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Schlagwort-Archive: Tilda Swinton

Horror nach Halloween – Das vorletzte Gewinnspiel: 1 x Suspiria (2018) als Limited Collector’s Edition Mediabook

Verlosung

„Suspiria“ (2018) von Luca Guadagnino („Call Me by Your Name“) greift Motive von Dario Argentos 1977er-Original auf, geht aber in puncto Storytelling und Visualisierung einen ganz eigenen Weg, greift auch politische Themen des Deutschlands der 1970er-Jahre auf. capelight pictures und Koch Films haben für die Heimkino-Veröffentlichung des sehr eigentümlichen Werks aus dem Vollen geschöpft und unter anderem eine Ultimate Edition mit zehn Discs im Großformat und zwei verschiedene Mediabook-Formate veröffentlicht. Ein Mediabook mit zwei Blu-rays und einer DVD hat uns Koch Films zum Verlosen zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank im Namen der kommenden Gewinnerin oder des kommenden Gewinners!

Teilnahmebedingungen

Zwar bringt es mir Spaß, Filme unter die Leute zu bringen, weil sich die überwältigende Mehrzahl der Gewinnerinnen und Gewinner aufrichtig freut und höflich bedankt. Dennoch geht der Versand etwas ins Geld, zumal „Die Nacht der lebenden Texte“ nach wie vor keinen Cent Ertrag abwirft (die unten ab und zu eingeblendete Werbung schaltet WordPress). Daher: Auf freiwilliger Basis darf mir jede/r Gewinner/in gern anbieten, das Porto in Höhe von 2,70 Euro zu übernehmen – oder höher beim Wunsch nach versichertem Versand. Gebt mir das aber bitte nicht schon im Kommentar mit eurer Antwort bekannt, sondern erst im Gewinnfalle. Ich will nicht in Verdacht geraten, die Sieger danach zuzuteilen.

Zwecks Teilnahme am Gewinnspiel sind bis Sonntag, 10. November 2019, 22 Uhr, folgende Fragen zu beantworten, was euch nach Lektüre von Lucas Grönings Rezension des Films keine Probleme bereiten sollte:

01. In welcher deutschen Großstadt ist die Handlung angesiedelt?

02. Wie lautet der Titel der Aufführung, welche an der Tanzakademie einstudiert wird?

03. Welche männliche Zweitrolle verkörpert Tilda Swinton, die auch die Leiterin der Akademie spielt?

04. Wer schuf die Filmmusik von „Suspiria“?

05. Von wem stammt der analytische Text im Booklet des Mediabooks?

Einen Fehlschuss gebe ich euch – jeder hat ja mal einen Blackout, daran soll die Teilnahme nicht scheitern, also landet Ihr mit vier korrekten Antworten im Lostopf. Minimal fehlerhafte Schreibweisen und Tippfehler toleriere ich, wenn klar ist, wer oder was gemeint ist. Alle Kommentare werden erst nach Ende der Abgabefrist veröffentlicht. Während der Laufzeit des Gewinnspiels werde ich nach und nach die Namen aller bislang eingegangenen Kommentatorinnen und Kommentatoren hier unten auflisten.

Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“!

Wollt Ihr kein Gewinnspiel und keine Rezension verpassen? Folgt „Die Nacht der lebenden Texte“! Entweder dem Blog direkt (in der rechten Menüleiste E-Mail-Adresse eintragen und „Folgen“ anklicken) oder unserer Facebook-Seite.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen

Teilnahmeberechtigt sind alle, die eine Versandanschrift innerhalb Deutschlands haben oder bereit sind, die Differenz zum Inlandsporto zu übernehmen. Für Transportverlust übernehme ich keine Haftung (verschicke aber sicher verpackt und korrekt frankiert). Die Gewinnerin oder den Gewinner werde ich im Lauf von etwa zwei Wochen nach Ende der Frist bekanntgeben, indem ich diesen Text um einen Absatz ergänze, und sie oder ihn auch per E-Mail benachrichtigen. Wer sich spätestens drei Tage nach meiner zweiten Benachrichtigung nicht zurückmeldet, verliert den Anspruch auf das Mediabook. In dem Fall lose ich unter den leer ausgegangenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen neuen Namen aus.

