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Jim Jarmusch (III): The Dead Don’t Die – Zombies in Starbesetzung

The Dead Don’t Die

Kinostart: 13. Juni 2019

Von Anja Rohde

Horror(komödie) // Was haben dieses Blog und der neue Film von Jim Jarmusch gemeinsam? Beide Macher nutzten George Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ als Inspiration! Volker Schönenberger lässt beim Titel seines Weblogs keine Zweifel daran, welches Filmgenre er gut leiden mag und welcher Film ihn da wohl besonders beeindruckte, und auch Jim Jarmusch scheint diesen Zombie-Klassiker nicht nur einmal gesehen zu haben, so viele nette kleine Reminiszenzen finden sich in seinem aktuellen Werk.

Jim Jarmusch und Zombies – funktioniert!

Eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann der in allen Genres beheimatete Jarmusch sich endlich Zombies annehmen würde. Nach dem psychedelischen Western „Dead Man“, dem Samurai-Gangsterdrama „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“, dem existentialistischen „Limits of Control“, dem Liebesfilm „Broken Flowers“ und dem sensationellen Vampirfilm „Only Lovers Left Alive“ dürfen nun Horden von Untoten durch einen Jarmusch-Film wanken.

Da kommen sie aus ihren Gräbern

Warum? Weil die Menschen durch „Polar Fracking“ die Erde kaputt gemacht haben. Da sich die Erdachse verschoben hat, wird es erst nicht dunkel, dann drehen die Haustiere durch, und als es doch endlich Nacht wird, erheben sich die Toten aus ihren Gräbern. Das ist physikalisch schwer erklärbar, aber welcher Zombiefilm liefert schon eine logische Begründung für das Phänomen? Dass die Menschheit selbst an ihrem Unglück schuld ist, welcher Art auch immer es sein mag, das jedenfalls steht ja wohl außer Frage.

Lieblingslied der jungen Frau in der Mitte: „The Dead Don’t Die“

Im Moment der Katastrophe befinden wir uns in Centerville. Diese Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, besteht aus einer langen Straße mit den wichtigsten Einrichtungen (ein Diner, ein Werkzeugladen, eine Tankstelle, ein Motel) und wird bewacht von einem Polizeitrio, welches sich ein Einraumbüro teilt, in das die Gefängniszellen locker eingebaut sind. So richtig viel zu tun gibt’s nicht, mal ist ein Streit zu schlichten, mal eine Tote aufzubewahren (in einer der Zellen), bis die Bestatterin Zeit hat.

Wie tötet man Untote?

Schnell überschlagen sich die Ereignisse, denn mit einer Zombie-Epidemie war nicht zu rechnen. Polizist Ronald Peterson (Adam Driver) ist schnell klar, dass es nichts anderes sein kann und dass die Sache bestimmt nicht gut ausgehen wird (ein Satz, den er mantramäßig den ganzen Film über wiederholen wird – ob er wohl recht behält?); sein Chef Cliff Robertson (Bill Murray) ist erst skeptisch, dann aber Bill-Murray-mäßig stoisch und unerschrocken. Mindy Morrison (Chloë Sevigny) gibt den unglücklichen und überforderten Gegenpart, schlägt sich aber wacker.

Farmer Miller sucht seine Tiere

Denn natürlich muss die Polizei das Städtchen beschützen, und natürlich weiß Peterson, was zu tun ist: Kopf ab! Hierbei zeigt sich eine erste Spezialität der Jarmuschschen Zombies: Da er sie laut eigener Aussage „bloodless and fluidless“ haben wollte, entweicht nur eine kleine Wolke schwarzer Rauch aus ihren abgetrennten Torsi.

„Kill the Head!“

Noch schöner ist allerdings die Idee, allen Zombies einen eigenen Charakter mitzugeben, indem sie mit dem Wunsch nach etwas, das ihnen auch im Leben viel bedeutete, zum Leben erwachen. Das kann ihr Lieblingsgetränk sein (bei dem einen Kaffee, bei der anderen Chardonnay) oder auch die Suche nach WLAN – und bei dieser Sorte Zombies sieht man gleich, dass sich Jarmusch an echten Menschen orientieren konnte. Wer kennt sie nicht, die Leute, die mit stierem Blick auf ihr Smartphone durch die Straßen schlurfen und den Rest um sich herum vergessen? „We’re all attached to things in the material world and we’re all zombies in one form or another — it’s not a huge stretch that we would yearn for those exact same things if we were re-animated.“ (Carter Logan, der zusammen mit Jarmusch in der Band „SQÜRL“ spielt, die für den Soundtrack dieses Films verantwortlich zeichnet.)

