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Rhea M – Es begann ohne Warnung: Lastwagen auf Koks

Maximum Overdrive

Von Andreas Eckenfels

Horror-Action // Eine Menge Leute haben bereits Stephen-King-Geschichten verfilmt. Nun habe ich entschieden: Wenn es richtig gemacht werden soll, muss man es eben selbst machen! Mit diesen Worten erklärt Stephen King im Kinotrailer zu „Rhea M – Es begann ohne Warnung“, warum er zum ersten Mal Regie führen würde. In dem Clip steht der Horrorautor vor dem legendären Truck mit dem riesigen Green-Goblin-Gesicht auf dem Kühlergrill, zeigt einige Szenen aus dem Film und verspricht den Zuschauern und Zuschauerinnen mit manischem Blick: Ich werde euch zu Tode erschrecken! Es kam anders …

Die Technik spielt verrückt

Zu Beginn erklärt eine Texttafel – in der deutschen Fassung parallel ein Sprecher aus dem Off –, dass die Erde am 19. Juni 1987 um 9.47 Uhr in den Schweif des Kometen „Rhea M“ eingedrungen ist. Nach astronomischen Berechnungen wird der Blaue Planet für die nächsten acht Tage, fünf Stunden, 29 Minuten und 23 Sekunden unter dem Einfluss des mysteriösen Himmelkörpers stehen.

Diesen Mann kennen wir doch?

Die Auswirkungen sind auch in North Carolina zu spüren – doch die Bewohner haben natürlich keine Ahnung davon, dass Rhea M der Grund für die seltsamen Ereignisse ist, welche sich in der Hafenstadt Wilmington nun zutragen werden. Im ganzen Ort geraten technische Gerätschaften komplett außer Kontrolle – einige Maschinen wenden sich gegen ihre Besitzer und greifen sie an. Bei einem Unfall auf einer Zugbrücke kommt es zu ersten Todesopfern.

Im „Dixie Boy Truck Stop“ verbarrikadiert sich schließlich eine Gruppe von Menschen, darunter der Ex-Knacki Bill (Emilio Estevez), die Anhalterin Brett (Laura Harrington) und das frisch verheiratete Pärchen Curtis (John Short) und Conny (Yeardley Smith). Einige Lastwagen haben ebenfalls ein Eigenleben entwickelt und umkurven ununterbrochen die Raststätte. Eine Flucht vor den aufmerksamen Maschinen scheint unmöglich.

Einmal und nie wieder!

„Rhea M – Es begann ohne Warnung“, im Original „Maximum Overdrive“, basiert auf Stephen Kings Kurzgeschichte „Trucks“, die erstmals im Juni 1973 im US-Herrenmagazin „Cavalier“ veröffentlicht wurde. King erhielt 500 Dollar – damals für ihn eine Rekordsumme. Hierzulande ist die Geschichte unter anderem in der Sammlung „Nachtschicht“ erschienen. Einen Grund, warum die Lastwagen verrücktspielen, liefert King darin allerdings nicht. Der legendäre italienische Filmproduzent Dino De Laurentiis (1919–2010) hatte sich die Rechte gesichert und wollte, dass King das Drehbuch schreiben und eine mögliche Erklärung einbauen sollte. So ersann der Autor den Kometen Rhea M als Ursache und ließ sich schließlich von dem Produzenten auch überreden, den Film selbst zu inszenieren.

Wie lange ist der „Dixie Boy Truck Stop“ sicher?

Ein Fehler, wie der Horrormeister einige Jahre später auch eingesehen hatte: Ich war während der Produktion völlig zugekokst und ich wusste wirklich nicht, was ich tue. „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ ist ein dämlicher Film, die schlechteste Adaption meiner Arbeit, brachte er als Entschuldigung zu Protokoll. Nach dieser Erfahrung saß Stephen King nie wieder auf einem Regiestuhl.

Purer Horror? Purer Slapstick!

