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The Beyond (2017) – Konservativer Transhumanismus

The Beyond

Von Lucas Gröning

Science-Fiction // Seit dem Anbruch des digitalen Zeitalters stellen sich dem Menschen immer mehr Fragen um seinen Platz in der schönen neuen Welt. Wie will er künftig leben? Wie will er arbeiten? Bieten sich Chancen, das eigene Leben signifikant zu verbessern, oder nützt die Digitalisierung doch eher den Reichen, Mächtigen und den Großkonzernen des Silicon Valley? Auch der Film sucht in diesem Zusammenhang nach Antworten und hat dies in der Vergangenheit bereits mit intelligenten Beiträgen getan. Zu nennen ist etwa Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), der nach einer Definition des menschlichen Wesens in einer technisierten Welt sucht und diese Suche in den Zusammenhang zur klassischen Philosophie von René Descartes und in den Gegensatz zu einem christlichen Wertegerüst setzt. In „Blade Runner 2049“ (2017), der direkten Fortsetzung von Scotts Werk, ist Denis Villeneuve unter anderem der Frage nachgegangen, inwiefern der Mensch in modernen, kapitalistisch-geprägten Gesellschaften über zwei Identitäten verfügt – eine als Produkt auf dem Arbeitsmarkt, eine als Konsument von produzierten Gütern und Dienstleistungen. Des Weiteren hat Alex Proyas 2004 in „I Robot“ die Macht einer künstlichen und vom Menschen erschaffenen Intelligenz thematisiert, die sich über seinen Erschaffer hinwegsetzt und in der Diktatur über den Menschen die einzige Rettung für dessen Existenz erkennt.

Auch „The Beyond“ (2017) von Hasraf Dulull nimmt sich der genannten Themen an – der britische Regisseur verfasste auch das Drehbuch. Zuvor hatte er diese Funktionen in vier Kurzfilmen ausgeübt, sodass „The Beyond“ sein Langfilmdebüt darstellt. Dulull war bis dato in erster Linie als „Visual Effects Supervisor“ tätig, und das durchaus für Großproduktionen wie „The Dark Knight“ (2008) und „Prince of Persia – Der Sand der Zeit“ (2010). Schon einmal vorweg: „The Beyond“ erreicht nicht im Ansatz die Höhe der eingangs genannten Science-Fiction-Filme. Das wäre angesichts deren Qualität auch zu viel verlangt, gerade vor dem Hintergrund, dass es sich bei Dululls Beitrag um eine Independent-Produktion handelt. Doch auch, wenn man die handwerklichen und erzählerischen Schwächen des Films ausblendet, gibt es viel zu kritisieren.

Die Dokumentation von Ereignislosigkeit

Worum geht es in „The Beyond“? Im Jahr 2019 taucht praktisch aus dem Nichts ein mysteriöses Wurmloch am Himmel über der Erde auf. Kurz darauf tritt eine große Zahl fremdartiger Himmelskörper aus eben jenem Loch heraus und bringt sich über dem gesamten Planeten verteilt in Stellung. Gillian Lacroux (Jane Perry), Chefin einer Raumfahrtbehörde, will das Wurmloch erforschen und entsendet zu diesem Zweck mehrere Astronauten, die einen Blick auf die Erscheinung werfen sollen. Da ein Mensch die enormen Gravitationskräfte des Loches nicht überleben würde, schaltet sich das Militär ein und bietet der Behörde eine hochentwickelte Robotertechnologie an, durch die sich das Gehirn eines Menschen mit einem künstlich erschaffenen Körper verbinden lässt. Das Ergebnis ist der sogenannte Human 2.0, der in der Lage sein soll, sich dem Wurmloch zu nähern und dort auf Spurensuche zu gehen.

