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Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts – Wahre Schönheit kommt von außen!

Mystery of the Wax Museum

Von Ansgar Skulme

Horror // Ivan Igor (Lionel Atwill) hat Anfang der 1920er-Jahre ein beachtliches Wachsfigurenkabinett in London geschaffen. Er lebt mit Hingabe für seine Passion, doch die Geschäfte laufen nicht gut. Eines Abends erhält er Besuch von einem interessierten Investor, der seine Arbeit sogar der Royal Academy empfehlen möchte. Igor ist gerührt vor Freude, denn nun scheint sich alles zum Guten zu wenden und ihm blüht endlich die Anerkennung, die er verdient. Sein Geschäftspartner Joe Worth (Edwin Maxwell) weiß jedoch nichts von der nahenden Popularität, hat keine Geduld mehr mit den finanziellen Risiken. Er überrascht den Künstler nur Augenblicke später mit dem Plan, das Kabinett niederbrennen und die Versicherungssumme kassieren zu wollen.

Mehr als zehn Jahre nach der Katastrophe tritt Ivan Igor in New York, ergraut im Rollstuhl sitzend, mit einem neuen Wachsfigurenkabinett an die Öffentlichkeit. An Aufmerksamkeit mangelt es diesmal nicht, doch die resultiert nicht nur aus künstlerisch interessiertem Publikum – die Reporterin Florence Dempsey (Glenda Farrell) ist bei Recherchen auf das Wachsfigurenkabinett gestoßen, während die Polizei bei ihren eigenen Untersuchungen noch im Dunkeln tappt: Menschen sterben mysteriös und ihre Leichen verschwinden; um Ivan Igor tummeln sich merkwürdige Gestalten und auch sein alter Widersacher Joe Worth ist in der Stadt. Wer jagt wen und aus welchen Motiven – wer ist Täter und wer unschuldig verdächtig?

Nach „Der geheimnisvolle Doktor X“ realisierten die Warner Brothers, basierend auf einer unveröffentlichten Kurzgeschichte von Charles S. Belden, aus der ein Theaterstück hervorgegangen war, mit „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ noch ein weiteres Prestige-Projekt im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor. Das Theaterstück diente dem Film rechtlich gesehen aber nicht unmittelbar als Vorlage. Erneut ein Horrorfilm, erneut unter der Regie von Michael Curtiz, erneut mit Ray Rennahan als Kameramann der Farbversion, erneut mit Anton Grot als „Art Director“, erneut mit Lionel Atwill in der Hauptrolle und erneut mit Fay Wray in einer zentralen Rolle, wenngleich diese in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“, trotz übergeordneter Nennung im Vorspann, überraschenderweise erst nach etwa einer halben Stunde das erste Mal in der Rolle der Charlotte Duncan zu sehen ist. Die Horrorgeschichte um das schaurige Gruselkabinett der Wachsfiguren avancierte unfreiwillig zu einer Art großem Finale für das Zwei-Farben-Verfahren, da sich Technicolor und die Warner Brothers am Rande der Produktionen der beiden Curtiz/Atwill/Wray-Horrorfilme, wie es die Legende will, vorerst überwarfen. Es heißt, Technicolor habe sich von weiteren Zusammenarbeiten verabschiedet, da Warner, entgegen der Auflagen seitens Technicolor, parallel eine Schwarz-Weiß-Fassung von „Doctor X“ aufnehmen ließ. Auch von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ soll Warner einfach, trotz des bereits vorherrschenden Disputs, eine Schwarz-Weiß-Version produziert haben. Schwarz-Weiß-Kopien konnte Warner auch selbst mit der hauseigenen Technik erstellen lassen, Farbkopien musste man teuer über Technicolor beziehen. Wenig später setzte sich dann ein Drei-Farben-Verfahren durch und das Zwei-Farben-Verfahren ging in die Geschichtsbücher ein. Weitere Hintergründe hierzu können meiner Rezension zu „Der geheimnisvolle Doktor X“ entnommen werden.

Zwei Filme am Scheideweg

Der Film entstand zu einer Zeit, als Warner gerade zusätzliches Selbstbewusstsein entwickelte. Dies kann man etwa der Tatsache entnehmen, dass „Doctor X“ – dem Vorspann nach zu urteilen – noch primär eine Produktion von First National Pictures zu sein schien, einem Unternehmen, das seit 1928 praktisch zu den Warner Brothers gehörte, während im Vorspann von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ dann aber bereits groß „Warner Bros. Pictures, Inc.“ vor dem Filmtitel zu lesen ist. Die treibenden Kräfte im Hintergrund, die diese beiden Produktionen mit Geld fütterten und herausbrachten, waren allerdings dieselben – nicht nur an der Besetzung vor und hinter der Kamera sowie den erzählten Geschichten unschwer zu erkennen. Zwei Meilensteine der Filmhistorie – sie gelten als erste Horrorfilme in Farbe überhaupt, waren gleichzeitig die beiden letzten großen, dramatischen abendfüllenden Spielfilme, die vollständig im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor aufgenommen wurden (seit Einführung jeglicher Farbfilmverfahren hatte es auch immer wieder Filme gegeben, für die nur ausgewählte Szenen in Farbe produziert worden waren). Zudem genossen „Der geheimnisvolle Doktor X“ und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ das Privileg, ohne die Zwänge des wenig später zur Pflicht gewordenen Hays Codes erzählen und verstören zu können. Kurzum: Zwei richtungsweisend düstere, abgründige Farbfilme, die als solche Maßstäbe setzten und als Farbfilm-Schocker lange Zeit zwangsläufig konkurrenzlos blieben.

Trotz ihrer vielen Parallelen weisen beide Filme einige interessante Unterschiede – im Sinne unterschiedlich gewichteter Schwerpunkte – auf. „Der geheimnisvolle Doktor X“ ist ein handwerklich-stilistisch phasenweise fast schon experimenteller Film mit einigen wagemutigen überraschend schnellen Schnitten in den Momenten größter Spannung und beeindruckenden, expressionistisch angehauchten Kulissen. Vor allem aber überrascht die Tonkulisse, womit weniger das in beiden Filmen furios einschlagende, von Bernhard Kaun komponierte musikalische Intro des Vitaphone-Orchesters unter Federführung von Leo F. Forbstein gemeint ist, als die Geräusche der Maschinen und die schockierende Szene, in der der Täter entlarvt wird. Die Demaskierung des Wahnsinnigen in „Doctor X“ äußert sich zuerst durch schnaufendes, schweres Atmen im Angesicht des Vollmonds. Wenn man diese Laute hört, scheinen sie aus dem Off zu kommen, sind eindeutig separat am Mikrofon aufgenommen und dann mit dem Filmmaterial kombiniert worden, auch wenn man den Täter, der die Laute von sich gibt, als es ihn überkommt, gleichzeitig im Bild sieht. Damit ist dieses wahnwitzige Atmen der Besessenheit umso näher und fühlbarer, da der Mörder gewissermaßen direkt am Mikrofon bzw. den Lautsprechern im Kinosaal zu lauern scheint. „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ ist hinsichtlich des Schnitts und der Tongestaltung weniger provokant und experimentell, dennoch wurde das besessene schwere Atmen bereits in einer frühen Szene zitiert als man den entstellten Täter beim Diebstahl eines toten Körpers im Leichenschauhaus sieht. Leider geht dieses abgedrehte, fast schon wie ein lüsternes Stöhnen wirkende schwere Durchatmen der Mordhungrigen in den deutschen Synchronfassungen der beiden Filme nahezu komplett verloren. Der Grund: Die Laute, die die Besessenen bei ihrer „Arbeit“ von sich geben, wurden für die deutschen Synchronfassungen – was auch eine gewisse Logik in sich birgt – so synchron wie möglich an das Bild angepasst. Wenn man so will wurde genauer synchronisiert als im Original, wo es seinerzeit primär darum ging durch das, mittels separater Aufnahme am Mikrofon, sehr nahe kommende, extrovertierte Durchatmen und Keuchen, das einfach relativ oberflächlich, jedoch wirkungsvoll mit dem Bildmaterial zusammengebaut wurde, vor allen Dingen zu verstören – noch dazu ein Publikum, das den Tonfilm noch nicht lange gewohnt war! Der Effekt, dass der Ton das Bild – vor allem in „Doctor X“ merklich aus dem Off kommend – geradezu überlagert, fehlt in den deutschen Synchronfassungen dementsprechend.

