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Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber – Bon Appétit

The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover

Von Andreas Eckenfels

Groteske // Ich bin auch Künstler, so wie ich mein Geschäft mit meinem Vergnügen verbinde. Geld ist mein Geschäft und Essen ist mein Vergnügen. Und Georgie ist auch mein Vergnügen, allerdings auf einer viel privateren Ebene, als sich den Mund vollzustopfen und die Abwasserkanäle zu füttern. Obwohl diese Vergnügen zusammengehören, weil die unanständigen Körperteile und die schmutzigen Körperteile so nahe beieinander liegen, dass man daran sieht, wie Sex und Essen zusammengehören.

Wie jeden Abend dinieren Albert Spica und Gattin Georgina im „Le Hollandais“

Wie jeden Abend schwingt der sadistische Gangsterboss Albert Spica (Michael Gambon) während des Essens im „Le Hollandais“ vor seiner Frau Georgina (Helen Mirren) und seinen Handlangern (u. a. Tim Roth) große Reden. Da er auch der Besitzer des Edelrestaurants ist, schikaniert er die Angestellten und mitunter auch einige Gäste, wie es ihm gefällt. Nur der französische Chefkoch Richard (Richard Bohringer) genießt bei Albert aufgrund seiner kulinarischen Kunstfertigkeiten größten Respekt. Während seiner Tiraden entgeht ihm allerdings, dass die von ihrem Mann angewiderte Georgina immer wieder heimlich mit dem intellektuellen Stammgast Michael (Alan Howard) auf der Toilette verschwindet. Wie lange kann Georgina die Affäre vor ihrem Gatten geheim halten?

Viele Künste opulent vereint

Nicht nur vor der Kamera schauen wir den Künstlern bei der Arbeit zu – sei es beim Kochen oder beim kriminellen Geschäft –, auch dahinter stand ein wahrer Künstler: Bevor sich der britische Regisseur und Drehbuchautor Peter Greenaway dem Medium Film widmete, studierte er Malerei. So lässt er diese wie auch andere Kunstformen dann auch stets in sein Schaffen einfließen. Wie häufig in seinen Werken macht der Regisseur kein Hehl daraus, dass es ein Kunstprodukt ist. Er gaukelt kein filmisches Abbild der Realität vor: Die Kulisse ist eine Theaterbühne.

Es ist angerichtet!

Der kleine Küchenjunge Pup (Paul Russell) singt während des Abwaschens den Psalm 51:2 im schönsten Knabensopran. Bücherwurm Michael schwärmt seiner Geliebten über die Werke der Weltliteratur vor. Das Gemälde, welches Greenaway zum Setdesign des Films inspirierte, hängt groß an der Wand: „Festmahl der Offiziere der Schützengilde St. Georg von Haarlem“ (1616) des niederländischen Barockmalers Frans Hals. Albert Spica und seine Spießgesellen tragen wie die Herren der Schützengilde rot-schwarze Kleidung. Überhaupt gibt es weitere prunkvolle Mode zu sehen – kein Wunder: Modezar Jean-Paul Gaultier durfte sich bei den Kostümen austoben. Die Köstlichkeiten, die Richard und seine Köche zaubern, sind ebenso prunkvoll wie ein Stillleben in Szene gesetzt. Opulenz und Dekadenz liegen in „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ eng beisammen.

Man kennt es schon bei den Zahlen aus Peter Greenaways „Verschwörung der Frauen“ (1988): Vom anfänglichen Öffnen des Vorhangs bis zu dessen Fallen am Ende ist auch „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ komplett durchstrukturiert. Als Trennung der einzelnen Kapitel dient dabei die tägliche Speisekarte des „Le Hollandais“ – wenn ich richtig gezählt habe, sind es zehn Tage, welche die Handlung umfasst. Großartig ist auch die Verwendung der Farben der unterschiedlichen Sets: Auf dem Vorplatz des Restaurants herrschen blaue Farben vor, darauf folgt Grün in der Küche, Rot im Gastraum und Weiß auf der Toilette. Das Besondere ist dabei, dass sich auch die Farbtöne der Kleidung der Protagonisten ändern, je nachdem, in welchem Raum sie sich befinden. So trägt Georgina beim Essen ein rotes Kleid, wenn sie sich mit Michael im Waschraum trifft, ist ihr Kleid weiß. Selbst ihre Zigarette wechselt die Farbe!

