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Wyatt Earp (VI): Frontier Marshal – Die Story von Doc Holliday

Frontier Marshal

Von Ansgar Skulme

Western // In Tombstone ist der Teufel los. Die Stadt hat sich nach der Entdeckung von Silber in der Nähe schnell aus dem Nichts formiert, doch es fehlt an Menschen, die für Recht und Ordnung sorgen. Der Marshal (Ward Bond) bekommt den einflussreichen Saloonbesitzer Ben Carter (John Carradine) und seinen Revolverhelden-Kumpanen Curly Bill Brocius (Joe Sawyer) samt Gefolge nicht unter Kontrolle. Was aber will eine Stadt mit einem Gesetzeshüter anfangen, der Angst hat, eine hilflose Familie zu hinterlassen, wenn er mal eben über den Haufen geschossen wird? Zur rechten Zeit taucht Wyatt Earp (Randolph Scott) an Ort und Stelle auf, und weil er dringend gebraucht wird, muss er nicht lange auf einen Job warten, um den ihn keiner beneidet.

Allan Dwans „Frontier Marshal“ ist ein wunderbar fotografierter Schwarz-Weiß-Western, der visuell und hinsichtlich der Ausstattung der Sets, einschließlich einer Fülle von Statisten, sehr gut mit den stilistisch ähnlich gearteten, namhaftesten Vertretern des Genres aus den 30er- und 40er-Jahren konkurrieren kann. Diese stammen – egal ob in Farbe oder Schwarz-Weiß gedreht – beispielsweise von Regisseuren wie Cecil B. DeMille, King Vidor, John Ford, Raoul Walsh, Fritz Lang, Henry King und William A. Wellman. Aus heutiger Sicht betrachtet handelt es sich bei Allan Dwan um einen verkannten Regisseur, der allerdings als einer von nur wenigen von sich behaupten konnte, über stattliche 50 Jahre hinweg im klassischen Hollywood-Kino als solcher tätig und die meiste Zeit davon bekannt und erfolgreich gewesen zu sein – immerhin von 1911 bis 1961. Er war somit 1939 schon einer der erfahrensten Altmeister unter sämtlichen der, nach Dienstjahren bemessen, bereits vergleichsweise alten Regie-Hasen des noch jungen Hollywoods – und zwanzig Jahre später war er es erst recht. Egal ob im Stummfilm – vom Kurzfilm bis hin zum Langfilm und zum Epos –, ob im Tonfilm, im Farbfilm oder schließlich auch noch im Breitwand-Kino, stellt man fest: Dwan war immer dabei, wenn Entwicklungen ihren Lauf nahmen.

Treffsicherer Arzt und Glücksspieler

Die Erzählung überrascht damit, dass „Frontier Marshal“ sich ab dessen Auftauchen zunehmend auf Doc Holliday konzentriert, obwohl Randolph Scott als Wyatt Earp die Story rahmt und auch als Erster im Vorspann aufgelistet ist. Wenngleich Holliday hier aus Angst vor rechtlichen Schwierigkeiten „Halliday“ genannt wird, scheint es der Geschichte und Inszenierung ein besonderes Anliegen zu sein, Doc Holliday ein Denkmal zu setzen. Cesar Romero erweist sich hierbei als ausgesprochen spannende Besetzung. Zum einen, weil er Jason Robards, der Doc Holliday später in „Die fünf Geächteten“ (1967) verkörperte, durchaus ein wenig ähnlich sieht, zum anderen weil Romero als Sohn eines gebürtigen Spaniers und einer Kubanerin als eine Art US-amerikanischer Volksheld, als historische Person mit großem Bekanntheitsgrad, vom Schlage eines Doc Holliday besetzt wurde. Romero war einer der ersten Schauspieler im Tonfilm des klassischen Hollywood-Kinos mit in den spanisch- oder aber italienischsprachigen Raum verweisender Abstammung, der auch einmal heroische Figuren verkörpern durfte, die zudem davon befreit waren, durch spanische oder italienische Akzente gekennzeichnet zu sein. Der in New York geborene Sympathieträger wurde zu einem wichtigen Vorreiter in puncto Abkehr von derartigen Rollen- und Besetzungsklischees. Zudem vermied er es über Jahrzehnte erfolgreich, seine Homosexualität zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen werden zu lassen – zu gegebener Zeit outete er sich dann selbst. Kurzum: Er ließ sich in seiner Karriere keinerlei dauerhaft stigmatisierende Steine in den Weg legen, obwohl in doppelter Hinsicht die Gefahr bestand, dass es hätte passieren können. Stattdessen wuchs Romero zu einem gefragten Nebendarsteller beim Film, mit auch der einen oder anderen Hauptrolle im Portfolio heran, der Latino-Klischees nach seinem Durchbruch zweifellos trotzdem noch öfter einmal bediente, dann aber aus Spaß an der Freude. Am bekanntesten ist sein Gesicht dem heutigen Publikum wahrscheinlich als grünhaariger Joker in der quietschbunten 60er-Version von „Batman“, mit Adam West in der Titelrolle.