Ein Spagat mit Bravour

Die Verdienste von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ liegen, im Gegensatz zu „Der geheimnisvolle Doktor X“, weniger in einer auffällig experimentell interessierten Machart als in der Verbindung einer Vielzahl interessanter Figuren, die narrativ sehr gekonnt gelöst ist. Vor allem, dass es dem Film gelingt, die Reporterin Florence Dempsey als glaubwürdige Figur inmitten einer Horrorgeschichte zu verkaufen, ist dem bemerkenswert guten Drehbuch und der Regie von Michael Curtiz zu danken – nicht zuletzt aber natürlich auch maßgeblich der sympathischen Schauspielerin Glenda Farrell. Immerhin liefert sich diese Reporterin mit ihrem Chef diverse Wortgefechte in bester Screwball-Komödien-Manier, redet pausenlos, wie ihr der Schnabel gewachsen ist in einem unnachahmlichen Stakkato, ohne dass dabei aber jemals die Horrorgeschichte durch Flapsigkeit entschärft werden würde. Sie bleibt als spitzfindige, schlaue Spürnase immer überzeugend und die schnellen Ideen dieser Figur resultieren in einer Geschwätzigkeit, die schon früh im Film als gut fundierte Schlagfertigkeit ins Schwarze trifft. Einer der besten Momente dahingehend ist die Szene in der die Reporterin dem anvisierten Täter schon recht zeitig, als sie sich genau genommen noch gar nicht lange kennen, im Vorbeigehen als Verabschiedung anstelle von „See you later!“ den Satz „See you in jail!“ zuwirft – nicht „Wir sehen uns!“, sondern „Wir sehen uns im Knast!“ –, wovon aber niemand im Raum Notiz zu nehmen scheint. Bereits hier ist sie schon von ihrer Theorie überzeugt und provoziert deswegen, reißt mit ihrer Art und Weise schließlich viele mit – sogar die Polizei –, obwohl sie mit ihren Argumenten zunächst recht allein dasteht. In diesem Film wurde also perfektioniert, was in „Der geheimnisvolle Doktor X“ noch der einzige größere Schwachpunkt war – der zu übertrieben komische „Held“. Diese Florence Dempsey ist ungemein lustig, plappert sich um Kopf und Kragen, ist aber eben auch verdammt intelligent, sowohl sprachlich wie auch als kombinierende Ermittlerin, und obendrein ziemlich attraktiv, aber auch das nicht oberflächlich sondern mit einer gewissen differenzierenden Anmut versehen. Inmitten aller Wortgefechte hat Glenda Farrell auch die kleinen Geste und Blicke, die feinen mimischen Regungen im Gesicht nicht vergessen, an denen man immer auch noch einiges zwischen den Zeilen ablesen kann. Es macht einfach Spaß, ihr genau zuzuschauen.

Böses und Belangloses

Dass der Film funktioniert und Glenda Farrell am Ende mit ihrer starken Leistung nicht im Regen stehen bleibt, hat aber selbstredend auch damit zu tun, dass die sonstigen Darsteller weitestgehend ebenfalls überzeugen, auch wenn es ein bis zwei ziemlich langweilige „Liebling aller Schwiegermütter“-Figuren gibt, die von Allen Vincent und Gavin Gordon auch alles andere als überdurchschnittlich gut gespielt sind. Solche Figuren schadeten einigen klassischen Horrorfilmen der 30er – selbst der „Dracula“-Klassiker von 1931, mit Bela Lugosi in der Titelrolle, leidet scheußlich unter der Belanglosigkeit der Figur des John Harker und vor allem der Art und Weise wie David Manners die Rolle verkörpert, in einer Form, dass es schwerfällt, den Regisseur Tod Browning gänzlich aus der Verantwortung nehmen zu wollen. Salopp gesagt: Wie soll Horror funktionieren, wenn man sich insgeheim die ganze Zeit wünscht, dass Dracula sich den einen oder anderen Schnösel aus der Geschichte hoffentlich möglichst bald vorknöpft?

Entscheidend ist am Ende natürlich, dass der Horror in einem Film wie „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ durchweg glaubwürdig transportiert wird, denn ansonsten kann auch die Reporterin als Gegenpart nicht funktionieren. Glücklicherweise punktet der Film dahingehend auf ganzer Linie. Das fängt bei dem nicht übel in die Tat umgesetzten Gehörlosen Hugo (Matthew Betz) an, bei dem man nie so ganz genau weiß, ob er ein mitwissender Teil des Komplotts oder einfach nur ein Mensch ist, der aufgrund seiner Behinderung gruselig wirkt und gar nicht versteht, was um ihn herum passiert – ein schönes Spiel mit Vorurteilen und Erwartungshaltungen der Zuschauer, das an Lionel Atwills wenig später veröffentlichten Film „The Sphinx“ erinnert. Interessant: In einer Szene im Wachsfigurenkabinett ist der Kopf des Gehörlosen so geschickt im Bild – in der Tiefe des Raumes im Werkstattdurcheinander – platziert, dass man ihn zunächst für eine Wachsfigur hält und sich kurz fragen mag, ob es, aufgrund der Anordnung des Raumes in dieser Szene, bereits hier Ideen zu einer 3D-Verfilmung gab. 20 Jahre später wurde eine 3D-Version der Geschichte, durch das Remake „Das Kabinett des Professor Bondi“, dann Wirklichkeit.

Eine weitere nennenswerte Figur ist der von Arthur Edmund Carewe verkörperte Drogensüchtige. Der Part konnte in der Form nicht in das von André De Toth inszenierte Remake mit Vincent Price übernommen werden, da ein Junkie wie dieser nicht mit den Kriterien des Hays Codes kompatibel war. Carewe überzeugte auch schon in „Doctor X“ als schräger Wissenschaftler mit einer Art von Augenklappe; eine der diversen filmwissenschaftlich in die Kategorie „mad scientist“ fallenden Figuren in jenem Film. Schon allein das Aussehen dieser Figur war für die Macher der deutschen „Doctor X“-DVD immerhin prägnant genug, dass ein Bild von ihm allein in dieser Rolle als Hintergrundbild für das DVD-Menü ausgewählt wurde. Sein hingebungsvolles Spiel in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ lässt sich gut mit einer Passage zusammenfassen, in der der Junkie auf dem Polizeirevier in einem Verhör durch die Mangel genommen wird: Ein alter Polizist mit offensichtlich sehr vielen Dienstjahren würdigt die Tatsache, dass der drogensüchtige Gauner einfach nicht auspacken will, obwohl er gleichzeitig darum fleht, seine Sucht stillen zu dürfen, mit einer gewissen Form von Respekt in seinem Gesichtsausdruck und dem Kommentar, dass er noch nie einen Junkie so lange durchhalten gesehen habe! Carewe, der bereits zu Stummfilmzeiten ein gefragter Darsteller größerer Rollen war, schied 1937 tragisch im Alter von 52 Jahren durch Suizid aus dem Leben, nachdem er im Vorjahr einen Schlaganfall erlitten hatte, dessen Folgen ihm die weitere Ausübung seines Berufs nahezu unmöglich machten.