Mitchel, einer von Spicas Spießgesellen

Wem bei so viel Kunst der Kopf raucht, der braucht keine Angst zu haben. Trotz aller Theatralik der Inszenierung werden nicht nur Arthouse-Liebhaber an Peter Greenaways wohl bekanntestem Werk ihre Freude haben – sofern sie auch über einen starken Magen verfügen. Leicht zu verdauen ist der Film nicht! Nach eigenen Worten diente dem Regisseur die Tragödie „Schade, dass sie eine Hure war“ des englischen Dramatikers John Ford (1586–1639) als Vorlage für das groteske Rachedrama, das Themen wie
Sex, Macht, Unterdrückung, Gewalt und Kannibalismus miteinander vereint und darüber hinaus eine der absolut abscheulichsten Hauptfiguren der Filmgeschichte zu bieten hat.

Der Dieb und seine Frau

Gleich zu Beginn lässt „der Dieb“ Spica einen säumigen Schuldner nackt ausziehen und ihn mit Hundekot beschmieren. Zum krönenden Abschluss pinkelt er auf den armen Kerl. Eine größere Demütigung gibt es wohl kaum für einen Menschen. Aufbrausend, vulgär und zerstörungswütig ist Spica. Ihn will man wahrlich nicht zum Feind haben. Und ihm widerspricht man auch nicht, weshalb er sich immer und immer wieder bei seinem Bankett in Monologen in Rage redet, dazwischen stopft er sich kurz mal die feinsten Speisen rein und säuft wie ein Loch. Dabei weiß er noch nicht mal, was er sich in den Mund steckt. Spica verschlingt einfach, was ihm vorgesetzt wird. Der Herrscher dieses Orts ist kein Gourmet, sondern ein reiner Konsument, weil er sich dieses Vergnügen leisten kann. Wer Darsteller Michael Gambon nur als sanftmütigen Professor Dumblebore mit Rauschebart aus den „Harry Potter“-Abenteuern kennt, der mag hier überrascht sein über seinen eindrucksvoll abstoßenden Auftritt.

Spicas Untertanen sind nicht nur die wechselnden Kleinganoven am Tisch und das Personal des Lokals, sondern natürlich auch „seine Frau“ Georgina. Georgina ist kultiviert, im Gegensatz zu ihrem Mann versteht sie den Unterschied zwischen „poisson“ (französisch für Fisch) und „poison“ (englisch für Gift) auf der Speisekarte des französischen Restaurants. Dass sie raucht, passt dem Gangster überhaupt nicht. Verständlich, dass sie sich zu dem ruhigen und belesenen Michael hingezogen fühlt. „Ihr Liebhaber“ ist das genaue Gegenteil von Spica. Ihm erzählt sie auch später, schon mehrmals erfolglos versucht zu haben, vor ihrem gewalttätigen Gatten zu fliehen. Wenn sie sich mit Michael auf der Toilette oder in der Küche trifft, legt sie es fast darauf an, von Spica beim Liebesspiel erwischt zu werden, um endlich herauszukommen aus dieser Beziehung, selbst wenn es ihren Tod bedeuten sollte. Es wäre ein befreiender Akt aus der Sklaverei. Die große Mirren gibt hier wie immer eine überzeugende Vorstellung ab, als verängstigte Georgina, die sich nach wahrer Liebe sehnt. Die wilden Jugendjahre der furchtlosen Gewinnerin von Oscar („Die Queen“) und Golden Globe („Die Queen“, „Abschied von Chase“) sowie etlicher weiterer wichtiger Filmpreise – etwa in Berlin, Cannes und Venedig – sind bekannt: Weder in „Das Mädchen vom Korallenriff“ (1969) noch im Skandalwerk „Caligula“ (1979) hatte sie Probleme damit, sich nackt zu zeigen, wenn es der Kunst dient. So zieht Mirren auch hier häufig blank und liebt sich offenherzig mit Michael-Darsteller Alan Howard, der ebenfalls alle Hüllen fallen lässt.

Der Koch und der Liebhaber

„Der Koch“ Richard ist in seiner Küche ein Herrscher, aber keiner wie der gewalttätige Gangsterboss Spica. Von herzensgutem Gemüt, weiß er, dass er sich auf seine Angestellten verlassen kann, sie stehen ebenso hinter ihrem Chef. Um seine Kochkunst ausüben zu können, muss er allerdings seinem Gönner gehorchen, so wie viele Künstler in der Geschichte. Ein Zwiespalt, auch ihn widert Spica an. Als einer der Wenigen kann ihn Richard mit Worten und Essen besänftigen und er teilt mit kleinen Seitenhieben aus. Der Koch serviert Georgina spezielle Köstlichkeiten, was Spica eifersüchtig macht, und wie alle Angestellten des „Le Hollandais“ weiß er über die Affäre zwischen Georgina und Michael Bescheid. Er erlaubt dem Paar auch häufig, dass es versteckt in seiner Küche seine Liebe ausleben darf.