Die Maschine hat mich gerade Arschloch genannt! Warum „Maximum Overdrive“ so schlecht geworden ist, wird gleich in den Anfangsminuten klar: In seinem Gastauftritt wird Stephen King von einem Bankautomaten beschimpft, als ein Tankschlauch nicht funktionieren will, schaut ein verdutzter Herr direkt in den scheinbar defekten Zapfhahn – und wird dann mit Benzin bespritzt. Dann ist da noch der Baseballtrainer, der sich ein Getränk aus einem Automaten holen will und von der Dose direkt in die Weichteile getroffen wird. Gute Güte! Das sind alles ausgelutschte, klassische Slapstickeinlagen, die wahrlich niemanden zu Tode erschrecken. Darauf folgen einige skurille, teils in Zeitlupe gedrehte Autounfälle, die besser in einen Ableger von „Auf dem Highway ist die Hölle los“ („The Cannonball Run“, 1981) gepasst hätten als in eine King-Verfilmung. Später wundert man sich auch nicht darüber, dass der Rastplatz-Besitzer Hendershot (Pat Hingle) zufällig im Keller ein Waffenlager hat und die bedrohlichen Lastwagen im beschaulichen Wilmington mit einer Panzerfaust beschossen werden.

Immerhin sind die Opfer der Maschinen vom Make-up-Team recht ordentlich mit dickem Kunstblut eingeschmiert worden und selbst Kinder bleiben nicht verschont, etwa in der Baseballszene. Eine bereits abgedrehte Szene, in der ein Kind von einem Mähdrescher überrollt wird, wurde auf Anraten eines engen Freundes von Stephen King nachträglich entschärft: Horrormeister George A. Romero (1940–2017) meinte, dass diese Sequenz der amerikanischen Filmbewertungsstelle MPAA sauer aufstoßen und dem Film ein „X-Rating“ einbringen würde. Beide hatten bereits bei „Knightriders – Ritter auf heißen Öfen“ („Knightriders“, 1981) und „Die unheimlich verrückte Geisterstunde“ („Creepshow“, 1982) zusammengearbeitet. Es gehen auch nicht bestätigte Gerüchte um, Romero habe einige Szenen von „Maximum Overdrive“ gedreht, während Stephen King etwas zu viel Kokain in der Nase hatte.

Der Dreh kostete ein Auge

Der überforderte King hatte Glück, dass er einige weitere erfahrene Filmemacher an der Seite hatte: Stunt-Koordinator Glenn Randall Jr. arbeitete zuvor bereits mit George Lucas und Steven Spielberg zusammen und war auch für die Stunts von „Der Feuerteufel“ („Firestarter“, 1984) zuständig. Der italienische Kameramann Armando Nannuzzi (1925–2001) gehörte zu den Besten seiner Zunft. Er drehte unter anderem die Miniserie „Jesus von Nazareth“ („Jesus of Nazareth“, 1977), „Ein Käfig voller Narren“ („La cage aux folles“, 1978) und „Werwolf von Tarker Mills“ („Silver Bullett“, 1986). Allerdings ereignete sich während des Drehs zu „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ ein böser Unfall: Nannuzzi wurde von herumfliegenden Holzsplittern getroffen. Er verlor dadurch sein rechtes Auge. 1987 verklagte der Italiener Stephen King deshalb auf 18 Millionen Dollar Schadensersatz. Die Klage wurde außergerichtlich geklärt. Nannuzzi konnte dennoch weiterarbeiten und drehte seinen letzten Film 1998, die Komödie „Incontri proibiti“, bevor er in den Ruhestand ging.

Entfesselte Lastwagen belagern die Raststätte

Ebenfalls gute Arbeit lieferten die Setdesigner ab. Laut Stephen King verschlang der Bau des Rastplatzes das meiste Geld des Budgets, was sich auf insgesamt etwa zehn Millionen Dollar belief. Der „Dixie Boy Truck Stop“ wirkte so real, dass echte Truckfahrer daran anhielten, um eine Pause einzulegen. Die örtliche Zeitung berichtete darüber, und ein Jahr nach den Dreharbeiten erhielt Wilmington seinen eigenen Rastplatz. Ein anderer Kollege hatte mit seinem eigenen Film genug zu tun, sodass er King keine Ratschläge geben konnte: David Lynch drehte zum gleichen Zeitpunkt in Wilmington „Blue Velvet“ (1986) – ebenfalls produziert von Dino De Laurentiis. Nach Feierabend sollen sich Darsteller und Crewmitglieder beider Filme häufig zu ein paar Getränken getroffen haben.

Der Meister der Spannung erzeugt keine Spannung

Stephen King gelingt es in seinem Regiedebüt nie, einen Hauch von Spannung aufzubauen. Wie man eine Belagerungssituation, in der eine Gruppe von Überlebenden in einem engen Raum festsitzt, fesselnd inszeniert, zeigte etwa Regisseur Frank Darabont mit seiner King-Adaption „Der Nebel“ („The Mist“, 2007). Als Horrorkomödie funktioniert „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ auch nicht, dafür sind die Gags einfach zu plump.

