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Rambo – Last Blood: Gewaltexzess auf der heimischen Farm

Rambo – Last Blood

Von Volker Schönenberger

Rachedrama // Erinnern wir uns: Am Ende von „John Rambo“ (2008) kehrte der von Sylvester Stallone verkörperte Titelheld nach jahrelangem Fernost-Aufenthalt und einer mörderischen Auseinandersetzung mit der burmesischen Junta auf die Farm seiner Eltern in Bowie, Arizona zurück. Würde er endlich Frieden finden? Wer würde es der tragischen Figur missgönnen, ein für alle Mal zur Ruhe zu kommen? Allein, die Mechanismen des Filmgeschäfts verhinderten dies, und so muss John Rambo ein weiteres Mal zu Messer, Bogen und größeren Waffen greifen, um diesmal erst in Mexiko, dann auf heimischem Terrain aufzuräumen.

Gabrielle fährt nach Mexiko – ein Fehler

Mein geschätzter Autor Florian Schneider hat die Handlung bereits trefflich in seiner Rezension zum Kinostart zusammengefasst, daher von mir nur noch eine kurze Zusammenfassung: Auf der Farm seiner verstorbenen Eltern wirft John Rambo ein väterliches Auge auf die junge Gabrielle (Yvette Monreal), Enkeltochter seiner Haushälterin und alten Freundin Maria (Adriana Barraza). Als Gabrielle auf der Suche nach ihrem Vater ins nur wenig mehr als 100 Kilometer entfernte Mexiko fährt, folgt ihr der kampferprobte Vietnamveteran und gerät dort an die Brüder Martinez (Óscar Jaenada, Sergio Peris-Mencheta), die einen Mädchenhandelring betreiben, junge Frauen kidnappen und in die Prostitution zwingen. Mit diesem Aufeinandertreffen beginnt für Rambo einmal mehr eine Gewaltspirale, der er nicht entkommen kann, auch nicht entkommen will – der allerdings auch seine Kontrahenten nicht lebendig entkommen werden.

Rambo, Stallone und wir altern gemeinsam

Florian lobte in seinem Text den Umstand, dass John Rambo mit seinem Darsteller altert, was der Figur Tiefe gebe. Dem kann ich zustimmen, gehe sogar noch weiter: Auch wir Actionfans – zumindest diejenigen unter uns, die wie ich den Erstling „Rambo“ (1982) oder eine der Fortsetzungen seinerzeit im Kino gesehen haben – sind mit John Rambo gealtert (schluchz). Bei aller Kritik, die man einigen Teilen der Reihe zu Recht machen kann, ist er uns doch ans Herz gewachsen. Er mag eine Killermaschine sein, aber er hat stets im Glauben gehandelt, das Richtige zu tun. Dass seine Widersacher in der Regel als bösartige Mordgesellen gezeichnet worden sind, erleichterte es Rambos Publikum natürlich, mit ihm mitzufiebern.

Der Frieden für John Rambo ist nicht von Dauer

Das gilt auch und besonders für „Rambo – Last Blood“. Für die Schurken des Films sind junge Frauen nur Dinge, mit denen sie viel Geld verdienen. Als zivilisierter Mensch, für den ich mich halte, lehne ich Folter, Selbstjustiz und die Todesstrafe aus voller Überzeugung ab. Dennoch kann ich mich im Film daran erfreuen, wenn üblen Gesellen übel mitgespielt wird. Und das tut John Rambo – und wie er das tut! „Ultrabrutales Rachedrama“ nennt Florian das in seiner Rezension, und das trifft es auf den Punkt. Der Showdown in den letzten knapp 30 Minuten des Films stellt die Brutalität der Vorgänger locker in den Schatten (gerade „John Rambo“ hatte 2008 ja einige heftige Gewaltausbrüche zu bieten). Angesichts der überaus schmerzhaften Tode, die in „Rambo – Last Blood“ gestorben werden, habe ich mich etwas gewundert, dass die FSK keine Probleme hatte, die ungeschnittene Fassung durchzuwinken – mit einer Freigabe ab 18 Jahren, versteht sich, sie geht auch völlig in Ordnung. Dass Action und Gewalt technisch auf hohem Niveau inszeniert sind, erhöht die Freude an „Rambo – Last Blood“. Es ist eben ein Film, der auch niedere Instinkte bedient und befriedigt.

Ist Rambo reaktionär?