Albert lädt Michael (l.) an seine Tafel – Chefkoch Richard (2. v. l.) weiß von der Affäre

Peter Greenaway hatte für die titelgebende Figurenkonstellation bereits die eine Schauspielerin und drei Schauspieler fest im Kopf und gab den vier Charakteren in seinem Drehbuch bereits deren Vornamen. Richard Bohringer, bekannt aus „Die letzte Metro“ (1980) und „Diva“ (1981), ist allerdings der Einzige, der es auch wirklich wie vorgesehen als Koch Richard in den Film schaffte. Die anderen Rollen hätten nach Greenaways Vorstellungen ursprünglich Albert Finney („Mord im Orient-Express“, „Tödliche Entscheidung“) und Georgina Hale („Die Teufel“, „Cockneys vs Zombies“) einnehmen sollen. Da Finney absagte, wechselte Michael Gambon kurzerhand die Rolle: Vom Liebhaber wurde er zum Gangsterboss. Für ihn sprang Alan Howard („Der Teufelskreis“) als Michael ein, der als langjähriges Mitglied der Royal Shakespeare Company in zahlreichen Stücken des englischen Dichterbarden auf der Bühne stand. Zudem sprach er in der Originalfassung von Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Trilogie den dunklen Herrscher Sauron und lieh auch dem „Einen Ring“ seine Stimme. 2015 starb Alan Howard im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.

Filmischer Leckerbissen

Peter Greenaway ist ein kunstvolles Meisterwerk gelungen, in dem die Schönheit des Schreckens zelebriert wird. Mit jeder weiteren Sichtung gibt es neue Stilmittel und Einflüsse zu entdecken. Einige davon und weitere Hintergründe zu Greenaways Schaffen hat Christoph N. Kellerbach in seinem gewohnt versiert geschriebenen Booklet im Mediabook von justbridge entertainment integriert. Die Blu-ray-Qualität kann da leider nicht ganz mithalten. Die Farben sind ziemlich blass, es wurde wohl ein altes Master verwendet. Eine Restaurierung hätte der Film bitter nötig. Aber wie dem auch sei: „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ bleibt ein Leckerbissen für wahre Film-Gourmets. Bon Appétit!

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Helen Mirren haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Tim Roth unter Schauspieler.

Das Beste kommt zum Schluss!

Veröffentlichung: 28. August 2020 als limitiertes 2-Disc Mediabook (Blu-ray und DVD), 5. Juni 2020 als DVD, 30. Oktober 2003 als DVD

Länge: 119 Min. (Blu-ray), 112 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover
GB/F/NL 1989
Regie: Peter Greenaway
Drehbuch: Peter Greenaway
Besetzung: Richard Bohringer, Michael Gambon, Helen Mirren, Tim Roth, Alan Howard, Ciarán Hinds, Gary Olsen, Ron Cook, Ewan Stewart
Zusatzmaterial: Mediabook: 20-seitiges Booklet von Christoph N. Kellerbach
Label/Vertrieb 2020: justbridge entertainment GmbH
Label/Vertrieb 2003: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2021 by Andreas Eckenfels

Szenenfotos & unterer Packshot: © 2020 justbridge entertainment

 

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Herbststurm – Tod in Kanada

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October Gale

Von Volker Schönenberger

Thriller-Drama // Um den Tod ihres Ehemanns zu verarbeiten, zieht sich die Ärztin Helen (Patricia Clarkson) in ihre abgelegene Hütte zurück, die auf einer in den Ausläufern der Großen Seen gelegenen kanadischen Insel liegt. In all die so schönen wie schmerzhaften Erinnerungen, die dort hochkommen, platzt jäh William (Scott Speedman), der eines Tages mit einer Schusswunde im Körper angespült wird. Obwohl Helen ihn pflegt und die Wunde fachkundig versorgt, gibt er kaum etwas über sich preis, schon gar nicht über das Zustandekommen seiner Verletzung. Als Helens Bekannter Al (Aiden Devine) auftaucht, bleibt William verborgen. Bei seiner Abfahrt tut Al etwas Merkwürdiges: Er löst Helens Boot von ihrem Steg und schneidet sie so von der Außenwelt ab. Das bleibt nicht ihr einziges Problem: Tom (Tim Roth) taucht auf, der Schütze, der Williams Wunde verursacht hat. Nun will er sein Werk vollenden …