Iggy Pop – Zombie der Herzen

Ein besonderer Blick lohnt sich bei einem der beiden Kaffeezombies. Wer den Trailer gesehen und freudig festgestellt hat „Iggy Pop als Zombie! Was für eine sensationelle Besetzung!“, wartet sehnsüchtig auf den ersten Auftritt – und denkt vielleicht, na, den musste man wohl gar nicht sehr herrichten. Weit gefehlt! Zwar wurde seine Frisur laut Produktionsnotizen weitesgehend unangetastet gelassen, und auch das Make-up ging wohl recht flott von der Hand, nur ein paar Verkrustungen und Melierungen wurden aufgemalt, aber Jarmusch bemerkte: „Iggy looks too healthy to be a zombie, you need to rough him up“. Und so bekam der sehnige, jung gebliebende Körper ein Latex-Airbrush, um alt und tot zu wirken. Umso herrlicher, ihn dann auf der Suche nach Kaffee ins Diner wanken und sich das Zeug kannenweise ins Gesicht schütten zu sehen.

Die Frisur sitzt: Iggy Pop

Der andere Kaffeezombie ist übrigens Sara Driver, die wir als Production Managerin der ersten Jarmusch-Filme „Permanent Vacation“ und „Stranger Than Paradise“ kennen. Die Liste der Promis in kleinen Rollen hört damit nicht auf. Eszter Balint, das zauberhafte Teenagermädchen aus „Stranger Than Paradise“ spielt die Wirtin des Diners. RZA vom Wu-Tang Clan gibt den UPS-, nein WuPS-Fahrer, und Teenie-Star Selena Gomez ist die jugendliche Touristin, die, verzeiht mir den Spoiler, auch als abgeschlagener Zombiekopf noch gut aussieht.

Staraufgebot bis zum Abwinken

Wer möchte nicht in einem Jarmusch-Film mitspielen? Mit einem derart beeindruckenden Cast musste der Film einfach gut werden. Dass Bill Murray jeden Film aufwertet, braucht man gar nicht zu erwähnen. Ähnlich ist es mit Tilda Swinton, die allerdings im Gegensatz zu Murray, der ja doch immer sehr ähnliche, lakonische Rollen gibt, wieder etwas völlig Neues aus dem Hut zaubert: Bestatterin Zelda Winston ist freundlich, aber extrem seltsam – was ihre Umgebung einfach damit erklärt, dass sie Schottin sei. Ach so. Warum sie allerdings überirdisch gut mit dem Samuraischwert umgehen kann, darf an dieser Stelle nicht verraten werden.

Aufmerksam und weise: Hermit Bob

Steve Buscemi! Wie viele Kotzbrocken hat der schon gespielt, und nun kommt ein neuer hinzu. Als rassistischer, polemischer Farmer mit „Keep America White Again“-Baseballkappe überzeugt er ebenso wie Tom Waits, der mit zunehmendem Alter ein immer besserer, weil immer kauzigerer Schauspieler wird. Sein „Hermit Bob“ lebt im Wald und beobachtet das Geschehen in Centerville mit Abstand – und Weisheit. Seine Erzählstimme bleibt im Gedächtnis.

Centerville und andere Nettigkeiten

Hallo Musikfans, klingelt’s beim Namen „Centerville“? Genau. Im Musikfilm „200 Motels“ über das Tourleben einer Rockband beschreibt Frank Zappa den Ort Centerville, durch den sie auf ihrer Fahrt kommen, als „A Real Nice Place to Raise Your Kids Up“, und als Hommage platziert Jarmusch den Slogan „A Real Nice Place“ auf dem Ortsschild von Centerville. Nice!

Zelda kann mit einem Schwerthieb mehrere Zombies niederstrecken

Der Titelsong „The Dead Don’t Die“ des traditionellen US-Countrysängers Sturgill Simpson begleitet uns durch den Film. Er läuft im Radio, die CD gibt’s in der Tanke zu kaufen, und dann läuft er erneut im Auto. Dafür gibt es Gründe … Und auch hier gibt es eine zauberhafte Anekdote: Der Zombie, der „Guitar!“ murmelnd sein Saiteninstrument hinter sich her zieht, wird natürlich von Simpson verkörpert.

