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Dämonen der Südsee – Die filmische Entdeckung Neuseelands

The Seekers

Von Ansgar Skulme

Abenteuerdrama // 1821 gehört der Seemann Phillip Wayne (Jack Hawkins) – rund 50 Jahre nach den Expeditionsreisen von James Cook in die Südsee – zu den ersten Briten, die Neuseeland betreten und dort Freundschaften mit eingeborenen Maori schließen. Da ihm etwas Land versprochen worden ist, kehrt er schon bald gemeinsam mit seiner Frau (Glynis Johns) und seinem treuen Freund Paddy Clarke (Noel Purcell) ins neuentdeckte Land zurück. Im Gegensatz zu dem Maori-Häuptling Hongi Tepe (Inia Te Wiata), der das englische Wort für „Friede“ offenbar schon aus früheren Begegnungen mit anderen Menschen kennt, regt sich unter den Ureinwohnern allerdings auch Widerstand gegen die fremden Neuankömmlinge. Die bildschöne Moana (Laya Raki) und einige andere Frauen interessieren sich wiederum vor allem für die besonders hautnahen Wege der Völkerverständigung – eine echte Gratwanderung, wenn man die Frau eines eigentlich friedliebenden Häuptlings ist.

„Dämonen der Südsee“ war der erste große Kinofilm aus Europa und/oder den USA, der in Neuseeland gedreht wurde. Zwar nicht vollumfänglich, aber dass Studio-Aufnahmen ergänzend in heimischen Gefilden produziert wurden, ist kein ungewöhnlicher Umstand. Das Vereinigte Königreich war bei der Produktion federführend, auch die Vereinigten Staaten hatten allerdings ihre Finger im Spiel – Universal fungierte in den USA als Vertrieb und war offenbar auch an der Finanzierung beteiligt. Eine Inspirationsquelle für diese Art der cineastischen Pionierarbeit im ozeanischen Raum dürfte der erst kurz zuvor von Lewis Milestone („Im Westen nichts Neues“) in Australien realisierte „Gesetz der Peitsche“ (1952) gewesen sein, bei dem es sich allerdings um eine Produktion unter US-amerikanischer Leitung handelt.

Keine Zeit für Heldentum

Fotografisch, aber auch dramaturgisch ist „Dämonen der Südsee“ ein wirklich hervorragender Film. Nicht nur, weil er Neuseeland in denkwürdigen, bis dato in der Form nie dagewesenen Farbaufnahmen zeigt, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die Kamera oft auffällig eng am Geschehen dran ist. Es gibt viele eindrucksvolle Nah- und Großaufnahmen, außerdem spannende Kamera-Bewegungen. Die Actionszenen sind darüber hinaus zwar überschaubar, allerdings fulminant und geistreich fotografiert, anstatt sich in routiniertem Geplänkel zu verlieren. Einer der Filme, die dafür sorgten, dass der Regisseur Ken Annakin zu internationalem Ansehen gelangte. Nicht umsonst war er der britische Regisseur, der neben Kollegen aus anderen Ländern ausgewählt wurde, um für das mit Dutzenden Stars gespickte internationale Großprojekt „Der längste Tag“ (1962) Szenen beizusteuern.

Die Siedler lernen täglich Neues von den fremden Kulturen kennen

Die visuelle Durchschlagskraft der Inszenierung von „Dämonen der Südsee“ wäre allerdings nur die Hälfte wert, wäre die Erzählung nicht auch so stark von unvoreingenommener Menschenfreundlichkeit und Weltoffenheit geprägt. Der Film ist alles andere als ein angestaubter Blick in die Geschichte oder eine sensationslüsterne Abenteuer-Räuberpistole und redet auch dem Kolonialismus nicht das Wort. Bei genauer Betrachtung kristallisiert sich der Maori-Häuptling als heimliche Hauptfigur des Geschehens heraus – es geht eben nicht darum, irgendwelche „Helden aus der westlichen Welt“ zu erschaffen, die angeblich für Ordnung gesorgt haben. Abseits jeglicher Klischees vom gottlosen Wilden wandelt der als Opernsänger ausgebildete Bass-Bariton Inia Te Wiata in dieser Rolle des Hongi Tepe auf den Spuren des legendären Paul Robeson in „Bosambo“ (1935), der lediglich nicht in Ozeanien, sondern in Afrika spielt, sich dort allerdings eine vergleichbare Pionierrolle in der britischen Filmgeschichte erschloss. Der Vergleich zwischen Robeson und Te Wiata drängt sich bereits zeitig auf, da die Gesangspassagen der betreffenden eingeborenen Figuren in beiden Filmen recht früh einen gewissen Fokus auf diese Personen lenken. Robesons und Te Wiatas Stimmgewalt manifestiert sie innerhalb der Geschichten und neben den Figuren, die „Gäste“ aus der westlichen Welt sind, schnell erkennbar als wichtige Säulen der jeweiligen Erzählung. Wohlgemerkt weist „Dämonen der Südsee“ mehr vom interkulturellen Fingerspitzengefühl auf, das „Bosambo“ – zum besonderen Ärger von Paul Robeson – noch weitestgehend hatte vermissen lassen. Wobei es zweifellos möglich ist, dass die Darstellung einiger eingeborener Nebenfiguren Robeson auch im vorliegenden Film gestört hätte – nehmen wir etwa den verschlagenen Medizinmann oder den Häuptling des verfeindeten Stammes.

Dass die Bedeutung von Inia Te Wiatas Rolle als Maori-Häuptling auch in Deutschland erkannt wurde, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass man als Synchronsprecher extra Josef Olah engagierte, der Bariton-Opernsänger war. Er kam auch noch zu einem weiteren Einsatz als deutsche Stimme seines neuseeländischen Kollegen, ansonsten allerdings scheint er im Synchronstudio nur selten oder gar nicht aktiv gewesen zu sein. Aus Gründen, die man zumindest als fragwürdig erachten kann, hielt man es – trotz einer offensichtlich vorhandenen Wahrnehmung für die zentrale Rolle der Häuptlingsfigur – in Deutschland aber dennoch für notwendig, dem Film ein alternatives Ende zu verpassen, das die finale Botschaft nicht unwesentlich relativiert. Auf der neuen DVD von Pidax ist dieses Ende als Bonus ebenfalls enthalten. Es verfälscht die Kernaussage des Films zwar nicht elementar, macht aber dennoch einen inkonsequenten Eindruck.

Als zeitgenössisches in Afrika angesiedeltes Pendant zu „Dämonen der Südsee“ im britischen Kino – rund 20 Jahre nach „Bosambo“ – könnte man, mit Blick auf die Gesamtheit der Handlung, wiederum „Simba“ (1955) werten. Ein gleichfalls sehr empfehlenswerter Film. Zu der Zeit, als das britische Kino Neuseeland entdeckte, hatte es bereits diverse in Afrika spielende und zu unterschiedlich großen Teilen auch dort gedrehte, interessante Filme mit hohen Schauwerten realisiert und war immer noch dabei, mehr davon zu produzieren. Afrika war gewissermaßen das wohl größte Steckenpferd des britischen Abenteuerfilms der 30er bis 60er. Hierbei wurden letztlich Strukturen genutzt, die Filmcrews aus dem Vereinigten Königreich – aus der Kolonialzeit folgend – relativ einfache Zugänge zu bestimmten Ländern in Afrika verschaffen konnten. So war das britische Kino für den Afrika-Sektor des klassischen Abenteuerfilms letztlich auch ertragreicher und bedeutsamer als Hollywood. Bei den US-Produktionen ging die Tendenz eher dazu, sich auf in Afrika angesiedelte Studio-Produktionen zu verlegen, die in heimischen Gefilden realisiert wurden. Ausnahmen bestätigen beiderseits die Regel. Mit „Dämonen der Südsee“ wurde vom britischen Kino in Neuseeland ein neues Kapitel aufgeschlagen, das im Grunde aus demselben Pioniergeist heraus entstanden ist wie zuvor bereits diverse Afrika-Filme.

