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Alfred Hitchcock (X): Saboteure – Seine Universal-Premiere

Saboteur

Von Ansgar Skulme

Thriller // Bei einem Sabotageanschlag in einer Flugzeugfabrik kommt ein befreundeter Kollege von Barry Kane (Robert Cummings) zu Tode. Kane gerät in Verdacht, selbst der Verantwortliche zu sein, er muss fliehen und versuchen, seine Unschuld zu beweisen. Da er den Saboteur Frank Fry (Norman Lloyd) kurz vor Ausbruch des Brands in der Fabrik gesehen hat, gibt es zumindest einen Anhaltspunkt, an den er sich klammern kann. Bald führt eine nächste Spur auf eine von Charles Tobin (Otto Kruger) geführte Ranch. Auf der Flucht stößt Kane auf viele Gefahren, Verräter, aber auch eine beträchtliche Zahl an freundlichen, hilfsbereiten Menschen, die ihn nicht oberflächlich verurteilen – darunter die misstrauische, aber gutherzige Patricia Martin (Priscilla Lane).

„Saboteure“ war der erste Film von Alfred Hitchcock, den er für das legendäre Filmstudio Universal produzierte. Zwar gelangte die Zusammenarbeit des Studios mit dem Meister des Spannungskinos in den 40er-Jahren noch nicht zu größerer Blüte, sie landete nach „Im Schatten des Zweifels“ (1943) zunächst auf Eis, wurde jedoch in den 50er-Jahren reaktiviert und hielt bis zu seinem finalen Film „Familiengrab“ (1976) vor. Ferner gilt „Saboteure“ als Hitchcocks erster Film mit komplett amerikanischer Besetzung, nachdem in seinen vorausgegangenen Hollywood-Regiearbeiten einige Europäer, insbesondere natürlich Briten, in bedeutsamen Rollen zum Einsatz gekommen waren. Dass Hitch schon zum damaligen Zeitpunkt einen großen Ruf hatte, sieht man unter anderem daran, dass sein Name im Vorspann nun auch bereits oberhalb des Filmtitels genannt wurde. Zu seinen Lieblingswerken zählte er „Saboteure“ allerdings nicht.

Odyssee in einem großen Pool

Vor allem die Besetzung der Hauptrollen machte Hitchcock zu schaffen. Gleich dreimal musste er dabei Niederlagen gegenüber seinen Vorstellungen hinnehmen. Für die Rolle des Barry Kane waren unter anderen Joel McCrea und Robert Donat im Gespräch – mit McCrea hatte er vorher schon an „Der Auslandskorrespondent“ (1940) zusammengearbeitet, mit Donat noch in Großbritannien „Die 39 Stufen“ (1935) produziert. Ebenfalls wurde Henry Fonda gehandelt, mit dem es schließlich aber erst wesentlich später für „Der falsche Mann“ (1956) zu einer Zusammenarbeit kam. Hitchcocks Topfavorit soll allerdings Gary Cooper gewesen sein, der jedoch offenbar mit der recht ernüchternden Begründung absagte, kein Interesse daran zu haben, einen Thriller zu drehen. Wenig verwunderlich unter diesem Gesichtspunkt, dass Cooper und Hitchcock auch später für keinen anderen Film zusammenfanden. Mit Hitchcock zu arbeiten, wenn man sich mit Thrillern schwertut: dünnes Eis!

Ob Robert Cummings es allerdings verdient, gegenüber den gescheiterten Alternativoptionen abgewertet zu werden, nur weil er als bei Universal unter Vertrag stehender Star schließlich in die Bresche springen musste, ist eine andere Sache. Hitchcock war der Ansicht, dass Cummings zwar ein kompetenter, aber eher im Komödienfach verankerter Schauspieler war, dessen Gesicht grundsätzlich zu viel Frohsinn für solch eine Rolle transportierte. Wenn man allerdings sieht, dass „Saboteure“ aus heutiger Sicht neben „Die 39 Stufen“ und „Der unsichtbare Dritte“ (1959) eines der Vorzeigebeispiele für das Hitchcock-typische Motiv vom unschuldig Verfolgten als Kernstück der Handlung ist, könnte man annehmen, dass „Saboteure“ mit Robert Donat in der Hauptrolle heute womöglich als Hollywood-Neufassung von „Die 39 Stufen“ diskutiert und wiederum dadurch kleiner gemacht werden würde. Und ob die freiwillige Absage Gary Coopers, die ja offenbar nicht vom Studio oder sonstigen Zwängen verschuldet wurde, ein Grund zu großem Ärger sein muss, sei einmal dahingestellt. Dass Cummings ein erheblich besserer Schauspieler als Joel McCrea war, halte ich zudem für recht offensichtlich. Daher schadet es aus meiner Sicht schlussendlich ganz und gar nicht, dass Hitchcocks frühe Hollywood-Jahre von ständig wechselnden Hauptdarstellern gekennzeichnet sind. Die Filme sind zwar schwarz-weiß, hinsichtlich der Darsteller aber trotzdem schön bunt und abwechslungsreich, auch wenn sich Hitchcock später bekanntlich doch verstärkt auf wiederholte Zusammenarbeit mit bestimmten Stars verlegte.