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Helen trauert um ihren Ehemann

Die 2004 für „Pieces of April – Ein Tag mit April Burns“ Nebenrollen-Oscar- und Golden-Globe-nominierte Patricia Clarkson spielte bereits in „Cairo Time“ (2009) unter Regisseurin Ruba Nadda. Obwohl der Fokus von „Herbststurm“ genaugenommen auf zwei Prota- und einem Antagonisten liegt, trägt sie den Film mühelos. Scott Speedman („Underworld“) kann da erwartungsgemäß nicht ganz mithalten, darf aber zur Freude der Frauenwelt seinen gut gebauten Oberkörper zeigen, während Helen Williams Wunde versorgt. Tim Roth („Reservoir Dogs“, „The Hateful Eight“) taucht erst nach mehr als einer Stunde auf und kann so seine Präsenz nur noch partiell einbringen, aber besser als nichts. Die Auflösung gibt’s dann auch erst peu à peu mit dem Showdown. Ganz nachvollziehbar sind Toms Beweggründe nicht, offen bleibt auch, wie er Al zum Komplizen machen konnte. Ein paar Szenen mehr mit Tom hätten das Ganze vielleicht noch runder gemacht.

Melodram oder Thriller?

Über eine Stunde dreht sich im Grunde alles um Helen, parallel dazu auch um ihre sich langsam entwickelnde Beziehung zu William. Das ist bedächtig und mit Gefühl für das Duo inszeniert, von Thriller ist da aber wenig zu spüren, „Herbststurm“ ist phasenweise mehr Melodram. Der Showdown ist ebenfalls alles andere als hoch explosiv, aber das würde auch nicht zum Rest passen. Wer sich auf die ruhige Erzählweise einlassen kann und keinen lupenreinen Thriller erwartet, kann an „Herbststurm“ Gefallen finden. Nur auf Action sollte niemand hoffen.

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Die Witwe versorgt den angeschossenen Unbekannten

Patricia Clarkson bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Herbststurm (2014)
Maze Runner – Die Auserwählten in der Brandwüste (2014)
Maze Runner – Die Auserwählten im Labyrinth (2015)

Tim Roth bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Last Hitman – 24 Stunden in der Hölle (2012)
Herbststurm (2014)
Hardcore (2015)
The Hateful Eight (2015)

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Tom hegt keine friedfertigen Absichten

Veröffentlichung: 3. September 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 87 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: October Gale
KAN 2014
Regie: Ruba Nadda
Drehbuch: Ruba Nadda
Besetzung: Patricia Clarkson, Scott Speedman, Tim Roth, Callum Keith Rennie, Dani Kind, Aidan Devine, Billy MacLellan, Eric Murdoch
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Tiberius Film

 

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The Hateful Eight – Shakespeare im Wilden Westen

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The Hateful 8

Kinostart: 28. Januar 2016

Von Florian Schneider

Western // Kopfgeldjäger John Ruth (großartig: Kurt Russell) macht es sich wirklich nicht leicht: Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Beute lebendig dem Henker zu übergeben, selbst wenn es auf dem Steckbrief „Dead or Alive“ heißt und selbst wenn das beschwerlicher ist, als die Gesuchten bei der Gefangennahme mit Blei vollzupumpen. Diese Vorgehensweise brachte Ruth den Spitznamen „The Hangman“ ein.

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Bad Motherfucker: Kopfgeldjäger Marquis Warren

Zu Beginn von Tarantinos neuem Meisterwerk sehen wir dem Kopfgeldjäger bei seinem Versuch zu, die berüchtigte Schwerverbrecherin Daisy Domergue (Jennifer Jason Lee mit erstaunlichem Mut zur Hässlichkeit) mittels einer gemieteten Postkutsche nach Red Rock und damit zum Galgen zu überführen. Verständlich, dass Ruth nicht erfreut ist, als sich zuerst der ehemalige Nordstaatenmajor und jetzige Kopfgeldjäger Marquis Warren (Samuel L. Jackson) und kurze Zeit später auch der zwielichtige Südstaatler Chris Mannix (Walton Goggins) anschicken, Ruths und Daisys Reisegefährten zu werden. Mannix gibt vor, der neue Sheriff von Red Rock zu sein – ausgerechnet.

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John Ruth (l.) hat wenig Lust auf Gesellschaft

Doch ob eines herannahenden Blizzards stimmt das Raubein Ruth zähneknirschend zu und die bunte Truppe flieht gemeinsam vor dem Schneesturm zu einem einsam gelegenen Außenposten von Red Rock, der nach der Besitzerin benannten Handelsstation „Minnies Kleinwarenladen“.