Eines Tages taucht über der Erde ein mysteriöses Wurmloch auf

Den Großteil des Films erleben wir aus der Sicht eines Kamerateams. Dieses soll einen internen Film über die Arbeit der Raumfahrtbehörde drehen und begleitet die Protagonisten über die Dauer der Handlung. Somit erinnert Dulalls Werk zumeist eher an eine Dokumentation als an einen Spielfilm. Hier wechselt sich die Darstellung der handelnden Personen im Mockumentary-Stil, ähnlich wie in beispielsweise „The Blair Witch Project“ (1999) und „[Rec]“ (2007), mit Interviewsituationen auf einer diegetischen, fiktiven Ebene ab. So erfahren wir beispielsweise in den als Found Footage gedrehten Mockumentary-Szenen einen Aspekt der Handlung, der in der nächsten Szene im Rahmen eines Interviews von den handelnden Personen oder Experten kommentiert werden, ganz im Stile durchschnittlicher Fernsehproduktionen. Dieses Mittel zum Vorantreiben der Handlung zieht sich durch den gesamten Film und entfernt somit den Zuschauer vom Eindruck einer fiktiven Handlung. Das Gleiche sehen wir auf ästhetischer Ebene. Alle Bilder sind recht hell, perfekt ausgeleuchtet und schreien förmlich nach der Wahrnehmung als überproduziertes TV-Format. Das Problem hierbei ist jedoch, dass eine Dokumentation ja dazu da wäre, reale Ereignisse mit dem Anspruch der Intersubjektivität darzustellen, während ein fiktiver Film auch den Anspruch hat, seine Rezipienten zu unterhalten und ihnen eine gute Geschichte zu erzählen.

Genau hier liegt die Krux von „The Beyond“ aus handwerklicher Sicht: Der Film erzählt eine fiktive Geschichte, die jedoch aufgrund des reinen Dokumentationsstils und die Ereignislosigkeit seiner Handlung nicht unterhält. Viel zu oft wird die Handlung mit belanglosen Dialogen und Interviews aufgefüllt, welche die Handlung in keinster Weise vorantreiben und immer wieder aufs Neue betonen, wie unglaublich bedeutsam der Kontakt mit dem außerirdischen Fremden für die Geschichte der Menschheit ist. Bis sich wirklich etwas ereignet, lässt sich der Film knapp 50 Minuten Zeit, womit die Hälfte der Lauflänge bereits überschritten wird. Auf der anderen Seite ist die dokumentarische Darstellung einer fiktiven Geschichte nur von geringem Wert, da es sich ja um Ereignisse handelt, die in der realen Welt nicht stattfinden oder stattgefunden haben. Insofern bietet „The Beyond“ auch keinen Mehrwert im Sinne einer Wissensvermittlung über Aspekte der realen Welt, wie es Dokumentationen an sich haben sollten.

Gott und die Silicon-Valley-Ideologie

„The Beyond“ hat jedoch nicht nur Probleme damit, seine Geschichte auf spannende Art und Weise zu vermitteln. Das gezeigte Material ist auch aus ideologischer Sicht problematisch – vor allem in seinem Bezug zum Konzept des Human 2.0. Fernab des Films lassen sich in der Realität tatsächlich Tendenzen erkennen, den Menschen und sein Umfeld immer effizienter zu machen, vor allem von Seiten der Digitalisierungsbranche, allen voran des Silicon Valley. So zeigen uns Smartwatches inzwischen Pulswerte, Herzfrequenzen, den Zustand unseres vegetativen Nervensystems und unseren Kalorienverbrauch – das Ziel: dem Menschen zu ermöglichen, all diese Werte im Alltag im Auge zu behalten, ein gesundes Dasein zu führen und so seine Lebensdauer erheblich zu verlängern. Zugleich versuchen Konzerne wie Google, Apple und Amazon, unser Kaufverhalten zu optimieren, indem uns beispielsweise Werbung für Produkte angezeigt wird, die hinsichtlich unserer Sucheingaben auf unseren Interessen basiert. Auch das Zugreifen auf neuronale Strömungen unseres Gehirns zur Optimierung unseres Medienkonsums ist bereits Thema im Silicon Valley. Die Botschaft dahinter: Die Digitaliserung und Technologisierung unseres Alltags sei das zentrale Schlüsselement für eine Verbesserung des menschlichen Daseins – oder um es mit der philosophischen Denkrichtung zu benennen: Es geht um den Transhumanismus zur Verbesserung des menschlichen Lebens. Verbesserung und Optimierung klingt erst mal ganz gut, nicht wahr? Doch man muss sich die Frage stellen, inwiefern eine Optimierung all dieser Aspekte wirklich Teil der menschlichen Existenz sein sollte, also ob das alles wirklich „gebraucht wird“ oder ob es im Endeffekt nicht viel mehr um die Optimierung der Einnahmengenerierung der angesprochenen Großkonzerne geht und um die Verlängerung des menschlichen Lebens zur Existenz als Arbeitskraft und Konsument. Darüber hinaus wäre der Aspekt des „Gedankenlesens“ und der eventuell folgenden Gedankenkontrolle durch Beschallung mit bestimmten Ideologien ein großes Geschenk für jene autoritären, antidemokratischen Tendenzen, die sich aktuell weltweit beobachten lassen. Hier sei ein weiterer Film genannt, der sich bereits 1988 mit derlei Gedankengut befasst hat, wenn auch etwas exploitativer: John Carpenters „Sie leben“.