Nur eine Teilnahme pro Haushalt. Ich behalte mir vor, Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht für den Lostopf zuzulassen oder ihnen im Gewinnfall nachträglich den Preis abzuerkennen, sofern mir Mehrfachteilnahmen unter Alias-Namen unterkommen. Autorinnen und Autoren von „Die Nacht der lebenden Texte“ sowie deren und meine Familienmitglieder dürfen leider nicht mitmachen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Achtung, Sonderregel: Im Rahmen der diesjährigen „Horror für Halloween“-Strecke wird es fünf Gewinnspiele geben – vier davon, bei denen je ein Mediabook zu gewinnen ist, gefolgt vom Hauptgewinnspiel mit zahlreichen Preisen, darunter wiederum einige Mediabooks. Um eine einigermaßen gerechte Verteilung zu gewährleisten, lege ich fest: Wer eines der vier Mediabooks aus den Einzel-Gewinnspielen gewinnt, verwirkt sein Recht auf eines der drei übrigen einzeln ausgelobten Mediabooks sowie darauf, sich beim Hauptgewinnspiel als eine/r der ersten acht einen Preis aussuchen zu dürfen.

Bislang teilgenommen haben (mit fünf korrekten Antworten, sofern nicht anders vermerkt):

01. Jens Albers
02. transfairleistung
03. Thomas Hortian
04. Andreas H.
05. Lilly
06. Klaus Marquardt
07. Lamafaun
08. Dirk B
09. Steffen
10. Klaus
11. Florian Gröning
12. Sebastian Graf
13. Heiko Esser
14. Knut
15. Thomas Oeller
16. Roman Köckeritz
17. Christoph
18. Birgit
19. Adrian Lübke
20. Samara
21. Frank Hillemann

Das Mediabook geht an Lilly. Herzlichen Glückwunsch! Du wirst benachrichtigt.

Die Rezension von „Suspiria“ findet Ihr auch hier.

Copyright 2019 by Volker Schönenberger

 

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Jim Jarmusch (III): The Dead Don’t Die – Zombies in Starbesetzung

The Dead Don’t Die

Kinostart: 13. Juni 2019

Von Anja Rohde

Horror(komödie) // Was haben dieses Blog und der neue Film von Jim Jarmusch gemeinsam? Beide Macher nutzten George Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ als Inspiration! Volker Schönenberger lässt beim Titel seines Weblogs keine Zweifel daran, welches Filmgenre er gut leiden mag und welcher Film ihn da wohl besonders beeindruckte, und auch Jim Jarmusch scheint diesen Zombie-Klassiker nicht nur einmal gesehen zu haben, so viele nette kleine Reminiszenzen finden sich in seinem aktuellen Werk.

Jim Jarmusch und Zombies – funktioniert!

Eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann der in allen Genres beheimatete Jarmusch sich endlich Zombies annehmen würde. Nach dem psychedelischen Western „Dead Man“, dem Samurai-Gangsterdrama „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“, dem existentialistischen „Limits of Control“, dem Liebesfilm „Broken Flowers“ und dem sensationellen Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ dürfen nun Horden von Untoten durch einen Jarmusch-Film wanken.

Da kommen sie aus ihren Gräbern

Warum? Weil die Menschen durch „Polar Fracking“ die Erde kaputt gemacht haben. Da sich die Erdachse verschoben hat, wird es erst nicht dunkel, dann drehen die Haustiere durch, und als es doch endlich Nacht wird, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern. Das ist physikalisch schwer erklärbar, aber welcher Zombiefilm liefert schon eine logische Begründung für das Phänomen? Dass die Menschheit selbst an ihrem Unglück schuld ist, welcher Art auch immer es sein mag, das jedenfalls steht ja wohl außer Frage.

Lieblingslied der jungen Frau in der Mitte: „The Dead Don’t Die“

Im Moment der Katastrophe befinden wir uns in Centerville. Diese Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, besteht aus einer langen Straße mit den wichtigsten Einrichtungen (ein Diner, ein Werkzeugladen, eine Tankstelle, ein Motel) und wird bewacht von einem Polizeitrio, welches sich ein Einraumbüro teilt, in das die Gefängniszellen locker eingebaut sind. So richtig viel zu tun gibt’s nicht, mal ist ein Streit zu schlichten, mal eine Tote aufzubewahren (in einer der Zellen), bis die Bestatterin Zeit hat.

Wie tötet man Untote?

Schnell überschlagen sich die Ereignisse, denn mit einer Zombie-Epidemie war nicht zu rechnen. Polizist Ronald Peterson (Adam Driver) ist schnell klar, dass es nichts anderes sein kann und dass die Sache bestimmt nicht gut ausgehen wird (ein Satz, den er mantramäßig den ganzen Film über wiederholen wird – ob er wohl recht behält?); sein Chef Cliff Robertson (Bill Murray) ist erst skeptisch, dann aber Bill-Murray-mäßig stoisch und unerschrocken. Mindy Morrison (Chloë Sevigny) gibt den unglücklichen und überforderten Gegenpart, schlägt sich aber wacker.