Als Fan knackiger Actionstreifen kann ich fragwürdige Botschaften gut ausblenden, um einen Film zu genießen. Will ich differenziert rezensieren, komme ich allerdings nicht umhin, mich auch mit einem womöglich fragwürdigen Subtext zu beschäftigen. Die „Rambo“-Reihe war nie unpolitisch, und sie hat im Lauf der Jahre einige reaktionäre Botschaften transportiert. Das gilt besonders für „Rambo II – Der Auftrag“ (1985) und „Rambo III“ (1988), beide deutlich als Kinder der Reagan-Ära erkennbar und mit einem klar identifizierbaren Feindbild ausgestattet: dem Sowjetrussen.

Der Vietnamveteran greift …

Aber gilt das auch für „Rambo – Last Blood“? Ist Teil 5 der Saga gar ein Kind der Trump-Ära? Immerhin zeichnet der Film kein positives Bild der Mexikaner. Als Gabrielle ihren Vater findet, entpuppt er sich umgehend als Arschloch. Die nächsten Mexikaner, denen die junge Frau begegnet, sind auch nicht besser – im Gegenteil. Und auch die Polizei des Landes ist korrupt bis ins Mark, was in einer Szene deutlich wird, in der ein Haufen Ordnungshüter in Uniform ein versifftes Bordell voll verschleppter Frauen stürmt, um sich gratis zu bedienen. Der einzig wohlwollend gezeichnete Mexikaner ist ein Arzt, der den verletzten John Rambo in einer Szene zusammenflickt. Ein Feigenblatt? Besser als nichts immerhin.

Vom Regisseur von „Get the Gringo“

Regisseur Adrian Grunberg hat Mexiko bereits mit dem Mel-Gibson-Vehikel „Get the Gringo“ (2012) nicht gerade in warmherzigen Farben skizziert. Mit seinem zweiten Langfilm „Rambo – Last Blood“ haut er in dieselbe Kerbe – Zufall? Ist das gar rassistisch? Ich bin unschlüssig. Mexiko hat zweifellos Riesenprobleme mit organisierter Kriminalität, Schurken wie die Martinez-Brüder existieren nicht nur im Film und agieren in der Realität bisweilen deutlich brutaler. „Rambo – Last Blood“ thematisiert das und führt etliche mexikanische Kriminelle einer Strafe zu, die man für gerecht halten kann.

… wieder zu den Waffen …

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch, denn natürlich hätte man sich ganz andere Schurken ausdenken können, gegen die Rambo ins Feld zieht. Andererseits: Muss man jeden Plot auf dem Altar der politischen Korrektheit opfern? Rambos Mexiko-Szenario existierte zumindest in Grundzügen vor der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, ebenso hat es schon zuvor Actionfilme und Thriller mit bösartigen Mexikanern gegeben, die auch nicht immer ein differenziertes Bild des Landes gezeichnet haben. Klar ist: Bei mir, meinem Autor Florian Schneider und vielen anderen Actionfans mit Denkvermögen wird „Rambo – Last Blood“ sicher keine Ressentiments gegen Mexikaner schüren. Ganz anders mag das bei manchen US-Wählern sein, die Donald Trumps Thesen über die südlichen Nachbarn teilen und seinen Willen zum Bau einer Mauer als Mexiko-Bollwerk beklatschen. Aber ich werde den Teufel tun und meine Actionfilm-Vorlieben an solchen Gesellen ausrichten.

Rambo – bei Kritikern verpönt

Die „Rambo“-Filme waren nie Kritikerlieblinge. Das gilt auch für den fünften und womöglich letzten Teil der Saga, wie allein schon ein Blick auf die Wertungen bei Rotten Tomatoes offenbart: Der beeindruckenden Publikumswertung „Audience Score“ von 82 Prozent stehen schlappe 27 Prozent beim „Tomatometer“ gegenüber, der Kumulation der Kritikerwertungen (Stand Januar 2020). Kein Geringerer als David Morrell, Autor von „First Blood“, der Romanvorlage zum ersten „Rambo“-Film, verkündete bei Twitter: The film is a mess. Embarrassed to have my name associated with it. Der Film sei eine Schweinerei, und es sei ihm peinlich, dass sein Name damit in Verbindung gebracht werde. Auch wenn man ein wenig in den Texten deutscher und US-amerikanischer Filmkritiker querliest, trifft man auf enorm heftigen Tadel. Der Zeigefinger ist oftmals aber als moralisches Fanal hoch emporgestreckt und geht mit einem Überlegenheits-Duktus einher, den ich wiederum nicht teilen kann. Es bleibt eben viel Kreativität auf der Strecke, wenn man sich mit „Das tut man nicht“ seine künstlerische Freiheit beschneidet. Wie viele großartige Actionfilme wären uns auf diese Weise entgangen? Ich sehe die Kritikpunkte und empfinde sie als nachvollziehbar, plädiere aber dafür, die Kirche im Dorf zu lassen. Für einen Rassisten halte ich weder Sylvester Stallone noch John Rambo, und deshalb werde ich die Reihe inklusive „Rambo – Last Blood“ weiterhin in Ehren halten.

