in die Misere bewegt.

Wie Mutter und Tochter? Frances (l.) freundet sich mit der einsamen Greta an

Jordans neuestes Werk hat durch diese beinahe schon sklavische Bedienung der Genrekonventionen jedoch ein Problem: Es fehlt nahezu komplett an Einfallsreichtum und nachhaltigen Überraschungen. Ist der Film filmtechnisch-handwerklich zwar durchweg top, so bleiben beinahe jede charakterliche Figurenentwicklung, überraschende dramaturgische Wendung und jeder vermeintliche Schockmoment für mit dem Genre vertraute Zuschauer komplett vorhersehbar. Bei mir blieb im Nachhinein tatsächlich nur eine einzige, längere Sequenz in Erinnerung, bei der mich der Regisseur wirklich einmal überraschen und nachdrücklich begeistern konnte. Da diese ziemlich entscheidend für die Geschichte ist, verrate ich lieber nicht, worum es geht. Aber hier ist „Greta“ tatsächlich mal sowohl handwerklich als auch inszenatorisch interessant gemacht und weiß mit einem Twist ausnahmsweise zu überraschen.

Suspension of Disbelief?

Auch mit der Logik nimmt es der irische Regisseur, der zusammen mit Ray Wright auch am Drehbuch mitgewirkt hat, in seinem Plot nicht immer allzu genau. So lassen einen die Handlungen der einzelnen Figuren häufig recht ratlos zurück, manche Verhaltensweisen dienen mit ihrer mitunter schieren Dummheit wohl einzig dem Spannungsaufbau. Ein beliebtes Stilmittel etwa auch im Horrorgenre, um Spannung in erster Linie durch nicht nachvollziehbare Handlungen der einzelnen Protagonisten zu erzeugen. Da will ich gar nicht weiter ins Detail gehen. Wer sich den Film anschaut, wird erkennen, was ich meine – es ist einfach zu offensichtlich. Kleiner Tipp: Achtet mal auf die Handlungen von Frances’ Vater (Colm Feore) und des von diesem engagierten Privatdetektivs (Stephen Rea)!

Die Theorie vom „Suspension of Disbelief“ besagt jedoch, das Zuschauerinnen und Zuschauer durchaus dazu bereit sein können, über fehlende Logik in fiktionalen Werken wohlwollend hinwegzusehen und sich auf das Gezeigte emotional einzulassen. Viele Science-Fiction-, Horror- und Fantasyfilme wären anders wohl kaum vorstellbar. Ob diese stille Übereinkunft zwischen Rezipienten und einem Werk allerdings auch bei einem maximal als mittelmäßig einzustufenden Film wie „Greta“ Früchte trägt, wage ich dagegen zu bezweifeln.

Erica stößt mit ihren Warnungen bei ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin auf taube Ohren

Das „Greta“, trotz der Überraschungsarmut sowie der oft fehlenden logischen Nachvollziehbarkeit, wenigstens im grauen cineastischen Mittelmaß anzusiedeln sein wird, verdankt der Film vor allem der tollen Besetzung seiner beiden Hauptfiguren. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert absolviert hier auf ihre alten Tage noch einmal einen ihrer seltenen Ausflüge in amerikanische Spielfilme. Ist ihr Charakter der Greta zwar im Großen und Ganzen dann doch ziemlich überzeichnet, so gelingt es der Thriller-erfahrenen Darstellerin dennoch auf beeindruckende Weise, deren emotionalen Facettenreichtum auf die Leinwand zu bringen – von der zunächst freundlichen Klavierlehrerin, der wir aufgrund ihres kultivierten Wesens und der traurigen Einsamkeit zunächst unsere Sympathien entgegenbringen bis hin zur kaltblütigen und durchgeknallten Psychopathin, die sie eigentlich darstellt.

Gar nicht mal so nett: Greta

Chloë Grace Moretz ist wie gewohnt eine Wucht. Die junge amerikanische Schauspielerin hat mit ihren gerade einmal 22 Jahren bereits eine beachtliche Filmografie vorzuweisen. Sie beweist auch mit „Greta“ ihren ausgeprägten Hang zu Rollen in emotional wenig erbaulichen Filmen, wie sie seit ihrem Durchbruch als 12-jähriges „Hit-Girl“ im Superhelden-Action-Splatter-Spektakel „Kick-Ass“ wiederholt bewiesen hat. Ob Action, Horor oder Thriller – Filme mit Hang zum Dramatischen scheinen auf jeden Fall ihr Ding zu sein. Auch wenn ihre Figur der Frances in „Greta“ schon arg viel durchmachen muss und nur wenig Gelegenheit bekommt, sich auch mal ohne fremde Hilfe zu behaupten, so macht Moretz schauspielerisch das Beste aus ihrer vom Drehbuch ziemlich devot angelegten Rolle.

Filme, die die Welt nicht braucht?