Auch Priscilla Lane, die man sogar extra von den Warner Brothers loseiste, wurde von Hitchcock als unpassend für seine Form des Geschichtenerzählers empfunden. Favorisiert hatte er Barbara Stanwyck und Margaret Sullavan. Besonders kurios gestaltete sich allerdings das Scheitern seiner Wunschbesetzung des Drahtziehers hinter den Saboteuren: Hitchcock wollte den früheren Stummfilm- und Westernstar Harry Carey, der sich durch seine damals schon einige Jahre zurückliegenden regelmäßigen Hauptrollen bei vielen Zuschauern in den USA eine Art Volksheld-Image erworben hatte, von dem er bei manch einem immer noch zehrte. Die Botschaft, dass auch die unverdächtig Scheinenden manchmal gefährlich sind, wäre mit einer solchen Besetzung gegen den Strich gut vermittelbar gewesen. Doch Hitchcock hatte die Rechnung ohne Careys Ehefrau gemacht, die das Rollenangebot als eine Art Affront gegen ihren Mann und die Familie auffasste und auf keinen Fall mit ansehen wollte, wie sein positiv geprägtes Leinwandimage durch die Rolle eines Saboteurs befleckt wurde. Für Hitchcocks tiefsinnigen Hintergedanken, den er mit diesem Besetzungswunsch hegte, hatte sie nichts übrig und setzte sich damit anscheinend durch – mochte Harry Carey selbst der Idee vielleicht gar nicht einmal abgeneigt gewesen sein. Eine Absage unter derartigen Umständen zu kassieren, ist eine ärgerliche Pille, die Hitchcock erst einmal verdauen musste. Das bekam auch Otto Kruger zu spüren, der die Rolle statt Harry Carey übernahm und von Hitchcock wesentlich weniger Freiheiten als viele andere Schauspieler erhielt, da Hitchcock gerade ihn nun als besonders fehlbesetzt erachtete und dementsprechend mit Regieanweisungen in die Mangel nahm.

Sehenswertes für kreative Filmgeister

Der Dreh wurde nicht nur durch Hitchcocks Schwierigkeiten mit seinen Stars verkompliziert, sondern auch den Kriegseintritt der USA, daraus resultierende Einschränkungen und ein Produktionsumfeld beziehungsweise Budget, für das zumindest ein wenig andere Grenzen galten als bei David O. Selznick, der Hitchcock damals unter Vertrag hatte, aber für den Film an Universal auslieh, da er „Saboteure“ nicht selbst produzieren wollte. Universal gehörte, trotz seines heute legendären Rufes, wohlgemerkt nicht zu den „Big Five“-Studios, war zwar gut aufgestellt und alles andere als ein Billig-Studio, aber zumindest nicht so reich, dass man pompös klotzend für teuer Geld hätte Bäume ausreißen können – wenngleich es für einen aufwendigen Nachbau des Kopfstücks der Freiheitsstatue in Originalgröße für das Finale des Films in jedem Falle reichte. Wenn man heute liest, dass die Komiker Bud Abbott & Lou Costello Universal in den 40er-Jahren vor der Pleite gerettet haben sollen, ist einigermaßen transparent, vor welchem Hintergrund „Saboteure“ produziert wurde. Kuriosum am Rande: Zu den Hauptdarstellern von „One Night in the Tropics“ (1940), des ersten Films von Bud Abbott und Lou Costello, zählte auch … Robert Cummings! Genau einer der Filme, weswegen Hitchcock ihn für einen Darsteller aus dem Feld leichter Komödien hielt.

Hitchcock reagierte auf die moderaten, aber eben doch vorhandenen Einschränkungen sowie seine persönlichen Befindlichkeiten mit vielen kreativen Ideen, die aus der Not eine Tugend machten. So kam etwa ein interessanter stilistischer Kniff bei einem Monolog des Schurken Tobin zustande: Hier ist die Kamera ungewöhnlich distanziert positioniert, was gemeinerweise unter anderem den Hintergrund hat, dass Hitchcock damit wohl erreichen wollte, dass der Zuschauer sich nicht zu sehr mit der – seiner Ansicht nach ungenügenden – Performance von Otto Kruger beschäftigt. Die Wirkung dieser Ansprache wird vor allem durch die sonderbare Positionierung der Figur im Bild untermauert.

Ferner täuscht Hitchcock über die atmosphärischen Schwächen von Studioaufnahmen gern einmal durch absichtlich kurz gehaltene Einstellungslängen hinweg, was dem Zweck diente, dass der Zuschauer nicht genügend Zeit haben sollte, gestalterische Unzulänglichkeiten im Bild zu erkennen, und sorgt im Finale mit rasanten Kamerabewegungen und optischen Täuschungen für Action und Spannung – bis hin zu einem spektakulär aussehenden und noch spektakulärer getricksten Absturz aus beträchtlicher Höhe. Das Stichwort „optische Täuschung“ greift aber schon früher im Film, in einer erstaunlichen Bildkomposition, bei der man versuchte, eine ausgesprochen lange Zirkus-Wagenkarawane in interessanter Perspektive zu simulieren, die in vollem Umfang vermutlich sowieso den Rahmen des Studios gesprengt hätte. Man löste dies, indem man mit Wagen und Menschen sowie Attrappen unterschiedlicher Größe arbeitete, so dass die Kleineren im Hintergrund also nicht viel kleiner sind, weil sie so weit von der Kamera weg stehen, sondern einfach aus dem simplen Grunde, dass sie viel kleiner sind. Ein ideales Beispiel, um zu verdeutlichen, zu welch genialen, manchmal auf den ersten Blick vielleicht sogar ziemlich banal scheinenden, aber wiederum schwer umsetzbaren Ideen Hitchcock fähig war, wie er diese dann auch tatsächlich Fleisch werden und filmisch funktionieren ließ – wobei man auch die Leistungen der beteiligten Kameramänner und anderer Crew-Mitglieder bei der Umsetzung nie vergessen sollte. Angesichts solcher Errungenschaften kann man eventuell nachempfinden, warum noch heute manch einer sagt, man sollte Filmhochschulveranstaltungen vergessen und am besten einfach nur Hitchcock studieren. Vor dem Hintergrund, dass Selznick dazu tendierte, Hitchcock zahlreiche Verbesserungswünsche und Vorgaben aufzuerlegen, wohingegen der Meisterregisseur bei Universal wesentlich mehr Freiheiten hatte, kann man „Saboteure“ durchaus als richtungsweisenden Meilenstein in Hitchcocks Hollywood-Karriere betrachten, was wohl auch erklärt, warum er später viele weitere Filme für das Studio realisierte.