… und lässt keine Gnade walten

Über die Jahre ist Sylvester Stallone dermaßen mit seiner Figur verwachsen – für seinen Rocky Balboa gilt das natürlich ebenfalls –, dass jede Geste und jede Textzeile wie aus einem Guss wirken. John Rambo war nie ein Mann mit ausladendem Habitus und großen Reden (ein paar Monologen zum Trotz), das mag es Stallone erleichtert haben, die Rolle mit Leben zu füllen. Dennoch gebührt ihm Respekt, eine der größten Ikonen des Actiongenres erschaffen zu haben. Der John Rambo aus dem 1982er-Erstling ist im Lauf der Jahre und Fortsetzungen zu dem in „Rambo – Last Blood“ geworden. Das mag keine feingliedrige Charakterzeichnung sein, aber eine logische Entwicklung. Da passt es gut, dass wir mit dem Abspann Szenen aus allen „Rambo“-Filmen zu sehen bekommen. Doch wird er je Frieden finden? Kann jemand, der all das erlebt, durchlitten und getan hat, überhaupt Frieden finden? Sei’s drum, bei aller Kritik, der sich „Rambo – Last Blood“ stellen muss, spielt der Film für mich doch in der Ersten Liga des Actiongenres.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sylvester Stallone haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. Januar 2020 als 4K UHD Blu-ray (inkl. Blu-ray), 4K UHD Blu-ray im Steelbook (inkl. Blu-ray, exklusiv bei einem Online-Händler), Blu-ray im Steelbook, Blu-ray und DVD

Länge: 101 Min. (Blu-ray), 97 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rambo – Last Blood
USA 2019
Regie: Adrian Grunberg
Drehbuch: Matthew Cirulnick, Sylvester Stallone
Besetzung: Sylvester Stallone, Paz Vega, Yvette Monreal, Louis Mandylor, Óscar Jaenada, Sheila Shah, Sergio Peris-Mencheta, Jessica Madsen, Marco de la O, Adriana Barraza, Díana Bermudez, Atanas Srebrev, Nick Wittman, Aaron Cohen
Zusatzmaterial: 2 Featurettes: „Drawing Last Blood“ (50 Min.) & „From First Note to Last Blood – Music for the Massacres“ (17 Min.), Trailer, Trailershow
Label/Vertrieb: Universum Film

Copyright 2020 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 Universum Film

 

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Rambo – Last Blood: Welcome to Hell!

Rambo – Last Blood

Kinostart: 19. September 2019

Von Florian Schneider

Rachedrama // John Rambo (Sylvester Stallone) ist nach den Ereignissen in Burma („John Rambo“) in die Vereinigten Staaten von Amerika zurückgekehrt und lebt seit zehn Jahren auf der Farm seiner verstorbenen Eltern. Geplagt von den Dämonen der Vergangenheit sucht er einen neuen Sinn im Leben, indem er sich wie ein Vater um die junge Gabrielle (Yvette Monreal) kümmert, Enkeltochter seiner Haushälterin und alten Freundin Maria (Adriana Barraza). Der Schutz des Teenagers – vom mexikanischen Vater am Sterbebett der Mutter zurückgelassen – ist zur Hauptaufgabe des gealterten Helden geworden. In der übrigen Zeit betreibt Rambo eine Pferdezucht und unterzieht das Grundstück der Farm mit einem unterirdischen Stollensystem.

Rambo genießt mit seiner Nichte den Frieden auf der heimischen Farm

Als Gabrielle heimlich nach Mexiko fährt, um ihren Vater aufzuspüren, gerät sie in die Fänge der Gebrüder Martinez (Óscar Jaenada, Sergio Peris-Mencheta) und deren Mädchenhandelrings. Rambo gelingt es zwar, Gabrielle zu befreien, doch die geschundene junge Frau stirbt auf der Rückreise. Der Veteran schärft daraufhin sein Messer und zieht erneut in den Krieg.

