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Horror für Halloween (IX): Dracula und seine Bräute – Dann eben nicht, Christopher Lee!

The Brides of Dracula

Von Volker Schönenberger

Horror // Erinnern wir uns: Am Ende von „Dracula“ (1958) war es Dr. Van Helsing (Peter Cushing) gelungen, den Vampirfürsten zu bezwingen – vom Sonnenlicht getroffen, zerfiel der Blutsauger zu Staub. Zwei Jahre später legten Hammer Films und Regisseur Terence Fisher nach und schufen mit „Dracula und seine Bräute“ den nächsten Vampirfilm, der durchaus als direkte Fortsetzung verstanden werden kann.

Im Gasthaus trifft die junge Lehrerin Marianne …

Der Titel führt dabei allerdings in die Irre, denn mit Dracula bekommt es Van Helsing diesmal nicht zu tun, obendrein handelt es sich bei den in Erscheinung tretenden Blutsaugerinnen nicht mal um Draculas Gespielinnen, ein anderer steckt dahinter. Das ursprüngliche Drehbuch sah die Auferstehung Draculas vor, dies ließ sich allerdings nicht realisieren, weil Christopher Lee das Skript dem Vernehmen nach missbilligte und er daher sein Mitwirken ablehnte. Daher wurde sein Part kurzerhand hinausgeschrieben, zu Draculas Wiederkehr kam es somit erst 1966 in „Blut für Dracula“ („Dracula – Prince of Darkness“) – ebenfalls unter der Regie von Fisher.

… auf die schroffe Baronin Meinster

Aber bleiben wir bei „Dracula und seine Bräute“. Die junge Lehrerin Marianne Danielle (Yvonne Monlaur) befindet sich auf dem Weg von Paris ins transsylvanische Badstein, wo sie eine Stelle im Mädchenpensionat Lang antreten will. Doch während sie in einem Gasthaus auf ihr Essen wartet, zieht ihr Kutscher mit seinem Gefährt von dannen. Die vermeintliche Lösung der misslichen Situation naht alsbald in Gestalt der herrischen Baronin Meinster (Martita Hunt), die sie auf ihr nahegelegenes Schloss einlädt und ihr eine Bettstatt für die Nacht anbietet. In dem hochherrschaftlichen Gemäuer entdeckt Marianne in einem ihrem Zimmer gegenüberliegenden Trakt einen jungen Mann, dessen Bewegungsradius eine silberne Kette einschränkt. Er stellt sich ihr als Baron Meinster (David Peel) vor, den seine Mutter grundlos gefangen halte …

Dr. Van Helsing greift ein

In der Folge trifft Marianne Danielle auf Van Helsing, der sich einmal mehr als wackerer Vampirjäger erweist. Und trotz Draculas Abwesenheit lässt sich konstatieren, dass „Dracula und seine Bräute“ ausgesprochen gruselig geraten ist. Das beginnt schon mit der wilden Kutschfahrt durch den Wald, bei der während eines kurzen Stopps aufgrund eines Hindernisses bereits damit zu rechnen ist, dass das Unheil über den Kutscher und seine Passagierin hereinbricht. Auch der Aufenthalt der jungen Lehrerin auf Schloss Meinster lässt wohltuenden Schauder über die Zuschauer rieseln. Danach sinkt der Gruselfaktor etwas, um sich beim grandiosen Windmühlenfinale wieder in ungeahnte Höhen zu erheben.

Weshalb ist der Sohn der Baronin angekettet?