Weitere Himmelskörper zeigen sich über dem Planeten

Die Spitze einer solchen Optimierung des Menschen wäre wohl der Human 2.0, wie er in „The Beyond“ dargestellt wird. Der Roboteranzug, der hier bereits mit dem menschlichen Gehirn verknüpft wird, bietet die zentrale Lösung zur Erkundung des außerirdischen Wurmlochs. Er macht den Menschen körperlich robuster, stärker und widerstandsfähiger. Die Verknüpfung zum Gehirn erlaubt es den Beteiligten der Raumfahrtbehörde außerdem, sämtliche neuronalen Strömungen zu überwachen, während sich die Astronautin Jessica Johnson (Noeleen Comiskey) als „Jessica 2.0“ auf ihrer Mission befindet. Ein marktwirtschaftlicher Nutzen wird hier zwar noch nicht etabliert, das Konzept des Human 2.0 basiert allerdings auf Überlegungen, die im Silicon Valley bereits unter den Maximen der kapitalistischen Prinzipien Umsatz-und Gewinnmaximierung angestrengt werden.

„The Beyond“ ordnet diesem technischen Fortschritt dabei alles unter – selbst das menschliche Leben selbst. So wird zwar einigen Personen nachgetrauert, die im Zuge einer Entwicklung des Human 2.0 sterben, beispielsweise durch Fehlkonstruktionen, ihr Ableben wird jedoch recht schnell als notwendiges Übel abgetan. Sie sterben in diesem Sinne einen Märtyertod, der für die Entwicklung des Human 2.0 nötig ist, und zugleich wird gezeigt, dass sich aus den schwachen Individuen ein starkes erheben muss, um die Mission letztlich zu beginnen. Dieser Märtyrertod geschieht ganz im christlichen Sinne für das Fortschreiten einer Idee, an die geglaubt wird. War das in früheren Zeiten eher der Glauben an das Christentum, Gott und Jesus, ersetzt „The Beyond“ Gott durch den Übermenschen im Sinne von Friedrich Nietzsche, worauf auch der Titel schließen lässt. Statt für moderne humanistische Werte einzutreten, nach denen jeder Mensch für die Gesellschaft, als auch ganz als Individuum seinen eigenen Wert hat, tritt der Film eben für eine höhere Form des Menschen ein, eine optimierte Form, die sich letztlich auch als eine Art Gottgestalt interpretieren lässt. Hier spricht aus dem Film, genauso wie aus der Silicon-Valley-Ideologie, ein enormer Konservatismus, der im Kontrast zum eigentlich angestebten Fortschritt steht. Oder um es mit anderen Worten zu sagen: Technischer Fortschritt führt nicht automatisch zu gesellschaftlichem Fortschritt, sondern womöglich gar zum Gegenteil.

All diese Aspekte machen aus „The Beyond“ einen recht problematischen Film. Die Symbiose aus Mockumentary und Fernsehdokumentation funktioniert nur bedingt, da über den gesamten Film hinweg zu wenig passiert. Der Film tut sich schwer damit, Spannung aufzubauen. Auf der einen Seite erzählt er eine fiktive Geschichte, die mit der nötigen Dramatik erzählt werden möchte, auf der anderen Seite ordnet er all dies einer Anmutung als Dokumentation unter, die angesichts seiner eigentlichen Identität als Erzählplattform für einen fiktiven Stoff wenig zielführend ist. Doch auch darüber hinaus bietet „The Beyond“ Inhalte, die es zumindest zu hinterfragen gilt. Hier wird die Silicon-Valley-Ideologie vom Allheilmittel des technischen Fortschritts propagiert, ohne sich die Frage zu stellen, ob dies wirklich einen gesellschaftlichen Fortschritt bedeutet. Der Film selbst gibt sich inmitten seiner Darstellung der Digitalisierung äußerst konservativ und flüchtet sich durch seine Erschaffung des Übermenschen in Form des Human 2.0 in alte christlich-fundamentalistische Ideologie und in die zweifelhaften Aspekte der Philosophie eines Friedrich Nietzsche. Dies ist umso verwunderlicher, da Regisseur und Drehbuchautor Hasraf Dulull die Science-Fiction-Größen Ridley Scott, James Cameron und Steven Spielberg als seine Vorbilder genannt hat, die diese Themen wesentlich intelligenter und weitsichtiger bearbeiteten.

