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Zum 100. Geburtstag von Harry Carey Jr. / Wyatt Earp (VII): Tombstone – Das Gesetz sind wir: Der Mythos lebt

Tombstone

Von Volker Schönenberger

Western // Im Jahr 1879 reiten die an ihren roten Schärpen zu erkennenden „Cochise County Cowboys“ in eine Kleinstadt in Mexiko ein. Die von Curly Bill Brocius (Powers Boothe) angeführte berüchtigte Gangsterbande richtet bei der Hochzeit eines mexikanischen Polizisten ein Massaker an – Vergeltung für zwei getötete Bandenmitglieder. Johnny Ringo (Michael Biehn), Billy Clanton (Thomas Haden Church), Johnny Barnes (John Corbett), Sherman McMasters (Michael Rooker), Billy Claiborne (Wyatt Earp III) und andere Revolverschwinger kennen kein Erbarmen.

Familientreffen der Earp-Brüder

Derweil trifft der Ex-Marshal Wyatt Earp (Kurt Russell) mit seiner Ehefrau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) per Eisenbahn in Tucson, Arizona ein. Dort trifft er auf seine Brüder Virgil (Sam Elliott) mit Ehefrau Allie (Paula Malcomson) und Morgan (Bill Paxton) mit Ehefrau Louisa (Lisa Collins). Die Ehepaare zieht es ins Cochise County nach Tombstone, wo sie als Geschäftsleute reüssieren wollen. Der freundliche Sheriff John Behan (Jon Tenney) vermittelt ihnen eine Unterkunft, und als Marshal Fred White (Harry Carey Jr.) die Brüder auf den Saloon „The Oriental“ hinweist, gelingt es Wyatt zügig, in dem Etablissement das Glücksspielgeschäft zu übernehmen. Den zuvor auf dem Sessel sitzenden Rowdy Johnny Tyler (Billy Bob Thornton) vertreibt er mit ein paar Ohrfeigen.

Doc Holliday!

Zufällig hält sich auch Wyatts alter Weggefährte Doc Holliday (Val Kilmer) mit seiner Freundin Kate (Joanna Pacula) in Tombstone auf. Der professionelle Glücksspieler hofft, dass ihn im trockenen Klima von Arizona seine Tuberkulose weniger plagt. Fast gleichzeitig treffen auch die Schauspielerin Josephine Marcus (Dana Delany) und ihr Kollege Mr. Fabian (Billy Zane) dort ein. Sie wirft zügig ein Auge auf Wyatt Earp, und weil dessen Ehe mit Mattie nicht zuletzt aufgrund ihrer Abhängigkeit von Laudanum kriselt, zeigt er sich für ihre Avancen durchaus anfällig.

Die Schießerei am O. K. Corral

Ein erstes Aufeinandertreffen mit Curly Bill Brocius und seinen Männern lässt nicht lange auf sich warten. Schließlich kommt es zur Schießerei am O. K. Corral (Gunfight at the O.K. Corral) am 26. Oktober 1881, bei der die Earps und Doc Holliday gegen Billy und Ike Clanton (Stephen Lang) sowie Tom (John Philbin) und Frank McLaury (Robert John Burke) antreten.

Die Earp-Vendetta

Diese zum Mythos gewordene bewaffnete Auseinandersetzung ist im Westerngenre wiederholt als finaler Showdown inszeniert worden, auf den der jeweilige Film zielgenau hinausläuft, so etwa in John Fords „Faustrecht der Prärie“ (1946) mit Henry Fonda als Wyatt Earp und Victor Mature als Doc Holliday und in John Sturges’ „Zwei rechnen ab“ (1957) mit Burt Lancaster als Earp und Kirk Douglas als Holliday. Tatsächlich aber war die Schießerei am O. K. Corral lediglich eines von diversen blutigen Ereignissen – und nicht das letzte. In der Folge kam es zur berüchtigten Earp-Vendetta, die wiederum John Sturges in „Die fünf Geächteten“ (1967) aufgriff. Sie wird auch in „Tombstone“ ausgiebig präsentiert und zeigt Wyatt Earp als so gnadenlos wie rachsüchtig. Der Stern des Marshals, den er sich nach einiger Zeit erneut ansteckt, dient ihm als Alibi, um die Bande der „Cowboys“ zu jagen und niederzuknallen. Ein immerhin differenziertes Porträt des schillernden Gesetzeshüters, der in der Realität wohl kein so strahlender Held war, wie es manche Western darstellen. Historische Freiheiten nimmt sich „Tombstone“ dennoch zur Genüge.