Doch als er sie zu Grabe tragen muss …

Hier ist er nun also, der fünfte und (angeblich) letzte Teil der Reihe um die ikonische Kampfmaschine. 37 Jahre nach dem Erstlingswerk beherrscht der inzwischen 73-jährige Sylvester Stallone seinen Helden aus dem Effeff. Ja, er lebt und atmet Rambo mit jeder Pore. Das Interessante an der Figur ist sicherlich, dass sie mit ihrem Darsteller gealtert ist und nicht, wie andere Filmfiguren, einfach neu besetzt wird. Das gibt nicht nur der Figur eine gewisse Tiefe, sondern verleiht der ganzen Reihe eine wohltuende Endlichkeit. Zum Glück (und im Unterschied zu manch anderen Dauerbrennern) funktioniert der Abschlussfilm der Reihe als ultrabrutales Rachedrama ganz ausgezeichnet. Die Actionszenen sind herausragend in Szene gesetzt, die Kamera bewahrt den Überblick und von einer unliebsamen Schnittorgie wird zum Glück Abstand gehalten.

… schärft er wieder sein legendäres Messer

Auch das Setting der doch recht simplen Geschichte passt hervorragend zu den Fähigkeiten der Hauptfigur und zur Prämisse, dass richtig böse Menschen in dieser schablonenhaften Welt mit aller Gewalt und blutigster Brutalität zur Strecke gebracht werden dürfen. Wer Filme wie „Sicario“ (2015) gesehen oder, noch besser, die „Art Keller“-Trilogie von Don Winslow gelesen hat, weiß, dass die Brutalität der agierenden Schurken nicht einmal überzeichnet ist. Lediglich treffen die nicht bedauernswerten Antagonisten mit Rambo auf einen Charakter, der diese Sprache der Gewalt um ein Vielfaches besser zu sprechen vermag. Regisseur Adrian Grunberg zeichnet nach „Get the Gringo“ (2012) mit Mel Gibson erneut kein freundliches Bild Mexikos, und ein wenig erinnert „Rambo – Last Blood auch an die „96 Hours – Taken“-Reihe mit Liam Neeson.

Die Brüder Martinez (M.) halten sich für richtig böse Motherfuckers

Wie gut Stallone seine Figur inzwischen kennt, merkt man am Drehbuch, an dem er wieder mitgeschrieben hat. Da ist keine Szene zu viel, keine Emotion übertrieben oder fehl am Platz und die Dialoge immer zur innerlich gebrochenen Figur passend. Während Rambo seine Wut und seine Traumata in der relativ langen Einführungsphase des Films noch mit Psychopharmaka unter Kontrolle zu halten versucht und auch den Tod Gabrielles mit stoischer, gleichwohl von tiefer innerer Verzweiflung geprägter Geste wahrnimmt, ist seine Antwort auf das Verbrechen und seine Rache umso radikaler. Der Tod solle über die Täter kommen und sie sollen dadurch seinen Schmerz spüren, sagt Rambo zu einer Helferin in Mexiko. Und er macht sein Versprechen wahr und massakriert einen der Brüder Martinez sowie etliche weitere Schurken im gewohnten Einzelkämpfermodus. Auch dass er dadurch eine halbe Armee, angeführt vom überlebenden Bruder und Oberschurken, auf seine Farm und in sein Tunnelsystem zu locken vermag, ist Teil des Plans und nur folgerichtig hinsichtlich der Logik der Reihe. Apropos Tunnel, die erinnern natürlich an das Höhlenlabyrinth im ersten Teil, aber auch an die berühmten Geheimgänge des Vietcongs – dieses Mal ist allerdings nicht der Feind dort zu Hause, sondern der gealterte Todesengel in Menschengestalt.

