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Das Tier II – Sleazige Werwolf-Orgie mit Biss

Howling II: Stirba – Werewolf Bitch

Von Volker Schönenberger

Horror // Also wirklich! Die Durchschnittswertung der angemeldeten Mitglieder in der Internet Movie Database in Höhe von 3,7 (Stand November 2021) ist unverdient. Schon klar, dass „Das Tier II“ (1985) von Philippe Mora („The Beast Within – Das Engelsgesicht“, 1982) in puncto Klasse, Wucht und Einfluss nicht an Joe Dantes „The Howling – Das Tier“ (1981) heranreicht. Aber so mies wie sein Ruf ist das Sequel mitnichten. Mora durfte im Anschluss immerhin sogar die nächste Fortsetzung „Wolfmen“ (1987) inszenieren, was er allerdings vielleicht besser gelassen hätte.

Im transsylvanischen Wald ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste

Denn es steht geschrieben, dass die Bewohner dieser Erde trunken gemacht wurden von ihrem Blut. Und ich sah sie sitzen auf dem Rücken der haarigen Bestie. Und in ihren Händen hielt sie einen goldenen Kelch, gefüllt mit dem Unrat ihrer Ausschweifungen. Und auf ihrer Stirn stand geschrieben: Wahrlich: Ich bin die große Mutter aller Ungeheuer und aller Abscheulichkeiten dieser Erde. Diese unheilvollen Worte, im Original vorgetragen von Christopher Lee, leiten „Das Tier II“ ein. Die Handlung dockt unmittelbar an den Vorgänger an, in welchem sich die Reporterin Karen White (Dee Wallace) vergebens geopfert hatte, um die Welt vor den Werwölfen zu warnen. Nun wird in Los Angeles ihre Trauerfeier abgehalten. Ihr Bruder Ben White (Reb Brown) ist untröstlich und wimmelt Stefan Crosscoe (Christopher Lee) unwirsch ab, der ihm dennoch seine Karte überlässt, die ihn als okkulten Ermittler ausweist. Karens Freundin und Kollegin Jenny Templeton (Annie McEnroe) hingegen zeigt Interesse an dem mysteriösen Mann, der ihr bedeutet, Karen sei nun ein Werwolf.

Vom Friedhof in Los Angeles nach Transsylvanien

Abends lockt die verführerische Mariana (Marsha Hunt) ein paar Punks für vermeintliche Lustbarkeiten in eine Fabrikruine. Schmerzhafte Lustbarkeiten – für die Punks, versteht sich. Nach einem Aufeinandertreffen auf dem Friedhof überzeugt Crosscoe Ben und Jenny davon, ihn nach Transsylvanien zu begleiten, wo die werwölfischen Fäden bei Stirba (Sybil Danning) zusammenlaufen.

Stirba führt nichts Gutes im Schilde

Angeblich war Christopher Lee vom finalen Film so entsetzt, dass er bei Joe Dante, dem Regisseur des Vorgängers, persönlich um Entschuldigung für sein Mitwirken an „Howling II: Stirba – Werewolf Bitch“ bat, wie „Das Tier II“ im Original heißt. Ob es an Sybil Danning lag? Die aus Österreich stammende Erotikdarstellerin würzt den Film nicht zu knapp mit nackten Tatsachen und Sex. Das wirkt zwar ein paar Mal eher albern, etwa wenn sich Stirba und ihre rechte Hand Vlad (Judd Omen) mit Mariana verlustieren, während alle drei halb transformiert sind; aber letztlich passt der animalische Sex-Appeal gut zu den haarigen Biestern. Christopher Lee pflegte in seinen „Dracula“-Filmen ja einen distinguierterteren Umgang mit Erotik, da mag ihn die Direktheit der Triebe in diesem Fall etwas empört haben. Danning war zu jener Zeit im Übrigen ihrer vielen Nacktszenen überdrüssig, wollte hauptsächlich bekleidet auf der Leinwand zu sehen sein. So stimmte sie lediglich einer Oben-ohne-Szene zu, um zu ihrem Leidwesen bei Sichtung des fertigen Films zu bemerken, dass diese eine Einstellung im Abspann etliche Male wiederholt und mit Einstellungen von Blicken diverser Darstellerinnen und Darsteller (sogar einer Eule) zusammengeschnitten wurde (was auch ganz schön fies ist, hüstel).