Power-Frauen in unterschiedlichem Sinn

Was den Film umso sympathischer macht, ist, dass er nicht einmal nur einen recht intelligenten Blick für die Ureinwohner zu bieten hat, denn obendrein zeigt er Glynis Johns in der Rolle von Phillip Waynes Angetrauter erheblich selbstbestimmter und freidenkender, bei gleichzeitig aber wundervoll gutherziger und wohlbedachter Treue zu ihrem Mann, als das für Ehefrauen-Rollen im damaligen Abenteuerkino im Allgemeinen üblich war. Eine herzerwärmend berührende, starke Frauenrolle, die sich für die Familie aufopfert und dennoch weit mehr als schmückendes Werk ist. Wie „Dämonen der Südsee“ die verschiedenen Ebenen nachempfindet, auf denen sich Liebe und Zuneigung abspielen, gehört zum Klügsten, was ich in diesem Zusammenhang jemals im Abenteuerfilm des klassischen Kinos gesehen habe. In diesem Kontext ist auch die von der wahrscheinlich in Hamburg geborenen, damals als sogenannte Schönheitstänzerin berühmt-berüchtigten Laya Raki verkörperte Frau des Maori-Häuptlings wichtig. Sie ist das exotisch-feurige Gegenüber der ruhigen, aber nur auf den ersten Blick trügerisch prüden und von Glynis Johns dargestellten Familienmutter. Diese temperamentvolle, wie gemalte Laya Raki macht es glaubwürdig nachfühlbar, wie schwer es manchmal bei aller Vernunft ist, auf einen einzigen Menschen fokussiert zu bleiben. Wayne, Hongi Tepe und ihre beiden Frauen bilden ein sehr interessantes, spannend und schlau gestricktes Viereck der sozialen und emotionalen Beziehungen, zwischen Freundschaft, Liebe, verschiedenen Formen der Hingabe und purer Lust.

Phillip Wayne verschreibt sein Leben dem Pioniergeist

Dass der Film letzten Endes ein energisches Plädoyer gegen jegliche Vorurteile, gegen Vereinfachungen und gegen pauschalisierend überhebliche Aburteilungen ist, wurde übrigens auch im Nachhinein noch amüsant untermauert: Laya Raki, die gegen Ende der 40er und in den 50ern in ihrer deutschen Heimat als so etwas wie pure Sünde galt – und in „Dämonen der Südsee“ auch eine genau dem Rechnung tragende Rolle spielte – war im Nachkriegsdeutschland für ihre aufreizenden Tanzeinlagen und ihren Mut zur nackten Haut schon lange in der öffentlichen Diskussion und als verführerischer Hingucker bereits für einige Rollen ins hiesige Kino geholt worden, bevor sie den Schritt nach London wagte. Wenige Jahre nach „Dämonen der Südsee“ heirate sie den australischen Schauspieler Ron Randell, lieferte aber nicht etwa Skandale, sondern eine fast 50 Jahre andauernde Ehe, die erst 2005 durch Randells Tod endete – der nebenbei bemerkt ein sehr guter Schauspieler war, der mir häufig positiv aufgefallen ist. Sicher eine herbe Enttäuschung für alle, die sich über Laya Rakis öffentliche Präsentation weiblicher Reize gern einmal das Maul zerrissen hatten, dass sie plötzlich in einer äußerst langlebigen Ehe Beständigkeit bewies und gleichzeitig erfuhr, von der viele nur träumen können. Zudem ist Laya Raki auch ein ziemlich klarer Fall von „Wer hat, der kann!“ und gibt den 50ern eine erfrischend freche Note – wenn man sie in „Dämonen der Südsee“ sieht, fühlt man sich eher an das sehr freizügige, peppig-moderne, pulsierende italienische Kino der 70er als beispielsweise den klassischen Hollywood-Film erinnert.

Der Mann mit Gespür für richtungsweisende Filme

Ein Wort sollte nun auch noch über den Vierten im Bunde des Beziehungsgeflechts in diesem Film verloren werden, den eigentlichen Hauptdarsteller: Jack Hawkins als Phillip Wayne, der zwar schon zuvor mit Hollywood in Berührung gekommen war, aber relativ kurz nach „Dämonen der Südsee“ in Howard Hawks’ „Land der Pharaonen“ (1955) dann auch eine Hauptrolle in einer ziemlich großen US-Produktion verkörperte. Es folgten Nebenrollen in den weltweit gefeierten, umfangreichen Prestigeprojekten „Die Brücke am Kwai“ (1957), „Ben Hur“ (1959) und „Lawrence von Arabien“ (1962), die Hawkins ein Denkmal setzten. Er war bereits Ende der 50er zweifelsohne unter die in den USA bekanntesten britischen Stars aufgestiegen. Jack Hawkins ist als Hauptdarsteller eine angenehme Erscheinung, da er nicht in der Tradition irgendwelcher oberflächlicher filmischer Idealbilder steht. Ein glaubwürdiger Schauspieler mit Präsenz und relativ natürlichem Charisma, abseits standardisierter Heldenbilder – er agiert weder zu melodramatisch noch gibt er sich bemüht heroisch. Hawkins scheint, meiner bisherigen Erfahrung nach, zudem ein recht gutes Gespür für gute Filme gehabt zu haben, in denen sich das Mitwirken nicht nur finanziell lohnte.

Sein Synchronsprecher in der deutschen Fassung von „Dämonen der Südsee“ ist Heinz Engelmann – damaliger Stammsprecher von beispielsweise John Wayne –, der wie immer als Sprecher einer Hauptrolle in einem Abenteuerfilm oder Western zumindest nicht enttäuscht und in vielen dieser Produktionen sogar fasziniert. Mit Engelmann und den filmischen Abenteuergeschichten der 50er ist es ähnlich wie mit Gert Günther Hoffmann und allem, was sich in den 60ern im Geiste von James Bond im Agentenkino tat – man kann sich an der Stimme der beiden für den jeweiligen Protagonisten Film um Film kaum satthören, sie wird gewissermaßen eins mit der filmischen Welt und den verschiedenen Helden der betreffenden Genres. Heinz Engelmann wurde später von Jürgen Roland des Öfteren vor der Kamera als „Stahlnetz“-Kommissar eingesetzt, wobei er in dieser Filmreihe nicht nur mimisch gefragt war, sondern in vielen Erzählpassagen aus dem Off außerdem seine reichhaltigen Qualitäten aus dem Synchron-Bereich geschickt genutzt werden konnten. Er hatte Jack Hawkins seinerzeit schon mehrmals gesprochen und kam auch nach „Dämonen der Südsee“ noch ein paar Mal zum Einsatz. Lösungen wie Wolf Ackva, Siegmar Schneider, Arnold Marquis und Curt Ackermann erwiesen sich als deutsche Hawkins-Varianten allerdings ebenfalls als brauchbar.