Randolph Scott spielt daneben einen vor allem gegenüber Doc Holliday auffällig empathischen, dazu gewitzten und freundlichen Wyatt Earp, der gut auf Scotts Charme als sanfter Cowboy zugeschnitten ist, aber dennoch einen sehr souveränen Eindruck macht – recht cool spätestens dann, wenn er zum Schießeisen greift –, was es für eine solche Rolle auch dringend braucht. Obwohl ich von Scotts Glaubwürdigkeit als Westernheld mit realistischen Überlebenschancen im echten Westen, vor allem was seine 50er-Filme betrifft, nicht sonderlich überzeugt bin, und ihn dahingehend ähnlich kritisch wie Joel McCrea sehe – vor allem weil beide paradoxerweise ab einem gewissen Punkt besonders stark auf dieses Genre abonniert gewesen sind –, möchte ich fairerweise zumindest betonen, dass Scott schauspielerisch als Wyatt Earp eine bei Weitem bessere Figur macht als der hölzerne McCrea in Jacques Tourneurs „Wichita“ (1955). Es macht Spaß, Randolph Scott in „Frontier Marshal“ zuzusehen – und seine Darbietung als Earp gewährt Doc Holliday wohlbedacht den Raum, der dieser Figur in der vorliegenden Geschichte auch gebührt.

Warum man im Film Wyatt Earps Namen originalgetreu verwendete, den Namen von Doc Holliday aber abwandelte, obwohl der zunächst geplante Titel „Wyatt Earp: Frontier Marshal“, der der Buchvorlage entspricht, wiederum verworfen werden musste, weil Earps Witwe die Verwendung des Namens ihres Mannes zu diesem Zweck untersagte, erscheint mir rätselhaft. Aber so ergibt sich die Absonderlichkeit, dass Earp zwar mit richtigem Namen im Film auftaucht, obwohl er mit diesem nicht im Titel auftauchen durfte, und Holliday im Film mit modifiziertem Namen auftritt. Bereits 1934 erschien, unter der Regie von Lewis Seiler, ein Genrebeitrag mit dem Titel „Frontier Marshal“, der genau wie die 1939er-Version von Sol M. Wurtzel und dem Studio Fox produziert wurde, das damals allerdings noch nicht als Twentieth Century Fox firmierte – für diese Version erwirkte die bereits über 70 Jahre alte Earp-Witwe obendrein schon vorab, dass der Name der Figur auch im Film geändert und nicht nur aus dem Titel gestrichen werden musste.

Das hätte besser laufen müssen

Ein Gewinn für Allan Dwans „Frontier Marshal“ ist nicht zuletzt die Mitwirkung von Nancy Kelly und Binnie Barnes, die als zwei gegensätzliche Frauentypen beide emotional glaubhaft und berührend agieren. Sie schlagen sich damit wacker inmitten der Unmenge an männlichen Schauspielern und Komparsen. Eigentlich hat dieser Film alle Zutaten, mit denen er problemlos zu einem 95- oder auch 120-minütigen Western-Epos hätte werden können. Darunter eine Reihe bekannter Gesichter, die damals diverse Genrefilme in Nebenrollen veredelten: Ward Bond, Joe Sawyer, John Carradine, dazu Charles Stevens, dem von manchen Quellen fälschlich nachgesagt wird, er sei ein Enkel des berühmten Apachen Geronimo gewesen; außerdem Lon Chaney Jr., der kurz darauf als „Der Wolfsmensch“ bei Universal den Durchbruch als Hauptdarsteller, in den Fußstapfen seines durch Stummfilme berühmt gewordenen Vaters schaffte. Eine ungewöhnliche, wunderbare Besonderheit ist ferner, dass Eddie Foy Jr. hier seinen eigenen Vater spielte, der Wyatt Earp und Doc Holliday im Zuge seines Daseins als Bühnenkünstler im Wilden Westen wirklich kennengelernt hatte.