Das soll nun alles aber auch nicht so harsch klingen, wie es vielleicht den Eindruck macht. Aber mit „Greta“ liefert Regisseur Jordan einen Thriller ganz nach Schema F, an dem zumindest handwerklich wenig auszusetzen ist, der durch seine Überraschungsarmut und fehlendem Einfallsreichtum jedoch weder sonderlich spannend ist, noch groß zu schockieren oder gar zu überraschen vermag – mit geringfügigen Ausnahmen. Dessen Überzeichnung einzelner Figuren und mitunter gewaltige Logiklöcher werden gerade bei einem anspruchsvollen Publikum nur wenig Begeisterungsstürme entfachen. Ein höchst durchschnittlicher, beinahe schon belangloser Film also, der es wohl nur der populären Besetzung seiner beiden Hauptrollen zu verdanken hat, überhaupt ein größeres öffentliches Interesse zu rechtfertigen.

Dass darüber hinaus auch das interessante und wichtige Thema des Stalkings nur als spannungserzeugender Aufhänger für die Story dient, sei nur am Rande erwähnt. Ich werde zumindest auch weiterhin versuchen, so freundlich wie möglich zu sein. Lasst euch nach der Sichtung von „Greta“ auch weiterhin nicht davon abhalten, verlorene Gegenstände an ihre Besitzer zurückzugeben! Nur wenn es sich dabei um ältere, frankophile Klavierlehrerinnen handelt, empfehle ich ausdrücklich, lieber Abstand zu halten oder am besten direkt Reißaus zu nehmen. Gleiches gilt aber im Prinzip auch für den Thriller „Greta“. Kann man sich diesen zwar durchaus mal anschauen, ohne komplett etwas falsch zu machen, so können mit den knapp 100 Minuten Lebenszeit bestimmt auch sinnvollere Dinge angestellt werden. Socken bügeln zum Beispiel. Ihr würdet es nicht bereuen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Neil Jordan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Chloë Grace Moretz unter Schauspielerinnen.

Was hat Greta (l.) mit Frances vor?

Länge: 98 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Greta
IRL/USA 2018
Regie: Neil Jordan
Drehbuch: Ray Wright, Neil Jordan
Darsteller: Isabelle Huppert, Chloë Grace Moretz, Maika Monroe, Colm Feore, Stephen Rea, Jane Perry, Jeff Hiller, Thaddeus Daniels, Raven Dauda
Verleih: capelight pictures

Copyright 2019 by Philipp Ludwig


Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2018 capelight pictures. All rights reserved.

 

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Plush – Vorhersehbar wie ein Dieter-Bohlen-Song

Plush-Cover

Gastrezension von Matthias Holm

Thriller // Es sieht nicht gut aus im Leben des Rockstarlets Hayley (Emily Browning): Zuerst stirbt ihr Bruder und Gitarrist der gemeinsamen Band „Plush“ an einer Überdosis. Dann hagelt es schlechte Kritiken, als sie diesen Verlust in Songs verarbeitet. Der einzige, bei dem sie Zuflucht findet, ist der neue Gitarrist Enzo (Xavier Samuel). Doch der hütet ein dunkles Geheimnis.

Plush Still (5)

Die schöne Hayley ist in Gefahr

Ach, Emily Browning! Du warst doch in „Lemony Snicket – Rätselhafte Ereignisse“ so toll. Warum musst du dich jetzt in jeder Rolle halbnackt ausziehen? Na ja, eine gute Schauspielerin bleibst du trotzdem – auch wenn deine Rolle nicht viel mehr verlangt, als hysterisch und verwirrt durch die Gegend zu blicken.

Beim Stil des Films mag man kaum glauben, dass die Regisseurin Catherine Hardwicke für den recht langweiligen ersten „Twilight“-Film verantwortlich zeichnet. Es wird mit so vielen Mitteln wie möglich gearbeitet: Da kommt hier mal eine Handkamera zum Einsatz, dann gibt es eine Film-im-Film-Sequenz, und der Kameramann hat die Schärfe seines Arbeitsgeräts nicht immer richtig eingestellt. Doch anders als beispielsweise bei „Daydream Nation“ wirken diese Effekte in „Plush“ eher aufgesetzt und unnatürlich.

Plush Still (6)

Rammstein für Arme

Das größte Problem von „Plush“ jedoch ist seine Vorhersehbarkeit: Jedem Zuschauer ist nach 15 Minuten klar, wie der Film weiterlaufen wird. Keine Wendung ist überraschend, alles läuft in bekannten Genre-Bahnen ab. Das bricht so ziemlich jedem Thriller das Genick. Hier rettet immerhin Xavier Samuel ein wenig. Er gibt seinen schwarzen Nagellack tragenden Enzo mit fieser Hingabe und wechselt liebend gern die Seiten zwischen Genie und Wahnsinn.

Wer einen Film sucht, um sich die Fingernägel abzukauen und mit den Figuren mitzufiebern, hat sich mit „Plush“ den falschen ausgesucht. Wer sehen möchte, wie eine Frau, die mit 19 Mutter geworden ist und vor ihren Kindern zum Mittag Wodka trinkt, mit einem psychopathischen Stalker umgeht, kann einen Blick wagen.

Veröffentlichung: 20. Februar 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
USA 2013
Regie: Catherine Hardwicke
Drehbuch: Catherine Hardwicke, Arty Nelson
Besetzung: Emily Browning, Xavier Samuel, Cam Gigandet, Dawn Olivieri, Thomas Dekker
Zusatzmaterial: Musikvideo, Outtakes, Teaser
Vertrieb: Koch Media

Plush Still (1)

Hey, wem’s gefällt …

Copyright 2014 by Matthias Holm
Fotos & Packshot: © 2014 Koch Media

 

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