Und dann ist da eben noch Lionel Atwill. Ein Schauspieler, der es brillant verstand, Unberechenbarkeit zu verkörpern und Grausamkeiten in filmischen Bildern wirklich werden zu lassen. Der Horror in Filmen mit den beiden größten Berühmtheiten des Genres aus den 30er-Jahren, Boris Karloff und Bela Lugosi, funktioniert auf anderen Ebenen. Was den Aspekt betrifft, dass der Schauspieler den Eindruck erweckt, zu allem fähig zu sein, und das des Öfteren sogar aus recht alltäglichen Settings heraus und nicht kaschiert durch Maskeraden oder mysteriöse, sagenumwobene Handlungsorte, müssen sie sich Atwill allerdings hoffnungslos geschlagen geben. Kein Film mit Lionel Atwill ist noch abgründiger und bestialischer als „Murders in the Zoo“, aber „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ gehört nichtsdestotrotz zu seinen besten Errungenschaften. Wie genial sein Schauspiel mitsamt der stark auf Regungslosigkeit im Gesicht bedachten Miene hier wirklich ist, kann man im Grunde auch erst rückwirkend begreifen, wenn man den Ausgang der Geschichte kennt – vorher fällt dieses Detail eigentlich gar nicht besonders auf, wird allerdings sehr deutlich, wenn man darauf achtet.

Wenn Logik keine wichtige Rolle mehr spielt

Zeit für einige Spoiler und den Hinweis an alle, die diesen Film oder „Der geheimnisvolle Doktor X“ noch nicht gesehen haben, bitte erst ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterzulesen! Ich will an dieser Stelle auf das auffällige Phänomen hinweisen, wie bereitwillig man im Angesicht des Grauens sowohl in „Der geheimnisvolle Doktor X“ als auch „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ Logiklücken akzeptiert. Diese beiden Filme sind so gut darin, zu schocken und das Sicherheitsgefühl der Zuschauer durcheinander zu würfeln, dass eigentlich sehr offensichtliche Absurditäten beim unmittelbaren Anblick dessen, was sie allerdings zutage fördern, wie verschluckt erscheinen. Die Szene in „Doctor X“, wenn sich der wahnsinnige Wissenschaftler am Ende mit synthetischem Fleisch einschmiert, erklärt weder, wie das zunächst in Form einer Pampe erscheinende Fleisch plötzlich eine Konstanz erreicht, dass ein Gesicht mit Nase und Mund etc. in fester Form erhalten bleiben kann, noch erklärt sie, wo plötzlich die neue Frisur des entstandenen Monsters herkommt. Das Ergebnis sieht aber so abstoßend aus, dass man auch so gut wie gar keine Gelegenheit hat, sich unmittelbar großartig Gedanken darüber zu machen, zumal die Bestie auch direkt zur Tat schreitet und als erstes eine der bis dato ansonsten gruseligsten Figuren des Films ermordet. Klug gelöst. Logik ist nicht alles und Horror meistens dann am besten, wenn er Logik völlig bedeutungslos werden lässt. Man könnte auch ganz frech behaupten: Ansonsten, wenn alles noch logisch erklärbar bleibt, wären es schließlich Thriller und keine Horrorfilme.

Trotzdem gibt es natürlich viele Horrorfilme, die gerade zum Ende hin die Gunst von Zuschauern verlieren, weil ihre Twists nicht zu überzeugen wissen und sie gleichzeitig auch nicht schockierend genug sind. Auch „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ zeigt, wie man es besser macht: Natürlich ist es irgendwie albern, wenn auch melancholisch und in gewisser Weise poetisch, dass das Gesicht von Ivan Igor sich am Ende als Maske aus Wachs herausstellt und dass sich darunter die grausam durch den Brand in London entstellte Visage verbirgt, die man bereits zuvor auf Raubzug im Leichenschauhaus gesehen hat, denn angesichts dessen, dass Ivan Igor ja auch ganz normal unter der Maske gesprochen und seinen Mund bewegt hat, erscheint Wachs als eine Art Vorläufer der Latex-Masken aus „Mission: Impossible“ hier doch wenig glaubhaft. In dem Moment, als die Maske zerschlagen wird, man darunter das grausige Gesicht sieht und Ivan Igor aus Scham seinen Kopf senkt, während seine designierte Marie-Antoinette, angesichts dessen was sie da direkt vor sich betrachten muss, vor Entsetzen aufschreit und ihn danach – wohlgemerkt auch aufgrund seines Aussehens – beschimpft, wird der Faktor Unglaubwürdigkeit inmitten dieser intensiven Szene aber sofort nebensächlich. Das Gesehene und Gehörte ist einfach zu grausam, traurig und schockierend. Man fühlt sich vielmehr kurz an „Die Schöne und das Biest“ erinnert – in Form eines Gegenentwurfs, wenn man so will –, steht zudem aber auch noch unter dem Eindruck des manischen Wahnsinns mit dem der Wachsfiguren-Schöpfer zuvor sein dem Tod geweihtes Modell angegangen ist, als er sich plötzlich aus seinem Rollstuhl erhob, sie an sich zu reißen versuchte und sie, mit völliger Besessenheit in den Augen, als seine Marie-Antoinette bezeichnete. Die Schockmomente sind hier durch Schauspiel und Regie einfach so gut dosiert, dass man die Logiklücken bereitwillig als Teil der Erzählung hinnimmt. Ganz ähnlich verhält es sich, wenn man es in einem Fantasy-Film ohne Umschweife akzeptiert, dass phantastische Wesen auftauchen oder Besen plötzlich fliegen können – Horrorfilme sind genau dann großartig, wenn ihre Art, sich vom Realistischen und Alltäglichen abzuwenden, beim Zuschauer eine vergleichbare Form der Akzeptanz erreicht!

Verschollen, wiederentdeckt, versemmelt

Nicht zuletzt bleiben die schaurigen Aufnahmen der gleich in der ersten Szene des Films im Feuer schmelzenden Wachsfiguren im Gedächtnis. Für die Crew, die an dem Film arbeitete, übrigens ein zweischneidiges Schwert, da es beim Dreh tatsächlich Probleme mit der Wärme gab, die durch die beim Filmen im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor verwendeten Lichtquellen entstand. Es heißt, dass man eigentlich wirklich schwerpunktartig mit Wachsfiguren arbeiten wollte, dieser Plan aber des Drehs in Technicolor wegen verworfen werden musste. Man griff stattdessen zu der kuriosen Option, Schauspieler ihre eigenen Wachsabbilder verkörpern zu lassen. Fay Wray spielte daher auch die Marie-Antoinette-Figur zu Beginn des Films selbst, für deren perfektes Abbild die von ihr verkörperte Charlotte Duncan dann später im Film gehalten wird. Angeblich soll sogar das Augenlicht einiger Schauspieler bei Technicolor-Drehs unter den damaligen Bedingungen durch die grellen Lichter in Mitleidenschaft gezogen worden sein.