Primitive Sex- und Gewaltorgie?

Gerade bei etwas obskuren Horrorfilmen lohnt sich der Blick auf das Urteil des Lexikons des internationalen Films, das dem Horrorgenre oft nicht ganz unvoreingenommen gegenübertritt, so auch in diesem Fall: Haarsträubende Mischung aus „gotischen“ und modernen Horror-Elementen mit einigen recht kunstvoll fotografierten Szenen, die permanent in die denkbar primitivsten Sex- und Gewaltorgien zurückfällt. Also wenn das nicht Lust auf den Film macht, weiß ich auch nicht weiter. Zugegeben: Der hauptsächlich in der Tschechoslowakei gedrehte „Das Tier II“ ist angetan, sein Publikum zu irritieren. Der Vorgänger hatte das Werwolf-Sujet im Verbund mit John Landis’ „American Werewolf“ (1981) auf eine neue Stufe gehoben, und die Fortsetzung stieg nun wieder einige Stufen herunter, bis in sleazige (S)Exploitation-Gefilde. Da das Sequel die Geschichte nahezu nahtlos fortsetzt, muss es sich zwangsläufig am Vorgänger messen – und scheitert daran natürlich mit Pauken und Trompeten. Sybil Danning hat natürlich ein paar hervorstechende Eigenschaften (man verzeihe mir den leicht sexistischen Anflug), aber schauspielerisches Talent gehört nicht dazu, was sie als große Antagonistin nicht gerade prädestiniert. Auch Annie McEnroe („Beetlejuice“) und Reb Brown („Die verwegenen Sieben“) als Heldin und Held tun nicht gerade viel, dass ihnen die Herzen des Publikums nur so zufliegen.

Kann das weg? Oder ist das Kunst?

Die blutigen Effekte, Ausstattung, Kulissen und Kostüme bis hin zu den modischen Sonnenbrillen wirken billig (womöglich störte sich Lee auch daran, dass er in einer Szene zu Beginn eine besonders hässliche Sonnenbrille tragen musste). Aber wenn in Transsylvanien der kleinwüchsige Helfer Vasile (Jirí Krytinár) eine Wache von Stirbas Schloss mittels Morgenstern ausschaltet, weiß man: Mit Bierernst ist hier niemandem geholfen, mit Bier aber schon. Es macht Spaß! In der Folge gibt es Bizarres zu bestaunen, das in seiner surrealen Stimmung sogar ein wenig an Jess Franco erinnert. Ich bin zwar alles andere als ein Fan des spanischen Vielfilmers, weiß aber einige seiner suggestiv-surrealen Montagen zu schätzen. Die gibt es auch hier zu bestaunen, dazu ein paar überraschende Einstellungen und Wendungen. Wenn wir schon keinen grimmigen Werwolf-Horror geboten bekommen, dann aber immerhin skurrilen. Insofern lässt sich „Das Tier II“ irgendwo zwischen Trash und Arthaus verorten – eine zugegeben große Bandbreite. Und Hand aufs Herz: Wer hat gegen eine zünftige Werwolf-Orgie etwas einzuwenden? Eben. Ein netter kleiner Halloween-Gag am Ende rundet die Story fein ab.