Pidax öffnet wieder neue Perspektiven

„Dämonen der Südsee“ ist eine filmhistorisch wichtige Pionierarbeit – aufgrund des Handlungsortes Neuseeland, da dieser auch als Drehort für eine solch große Produktion genutzt, damit weltweit in Kinos bekannt gemacht sowie eindrucksvoll visualisiert wurde, mitsamt der wundervollen Farb- und Lichtgestaltung. Der Film taugt ferner aber auch dazu, ein abenteuerlustiges Publikum gemeinsam mit eher am Theater und dem Drama interessierten Zuschauern zu versammeln – und wird durch Inia Te Wiata letztlich sogar für Opern-Fans zusätzlich interessant.

Moana (l.) ist die schönste Frau, die so mancher je gesehen hat

Diese Wiederentdeckung durch Pidax hat mich zum einen daran erinnert, dass ich schon lange darauf hoffe, dass auch die deutsche Fassung von „Die Abenteuer des Capitaine Steve“ (1956) mit Chips Rafferty – der auch im eingangs dieses Textes zitierten „Gesetz der Peitsche“ mitwirkte – möglichst bald einmal aus den Archiven gegraben wird. Ein australisch-französischer farbiger Abenteuerfilm, der bereits Ende der 50er in den bundesdeutschen Kinos lief. Eine Produktion, die Teil einer handverlesenen Auswahl australischer Filme war, die in den 2000er-Jahren im Rahmen eines Projektes restauriert worden sind und als solche 2008 auch schon in der Originalfassung in Übersee auf DVD veröffentlicht wurde.

Zum anderen wurde mir während der Sichtung von „Dämonen der Südsee“ wieder einmal bewusst, dass der Südsee-Film, mit seinen spezifischen Besonderheiten beim Umgang mit den gezeigten Eingeborenen (im Vergleich zu beispielsweise Indianern oder afrikanischen Völkern) sowie mit dem ihm besonders nahestehenden Handlungsort „Insel“, insgesamt ein bis jetzt merklich unterrepräsentiertes Subgenre des Abenteuerfilms ist, was DVD-Veröffentlichungen in Deutschland anbetrifft. Auch die weitgehend im Studio oder zumindest nicht an Originalschauplätzen entstandenen Genrebeiträge sind im Südsee-Film oftmals schick anzusehen und die Dramaturgie der Filme hat meinem Eindruck nach oftmals immerhin ein gewisses Grundniveau, das nicht deutlich unterschritten wird. Hollywood-Produktionen wie Delmer Daves’ „Insel der zornigen Götter“ (1951) sowie die von Altmeister Allan Dwan inszenierten Spätwerke „Piratenblut“ (1955) und „Enchanted Island“ (1958) sind schon allein aus den 50ern sehenswerte Beispiele in Farbe. Und auch die 30er und 40er haben einiges, zum Teil noch schwarz-weiß, aus diesem Sektor zu bieten; angefangen bei King Vidors „Bird of Paradise“ (1932), dessen Remake „Insel der zornigen Götter“ ist.

Häuptling Hongi Tepe (vorn r.) wünscht sich Frieden und Verständnis

Bleibt am Ende die etwas nachdenklich stimmende Frage, ob der die Intentionen der Geschichte durchaus ein wenig konterkarierende deutsche Titel „Dämonen der Südsee“ denn unbedingt sein musste. Zwar kann man ihn mit viel Wohlwollen als Anspielung auf die inneren Dämonen eines jeden Menschen sehen, also auf das oft schwierige Gelangen zu Überzeugungen nach einer Phase des Schmerzes – dahingehend ergibt er mit Blick auf das beschriebene Beziehungsgeflecht theoretisch sogar Sinn –, jedoch suggeriert der Titel leider ebenso, dass die Dämonen eben nicht nur auf einer Insel in der Südsee zum Vorschein kommen, sondern dass sie aus der Südsee stammen und ergibt somit als reißerische Anspielung auf die Ureinwohner im Kontext der Handlung wiederum überhaupt keinen Sinn. Während der Originaltitel „The Seekers“ auf Deutsch übersetzt die Weltoffenheit der Geschichte mit „Die Suchenden“ wunderbar transportiert, findet sich die deutsche Lösung leider auf waghalsigen Abwegen wieder. Reißerische Titel, die nicht unbedingt zur Handlung passen, waren damals für den Abenteuerfilm, mit all seinen Subgenres, bis hin zum Western aber keine Seltenheit und auch kein den deutschen Synchronfassungen eigenes Phänomen – zumindest Hollywood lieferte regelmäßig Steilvorlagen. Mal geriet der Originaltitel absurd reißerisch und der deutsche Titel begrenzte gewissermaßen sogar noch den Schaden und dann wieder – wie im vorliegenden Fall – passierte genau das Gegenteil. Im Endeffekt halten sich beide Phänomene, nach meinem Empfinden, die Waage.

Veröffentlichung: 24. April 2020 als DVD

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: The Seekers
GB/NZ 1954
Regie: Ken Annakin
Drehbuch: William Fairchild, nach einem Roman von John Guthrie
Besetzung: Jack Hawkins, Glynis Johns, Noel Purcell, Inia Te Wiata, Kenneth Williams, Laya Raki, Francis De Wolff, Patrick Warbrick, Thomas Heathcote, Maharaia Winiata
Zusatzmaterial: Alternatives Ende, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne Nr. 2573
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2020 by Ansgar Skulme

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Pidax Film

 

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Zum 100. Geburtstag von Jeff Chandler: Gefangene des Dschungels – Schick-bunte Abenteuer-Exotik mit guten Ansätzen

East of Sumatra

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // Duke Mullane (Jeff Chandler) wird mit seinem Team auf eine Insel östlich von Sumatra geschickt, um die reichen Zinn-Vorkommen abzubauen. Der König des dort lebenden Volkes, Kiang (Anthony Quinn), lässt sich auf den Kontakt mit den Amerikanern zaghaft, aber wohlwollend ein. Auch Kiangs Auserkorene, Minyora (Suzan Ball), mag den Neuling gern. Mullane versucht zu erwirken, dass die Eingeborenen ebenfalls von dem Projekt profitieren, zumal dies die Arbeit vor Ort wesentlich vereinfachen würde, und ist von der Rückendeckung seiner Arbeitgeber überzeugt. Ihm wird jedoch von seinem Vorgesetzten Catlin (John Sutton) das Leben schwer gemacht, der alle Risiken ignoriert, mit aller Macht so viel Geld wie möglich bei dem Projekt zu sparen versucht und dabei jegliches Fingerspitzengefühl im Umgang mit fremden Kulturen vermissen lässt.

Es gibt Filme, denen man nachsagt, dass noch viel Luft nach oben war, und damit meint, dass sie nicht gelungen sind – und es gibt Filme, die ihr Potenzial zwar ebenfalls bei weitem nicht ausschöpfen, aber dennoch sehenswert sind. Im Ansatz quasi schon allein so stabil, dass sie selbst im Scheitern immer noch besser sind als ein sich auf die Hinterbeine stellender belangloser Film. „Gefangene des Dschungels“ ist ein Film ebendieser „dennoch sehenswert“-Kategorie. Ein Film, der sich ein wenig anfühlt wie ein halbvoll über den Tresen gereichtes Halbliter-Bierglas, das neidisch auf das nebenan stehende prallgefüllte 0,3-Wasserglas schielt.