Rambo hat sich sogar eine unterirdische Waffenschmiede eingerichtet

Er könne die Welt nicht kontrollieren, sagt Rambo mehrmals zu sich selbst, doch wenn seine unkontrollierte Wut entfesselt wird, kann auch die Welt ihn nicht mehr kontrollieren. Dann will er seinem Gegner im wahrsten Sinne des Wortes das Herz herausreißen, damit dieser den Schmerz spürt, der wie ein gefangenes Tier durch den Körper des Kriegers pulsiert und lediglich in brutalster Rache und Vergeltung ein Ventil nach außen findet. Ob man dieser Art der Schmerz- und Konfliktbewältigung nun eher kritisch gegenübersteht oder sie feiert, sie ist hinsichtlich der nun 37 Jahre fortlaufenden Geschichte eine mythologische Gewissheit geworden. Genauso, wie es in der Welt des John Rambo niemals ein Happy End geben kann.

Im Tunnelsystem wartet der Tod

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sylvester Stallone sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Auch der legendäre Bogen kommt wieder zum Einsatz

Länge: 101 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Originaltitel: Rambo – Last Blood
USA 2019
Regie: Adrian Grunberg
Drehbuch: Matthew Cirulnick, Sylvester Stallone
Besetzung: Sylvester Stallone, Paz Vega, Yvette Monreal, Louis Mandylor, Óscar Jaenada, Sheila Shah, Sergio Peris-Mencheta, Jessica Madsen, Marco de la O, Adriana Barraza, Díana Bermudez, Atanas Srebrev, Nick Wittman, Aaron Cohen
Verleih: Universum Film

Copyright 2019 by Florian Schneider
Filmplakate & Szenenfotos: © 2019 Universum Film

 

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John Rambo – Flussaufwärts ins Grauen

Rambo

Von Volker Schönenberger

Live for nothing, or die for something.

Kriegs-Action // Obiges Zitat aus „John Rambo“ ist vielleicht mein Lieblings-Oneliner aus dem Mund von Sylvester Stallone. Lebt für gar nichts, oder sterbt für etwas. Geht mehr Pathos?

Kurz zu den Vorgängern: „Rambo“ („First Blood“, 1982) gilt völlig zu Recht als einer der großen Actionklassiker der 1980er-Jahre und hat mit der unwürdigen Behandlung der Vietnamveteranen in den USA sogar ein gesellschaftsrelevantes Thema aufgegriffen. In „Rambo II – Der Auftrag“ („Rambo – First Blood Part II“, 1985) verschlägt es den Titelhelden zurück nach Vietnam, wo er GIs aus der Kriegsgefangenschaft befreit. „Rambo III“ (1988) schließlich zeigt ihn in Afghanistan, wo er an der Seite der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Invasoren kämpft, nicht zuletzt, um seinen Boss Colonel Trautman (Richard Crenna) zu befreien. Beide Fortsetzungen eint, dass sie echte Kinder der reaktionären Reagan-Ära sind und ein simples Gut-Böse-Weltbild des Kalten Krieges befeuern, das die Sowjetunion als den erklärten Feind ausmacht.

Das idyllische Dasein auf dem Fluss …

Die Schwarz-Weiß-Malerei gilt ebenso für „John Rambo“ von 2008, sind doch die Soldaten der Militärjunta von Burma (Myanmar) bösartig gezeichnete Missetäter, letztlich nichts weiter als Kriegsverbrecher. An dieser Charakterisierung muss man natürlich nichts auszusetzen haben, Militärdiktaturen und ihre Exekutivgewalten sind ja per se kritisch zu betrachten. Im konkreten Fall werden der arg beschönigend Staatsrat für Frieden und Entwicklung betitelten Militärregierung von Myanmar zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und die Verfolgung von Minderheiten und Oppositionellen vorgeworfen.

Treibjagd im Minenfeld

Der Film beginnt dann auch mit authentischen Aufnahmen einiger Ereignisse rund um den Militärputsch. In der Folge sehen wir einen Soldatentrupp, der eine Schar gefangener Zivilisten in ein mit Minen gespicktes Reisfeld treibt. Nachdem einer von ihnen von einem Sprengsatz zerfetzt wurde, lässt Major Tint (Maung Maung Khin) seine Soldaten das Feuer auf die Unglückseligen eröffnen.

… findet bald ein Ende

John Rambo (Sylvester Stallone) führt zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen in Afghanistan ein geruhsames Leben in Thailand. Er fängt Schlangen und Fische und bessert mit Bootstouren auf dem Salween sein Einkommen auf. Eine Schar US-Missionare um ihren Anführer Michael Burnett (Paul Schulze) bittet ihn, sie mit seinem Boot über die Grenze ins benachbarte Burma zu bringen. Sie wollen dem verfolgten Volk der Karen Hilfsgüter und Bibeln überbringen. Burnett kann ihn zwar nicht zu dem gefahrvollen Trip überzeugen, aber die Missionarin Sarah Miller (Julie Benz) lässt nicht locker, und schließlich findet sich John Rambo mit der humanitären Gruppe an Bord auf einem Bootstrip stromaufwärts wieder. Es wird erwartungsgemäß eine Reise ins Herz der Finsternis.