Als Ironie des Schicksals stellte sich heraus, dass der Film in seiner Farbfassung – die den Dreh erst so kompliziert gemacht hatte – bereits ab Mitte der 40er-Jahre für mehrere Jahrzehnte als verschollen galt. Im Privatarchiv von Jack L. Warner wurde schließlich eine Farbkopie wiedergefunden. Wie es sein konnte, dass die Farbversion schon nach weniger als 15 Jahren plötzlich verschwunden war und dann ausgerechnet bei einem der Köpfe des Studios wiederentdeckt wurde, der offenbar jahrzehntelang selbst nicht davon wusste, dass er die einzige noch greifbare Farbkopie besaß, sagt viel darüber aus, wie wenig Acht seinerzeit auf die Filme und sachgemäße Archivierung gegeben wurde. Ein dazu passendes Beispiel: 1937 wurden diverse Filme von 20th Century Fox – die genaue Zahl ist nicht determinierbar – auf dem eigenen Gelände dieses Studios unwiederbringlich bei einem spektakulären Brand zerstört, der obendrein überhaupt erst durch unsachgemäße Lagerung von Filmmaterial ausgelöst wurde. Das Wort Sicherheitskopien wurde damals zudem nicht besonders großgeschrieben. Wenn sich nicht zufällig noch andere Kopien, Negative oder dergleichen auftreiben ließen, verschwanden Filme durch derlei Fahrlässigkeit somit unter Umständen für immer von der Bildfläche. Bis heute hofft man darauf, dass der eine oder andere Film irgendwann noch einmal auf irgendeinem Dachboden in einer alten, nicht mehr gepflegten Sammlung oder zwischen Gerümpel wiederentdeckt wird. Inwiefern solches Material dann überhaupt noch verwertbar ist, ist allerdings die nächste Frage.

Damit, dass der Film nur durch einen glücklichen Zufall wieder aufgetaucht war, noch nicht genug, wurde bei der Restaurierung von Jack L. Warners privater Filmkopie dann offenbar erneut geschlampt – dass die Farben der heute noch bekannten Kopie von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ merklich schwächer als in der restaurierten Version von „Der geheimnisvolle Doktor X“ erhalten sind, soll diesem Umstand geschuldet sein. Dennoch wurde die Wiederentdeckung damals groß gefeiert und mit einer Wiederaufführungspremiere in Anwesenheit von Fay Wray geehrt. Man kann immerhin versuchen, die Umstände so positiv wie möglich zu sehen: Niemand weiß, ob es zu dem großartigen 3D-Remake mit Vincent Price aus dem Jahr 1953 schon so frühzeitig überhaupt gekommen wäre, wäre die Farbvorlage von 1933 zum damaligen Zeitpunkt nicht verschollen gewesen. Nicht einmal „Dracula“ oder „Frankenstein“ wurden von Hollywood bereits in den 50er-Jahren rundum erneuert, sondern wanderten stattdessen ins Hause Hammer nach Großbritannien ab. Die nächsten Remakes und unmittelbaren Adaptionen von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ folgten erst über 40 Jahre nach der Neuauflage mit Vincent Price.

Es fehlt der Ritterschlag

Der Film wurde in Deutschland bisher nur als Teil des Bonus-Materials auf der DVD- und der späteren Blu-ray-Veröffentlichung des Remakes „Das Kabinett des Professor Bondi“ fürs Heimkino herausgebracht. Dieses Vorgehen basiert auf den Veröffentlichungen in den USA, wo der Film ebenfalls entsprechend als Bonus zum Remake ausgekoppelt wurde. In den USA gibt es auch eine ominöse Einzel-DVD, für die man das Bild offenbar aufpolierte, indem man das im Zwei-Farben-Verfahren typischerweise fehlende Blau in der Farbpalette ergänzte. Interessant, aber auch fragwürdig. Besitzer dieser mittlerweile recht schwierig greifbaren DVD machten das Thema zum Diskussionsgegenstand.

Es wäre wünschenswert, dass es dieser Film irgendwann auch in Deutschland auf eine eigenständige DVD schaffen wird. Für eine Blu-ray wird es sinnstiftend nicht reichen, da der Film auch auf der Blu-ray von „Das Kabinett des Professor Bondi“ schon nur als SD-Transfer enthalten ist, während man das Remake auf der Blu-ray sogar optional in der 3D-Fassung bewundern kann. Was im Falle einer eigenständigen DVD-Veröffentlichung von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ nicht fehlen darf, ist die deutsche Synchronfassung, die man bisher ausklammerte, da sie im Bonusmaterial wohl nicht für nötig erachtet wurde. Die heute etwa 30 Jahre alte Synchronfassung von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ ist durchaus annehmbar, auch wenn mich die ebenfalls für das deutsche TV erstellte Synchronisation der Farbfassung von „Das geheimnisvolle Doktor X“ noch mehr überzeugte. Unter anderem, weil es Horst Naumann – vielen vor allem als langjähriger Schiffsarzt Dr. Schröder auf dem „Traumschiff“ des ZDF bekannt – erstaunlich gut gelang, sich dem Sprechrhythmus und Duktus von Lionel Atwill anzunähern. Joachim Kerzel – der spätere Stammsprecher von Schauspielern wie Jean Reno, Jack Nicholson und Dustin Hoffman –, klingt in „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ hingegen etwas zu jung für Atwill und auch ansonsten weniger originalgetreu, machte seine Sache, wie auch der Rest des Ensembles, aber trotzdem engagiert.

Während es zu „Der geheimnisvolle Doktor X“ für die Farbfassung und die Schwarz-Weiß-Fassung zwei unterschiedliche deutsche Synchronfassungen zu geben scheint – auch wenn sich das merkwürdige Gerücht hält, dass die Fassungen eventuell zeitgleich entstanden sind, da sie viele Parallelen hinsichtlich der besetzten Synchronsprecher aufweisen sollen –, gibt es für „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ offenbar nur die zur Farbfassung gehörige Synchronfassung und keine eigenständige für die schwarz-weiße Version. Unter welchen Umständen die Schwarz-Weiß-Fassung von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ entstand, wäre aber sowieso noch genauer als bisher aufzuklären, zumal hier im Gegensatz zu „Doctor X“, nach meinem Kenntnisstand, kein separater Kameramann überliefert ist. In jedem Falle scheint die Schwarz-Weiß-Fassung dieses Films merklich weniger bekannt zu sein als die von „Doctor X“. So oder so wäre eine Special Edition beider Filme, mit beiden Farb- und, falls verfügbar, beiden Schwarz-Weiß-Fassungen sowie mit sämtlichen deutschen Synchronfassungen, die es zu den Fassungen dieser Filme gibt, in jedem Fall eine schöne Herausforderung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Michael Curtiz sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Lionel Atwill in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. Oktober 2013 als Blu-ray, 3. Juni 2005 als DVD (Veröffentlichungstermine des Remakes mit dem Originalfilm im Bonusmaterial)