„Having already appeared in what I consider to be the greatest zombie movie of all time, ,Zombieland‘, I felt like ,The Dead Don’t Die‘ could almost typecast me. Maybe I’ll become synonymous with the zombie horror genre!“ (Bill Murray, mit Chloë Sevigny und Adam Driver)

Besonderen Spaß machen einige Textpassagen auf der Metaebene, die hier nicht zitiert werden sollen, um selbigen nicht zu verderben. Einfach selbst gucken und freuen!

Sinn und Unsinn

Einige Kritiken, die man im Netz schon über „The Dead Don’t Die“ finden kann, fragen nach dem Sinn des Films. Da kann man sich diverse schöne Sachen ausdenken: der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, allgemein die Lage der Nation Amerika, vielleicht auch zeigen, dass es Menschen gibt, die auch in der größten Katastrophe nicht den Humor verlieren. In den Produktionsnotizen ist zu lesen, der Film wolle die inhaltliche Interpretation komplett dem Publikum überlassen – warum auch nicht, schließlich funktionieren viele Kunstwerke so. Und ganz vielleicht hatten Jim Jarmusch und sein illustres Team auch einfach Bock drauf, einen guten Zombiefilm zu drehen. Das ist gelungen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jim Jarmusch sind in unserer Rubrik Regisseure aufgeführt, Filme mit Tilda Swinton unter Schauspielerinnen, Filme mit Steve Buscemi, Adam Driver und Bill Murray in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: The Dead Don’t Die
USA/SWE 2019
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Besetzung: Bill Murray, Tilda Swinton, Adam Driver, Chloë Sevigny, Steve Buscemi, Tom Waits, Iggy Pop, Selena Gomez, Danny Glover, Rosie Perez, RZA, Caleb Landry Jones, Austin Butler, Eszter Balint, Carol Kane
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Anja Rohde

Filmplakate & Trailer: © 2019 Universal Pictures Germany GmbH, Szenenfotos: © 2019 Image Eleven Productions, Inc.

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2019/06/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Ein Gauner & Gentleman – Letzter Auftritt eines großen Charmeurs?

The Old Man & the Gun

Kinostart: 28. März 2019

Von Philipp Ludwig

Krimikomödie // Robert Redford kann auf eine wahrhaft imposante Karriere im Filmgeschäft zurückblicken. Seit seinem 1969 erfolgten Durchbruch als Sundance Kid im Western-Klassiker „Zwei Banditen“ („Butch Cassidy and the Sundance Kid“) verdiente er sich bis heute durch zahlreiche Leinwandauftritte einen festen Platz im kulturellen Gedächtnis. Mit seinem guten Aussehen und seiner tollen Ausstrahlung weckte er dabei nicht nur allerlei Begehrlichkeiten – gerade die Rolle des großen Charmeurs (egal ob Outlaw oder Einzelgänger) scheint ihm bis heute wie auf den Leib geschrieben und zieht sich wie ein roter Faden durch seine persönliche Kinokarriere.

Witwe Jewel und Bankräuber Forrest: mehr als nur eine Zufallsbegegnung?

Doch nicht nur vor der Kamera gibt der mittlerweile 82-jährige Tausendsassa weiterhin eine gute Figur ab, auch als Regisseur und Produzent kann er zahlreiche filmische Erfolge für sich verbuchen. Die Krimikomödie „Ein Gauner & Gentleman“ soll nun seinen Abschied zumindest vor der Kamera bedeuten, wie er im Vorfeld der US-Premiere des Films im September 2018 selbst wiederholt ankündigte. Doch ob ein so mit der Kamera verbundener Filmbesessener wie Redford dieser tatsächlich entsagen kann? Er selbst hat zuletzt bereits durchklingen lassen, die Endgültigkeit seiner Entscheidung sei noch nicht in Stein gemeißelt.

Kann Jewel den alten Sturkopf und notorischen Gauner vom Räuber-Ruhestand überzeugen?