Die Darstellerriege um Emilio Estevez kann hier auch nichts retten. Die Romanze zwischen seiner Figur Bill mit der von Laura Harrington gespielten Anhalterin Brett wurde wohl nur ins Drehbuch hineingeschrieben, um eine kurze Bettszene zu zeigen. Eine Chemie ist auch wegen der üblen Liebesdialoge zwischen beiden nicht vorhanden. Wie Stephen King einmal erzählte, wollte er ursprünglich auch einen ganz anderen Hauptdarsteller als Bill haben: die Rocklegende Bruce Springsteen. Doch daraus wurde nichts. Dino De Laurentiis wusste angeblich überhaupt nicht, wer Springsteen ist.

Auch Curtis und Conny geraten in Gefahr

Wenigstens konnte sich Stephen King einen anderen Traum erfüllen: Er überzeugte die Rocker von AC/DC davon, den Soundtrack zu „Maximum Overdrive“ zu übernehmen. Angeblich outete er sich vor Angus Young und Kollegen als großer Fan und sang ihnen „Ain’t No Fun (Waiting Round to Be a Millionaire)“ mit voller Inbrunst vor. Die Band nahm das Angebot lachend an. Daraus entstand ihr Album „Who Made Who“.

Stephen King erwähnte später den Titelsong und die Band auch in seinem Epos „The Stand – Das letzte Gefecht“. Darin scherzt Fran Goldsmith anspielend auf die ausgebrochene Seuche „Flu Made Who“ – doch ihr Vater Peter versteht die Verbindung nicht, da er kein AC/DC-Fan sei, wie Fran dem Leser mitteilt.

Trash-Perle mit Top-Bonusmaterial

Nicht nur aufgrund des Soundtracks hat „Rhea M – Es begann ohne Warnung“ eine kleine Fangemeinde um sich gescharrt – auch wegen des absurden Humors gilt der King-Film vielen als echte Trash-Perle. Das umfangreiche Bonusmaterial, welches Koch Films für seine Mediabook-Veröffentlichung von der US-Scheibe von Lionsgate lizenzieren konnte, bietet mit Interviews, Audiokommentaren und Featurettes, etwa zum „Goblin Project“, viele weitere Anekdoten und Hintergründe zum Dreh dieses Machwerks, welches wirklich nur auf Koks entstehen konnte. Allerdings: 1997 wurde für das kanadische Fernsehen ein Remake gedreht, welches in Deutschland unter dem Titel „Trucks – Out of Control“ auf DVD veröffentlicht wurde. Dem Vernehmen nach soll es noch schlechter als Kings Original sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet.

Bill plant die Flucht

Veröffentlichung: 10. Oktober 2019 als 3-Disc Special Edition im Mediabook (Blu-ray, DVD & Bonus-DVD) in zwei limitierten Covervarianten, 22. September 2006 und 20. August 2002 als DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Maximum Overdrive
USA 1986
Regie: Stephen King
Drehbuch: Stephen King, nach seiner Kurzgeschichte „Trucks“
Besetzung: Emilo Estevez, Pat Hingle, Laura Harrington, Yeardley Smith, John Short, Christopher Murney, Ellen McElduff, J.C. Quinn, Frankie Faison
Zusatzmaterial: Audiokommentar von King-Biograf Tony Magistrale und Michael Felsher, Audiokommentar von den Darstellern Jonah Ray und John Turek, deutscher Kinotrailer, englischer Kinotrailer, TV-Spots, Bildergalerie, Interview mit Produzentin Martha De Laurentiis, Interview mit Darstellerin Laura Harrington, Interview mit Darsteller Holter Graham, Interview mit Make-up-Artist Dean Gates, Featurettes: „Der Wilmington-Faktor“, „AC/DC“, „Das Goblin-Projekt“, Audiointerview mit Stephen King, Hinter den Kulissen, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Uwe Anton
Label/Vertrieb Mediabooks: Koch Films
Label/Vertrieb DVDs: Kinowelt Home Entertainment

Copyright 2020 by Andreas Eckenfels
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Koch Films

 

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Doctor Sleeps Erwachen – Overlook ist überall