Es geht immer auch anders

Dass ich ihn trotzdem als denjenigen Film ausgewählt habe, der genau am Tag des 100. Geburtstages von Jeff Chandler (1918–1961) auf „Die Nacht der lebenden Texte“ erscheint, obwohl es locker mehr als zehn unter dem Strich überzeugendere, bessere Filme mit Jeff Chandler in der Hauptrolle gibt, hat seine Gründe. Einer der triftigsten darunter ist, dass „Gefangene des Dschungels“ durch seinen hinsichtlich der geografischen Lage eher ungewöhnlichen Handlungsort selbst unter Chandlers doch zahlreichen Abenteuerfilmen und Western in puncto Exotik am meisten aus dem Rahmen damaliger Hollywood-Abenteuergewohnheiten fällt. Dass dem Südsee-Film sehr ähnliche Thema vom Landen und Erkunden bzw. Erschließen einer Insel und ihrer Bewohner war damals zwar durchaus beliebt, Filme dieser Art aber im Regelfall in anderen Ländern angesiedelt. Infolgedessen laufen die Männer hier zum Beispiel ungewöhnlicherweise auch mal nicht alle mit freiem Oberkörper und in knappen „Hosen“ umher, wie man es in solchen Geschichten sonst häufig vorfindet.

Ein weiterer Grund, warum ich den Film auf seine Art für besonders halte, findet sich in dem Aspekt, dass „Gefangene des Dschungels“ im Grunde keinen wirklichen Bösewicht hat und dadurch erst recht auf Konfrontationskurs mit Hollywood-Klischees ist. Eine Weile macht es zwar den Anschein, dass Catlin die Rolle des fiesen Drahtziehers zukommt, der sich am Ende nur selbst bereichern will, stattdessen aber spart sich die Geschichte das Stilisieren einer Figur zum großen Unheilstifter schließlich doch und findet zum Finale hin andere Lösungswege. Es gibt Dutzende Filme dieser Art, in denen sich Figuren wie Catlin oder Kiang letztlich als reaktionäre oder völlig gewissenlose Egomanen entpuppen, die es aufzuhalten gilt – was der Held dann übernimmt. „Gefangene des Dschungels“ aber hat also sogar zwei Figuren im Boot, die dahingehend wie auf dem Antagonisten-Präsentierteller liegen, dennoch widerstand man der Versuchung, eingleisig auf ein eben doch nicht so ganz unvermeidliches „Held gegen Fiesling/Brutalo“-Finale zuzusteuern. Das ist auch insofern interessant, als sich der Autor der Skript-Vorlage, Louis L’Amour, später beklagte, der Film kümmere sich nicht genug um die Anliegen des Eingeborenenkönigs, der sich eigentlich ein Krankenhaus, Medizin und einen Doktor für sein Volk erhofft und sich deswegen den ankommenden Amerikanern öffnet. L’Amour, der bald darauf durch Western bekannt wurde und hier erstmals fürs Kino arbeitete, hielt den finalen Film für viel zu oberflächlich, zu sehr auf reines Dschungel-Abenteuer und den Sex-Appeal des Eingeborenenmädchens Minyora fokussiert. Aber ist „Gefangene des Dschungels“ wirklich so sehr Einheitsbrei? Ich persönlich habe König Kiang durchaus in einer Form wahrgenommen, wie L’Amour sich dies auch gewünscht zu haben scheint, nur geht der Film, der aus der Vorlage gemacht wurde, nicht die erzählerischen Wege eines Dramas, sondern versucht gleichzeitig trotzdem das Abenteuer-Publikum zu begeistern, das von Universal damals sehr vielfältig und gelungen bedient wurde – mit sehenswertem, fast jede Story rettendem Technicolor als Kernstück des bunten, exotischen Konzepts. Diesen narrativen Weg kann man jetzt „Fehler“ nennen oder aber auch „interessante Mischung“. Recht hat L’Amour so oder so zumindest dahingehend, dass mit den fähigen Schauspielern, die zur Verfügung standen, viel mehr zu machen gewesen wäre.

Treffpunkt der kommenden Stars

Genau genommen versammelt dieser Film eine ganze Reihe an Schauspielern, denen eine große beziehungsweise noch größere Zukunft bevorstand. Von ihnen war Jeff Chandler zum damaligen Zeitpunkt am weitesten mit seiner Karriere fortgeschritten, dennoch hatte er eigentlich Größeres vor sich als lediglich Vertragsstar bei Universal zu sein – was er in den letzten Jahren vor seinem Tod schließlich auch mehr denn je bewies. Dieser Weg hätte noch viel weiter gehen können und wohl nur sein frühes Ableben mit 42 Jahren, rund achteinhalb Jahre nach den Dreharbeiten zu „Gefangene des Dschungels“, verhinderte nachhaltigen Ruhm auf Höhe desselben Bekanntheitsgrades, den Stars wie Cary Grant, Gregory Peck, Robert Mitchum, Gary Cooper oder Humphrey Bogart heute noch genießen. Man nehme beispielsweise Rock Hudson oder Tony Curtis – auch sie machten, wie Chandler, bei Universal ihre Anfänge, bekamen dort recht bald eine richtungsweisende Handvoll Hauptrollen, und wurden wenig später zu Topstars.

Suzan Ball in der Rolle der angehenden Königin Minyora, die die Hälfte ihrer letztlich nur sechs namentlich in den Credits genannten Kinorollen in Filmen mit Jeff Chandler absolvierte, wurde damals eine große Karriere vorausgesagt. Sie steckte aber noch in der Frühphase ihrer Laufbahn und starb bereits 1955 mit nur 21 Jahren an den Folgen von Krebs, ohne bis dahin eine Hauptrolle vor der Kamera gespielt zu haben. Wenn man sie in „Gefangene des Dschungels“ – unter anderem in einer feurigen Solo-Tanzszene – sieht, ist es kaum vorstellbar, dass sie sich, wenig mehr als ein Jahr nach den Dreharbeiten, Anfang 1954 einer Beinamputation unterziehen musste. Auch dieser Eingriff konnte ihren Tod gut eineinhalb Jahre später jedoch nicht mehr verhindern. Der Sommer und Frühherbst 1955 waren beispiellos dramatisch für den Hollywood-Nachwuchs: Binnen nur zwei Monaten, zwischen Ende Juli und Ende September, starben mit Robert Francis, Suzan Ball und James Dean drei der wohl verheißungsvollsten aufgehenden Stars aus der Altersklasse bis 25.

Gewissermaßen am Vorabend seines großen Durchbruchs befand sich Anthony Quinn, der wenige Monate nach Abschluss der Dreharbeiten zu „Gefangene des Dschungels“ den Oscar als bester Nebendarsteller für „Viva Zapata!“ gewann. Ob man ihn dann so schnell noch einmal für eine Nebenrolle in einem solchen Abenteuer bei Universal hätte gewinnen können, ist fraglich. Er wertet den Film mit seiner für eine solche Figur damals ungewöhnlich nachdenklichen Verkörperung in jedem Fall auf und gibt ihm eine besondere Note. Über die Zusammenarbeit mit Jeff Chandler äußerte er sich sehr positiv, lobte dabei im Besonderen Chandlers bodenständige Art.