Der letzte Zeitzeuge

Ein ganz anders gearteter, aber ebenfalls genialer und unglaublicher Aspekt an Hitchcocks „Saboteure“ ist, dass der Darsteller des titelgebenden Saboteurs – der wohl in erster Linie mit dem im Originaltitel in der Einzahl gehaltenen „Saboteur“ gemeint ist – heute, fast 77 Jahre nach dem Kinostart, immer noch unter den Lebenden weilt. Norman Lloyd, der sich in der berühmtesten Szene des Films den populären Showdown mit Robert Cummings auf der Freiheitsstatue liefert, ist heute der älteste aktive Schauspieler Hollywoods und steuert auf seinen 105. Geburtstag im November 2019 zu. Um ihn ranken sich einige verrückte Nachrichten und Statistiken, wie etwa, dass er noch mit über 100 Jahren regelmäßig zweimal pro Woche Tennis spielte, ein Sport, dem er seit dem Alter von acht Jahren nachging, und im Oktober 2017 für den Besuch eines Baseball-Spiels der US-Profiliga MLB gefeiert wurde. Er, der schon 1926, über 90 Jahre zuvor, als Kind ebenfalls ein Match derselben Liga besucht hatte und in jungen Jahren Babe Ruth persönlich hatte spielen sehen, womit man im Jahr 2017 sicherlich schon mal ein bisschen angeben konnte. Mit seiner Ehefrau Peggy war er ehrenwerte 75 Jahre verheiratet, als diese im August 2011 98-jährig verstarb.

Das auf den deutschen Veröffentlichungen zu findende Making-of zu „Saboteure“ besteht größtenteils aus einem ausführlichen Interview mit Lloyd, der zum Zeitpunkt der Produktion des Interviews bereits rund 85 Jahre alt war und als humorvoller Erzähler mit viel Fachwissen hervorsticht. Er punktet dabei mit etlichen klugen filmanalytischen Statements, vielen Anekdoten, die er lebhaft und detailliert schildert, sowie der sympathischen Eigenschaft, dass er diverse Nebendarsteller des Films ohne jedes Problem, nach über 50 Jahren, namentlich aus der Erinnerung benennt, für die er außerdem viele wertschätzende Worte und ehrliche Begeisterung übrighat. Im Grunde spricht er wie jemand, der sich lange eingehend und tiefgründig mit diesem Thriller beschäftigt hat und ein großer Fan des Films ist. Ein Segen und höchst beeindruckend, wenn jemand in diesem Alter noch so einen großartigen, gehaltvollen Auftritt hinzulegen vermag und nun, rund 20 Jahre später, kurz davor ist, in einem höheren Alter als selbst Johannes Heesters vor der Kamera gestanden zu haben.

Lloyd war beim Film zumeist nur Nebendarsteller und zählte in den 50er-Jahren zu den Schauspielern, die wegen angeblich kommunistischer Tendenzen geächtet wurden (wenngleich er zumindest nicht zu den Hauptverfolgten gehörte), was der Weiterentwicklung der Karriere zweifelsohne Abbruch tat. Alfred Hitchcock, mit dem eine Freundschaft entstanden war, reaktivierte ihn schließlich für seine Fernsehserie in verschiedenen Funktionen, während viele andere Lloyd zunächst keine Arbeit mehr gaben. Wirklich berühmt ist Norman Lloyd letztlich erst auf seine ganz alten Tage geworden, dafür jetzt aber eine lebende Legende. Der Versuch, einen Schauspieler mittels einer „schwarzen Liste“ wegen „unamerikanischer Umtriebe“ aus seinem Berufsfeld ausgrenzen und mundtot machen zu wollen, der später über 100 Jahre alt geworden und immer noch aktiv ist – während man als 105-jähriger Kommunistenjäger vermutlich nur noch wenig Anhang finden würde –, mutet rückblickend recht albern und regelrecht ein wenig hilflos an. So gesehen ist Norman Lloyd eine Art lebendes Beispiel dafür, dass man mit Gerede am Ende eben keine Spiele gewinnt, denn er ist derjenige, der immer noch da ist, und wer zuletzt lacht, lacht am besten.

Ein Plädoyer für die Hilfsbereitschaft

Einer der schönsten Aspekte an „Saboteure“ ist die relativ hohe Zahl an Figuren, die es gut mit dem gescholtenen Protagonisten meinen, die ihn nicht vorverurteilen, sondern ihm spontan aus der Patsche helfen. Hierbei lässt Hitchcock auch ein paar Menschen zu Wort kommen, die selbst Handicaps haben – behinderte Zirkusartisten und einen Blinden – und gut nachfühlen können, wie es ist, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Gegenüber dem von den Saboteuren repräsentierten faschistisch geprägten Weltbild sprühen diese Figuren vor Lebensmut und -freude. Charaktere, die sich den Spaß nicht so einfach verderben lassen und die auch nicht alles glauben, was man ihnen auftischt, da sie gar keinen Grund haben, irgendwem nach dem Mund zu reden, und sich lieber ihr eigenes Bild machen. Der Film bringt auf diese Weise ein eindrückliches Plädoyer an die Zuschauer, dass sie immer sie selbst bleiben und nach ihrem Herzen und Gefühl handeln sollen.