In seinem nun also vermeintlich letzten Leinwandauftritt verkörpert Redford den Bankräuber Forrest Tucker, den es wirklich gegeben hat und der im Film interessanterweise vor eine ähnliche Alters-Problematik gestellt wird – auch wenn sich dieser im Leben nicht durch seine Schauspielfertigkeiten ausgezeichnet hat, sondern eben durch seinen notorischen Hang zu Banküberfällen. Bereits als Jugendlicher fing Tucker mit der Räuberei an, und er kann sich auch bis ins hohe Alter hinein keine bessere Erfüllung eines Lebens nach seinem Verständnis von Freiheit vorstellen als den Kick, den er bei der Ausführung eines Überfalls und der anschließenden Flucht verspürt. Trotz zahlreicher damit verbundener Festnahmen und Inhaftierungen. Als talentierter Ausbruchskünstler hält ihn sowieso keine Gefängnismauer für lange Zeit auf. Glaubt man seinen abenteuerlichen Erzählungen, wohl noch nicht einmal das berüchtigte Alcatraz. Tuckers Markenzeichen: sein stets charmantes und freundliches Auftreten. Denn seine Waffe habe er noch niemals abfeuern müssen, wie er ebenso stolz zu betonen pflegt.

Senioren-Clique auf großer Raubtour

Zu Beginn der 1980er-Jahre begibt sich Forrest Tucker mit seiner vertrauten Gang aus ebenfalls betagten Räubern (großartig: Danny Glover und Grummelsänger Tom Waits) auf seinen bislang wohl größten Raubzug quer durch die USA. Während der anschließenden Flucht vor der Polizei trifft er nach einem der zahlreichen Überfälle auf die verwitwete Farmerin Jewel (Sissy Spacek). Rasch entwickeln sich aus dieser Zufallsbegegnung romantisch-freundschaftliche Gefühle zwischen den beiden einsamen Seelen. Und somit wird auch Tucker, ebenso wie sein prominenter Darsteller, mit der Frage konfrontiert, ob es nicht langsam doch Zeit für den wohlverdienten Ruhestand wäre. Aber kann der notorische Gauner wirklich einfach so mit seiner großen Leidenschaft aufhören und auf den Thrill eines Lebens auf der Flucht verzichten, der ihm so viel bedeutet?

Alles Gute zum 40. Geburtstag: Detective John Hunt wirkt müde

Ihm auf den Fersen ist der in Dallas ansässige Detective John Hunt (Casey Affleck). Der erkennt in der Reihe von im Grunde genommen recht harmlos erscheinenden Überfällen des vermeintlichen Gentleman-Räubers als Erster einen Zusammenhang. Die neue Herausforderung kommt ihm gerade recht, droht der frischgebackene 40-jährige doch unaufhaltsam in eine handfeste Midlife-Crisis zu schlittern. Bald steigt auch das öffentliche Interesse an der nicht enden wollenden Bankraubserie des Seniorentrios. Da Tuckers Raubzüge auch andere Behörden wie das FBI auf den Plan rufen, muss Hunt um seinen ihm zunehmend ans Herz gewachsenen Fall bangen. Doch nicht nur das: Er muss sich fragen, ob nicht auch er langsam, aber sicher dem Charme des alten Haudegens erliegt. Will er ihn wirklich schnappen oder stellt vielleicht die eigentliche Jagd selbst für ihn den Reiz dar? Ebenso wie für seinen Gegenpart Tucker die stete Flucht vor dem Gesetz.

Größtenteils nach wahren Begebenheiten

Die spannende Lebensgeschichte des Bankräubers und Ausbruchsexperten Forrest Tucker wurde erstmalig durch David Granns Artikel „The Old Man and the Gun“ im Magazin „The New Yorker“ 2003 einer größeren Öffentlichkeit präsentiert. Die Geschichte erweckte auch die Aufmerksamkeit des 1980 geborenen Filmemachers David Lowery. Auf loser Grundlage des Zeitungsartikels verfasste er nicht nur ein Drehbuch, er übernahm auch direkt den Regiestuhl bei der unter anderen von Redford mitproduzierten Kino-Adaption. Lowery selbst hat in seiner noch jungen Karriere als Filmemacher bereits zuvor mit diesem als Schauspieler in der Disney-Verfilmung „Elliot’s Drache“ (2016) sowie gleich zweimal mit Casey Affleck zusammengearbeitet – bei „The Saints – Sie kannten kein Gesetz“ (2013) und „A Ghost Story“ (2017).