Das Vampir-Personal kann natürlich nicht mit jenem in den „Dracula“-Filmen mit Christopher Lee mithalten, an dessen Charisma kommt kaum jemand vorbei. Größter Kritikpunkt ist in meinen Augen aber die Personalie der „Damsel in Distress“ Marianne Danielle. Die junge Lehrerin ist mit „naiv“ noch harmlos beschrieben. Ob das an Yvonne Monlaurs Darstellung, der Charakterisierung ihrer Figur im Skript oder Terence Fishers Regieanweisungen lag, lässt sich schwer beantworten, vielleicht spielte von jedem etwas hinein. Einige Aspekte sind Monlaur jedenfalls nicht anzulasten. Eine große Karriere war ihr nicht beschieden, im Kino war sie letztmalig 1966 in dem französisch-deutschen Jerry-Cotton-Krimi „Die Rechnung – eiskalt serviert“ zu sehen. Nach zwei kurzen TV-Serienauftritten im selben Jahrzehnt endete ihre Karriere.

Bewährte Qualität von Hammer und Anolis

Farbgebung, Kostümierung, Beleuchtung und die herrlichen Studiokulissen (gepaart mit ein paar Freiluft-Drehorten) entsprechen dem hohen Standard, den wir von Hammer-Films-Produktionen aus jener Zeit gewohnt sind und schätzen. Da kann man über Christopher Lees Fehlen in einem Hammer-Vampirfilm locker hinwegsehen. Peter Cushing reißt mit seiner gewohnt beherzten Performance ohnehin locker alles wieder heraus und macht die Schwächen vergessen. Freda Jackson („Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley“, 1965) als undurchsichtige Schlossdienerin Greta gibt dem Geschehen eine unheilvolle Note.

Dr. Van Helsing greift wieder zum Hammer

Was für das Niveau der Produktion gilt, lässt sich ebenso für das des Mediabooks von Anolis Entertainment anführen: Das Label hält den hohen Qualitätsstandard. Die Edition von 2015 ist bereits seit einiger Zeit vergriffen und gesucht, auch das hat sie mit diversen Vorgängern und Nachfolgern gemein. Im Booklet erfahren wir etwas über die Unstimmigkeiten, mit denen die Produktion bereits im Vorfeld geplagt war – das Drehbuch wurde wiederholt umgeschrieben, was man dem fertigen Film auch anmerkt. Aber vielleicht sollte Anolis seinen Booklet-Autoren auf den Weg geben, ihre Texte miteinander abzustimmen, wenn man schon ein Booklet von drei Schreibern füllen lässt. Wenn drei Autoren nach eigenem Ermessen unabhängig voneinander über ein und dieselbe Produktion schreiben, lassen sich Dopplungen kaum vermeiden. Dennoch ist das Mediabook natürlich ein Schmuckstück jeder gut sortierten Vampirfilm-Sammlung – und in solche gehört „Dracula und seine Bräute“ definitiv hinein.

Die Vampirbräute sind auf Ärger aus

Die Anolis-Entertainment-Reihe mit Produktionen von Hammer Films haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Peter Cushing unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 13. November 2015 als Blu-ray im limitierten Mediabook (in drei Covervarianten) und Blu-ray, 18. November 2016 als Blu-ray, 24. August 2007 als DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Brides of Dracula
GB 1960
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Jimmy Sangster, Peter Bryan, Edward Percy
Besetzung: Peter Cushing, Martita Hunt, Yvonne Monlaur, Freda Jackson, David Peel, Miles Malleson, Henry Oscar, Mona Washbourne, Andree Melly, Victor Brooks, Fred Johnson, Michael Ripper
Zusatzmaterial 2015: Audiokommentar mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Making-of, Interview mit Yvonne Monlaur (Manchester 2004), britischer, amerikanischer und deutscher Kinotrailer, deutsche Titelsequenz, Comic-Adaption, deutscher Werberatschlag, Filmprogramme, Bildergalerie, nur Mediabook: 36-seitiges Booklet mit Texten von Dr. Rolf Giesen, Uwe Sommerlad und Uwe Huber
Label/Vertrieb Mediabook & Blu-ray: Anolis Entertainment GmbH
Label/Vertrieb DVD: Koch Media

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2015 Anolis Entertainment GmbH

 

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Brennender Tod – Die Hitze des Grauens

Night of the Big Heat

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Hoch im schottischen Norden auf der Insel Fara in der Bucht von Scapa Flow im Orkney-Archipel wundern sich die Einwohner über die tropischen Temperaturen von 40 Grad Celsius – weiter steigend. Im übrigen Land hingegen liegen die Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt, was der winterlichen Jahreszeit entspricht.