Doctor Sleep

Kinostart: 21. November 2019

Von Volker Schönenberger

Horror // Hand aufs Herz: Wer hat nach Sichtung von Stanley Kubricks Horrorklassiker „Shining“ (1980), der von Stephen King persönlich produzierten TV-Miniserie „The Shining“ (1997) oder Lektüre des Romans darüber nachgedacht, wie wohl das spätere Leben von Danny Torrance verlaufen werde? Niemand? Ich auch nicht. Stephen King offenbar schon. Vielleicht hat er sich auch von diesbezüglichen Äußerungen motivieren und inspirieren lassen, 2013 – 36 Jahre nach Erscheinen des ersten Romans – die Fortsetzung „Doctor Sleep“ nachzuschieben. Dem Vernehmen nach hatte 1998 bei einer Signierstunde jemand den Horrorautor gefragt, was aus Danny geworden sein mag. So oder so hat dessen Schöpfer natürlich jedes Recht, um die Figur herum eine neue Geschichte zu spinnen. Und angesichts der derzeitigen Schwemme an King-Verfilmungen war klar, dass das Kino nicht um eine Adaption herumkommt. Visuell erinnerte mich „Doctor Sleeps Erwachen“ mehr an Kubricks Regiearbeit als an die Zweitverfilmung – und das, obwohl Stephen King als Executive Producer am Kino-Sequel beteiligt war. Sollte er im Lauf der Jahre seinen Frieden mit der ungeliebten Kubrick-Version gemacht haben? Vielleicht war ihm der visuelle Aspekt auch gleichgültig, solange nun endlich die Bösartigkeit des Overlook-Hotels deutlich werden würde – und das kann konstatiert werden.

Rückblick: Danny im Overlook

Die Handlung setzt 1980 kurz nach den Ereignissen von „Shining“ ein. Wendy Torrance (Alex Essoe) und ihr Sohn Danny (Roger Dale Floyd) sind ins sonnige Florida gezogen und versuchen, die grauenvollen Ereignisse in den Bergen von Colorado zu verdrängen. Doch die Dämonen des Overlook geben keine Ruhe, verfolgen Danny. Glücklicherweise erhält er Unterstützung vom Geist von Dick Hallorann (Carl Lumbly), ehemaliger Chefkoch des Hotels. Der lehrt ihn, wie er die bösartigen Entitäten bezwingen und in mentale Boxen sperren kann.

Vom Alkoholiker zu Doctor Sleep

Im Jahr 2011 scheint sich Dan Torrance (Ewan McGregor) aufgegeben zu haben. Als schwerer Alkoholiker zieht er ziellos durch die Gegend, hat keine Hemmungen, bei einer Kneipenschlägerei seinen Kontrahenten mit einer Billardkugel brutal zusammenzuschlagen und kurz darauf eine Bettgefährtin zu beklauen, obwohl diese ein Kind hat. In einer Kleinstadt in New Hampshire trifft er auf Billy Freeman (Cliff Curtis), der seine helfende Hand ausstreckt – und Dan ergreift sie. Weitere acht Jahre später hat sich der seitdem trockene Alkoholiker zu einem anständigen Menschen entwickelt, der seine „Shining“-Gabe nutzt, um in einem Hospiz Sterbenden ihren letzten Weg zu erleichtern. Dafür wird er Doctor Sleep genannt.

Dan erhält eine beunruhigende Botschaft

Ein unsichtbares Band verbindet Dan mit dem jungen Mädchen Abra Stone (Kyliegh Curran), die ebenfalls über das „Shining“ verfügt. Ohne dass die beiden einander je begegnet sind, kommunizieren sie auf telepathische Weise miteinander. Doch Unheil braut sich zusammen: Die schöne, aber bösartige Rose the Hat (Rebecca Ferguson, „Mission: Impossible – Rogue Nation“) führt eine kleine, aber verschworene Gemeinschaft, einem sonderbaren Kult ähnlich, die sich „Wahrer Knoten“ (im Original „True Knot“) nennt. Die Gruppe zieht wie fahrendes Volk in Wohnmobilen durch die Vereinigten Staaten und führt nichts Gutes im Schilde.

Rose the Hat führt …

„Doctor Sleeps Erwachen“ dockt in einigen Sequenzen visuell so stark an Kubricks „Shining“-Variante an, dass manche puristische Fans den Untergang des Abendlandes befürchten und greinen werden, der neue Film schade dem älteren. Seid unbesorgt: Es ist in all den Jahren nicht mal Stephen King mit seinem Gemecker über Kubrick gelungen, am Status des Films als großes Meisterwerk des Horrorkinos etwas zu ändern. Wie soll das einer Fortsetzung gelingen?