Länge: 77 Min. (Blu-ray), 75 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Mystery of the Wax Museum
USA 1933
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Don Mullaly & Carl Erickson, nach einer Kurzgeschichte von Charles S. Belden
Besetzung: Lionel Atwill, Glenda Farrell, Fay Wray, Frank McHugh, Arthur Edmund Carewe, Edwin Maxwell, Allen Vincent, Gavin Gordon, Holmes Herbert, Thomas E. Jackson
Zusatzmaterial: ausführliche Dokumentation und Audiokommentar zum Remake „Das Kabinett des Professor Bondi“ auf der Blu-ray
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2018 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

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Der geheimnisvolle Doktor X – Wenn Bestien sich mit Fleisch einschmieren

Doctor X

Von Ansgar Skulme

Horror // In New York City treibt ein brutaler Mörder sein Unwesen. Über Monate hat sich herausgestellt, dass der Täter offenbar nur bei Vollmond zuschlägt. Die enormen Würgemale an den Hälsen der Opfer, die auf riesige Hände schließen lassen, und Hinweise auf Kannibalismus werfen jedoch die Frage auf, was für ein Mensch dazu überhaupt fähig ist. Angeblich wurde eine im Gesicht grausig entstellte Gestalt beobachtet, die sich allerdings auf zwei Beinen und auch ansonsten wie ein Mensch bewegte. Die Polizei vermutet den Täter im Umfeld eines von Doktor Xavier (Lionel Atwill) geleiteten Instituts. Dort finden sich mehrere Wissenschaftler, die durch eigenartiges Auftreten, verdächtige Vita oder auch sonderbare Marotten, Ansichten und Überzeugungen auffallen. Xavier glaubt, den Täter selbst entlarven zu können, erbittet sich für seine Tests aber 48 Stunden Handlungsfreiheit von der Polizei. Die Beamten willigen ein, doch der Reporter Lee Taylor (Lee Tracy) beschattet die Vorgänge heimlich weiterhin.

Das Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor gelangte 1917 erstmals auf die Leinwände und wurde dann über verschiedene Prozesse hinweg bis in die 30er-Jahre hinein weiterentwickelt, ehe sich ab 1932 langsam das erste Drei-Farben-Verfahren etablierte. „Becky Sharp“ (1935) wurde schließlich der erste komplett in diesem Verfahren gedrehte abendfüllende Spielfilm – die Drei-Farben-Prozesse dominierten Hollywood fortan für Jahrzehnte. Zwei der letzten großen, berühmt gebliebenen Filme, die im Zwei-Farben-Verfahren entstanden waren: „Der geheimnisvolle Doktor X“ (1932) und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ (1933) – zwei unter Federführung der Warner Brothers produzierte Horrorfilme mit Lionel Atwill in der Hauptrolle, unter der Regie von Michael Curtiz. Wenn man so will, sieht man das Zwei-Farben-Verfahren in diesen Filmen auf seinem Höhepunkt angekommen. Auf guten Kopien fallen die farblichen Nachteile gegenüber dem frühen Drei-Farben-Verfahren im Grunde nur wenig auf. Mit diesem Farbprozess erfahrene Regisseure wussten die Stärken des Zwei-Farben-Verfahrens zudem geschickt zu nutzen. So wird in „Der geheimnisvolle Doktor X“ beispielsweise clever mit schaurig-düsteren Farbkontrasten, aber auch grellen Farbeffekten gearbeitet, die die wissenschaftlichen Gerätschaften und Experimente der Figuren geradezu lebendig werden lassen – begünstigt auch durch eindrucksvolle Kulissen, die dem deutschen expressionistischen Stummfilm verbunden sind, und durch für die damalige Zeit unglaublich gute Soundeffekte, die die gezeigten Maschinen erst recht realistisch machen. Was hier aus dem lediglich zur Verfügung stehenden Mono-Ton etwa fünf Jahre nach Erscheinen des ersten abendfüllenden Tonfilms der Filmgeschichte an Nuancen herausgekitzelt wurde, ist nicht nur bemerkenswert, sondern sucht geradezu seinesgleichen.

Sehr gute Schauspieler

Eine weitere große Stärke dieses Films sind die ziemlich abgedrehten Figuren, die im wirklich beängstigenden Finale, wenn der Täter in voller Maskerade entlarvt wird, dann sogar überboten werden. Eine ganze Reihe von „verrückten Professoren“, denen man die Taten durch die Bank zutraut. Das Broadway-Stück, auf dem dieser Film basiert, dürfte allein schon angesichts der Figuren ein echtes Erlebnis gewesen sein. Besonders Preston Foster überrascht, wenn man ihn aus seinen Gentleman-Rollen kennt, mit stilbildenden irren Blicken und dabei gefletschten Zähnen – als sei eine finstere Cartoon-Figur mit den Grimassen eines Freaks in Fleisch und Blut zum Leben erwacht. Man merkt in beinahe jeder Sekunde, dass der Film vor Einführung des Hays Codes produziert wurde, der die Freiheiten des US-Kinos bei Darstellung von Gewalt, Erotik und anderen Tabuthemen wenig später arg begrenzte.

Da der Hays Code durch Zufall exakt an der Schnittstelle aufkam, als gerade die letzten großen Filme im Zwei-Farben-Verfahren von Technicolor erschienen waren und bevor der erste abendfüllende Film im Drei-Farben-Verfahren realisiert wurde, wirken speziell die späten Filme im Zwei-Farben-Verfahren ganz besonders spektakulär, da sie auch inhaltlich Maßstäbe setzten, die danach über Jahrzehnte nicht mehr erreicht werden durften und dafür bereits sowohl Ton als auch Farbe zur Verfügung hatten. Dieser Vorzug trifft letztlich nur auf sehr wenige US-Filme zu, die vor der endgültigen Abschaffung des Hays Codes im Jahr 1968 entstanden sind. „Der geheimnisvolle Doktor X“ und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ gelten als die letzten beiden dramatischen Spielfilme im Zwei-Farben-Verfahren – und somit handelt es sich hierbei streng genommen auch um die letzten abendfüllenden Farbfilme vor 1968, die gänzlich ohne inhaltliche Reglementierung durch den Hays Code zu Werke gehen konnten; der wurde zwar schon vor 1934 formell in die Wege geleitet, jedoch erst dann zur Pflicht – gegen Ende seines Bestehens aber natürlich zunehmend weniger streng ausgelegt. Aufgrund der Tatsache, dass der erste in exakt demselben Farbprozess entstandene Film zudem auch erst 1931 in die Kinos gekommen war – „The Runaround“, allerdings eine romantische Komödie, produziert von RKO Radio Pictures –, spielen „Der geheimnisvolle Doktor X“ und „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ gewissermaßen in einer völlig eigenen filmstilistischen Liga des dramatischen Spielfilms.

Irrungen und Wirrungen

Um das kluge Konzept dieses Films noch eine Etage weiter zu erklären, sind an dieser Stelle auch ein paar Spoiler notwendig. Alle, die den Film noch nicht gesehen haben, sollten daher erst ab der nächsten Zwischenüberschrift weiterlesen. Achtung – jetzt! Besonders clever ist der Schachzug, dass der Titel des Films zwar auf Dr. X als Täter schließen lässt, dieser sich letztlich aber wirklich nur als der Polizei behilflicher Wissenschaftler entpuppt. Dies scheint oberflächlich betrachtet kaum zu rechtfertigen, dass der Film einzig seinen Namen im Titel trägt. Zumal er wiederum auch nicht als klassische Spürnase/Ermittlerfigur dargestellt wird, nach denen seinerzeit auch des Öfteren Spannungsfilme benannt wurden. Verstärkt wird diese Irreführung umso mehr, wenn man Atwill bereits aus seinen vielen anderen in den 30ern und 40ern entstandenen Horrorfilmen und Mysterythrillern kennt, in denen er häufig bösartige Schurken oder undurchsichtige Gestalten verkörperte.