Da dem Film eine Earp-Biografie als literarische Grundlage diente, hätte man die Handlung ohne Weiteres, relativ unkompliziert und ergiebig strecken können. Dass dennoch nur ein rund 70-minütiges Werk daraus geworden ist, was vor allem für ein biografisch begründetes Projekt recht kurz ist, dürfte einer der Hauptgründe dafür sein, warum „Frontier Marshal“ es in der filmhistorischen Betrachtung nicht auf Augenhöhe mit den besten DeMille-, Vidor-, Ford-, Walsh- oder Wellman-Western der 30er und 40er geschafft hat, obwohl Kameraarbeit, Darsteller-Ensemble, Ausstattung, Kostüme und atmosphärische Lichtsetzungen hierfür beste Voraussetzungen bieten. Einer dieser Western, die so ganz nebenbei durchaus visuelle und narrative Schnittmengen mit dem Film noir haben. Es ist nicht so, dass es keine großen Western-Klassiker mit nur etwa 70 bis 75 Minuten Laufzeit gäbe, wenn man beispielsweise an Wellmans „Ritt zum Ox-Bow“ denkt, aber um sich historische Figuren wie Earp oder Holliday vorzunehmen, ist solch eine Länge dann doch recht knapp bemessen.

Was man nicht macht, machen andere

Erstaunlich kleingehalten ist beispielsweise die Rolle von John Carradine, dem der Höhepunkt seiner Bekanntheit zwar noch bevorstand, der in den Credits aber viel weiter vorn genannt ist, als es der Umfang seiner Rolle zu rechtfertigen scheint. Man wird den Eindruck nicht so wirklich los, dass einige Szenen aus „Frontier Marshal“ der Schere zum Opfer gefallen oder kurzfristig abgeblasen worden sein könnten. An einem etwaigen Geiz von Twentieth Century Fox dürfte es jedoch im engeren Sinne nicht gelegen haben – schließlich wurden keine Mühen gescheut, sogar tonnenweise Sand aufs Studio-Gelände kommen zu lassen, um wüstenähnliche Settings zum Leben zu erwecken, die als Umland von Tombstone fungierten.

Statt Allan Dwans „Frontier Marshal“ holte sich John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) die Lorbeeren und den Legenden-Status unter den frühesten Earp-Tonfilmen ab, der aufgrund auffälliger szenischer Parallelen – auch über die bloße Anbindung an Earp und Holliday hinaus – durch manch einen als Remake von „Frontier Marshal“ definiert wird. Allerdings lag Fords Adaption bereits eine überarbeitete Fassung der Earp-Biografie von Stuart N. Lake zugrunde, während „Frontier Marshal“ noch auf der ersten Version des Buches von 1931 basiert. Starke Abweichungen von der historischen Wirklichkeit sind wohlgemerkt keine ureigenen Probleme der Verfilmungen – die Biografie geht hinsichtlich frei erfundener Elemente gewissermaßen beispielgebend voran. Häufig schaffen Neuauflagen oder im Speziellen eng einer Vorlage folgende Remakes es nicht, einer vorherigen Version den Rang abzulaufen – gelingt dies einem Remake allerdings, hat es die frühere Filmversion sehr schwer, sich im Blickfeld zu behaupten. Die 1939er-Version von „Frontier Marshal“ lief der Fassung von 1934 den Rang ab, wurde dann aber ihrerseits von „Faustrecht der Prärie“ (1946) überholt. Das ist vor allem insofern bitter, als die 1939er-Auflage eigentlich eher ein Reboot als ein Remake der Version von 1934 gewesen ist. Dwans Fassung hat also einen durchaus eigenständigen Charakter mit entsprechend hohem schöpferischem Wert. In der ersten Verfilmung tauchte Doc Holliday beispielsweise nicht einmal auf, ist bei Dwan als historische Persönlichkeit dann aber, in Relation zu Earp gesehen, sogar überraschend zentral für die Erzählung. Die heute bekannteste der drei Versionen jedoch, die unter John Fords Regie entstand und 1946 erschien, war dann tatsächlich schon recht deutlich in wesentlichen Punkten ein Remake der Variante von Allan Dwan, hat die anderen beiden Filme aber nichtsdestotrotz gewissermaßen in die Versenkung gestoßen. Das soll beileibe nicht heißen, bei Ford sei nicht ebenfalls ein schöpferischer Wert oder in Teilen eigenständiger Charakter vorhanden gewesen oder es handele sich um keinen wertvollen Film; zumindest aber kann es heißen, dass die Fassungen von 1939 und 1946 inhaltlich wesentlich näher beieinander liegen als die Versionen von 1934 und 1939.

Dass wohlgemerkt nicht nur die ersten beiden, sondern alle drei Adaptionen unter der Ägide von Fox entstanden und in einem Fenster von nur knapp 13 Jahren zur Veröffentlichung gekommen sind, ist erstaunlich und weist außerdem darauf hin, dass es den Studio-Verantwortlichen offenbar am Herzen lag, den Stoff regelmäßig aufzupolieren – und vor allem, dass Wyatt Earp als Kinofigur seinerzeit offensichtlich äußerst zugkräftig gewesen ist.