… den wahren Knoten – doch wohin?

Natürlich erreicht „Doctor Sleeps Erwachen“ zu keinem Zeitpunkt die visuelle Wucht von „Shining“. Der gut beschäftigte Kameramann Michael Fimognari („Abattoir – Er erwartet dich!“, „Before I Wake“) braucht noch etwas, um an Kubricks Kameramann John Alcott heranzukommen, der immerhin 1976 einen Oscar für die Bilder von „Barry Lyndon“ erhalten hatte. Aber Fimognari stümpert nicht herum und findet einige schöne Einstellungen, zollt mit einigen Bildern dem Vorgänger auch unmittelbar Tribut. Das musste er allein schon deswegen tun, weil Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan („Oculus – Das Böse ist in dir“) ein paar Rückblenden einbauen wollte. Fans des filmischen und literarischen Stephen-King-Universums können sich ohnehin auf die Suche nach Referenzen begeben, von denen es einige zu entdecken gibt. Der oft dissonante Score der Newton Brothers, mit denen Flanagan bereits mehrfach kooperiert hat, bringt dräuende Atmosphäre und treibt immer wieder mit ruhigen, dumpfen Percussion-Klängen das Geschehen voran, speziell in den Sequenzen mit dem „True Knot“.

Von Danny zu Dan

Mike Flanagan inszenierte zuvor für Netflix die gelungene Stephen-King-Verfilmung „Das Spiel“ („Gerald’s Game“, 2017) und die hochgelobte Horrorserie „Spuk in Hill House“ („The Haunting of Hill House“, seit 2018). „Doctor Sleeps Erwachen“ ist mit zweieinhalb Stunden recht lang geraten. Damit muss bei Stephen-King-Verfilmungen stets gerechnet werden, neigt der Gute doch zu überlangen Romanen, die dann eben auch lange Verfilmungen nach sich ziehen. Aus der im Deutschen mehr als 700 Seiten langen Vorlage strich Mike Flanagan einiges heraus, anderes modifizierte er. So gab King im Roman der Entwicklung von Danny zu Dan deutlich mehr Raum; dies fürs Kino zu straffen, erscheint sinnvoll, damit der Film den Fokus auf eine Haupthandlung legen kann, die innerhalb eines stärker begrenzten Zeitraums stattfindet und nicht über mehrere Jahre hinweg ausfranst. Auch der Showdown im Finale gestaltet sich im Film gegenüber der Vorlage mit großen Unterschieden, aber ich unterlasse es, dies näher zu erläutern, damit sich niemand gespoilert fühlt. So recht zufriedengestellt hat mich die Entwicklung der Story hin zu diesem Showdown im Film nicht, sie erschien mir etwas herbeifabuliert. Aber da wir es mit übernatürlichen Ereignissen und Phänomenen zu tun haben, die sich unserem realistischen Verständnis von Logik entziehen, mögen sich andere Kinobesucherinnen und -besucher vielleicht nicht daran stören.

Konfrontation: Abra (l.) und Rose

In den US-Kinos kam „Doctor Sleep“ rumpelig aus den Startlöchern, schon ist vom „größten Schock“ die Rede. Ob das berechtigt ist, werden die kommenden Wochen und der Erfolg an den europäischen Kinokassen zeigen. Immerhin hat der Film seine Produktionskosten von 45 Millionen Dollar weltweit bereits eingespielt, ganz so arg wird es also nicht werden. Dennoch hat sich Warner nach dem Erfolg von „Es“ (2017) und „Es – Kapitel 2“ (2019) zweifellos mehr erhofft.

Kubricks „Shining“ bleibt unerreicht und unangekratzt

Ich neige dazu, solche Fortsetzungen mit hochgezogenen Augenbrauen wahrzunehmen, weil sie angetan sind, eine Figur zu entmystifizieren, wenn man sie zu Ende erzählt. Andererseits stellt Stanley Kubricks „Shining“ ein derartiges Monument eines Horrorfilms dar, dass nichts und niemand dem Werk seinen Mythos nehmen kann. „Doctor Sleeps Erwachen“ wird nach meiner Einschätzung niemals zu den wenigen großen Stephen-King-Verfilmungen aufschließen, muss sich angesichts der vielen missratenen Adaptionen aber auch nicht verstecken, reiht sich somit im soliden oberen Mittelfeld ein.