Atwill spielte die Rolle des Dr. X im vorliegenden Film bereits in ähnlicher Art und Weise zwielichtig wie seine späteren Horror- und Mystery-Parts, es war allerdings erst sein zweiter abendfüllender Tonfilm als Hauptdarsteller, und auch im vorausgegangenen „The Silent Witness“ war sein späteres Image noch nicht herausgebildet worden. Dennoch glaube ich, dass die Irreführung – des Titels und Atwills Darstellung wegen – auch in den 30ern schon gut funktioniert haben dürfte. Genial ist zudem, wie die Wandlung von Preston Foster, der hier ohnehin von Anfang an ungewöhnlich schräg und durchgeknallt spielt, vor allem am Ende durch die Maskierung sogar noch wesentlich weiter getrieben wird, in der er ähnlich aussieht wie der berühmte Horrordarsteller Rondo Hatton, der an Akromegalie litt. Ausgerechnet Foster – der jüngste unter den Wissenschaftlern in diesem Film und Typ „Liebling aller Schwiegermütter“! Vermutlich haben einige junge Kinobesucherinnen nach Sichtung dieses Films verängstigt ihre Star-Fotos und Poster mit Fosters Konterfei unter dem Kopfkissen hervorgeholt und weggeworfen. Das Finale, in dem er immer wieder die Worte „Synthetisches Fleisch“ vor sich hin raunt und damit seine Erfindung anpreist, mit der er Menschen gewissermaßen neu formen kann, während er sich gleichzeitig damit einschmiert und langsam in ein Monster verwandelt, zählt zu den düstersten Errungenschaften des Horrorfilms im klassischen Hollywood.

Zwei Filme – eine Einheit

Auffällig sind ferner die vielen inhaltlichen Parallelen zum nachfolgenden Atwill/Curtiz/Zwei-Farben-Technicolor-Horrorstreifen „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ – einer Produktion, die als zweiter Teil des Filmabends geradezu alternativlos zu sein scheint. Angefangen bei dem Motiv, Menschen neu erschaffen zu wollen, das hier mit künstlich erzeugtem Fleisch und dort mit Wachsfiguren bedient wird – wobei auch schon in „Doctor X“ Wachsfiguren auftauchen, mit denen die bisherigen Opfer nachgebildet sind, um die potenziellen Täter beim Experiment damit zu konfrontieren –, gelangt man zu den in beiden Filmen wirklich gruselig entstellten Täterfiguren, der eifrig ermittelnden Journalistenfigur als Identifikationsperson und auch zu handwerklich-stilistischen Parallelen, wie etwa, dass sich die im Freien spielenden Settings zu Beginn beider Filme deutlich ähneln.

In einem Punkt allerdings setzt sich „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ leider auf ganzer Linie gegen seinen Vorgänger durch: Während Glenda Farrell die Reporterin im Wachsfiguren-Horror energisch, mitreißend, geschwätzig, humorvoll, aber auch schlau und glaubwürdig verletzlich spielt, gelingt es Lee Tracy in „Der geheimnisvolle Doktor X“ bedauerlicherweise nicht, dass man ihm die Rolle des Helden, der den Fall am Ende sicher in den Hafen schaukelt, abkauft, obwohl er nach dem Ausscheiden der Polizisten als letzte wirklich positive Identifikations- und potenzielle Heldenfigur in der Handlung verbleibt. Tracy spielt die Rolle zwar lustig und lockert damit immer wieder die abgründige Handlung und die ansonsten fast durchweg ziemlich irren Figuren auf, man hat jedoch die ganze Zeit das Gefühl, dass er in der Realität keine fünf Minuten in seiner heimlichen Beobachterposition überleben würde. Man stelle sich vor, die Welt sei von einem brutalen Verrückten bedroht, dessen Kollegen ebenfalls zumindest nicht vor dem einen oder anderen fragwürdigen Experiment zurückschrecken – und die Rettung der Menschheit liege einzig in den Händen eines Kaspers, der von Anfang an mehr Glück als Verstand hat. God save the Queen! Das Ganze mutet ähnlich an, als hätte man beispielsweise Eddi Arent nicht als spaßigen Gehilfen der Inspektoren in den deutschen Edgar-Wallace-Filmen der 60er besetzt, sondern ihm einfach gleich selbst die Rolle des Ermittlers, der die Täter zur Strecke bringt, und die Konfrontation mit Figuren wie dem Buckligen von Soho, dem Frosch mit der Maske oder dem feuerroten Mönch mit der Peitsche überlassen. Für einen sogenannten Pre-Code-Film, der noch ohne die Zwänge des Hays Codes entstand, ist das enttäuschend.

Großartige Kopie als Grundlage der DVD

Obwohl Technicolor dieses Vorgehen eigentlich untersagte, wurde von dem Film parallel auch eine schwarz-weiße Version gedreht. Während für die Farbversion Ray Rennahan als Kamermann zuständig war, der später für „Vom Winde verweht“ (1939) und „König der Toreros“ (1941) zwei Oscars gewann, wurde die Schwarz-Weiß-Version von Richard Towers gefilmt. Die übliche Vorgehensweise hierbei war, dass beide Kameras parallel liefen und die Farbkamera den Vorzug hinsichtlich der besten Positionen zum Geschehen bekam. Die Szenen wurden im Normalfall also nicht allein deswegen mehrmals gedreht, um beide Versionen zu ermöglichen, sondern beide Versionen gleichzeitig eingefangen. Ein deutlicher Unterschied zu der damals ebenfalls üblichen Praxis, ausgewählte Filme in verschiedenen Sprachfassungen zu drehen, wo es dann wirklich von Nöten war, die meisten Szenen mehrmals zu drehen – nicht nur allein der Sprachen wegen, sondern auch weil die Darsteller der meisten Rollen von Version zu Version wechselten und man in der Regel maximal die Stars beibehielt, wenn die Sprachbarriere nicht unüberwindlich war, oder Nebendarsteller, die mehrere der Sprachen beherrschten.

Der Grund für das Erstellen der Schwarz-Weiß-Version kann in verschiedenen Aspekten gesucht werden. Zum einen wäre es sehr teuer gewesen, für jede Kleinstadt Farbkopien zu produzieren, selbst wenn man diese dort bereits überall hätte vorführen können, und außerdem hätte es sich zweifellos als problematisch herausgestellt, eine solche Vielzahl an Kopien pünktlich in ordnungsgemäßer Qualität bereitzustellen. Zum anderen wollte man den Abnehmern auch die Option lassen, sich selbst für eine preisgünstigere Alternative zu entscheiden. Ferner dürften die Schwarz-Weiß-Fassungen auch als eine Art von Sicherheitskopien fungiert haben, da der Farbfilm damals eine recht neue Errungenschaft war und man jederzeit mit Problemen beim Kopieren oder der Haltbarkeit rechnen musste. Technicolor hingegen wollte seine Vormachtstellung auf dem Markt natürlich so eindeutig wie möglich gestalten und arbeitete daher mit Auflagen für die Studios, die die Technicolor-Farbfilmprozesse nutzten. Dass die Warner Brothers von dem Film einfach trotzdem eine Schwarz-Weiß-Version erstellten, geriet zum unmittelbaren Grund dafür, dass sich Technicolor aus der Zusammenarbeit zurückzog, weshalb „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ schließlich zum letzten dramatischen Spielfilm überhaupt im Zwei-Farben-Verfahren wurde. Bei Warner dachte man sich dann aber offensichtlich „Wenn schon, denn schon!“ und drehte, ganz dreist, auch von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“ eine Schwarz-Weiß-Fassung.