Wenn es draußen dunkel ist

Was „Frontier Marshal“ so oder so zu einem besonderen und daher unterschätzten Genrebeitrag macht, ist der Ansatz, das Nachtleben in Tombstone, in dem Wyatt Earp als Ordnungswächter naturgemäß besonders gefragt ist, über eine beträchtliche Strecke der eher kurzen Gesamthandlung hinweg praktisch in Echtzeit zu erzählen. Das ist in dieser Form recht ungewöhnlich und gibt dem Film eine sehr interessante Note – mit dem Blick rund 80 Jahre später und im Wissen darum, was in Film und Fernsehen gerade in den letzten zwei Jahrzehnten an Tendenzen zu sehen gewesen ist, möchte ich diesen Kniff sogar schon fast als visionär bezeichnen.

Dass von „Frontier Marshal“ offenbar nie eine deutsche Synchronfassung erstellt worden ist, hat dieser Western sicherlich nicht mangelhafter Qualität zu verdanken. Vielmehr scheint es mir, dass während der Nazi-Zeit nicht nach Deutschland gelangte Hollywood-Filme, in Abhängigkeit vom verantwortlichen Studio später einfach bessere oder eben schlechtere Karten hatten, hierzulande irgendwann einmal nachträglich fürs TV oder gar das Kino wiederentdeckt und dafür auf Deutsch bearbeitet zu werden. Eine Rolle spielte beim Fernsehen in diesem Zusammenhang vermutlich das Abgreifen entsprechender Rechtepakete je nach erschwinglicher Verfügbarkeit, was dann schnell einmal eine gewisse Menge an Filmen desselben Studios begünstigen kann, wenn nicht gar die Studios selbst dafür sorgten, dass ihre Filme besser spät als nie in die hiesigen Kinos kamen. Zumindest Warner- und MGM-Filme aus den 30ern und der ersten Hälfte der 40er-Jahre scheinen mir hinsichtlich nachträglicher Auswertungen in Deutschland doch vergleichsweise präsent zu sein. Dennoch kann man auch von diesen Studios noch etliche nie deutsch synchronisierte Filme aus dem besagten Zeitfenster finden, die es vollauf verdient hätten, bekannter gemacht zu werden. Was Fox anbetrifft, liegen aus der Tonfilmzeit bis 1945 in jedem Fall einige auffällig groß, wichtig und/oder zugkräftig anmutende Schätze im Argen, die ein rühriges Label hoffentlich einmal aus der nie synchronisierten Versenkung ans deutsche Publikum heranträgt – einer davon ist Allan Dwans „Frontier Marshal“. Hätte Doc Holliday beim Glücksspiel oder beim Schusswechsel so viel Pech und Widrigkeiten im Wege gehabt wie „Frontier Marshal“ auf dem Filmmarkt, wenn man einmal das Potenzial der Produktion in Relation zu ihrem heutigen eher niedrigen Bekanntheitsgrad sieht, der diversen im Text angedeuteten Umständen geschuldet ist, würde den Wildwest-Mediziner mittlerweile wahrscheinlich auch niemand mehr kennen.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lon Chaney Jr. und Randolph Scott haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 20. Juni 2012 als DVD

Länge: 71 Min.
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Frontier Marshal
USA 1939
Regie: Allan Dwan
Drehbuch: Sam Hellman, Stuart Anthony, William M. Conselman, nach einer Vorlage von Stuart N. Lake
Besetzung: Randolph Scott, Cesar Romero, Nancy Kelly, Binnie Barnes, Joe Sawyer, Lon Chaney Jr., Eddie Foy Jr., John Carradine, Chris-Pin Martin, Charles Stevens
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2020 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Frisco Express – Werbefilm im Western-Gewand

Frisco-Express-Cover

Wells Fargo

Von Volker Schönenberger

Western // Ein Western als Werbefilm für ein Transportunternehmen (heute Finanzdienstleister) – das macht „Frisco Express“ zu einem Kuriosum des Genres. Im Original ist der Film ebenso dreist wie ehrlich gleich mit „Wells Fargo“ betitelt. Um Wells Fargo geht es auch permanent und unverblümt schon gleich zu Beginn, wenn der stürmische Ramsay MacKay (Joel McCrea) ganz offen den Angriff seines Arbeitgebers auf das staatliche Postmonopol verkündet und den Marshal recht rüde zur Seite schubst, um mit seiner Kutsche nach Buffalo aufzubrechen.