Dr. Stone und Frankie Callum macht die Hitze zu schaffen

In der von den Eheleuten Frankie und Jeff Callum (Sarah Lawson, Patrick Allen) geführten Herberge „The Swan“ sammeln sich derweil die Gäste, darunter der freundliche Arzt der Gegend, Dr. Vernon Stone (Peter Cushing). Der verschlossene und mürrische Godfrey Hanson (Christopher Lee) ist mit seiner Kameraausrüstung in den Büschen unterwegs, was auch immer er dort abzulichten hofft. Die junge Angela Roberts (Jane Merrow) ist gerade als Sekretärin für Jeff Callum eingetroffen, der nicht nur als Gastronom arbeitet, sondern auch Bestsellerromane schreibt. Der Gute erlebt allerdings eine Überraschung, als er entdeckt, dass es sich bei seiner neuen Sekretärin um die Frau handelt, mit der er vor einiger Zeit eine stürmische Affäre hatte – und sie will ihn partout nicht aufgeben.

Tod eines Landstreichers

Zusätzlich zu den unnatürlichen Temperaturen irritiert ein immer wieder auftretendes Sirren die Menschen. Ein Landstreicher wird erstes Opfer einer unbekannten Bedrohung. Er bleibt nicht der einzige Tote. Bald haben die Temperaturen die 50-Grad-Marke überschritten, und Jeff Callum verdächtigt Godfrey Hanson, mehr über die unbekannte Bedrohung zu wissen.

Angela Roberts will Jeff Callum zurückerobern

Peter Cushing und Christopher Lee in der Besetzung, Terence Fisher auf dem Regiestuhl – das muss doch wohl eine Produktion von Hammer Films sein?! Mitnichten. Planet Film Productions war mir bis vor Kurzem kein Begriff, es handelt sich dabei wohl um einen Epigonen von Hammer Films, also eine Produktionsfirma, die im Fahrwasser des Erfolgsstudios auf „Horror Made in Britain“ setzte. Einiges erinnert daher nicht von ungefähr an Hammer Films, allen voran die sorgfältig in Szene gesetzten Sets. Der Science-Fiction-Anteil des Films mag als weniger Hammer-typisch angesehen werden, aber letztlich sind die „Frankenstein“-Filme des Studios im weiteren Sinne auch Science-Fiction – und „Schock – The Quatermass Xperiment“ sowieso. Dennoch grenzt sich der Plot schon etwas von den Hammer-Storys ab. Dem Booklet des Koch-Films-Mediabook entnahm ich die Information, dass Planet Film Productions mit „Brennender Tod“ an den Erfolg der vorherigen Produktion „Insel des Schreckens“ anknüpfen wollte – den Film hat Koch Films ebenfalls gerade als Mediabook veröffentlicht.

Sexszenen für die Franzosen

Das Publikum bekommt die Bedrohung lange Zeit nicht zu Gesicht. Wenn das Sirren an Lautstärke gewinnt und die bedauernswerten Opfer in gleißendes Licht gehüllt werden, bleibt die Kamera auf ihnen, ohne zu den Auslösern des tödlichen Angriffs zu wechseln. Dafür bekommen die zwischenmenschlichen Interaktionen der Bedrohten ihren Raum, was bisweilen einen Hauch aufgesetzt wirkt. So treibt beispielsweise die schwierige Dreiecks-Gemengelage zwischen den Callums und der neuen Sekretärin Angela die Handlung selbst kaum voran. Allerdings kann man dem entgegenhalten, dass die Hitze den Menschen zu schaffen und sie aggressiv macht, was der Beziehungsstress betont. Eine gewisse sexuelle Spannung in der Luft bringt da zusätzliches Knistern. Den Trivia der Internet Movie Database zufolge wurden für die französische Version des Films sogar zusätzliche Sexszenen mit Doubles gedreht, weil der französische Titel „La nuit de la grande chaleur“ („Die Nacht der großen Hitze“) schon mal per se zweideutig interpretierbar geriet.