Val Kilmer

Die namhafte Besetzung bürgt für Schauspielkunst, und diese bekommen wir auch ausgiebig zu sehen. Hervorheben will ich lediglich Val Kilmer, der würdig in die Fußstapfen berühmter Doc-Holliday-Darsteller wie Victor Mature („Faustrecht der Prärie“), Kirk Douglas („Zwei rechnen ab“), Jason Robards („Die fünf Geächteten“) und Stacy Keach („Doc“, 1971) tritt. Für mich vielleicht Val Kilmers beste Rolle, zumal er womöglich noch ein wenig von seiner abgründigen Attitüde als Jim Morrison vom zwei Jahre früher entstandenen Biopic „The Doors“ auf die Rolle von Doc Holliday übertragen hat.

Auffällig an „Tombstone“ ist der fehlende Schmutz. Vom Einfluss des Italowesterns hat sich Regisseur George P. Cosmatos („Rambo II – Der Auftrag“) zumindest visuell völlig freigemacht – oder war es Kurt Russell? Dazu später mehr. Das Tombstone des Films ist ein dank Silberminen prosperierendes, fast schon glamouröses Städtchen, in welchem sich die Bürgerinnen und Bürger adrett kleiden und über die breiten Straßen flanieren. Mit Rauschmitteln geht der Western durchaus ins Gericht, wie nicht nur die Laudanum-Abhängigkeit von Wyatt Earps Ehefrau Mattie belegt; Doc Hollidays diverse Zusammenbrüche resultieren nicht nur aus der Tuberkulose, sondern auch aus seinem ungehemmten Alkoholkonsum. Dann haben wir die unabhängige und damit starke Frau Josephine Marcus, die mit forscher Initiative das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Der Handlungsstrang ihrer sich anbahnenden Romanze mit Wyatt Earp läuft etwas nebenher. In Vergessenheit gerät sie nicht, aber ein wenig fehlt die Verbindung zum Hauptplot. Immerhin unterstreicht sie die Ambivalenz von Wyatt Earp. Ebenso wie er sich sträubt, wieder zur Waffe zu greifen, weil er weiß, dass das Töten eines Menschen seiner Seele Schaden zufügt, ringt er mit dem Zwiespalt, sich als pflichtbewusster Ehemann einer drogensüchtigen Frau zu einer freigeistigen Lebedame hingezogen zu fühlen.

Robert Mitchum und Charlton Heston

Für die Rolle von Old Man Clanton war Robert Mitchum vorgesehen, der sie jedoch aufgrund eines Reitunfalls nicht ausüben konnte. Der Part wurde daraufhin aus dem Film herausgeschrieben, Mitchum ist in der Original-Sprachfassung als Stimme aus dem Off mit einigen einleitenden Worten zu Beginn und abschließenden Worten am Ende zu hören. Charlton Heston hat einen kurzen Part als wohlhabender Rancher Henry Hooker übernommen, der Earp und seinen Leuten Unterschlupf gewährt.

Jubilar Harry Carey Jr.