Farmer Miller sucht seine Tiere

Denn natürlich muss die Polizei das Städtchen beschützen, und natürlich weiß Peterson, was zu tun ist: Kopf ab! Hierbei zeigt sich eine erste Spezialität der Jarmuschschen Zombies: Da er sie laut eigener Aussage „bloodless and fluidless“ haben wollte, entweicht nur eine kleine Wolke schwarzer Rauch aus ihren abgetrennten Torsi.

„Kill the Head!“

Noch schöner ist allerdings die Idee, allen Zombies einen eigenen Charakter mitzugeben, indem sie mit dem Wunsch nach etwas, das ihnen auch im Leben viel bedeutete, zum Leben erwachen. Das kann ihr Lieblingsgetränk sein (bei dem einen Kaffee, bei der anderen Chardonnay) oder auch die Suche nach WLAN – und bei dieser Sorte Zombies sieht man gleich, dass sich Jarmusch an echten Menschen orientieren konnte. Wer kennt sie nicht, die Leute, die mit stierem Blick auf ihr Smartphone durch die Straßen schlurfen und den Rest um sich herum vergessen? „We’re all attached to things in the material world and we’re all zombies in one form or another — it’s not a huge stretch that we would yearn for those exact same things if we were re-animated.“ (Carter Logan, der zusammen mit Jarmusch in der Band „SQÜRL“ spielt, die für den Soundtrack dieses Films verantwortlich zeichnet.)

Iggy Pop – Zombie der Herzen

Ein besonderer Blick lohnt sich bei einem der beiden Kaffeezombies. Wer den Trailer gesehen und freudig festgestellt hat „Iggy Pop als Zombie! Was für eine sensationelle Besetzung!“, wartet sehnsüchtig auf den ersten Auftritt – und denkt vielleicht, na, den musste man wohl gar nicht sehr herrichten. Weit gefehlt! Zwar wurde seine Frisur laut Produktionsnotizen weitesgehend unangetastet gelassen, und auch das Make-up ging wohl recht flott von der Hand, nur ein paar Verkrustungen und Melierungen wurden aufgemalt, aber Jarmusch bemerkte: „Iggy looks too healthy to be a zombie, you need to rough him up“. Und so bekam der sehnige, jung gebliebende Körper ein Latex-Airbrush, um alt und tot zu wirken. Umso herrlicher, ihn dann auf der Suche nach Kaffee ins Diner wanken und sich das Zeug kannenweise ins Gesicht schütten zu sehen.

Die Frisur sitzt: Iggy Pop

Der andere Kaffeezombie ist übrigens Sara Driver, die wir als Production Managerin der ersten Jarmusch-Filme „Permanent Vacation“ und „Stranger Than Paradise“ kennen. Die Liste der Promis in kleinen Rollen hört damit nicht auf. Eszter Balint, das zauberhafte Teenagermädchen aus „Stranger Than Paradise“ spielt die Wirtin des Diners. RZA vom Wu-Tang Clan gibt den UPS-, nein WuPS-Fahrer, und Teenie-Star Selena Gomez ist die jugendliche Touristin, die, verzeiht mir den Spoiler, auch als abgeschlagener Zombiekopf noch gut aussieht.

Staraufgebot bis zum Abwinken

Wer möchte nicht in einem Jarmusch-Film mitspielen? Mit einem derart beeindruckenden Cast musste der Film einfach gut werden. Dass Bill Murray jeden Film aufwertet, braucht man gar nicht zu erwähnen. Ähnlich ist es mit Tilda Swinton, die allerdings im Gegensatz zu Murray, der ja doch immer sehr ähnliche, lakonische Rollen gibt, wieder etwas völlig Neues aus dem Hut zaubert: Bestatterin Zelda Winston ist freundlich, aber extrem seltsam – was ihre Umgebung einfach damit erklärt, dass sie Schottin sei. Ach so. Warum sie allerdings überirdisch gut mit dem Samuraischwert umgehen kann, darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aufmerksam und weise: Hermit Bob

Steve Buscemi! Wie viele Kotzbrocken hat der schon gespielt, und nun kommt ein neuer hinzu. Als rassistischer, polemischer Farmer mit „Keep America White Again“-Baseballkappe überzeugt er ebenso wie Tom Waits, der mit zunehmendem Alter ein immer besserer, weil immer kauzigerer Schauspieler wird. Sein „Hermit Bob“ lebt im Wald und beobachtet das Geschehen in Centerville mit Abstand – und Weisheit. Seine Erzählstimme bleibt im Gedächtnis.