Was weiß Godfrey Hanson (r.) über die Bedrohung?

Für einen Kritikpunkt muss ich in diesem Absatz ein wenig spoilern. Weshalb Godfrey Hanson die Natur der Bedrohung erkennt und mit seinen Vermutungen richtig liegt, wird wohl auf ewig das Geheimnis des Drehbuchs bleiben. Zudem gerät das einfallslose Ende enttäuschend, bei welchem die Überlebenden in den letzten Sekunden des Films ansatzlos vor der Bedrohung gerettet werden – Deus ex machina auf eher missratene Weise. Dennoch vermag „Brennender Tod“ zu fesseln, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau als bei Hammer Films in jenen Jahren.

Mediabook von Koch Films

Ich mag das gegenüber Veröffentlichungen anderer Publisher kleinere Format der Koch-Films-Mediabooks – ein schönes Herausstellungsmerkmal. Das Booklet überzeugt mit fachkundigem Text von Christoph Huber, über den wir leider nichts erfahren, da ein kurzes Autorenporträt fehlt. Lobend erwähnt sei auch die Tatsache, dass der Publisher eigens einen neuen Audiokommentar in Auftrag gegeben hat. Grundsätzlich auf bekannt hohem Niveau produziert, fiel mir am Mediabook nur durch Zufall auf, dass der Covertext den Handlungsort Fara fälschlicherweise als „Kanalinsel“ verortet, aber das dürfte den meisten Käufern entgehen und ist für den Film auch irrelevant. An Bild- und Tonqualität gibt es nichts auszusetzen. „Brennender Tod“ schließt nicht zu den Glanzlichtern in den Karrieren von Terence Fisher, Peter Cushing und Christopher Lee auf, war aber kurzweilig anzuschauen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Peter Cushing und Christopher Lee unter Schauspieler.

Auch Angela gerät in Gefahr

Veröffentlichung: 13. Juni 2019 als limitiertes 2-Disc Mediabook mit zwei Covermotiven (Blu-ray & DVD), 27. März 2008 als DVD

Länge: 94 Min. (Blu-ray), 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Night of the Big Heat
US-Titel: Island of the Burning Damned
GB 1967
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Ronald Liles, zusätzliche Szenen und Dialoge von Jane Baker und Pip Baker, nach einem Roman von John Lymington
Besetzung: Christopher Lee, Peter Cushing, Patrick Allen, Jane Merrow, Sarah Lawson, William Lucas, Kenneth Cope, Percy Herbert, Thomas Heathcote
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen, Volker Kronz und Uwe Sommerlad, Audiokommentar von Marcus Hearn, Christopher Lee und den Autoren Pip und Jane Baker, „British Legends of Stage and Screen – Sir Christopher Lee“ (Interview, 20:10), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph Huber
Label/Vertrieb: Koch Films
Label/Vertrieb 2008: EMS GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Koch Films

 
 

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Insel des Schreckens – Nicht nur Hammer konnte britischen Horror