Zwischen Schauspielerei und Textaufsagen

Etwas sonderbar ist, dass die Nebenfiguren innerhalb von Duke Mullanes Team sehr oberflächlich gestaltet sind. Normalerweise werden in klassischen Hollywood-Filmen mit vergleichbarer Figurenkonstellation prägnante, lustige oder sonstig bemerkenswerte Eigenschaften der Mannen aus dem Gefolge des Helden genutzt, um einige schöne Szenen oder zumindest Begebenheiten daraus zu machen. Kriegs- oder Kavalleriefilme leben beispielsweise oft stark vom bunten Charakter des Haufens, der sich gemeinsam durch den Film schlägt und sind meist umso besser, umso klüger dieser Haufen ausdifferenziert ist. Aus unerklärlichen Gründen bleibt „Gefangene des Dschungels“ dahingehend aber sehr pappig. Mit Ausnahme des stets vor sich hinsingenden Scatman Crothers fehlen dem auf der Insel landenden Team schlicht die Besonderheiten und erinnerungswürdigen Momente. Eugene Iglesias lässt gegen Ende erahnen, dass er einiges mehr an Potenzial hatte als es der Film zulässt. Peter Graves, der später als Vorgänger von Tom Cruise Teamleiter in der ursprünglichen „Mission: Impossible“-Serie wurde, stand hier noch am Anfang seiner Karriere, hatte aber schon vor „Gefangene des Dschungels“ Rollen in Hollywood gespielt, in denen er weitaus weniger beliebig wirkte als im vorliegenden Film. Selbst ohne Szenen, die ihm wirklich Gelegenheit gaben, sein Können zu zeigen, soll sein Auftreten in „Gefangene des Dschungels“ aber dazu geführt haben, dass sich danach erkundigt wurde, wer denn dieser junge Mann sei. Erstaunlich ist auch, dass sogar ein Jay C. Flippen, der nun wirklich ein alter Hase war und – soweit mir sein Schaffen bekannt ist – nie enttäuschte, hier ziemlich unter Wert verkauft erscheint. Flippen war, meiner Erinnerung nach, so ziemlich der erste Nebendarsteller des klassischen Hollywoods, den ich als Kind namentlich kannte und dementsprechend lange habe ich ihn im Blick. Er erweckt in „Gefangene des Dschungels“ manchmal den Eindruck, bestellt und nicht abgeholt worden zu sein, ist auf Stichwort aber doch immer zur Stelle und weiß zu überzeugen.

All dies führt zu dem Schluss, dass Budd Boetticher heute nicht umsonst eher mit seinen Western assoziiert wird, wobei er grundsätzlich durchaus auch andere Genres draufhatte, wenn denn eben alles passte. Mit einem anderen Regisseur wäre vielleicht mehr aus „Gefangene des Dschungels“ geworden. Boetticher soll über den Film später gesagt haben, das Projekt habe hauptsächlich dem Zweck gedient, einigen befreundeten Beteiligten eine Beschäftigung beziehungsweise die dazugehörige Vergütung zu verschaffen, und betonte in diesem Zusammenhang, es sei ein Unterhaltungsfilm gewesen – gewissermaßen aus Spaß an der Freude produziert. Vielleicht eine Erklärung dafür, warum der Film nicht so geworden ist, wie ihn sich der Autor Louis L’Amour gewünscht hatte. Auch andere Faktoren, wie etwa, dass eigentlich die sehr prägnante Gloria Grahame die Rolle der von John Sutton und Jeff Chandler umworbenen Frau spielen sollte, die dann der eher fehlbesetzten Marilyn Maxwell zufiel, da Gloria Grahame ablehnte, sind aber nicht zu unterschätzen. Nicht umsonst ist Suzan Ball hier die auffälligere der beiden Damen auf der Insel, obwohl sie die kleinere Rolle hat. Ball und Grahame im Duo – das wäre schon eine Hausnummer gewesen und wohlgemerkt nicht nur rein oberflächlich.

Unternehmen: DVD

Budd Boetticher sprach rückblickend mit Hochachtung von Jeff Chandler, den er als engen Freund bezeichnete, und äußerte sein Bedauern, nicht weitere Filme mit ihm gedreht zu haben. „Gefangene des Dschungels“ war die zweite und blieb die letzte Zusammenarbeit der beiden. Der vorausgegangene, schwarz-weiß gedrehte Kriegsfilm „Unternehmen ‚Rote Teufel‘“ (1952) wird seit ein paar Jahren international auf DVD verbreitet, ist in Deutschland aber noch nicht erschienen – möglicherweise, weil die deutsche Kinosynchronisation dieses Films eine der am schwersten zu bekommenden aus Jeff Chandlers gesamtem Schaffen als Hauptdarsteller ist. Schon allein weil Budd Boetticher durch seine Western doch einen gewissen Namen hat, sollte man hoffen dürfen, dass auch sein zweiter Film mit Jeff Chandler, wenigstens in den USA, offiziell auf DVD nachgereicht werden wird, damit „Unternehmen ‚Rote Teufel‘“ im Regal endlich angemessene Gesellschaft bekommt. Derzeit teilt „Gefangene des Dschungels“ aber noch das Schicksal von „Kreuzverhör“, der ebenfalls trotz Chandler und trotz Jack Arnold – einem der neben Boetticher namhaftesten sogenannten „B-Regisseure“ des 50er-Hollywoods – und ebenfalls trotz der Tatsache, dass es eine andere Zusammenarbeit der beiden in den USA und darüber hinaus bereits auf DVD gibt, weltweit offenbar noch nicht offiziell auf DVD veröffentlicht worden ist. Die deutsche Synchronfassung von „Gefangene des Dschungels“ ist zumindest sicher greifbar und trumpft wie üblich mit Curt Ackermann auf, der sich damals gerade als Chandlers Stammsprecher etablierte und viele, viele weitere Auftritte folgen ließ. Ferner überrascht die Synchro mit dem sehr ungewöhnlich besetzten Alfred Balthoff als Sprecher von Anthony Quinn und ist bis in kleine Nebenrollen mit beliebten Stimmen mit Wiedererkennungswert gefüllt.

Wenn man sich die Vorfälle auf North Sentinel Island von Mitte November 2018 vor Augen führt, wirkt ein Film wie „Gefangene des Dschungels“, mag man ihn als noch so banal und altmodisch abtun wollen, plötzlich auf recht bizarre Weise aktueller denn je. Und gerade angesichts dessen kann man die Tatsache, dass „Gefangene des Dschungels“ seine Eingeborenen eben nicht zu Wilden stilisiert, obwohl das damals in Hollywood nicht unüblich war (allerdings auch nicht so massiv verbreitet, wie es von der Filmwissenschaft gern pauschalisiert behauptet wird), eigentlich gar nicht hoch genug einstufen. Die Landnahme im Angesicht fremder Kulturen ist ein hochsensibles Thema, dem sich der vorliegende Film für einen als Abenteuer vermarkteten Stoff in durchaus anständiger Art und Weise nähert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Budd Boetticher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jeff Chandler und Anthony Quinn in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 82 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: East of Sumatra
USA 1953
Regie: Budd Boetticher
Drehbuch: Frank Gill Jr., Louis L’Amour, Jack Natteford
Besetzung: Jeff Chandler, Marilyn Maxwell, Anthony Quinn, Suzan Ball, John Sutton, Jay C. Flippen, Scatman Crothers, Eugene Iglesias, Peter Graves, Earl Holliman
Verleih: Universal International Pictures

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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Marihuana – John Wayne jagt Kiffer-Kommunisten

Big Jim McLain

Von Ansgar Skulme

Krimi // Ein versierter Schmugglerring überflutet den amerikanischen Drogenmarkt mit Marihuana. Der Ermittler Jim McLain (John Wayne) und sein Partner Mal Baxter (James Arness) werden nach Hawaii geschickt, um die Drahtzieher zu finden und zu stoppen. Sommer, Sonne, Strand, Meer und schöne Frauen, eine idyllische Ruhe – gestört von Tätern, Mittätern und Opfern. McLain und Baxter führen Dutzende Gespräche und recherchieren was das Zeug hält, doch es wird weitere Opfer geben, bevor McLain endlich den Kopf der Bande stellt.