Auch im Busch-Labyrinth

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Mike Flanagan haben wir unter Regisseure aufgeführt, Filme mit Ewan McGregor in der Rubrik Schauspieler.

Was war hier noch mal passiert?

Länge: 152 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Doctor Sleep
USA/GB 2019
Regie: Mike Flanagan
Drehbuch: Mike Flanagan, nach dem Roman von Stephen King
Besetzung: Ewan McGregor, Rebecca Ferguson, Kyliegh Curran, Cliff Curtis, Zahn McClarnon, Emily Alyn Lind, Selena Anduze, Robert Longstreet, Carel Struycken, Met Clark, Roger Dale Floyd, Alex Essoe, Carl Lumbly
Verleih: Warner Bros. Entertainment GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Szenenfotos & Trailer: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All rights reserved.

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2019/11/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Horror für Halloween (II): Stephen King’s The Stand – Das letzte Gefecht: Episches Gut gegen Böse

The Stand

Von Volker Schönenberger

This is the way the world ends.
This is the way the world ends.
This is the way the world ends.
Not with a bang but a whimper. (T. S. Eliot, dt. Übersetzung: Auf diese Weise geht die Welt zugrunde. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln.)

Horror-Miniserie // In einer streng geheimen militärischen Forschungseinrichtung im ländlichen Kalifornien wird ein tödliches Virus freigesetzt. Der diensthabende Wachmann pfeift auf die Vorschriften, rennt zu seinem Haus auf dem Gelände, schnappt sich Frau und Kind und flieht, während im Innern die Menschen sterben wie die Fliegen. Der Vorspann setzt ein, und passenderweise bekommen wir über den Bildern all der Toten „Don’t Fear the Reaper“ von Blue Öyster Cult zu hören.

Aber natürlich war auch der Wachmann bereits infiziert, er und seine Lieben tragen das Virus in die Welt hinaus. Bevor der Erkrankte an einer Tankstelle im osttexanischen Kaff Arnette seinen letzten Atemzug tätigt, warnt er den zu Hilfe geeilten Stu Redman (Gary Sinise) vor einem dunklen Mann, der dem Auto eine Weile gefolgt sei. Er habe gedacht, er könne ihm entkommen. Aber niemand entkommt dem dunklen Mann. War das Virus in der Forschungseinrichtung noch innerhalb weniger Minuten tödlich, so ist es in der Außenwelt offenbar mutiert, um sich besser ausbreiten zu können. Die Ansteckung erfolgt zwar unmittelbar, zügig zeigen sich Symptome einer harmlosen Sommergrippe oder eines Schnupfens, aber bis zum unvermeidlichen Tod dauerte es fortan ein wenig länger, sodass binnen weniger Wochen 99,4 Prozent der Menschheit tot sind, dahingerafft von der sogenannten Supergrippe, die auch den Namen „Captain Trips“ bekommen hat.

Stephen Kings bester Roman?

Heute bin ich etwas von Stephen King und seinen Romanen abgekommen, aber bis in die 90er-Jahre hinein war er mein absoluter Lieblingsautor – und „The Stand – Das letzte Gefecht“ mein Lieblingsroman. Ich hatte das Epos um den großen Kampf zwischen Gut und Böse in den 80ern in der gekürzten Fassung gelesen, die veröffentlicht worden war, weil Kings Verlag Ende der 70er noch nicht bereit war, einen mehr als tausendseitigen Horrorroman zu veröffentlichen. Erst 1990 erschien die um 400 Seiten erweiterte vollständige Fassung, auch sie legte ich mir umgehend zu und verschlang sie zügig. Endzeit-Visionen haben mich stets fasziniert, Kings Roman gehört vielleicht zu den ersten Apokalypsen, die ich in Literatur oder Film wahrnahm – so genau entsinne ich mich nicht mehr. Umso neugieriger war ich auf die 1994er-Verfilmung als Miniserie, zumal mir die – nach heutigen Maßstäben nicht besonders gut gealterte – zweiteilige Romanverfilmung „Es“ von 1990 seinerzeit gut gefallen hatte. „The Stand – Das letzte Gefecht“ fesselte mich über die gesamten vier Episoden, und die erneute Sichtung anlässlich dieser Rezension bestätigte meine Erinnerung.