Island of Terror

Von Volker Schönenberger

SF-Horror // Auf der abgelegen vor der irischen Küste befindlichen Insel Peter‘s Island ereignet sich Schauerliches: Spät am Abend befindet sich der Landwirt Ian Bellows (Liam Gaffney) auf dem Heimweg. Ein aus einer Höhle kommendes Geräusch weckt seine Neugier – das wird ihm zum Verderben. Seine Frau (Joyce Hemson) sorgt sich, weil ihr Ehemann ausbleibt, und meldet ihn bei Constable Harris (Sam Kydd) als vermisst. Der Polizist entdeckt den Toten in entsetzlichem Zustand: Etwas hat ihm sämtliche Knochen aus dem Leib entfernt. Auch der örtliche Arzt Dr. Landers (Eddie Byrne) hat keine Erklärung für das grausige Phänomen. Er reist daher nach London und bittet den angesehenen Pathologen Dr. Stanley (Peter Cushing) zu Hilfe, der wiederum Dr. West (Edward Judd) hinzuzieht, einen aufstrebenden Experten für Knochenkrankheiten. Dessen Freundin Toni Merrill (Carole Gray) lässt sich nicht davon abhalten, die Mediziner auf Peter’s Island zu begleiten, organisiert für den Trip auch den Helikopter ihres reichen Vaters.

Es bleibt nicht bei dem einen Todesfall …

„Island of Terror“ lautet der stimmungsvolle Originaltitel, der Vorfreude auf ein schönes Schauerstück weckt – die eingelöst wird, so viel sei bereits angeführt. In der alten Bundesrepublik Deutschland wurde „Insel des Schreckens“ seinerzeit auch mit dem Alternativtitel (oder Zusatztitel) „Todesmonster greifen an“ vermarktet. Das kleine englische Studio Planet Film Productions gewann für die Produktion immerhin Hammer-Films-Stammregisseur Terence Fisher für den Regiestuhl und Peter Cushing für eine der Hauptrollen. Atmosphäre und Setting ähneln dann auch durchaus dem Stil der Hammer-Filme. Besser gut kopiert als schlecht erdacht – das gilt hier auf jeden Fall. Eigenständig genug wird der Film aufgrund seiner Story. Weitere Rollen sind ebenfalls solide mit bekannten Gesichtern besetzt, auch wenn wir sie auf den ersten Blick nicht immer zuordnen können. Edward Judd etwa ist mir aus dem feinen Endzeitfilm „Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ (1961) bekannt.

Tödlicher Tentakel

Sobald sich „Insel des Schreckens“ als „Creature Feature“ entpuppt, muss man ob der ein wenig albern aussehenden Bedrohung etwas die Augen zudrücken. Was da unförmig mit rauer, reptilartiger Oberfläche und Tentakel auf die Protagonisten zukriecht, mag damals state-of-the-art gewesen sein – vielleicht aber auch nicht –, entlockt uns heute aber in erster Linie ein Schmunzeln. Aufgrund des Tentakels sei erwähnt: Mit Lovecraftschem Grauen hat das Ganze nichts zu tun – manche Horrorfilm-Rezipienten sind ja geneigt, sofort „Lovecraft“ zu verkünden, sobald ein Tentakel auftaucht. Hier gibt es eine ganz konkrete wissenschaftliche Erklärung, die den Horrorfilm mit Science-Fiction anreichert. Im Verlauf nimmt die Bedrohung ungeahnte Ausmaße an, weil sich die Biester teilen und auf diese Weise exponentiell vermehren. Das bringt wohliges Schaudern, das bis zum Finale anhält.

Dr. Stanley kann kaum glauben …

Dr. Wests Freundin Toni wird zu Beginn als selbstbewusste junge Frau eingeführt, die ihren Kopf durchsetzt, auf der Insel dient sie leider nur als ängstliche Stichwortgeberin, die gerettet werden muss. Das ist für Horrorfilme der 60er-Jahre natürlich nichts Besonderes und muss auch nicht groß kritisiert werden, es fiel mir aber in diesem Fall stark auf und sei daher erwähnt.

Abwegig? Macht doch nichts!