Zur Kommunikation mit dem Außerirdischen wird der Human 2.0 entworfen

Veröffentlichung: 12. Juli 2019 als Blu-ray und DVD

Länge: 91 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Beyond
GB 2017
Regie: Hasraf Dulull
Drehbuch: Hasraf Dulull
Besetzung: Jane Perry, Nigel Barber, Noeleen Comiskey, Ezra Faroque Khan, Kosha Engler, Stuart Ashton, Alexander Clay, Louisa Hollway, Wes Nike, Melissa Graham,
Zusatzmaterial: Wendecover
Label/Vertrieb: Studio Hamburg Enterprises

Copyright 2019 by Lucas Gröning
Szenenfotos: © 2019 Studio Hamburg Enterprises

 

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Horror für Halloween (XXXIV) / Lucio Fulci (II): Über dem Jenseits – Nie war der Italo-Zombie besser

…E tu vivrai nel terrore! L’aldilà

Von Volker Schönenberger

Horror // Im Jahr 1927 begibt sich eine Schar Männer im US-Staat Louisiana in zwei Ruderbooten und mit Autos zu einem abgelegenen Hotel. Dort arbeitet der Maler Schweick (Antoine Saint-John) gerade an einem Gemälde. Die Eindringlinge schnappen ihn sich und schlagen ihn zusammen, reißen mit Ketten tiefe Wunden in seinen Leib. Schweick warnt sie noch: Das Hotel sei über einem der sieben Tore zur Hölle erbaut, nur er könne sie retten. Doch die Männer hören nicht auf ihn und kennen keine Gnade: Der Künstler wird als vermeintlicher Schwarzmagier in den Keller gezerrt, dort an die Wand genagelt und mit ungelöschtem Kalk übergossen – er stirbt einen entsetzlichen Tod. Und während wir sehen, wie sich sein Gesicht langsam zersetzt, setzt der stimmungsvolle Synthie-Score von Fabio Frizzi ein,

Keine Gnade vor Bundesprüfstelle und Gericht

Trotz der zurückhaltenden Sepia-Kolorierung dieses Prologs sind die blutigen Splattereffekte der Attacke auf den Maler von der heftigen Sorte. Das und andere Szenen während der Haupthandlung war den deutschen Sittenwächtern und Zensoren in den 1980er-Jahren erwartungsgemäß zu derbe – es hagelte Indizierungen und Beschlagnahmungen, sogar noch weit bis ins aktuelle Jahrzehnt hinein. Ob sich beizeiten ein Rechteinhaber an die Aufgabe begibt, „Über dem Jenseits“ von den Fesseln der Zensur zu befreien? Der Trend geht zwar dorthin, wie anhand etlicher vormals indizierter oder gar beschlagnahmter Klassiker der 70er und 80er zu beobachten ist, aber da die jüngsten Indizierungen von Fulcis Regiearbeit von 2016, 2017 und 2018 datieren und die letzte Beschlagnahme von 2010, könnte der Gang durch die Institutionen und Instanzen schwierig werden.

Wie auch immer, die Haupthandlung setzt 1981 ein. Die junge Liza Merrill (Catriona MacColl) hat das Hotel geerbt und will es wieder in Betrieb nehmen. Die Renovierungsarbeiten sind bereits in vollem Gange, als ein Maler vom Baugerüst fällt, weil ihn durchs Fenster zwei leere Augen angestarrt haben. Ein Klempner stirbt im Keller einen grausamen Tod, als er eine Wand aufmeißelt und plötzlich eine Hand sein Gesicht packt. Derweil trifft Liza auf die blinde Emily (Sarah Keller), die sie vor dem Gebäude warnt und dringend dazu rät, das Hotel nicht wieder zu eröffnen.