Mit 62 Jahren war Harry Carey Jr. doppelt so alt wie der Marshal Fred White, den er verkörpert. Carey hätte am 16. Mai 2021 seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Dasein als Westerndarsteller wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Seine als Olive Fuller Golden (1896–1988) geborene Mutter und sein Vater Harry Carey (1878–1947) hatten beide seit der Frühzeit des Kinos in vielen Western mitgewirkt. Sein Leindwanddebüt gab der kleine Harry bereits im Geburtsjahr 1921 in John Fords „Desperate Trails“, in welchem sein Vater die Hauptrolle spielte. Mit ihm spielte er später zwei weitere Male zusammen: 1948 in John Fords „Spuren im Sand“ mit John Wayne und im selben Jahr in „Red River“ von Howard Hawks mit John Wayne und Montgomery Clift. Auch mit seiner Mutter Olive Carey stand Harry Jr. mehrfach gemeinsam vor der Kamera, darunter in John Fords „Der schwarze Falke“ (1956) mit John Wayne und „Zwei ritten zusammen“ (1961) mit James Stewart und Richard Widmark. Nicht zuletzt der langen und tiefen Freundschaft seiner Eltern mit Regie-Legende John Ford ist es zu verdanken, dass auch der Junior in diversen Western des Filmemachers mitwirkte, darunter „Der Teufelshauptmann“ (1949), „Rio Grande“ (1950) und „Cheyenne“ (1964), dazu in weiteren John-Wayne-Western anderer Regisseure, etwa „Die Unbesiegten“ (1969). Für „Rio Bravo“ (1959) gedrehte Szenen mit Harry Carey Jr. fielen der Schere zum Opfer. In den 1970er-Jahren trat er auch in Italowestern auf, etwa den Komödien „Vier Fäuste für ein Halleluja“ (1971) an der Seite von Terence Hill und Bud Spencer sowie „Verflucht, verdammt und Halleluja“ (1972) mit Terence Hill. Zwischendurch war er auch im Horrorgenre präsent, so in Joe Dantes „Gremlins – Kleine Monster“ (1984) und „Der Exorzist III“ (1990) von William Peter Blatty. Dem Westerngenre blieb Harry Carey Jr. bis zum Karriereende treu, wie beispielsweise Walter Hills „Long Riders“ (1980) und eben „Tombstone“ belegen. Der Kalifornier starb am 27. Dezember 2012 im Alter von 91 Jahren.

Konkurrent Kevin Costner

Einigermaßen parallel zu „Tombstone“ entstand auch Lawrence Kasdans „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ mit Kevin Costner in der Titelrolle. Costner und „Tombstone“-Drehbuchautor Kevin Jarre hatten an sich einen gemeinsamen Wyatt-Earp-Film geplant, waren aber getrennte Wege gegangen, weil sie sich nicht über den Fokus der Handlung einigen konnten. Dem Vernehmen nach versuchte Costner in der Folge, der Produktion des Konkurrenzfilms ein paar Steine in den Weg zu legen. Geholfen hat es nichts: Während „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ an den Kinokassen abschmierte, entwickelte sich „Tombstone“ immerhin zu einem moderaten Erfolg und erhielt auch mehr Kritikerzuspruch.

Wer führte Regie?

Apropos Kevin Jarre. Der war an sich gebucht, sein Skript auch selbst zu inszenieren, wurde aber aus mir unbekannten Gründen kurz nach Beginn der Dreharbeiten als Regisseur gefeuert (er hat wohl hauptsächlich die Szenen mit Charlton Heston gedreht). Kurt Russell hat 2006 in einem auch ansonsten lesenswerten Interview mit dem True West Magazine enthüllt, er selbst habe anschließend den Rest des Films gedreht, der als Jarre-Nachfolger verpflichtete George P. Cosmatos sei nur als Strohmann oder Geisterregisseur am Set gewesen. Wenn es denn so war, überrascht es ein wenig, dass die Produzenten Kurt Russell den Regiestuhl zutrauten, der zuvor noch nie auf einem gesessen hatte (und es auch anschließend nie wieder tun sollte), aber das Ergebnis gibt ihnen doch recht. „Tombstone“ ist nicht frei von Kritik, als klassischer Western mit ein paar modernen Einsprengseln aber aller Ehren wert. Der Mythos Wyatt Earp ist nicht nur nicht totzukriegen, er funktioniert auch im modernen Kino.