Auch Stu Redman wird interniert

Das gesamte Szenario der Auslöschung fast der gesamten Menschheit und des sich anbahnenden Kampfes zwischen dem ultimativen Bösen und der Macht des Guten entfaltet sich anhand der Überlebenden, die wir kennenlernen. Da ist Stu Redman von der Tankstelle, der mit seinen Leidensgenossen jenes Abends alsbald von der Armee interniert wird. Alle anderen sterben, er hingegen zeigt keinerlei Symptome der Infektion. Der gehörlose und des Sprechens nicht mächtige Nick Andros (Rob Lowe) trifft auf seinem Weg den etwas zurückgebliebenen Tom Cullen (Bill Fagerbakke), den er mitnimmt, auch wenn sich ihre Kommunikation schwierig gestaltet, weil Tom nicht lesen kann. Der verkrachte Popsänger Larry Underwood (Adam Storke) war unmittelbar vor dem Ausbruch der Pandemie auf dem Sprung zum Star, konnte kurz danach aber nur noch seine Mutter zu Grabe tragen. Dasselbe musste Fran Goldsmith (Molly Ringwald) mit ihrem Vater tun. Sie trägt das ungeborene Kind ihres verstorbenen Freundes in sich und ist gemeinsam mit dem nerdigen Nachbarsjungen Harold Lauder (Corin Nemec) unterwegs. Und dann ist da noch Nadine Cross (Laura San Giacomo), die sich Larry Underwood angeschlossen hat. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, doch Nadine weigert sich, mit ihm zu schlafen, weil sich ihre Jungfräulichkeit bewahren will. Aber für wen? Oder was?

Wer hat Angst vorm dunklen Mann?

Sie alle und auch andere träumen von der 106-jährigen Mutter Abagail Freemantle (Ruby Dee), die sie in Nebraska erwartet. Dort gilt es, eine neue, eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Doch sie alle haben auch von einer anderen Person geträumt: vom dunklen Mann – Randall Flagg (Jamey Sheridan), der Verkörperung des Bösen. Er schart bereits seine Helfershelfer um sich, darunter den Mörder Lloyd Henreid (Miguel Ferrer), den er aus dem Knast befreite, und den durchgeknallten „Müllmann“ (Matt Frewer), der gern Bomben baut und nicht davor zurückschreckt, eine ganze Stadt in Flammen zu setzen. Und während Abagail und die Ihren nach Boulder, Colorado aufbrechen, schlägt Randall Flagg sein Hauptquartier in Las Vegas, Nevada auf.

Zwischen Fran und Stu keimen romantische Gefühle auf

Die Entstehung fürs Fernsehen kann „The Stand – Das letzte Gefecht“ zu keinem Zeitpunkt leugnen, auch einige visuelle Spezialeffekte wirken nach heutigen Maßstäben nicht mehr State of the Art. Damit muss man umgehen können, dann allerdings erschließt sich dem geneigten Zuschauer der Reiz dieser epischen Saga. Die hervorragend restaurierte Fassung lässt den Vierteiler auf Blu-ray in neuem Glanz erstrahlen – die Bildqualität hat mir ausgesprochen gut gefallen. Über die Tonqualität kann ich mangels anständiger technischer Ausstattung nur bedingt Auskunft geben, jedenfalls konnte ich sowohl bei der englischen Original-Sprachfassung als auch bei der deutsche Synchronisation alle Dialoge gut verstehen und sonstige Geräusche sowie den Score anständig wahrnehmen.

Der Endkampf naht

Natürlich kann man die Konfrontation zwischen den Mächten des Guten und des Bösen für simpel oder gar naiv halten, aber bietet uns der „Krieg der Sterne“ letztlich anderes? Der religiöse Unterton findet nicht meinen Beifall, aber damit kann ich als der Atheist, der ich bin, im Film umgehen. So faszinierend die Ausbreitung der Supergrippe, die Vernichtung der Menschheit und die Etablierung der Protagonisten und Antagonisten zu verfolgen waren – sobald sich die Fronten gebildet haben, schleichen sich ein paar Längen ein. Glücklicherweise sind uns viele der Figuren ans Herz gewachsen, und wir wollen wissen, wer überlebt und wie es allen ergeht. Das erhält die Spannung, was der Dramaturgie etwa der dritten Episode allein nicht gelungen wäre.