Viel mehr als im Fahrwasser von George A. Romero

Nach George A. Romeros wegweisendem „Zombie“ („Dawn of the Dead“, 1978) kamen speziell in Italien die Epigonen und Kopisten aus ihren Löchern, beginnend immerhin mit einem herausragenden Werk: Lucio Fulcis „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ („Zombi 2“, 1979), internationaler Titel: „Zombie Flesh Eaters“. Fulcis Zombiefilme dürfen dann auch guten Gewissens als würdige Nachfolger angesehen werden, was auch für „Ein Zombie hing am Glockenseil“ („Paura nella città dei morti viventi“, 1980, internationaler Titel: „City of the Living Dead“) gilt. „Über dem Jenseits“, hierzulande auch als „Die Geisterstadt der Zombies“ bekannt, gilt vielen als Fulcis bester Zombiefilm, und das nicht zu Unrecht. In der Folge seiner mit extremen Gewaltspitzen gespickten Untoten-Schocker bezogen sich einige Regisseure sogar eher auf Fulci als auf Romero.

Bei „Über dem Jenseits“ entsteht der Eindruck, Fulci habe seine bisherigen Exzesse unbedingt übertreffen wollen. Allein schon die Ermordung des Malers im Prolog sucht ihresgleichen. Make-up-Künstler Giannetto De Rossi („Das Leichenhaus der lebenden Toten“, „High Tension“), zuvor schon bei „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ von der Leine gelassen, kennt kein Pardon, was die Zurschaustellung tödlicher Gewalt angeht. Auch ein tödlicher Spinnenangriff ist zu bewundern, von dessen Sichtung ich Arachnophobikern nur dringend abraten kann.

Storytelling? Logik? Drauf gepfiffen!

Der lose rote Faden um Liza, die nach und nach herausfindet, was es mit ihrer Erbschaft auf sich hat, reißt immer wieder auf. Storytelling gehörte nie zu Fulcis Kernkompetenzen, auch „Über dem Jenseits“ beweist das in aller Deutlichkeit. Folgerichtig scherte er sich beim Einbau der Gewaltszenen auch nicht um Fragen der Logik oder nachvollziehbares Verhalten einzelner Figuren – Hauptsache, er konnte mit einem Höchstmaß an Atmosphäre seinen Exzessen frönen. Auch seine „Signature“-Einstellung kommt zum Tragen – ein bedauernswertes Opfer, das quälend langsam zum grausamen Todesstoß gedrückt oder gezogen wird. Erinnern wir uns an den Holzsplitter in „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ und den Bohrer auf der Werkbank in „Ein Zombie hing am Glockenseil“. In „Über dem Jenseits“ ist das ein langer Nagel, der aus der Wand ragt.

Am Rande erwähnt sei auch die Schauspielkunst, die bestenfalls Durchschnitt erreicht – auch das typisch für Fulci, der selten mit renommierten Akteuren im Cast arbeiten konnte und auch nicht in der Lage oder willens war, seine Darstellerinnen und Darsteller zu Höchstleistungen anzutreiben. Auf Dialogregie lag Fulcis Fokus jedenfalls nicht. Kann man den fragmentarischen Charakter und die mangelnde Logik im Sinne sauberen Storytellings mit Fug und Recht kritisieren, so trägt beides doch gewaltig dazu bei, eine albtraumhafte Stimmung zu erzeugen, die aufgeschlossene Zuschauer unweigerlich tief in ihren Bann zieht. Wer träumt schon eine runde Geschichte? Beispielhaft genannt sei eine Szene aus dem Finale, als zwei Personen in einem Krankenhaus von Zombies verfolgt werden, durch eine Tür und eine Wendeltreppe hinab entkommen und sich plötzlich im Keller des Hotels wiederfinden. Ich entsinne mich an Fieberträume, in denen mir ähnliche Ortswechsel widerfahren sind. Dazu passt auch, dass die Story eher in Richtung Okkultismus geht und nicht darauf abzielt, als Endpunkt eine Zombie-Invasion zu zeigen, auch wenn sich die Zahl der Untoten peu à peu steigert und es womöglich am Ende doch dazu kommt. Die Zombie-Apokalypse, so sie sich denn manifestiert, interessierte Fulci gar nicht, denn wir erfahren nicht, ob sie sich über das Hotel und das Krankenhaus hinaus Bahn brechen wird. Ihm geht es um das Tor zur Hölle und das Fegefeuer. „Über dem Jenseits“ unterscheidet sich dann auch fundamental von „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“, dem – bei allem dem Film zu Recht gebührenden Respekt – Fulci-Schnellschuss nach Romeros „Zombie“. In einigen Sequenzen tauchen plötzlich Untote auf, sind bald darauf aber wieder verschwunden. Der oben erwähnte Spinnenangriff kommt aus heiterem Himmel daher, was ihn ausgelöst hat, erfahren wir nicht. Zum Stirnrunzeln? Mag sein, aber auch großartig. Dass schon im Prolog das okkulte Book of Eibon auftaucht, fügt „Über dem Jenseits“ eine gehörige Prise H. P. Lovecraft hinzu, was aber nicht dazu beiträgt, die Rätselhaftigkeit aufzulösen.