Centerville und andere Nettigkeiten

Hallo Musikfans, klingelt’s beim Namen „Centerville“? Genau. Im Musikfilm „200 Motels“ über das Tourleben einer Rockband beschreibt Frank Zappa den Ort Centerville, durch den sie auf ihrer Fahrt kommen, als „A Real Nice Place to Raise Your Kids Up“, und als Hommage platziert Jarmusch den Slogan „A Real Nice Place“ auf dem Ortsschild von Centerville. Nice!

Zelda kann mit einem Schwerthieb mehrere Zombies niederstrecken

Der Titelsong „The Dead Don’t Die“ des traditionellen US-Countrysängers Sturgill Simpson begleitet uns durch den Film. Er läuft im Radio, die CD gibt’s in der Tanke zu kaufen, und dann läuft er erneut im Auto. Dafür gibt es Gründe … Und auch hier gibt es eine zauberhafte Anekdote: Der Zombie, der „Guitar!“ murmelnd sein Saiteninstrument hinter sich her zieht, wird natürlich von Simpson verkörpert.

„Having already appeared in what I consider to be the greatest zombie movie of all time, ,Zombieland‘, I felt like ,The Dead Don’t Die‘ could almost typecast me. Maybe I’ll become synonymous with the zombie horror genre!“ (Bill Murray, mit Chloë Sevigny und Adam Driver)

Besonderen Spaß machen einige Textpassagen auf der Metaebene, die hier nicht zitiert werden sollen, um selbigen nicht zu verderben. Einfach selbst gucken und freuen!

Sinn und Unsinn

Einige Kritiken, die man im Netz schon über „The Dead Don’t Die“ finden kann, fragen nach dem Sinn des Films. Da kann man sich diverse schöne Sachen ausdenken: der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, allgemein die Lage der Nation Amerika, vielleicht auch zeigen, dass es Menschen gibt, die auch in der größten Katastrophe nicht den Humor verlieren. In den Produktionsnotizen ist zu lesen, der Film wolle die inhaltliche Interpretation komplett dem Publikum überlassen – warum auch nicht, schließlich funktionieren viele Kunstwerke so. Und ganz vielleicht hatten Jim Jarmusch und sein illustres Team auch einfach Bock drauf, einen guten Zombiefilm zu drehen. Das ist gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Tilda Swinton unter Schauspielerinnen, Filme mit Steve Buscemi, Adam Driver und Bill Murray in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Dead Don’t Die
USA/SWE 2019
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Iggy Pop, Selena Gomez, Danny Glover, Rosie Perez, RZA, Caleb Landry Jones, Austin Butler, Eszter Balint, Carol Kane
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Anja Rohde

Filmplakate & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH, Szenenfotos: © 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Suspiria (2018) – Von der Emanzipation der Kunst

Suspiria

Von Lucas Gröning

Horror // 1977 gelang Dario Argento mit seinem Werk „Suspiria“ ein Meilenstein des Horrorgenres. Der Italiener setzte mit dem Film vor allem stilistisch neue Maßstäbe. Die heute noch beeindruckende Farbgebung war damals revolutionär und verleiht dem Film ein historisch einmaliges Merkmal. 1980 und 2007 drehte Argento mit „Inferno“ und „The Mother of Tears“ zwei Fortsetzungen, welche die Brillanz des 1977er-Kultfilms allerdings nicht erreichen. Zusammen sind die drei Filme bekannt als die „Mutter-Trilogie“ oder „The Three Mothers“. 2018 folgte ein gleichnamiges Remake von „Suspiria“ unter der Regie des Italieners Luca Guadagnino („A Bigger Splash“, 2015) – um diese Neuverfilmung geht es im vorliegenden Text. Der Regisseur ist bereits seit 20 Jahren aktiv, dürfte einem breiten Publikum aber erst durch seine fantastische Romanverfilmung „Call Me by Your Name“ aus dem Jahr 2016 bekannt sein, die vielfach prämiert wurde, darunter mit dem Oscar fürs beste adaptierte Drehbuch. In dieser erzählt er die Geschichte zweier Männer, die sich in einem Sommer in der italienischen Provinz näherkommen. Klingt nicht unbedingt nach der besten Referenz, um einen Horrorfilm zu drehen, nicht wahr? Und wenn man sich die gesamte Filmografie des Italieners zu Gemüte führt, so findet man kein Werk, das sich auch nur entfernt dem Horrorgenre zuordnen lässt, geschweige denn der skurrilen Optik des „Suspiria“-Originals nachempfunden ist. Und doch muss man nach Sichtung des Filmes feststellen: Guadagnino und seinem Team ist mit diesem Remake ein Meisterwerk gelungen, das sich nahtlos in die Reihe großer Horrorfilme einreiht und seiner ohnehin schon großartigen Vorlage in nichts nachsteht.