Die „Altherrengang“ um Forrest hat auf ihrem Raubzug vor allem eins: eine Menge Spaß

Lowery passt seinen Forrest Tucker nicht nur alterstechnisch an Redford an, er verlagert die Geschichte von dessen großer Raubserie zudem ins Jahr 1981. Sein Werk spielt jedoch nicht nur Anfang der 1980er-Jahre, es könnte dank der Kameraarbeit mit dem fast schon ausgestorbenen Super-16-Verfahren und der damit einhergehenden Ästhetik der 1970er-Jahre ebenso gut selbst aus dieser Zeit stammen. Neben dem daher stets etwas grizzeligen und fast schon historisch anmutenden Bild ist dies auch der bedächtigen und etwas altbacken anmutenden Inszenierung zu verdanken. Herrlich entschleunigend lässt der Regisseur die Geschichte vor unseren Augen mit viel Gefühl und ganz gemächlich ihre Wirkung entfalten. Außer dem einnehmenden Charme nahezu sämtlicher Figuren vertraut er dabei vor allem auf eine gehörige Portion an intelligentem und feinfühligem Humor und Wortwitz. Durch die passende musikalische Untermalung, die sich größtenteils als Jazz-artige Fahrstuhlmusik bezeichnen lässt, macht sich hier ein rundherum wohliges Gefühl längst vergangener filmischer wie gesellschaftlicher Tage breit. Gerade Filmnostalgikerinnen und -nostalgiker dürften ihre helle Freude an dieser durchweg sympathischen Gaunergeschichte haben.

Oscar-gekröntes Trio begeistert

Neben der angenehm unaufgeregten Art der Inszenierung sind es vor allem die vielen liebenswürdigen und toll ausgearbeiteten Figuren, die Lowerys Bankräuber-Komödie mit dem nötigen Leben füllen. Einerseits eine Leistung des Regisseurs und Drehbuchautors in Personalunion, andererseits durch die überzeugenden Darstellungen der beeindruckenden Riege an Schauspielschwergewichten bedingt. Die zudem mit einer Menge Oscar-Glanz ausgestattet sind. Zusätzlich zu dem bereits zweifach preisgekrönten Redford (der außer seinem Regie-Oscar 1981 für „Eine ganz normale Familie“ im Jahr 2002 auch einen Ehren-Oscar für sein Lebenswerk erhielt), haben sowohl Sissy Spacek (ebenfalls 1981 ausgezeichnet als beste Hauptdarstellerin in „Nashville Lady“) als auch Casey Affleck (2017 ausgezeichnet als bester Hauptdarsteller in „Manchester by the Sea“) einen der begehrten Goldjungen in der Vitrine stehen.

Neuer Fall, neuer Elan – der Detective führt nach langer Zeit mal wieder seine Frau Maureen aus

Spacek gelingt es auf beeindruckende Weise, ausgestattet mit viel Alterscharme und einer durchweg liebevollen Ausstrahlung, die aufkommenden Gefühle zwischen ihr und Forrest sowie deren inniger werdende Beziehung mit viel Wärme zur Geltung zu bringen. Ebenso nimmt man ihr glaubhaft ihre Rolle als einzige Person ab, der zuzutrauen ist, den alten Sturkopf von seinem Weg abzubringen. Wohingegen es mit Casey Affleck wohl kaum eine bessere Besetzung für den vom Leben zunehmend gelangweilten John Hunt geben dürfte. Der Detective ist zwar voll der Liebe für seine kleine Familie, aufgrund seines 40. Geburtstages aber auch von einer tiefen Lebens- und Sinnkrise bedroht. Und fortan zunächst offenbar kaum imstande, beim Sprechen seine Zähne vernünftig auseinanderzubekommen sowie überhaupt noch halbwegs wach auf den Beinen zu bleiben. Nur gut, dass die Senioren-Bankräuber ihm wieder ein Ziel und somit neuen Elan verleihen.

Hommage an einen Großen seiner Zunft

Doch so gut „Ein Gauner & Gentleman“ bis in die kleinste Nebenrolle hinein besetzt sein mag – über allem thront wie selbstverständlich der alte Haudegen Robert Redford. Einfach beeindruckend dessen schier unglaubliche Leinwandpräsenz, schafft er es doch mit seinem beinahe jungenhaften Charme, die Leinwand zu erfüllen und den Film zu jeder Sekunde seines Auftretens allein zu tragen. Ein Zucken der Mundwinkel, ein leichtes Anheben der Augenlider oder sein gewinnendes Lächeln reichen dafür vollkommen aus. Phänomenal, wie man mit mitunter so wenig Aufwand so viel Wirkung erzeugen kann. Der endgültige Beweis, so es bei Redford denn noch eines bedurft hätte, dass man es hier tatsächlich mit einer wahren Schauspielgröße zu tun hat.