Mit einer Personalie bin ich nicht zufrieden: Als Personifizierung des Bösen hätte ich mir einen charismatischeren Darsteller gewünscht als Jamey Sheridan („Sully“). Er hat zwar ein sinistres Grinsen, geht für mich aber nur als Berufsjugendlicher mit Vokuhila durch. Auch seine Figur Randall Flagg erscheint mir nicht bis ins Letzte durchdacht. Obwohl er als übermächtig und nahezu allwissend gezeichnet wird, leistet er sich ein paar menschliche Aussetzer und Wutausbrüche, die nicht recht zu ihm passen. Ich entsinne mich allerdings nicht, ob Stephen King Randall Flagg schon im Roman so charakterisiert hatte. Stephen King hat die Figur auch in seinem Roman „Die Augen des Drachen“ sowie im „Der dunkle Turm“-Zyklus aufgegriffen.

Von Kathy Bates zu Ed Harris

Ein paar interessante Personalien zeigen sich in kleinen Nebenrollen: In zwei der vier Episoden tritt der im Juni 2019 verstorbene Max Wright als Militärarzt Dr. Herbert Denninger in Erscheinung – wir kennen ihn als Willie Tanner aus „Alf“. In der ersten Episode haben Oscar-Preisträgerin Kathy Bates („Misery“), Ed Harris („Die Truman Show“) und Jeff Goldblum („Jurassic World – Das gefallene Königreich“) kurze Auftritte. „The Stand“-Regisseur Mick Garris – er verfilmt übrigens gern Stephen King – gibt sich in der ersten Episode ebenfalls die Ehre, während seine Kollegen John Landis („American Werewolf“) und Sam Raimi („Tanz der Teufel“) in der finalen Folge zu sehen sind. Auch der Basketball-Superstar Kareem Abdul-Jabbar gibt sich ein Stelldichein – in den ersten beiden Folgen sehen wir ihn als etwas wirr wirkenden Prediger. Schließlich haben wir den Großmeister des literarischen Horrors und Autor der Romanvorlage Stephen King persönlich, der in den beiden letzten Episoden in Erscheinung tritt. Also achtet auf die bekannten Gesichter!

Kennen wir den nicht?

Eine Neuverfilmung des Romans ist bereits 2014 angekündigt worden. 2018 wurde bekannt, dass daraus eine zehnteilige Serie werden wird. Regie führt Josh Boone („Das Schicksal ist ein mieser Verräter“), der auch unter den Drehbuchautoren und Produzenten zu finden ist. Mit James Marsden als Stu Redman, Whoopi Goldberg als Mutter Abagail, Alexander Skarsgård als Randall Flagg, Amber Heard als Nadine Cross und Greg Kinnear als Glenn Bateman sowie Marilyn Manson liest sich die Besetzung prominent. Einstweilen tut es aber auch die erste Adaption von 1994, bei der ich zwar einige Kritikpunkte ausgemacht habe, die ich aber dennoch auch 2019 mit Genuss geschaut habe. Andere mögen sich an den Makeln mehr stören, aber wer darüber hinwegsehen kann, bekommt ein Endzeit-Panorama geboten, das mit sympathischen Protagonisten punktet und über vier Folgen vorzüglich unterhält.

Die Episoden im Überblick:

1. The Plague (89 Min.)
2. The Dreams (89 Min.)
3. The Betrayal (89 Min.)
4. The Stand (93 Min.)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Stephen-King-Adaptionen sind in unserer Rubrik Filmreihen aufgelistet. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Goldblum und Ed Harris haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 26. September 2019 als Blu-ray, 4. Oktober 2007 und 19. März 2004 als DVD

Länge: 359 Min. (Blu-ray), 346 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: The Stand
USA 1994
Regie: Mick Garris
Drehbuch: Stephen King, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Gary Sinise, Molly Ringwald, Rob Lowe, Jamey Sheridan, Laura San Giacomo, Ruby Dee, Ossie Davis, Miguel Ferrer, Corin Nemec, Matt Frewer, Adam Storke, Ray Walston, Bill Fagerbakke, Tom Holland, Kareem Abdul-Jabbar, Stephen King, Mick Garris, John Landis, Sam Raimi, Kathy Bates, Jeff Goldblum, Ed Harris
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Cast & Crew, Making-of
Label/Vertrieb Blu-ray: Universal Pictures Germany GmbH
Label 2004er-DVD: Paramount
Vertrieb 2004er-DVD: Universal Pictures Germany GmbH
Label/Vertrieb 2004er-DVD: Warner Home Video

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshot Blu-ray: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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