Rambo und Rocky

Man kann über Sylvester Stallone und seine schauspielerischen Fähigkeiten viel Häme ausschütten, und das ist im Lauf der Jahre auch hinlänglich geschehen. Aber das kann er wegstecken. Welcher Schauspieler kann schon für sich in Anspruch nehmen, zwei derartigen Ikonen der Filmgeschichte wie John Rambo und Rocky Balboa ein Gesicht gegeben zu haben? Als Actionfilme funktionierten und funktionieren die „Rambo“-Filme allesamt nach wie vor ganz ausgezeichnet, aller Kritik am zweiten und etwas trashigen dritten Teil zum Trotz. John Rambo ist natürlich eine tragische Gestalt. Eine tödliche Kampfmaschine, zum Killer bestimmt, ohne einer sein zu wollen – und das gar nicht mal von außen aufgezwungen, sondern weil es ihm im Blut liegt. Zwar wird diese Ambivalenz in Teil 2 und 3 beinahe vollständig aufgelöst, doch entdeckt die blutdürstige Seele des Soldaten erst in „John Rambo“ ihr wahres Wesen. When you’re pushed, killing’s as easy as breathing. Natürlich nur im Dienst einer guten Sache!

Sarah begibt sich in Lebensgefahr

Gedreht wurde „on location“ in Thailand und sogar Myanmar. Herrlich die Szene, in der Rambo eine Gruppe mit der Rettung der Missionare beauftragter Söldner flussaufwärts fährt: Er steht wortlos am Steuer, während sich der missmutige Wortführer Lewis (Graham McTavish, „Der Hobbit“-Reihe) als großspurige Labertasche gebärdet. Als die Söldner das Boot verlassen, geht Rambo wie selbstverständlich davon aus, sie zu begleiten, doch Lewis verweigert seine Unterstützung. Bald darauf bekommt Rambo Gelegenheit zu seinem grandiosen Kurz-Monolog, mit dem ich diesen Text eröffnet habe: Any of you boys want to shoot, now’s the time. There isn’t one of us that doesn’t want to be someplace else. But this is what we do, who we are. Live for nothing, or die for something. Your call. Er kennt eben die Mentalität der Söldner, weil sie seine eigene ist: Sie alle wollen zwar gerade überall sein, nur nicht dort, wo sie gerade sind. Aber das ist es eben, was sie tun, das ist es, wer sie sind. Derlei Alphatier-Sprüche machen „John Rambo“ natürlich zu einem Männerfilm, über den Feingeister die Nase rümpfen. Aber lasst uns doch unsere Freude! Technisch ist „John Rambo“ als Actionfilm über Zweifel erhaben. Dramaturgie und Spannungsbogen funktionieren sehr gut, alle Achtung, Sylvester Stallone! Der Gute hat sich selbst auf den Regiestuhl gesetzt, zum bis dato siebten Mal (darunter vier „Rocky“-Filme). Stallones Gespür für Timing zeigt sich auch in der Länge des Films – die klassischen anderthalb Stunden passen genau.

Zügig auf dem Index

Die Gewalt zeigt Stallone völlig ungeschönt und drastisch, wobei die Unterstützung des Computers ein paar Mal zu deutlich zu erkennen ist, Stichwort: Blutfontänen. Härteste Szene ist zweifellos die, in der Rambo sich eines auf einem Geländewagen montierten Maschinengewehrs bemächtigt, erst einmal den Fahrer buchstäblich in Stücke schießt und im Anschluss voll auf die feindlichen Soldaten hält, deren Körper von den Salven zerteilt werden. Etliche weitere Szenen halten das brutale Niveau, und die FSK zeigte sich ob dieser Gewaltdarstellung ungnädig und verweigerte der ungeschnittenen Fassung die Freigabe, weshalb sie 2008 parallel zur zensierten FSK-18-Fassung mit SPIO/JK-Siegel (keine schwere Jugendgefährdung) veröffentlicht wurde. Im selben Jahr wurde sie von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