Bis zur Schießerei am O. K. Corral läuft der Film recht zielstrebig auf diesen zwischenzeitlichen Höhepunkt hinaus, in Kombination mit einigen Ereignissen kurz darauf ist sie eindeutig der Höhepunkt des Films. Anschließend verliert sich der Western etwas in der repetitiven Ziellosigkeit der oben bereits erwähnten Earp-Vendetta. Unterhaltsam genug ist das immer noch, aber vielleicht fehlte Regisseur Cosmatos die Vision, wo der Rachefeldzug hinführen soll. Vielleicht hätte es geholfen, wenn die eine oder andere der vielen Figuren weiteres Profil bekommen hätte, aber dann wäre der Film wohl überlang geworden, was auch problematisch sein kann.

Der Director’s Cut

Bereits 2002 ist in den USA ein Director’s Cut von „Tombstone“ erschienen, der es hierzulande bislang nur auf DVD geschafft hat, die allerdings im Handel vergriffen ist. Dem Schnittbericht zufolge stellen die zusätzlichen knapp sechs Minuten eine sinnvolle Ergänzung dar, weil sie einige Handlungslücken schließen. So wird etwa Wyatt Earps schwierige Beziehung zu seiner Frau Mattie mit einer zusätzlichen Szene erhellt, in einer anderen erfahren wir, weshalb im Film Doc Hollidays Freundin Kate plötzlich nicht mehr auftaucht.

Allerdings sind im Netz unterschiedliche Längenangaben der deutschen Director’s-Cut-DVD zu finden – mal 127 Minuten, mal 134 Minuten. Beide Laufzeiten sind mehr als sechs Minuten länger als die 119 Minuten der Kinofassungs-DVD. Da mir lediglich die Kinofassung auf Blu-ray vorliegt, kann ich darüber keine abschließende Aufklärung liefern. Bleibt nur die Hoffnung auf eine Blu-ray mit dem Director’s Cut.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Michael Biehn, Powers Boothe, Harry Carey Jr., Charlton Heston, Robert Mitchum, Bill Paxton, Kurt Russell und Billy Bob Thornton haben wir in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 20. Mai 2010 als Blu-ray, 13. August 2009 im Director’s Cut als Limited 2-Disc Edition DVD, 2. Oktober 2000 als DVD

Länge:130 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 127 Min. (DVD, Director’s Cut), 119 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel Blu-ray: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Tombstone
USA 1993
Regie: George P. Cosmatos
Drehbuch: Kevin Jarre
Besetzung: Kurt Russell, Val Kilmer, Sam Elliott, Bill Paxton, Powers Boothe, Michael Biehn, Charlton Heston, Jason Priestley, Jon Tenney, Stephen Lang, Thomas Haden Church, Dana Delany, Paula Malcomson, Lisa Collins, Dana Wheeler-Nicholson, Joanna Pacula, Michael Rooker, Billy Bob Thornton, John Corbett, John Philbin, Robert John Burke, Billy Zane, nur Stimme: Robert Mitchum
Zusatzmaterial Blu-ray und 2-DVD-Edition: Making-of (27:19), Storyboard des Regisseurs (4:00), Trailer & TV-Spots, Trailershow
Label/Vertrieb Blu-ray: Walt Disney / Buena Vista
Label/Vertrieb DVD 2009: Hollywood Pictures / Touchstone
Label/Vertrieb DVD 2000: BMG Video / UFA

Copyright 2021 by Volker Schönenberger
DVD-Packshot: © 2009 Hollywood Pictures / Touchstone

 

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Wyatt Earp (III): Doc – Ein Mythos wird entzaubert

Doc

Von Volker Schönenberger

Western // Schon der Prolog gibt die coole und gedrückte Stimmung vor: Auf dem Weg nach Tombstone betritt Doc Holliday (Stacy Keach) einen heruntergekommenen Saloon im Nirgendwo und lässt sich vom schmierigen mexikanischen Barkeeper ein warmes Bier einschenken. Mit nur einem Pokerblatt gewinnt er von Ike Clanton (Michael Witney) das leichte Mädchen Katie Elder (Faye Dunaway) für die Nacht. Am nächsten Morgen treten der Doc und Katie den schwierigen Ritt nach Tombstone an. Dort trifft der an Tuberkulose leidende Revolverschwinger Holliday auf seinen alten Freund Wyatt Earp (Harris Yulin). Der ist Marshal des Bezirks und hat politische Ambitionen. Um die umzusetzen, will er in Tombstone aufräumen – unter anderem mit den Clantons.