In Deutschland ist „Saboteure“ mehrfach auf DVD und 2013 schließlich auch auf Blu-ray erschienen, wobei auf die jeweiligen Einzelveröffentlichungen auf DVD und Blu-ray auch Auskopplungen in Kombination mit anderen Hitchcock-Filmen folgten. Die Zahl der DVDs des Thrillers in unterschiedlichen Auflagen und Sets ist mittlerweile durchaus beträchtlich. Hinsichtlich des Bonusmaterials sind die DVD-Veröffentlichungen aber offenbar alle recht ähnlich gestaltet und auch die Blu-ray-Auskopplungen unterscheiden sich in Bezug auf die Ausstattung eher unwesentlich von den früheren DVD-Auflagen. Ein Unterscheidungsmerkmal ist beispielsweise, dass die Blu-rays einige Sprachfassungen mehr zu bieten haben – darunter sogar die japanische. Wer das vielfältige Sprachangebot nutzen möchte, kann sich glücklich schätzen, jedoch vermögen auch das englische Original und die sehr gelungene deutsche Tonspur zu genügen. Die klassische Synchronfassung, die 1958 in unseren Kinos startete, überrascht sogar ein wenig, da man hier Rainer Brandt in der Hauptrolle hört, der als Dialogbuchautor, Synchronregisseur und -sprecher später vor allem durch seine mit flapsigen Sprüchen dicht gepflasterten spaßigen Synchronfassungen Bekanntheit erlangte, etwa zur Serie „Die Zwei“ (1971–1972) mit Roger Moore und Tony Curtis, sowie beispielsweise durch einige Synchronfassungen von Filmen mit Bud Spencer und Terence Hill. Brandt, der in den 50er-Jahren noch bei Weitem nicht so häufig in Hauptrollen im Synchronstudio eingesetzt wurde wie bald darauf in den 60ern, in „Saboteure“ in einer großen, mit voller Ernsthaftigkeit gespielten zentralen Rolle in einem Film eines wichtigen, renommierten Regisseurs zu hören, ihn also – wenn man so will – einmal ganz klassisch zu erleben, noch im Stil, wie er das Fach von der Pike auf gelernt haben dürfte, und das noch dazu als Hauptprotagonist, ist interessant; und er macht seine Sache ziemlich gut.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 16. Mai 2013 als Blu-ray, 5. Juni 2008 als 3-fach-DVD (mit „Frenzy“ & „Der zerrissene Vorhang“), 9. November 2006 als DVD, 3. Februar 2003 als DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur Blu-ray: Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Japanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Dänisch, Finnisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch, nur Blu-ray: Italienisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Russisch, Japanisch
Originaltitel: Saboteur
USA 1942
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Peter Viertel, Joan Harrison, Dorothy Parker, Alfred Hitchcock
Besetzung: Robert Cummings, Priscilla Lane, Otto Kruger, Norman Lloyd, Alan Baxter, Vaughan Glaser, Pedro de Cordoba, Alma Kruger, Murray Alper, Ian Wolfe
Zusatzmaterial: Making-of, Original-Kinotrailer, Storyboards, Alfred Hitchcocks Skizzen, Bildergalerie (Produktionsfotos, Aushangmaterial)
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Packshots DVDs: © Universal Pictures Germany GmbH, Filmplakat: Fair Use

 

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Brian De Palma (VI): Carlito’s Way – Sein schönster Film?

Carlito’s Way

Von Simon Kyprianou

Gangsterthriller // In der Dokumentation „De Palma“ von Noah Baumbach und Jake Paltrow sagt der Regisseur, als er auf „Carlito’s Way“ zu sprechen kommt, dass er mit diesem Film voll und ganz zufrieden sei; angesichts des finanziellen Misserfolgs äußert er, dass er nicht wisse, wie er einen besseren Film als „Carlito’s Way“ machen könnte. Und in der Tat, „Carlito’s“ Way ist ein hervorragender Film, eine von De Palmas schönsten Arbeiten in einer Filmografie, die reich an schönen Arbeiten ist.

Gangster Carlito kommt aus dem Knast

Brian De Palma zeigt sich hier auf der Höhe seiner Erzählkunst: Als der Mafioso Carlito Brigante (Al Pacino) aus dem Gefängnis kommt, sucht er nach seiner früheren Freundin Gail (Penelope Ann Miller). Sie ist Tänzerin, er schaut ihr vom Dach des Nachbarhauses beim Üben zu. Er steht draußen, im Dunkeln, im Regen, sie tanzt drinnen im Licht. De Palma erzählt hier unglaublich schön mit seinen Bildern von zwei unterschiedlichen Welten, deren Sehnsucht sie aufeinander zu driften lässt. Später klopft der Puerto-Ricaner an Gails Tür, bittet um Einlass, sie fordert ihn spielerisch dazu auf, die Tür einzutreten, wolle er hineinkommen. Carlito hadert mit sich, bevor er sich dann doch mit Gewalt Einlass verschafft. In dieser Szene verdichtet De Palma die Tragik seiner Figur: Carlito will ein besserer Mensch werden, versucht aufrichtig seine brutale Vergangenheit hinter sich lassen, und Gail will das ebenso, aber beide sehnen sich in diesem Moment insgeheim nach dem alten Carlito, der sich nimmt, was er will.