Als ich „Marihuana“ vor gut zehn Jahren das erste Mal gesichtet habe, war mir noch nicht bekannt, dass es sich eigentlich um einen Propagandafilm handelt, in dem gar keine Marihuana-Händler, sondern Kommunisten gejagt werden. Ein Film, wie er damals gut zu einem Zeitgeist passte, der von den Machenschaften des Komitees für unamerikanische Umtriebe, unter Federführung von Joseph McCarthy, geprägt war. Erst in der Synchronfassung wurden aus den Kommunistenjägern plötzlich Drogenfahnder – und das auch nicht nur in Deutschland, sondern zumindest auch in der italienischen Fassung.

Wenn man drüber lachen kann …

Für sich genommen, ohne die Hintergründe zu kennen, funktioniert die deutsche Fassung einigermaßen gut. Auch wenn die Erklärungen mit zunehmender Dauer des Films immer kurioser anmuten. Generalstabsmäßig organisierte Marihuana-Einfuhr, organisiert von feinen, älteren Herren in Anzügen – nur ein Faktor, der dem wachen Zuschauer komisch vorkommen müsste. Der Schauplatz Hawaii und die Regie von Edward Ludwig machen den Film aber zumindest ansehnlich. Zu Ludwig jedoch später mehr. Da sich John Wayne vom Film noir ansonsten bemerkenswerterweise völlig fernhielt, ist „Marihuana“ auch unter diesem Gesichtspunkt in gewisser Weise interessant, da die Gelegenheiten recht rar gesät sind, ihn in Krimis oder Thrillern zu sehen. Ein Faktor zumindest wenn man Fan des „Dukes“ ist, was einem angesichts solcher Produktionen wie „Big Jim McLain“ jedoch leicht vergehen kann. Wayne hatte zuvor zwar schon viele Westernhelden aus der angeblichen US-Geschichte, aber noch nie einen zeitgenössischen Gesetzeshüter in einem Film gespielt. Auch danach folgten seine nächsten Polizistenrollen erst in den 70er-Jahren, kurz vor Ende seiner Karriere.

Wenn man einmal weiß, was es mit diesem Werk eigentlich auf sich hat, gesellt sich der Faktor hinzu, dass manche Szenen ins Komische umschlagen, die eigentlich ernst gemeint waren, und dass andere Szenen ihre schon vorhandene Absurdität noch steigern. Unbezahlbar ist beispielsweise der Gastauftritt von Hans Conried als schräger, geistig etwas neben der Spur umherirrender Autor, der in der Originalversion davon berichtet, wie er angeblich vor Jahren selbst in die Kommunistische Partei eingetreten ist, um mehr über sie zu lernen, während er in der deutschen Version in herrlich abstruser, fahriger Weise davon berichtet, wie er anfing Marihuana zu rauchen, um die Wirkung der Droge an sich zu testen. Während diese Szene allerdings auch schon im Original komisch gemeint ist – im Deutschen lediglich noch wesentlich absurder wirkt –, gestaltet sich das bei dem Gastauftritt von Paul Hurst in der Rolle des Mr. Lexiter schon etwas anders: In seiner Szene im Original berichtet Lexiter davon, sein Sohn sei der Kommunistischen Partei beigetreten, er verrate den Sprössling deswegen an Jim McLain. Der Vater liefert den Sohn aus und rechtfertigt das mit seiner angeblichen Bürgerpflicht. McCarthy war bestimmt sehr stolz auf diese Szene!

In der Synchronfassung wird aus dem Sohn allerdings ein Opfer gemacht: Er soll Selbstmord begangen haben und dazu gezwungen worden sein, da er in den Drogenhändler-Kreisen an die falschen Leute geraten sei. Als der Vater in dieser Version vom Wiedersehen mit seinem Sohn, nachdem dieser drogenabhängig geworden war, berichtet, entspannt sich ein Dialog zwischen Paul Hurst und John Wayne, der in beiden Versionen in gewisser Weise sicherlich dramatisch wirken mag, allerdings ziemlich komisch ist, wenn man weiß, dass die deutsche Fassung inhaltlich improvisiert wurde: Als John Wayne sich näher nach dem Vater/Sohn-Treffen erkundigt, bekommt er alberne Antworten wie, dass auffällig gewesen sei, dass der Sohn während des Beisammenseins sehr viel geraucht habe; als Wayne nachhakt, wird über den merkwürdigen Geruch des Rauchs philosophiert. Die Szene ist unter diesem Gesichtspunkt ein Paradebeispiel für unfreiwillige Komik – die in dem Falle noch nicht einmal in der deutschen Fassung so intendiert war, letztlich aber trotzdem entsteht.

Wie umständlich man in der deutschen Fassung versuchte, der neuen Story irgendwie Sinn zu geben, erweist sich unter anderem, als Paul Hurst den Ermittlern ein Foto in der Zeitung präsentiert, das im Original seinen filmischen Sohn zeigt, der sich nun für die Kommunistische Partei engagiert, aber seinen Namen geändert hat, woraufhin sein Filmvater beteuert, dass er ohnehin nicht mehr denselben Namen wie dieser Kommunist tragen will. Pathos und Patriotismus bis zum Abwinken. In der deutschen Fassung, wo der Sohn aber ein bereits totes Drogenopfer ist, hieß Edwin White – der Mann auf dem Foto – plötzlich nicht mehr früher Lexiter, sondern ist eine andere Person, die für den Tod des Sohnes verantwortlich sein soll.

Law & Order: Honolulu

Rückwirkend auch ziemlich albern und unfreiwillig amüsant ist es, Dan Liu, der damals wirklich Polizeichef von Honolulu war, inmitten all der vielen Widersinnigkeiten dieses Films zu sehen. Ein aufrechter, stolzer Gesetzeshüter, der heroisch als großer Amerikaner durchs Dorf getrieben wird, aber letztlich dabei mithilft, dass Kommunisten und – auch wenn er das nicht ahnen konnte – Kiffer in einer so oder so hanebüchenen Geschichte dämonisiert werden; wie so ein Möchtegern-Sheriff, der sich mit goldenem Stern und polierten Stiefeln auf die Schwächsten der Stadt stürzt und sich besonders stolz dafür feiern lässt, indem er auf Schauspieler macht und dabei obendrein keinen Geringeren als sich selbst verkörpert. Der Film schadet seinem Image als ernst zu nehmender Polizist aus heutiger Sicht definitiv und macht ihn zu einer Witzfigur, zumal sein schauspielerisches Talent überschaubar ist. Schade, dass sich der erste chinesisch-amerikanische Polizeichef einer Stadt in der Geschichte der USA dafür hergegeben hat. Es mag aber sein, dass er kaum eine andere Wahl hatte, denn Senator McCarthy mochte Menschen bekanntlich nicht besonders, die nicht so dachten wie er oder nicht taten, was er für richtig hielt. Neben Liu wurden weitere auf Hawaii bekannte Persönlichkeiten wie der Newsreporter „Red“ McQueen, der Bischof Kinai Ikuma und der Universitätsprofessor Joel Trapido für Rollen engagiert, um dem verbreiteten Gedankengut einen ebenso authentisch greifbaren wie durch die Realität legitimierten Charakter zu verleihen.