Die auf der deutschen DVD von „Der geheimnisvolle Doktor X“ befindliche Kopie ist das Ergebnis einer fantastischen Restaurierung durch die UCLA Archives und sieht besser aus als die Kopie von „Das Geheimnis des Wachsfigurenkabinetts“, die man unter anderem auf der deutschen DVD des zugehörigen Remakes „Das Kabinett des Professor Bondi“ findet, welche den Originalfilm von 1933 in der englischen Sprachfassung als Bonus enthält. Etwas schade ist, dass die Schwarz-Weiß-Fassung von „Doctor X“, für die es sogar eine komplett eigenständige deutsche Synchronfassung gibt, nicht auf der DVD enthalten ist. Vielleicht wird diese ja zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen oder irgendwann Teil einer größeren Special Edition sein. Da die DVD auch ansonsten jegliches Bonusmaterial vermissen lässt, besteht auf alle Fälle viel Spielraum. Der Film, noch dazu in dieser Bild- und vor allem Farbqualität, ist den Kauf aber so oder so ohne jede Frage wert – auch ohne Blu-ray. Abschließend für alle, die sich fragen, was Humphrey Bogart auf dem auf der DVD befindlichen Aufdruck zu suchen hat: Das Artwork gehört zum Film „Das zweite Leben des Doktor X“ (1939, alternativer deutscher Titel: „Die Rückkehr des Dr. X“), einem lose auf „Der geheimnisvolle Doktor X“ basierenden Horrorfilm, in dem der in diesem Genre schon aus damaliger Sicht ungewöhnlich besetzte Bogart die Hauptrolle spielte. Es handelt sich allerdings nicht um eine Fortsetzung im eigentlichen Sinne.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Lionel Atwill sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 1. Dezember 2017 als DVD

Länge: 73 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch & Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Doctor X
USA 1932
Regie: Michael Curtiz
Drehbuch: Robert Tasker & Earl Baldwin, nach einem Theaterstück von Howard Warren Comstock & Allen C. Miller
Besetzung: Lionel Atwill, Fay Wray, Lee Tracy, Preston Foster, John Wray, Harry Beresford, Arthur Edmund Carewe, Leila Bennett, Robert Warwick, George Rosener
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2018 by Ansgar Skulme

 

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Insel der zornigen Götter – Ein düsteres Paradies

Bird of Paradise

Von Ansgar Skulme

Abenteuer // André Laurence (Louis Jourdan) hat am College den Studenten Tenga (Jeff Chandler) kennengelernt, der von einer Insel in der Südsee stammt. Der junge Laurence will die Heimat seines Freundes entdecken und begibt sich gemeinsam mit Tenga auf die lange Seereise zu dem beschaulichen Eiland, wo ihn herrliche Natur, traumhafte Musik und wunderschöne Frauen, aber auch diverse sonderbare Bräuche, allerlei Aberglaube und ein finsterer Hohepriester (Maurice Schwartz) erwarten. Der redet wenig, führt aber viel Grausames im Schilde. André verliebt sich in Kalua (Debra Paget), Tochter des Häuptlings und Schwester von Tenga, überquert mühsam alle Hürden und notwendigen Bräuche, um sie bekommen zu können – und dennoch droht der jungen Liebe ein tragisches Schicksal.

„Insel der zornigen Götter“ ist das Remake eines Films mit identischem Originaltitel, der unter der Regie von King Vidor entstand und 1932 veröffentlicht wurde – in Deutschland wurde dieser Film später unter dem Titel „Luana“ präsentiert. Bekanntheit erlangte die in Schwarz-Weiß realisierte Produktion von RKO Pictures unter anderem durch den Ruf, der erste Tonfilm mit komplett sinfonisch komponierter Musik gewesen zu sein. Zudem wurden einige Aufnahmen aus diesem Film im Horrorklassiker „Graf Zaroff – Genie des Bösen“ (1932) zweitverwertet. Das Remake hat den Vorzug, in Technicolor produziert worden zu sein, was der Geschichte und den Schauplätzen sehr gelegen kommt. Der Drehort Hawaii wird einmal mehr recht ansehnlich als Südsee-Paradies verkauft.

Die Rückkehr des gebrochenen Pfeils

Gleichzeitig wirkt „Insel der zornigen Götter“ wie eine Adaption von Delmer Daves‘ berühmtem Western „Der gebrochene Pfeil“ (1950), den er unmittelbar zuvor gedreht hatte. Dieser Film konnte drei Oscar-Nominierungen erringen – eine davon für Jeff Chandler als besten Nebendarsteller, in der Rolle des Apachen-Häuptlings Cochise. Die Produktionen folgten so dicht aufeinander, dass „Insel der zornigen Götter“ sogar schon im Kino startete, bevor die Oscars für 1950 überhaupt vergeben waren. Daves holte Jeff Chandler für sein Südsee-Abenteuer erneut ins Boot und besetzte ihn nochmals als gelehrten, mit der westlichen Welt vertrauten Ureinwohner – nun also in der Rolle eines Südsee-Insulaners. Zudem wurde auch Debra Paget erneut engagiert, sie spielte ebenfalls eine sehr ähnliche Rolle wie in dem vorausgegangenen Western – als gutmütige, liebe und recht naive Ureinwohner-Frau. Daves hatte in Paget und Chandler offenbar seine Musen gefunden, wenn es um die Darstellung der Gegensätze innerhalb eines Stammes – zwischen hohem Bildungsstand und fataler Leichtgläubigkeit – ging. Lediglich James Stewart kehrte, als einziger unter den drei Hauptdarstellern aus „Der gebrochene Pfeil“, nicht zurück. Der Besucher bei den Eingeborenen wurde stattdessen diesmal von Louis Jourdan gespielt, nachdem zuvor auch Sterling Hayden für die Rolle gehandelt worden war. Für den in Frankreich geborenen Jourdan war es der erste Farbfilm seit seiner Übersiedelung nach Hollywood und insofern ein Meilenstein seiner Karriere.

Ein Südsee-Film mit allem, was dazu gehört

Südsee-Filme aus dem klassischen Hollywood-Kino haben erzählerisch gewisse Eigenheiten, da sie häufig fast komplett auf abgeschotteten Inseln spielen und die Schauplätze und narrativen Möglichkeiten dadurch eingeschränkt werden. Zudem werden die Ureinwohner der Südsee – im Vergleich zu (sogenannten) Indianern in Nordamerika, Völkern aus Afrika, aufbrausenden Kulturen im indischen Raum oder der „gelben Gefahr“ im Fernen Osten – im US-Abenteuerfilm zwar meist relativ wohlwollend und überwiegend friedfertig dargestellt, allerdings in einer Art und Weise, die sie gleichzeitig ausgesprochen naiv erscheinen lässt. „Insel der zornigen Götter“ reiht typische Versatzstücke eines Südsee-Films geradezu wie an einer Perlenkette auf und eignet sich daher gut um die Funktionsweisen dieser Filme zu definieren. Der Film ist im Grunde voll von Klischees – Klischees allerdings, die dieses Subgenre des Abenteuerfilms durchweg prägen und letztlich auch seinen Reiz ausmachen.