De Palma geht in oben erwähnter Dokumentation auch auf die wunderbar montierte Eingangsszene ein, in Schwarz-Weiß mit Voice-over gedreht. Das Erste, was wir in Farbe zu sehen bekommen, sind die Träume von Carlito: eine Werbeanzeige, die einen Südseestrand zeigt, ein starres Bild, das sich bunt aus dem Schwarz-Weiß herausschält. Die letzten Bilder des Films zeigen wie jenes vormals starre Sehnsuchtsbild plötzlich zu tanzen anfängt. Ebenfalls bemerkenswert ist natürlich die schnittlose Verfolgungsjagd durch die Grand Central Station im Finale. In „Carlito’s Way“ erreicht De Palma einen letzten großen Höhepunkt seiner visuellen Erzählkunst und seines Handwerks. Auch wenn das Spätwerk De Palmas nicht so schlecht ist, wie es oft gemacht wird: „Carlito’s Way“ ist der letzte große Film von Brian De Palma.

Große Schauspielkunst von Al Pacino und Sean Penn

Ironischerweise wird Carlito, der als Nachtclub-Betreiber einer ehrlichen Beschäftigung nachzugehen versucht, ausgerechnet von seinem Freund und Anwalt David Kleinfeld (Sean Penn) – der Carlito zu Beginn wegen eines Verfahrensfehlers aus dem Gefängnis geholt hat – wieder hineingezogen in die Illegalität: Der kokainsüchtige Kleinfeld hat den Gangster Vinnie Taglialucci (Joseph Siravo), den er vertritt, um Geld betrogen, Taglialucci erpresst ihn nun: Hilft Kleinfeld ihm nicht beim Ausbruch, muss er sterben. Die Aktion entgleist völlig, und Carlito versucht mit Gail zu fliehen; sie wollen auf den Bahamas neu anfangen, aber Taglialuccis Männer verfolgen ihn.

Al Pacino ist hervorragend als Carlito, er spielt wunderbar sanft dessen Verletzlichkeit und Unsicherheiten heraus, insbesondere in den Szenen mit Penelope Ann Miller. Aber Sean Penn ist fraglos der schauspielerische Höhepunkt des Films: Er war nie besser als hier, spielt Kleinfeld, diese getriebene, zutiefst verkommene Figur scheinbar ohne Mühe oder Eitelkeiten, mit einer absoluten Selbstverständlichkeit.

Bislang keine deutsche Blu-ray

Bleibt zu hoffen, dass der Film bald eine neue Heimkinoauswertung in Deutschland erfährt. Bisher ist er nur als DVD zu erhalten, diese ist mittlerweile out of print und dementsprechend teuer. Denn ohne Zweifel ist „Carlito’s Way“ De Palmas schönster Gangsterfilm, der auf alle Extravaganzen und Exzesse von „Scarface“ verzichtet und dafür lieber versucht, zu seinen Figuren durchzudringen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Brian De Palma sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Viggo Mortensen, Al Pacino und Sean Penn in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 8. Januar 2004 als DVD

Länge: 139 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Carlito’s Way
USA 1993
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: David Koepp, nach Vorlagen von Edwin Torres
Besetzung: Al Pacino, Penelope Ann Miller, Sean Penn, Luis Guzmán, John Leguizamo, Viggo Mortensen, Joseph Siravo, James Rebhorn, John Ortiz, Ángel Salazar
Zusatzmaterial: Making-of (34:35), Fotogalerie, Original-Kinotrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2017 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2004 Universal Pictures Germany GmbH

 
 

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Alfred Hitchcock (VIII): Sabotage – Viel besser als der Meister dachte

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Sabotage

Von Ansgar Skulme

Thriller // Der Kinobetreiber Karl Verloc (Oskar Homolka) löst in London einen großflächigen Stromausfall aus – ein Akt der Sabotage. Jedoch weiß Verloc nicht, dass Scotland Yard bereits einen verdeckten Ermittler (John Loder) in einen benachbarten Gemüseladen eingeschleust hat, der nicht nur Verloc das Handwerk legen will, sondern auch Interesse an der Ehefrau (Sylvia Sidney) des Saboteurs gewonnen hat. Während Verloc noch glaubt, mit seiner jüngsten Untat seine Schuldigkeit getan zu haben und aussteigen zu können, hat sein ihm verhasster Auftraggeber bereits einen weitaus brutaleren Anschlag im Visier: Eine Bombe soll London aus der Bahn werfen – und Verloc wird der Geldhahn abgedreht, solange er nicht auch diesen Auftrag erfüllt hat.

Wie es der Zufall wollte, realisierte Alfred Hitchcock ausgerechnet als Nachfolgeprojekt zu „Geheimagent“ („Secret Agent“, 1936) einen Film, der auf einem Roman basiert, welcher im Original „The Secret Agent“ heißt. Folglich musste ein anderer Titel her. Die Entscheidung fiel auf „Sabotage“. Dafür jedoch blieb dem Film zumindest für die deutsche Fassung ein weiterer Titel erspart. „Sabotage“ ist chronologisch gesehen der älteste Hitchcock-Film, dessen deutsche Synchronfassung unter exakt demselben Titel wie die Originalfassung präsentiert wurde. Da er erstmals Ende der 70er-Jahre im ZDF in einer deutschen Version gezeigt wurde und wie einige von Hitchcocks Filmen aus den 30er-Jahren leider nie einen regulären Kinostart in Deutschland hatte, war dieses Muster bei der Titelvergabe genau genommen aber eigentlich ein Rückgriff auf größtenteils sehr populäre Hitchcock-Filme wie „Rebecca“ (1940), „Saboteure“ (1942), „Vertigo“ (1958), „Psycho“ (1960), „Marnie“ (1964), „Topas“ (1969) und „Frenzy“ (1972), die in Deutschland allesamt regulär im Kino anliefen und dort Kapital aus den kurzen, prägnanten – meist auch buchstabengenau identisch geschriebenen – Originaltiteln schlugen. Generell ist auffällig, dass es diverse Hitchcock-Filme gibt, deren Originaltitel nur aus einem Wort besteht und etliche mehr mit lediglich zwei Worten. Kurz, prägnant und leicht zu merken. Einige dieser Titel wurden in Deutschland zwar nicht, wie oben genannt, wörtlich übernommen, aber zumindest wörtlich übersetzt, zum Beispiel „Verdacht“ („Suspicion“, 1941). „Sabotage“ schloss übrigens schon bei seinem Kinostart in Großbritannien hinsichtlich dieser schlagwortartigen Titelvergabe an große Hitchcock-Erfolge wie „Downhill“ (1927), „Blackmail“ (1929) und „Murder!“ (1930) an, deren Titel für viele Freunde klassischer Thriller bis heute geflügelte Worte geblieben sind.