Worum geht es in „Suspiria“? Wir schreiben das Jahr 1977. Nach dem Tod ihrer Mutter zieht die junge Susie Bannion (Dakota Johnson) nach Berlin, um sich bei der Tanzakademie von Helena Markos (Tilda Swinton) einzuschreiben. Sie erweist sich als sehr talentiert und zieht bereits beim Vortanzen die Aufmerksamkeit der Unterrichtsleiterin Madame Blanc (ebenfalls Tilda Swinton) auf sich. Durch das Ausscheiden einer Tänzerin wird Susie innerhalb kürzester Zeit die Ehre zuteil, die zentrale Rolle in der seit Monaten eingeübten Tanzaufführung des Stücks „Volk“ einzunehmen. Schnell fühlt sich Susie in der Tanzakademie wie zu Hause und genießt die familiäre Harmonie, die unter den Tänzerinnen und ihren Lehrerinnen herrscht – Doch der Schein trügt und mit dem unerklärlichen Verschwinden einiger Schülerinnen wird klar, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Susie beginnt in der Tanzakademie …

Tatsächlich sind alle Lehrerinnen Teil eines uralten Hexenzirkels, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen jüngeren Wirt für die Seele ihrer alternden und immer schwächer werdenden Vorsitzenden Helena Markos zu finden. Als neue Musterschülerin gerät Susie ins Visier der diabolischen Organisation. Während die Hexen alle Hebel in Bewegung setzen, die Übertragung von Markos’ Geist auf den jungen Körper der Tanzschülerin vorzubereiten, bekommt der alte Doktor Josef Klemperer (erneut Tilda Swinton, unter dem Pseudonym Lutz Ebersdorf) Wind von den Vorkommnissen in der Akademie und folgt den Spuren der verschwundenen Mädchen.

Das etwas andere Remake

Diese Geschichte entspricht in Grundzügen Dario Argentos Original, weicht jedoch in einigen wichtigen Punkten ab. Guadagninos Film sollte deshalb nicht als 1:1-Remake des 1977er-Films verstanden werden, macht er doch viele Sachen fundamental anders – und das nicht nur bezüglich der Story. Bleiben wir doch aber zunächst bei der Geschichte: Spielt sich diese im Original noch im recht unmarkierten Freiburg des Jahres 1977 ab, so wurde sie bei der Neuverfilmung ins politisch klar gekennzeichnete Berlin desselben Jahres übertragen. Immer wieder werden wir darauf hingewiesen, dass sich die Stadt aufgrund der Aktionen der Rote Armee Fraktion (RAF) in Unruhe befindet. Diese versucht, durch die Entführung des Passagierflugzeugs „Landshut“ und des damaligen Präsidenten des deutschen Arbeitgeberverbandes sowie ehemaligen SS-Funktionärs Hanns Martin Schleyer die Freilassung mehrerer Terroristen zu erwirken. Zugleich ist Berlin selbst als ehemalige Hochburg des Nationalsozialismus und Hauptstadt des Deutschen Reiches markiert. Auf die tiefergehende Bedeutung dieser politischen Hintergründe gehe ich später ein, denn es ist nicht nur der Ort, der sich im Vergleich zum Original geändert hat.