Marshal Wyatt Earp räumt mit Gesindel auf …

Der Filmtitel „Doc“ verdeutlicht es bereits: Anders als andere filmische Aufarbeitungen der Schießerei am O. K. Corral im Oktober 1881 wie „Faustrecht der Prärie“ (1946) und „Zwei rechnen ab“ (1957) steht in diesem Fall nicht Wyatt Earp als strahlender Ordnungshüter im Fokus der Geschichte, sondern Doc Holliday als zwar nicht lebensmüder, aber gebrochener Westmann. Der von Stacy Keach bravourös verkörperte Holliday will an sich nicht in die Auseinandersetzung zwischen den Earps und den Clantons hineingezogen werden; andererseits verspürt er nach wie vor große Loyalität gegenüber seinem alten Weggefährten.

… und hat ehrgeizige Pläne

Wyatt Earp seinerseits ist alles andere als der tapfere Held, als der er in anderen Verfilmungen gezeigt wird. So skrupellos wie opportunistisch nutzt er die Gunst der Stunde, wenn sie sich ihm bietet. Mir jedenfalls ist bislang kein unsympathischer porträtierter Wyatt Earp begegnet. Da halten wir uns doch lieber an Doc Holliday, auch wenn dessen Manieren ebenfalls nicht von schlechten Eltern sind – sich kurz mal eine Frau am Pokertisch zu erzocken, ist nicht gerade die feine Art. Und im Finale begeht er eine Kurzschlusshandlung, die den Atem stocken lässt und Fragen aufwirft.

Die Schießerei am O. K. Corral

Regisseur Frank Perry („David und Lisa“, „Meine liebe Rabenmutter“) hatte zuvor keinen Western inszeniert. Das merkt man gar nicht, er fängt die staubige Stimmung in Tombstone vorzüglich ein und hat auch bei Begegnungen der Kontrahenten ein Händchen für die Inszenierung der angespannten Stimmung verfeindeter Revolverschwinger. Die Dialoge fallen mal wortkarg, mal wortgewandt aus – ein reizvoller Kontrast. Ein Bleigewitter sollte niemand erwarten, erst beim Showdown am O. K. Corral geht es hoch her. Gegenüber den historischen Ereignissen nahm sich Perry einige Freiheiten, allein was die Zahl der Todesopfer der Schießerei angeht. Dennoch heißt es im Allgemeinen, „Doc“ zeige gegenüber vielen anderen Verfilmungen Wyatt Earp noch am ehesten so, wie er wirklich war. Das vermag ich aufgrund der Gnade der späten Geburt nicht abschließend zu bewerten – die Auseinandersetzung fand etwas vor meiner Zeit statt.

Doc Holliday will mit Katie Elder ein neues Leben beginnen

Es hat den Anschein, als befinde sich „Doc“ etwas unter dem Radar der Westernfans – weniger als tausend User-Wertungen in der IMDb stehen zu Buche (Stand Mai 2017). In Deutschland ist Ende März 2017 immerhin erstmals eine Blu-ray in akzeptabler Qualität erschienen und die DVD neu aufgelegt worden. Es lohnt sich! Western mit aufrechten Helden sind zwar immer wieder schön anzuschauen, aber dieser etwas andere, entmystifizierende Blick auf den Mythos von Wyatt Earp und Doc Holliday gehört zu den Highlights der Wyatt-Earp-Western und damit in jede Westernsammlung, die sich gut sortiert nennen will.