Schnörkellos und viel zitiert

Auch wenn Hitchcock mit dem Film rückwirkend nicht sonderlich zufrieden war und ihn, ganz selbstkritisch, als handwerklich eher unsauber empfand, kann man dem Werk trotz allem attestieren, dass es nicht nur hinsichtlich seines Ein-Wort-Titels neben vielen anderen Hitchcock-Kultfilmen einsortiert werden kann. Das gilt vor allem, weil es die berühmteste aller Passagen beinhaltet, die mit dem in Hitchcocks filmischer Vita sehr wichtigen Begriff „Suspense“ verbunden sind: Ein Junge transportiert eine Bombe durch London – der Zuschauer weiß um den Inhalt des Pakets, der Junge nicht. Wird sie explodieren? Wird er rechtzeitig gerettet? Fragen, mit denen Hitchcock in aller Ausführlichkeit spielt, das Geschehen in die Länge zieht und den Zuschauer damit in höchste Anspannung treibt. Dabei spielen auch wieder dumme Zufälle eine wichtige Rolle – in dem Fall, weil der Junge durch Nebensächlichkeiten und Pech einiges an Zeit bis zur drohenden Explosion der Bombe verliert. Hitchcock trieb Geschehnisse gern derartig auf die Spitze. Quentin Tarantino zitierte einen Teil der Sequenz in „Inglourious Basterds“ (2009) mit einem Ausschnitt – nur eine von vielen Adelungen, die sie erfuhr, ganz davon abgesehen, dass Hitchcock die Methode selbst immer wieder anwandte. Was „Sabotage“ anbelangt, befand er gerade dieses Suspense-Element im Rückblick jedoch als misslungen und bezeichnete die Pointe als großen Fehler. Im Übrigen bildet Suspense in Hitchcocks Inszenierungsweise eine Art Dreigestirn mit „Surprise“ und „Mystery“.

Vorsicht, Spoiler!

Es ist an dieser Stelle wichtig, nun auch die Pointe zu verraten, um besser darauf eingehen zu können, warum Hitchcock mit seiner argen Selbstkritik bezüglich dieses Films wohl einer Fehleinschätzung unterlegen gewesen ist. Wer den Film noch nicht kennt, sollte diesen Abschnitt daher nun überspringen und erst ab der nachfolgenden Zwischenüberschrift weiterlesen. Achtung, Spoiler – es geht los: Hitchcock beklagte zwar später, es sei falsch gewesen, die Bombe am Ende der Passage auch tatsächlich explodieren zu lassen, doch steht zu bezweifeln, dass er damit richtig lag. Man muss sich vor Augen führen, wie banal die Szene wohl gewirkt hätte, hätte Hitchcock auf diese Pointe verzichtet. Wäre die Bombe nicht explodiert und der Junge nicht zu Tode gekommen oder zumindest anderweitig in Mitleidenschaft gezogen worden, hätte dies den Vorgang völlig verharmlost und dadurch auch den Erinnerungswert reduziert. Nach einem derartigen Spannungsaufbau am Ende mit einer Art „Tataa, war ja alles halb so schlimm!“ zu schließen, hätte der Szene beileibe nicht besonders gut zu Gesicht gestanden und sie auf banalisierende Weise vielleicht sogar lächerlich gemacht. Ohne eine drastische Pointe hätte letztlich nur noch gefehlt, dass aus dem Paket plötzlich ein Clownskopf emporgeschossen wäre, der alle zum Lachen bringt. Nein – auch wenn Hitchcock ein Meister darin war, seine Art von Suspense gleichfalls mit einem weniger drastischen Finale zu inszenieren, ist nicht ohne Grund gerade diese Szene so berühmt geblieben; sie gilt bis heute als wohl anschaulichstes Beispiel für diese Hitchcock-Methode. Es ist gut so, dass die Methode nicht allgemein so vorhersehbar war, dass man immer wissen konnte, dass am Ende sowieso alles gut ausgeht oder wenigstens nicht in der drastischsten absehbaren Form endet. Sicherlich hätte man das Ganze auch anders auflösen können, ohne die Passage ganz der Verharmlosung preiszugeben, aber ein grundsätzlicher Fehler war die gewählte Variante ganz sicher nicht – höchstens in kommerzieller Hinsicht, da die drastische Konsequenz mit der Hitchcock die Szene abschloss, dazu führte, dass der Film bei etlichen Kritikern einen Aufschrei erzeugte und in manchen Ländern vorerst verboten wurde. Aber das ist beileibe ziemlich bedeutungslos, denn hätte sich Hitchcock immer nach den Kritikern gerichtet, würde ihn heute niemand mehr kennen und er wäre niemals der große Revolutionär des Spannungskinos geworden, der er war. Positive Veränderungen rufen meist auch Widerstand hervor. Erst das weist letztlich ihren revolutionären Charakter nach.