Ein Küsschen in Ehren …

1986 und 1992 in unterschiedlichen Versionen indiziert, wurde der Film mittlerweile von der Liste jugendgefährdender Medien gestrichen – 2011 turnusmäßig nach 25 Jahren, 2013 auf Antrag des Labels EuroVideo, das eine FSK-16-Freigabe der ungeschnittenen Fassung erreichte und diese Version auf DVD veröffentlichte. 2021 übernahm Koch Films das werwölfische Staffelholz und ließ „Das Tier II“ eine prächtige Mediabook-Veröffentlichung angedeihen, die den Film in vorzüglicher Qualität auf Blu-ray und DVD enthält. Im üppigen Bonusmaterial (vollständige Auflistung siehe unten) finden sich nicht nur diverse ausführliche Interviews mit einigen an der Produktion Beteiligten, sondern auf einer Bonus-Blu-ray auch die spielfilmlange Doku „Scream Queens – Horror Heroines Exposed“ (2014). Geschrieben und gedreht vom renommierten englischen Filmjournalisten Calum Waddell, erfahren wir viel über das vermeintlich schwache Geschlecht im Horrorfilm, das sich dort gelegentlich als viel stärker erweist, als man annehmen mag. Sehenswert!

Kurioser Beitrag zum Werwolf-Genre

Großen Mehrwert bringt auch das Booklet der Koch-Films-Veröffentlichung, in dem Stefan Jung unter dem Titel „Trash und Terror – Das Tier II im Kontext des Werwolf-Films“ sehr versiert und analytisch in aller Ausführlichkeit über den Werwolffilm im Allgemeinen und „Das Tier II“ im Besonderen schreibt. Deshalb zitiere ich ihn abschließend gern, weil er am Ende seines Textes zutreffend bemerkt: „Das Tier II“ ist kein Beitrag, der im Kontext des Werwolf-Films entscheidende Maßstäbe gesetzt hat. (…) Doch er ist ein interessantes Kuriosum und beherbergt – wie die Figur des Werwolfs selbst – eine zweite Ebene, die es lohnt, dass man sie neu entdeckt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sybil Danning haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Christopher Lee unter Schauspieler.

… kann niemand verwehren

Veröffentlichung: 11. Februar 2021 als als limitiertes 3-Disc Edition Mediabook (2 Blu-rays, 1 DVD, 2 Covermotive) 10. Oktober 2013 als DVD

Länge: 91 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel (nur Mediabook): Deutsch
Originaltitel: Howling II: Stirba – Werewolf Bitch
Alternativtitel: Howling II – My Sister Is a Werewolf
CSSR/GB/USA 1985
Regie: Philippe Mora
Drehbuch: Robert Sarno, Gary Brandner, nach Brandners Roman „The Howling II“
Besetzung: Christopher Lee, Sybil Danning, Reb Brown, Annie McEnroe, Marsha A. Hunt, Judd Omen, Ferdy Mayne, Patrick Field, Jimmy Nail, Steven Bronowski, James Crawford, Jirí Krytinár, Ladislav Krecmer, Jan Kraus, Petr Skarke, Igor Smrzík, Ivo Niederle, Valérie Kaplanová
Zusatzmaterial Mediabook: Audiokommentar von Regisseur Philippe Mora, Audiokommentar des Komponisten Steve Parsons und des Cutters Charles Bornstein, Dokumentation „Scream Queens“ (79 Min.), Interviews mit Regisseur Philippe Mora, (29 Min.), Darsteller Reb Brown (14 Min.) und Darstellerin Sybil Danning (17 Min.), Interview mit den Make-up-Künstlern Steve Johnson und Scott Wheeler (15 Min.), alternativer Anfang & alternatives Ende (zus. 20 Min.), Hinter den Kulissen (4 Min.), Trailer, Bildergalerie, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Stefan Jung
Zusatzmaterial DVD: Originaltrailer
Label/Vertrieb Mediabook: Koch Films
Label/Vertrieb DVD: EuroVideo Medien GmbH

Copyright 2021 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Doppel-Packshot: © 2021 Koch Films

 

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