… und wird fester Bestandteil der Tanzgruppe

Die Geschichte des Remakes ist wesentlich umfangreicher, was sich auch in der Laufzeit widerspiegelt, ist die Neuauflage doch etwa eine Stunde länger als ihre Vorlage. Dies drückt sich in mehreren Aspekten aus. Zum einen fehlt die Storyline um Doktor Klemperer im Original völlig – sie wurde extra für das Remake geschrieben. Zum anderen lauschen wir ausufernden Dialogen, sodass die einzelnen Szenen wesentlich länger sind als im Original. Einer der wohl größten Unterschiede zum Original ist die Häufung von Tanzszenen und deren ausufernde Länge. Bekommen wir im Original nur wenige dieser Szenen zu Gesicht, so stellen der Tanz und seine Choreografie den zentralen Punkt des Remakes dar. Auch im Original drückt sich Kunst auf eine ganz bestimmte Weise aus, jedoch ist es in diesem Fall nicht der Tanz, sondern die künstlerische Farbgebung der Akademie und die unheimliche Atmosphäre, die dadurch ausgedrückt werden. Im Werk aus dem Jahr 2018 sind die Farben satt und es ist kein Vergleich zu den ins Auge stechenden dominanten Paletten von Argentos Werk zu erkennen.

Autorität und Kunst

Der Tanz sowie seine Rolle in der Akademie ist es, welcher das Grundthema des Films vorgibt. Tatsächlich sehen wir wunderschön eingefangene Tanzchoreografien, die jedoch nichts von einer freiheitlich-künstlerischen Darstellung haben. Die Choreografie an sich und das Beharren der Lehrenden auf der strikten Einhaltung dieser Vorgabe verhindern eine echte Entfaltung der Künstler, in diesem Fall der Tänzerinnen. Jeder Fehler, jede minimale Abkehr oder falsche Haltung einer Darstellerinnen korrigiert Madame Blanc sofort. Sie und die anderen Hexen übernehmen hier die Repräsentation eines zutiefst autoritären und einschränkenden Kunstverständnisses. Entfaltung und die freie Auslegung künstlerischer Vorgaben haben in den Wänden der Akademie keinen Platz. Auch die Darstellung der Tänzerinnen selbst spricht hier zum Zuschauer. Wir sehen wunderschöne junge und zutiefst unschuldige Frauen, deren Körper stehts durch konservative Kleidung bedeckt werden. Nur im Tanz bietet sich ihnen die Möglichkeit freier Entfaltung, die jedoch durch die Strenge der Akademie und des Stückes nie vollständig erreicht werden kann. Somit sind auch die Emanzipation der Frauen aus diesem engen Korsett sowie deren freie Entfaltung als sexuelle Wesen unmöglich.

Kein Wunder, dass der aufzuführende Tanz „Volk“ seinen Ursprung im nationalsozialistischen Deutschland unter Adolf Hitler hat, wie mehrmals im Film erwähnt wird. Mit dem Doktor sehen wir auch die Darstellung eines Opfers dieses brutalen Systems. Klemperer verlor seine Frau gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und es besteht die Möglichkeit, dass sie entweder den Nationalsozialisten selbst oder dem von ihnen initiierten Krieg zum Opfer fiel. Neben dem Nationalsozialismus wird das Thema Religion thematisiert und der Gottglauben als Einschränkung auf die freie Entfaltung des Individuums empfunden. Die Lehrerinnen selbst werden innerhalb der Akademie als die „neuen Mütter“ der Tänzerinnen und schließlich auch als ihre Gottheiten aufgebaut, deren Anweisungen ohne Zögerungen Folge zu leisten ist und die die Frauen vor der Bosheit beschützen, welche außerhalb der Akademie lauert. Eine Abkehr oder eine Auflehnung gegen diese Autorität hat unendliche Qualen oder den Tod zur Folge. Es treffen hier also drei autoritäre oder gar totalitäre Systeme aufeinander: der Nationalsozialismus, die Religion und die Regularien des Hexenzirkels. In Fusion ergibt das eine durch und durch bösartige, die freie Kunst und Emanzipation ablehnende Form weiblicher Autorität.

Emanzipation und Widerstand

Doch der Film bietet auch einen Gegenpart zu dieser Autorität:, repräsentiert durch die neue Schülerin Susie. Sie fügt sich anfangs noch sehr klar in die Machtstrukturen der Akademie ein. Widerstand oder gar Widerspruch ist von ihr nicht zu erwarten. Doch mit der Zeit beginnt sie aufzubegehren, jedoch weniger durch ihre Sprache – sie spricht durch die Kunst selbst. Anstatt Madame Blanc aggressiv zu widersprechen, macht sie Vorschläge zur Abänderung der Choreografie. Susie argumentiert, warum bestimmte Änderungen die von ihr in den Tanz interpretierte Aussage stärker betonen. Madame Blanc will davon nichts wissen und versucht, Susie wieder in das System einzugliedern, was zunächst zu gelingen scheint.