In der Kürze liegt die Würze

Nicht nur in dieser Hinsicht ist „Sabotage“ sehr direkt und schnörkellos, sondern ferner dahingehend, in welcher Kürze der Film auf den Punkt inszeniert und zu Ende gebracht wurde. Dass „Sabotage“ – dessen Handlungsorte voll von autobiografischen Referenzen an Hitchcocks Leben in London seit Kindheitstagen sind – aus heutiger Sicht im Gesamtwerk Hitchcocks mehr oder minder untergeht, ist ganz generell wohl kaum der aus Hitchcocks Sicht durchweg nicht besonders guten Machart geschuldet. Ein Faktor ist hingegen sicherlich unter anderem die Tatsache, dass das Werk mit einer Kinolaufzeit von 76 Minuten einer von Hitchcocks kürzesten Filmen ist – sein zweitkürzester Ton-Spielfilm, knapp vor dem durch das Hollywood-Remake von 1956 heute ebenfalls zu Unrecht wenig bekannten „Der Mann, der zuviel wusste“ („The Man Who Knew Too Much“, 1934). Mit einer Laufzeit von 76 Minuten kann dieses Werk neben diversen weitaus umfangreicheren, abendfüllenden Großproduktionen aus Hollywood, die der Meister später inszenierte, natürlich kaum auf Augenhöhe bestehen. Betont werden muss in diesem Zusammenhang allerdings auch, dass die meisten von Hitchcocks britischen Filmen aus seiner Pre-Hollywood-Phase bis 1939 bei weitem nicht die riesige Popularität vieler seiner Hollywood-Produktionen erreicht haben und einige der Stummfilme wie „Der Mieter“ („The Lodger“, 1927), „Downhill“ und „Blackmail“ tendenziell sogar bekannter als die meisten der britischen Tonfilme sind. Allenfalls „Die 39 Stufen“ („The 39 Steps“, 1935) und die besagte erste Verfilmung von „Der Mann, der zuviel wusste“ stechen unter Hitchcocks britischen Tonfilmen für den nicht näher bewanderten Kinofreund namentlich etwas hervor; dies gilt auch deswegen, weil beide Produktionen später Remakes unter dem gleichen Titel spendiert bekamen, erstgenannter Film allerdings nicht unter der Regie von Hitchcock. Auch von „Sabotage“ gibt es zwar ein Remake mit Bob Hoskins in der Hauptrolle, das 1996 in den Kinos startete, allerdings lief dieses dann wirklich unter dem Titel „Der Geheimagent“ und dem Originaltitel des Romans. Ein Zusammenhang mit Hitchcock ist da auf den ersten Blick also schwer herzustellen und wenn, dann eher zum falschen Film, eben dem, der auch „Secret Agent“ heißt. Mag Hitchcock den Film gemocht haben oder auch nicht, fällt „Sabotage“ innerhalb seines Schaffens also jedenfalls in keiner Weise negativ aus dem Rahmen. Das Werk passt schlüssig in seine Schaffensphase der 30er-Jahre und ist unter seinen Thrillern dieses Jahrzehnts sogar einer der ernstesten und, aus meiner Sicht, daher auch besten Filme.

Sympathische Besetzung, sehr gute TV-Synchro

Besonderen Anteil an der Überzeugungskraft des Films haben neben Hitchcocks Inszenierung vor allem die Schauspieler. Oskar Homolkas Darstellung des von Zweifeln und einem schlechten Gewissen geplagten Saboteurs, dessen Identität von Anfang an offengelegt wird, ist überragend. Zu selten wurde eine Figur, die auf den ersten Blick sehr skrupellos wirken könnte, in einem Film in einer so treffenden und eine Art von Mitleid erregenden Ambivalenz dargestellt – mit einer Ruhe, die nicht von Kaltherzigkeit, sondern innerlichem Kampf zeugt. Dieser Verloc wirkt auf seine eigene Frau offensichtlich abgebrühter als auf den Zuschauer – eine starke schauspielerische Leistung. Allein durch Homolkas sehr natürliche, glaubhafte Darbietung erreicht der Film ein hohes Maß an Tragik, dies wiederum aber ganz ohne Melodramatik. Die letzte Szene mit Verloc und seiner verstörten Gattin ist wahrhaft traurig und fast schon herzzerreißend ehrlich gespielt. Zu danken ist dies nicht nur Homolka, sondern auch Sylvia Sidney, die sich als bis dato eher dem Theater verbundene Schauspielerin während des Drehs zwar nur schwer an Hitchcocks Arbeitsweise gewöhnen konnte, vom Ergebnis – auch ihrer eigenen Leistung, als sie sich auf der Leinwand sah – dann aber positiv überrascht gewesen sein soll.

Einstellung für Einstellung zu drehen und somit immer wieder den Fluss der Szenen zu unterbrechen, bedeutete ein ganz anderes Arbeiten als auf der Bühne, war aber auch in Hollywood in dieser Form nicht üblich. Hitchcock wurde mit der Zeit berühmt dafür, dass er von quasi jeder Einstellung seiner Filme angeblich schon vorab eine klare Vorstellung hatte – für die Schauspieler war dieses Vorgehen selbstredend aber oft eine große, manchmal auch quälende Herausforderung. Nicht zuletzt ist auch John Loder als Ermittler eine angenehme Besetzung. Hitchcock hielt ihn dem Drehbuch nach für einen Fehlgriff und arbeitete die Rolle daher noch während des Drehs stetig um, damit er besser ins Gesamtbild passte. Geplant war ursprünglich eine weitere Zusammenarbeit mit Robert Donat, dem Star aus „Die 39 Stufen“, der aber aufgrund anderweitiger vertraglicher Verpflichtungen und aus gesundheitlichen Gründen nicht zu bekommen war. Das Hauptproblem an Loders Figur ist im fertigen Film dann jedenfalls nicht der Darsteller, sondern dass sie trotz der Drehbuchkorrekturen extrem oberflächlich ist. Dafür kann der Schauspieler aber nichts.