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Faye Dunaway haben wir in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Stacy Keach unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 31. März 2017 als Blu-ray und DVD, 9. Januar 2012 als DVD (KSM GmbH)

Länge: 96 Min. (Blu-ray), 92 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Doc
USA 1971
Regie: Frank Perry
Drehbuch: Pete Hamill
Besetzung: Stacy Keach, Faye Dunaway, Harris Yulin, Michael Witney, Denver John Collins, Dan Greenburg, John Scanlon, Richard McKenzie, John Bottoms, Philip Shafer, Ferdinand Zogbaum, Penelope Allen
Zusatzmaterial: Biografien, Bildergalerie, Trailershow
Label: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb: WVG Medien GmbH

Copyright 2017 by Volker Schönenberger
Fotos, & Packshot DVD: © 2012 KSM GmbH, Packshot Blu-ray: © 2017 WVG Medien GmbH / Black Hill Pictures GmbH

 

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Wyatt Earp (I): Faustrecht der Prärie – Großes klassisches Westernkino

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My Darling Clementine

Von Volker Schönenberger

Western // John Ford! Henry Fonda! Victor Mature! Walter Brennan! Wyatt Earp! Doc Holliday! Die Clantons! Die Schießerei am O. K. Corral!

Nie gehört? Skandal! „Faustrecht der Prärie“, im Original etwas weniger reißerisch nach einem im Film zu hörenden Song „My Darling Clementine“ betitelt, gilt bei vielen als beste Verfilmung der tödlichen Auseinandersetzung in Tombstone im Oktober 1881, auch wenn der Western sehr frei mit den Ereignissen umgeht.

Henry Fonda als Wyatt Earp

Henry Fonda verkörpert Wyatt Earp, der an sich nur mit seinen drei Brüdern und einer Rinderherde auf der Durchreise ist. Doch das Vieh wird geklaut, während sich die drei älteren Brüder zur Entspannung in Tombstone aufhalten. James, der Jüngste des Geschwisterquartetts, hatte die Aufgabe, die Herde zu bewachen – das kostet ihn das Leben, er wird ermordet. Kurzerhand übernimmt Wyatt Earp das Amt des Marshals von Tombstone. Schnell legt er sich mit dem lungenkranken Arzt und Spieler Doc Holliday (Victor Mature) an, doch seine wahren Feinde sind andere: die Clantons, vier gesetzlose Brüder und ihr herrischer Vater Newman Haynes „Old Man“ Clanton (Walter Brennan). Den Konflikt zwischen den Earps und den Clantons wird keine der beiden Familien unbeschadet überstehen.

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Wyatt Earp (l.) trifft auf die Clantons

Aufrechte Gesetzeshüter treffen auf üble Gesellen – „Faustrecht der Prärie“ wäre an sich in Bezug auf Charakterzeichnung eher eindimensional. Zwei Akteure jedoch sorgen für faszinierende Grautöne: Victor Mature brilliert in der Rolle des innerlich zerrissenen Alkoholikers Doc Holliday, der nur seine eigene Autorität anerkennt. Die gleiche Haltung – nur noch etwas weiter vom Gesetz entfernt – vertritt Old Man Clanton, der seine Söhne mit eiserner Hand führt und alles seiner Familie und ihrer Macht unterordnet. Walter Brennan ist in dieser Rolle perfekt. Der dreifache Oscar-Preisträger hat in seiner Karriere etliche Filme mit prägnanten Nebenrollen geadelt. Zweifellos trägt auch Hauptdarsteller Henry Fonda den Film mit seiner aufrechten Ausstrahlung. Erst Brennan und Mature verleihen „Faustrecht der Prärie“ jedoch die Facetten, die den Unterschied zwischen sehr gut und meisterhaft ausmachen.

Dem Vernehmen nach war Regie-Legende John Ford dem echten Wyatt Earp in seiner Jugend begegnet. Die Schießerei am O. K. Corral hat der Großmeister des Westernkinos demnach so inszeniert, wie es ihm Earp seinerzeit geschildert hatte.