Madame Blanc spielt ein gefährliches Spiel mit den Tänzerinnen

Bei einer Aufführung jedoch taucht auf einmal Susies sich in Trance befindliche Freundin Sara (Mia Goth) auf, deren freier Wille von den Hexen genommen wurde und die nur noch als leere Hülle fungiert, um ihre Rolle innerhalb des Tanzes auszuüben. Trotz gebrochenem Bein tanzt sie ihren Part perfekt. Das ändert sich erst, als sich Susie dazu entschließt, mitten in der Performance zu improvisieren und so aus den festen Strukturen des Stückes auszubrechen. Dieser Ausbruch ist es, der Sara aus dem Griff der Hexen entlässt und dafür sorgt, dass sie in Front des Publikums zusammenbricht. Mit einem Schlag wird den Zuschauerinnen und Zuschauern somit die gesamte Brutalität der Akademie ersichtlich. Wenn Madame Blanc in der nächsten Szene zu Susie geht und sie dazu ermahnt, nie wieder eine solche Improvisation zu wagen, so versucht sie damit, die alten, autoritären Strukturen zu erhalten. Wenn sie zugleich jedoch betont, dass sie Susie liebt, so liebt sie nicht Susie als Person – sie liebt die künstlerische Entfaltung und die damit einhergehende Freiheit, die sich in ihr manifestiert. Sie liebt ihre Emanzipation als Frau, die ihren Ausdruck in der Improvisation findet, genauso wie ihre Emanzipation von den einengenden Strukturen eines autoritären Kunstbegriffs. Kurzum: Die Emanzipation der Kunst an sich ist es, die dem Charakter Susie in dieser Szene gelingt.

Es ist dieser rebellische Widerstand, der sich auch auf politische Konflikte übertragen lässt und der in kurzen Einschüben durch die RAF repräsentiert wird. Widerstand, das Hinterfragen und Aufbegehren gegen die beherrschende Ordnung sind ein fundamentaler Teil von Demokratie und Freiheit. Die Handlungen der RAF werden daher bereits zu Beginn von Madame Blanc gerechtfertigt, wodurch sich bereits früh ihre Liebe zur Freiheit und ihre unterschwellige Ablehnung autoritärer Strukturen zeigt. Wohlgemerkt macht sie ihre Ablehnung gegenüber den terroristischen Anschlägen der Organisation deutlich, verteidigt jedoch die Ideale der Fraktion, welche aus einem Kampf gegen die Überbleibsel der autoritären, nationalsozialistischen Strukturen des Deutschlands vor dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden.

Die Befreiung von den Fesseln des Originals

In gewisser Weise ist auch der Film selbst rebellisch. Er ist so viel anders als das Original von Dario Argento und schafft es dennoch, ein genialer eigenständiger Film zu sein. In Guadagninos Werk manifestiert sich die Definition eines freien Kunstbegriffs. Ein Werk, das sich nicht bloß durch die Strukturen seiner Vorlage einengen lässt und deren Handlung, sowie den einprägsamen Stil einfach kopiert. Der Regisseur traut sich hier etwas vollkommen anderes, beweist Mut und hat damit selbst ein einzigartiges, brillantes Werk geschaffen. Guadagninos „Suspiria“ schafft es, seine Vorlage zu ehren, einen anderen Weg zu gehen und seine eigene Geschichte mit eigenen Motiven zu erzählen. Guadagnino, der gern mit der stets famosen Tilda Swinton dreht, hat hier wirklich Kunst geschaffen und einen Film gedreht, der für genau die Freiheit eintritt, die nötig war, damit er dieses Werk überhaupt realisieren konnte. Somit entstand mit „Suspiria“ (2018) zwar ein Remake, jedoch eine zutiefst eigenständige Neuverfilmung, die selbst zu den Meisterwerken des Horrorgenres gezählt werden kann. Bleibt zu hoffen, dass auch künftige Remakes diesen Mut aufbringen – es wird an weiteren Neuverfilmungen bekannter Stoffe sicher nicht mangeln.