Tim Roth anstelle von Christoph Waltz

Dort angekommen, ist die Besitzerin zwar nicht anzutreffen, dafür erwartet das Quintett (inklusive des Kutschers) dort ein illustrer Haufen von Spießgesellen, unter anderem der vorgeblich neue Henker von Red Rock (Tim Roth in einer Christoph-Waltz-Gedächtnisrolle) sowie der Südstaatengeneral und Warrens Erzfeind Sandy Smithers (Bruce Dern), die ebenfalls Unterschlupf vor dem Sturm gesucht und gefunden haben. Bald jedoch ahnen die inzwischen verbündeten Kopfgeldjäger, dass etwas faul ist im Staate Dänemark – und während draußen der todbringende Blizzard eine undurchdringliche Barriere bildet, beginnt drinnen das blutige Kammerspiel.

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Hässlicher Feger und schlimmer Finger: Daisy Domergue

Es ist ein cineastisches Gegenbild, das Tarantino nach dem opulenten, schauplatzreichen und farbenfrohen „Django Unchained“ entwirft. Nach dem ersten Teil des Films, der praktisch ausschließlich in der Postkutsche spielt, wird in der Folge der Verkaufs- und Gastraum der Handelsstation einziger Schauplatz der restlichen Handlung bleiben. Der lebensbedrohliche Sturm setzt dabei den natürlichen Rahmen dieser absoluten Verdichtung von Zeit und Raum und dient zugleich als Sinnbild des Psychoduells, das sich in seinem geschützten Herzen zu entspinnen beginnt. So ist „The Hateful Eight“ auch mehr Shakespeare als Sergio Leone, Sergio Corbucci oder Sergio Solima – großartig in seinen Dialogen (wie gewohnt) und unbarmherzig in der Unabwendbarkeit des blutigen Finales.

Reminiszenz an John Fords „Stagecoach“

Trotz aller Nähe zur shakespeareschen Tragödie und zum Theater bewegt sich Tarantino wie gewohnt auf seiner gewohnten Spielwiese, dem filmhistorischen Referenzraum. So ist es natürlich kein Zufall, dass durch die beiden zentralen (und einzigen) Handlungsorte Postkutsche und Handelsstation Erinnerungen an John Fords großen Westernklassiker „Stagecoach“ (dt. „Ringo“ oder „Höllenfahrt nach Santa Fé“) aus dem Jahr 1939 wach werden. Auch der Italo-Western erfährt vielfache Würdigung, nicht nur durch die Figur des pfeiferauchenden Marquis Warren, der locker durchgeht als afro-amerikanische Version der zahlreichen Helden und Schurken wie Sabata und Sentenza, die Lee Van Cleef in den 60er- und 70er-Jahren so genial verkörpert hat. Nicht zu vergessen der zwar spärlich eingesetzte, aber brillante Soundtrack von Altmeister Ennio Morricone!

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Trio Infernal: John Ruth, Daisy Domergue und General Sandy Smith (v. l.)

Leider konnte ich die Langfassung im Ultra Panavision 70mm Format nicht sehen, aber zumindest die durchlebten 167 Minuten vergingen wie im Flug. Weshalb der Meister dieses extreme Format ausgerechnet für „The Hateful Eight“ einsetzte, der, wie gesagt, auf epische Naturaufnahmen und dynamischen Actionszenen fast gänzlich verzichtet, bleibt mir allerdings ein Rätsel. Dieses Format hätte aus meiner Sicht bei „Django Unchained“ deutlich mehr Sinn ergeben. Dennoch gilt: Wieder einmal ein echtes Glanzstück, Mister Tarantino!

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Einer lügt: der neue Henker (l.) und der neue Sherrif von Red Rock

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Quentin Tarantino haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Jennifer Jason Leigh unter Schauspielerinnen, Filme mit Demián Bichir, Bruce Dern, Walton Goggins, Samuel L. Jackson, Michael Madsen, Tim Roth, Kurt Russell und Channing Tatum in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 187 Min. (Ultra Panavision 70mm Format inklusive Ouvertüre), 167 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Hateful 8
USA 2015
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Besetzung: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Michael Madsen, Tim Roth, Bruce Dern, Walton Goggins, Demián Bichir, James Parks, Zoë Bell, Dana Gourrier, Channing Tatum
Verleih: Universum Film

Copyright 2016 by Florian Schneider

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Universum Film

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/01/25 in Film, Kino, Rezensionen

 

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