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Doc Holliday weist Clementine zurück

„Faustrecht der Prärie“ ist als DVD schon lange auf dem Markt. Nun hat Twentieth Century Fox Home Entertainment den Western erstmals auf Blu-ray aufgelegt. Ihr Schwarz-Weiß-Bild ist deutlich schärfer und kontrastreicher als das der DVD. Und obwohl ich bei derartigen Uraltfilmen kein Problem damit habe, sie in angestaubter Qualität zu schauen, ist es doch schön, diesen Klassiker im sorgfältigen HD-Transfer genießen zu können. Twentieth Century Fox Home Entertainment leistet da oft vorbildliche Arbeit und ist bei Kritik sogar zu Nachbesserungen bereit, wie man an den Blu-ray-Wiederveröffentlichungen von „Fargo – Blutiger Schnee“ und „Zwei glorreiche Halunken“ sieht.

Empfehlenswert: die John Ford Collection

Zum Vergleich der Blu-ray mit der DVD lag mir die sehr schöne „John Ford Collection“ von 2007 aus Großbritannien vor, die bei den einschlägigen Online-Händlern des Vereinigten Königreichs einigermaßen preiswert zu haben ist. Sie enthält außer „My Darling Clementine“ auch die John-Steinbeck-Verfilmung „The Grapes of Wrath“ („Früchte des Zorns“, 1940) mit Henry Fonda, „How Green Was My Valley“ („So grün war mein Tal“, 1941) mit Maureen O’Hara sowie „The Horse Soldiers“ („Der letzte Befehl“, 1959) mit mit John-Ford-Stammdarsteller John Wayne.

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Marshal Earp wacht über Tombstone

Ob man sich nun die Blu-ray kauft oder die schöne englischsprachige John-Ford-DVD-Box – „Faustrecht der Prärie“ ist einer der großen Klassiker des Genres und Pflicht in jeder Westernsammlung, die sich gut sortiert nennen will.

Wyatt Earp im Film

Wyatt Earp gehört zu den großen mythologischen Figuren des Wilden Westens. Die IMDb listet aktuell 56 Schauspieler auf, die den legendären US-Marshal verkörpert haben. Die letzte spektakuläre Verfilmung datiert von 1994: In Lawrence Kasdans mit Stars gespicktem „Wyatt Earp – Das Leben einer Legende“ verkörperte immerhin Kevin Costner den Titelhelden. Er erhielt dafür die Negativ-Trophäe einer Goldenen Himbeere. Ganz so schlecht ist der Film nicht, von den großen Wyatt-Earp-Filmen aber doch etwas entfernt. In der Rolle des Doc Holliday fehlte Dennis Quaid vielleicht etwas das Charisma, diese gebrochene Figur angemessen darzustellen. Immerhin orientierte sich Kasdan mehr an den tatsächlichen Ereignissen als manch anderer Wyatt-Earp-Film.

Ein Jahr zuvor gab Kurt Russell in „Tombstone – Das Gesetz sind wir“ den Marshal, Val Kilmer den Doc. Regie führte George P. Cosmatos, zuvor eher mit den plakativen Stallone-Actionfilmen „Rambo II – Der Auftrag“ und „Die City Cobra“ aufgefallen, 1976 immerhin auch mit dem Infektions-Thriller „Cassandra Crossing“. „Tombstone“ ist gewalthaltig und wartet mit seinerzeit aktuellen Stars auf, kann aber „Faustrecht der Prärie“ auch nicht das Wasser reichen.

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Der Showdown steht kurz bevor

Einen hochinteressanten Blickwinkel lieferte 1971 „Doc“ von Frank Perry, der noch am ehesten am Mythos kratzte. Der Film konzentriert sich – wie der Titel schon andeutet – auf den von Stacy Keach bravourös verkörperten Doc Holliday. Harris Yulins Wyatt-Earp-Interpretation ist vom Ehrenmann, als den Henry Fonda den Marshal darstellte, so weit entfernt wie kaum eine andere.

Western-Spezialist John Sturges mit zwei Wyatt-Earp-Vefilmungen

Einen Blick auf die Ereignisse nach der Schießerei am O. K. Corral warf John Sturges („Das Geheimnis der 5 Gräber“) 1967 mit „Die fünf Geächteten“. James Garner als Wyatt Earp, Jason Robards als Doc Holliday, Robert Ryan als Ike Clanton – das hat Stil. Sturges hatte sich schon zehn Jahre zuvor des Mythos angenommen: In „Zwei rechnen ab“ (1957) warfen Burt Lancaster als Marshal und Kirk Douglas als Doc Holliday all ihr Charisma in die Waagschale. Heraus kam ein großer klassischer Western – vielleicht der einzige, der „Faustrecht der Prärie“ den Thron als bester Wyatt-Earp-Film streitig machen kann.