Wie genau es der Film mit Gesetzestreue und aufrechten Männern, die ihr Land beschützen, wirklich nimmt, sieht man in einer Szene, als „Big Jim McLain“ beim Ausparken beinahe in den Gegenverkehr rast, weil er damit beschäftigt ist, einer Frau hinterherzuschauen, ihr zuzuwinken und daher zunächst auf der Gegenspur fährt, die er erst verlässt, als ihn von dem nächsten auf dieser Spur in die richtige Richtung steuernden Auto gefühlt nur noch etwa ein Meter trennt. Der Gesetzeshüter schrammt hier so knapp an einem von ihm unnötig verschuldeten Frontalunfall mit zudem überzogener Geschwindigkeit beim Ausparken vorbei, dass man sich nicht ganz sicher ist, ob dieser Ablauf der Szene in der Form geplant war. Im Film wurde diese Aufnahme jedenfalls belassen. Solche Vorbilder brauchte das Land!

Wettstreit der Dämonisierungen

Während man für die ersten deutschen Synchronfassungen von Michael Curtiz‘ „Casablanca“ (1942) und Alfred Hitchcocks „Notorious“ (1946 – deutscher Titel der Fassung: „Weißes Gift“) noch die Möglichkeit der Verfälschung nutzte, um die eigene Nazi-Vergangenheit des Landes zu verschweigen, indem man aus Nazis Drogenhändler machte oder sie gleich ganz zu unterschlagen versuchte, drehte man bei „Marihuana“ nun also den Spieß um: Man versuchte einer Hetze entgegenzuwirken, indem man sich in der deutschen Fassung nicht daran beteiligte und aus den politisch verfolgten Kommunisten gewissenlose Drogenhändler machte. Dies mag ein edles Bestreben sein, doch aus heutiger Sicht scheitert das Ansinnen, da die deutsche Fassung letzten Endes lediglich eine eigene Dämonisierung anstelle der Dämonisierung im Original setzt, indem Marihuana-Konsumenten wie schwerste Junkies und die Folgen des Marihuana-Konsums in etwa wie das Rauchen von Heroin dargestellt werden. Das ist wissenschaftlich kaum sinnvoller als die politischen Ansichten von Joseph „Joe“ McCarthy zum Kommunismus, zum damaligen Zeitpunkt mag es immerhin dem Stand der Dinge entsprochen haben.

Wenn man den Film mit genügend Naivität betrachtet, geht er in der deutschen Fassung als einigermaßen unterhaltsamer Noir mit ein paar bekannten Gesichtern und ein paar guten Schauspielern – wie etwa dem großartigen Alan Napier in einer äußerst undankbaren Rolle als Chef der Kommunisten-Bande – durch. Vor allem die beschwingten Auftritte von Nancy Olson und Veda Ann Borg in den einzigen beiden einigermaßen großen weiblichen Rollen, helfen dem Werk mehrfach über die Zeit, während sich die Männer am laufenden Meter gegenseitig mit hochgradigem Politschwachsinn belegen.

Es ist überliefert, dass Nancy Olson das Drehbuch überhaupt nicht mochte und nur einwilligte, mitzuwirken, da sie gern mit John Wayne arbeiten wollte und obendrein damit die Chance bekam, sechs Wochen auf Hawaii zu verbringen. Sie spekulierte darauf, dass der Film sowieso floppen würde, übersah jedoch den Image-Schaden durch die wiederkehrenden Fernsehausstrahlungen in späteren Jahren. Olson war – und ist womöglich immer noch – eine liberale Demokratin. Am Set soll sie sich diverse politische Diskussionen mit Wayne geliefert haben, ohne jedoch die Eskalation zu provozieren, obwohl Wayne einer der Gründe gewesen war, warum sie in die Rolle eingewilligt hatte.

Ein interessanter Randaspekt des Films ist zudem der Verweis auf die Lepra-Kolonie Kalaupapa – gewissermaßen das einzig wirklich dokumentarisch Wertvolle an diesem Film, auch wenn er gern ein Politlehrfilm gewesen wäre. Die Existenz solcher Orte wird schnell einmal vergessen. Die Insel – zunächst nur wie ein dunkler Vorbote in einer Luftaufnahme zu sehen – schließlich sogar als Schauplatz zu nutzen und John Wayne persönlich den Schritt wagen zu lassen, verleiht dem Film einige beklemmende, reflektierende, gut inszenierte Momente, und als die Krankenschwester erklärt, wie die Bewohner von ihren Neugeborenen getrennt werden, damit diese sich nicht anstecken, kommt sogar kurz ein Moment der Rührung auf. Angeblich wurden sogar wirklich Außenaufnahmen direkt auf Kalaupapa gedreht und es heißt, John Wayne sei persönlich vor Ort gewesen.

Ein eher putziger Propagandafilm

„Marihuana“ war der erste von John Waynes unabhängiger Produktionsfirma Wayne-Fellows Productions (später: Batjac Productions) realisierte Film und wurde mittels eines Deals von den Warner Brothers in die Kinos gebracht. Wer nun allerdings behaupten wollte, dass dies Warner von der Verantwortung für den Propaganda-Inhalt weitestgehend befreit, sollte nicht vergessen, dass der Verleih bereits im Vorjahr „Ich war FBI-Mann M. C.“ (Originaltitel: „I Was a Communist for the F.B.I.“) in die Lichtspielhäuser gebracht hatte und es sich hierbei sogar um eine hauseigene Produktion handelte, die das spektakuläre, kaum fassbare Kunststück fertigbrachte als Propagandafilm in der Kategorie „Bester Dokumentarspielfilm“ für den Oscar nominiert zu werden. Das allein beweist schon recht eindrücklich, wie es um die USA seinerzeit bestellt war und wie sich auch die Academy politisch kompromittieren ließ. Im Vergleich zu diesem üblen Hetz- und Hasswerk, dessen Protagonist den Hass seines eigenen Sohnes auf sich zieht, da er sich zur Tarnung als Kommunist ausgibt, um damit seinem Land zu helfen, während der Bursche „natürlich“ keinen dreckigen „Kommi“ als Vater haben will, mutet „Marihuana“ sogar noch recht putzig an. Wer darüber hinaus noch Bedarf an derartigen Schinken hat, wird mit Republic Pictures‘ „The Red Menace“ (1949) und dem von Howard Hughes produzierten RKO-Film „The Whip Hand“ (1951) fündig. Letztgenannter Film ist tatsächlich sogar ziemlich lange spannend und schaurig, bis sich herausstellt, dass die gruselige Bedrohung von Kommunisten unter Führung eines mit massivem deutschem (Nazi-)Akzent Englisch sprechenden Irren verursacht wird, der alle nur denkbaren Klischees erfüllt. Dann ist es vorbei – und man kommt aus dem Kopfschütteln und Lachen nicht mehr heraus. Zunächst sollten die Täter Nazis sein und im Film verblieben letztlich auch Verweise darauf, dass die gezeigten Kommunisten früher Nazis gewesen sind, doch Nazis allein reichten Howard Hughes nicht, da Kommunisten als Bedrohung gerade voll im Trend waren. Daher wurde das Drehbuch rechtzeitig entsprechend modifiziert und umfangreiche Nachdrehs wurden angesetzt. Was für eine Geldverschwendung! Der Charakterdarsteller Peter Brocco, der in den 50er-Jahren kurzzeitig selbst auf der Schwarzen Liste stand und entsprechend politisch beäugt wurde, spielte übrigens sowohl in „Marihuana“ als auch „The Whip Hand“ mit. Manche Dinge im Leben muss man nicht verstehen.