Weshalb dreht ein großes Hollywood-Studio einen PR-Film?

Im Booklet der DVD der Edition Western Legenden (deutsche Erstveröffentlichung) analysiert Hank Schraudolph das Dasein von „Frisco Express“ als Wells-Fargo-Vehikel noch ausführlicher, deshalb will ich es mit dem Hinweis darauf bewenden lassen. Offen bleibt allerdings, was Paramount Pictures bewogen haben mag, in den 1930er-Jahren einen solchen PR-Film zu drehen.

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Die Kutsche ist da!

Unterhaltsam ist der von Frank Lloyd („Meuterei auf der Bounty“, 1935) inszenierte Schwarz-Weiß-Western allemal. Der Regisseur hatte zuvor für „Die ungekrönte Königin“ („The Divine Lady“, 1929) und „Kavalkade“ („Cavalcade“, 1933) zwei Regie-Oscars gewonnen. „Frisco Express“ beginnt mit oben erwähnter Szene in den 1840er-Jahren und entfaltet seine Handlung in episodisch angelegten Sequenzen über mehrere Jahrzehnte. Früh verliebt sich Ramsay in die aparte Justine (Frances Dee), aber weil ihre Eltern gegen die Beziehung sind, werden sie erst als Eheleute vereint, nachdem Ramsay in San Francisco die Wells-Fargo-Niederlassung übernommen hat. Doch der Bürgerkrieg entzweit das Paar.

Reichlich Stoff für anderthalb Stunden

Ein Ehedrama ist also auch dabei, der Bürgerkrieg wird Thema, auch der Goldrausch in Kalifornien, die Siedlertrecks in den Westen inklusive Indianerkriege sowie der Pony-Express – einige Inhalte, die „Frisco Express“ da bearbeitet. Sie bleiben allesamt jedoch an der Oberfläche und ohne anzuecken, wie es sich für einen PR-Film gehört. Die gut anderthalb Stunden ließen ohnehin keine Zeit, bei all den Themen in die Tiefe zu gehen.

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Erfolgreicher Geschäftsmann: Ramsay McKay (3. v. l.) mit Ehefrau Justine

Das lässt bei „Frisco Express“ den Fokus vermissen (mit Ausnahme des Fokus auf ein gewisses Unternehmen), zumal die von Joel McCrea und Frances Dee verkörperten Hauptfiguren eher als Vehikel zum Sprung von Episode zu Episode dienen und etwas mehr Schärfe verdient hätten. Speziell ihr Ehedrama trägt tatsächlich sehr dramatische Züge, da Ramsay gegen Ende des Films annehmen muss, von seiner Frau an die Südstaaten verraten worden zu sein. Doch dieser Abschnitt inklusive Auflösung und Happy End gerät arg kurz.

Joel McCrea und Frances Dee – 57 Jahre verheiratet

McCrea und Dee („Ich folgte einem Zombie“, 1943) hatten einander 1933 während der Dreharbeiten zu „The Silver Chord“ kennen- und liebengelernt und im selben Jahr geheiratet. Bis zu McCreas Tod mit 84 Jahren 1990 blieben sie ein Ehepaar – wohl eine der langlebigsten Ehen im Show-Geschäft. Dee überlebte ihren Mann um nicht ganz 14 Jahre; sie starb 2004 im Alter von 94 Jahren.

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Ein Angriff der Südstaatler steht bevor

Aus Chronistenpflicht sei die Oscar-Nominierung für den Ton erwähnt, die sich für mich anhand der Originalfassung allerdings nicht bewerten lässt. Im Booklet hat sich dabei ein kleiner Fehler eingeschlichen, dort findet sich die Information, der Film habe den Oscar für den Ton sogar gewonnen. „Frisco Express“ geht nicht als Glanzstück in den Filmografien der beiden Eheleute durch, ist aber als turbulente Western-Unterhaltung gut anzuschauen. Ein etwas sonderbarer Film.

Die „Edition Western Legenden“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joel McCrea sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 10. September 2015 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Wells Fargo
USA 1937
Regie: Frank Lloyd
Drehbuch: Paul Schofield, Gerald Geraghty, Frederick J. Jackson, nach einer Story von Stuart N. Lake
Besetzung: Joel McCrea, Bob Burns, Frances Dee, Lloyd Nolan, Henry O’Neill, Ralph Morgan, Mary Nash, Johnny Mack Brown, Robert Cummings, Harry Davenport
Zusatzmaterial: deutsche Kinofassung (91 Min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, achtseitiges Booklet mit einem Essay von Hank Schraudolph
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2015 Koch Films

 

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