Abwegige Gruselgeschichte; versetzt mit Effekthaschereien und pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchen. So kanzelte seinerzeit das „Lexikon des internationalen Films“ „Insel des Schreckens“ ab. Seit wann ist abwegig für einen Horrorfilm mit fantastischen Elementen ein Kriterium, das zur Abwertung führt? Natürlich ist das abwegig! Deshalb hilft auch der Vorwurf der Pseudowissenschaftlichkeit nicht weiter. Der Prüfung der Wissenschaftlichkeit muss sich nur Science-Fiction mit dem Anspruch auf Realitätsnähe stellen, dieser Anspruch bestand hier sicher nicht. Auch das Urteil … der mehr Langeweile als Schrecken verbreitet … sanfte Zumutung des Evangelischen Filmbeobachters Nr. 180 von 1967 bestreite ich energisch. Für mich bietet „Island of Terror“ auch heute noch wunderbaren Grusel britischer Prägung.

Mediabook in zwei Covervarianten

Umso schöner, dass Koch Films das Werk als Mediabook mit Blu-ray und DVD veröffentlicht hat – die DVD von 2006 ist im Handel vergriffen, auf dem Sammler- und Gebrauchtmarkt um zehn bis zwölf Euro zu finden. Die Edition überzeugt in Bild und Ton sowie mit dem Koch-typischen kleinen Mediabook-Format, das manche Mediabook-Sammler missbilligen – ich aber nicht. Zwei Covermotive stehen zur Auswahl. Schön auch, dass das Label es sich und seinen Käuferinnen und Käufern gegönnt hat, mit Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad zwei ausgewiesene Kenner für einen neuen Audiokommentar zu gewinnen. Obwohl ich mich als Audiokommentar-Ignorant oute, weiß ich doch, dass viele Fans dieses Feature zu würdigen wissen. Mit derlei Kompetenz am Mikrofon lohnt sich das auch. Im Zusatzmaterial findet sich obendrein ein 25-minütiges Interview mit Christopher Lee. Das mutet erst einmal merkwürdig an, weil der Gute gar nicht mitgespielt hat, aber das Gespräch handelt vornehmlich von Regisseur Terence Fisher – passt schon. Interessant genug ist es allemal. Ein schönes Booklet mit einem so langen wie fachkundigen Text von Christoph Huber rundet die Veröffentlichung ab, an der ich kaum etwas auszusetzen haben. Nur eins vielleicht: Booklet-Autoren haben meines Erachtens eine kurze Vorstellung in Form von ein paar Zeilen verdient. Platz dafür ist ausreichend vorhanden.

… dass das Opfer keine Knochen mehr hat

„Insel des Schreckens“ endet mit einem denkbar kurzen Epilog in Japan, der einen Ausblick darauf gibt, dass der Schrecken nicht vorbei ist. Heutzutage hätte das Futter für ein Sequel gegeben. Parallel hat Koch mit „Brennender Tod“ den Folgefilm der Produktionsfirma veröffentlicht, der ebenfalls eine interessante „abwegige“ (hehe) und „pseudowissenschaftliche“ (hihi) Story und nicht nur Terence Fisher und Peter Cushing bietet, sondern auch Christopher Lee, die Qualität von „Insel des Schreckens“ aber nicht erreicht. Diesen nämlich empfinde ich als echtes Kleinod britischen SF-Horrors.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terence Fisher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Peter Cushing unter Schauspieler.

Da teilt sich was!

Veröffentlichung: 20. Juni 2019 als limitiertes 2-Disc Mediabook mit zwei Covermotiven (Blu-ray & DVD), 30. Januar 2006 als DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 83 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Island of Terror
Alternativtitel: Todesmonster greifen an
GB 1966
Regie: Terence Fisher
Drehbuch: Edward Mann, Al Ramsen
Besetzung: Peter Cushing, Edward Judd, Carole Gray, Eddie Byrne, Sam Kydd, Niall MacGinnis, James Caffrey, Liam Gaffney, Roger Heathcott, Keith Bell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Dr. Rolf Giesen und Uwe Sommerlad, Interview mit Christopher Lee über Terence Fisher (24:54), deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, 20-seitiges Booklet mit einem Text von Christoph Huber
Label/Vertrieb: Koch Films
Label/Vertrieb 2006: WVG Medien GmbH

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

Szenenfotos & Packshots: © 2019 Koch Films

 
 

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