John Rambo greift ein

Der Body Count ist immens, und spätestens wenn im explosiven Showdown sogar Missionar Michael Burnett jegliche Contenance verliert und einen burmesischen Soldaten mit dem Stein erschlägt, wird deutlich, dass Pazifismus nicht die Botschaft des Films ist. Ich entsinne mich einer Diskussion in irgendeinem Internetforum vor Jahren, in der ein Teilnehmer allen Ernstes behauptete, bei „John Rambo“ handle es sich um einen Antikriegsfilm. Tatsächlich ist er alles andere als das. Zu monströs werden die burmesischen Täter in Uniform dargestellt, allen voran ihr Anführer Major Tint, zu sehr wünschen wir uns, dass er und seine Leute ihre gerechte Strafe erhalten und draufgehen.

Sylvester Stallone suchte sich als Setting für den Film bewusst einen bestehenden Konflikt aus, der damals kaum in der Weltöffentlichkeit präsent war – so kam er auf die Unterdrückung des Karen-Volks durch die burmesische Militärjunta. Ich entsinne mich auch, dass die verfolgte Minderheit durch „John Rambo“ tatsächlich weltweit Aufmerksamkeit erhielt. Mit Maung Maung Khin ließ Stallone einen echten Karen-Rebellen mitwirken – er gab ihm ausgerechnet die Rolle des grausamen Major Tint. Den Trivia der IMDb zufolge übernahmen burmesische Freiheitskämpfer später Zeilen aus dem Film als Schlachtrufe, darunter natürlich auch Live for nothing, or die for something.. Dieser Umstand gehört zu den stolzesten Momenten, die Stallone in seiner Karriere erlebt hat, wie er daraufhin kundtat.

Stallones Langfassung ein Jahr später

Obwohl „John Rambo“ in der ungeschnittenen Fassung auf mich rund wirkt, ließ es sich Sylvester Stallone 2009 nicht nehmen, einen Extended Cut hinterherzuschieben. Er hatte zwar auch beim Schnitt der Kinofassung ausreichend Mitspracherecht gehabt, entschied sich aber später dennoch, etwas mehr charakterliche Tiefe in den Film und beispielsweise John Rambos Beziehung zur Missionarin Sarah mehr Raum zu geben. Diese Schnittfassung hat es bislang nicht nach Deutschland geschafft. Ob sich das im Zuge der aktuell gestiegenen Aufmerksamkeit für das Franchise dank des neuen Kinofilms „Rambo – Last Blood“ ändern wird, ist spekulativ, einstweilen verweise ich auf den beide Fassungen vergleichenden Schnittbericht.

Sylvester Stallone galt kurz nach der Jahrtausendwende als Auslaufmodell, Relikt vergangener Action-Zeiten, doch dann gelang ihm binnen weniger Jahre mit seinen beiden Signature-Rollen ein bemerkenswertes Comeback – zwei Jahre vor „John Rambo“ hatte er 2006 mit „Rocky Balboa“ in die Erfolgsspur zurückgefunden. 2010 rief er mit „The Expendables“ gar ein weiteres Franchise ins Leben. Es sei ihm gegönnt. „John Rambo“ geht als Action-Highlight der Nullerjahre durch und toppt die beiden Vorgänger der Reihe spielend.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Sylvester Stallone sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgeführt.

Veröffentlichung: 28. Mai 2010 als Blu-ray (Premium Collection, FSK 18), 24. Juli 2009 als Blu-ray, 29. Juni 2008 als Blu-ray (SPIO/JK) und Blu-ray (SPIO/JK) im Steelbook, 27. Juni 2008 als DVD (FSK 18), DVD (SPIO/JK) und DVD (SPIO/JK) im Steelbook

Länge: 91 Min. (Blu-ray, SPIO/JK), 89 Min. (Blu-ray), 87 Min. (DVD, SPIO/JK) 85 Min. (DVD, FSK 18)
Altersfreigabe: FSK 18 bzw. SPIO/JK
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Rambo
D/USA 2008
Regie: Sylvester Stallone
Drehbuch: Art Monterastelli, Sylvester Stallone
Besetzung: Sylvester Stallone, Julie Benz, Matthew Marsden, Graham McTavish, Reynaldo Gallegos, Jake La Botz, Tim Kang, Maung Maung Khin, Paul Schulze
Zusatzmaterial: Making-of, deutscher Kinotrailer
Label/Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshots deutsche Blu-rays: © Warner Home Video

 

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