Doktor Klemperer will den Hexen auf die Spur kommen

Bei der Heimkino-Veröffentlichung der Neuverfilmung arbeiteten die beiden Label capelight pictures und Koch Films zusammen. Der Film wird in mehreren Editionen veröffentlicht. Besonderes Augenmerk sollte hier auf die Ultimate Edition, sowie die Veröffentlichungen im Mediabook gelegt werden. Die Ultimate Edition ist eine Box im üppigen Format von 33 x 33 Zentimetern, die gleich zehn Discs umfasst und unter anderem auch Dario Argentos 1977er-Original als Blu-ray und UHD Blu-ray enthält. Des Weiteren sind die fantastischen Soundtracks beider Filme enthalten. Im Film von Argento zeichnete die heute legendäre italienische Progressive-Rock-Band Goblin für die Musik verantwortlich, während man für das Remake Radiohead-Frontmann Thom Yorke verpflichten konnte. Außerdem finden sich in der Ultimate Edition zwei Din-A1-Poster, acht Art-Cards, sowie ein 64-seitiger Bildband mit Motiven aus beiden Filmen.

Die Mediabooks wiederum umfassen ein 28-seitiges Booklet mit unter anderem einem Interview mit Regisseur Luca Guadagnino. Auch der Text von Prof. Dr. Marcus Stiglegger dürfte lesenswert sein – das Booklet lag mir aber nicht vor. Zusätzlich sind Interviews von Cast und Crew auf Film enthalten sowie kleinere Making-ofs. Je nach Veröffentlichung haben die Mediabooks außerdem verschiedene Cover: Cover A ist dabei etwas kleiner und kommt in der üblichen Größe von Koch Films daher, Cover B im üblichen Format von capelight pictures.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Chloë Grace Moretz und Tilda Swinton sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. April 2019 als 10-Disc Ultimate Edition (2 4K UHDs, 3 Blu-rays, 2 DVDs, 3 Soundtrack-CDs, limitiert auf 3.000 Exemplare), 3-Disc Limited Collector’s Edition Mediabook (2 Blu-rays & 1 DVD), 4K UHD inkl. Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 152 Min. (Blu-ray), 146 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Originaltitel: Suspiria
IT/USA 2018
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: David Kajganich
Besetzung: Chloë Grace Moretz, Tilda Swinton, Dakota Johnson, Doris Hick, Angela Winkler, Ingrid Caven, Malgorzata Bela, Vanda Capriolo, Alek Wek, Jessica Batut, Elena Fokina, Mia Goth, Clémentine Houdart, Sylvie Testud
Zusatzmaterial Ultimate Edition: Dario Argentos „Suspiria“ (1977) auf Blu-ray und UHD Blu-ray (101 Min.), 64-seitiger Bildband mit seltenen Werbematerialien und Bildern der beiden Suspiria Filme sowie einem Interview mit Luca Guadagnino und einem Text von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, 2 Poster (DIN A1), 8 Art-Cards, Bonus-Blu-ray „Suspiria“ (2018): BAFTA-Guru-Masterclass mit Luca Guadagnino (74 Min.), Die Oscar-Academy im Gespräch mit Luca Guadagnino und Cast (11 Min.), Interviews mit Cast und Crew (39 Min.), Making-of (4 Min.), Die Kunst des Tanzens (4 Min.), Der Look (4 Min.), Die Masken (4 Min.), Teaser und Trailer (4 Min.), Bonus-DVD „Suspiria“ (1977): Audiokommentar mit Prof. Dr. Marcus Stiglegger und Dr. Kai Naumann, deutscher Teaser und Trailer, US-Trailer und -TV-Spot, Dokumentation über die Restaurierung (57 Min.), Interviews mit Dario Argento (123 Min.), Cinestrange Specials, u. a. mit Dario Argento und Claudio Simonetti (39 Min.), Dario Argento bei „World of Horror“ (14 Min.), Bildergalerien, zwei Soundtrack-CDs mit der Musik zum 2018er-Film von Thom Yorke (81 Min.), Soundtrack-CD mit der Musik zum 1977er-Film von Goblin (46 Min.)
Zusatzmaterial Mediabooks: 28-seitiges Booklet mit einem Interview mit Luca Guadagnino und einem Text von Prof. Dr. Marcus Stiglegger, BAFTA-Guru-Masterclass mit Luca Guadagnino (74 Min.), Die Oscar-Academy im Gespräch mit Luca Guadagnino und Cast (11 Min.), Interviews mit Cast und Crew (39 Min.), Making-of (4 Min.), Die Kunst des Tanzens (4 Min.), Der Look (4 Min.), Die Masken (4 Min.), Teaser und Trailer (4 Min.)
Zusatzmaterial Single-DVD, Single-Blu-ray und 4K Ultra HD Blu-ray: Teaser und Trailer
Label: capelight pictures / Koch Films

Copyright 2019 by Lucas Gröning

Packshots & Trailer: © 2019 capelight pictures / Koch Films, Szenenfotos: © 2018 Amazon Studios

 
 

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