Eine bei uns nie auf DVD erschienene Wyatt-Earp-Verfilmung ist „Wichita“ von 1955 mit Joel McCrea und Vera Miles. Die interessanteste Personalie allerdings ist die auf dem Regiestuhl: Jacques Tourneur ist weniger mit Western bekannt geworden als mit reizvollen expressionistischen Gruselfilmen wie „Katzenmenschen“ (1942) und „Ich folgte einem Zombie“ (1943). „Wichita“ ist im englischen Sprachraum erhältlich und eine Sichtung wert.

Ebenfalls ohne deutsche Veröffentlichung: In „Frontier Marshal“ von 1939 ist der aufrechte Randolph Scott als Wyatt Earp zu sehen. Scott stand immer ein wenig im Schatten der großen Westerndarsteller wie John Wayne, Henry Fonda, James Stewart, hat aber eine Vielzahl solider Genrebeiträge geliefert. Auch „Frontier Marshal“ scheint die Entdeckung wert zu sein. Weitgehend unbekannt ist ein ebenfalls „Frontier Marshal“ betitelter Film von 1934. Darin heißt der Marshal nicht Wyatt Earp, sondern Michael Wyatt. Angeblich ließ Earps Witwe Josephine den Namen ihres Mannes auf dem Rechtsweg entfernen.

Erster Wyatt-Earp-Film: „Gesetz und Ordnung“ mit Walter Huston

Last not least die vielleicht erste Verfilmung des Stoffs: In „Gesetz und Ordnung“ (1932) mit John Hustons Vater Walter heißen die Figuren allerdings anders, der Western scheint wie viele seiner Nachfolger sehr frei mit dem Stoff umzugehen, was mangels Lieferbarkeit nicht zu überprüfen ist. Die New York Times hatte 1932 in ihrer damaligen Rezension den Wyatt-Earp-Hintergrund noch nicht erkannt, dem Film übermäßige Gewalthaltigkeit vorgeworfen: … one of the goriest exhibitions of shoot-em-down gunplay since the gangster and machine-gun era. (…) Before the last stain has been wiped from Tombstone’s escutcheon the main street is black with corpses. Ob das nach heutigen Maßstäben noch so zu bewerten ist, darf bezweifelt werden, die Überprüfung ist leider nicht möglich.

Diese kurze Auflistung nennt lediglich – subjektiv aus der Sicht des Rezensenten – die bedeutendsten Filme zum Mythos Wyatt Earp. Den Rahmen vollends sprengen würde der Versuch einer detaillierten Betrachtung, inwiefern welcher Film die historischen Persönlichkeiten Wyatt Earp, Doc Holliday und die Clantons sowie die Schießerei am O. K. Corral authentisch oder verklärend abbildet. Vielleicht mal ein Fall für eine filmwissenschaftliche Doktorarbeit?

Filme mit dem Protagonisten Wyatt Earp finden sich in unserer Rubrik Filmreihen. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Ford haben wir unter Regisseure aufgelistet, Filme mit Walter Brennan, Henry Fonda und Victor Mature in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 6. Juni 2014 als Blu-ray

Länge: 97 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Spanisch, Italienisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Holländisch
Originaltitel: My Darling Clementine
USA 1946
Regie: John Ford
Drehbuch: Samuel G. Engel, Winston Miller, Sam Hellman (Story), nach einer Vorlage von Stuart N. Lake
Besetzung: Henry Fonda, Linda Darnell, Victor Mature, Cathy Downs, Walter Brennan, Tim Holt, Ward Bond, John Ireland, Roy Roberts
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Scott Eyman und Wyat Earp III, Original Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2014 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2014 Twentieth Century Fox Home Entertainment

 

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