Zunächst einmal sind in diesen Filmen meist so gut wie alle Eingeborenen in ihren abergläubischen Weltanschauungen gefangen. Selbst der am College ausgebildete Tenga folgt den Bräuchen seines Stammes ohne Wenn und Aber – mögen sie noch so barbarisch sein. Hinzu kommt eine Hülle und Fülle an betörender Musik, anmutigen Tänzen und Festen mit Speis und Trank. Auf den ersten Blick ein Schlaraffenland, obendrein mit vielen schönen Frauen in farbenfrohen Kleidern, die im Südsee-Film traditionell aber auch sehr viel Haut zeigen, vor Hingabe, Liebe, Demut nur so strotzen, gern Blumen im Haar tragen und den Männern völlig untergeben sind. Da ist also die eine traumhafte, paradiesische, wenn auch von einem äußerst fragwürdigen Frauenbild konterkarierte Seite des Südsee-Abenteuers und die andere alptraumhafte und fatalistische: Rituale und Bräuche legen den Menschen Lasten auf oder bedingen den Tod, Naturkatastrophen wie Taifune, Monsune, Hurrikane oder Vulkanausbrüche suchen die Inseln heim; und mögen die sonstigen Inselbewohner auch noch so naiv und selbst die jungen Männer überwiegend sehr friedliebend sein, so gibt es doch meist einen finsteren und berechnenden Schamanen, Medizinmann, Hohepriester – wie auch immer man es bezeichnen will –, der die Bewohner der Insel mit den Bräuchen und Ritualen unter Druck setzt und sich das von Naturkatastrophen verursachte Leid zunutze zu machen versucht, indem er diese „Strafen der Götter“ benutzt, um seinen Einfluss noch weiter zu stärken, damit alle seinen Geboten bedingungslos Folge leisten.

Was den Unterschied macht

All diese Versatzstücke vereint auch „Insel der zornigen Götter“. Der Film ist hinsichtlich seiner Bildsprache sicherlich eher den düsteren Exemplaren des Südsee-Films im klassischen Hollywood zuzuordnen, hebt sich jedoch vor allem durch die melodisch komplexe und berührende Musik des russischen Komponisten Daniele Amfitheatrof ab, die an rhythmische wie auch harmonische Motive angelehnt ist, welche für den gezeigten Kulturkreis typisch sind. Amfitheatrofs Musik befördert das Eintauchen in die Lebenswelt der Ureinwohner in wundervoller Weise. Der Zuschauer geht die Reise von André Laurence in die fremde Welt gewissermaßen mit und versinkt nicht zuletzt auch akustisch in der zunächst traumhaft anmutenden Kultur mit all ihren sich in der Geschichte zeigenden Widersprüchlichkeiten. Louis Jourdan spielt die Hauptrolle mit einer am Ende regelrecht tragischen Warmherzigkeit und Offenheit. Sein André Laurence versucht die fremde Kultur voller Interesse zu verstehen, agiert mit dem Vorsatz, sich anzupassen und zu integrieren, entdeckt seine Liebe zu der Insel und einer Frau, versteht aber trotzdem zu wenig und zu langsam, so dass er am Ende alles zu verlieren droht. Kein Held, der das Kind schon schaukeln wird, sondern ein normaler Mensch von nebenan, der von einem Konflikt eingeholt wird, den er nicht rechtzeitig kommen sieht – eine für den damaligen Hollywood-Abenteuerfilm recht ungewöhnliche Rolle. Ein dritter Punkt, neben der Musik und der verhältnismäßig düsteren Bildsprache, der den Film in die Reihe der besten Exemplare des Südsee-Films der klassischen Hollywood-Ära erhebt.

Kann nicht ewig unterschlagen werden

In Deutschland hat es der Film bisher dennoch nicht auf DVD geschafft und auch in den USA ist er weit im Schatten von „Der gebrochene Pfeil“ versunken, konnte weder Oscar-Nominierungen noch sonstige Preise ergattern. Immerhin gibt es in den Staaten seit 2013 nun doch eine DVD. Der Kritik waren die klischeebeladenen Mechanismen des Südsee-Films teils einfach zu plakativ, um den Film positiv zu besprechen. Dies hat auch seine Berechtigung, da der Blick auf die Eingeborenen im Südsee-Film gerade durch das ständige Betonen ihrer Gutgläubigkeit und Naivität doch recht abwertend ist. Man hat im Südsee-Film mehr als in so gut wie jedem anderen Abenteuerfilm-Subgenre des klassischen Hollywood-Kinos ständig das Gefühl, dass die gezeigten Kulturen demonstrativ als überholt und in der sogenannten modernen Welt nicht überlebensfähig dargestellt werden. Es fehlt gerade im Südsee-Film ganz besonders an kritischen Figuren aus der Mitte dieser Völker, es fehlt an Charakteren, deren Welt darüber hinaus reichen würde, einfach zu machen, was ihnen gesagt wird, Gäste zu bedienen, zu singen, zu tanzen, Bräuchen zu folgen und ständig zu lächeln – bezüglich des letztgenannten Punktes stehen die Südsee-Ureinwohner übrigens im deutlichsten nur denkbaren Gegensatz zum Klischee vom niemals lächelnden Ureinwohner Nordamerikas im Western. Der in dieser Form verklärende Blick von außen ist jedoch ein allgemeines Problem des Südsee-Films und nichts, was speziell gegen „Insel der zornigen Götter“ spricht.

Eine Veröffentlichung auf DVD in Deutschland hat das Werk in jedem Fall verdient, allein schon als Exemplar aus Delmer Daves‘ erfolgreichster Phase als Regisseur. Die Synchronfassung ist auf alle Fälle noch erhalten und absolut hörenswert, obwohl es sich um einen der wenigen Filme handelt, in denen Jeff Chandler nicht von Curt Ackermann synchronisiert wurde; Ackermann hatte sich so früh in Chandlers Karriere noch nicht als dessen Stammsprecher durchgesetzt. Carl Raddatz – bekannt unter anderem als Hauptdarsteller der UFA-Filme „Immensee“ (1943) und „Opfergang“ (1944) des berüchtigten „Jud Süß“-Regisseurs Veit Harlan, die 2016 in Deutschland auf DVD erschienen sind – ist eine würdige Alternativbesetzung als Synchronstimme von Jeff Chandler und passt aus meiner Sicht besser als andere Variationen wie Wolfgang Lukschy, Heinz Engelmann und Arnold Marquis, die ebenfalls vereinzelt für Chandler zum Einsatz kamen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jeff Chandler sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung (USA): 11. Juni 2013 als DVD

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Bird of Paradise
USA 1951
Regie: Delmes Daves
Drehbuch: Delmer Daves, nach einem Theaterstück von Richard Walton Tully
Besetzung: Debra Paget, Louis Jourdan, Jeff Chandler, Everett Sloane, Maurice Schwartz, Jack Elam, Prince Leilani, Otto Waldis, Alfred Zeisler, Mary Ann Ventura
Verleih: Twentieth Century Fox

Copyright 2017 by Ansgar Skulme
Filmplakat: Fair Use

 

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