Centerpiece der „Gates of Hell“-Trilogie

Fulci steht auch voll dazu, sich nicht um Logik und Story geschert zu haben, wie er in einem Interview äußerte: Es ist ein Film ohne Plot: ein Haus, Leute, und Tote, die aus dem Jenseits erscheinen. Es gibt darin keine Logik, sondern nur eine Aneinanderreihung von Motiven. (aus einem Interview, das Robert Schlockoff, Chefredakteur des französischen Magazins „L’Ecran Fantastique“, geführt hat, welches das englische Magazin „Starburst“ im August 1982 abgedruckt hat – online findet sich eine Abschrift davon.) Heute wird „Über dem Jenseits“ als Mittelteil einer sogenannten „Gates of Hell Trilogy“ oder auch „Gothic Trilogy“ Lucio Fulcis gesehen – eingerahmt von „Ein Zombie hing am Glockenseil“ und „Das Haus an der Friedhofsmauer“ („Quella villa accanto al cimitero“, 1981, internationaler Titel: „The House by the Cemetery“). In Kombination mit dem Vorgänger „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“ haben wir es mit einem Quartett zu tun, das völlig zu Recht als Spitze des italienischen Zombiefilms gilt.

„Über dem Jenseits“ hat geradezu Arthouse-Qualitäten, auch wenn das in Deutschland die FSK, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sowie diverse Staatsanwälte und Richter anders sehen. Ich würde mich über eine reguläre deutsche Veröffentlichung der ungeschnittenen Fassung mit FSK-Freigabe freuen, halte sie noch für unwahrscheinlich – aber wer weiß? Zum Glück hat das englische Label Arrow Video Fulcis Meisterwerk in zwei Referenz-Editionen veröffentlicht, einmal im für Arrow typischen weißen Schuber mit Wendecover für vier Plakatmotive, einmal im Steelbook, jeweils mit Blu-ray und DVD (siehe Fotos). Das Booklet beider Versionen ist identisch, wenn man von den unterschiedlichen Covern absieht. Darin finden sich eine Einführung durch den Regisseur Eli Roth („The Green Inferno“) und zwei Essays des schottischen Filmpublizisten Calum Waddell.

Mehr Atmosphäre geht nicht

Gut möglich, dass ich „Über dem Jenseits“ anlässlich dieses Textes überhaupt erst zum zweiten Mal gesichtet habe – angesichts der Vielzahl der Zombiefilme verschwimmt die Erinnerung. Jedenfalls war ich von Beginn an wieder von der bizarren Atmosphäre des Films gefesselt, und auch wenn ich beim Schauen nach möglichen Kritikpunkten gesucht habe, weil ich eine differenzierte Betrachtung schreiben wollte, so kann ich doch nur bekräftigen, dass all die Logiklöcher tatsächlich ohne Belang sind. Fulci hat das erreicht, was seine erklärte Absicht war. Das muss man als an herkömmlichen Narrationsstrukturen interessierter Filmfan nicht mögen – ich stehe aber drauf, wenn dabei ein so außergewöhnliches Werk herauskommt wie im Falle von „Über dem Jenseits“. Danach hätten die italienischen Zombiefilmer eigentlich einpacken können.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Lucio Fulci sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt.

Länge: 88 Min. (Blu-ray), 84 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: …E tu vivrai nel terrore! L’aldilà
Altenative deutsche Titel: Die Geisterstadt der Zombies / Eibon – Die 7 Tore des Schreckens
Internationaler Titel: The Beyond
IT 1981
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Dardano Sacchetti, Giorgio Mariuzzo, Lucio Fulci
Besetzung: Catriona MacColl, David Warbeck, Cinzia Monreale, Antoine Saint-John, Veronica Lazar, Larry Ray, Giovanni De Nava, Al Cliver, Michele Mirabella, Giampaolo Saccarola, Maria Pia Marsala, Laura De Marchi

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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