Special Edition für einen solchen Film?

Edward Ludwig als Regisseur auf einen Film wie „Marihuana“ zu reduzieren, wäre ein Fehler. Niemand würde auf die Idee kommen, dies mit Gordon Douglas („Formicula“) wegen seiner Regietätigkeit bei „Ich war FBI-Mann M. C.“ oder mit dem zweifach Oscar-prämierten William Cameron Menzies („Invasion vom Mars“) wegen „The Whip Hand“ zu tun. Ludwig mag der weniger bekannte Regisseur sein, hat in den 50er-Jahren aber mehrere wirklich sehenswerte B-Abenteuerfilme unterschiedlicher Sub-Genres gedreht, wie etwa den Piratenfilm „Die Geliebte des Korsaren“ (1952), den von einer Waldbrandkatastrophe handelnden „Flucht vor dem Feuer“ (1952) und das in 3D gedrehte Brasilien-Abenteuer „Der Schaz der Jivaro“ (1954). Hierbei erwies er sich mitsamt seiner Kamera-Crews als Versteher von in satten Farben getränkten Technicolor-Bildern und clever eingeflochtenen, farblich überwältigenden Studioaufnahmen, die manche 50er-Abenteuer erst so richtig reizvoll machen. Seine Abenteuerfilme jenes Jahrzehnts sind, so scheint es mir immer, handwerklich-stilistisch sehr dicht mit den etwa zeitgleich im Genre entstandenen Arbeiten von Lewis R. Foster („Gold in Neuguinea“) verwandt. Ähnliches gilt für seine 50er-Jahre-Western. Man sollte auch hinsichtlich Ludwigs Zusammenarbeiten mit John Wayne nicht durcheinanderkommen, da Edward Ludwig sowohl mit John Wayne als auch mit dessen Beiname-Namensvetter John Payne jeweils drei Spielfilme drehte. Payne war in den 50ern als Hauptdarsteller ebenfalls sehr erfolgreich und von ebendiesem John Payne wurde Ludwig später auch noch regelmäßig als Regisseur von Episoden der Westernserie „The Restless Gun“ engagiert, die für Payne maßgeschneidert worden war. Eine enge Bindung zwischen dem Regisseur Edward Ludwig und dem „Duke“ John Wayne als Schauspieler bestand hingegen in jedem Fall nicht.

Ich persönlich würde mich schon allein deswegen über eine deutsche DVD von „Marihuana“ freuen, da es ein Film von Edward Ludwig ist. In Italien ist die dortige „Marihuana“-Synchronadaption schon lange auf dem Markt und die entsprechende DVD enthält zudem auch die politisch mehr als fragwürdige Originaltonspur. Problematisch mag sein, dass die deutsche Synchronfassung offenbar einige Minuten gekürzt ist und ein paar besonders pathetische Momente ausspart, die im Kontext von Marihuana und Drogentoten kaum zu erklären sind; darunter etwa das militärverherrlichende Ende. Die italienische „Marihuana“-Synchronisation ist interessanterweise länger. Den Film nun in einer Form zu veröffentlichen, dass bis dato fehlende Passagen im Original mit Untertiteln eingegliedert werden, ist aufgrund der abweichenden Handlungen beider Fassungen kaum sinnvoll. Die deutsche Bildfassung braucht man zudem schon allein deswegen, weil sonst die weiter oben beschriebene Szene mit Paul Hurst nicht mehr funktioniert, da aus dem Zeitungsartikel in der englischen Fassung der Kommunisten-Kontext hervorgeht und in der deutschen Version aufwendig ein anderes Insert mit inhaltlich abweichendem deutschen Text und demselben Foto von Edwin White eingefügt wurde. All dies können, neben der Story an sich, Erklärungen sein, warum der Film zu den eher wenigen Wayne-Streifen ab den 40er- und 50er-Jahren gehört, die bisher noch keine deutsche DVD spendiert bekommen haben. Es müsste eine Art Special Edition her, die die gekürzte deutsche Bildfassung enthält. Ob ein solcher Film diesen Aufwand verdient hat, scheint dann allerdings auch wieder diskutabel. Wenn man sieht, welche Billig-Western aus den 30ern es bereits nach Deutschland auf DVD geschafft haben, nur weil John Wayne darin mitspielt, obwohl es Hunderte andere Western derselben Qualität aus dieser Zeit ohne Wayne gibt, gilt das Argument, dass der Film nicht auf DVD erscheinen darf, weil er Schrott ist, aber zumindest schon einmal nicht. Ich hätte einen Vorschlag hinsichtlich einer DVD-Veröffentlichung, der all den Absurditäten dieses Films irgendwie sogar gerecht werden würde: Wie wäre es damit, neben der deutschen Bildfassung, auch die ungekürzte Fassung auf Deutsch vorzulegen, die fehlenden Passagen einfach neu zu synchronisieren und dabei den Marihuana-Kontext beizubehalten? Das bietet Raum für sehr viel Spaß – mit all den pathetischen Bildern dazu, die bisher nicht umsonst fehlten. Mit so einer Neusynchro ließe sich sicherlich auch die Einblendung des Kommunisten in der Zeitung irgendwie umschiffen. Das ist freilich Blödsinn, aber „Joe“ McCarthy hätte es verdient.

Was genau die Kommunisten in diesem Film oder auch generell überhaupt so Böses im Schilde führen, was ihre Pläne im Gesamten sind, um an die Weltherrschaft oder woran auch immer zu gelangen oder was Kommunismus in den Augen eines Jim McLain oder „Joe“ McCarthy konkret bedeutet, kurzum: was es überhaupt zu verhindern gilt und wovor ganz Amerika gerettet werden muss, klärt der Film übrigens nie auf – die Handlung eiert dahingehend zunehmend fadenscheinig um den heißen Brei. Die Unsachlichkeit des Films folgt einer simplen Logik: „Die Kommis sind halt einfach böse und haben Schlimmes vor.“ Die Drahtzieher hängen den ganzen Film über nur in einem einzigen schicken Anwesen am Strand herum und der Chef verteilt aus dem Zusammenhang gerissene, teils auch offenkundig recht belanglose Anweisungen. So sieht sie also aus: die Bedrohung! Wahrscheinlich ist alles, was sie planen, so schlimm, dass es geradezu unaussprechlich ist und deswegen nicht erwähnt wird. Diese peinliche Oberflächlichkeit und das pseudo-selbstverständliche Getue hinter all den Vorwürfen und der Hetze sind das Verwerflichste an „Big Jim McLain“.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Wayne sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Für die Genehmigung zur Nutzung des restaurierten Plakatmotivs bedanken wir uns bei Jerry Murbach, dem Betreiber der Seite Dr. Macro’s High Quality Movie Scans.

Veröffentlichung (USA): 22. Mai 2007 als DVD in „The John Wayne Film Collection“

Länge: 90 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Big Jim McLain
USA 1952
Regie: Edward Ludwig
Drehbuch: James Edward Grant, Richard English & Eric Taylor
Besetzung: John Wayne, Nancy Olson, James Arness, Alan Napier, Veda Ann Borg, Hans Conried, Hal Baylor, Gayne Whitman, Gordon Jones, Robert Keys
Verleih: Warner Brothers

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Filmplakat: Fair Use

 

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