Dass nicht der Schurke, sondern der Held in Klischees erstickt, und der Bösewicht sogar noch reichlich doppelten Boden aufweist, während der Held so gar nichts Neues zu bieten hat, ist in diesem Extrem eine für das Kino allgemein recht ungewöhnliche Konstellation, aber genau das macht den Film letztlich auch so ungewöhnlich und interessant. Man kann sich somit praktisch optimal auf die Spuren der beklemmenden Gefühlswelt des Saboteurs begeben und nimmt an seinem Leid und dem Leid der Frau teil, da Verloc eigentlich der tragische Anti-Held und unfreiwillige Sympathieträger des Films ist und seine nichtsahnende Frau sowieso Mitleid erregt, während der profillose Ermittler nicht einmal annähernd das Zeug dazu hat, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. So gut funktioniert das unter dem Strich aber auch nur, weil John Loder aus seiner belanglosen Rolle das Bestmögliche machte und den Film im Gleichgewicht hält. Sein Part bietet reichlich Potenzial, dass er dem Zuschauer mit dem falschen Darsteller hätte auf die Nerven gehen und damit die Handlung verwässern können, was dann auch der Wirkung des Saboteurs geschadet hätte, aber Loder war der Richtige, um die Rolle in gebotener Weise zurückgenommen zu spielen und um die eher unterschwellige Liebesgeschichte ohne übertriebene Anbiederungen sympathisch zu transportieren. Auch die deutsche Fassung weiß zu überzeugen und ist selbst atmosphärisch durchaus schlüssig, obwohl sie erst über 40 Jahre nach dem Film entstand. Grund hierfür ist vor allem Georg Corten, der dem gebürtigen Wiener Oskar Homolka stimmlich bemerkenswert nahekommt.

Einer der meistveröffentlichten Filmklassiker in Deutschland

Auf DVD ist „Sabotage“ in Deutschland mittlerweile so häufig ausgekoppelt worden, dass man schon einmal den Überblick verlieren kann, zuletzt gab es auch erste Gehversuche auf Blu-ray. Die erste Veröffentlichung mit wirklich gutem Bild erfolgte 2003 in der „The Early Years“-Box von Concorde. Darin fehlte allerdings die deutsche Synchronfassung. Leider sind über die Jahre auch einige Versionen mit deutlich schlechterem Bild erschienen, das jedoch zumindest immer noch in die Kategorie „ansehbar“ fällt. Grund hierfür ist die Tatsache, dass der Film mittlerweile über Public Domain in die öffentliche Hand gefallen war. Immerhin gehört „Sabotage“ dadurch zweifelsohne zu den Filmklassikern, die die meisten DVD-Veröffentlichungen in Deutschland aufweisen. Ein Titel, für den man sich letztlich nichts kaufen kann, aber der zumindest was für die Statistik hermacht. Das Bonusmaterial ist bei sämtlichen Veröffentlichungen leider überschaubar. Eine in allen Belangen gelungene Aufarbeitung von Hitchcocks 30er-Jahre-Thrillern in Form von ein bis zwei Boxen mit gutem Bild, gutem Ton, den jeweiligen Synchronfassungen und obendrein gutem Bonus bleibt vorerst leider ein Wunschtraum. Entweder fehlen Filme in den bisherigen Boxen oder der deutsche Ton fehlt gänzlich oder liegt nur mit einer mäßigen Bildfassung vor – und an Extras wurde bei diesen Filmen leider durchweg erst recht gespart, auch wenn man sich auf ungekürzte Veröffentlichungen zumindest einigermaßen verlassen kann. Leider gilt bedauerlicherweise auch für etliche Hitchcock-Filme späteren Datums, dass die DVD-Auswertungen im Bereich Bonus recht dünn bestückt sind. Ich gebe offen zu, dass ich mir kein Urteil darüber erlauben will und kann, welche bisherige Veröffentlichung des Films in Deutschland die unter dem Strich beste ist, da ich mir den Film nicht in zehn verschiedenen DVD-Editionen ins Regal gestellt habe. Mit der „The Early Years“-Box von Concorde, die mittlerweile in zwei Auflagen existiert, macht man, wenn man auf die Synchronfassung verzichten kann, aber in jedem Fall nichts verkehrt, was Bild und Ton anbelangt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Alfred Hitchcock sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: u. a. 9. Dezember 2016 als Blu-ray und DVD

Länge: ca. 76 Min. (Kino, ungekürzt), 74 Min. (DVD, ungekürzt)
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Sabotage
US-Verleihtitel: The Woman Alone
Alternativtitel: I Married a Murderer
GB 1936
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Charles Bennett, nach dem Roman „Der Geheimagent“ von Joseph Conrad
Besetzung: Sylvia Sidney, Oskar Homolka, Desmond Tester, John Loder, Joyce Barbour, S.J. Warmington, William Dewhurst, Aubrey Mather, Austin Trevor, Torin Thatcher
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: diverse

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Packshot: © Lighthouse Home Entertainment, Filmplakate: Fair Use

 
 

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