Durch das von Redford selbst im Vorfeld kolportierte Karriereende hat der Film ja bereits eine gewisse Sonderstellung eingenommen. Passend dazu nimmt „Ein Gauner & Gentleman“ mitunter sogar die Funktion einer Hommage an Redford ein, verkörpert dieser doch eine Figur, die als eine Kreuzung der prägendsten Figuren seiner langen Karriere durchgeht. Wenn dieser dann auch noch einer perplexen Jewel von seiner spannenden Lebensgeschichte erzählt und dies mit einer Montage aus alten Filmszenen Redfords in jungen Jahren sowie seiner weiteren Laufbahn unterlegt wird, so kann es einem schon vorkommen, als verneige sich Regisseur Lowery auf diese Weise filmisch vor seinem Hauptdarsteller. Die Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit verschwimmen in dieser Szene auf eindrucksvolle Weise und man fragt sich in diesem Moment: Geht es gerade um Forrest Tucker oder um Robert Redford?

Kommt Forrest auf seine alten Tage tatsächlich ins Grübeln?

Einzig die Mär vom „guten“ Verbrecher ist es, die mich bei diesem eigentlich rundum gelungenen filmischen Werk zumindest etwas zum kritischen Nachdenken bringt. Denn ich denke, jeder der selbst einmal im Einzelhandel tätig war oder andere, mit der Öffentlichkeit in Kontakt stehende Berufe ausübt, kennt die Angst, eventuell einmal überfallen beziehungsweise Opfer einer Gewalttat zu werden. Ob das dann ein netter oder weniger netter Mensch sein sollte – ein traumatisches Erlebnis stellt so etwas für die Betroffenen wohl immer dar. Auch wenn natürlich ein höflicher und gewaltfreier Räuber in so einem Fall immer noch zu bevorzugen ist. Ich komme dennoch nicht umhin, mit den Opfern auch der sogenannten Gentleman-Räuber mitzufühlen und somit hier bei dieser Thematik stets ein wenig meine inneren Alarmsensoren hochzufahren. Dankenswerterweise scheint sich auch Lowery dieser Verantwortung zumindest etwas bewusst zu sein, lässt er doch wenigstens in zwei Fällen in der Reihe der ansonsten durchweg vom Charme Tuckers eingenommenen Opfer Menschen auftreten, die mit den von ihnen gemachten Erfahrungen durchaus zu kämpfen haben. Und auch besagtem Räuber-Charmeur Forrest in einem Fall schamvoll anerkennen lassen müssen, dass das, was er tut, nicht wirklich richtig ist und auch immer andere Menschen durch sein Handeln betroffen sind. Egal wie nett er dabei auch zu sein scheint.

Sympathisches Räuber-und-Gendarm-Spiel

Dies soll dann aber auch tatsächlich der einzige Punkt sein, bei dem ich überhaupt mal ernsthaft zur Kritik ansetze. Auch wenn „Ein Gauner & Gentleman“ durch die durchweg sympathischen und liebenswürdigen Figuren beinahe schon etwas naiv wirkt, so sind es gerade diese liebevollen Figuren, die zu jeder Sekunde den besonderen Charme des Films ausmachen. Zusammen mit der bedächtigen und altmodischen Inszenierung sowie dem tollen Witz entsteht ein wunderbarer filmischer Entschleuniger, der einem für gut anderthalb Stunden auf unterhaltsame und ansehnliche Weise Ausflucht aus dem hektischen Trubel unserer auf Geschwindigkeit und Schnelllebigkeit getrimmten Zeit bietet. Für mich persönlich hat Lowerys Film auf jeden Fall direkt den Status einer kleinen Filmperle erlangt, die Krimikomödie wirkt aufgrund ihres filmhistorisch anmutenden Stils bereits jetzt schon selbst fast wie eine Art Klassiker. Absolut empfehlenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Casey Affleck und Robert Redford sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Aber ob der leidenschaftliche Gauner jemals auf seine bevorzugte Lebensweise verzichten kann?

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: The Old Man & the Gun
USA 2018
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery, basierend auf dem Zeitschriftenartikel „The Old Man and the Gun“ von David Grann in „The New Yorker“ (2003)
Besetzung: Robert Redford, Casey Affleck, Sissy Spacek, Tom Waits, Danny Glover, Tika Sumpter, Elisabeth Moss, Keith Carradine, John David Washington
Verleih: DCM Film Distribution GmbH

Copyright 2019 by Philipp Ludwig

Filmplakat & Trailer: © 2018 DCM, Szenenfotos: © 2018 Eric Zachanowich, DCM

 

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