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Ernest Borgnine (VIII): Die Wikinger – Raue Kerle oder Frauenfeinde?

The Vikings

Von Volker Schönenberger

Action-Abenteuer // Woher kommt eigentlich diese romantisierende Faszination für die Wikinger? Und seit wann wird sie gepflegt? Nicht erst seit Torfrock, so viel ist klar, auch „Wickie und die starken Männer“ kam erst später auf. In der Popkultur mag tatsächlich das von Richard Fleischer („Barrabas“, „Das Gesetz bin ich“) inszenierte Action-Abenteuer von 1958 ein Auslöser gewesen sein, dem weitere filmische Porträts der gewalttätigen Nordmänner folgten, darunter in jüngerer Vergangenheit „Northmen – A Viking Saga“ (2014), „„Escape – Vermächtnis der Wikinger“ (2012) und Nicolas Winding Refns „Walhalla Rising“ (2009).

Der Wille zur Authentizität

In der im Bonusmaterial der Neuveröffentlichung enthaltenen knapp halbstündigen 2002er-Doku „Eine Geschichte über Norwegen“ berichtet Regisseur Richard Fleischer, er und der den Film als „Executive Producer“ mit verantwortende Hauptdarsteller Kirk Douglas wollten „Die Wikinger“ so authentisch wie möglich inszenieren. Mangels Kenntnis der Historie der Nordmänner kann ich das nicht beurteilen, das Abenteuer dient aber zweifellos nicht dem Zweck einer Geschichtsstunde.

Sklave Eric (l.) macht sich beim …

Im 8. und 9. Jahrhundert unserer Zeitrechnung waren die Wikinger der Schrecken des Nordmeers, die Geißel der Menschheit. Sie verehrten Odin, einen heidnischen Kriegsgott, und nutzten ihre Geschicklichkeit als Schiffsbauer, um von der Enge des Fjords und ihrer schnee- und eisbedeckten Gletscher aus auf Raubzüge auszuziehen, die an Gewalt und Brutalität alles übertrafen, was die Geschichte bis dahin gekannt hatte. Der heiligste Wunsch eines jeden Wikingers war es, mit dem Schwert in der Hand zu sterben, um in Walhalla aufgenommen zu werden, wo Gott Odin ihn als Helden willkommen hieß.

Der Kompass war damals noch unbekannt, deshalb konnten sie sich bei ihren kühnen Seefahrten nur nach der Sonne oder den Sternen orientieren. Wenn sich Nebel bildete, waren sie blind und hilflos. Außerdem war die Erde nach der damaligen Vorstellung eine flache Scheibe. Wenn man zu weit vom Kurs abkam, so konnte man vom „schwarzen Wind“ gen Westen getrieben werden, wo das Giftmeer lag, und über den Rand der Welt hinabstürzen ins Totenreich der Göttin Hel.

Ihr höchstes Ziel war es, England zu erobern, das damals aus einer Anzahl kleinerer Königreiche bestand, von denen jedes der eifersüchtige Rivale des anderen war. Wenn die Wikinger zu ihren Raubzügen gen England aufbrachen, segelten sie immer in Sichtweite der Küste und beschränkten ihre Angriffe auf plötzliche nächtliche Überfälle. Es ist kein Zufall, dass das englische Gebetbuch jener Zeit den Satz enthielt: „Beschirme uns, oh Herr, vor dem Zorn der Nordmänner!“

Meuchelmörder und Vergewaltiger

Den Zorn des Nordmanns Ragnar (Ernest Borgnine) bekommt nach diesen einleitenden Worten aus dem Off König Edwin von Northumbria zu spüren, den der ruchlose Wikingerführer bei einem Raubzug dahinmeuchelt. Edwins Frau Enid (Maxine Audley) wird von Ragnar vergewaltigt. Weil sie bis dato keine Kinder hat, besteigt Edwins Cousin Ælle (Frank Thring) den Thron. Doch Enid bringt bald darauf einen Sohn zur Welt – Ragnars Sohn.

… Häuptlingssohn Einar unbeliebt

20 Jahre später lässt König Ælle seine bevorstehende Eheschließung mit der walisischen Prinzessin Morgana (Janet Leigh) verkünden. Gleichzeitig beschuldigt er seinen Cousin Lord Egbert (James Donald) des Hochverrats. Zu Recht, wie sich herausstellt – der englische Adlige hatte mit Ragnar gemeinsame Sache gemacht. Doch Egbert gelingt die Flucht aus Großbritannien, er rettet sich auf Ragnars Schiff und begleitet diesen in dessen Heimat. Dort wartet Ragnars legitimer Sohn Einar (Kirk Douglas) sehnlichst auf die Rückkehr seines Vaters.

Bei einem Jagdausflug mit Falken treffen Einar und Egbert auf den Sklaven Eric (Tony Curtis). Ein Wort gibt das andere, und plötzlich hat Erics Falke Einars linkes Auge ausgehackt. Nur das Eingreifen der Schamanin Kitala (Eileen Way) bewahrt den Sklaven vor dem sofortigen Tod, stattdessen soll ihn ein Gottesurteil richten. Er überlebt, und Egbert beansprucht ihn für sich. Ein Amulett um Erics Hals hatte dem Engländer enthüllt: Der junge Sklave ist Enids Sohn, somit Thronfolger von Northumbria, auch wenn er Ragnars Bastard ist. Seine Mutter hatte ihn aus Furcht vor Ælle nach Italien geschickt, doch das Schiff wurde von den Wikingern gekapert, Eric versklavt.

Frauen als Objekt der Begierde

Ob Nordmänner oder Engländer – ein sympathisches Bild der Männer zeichnet „Die Wikinger“ nicht gerade. Dafür sind die Frauen zu sehr Objekt. Bei den Briten dienen sie der Sicherung von Pfründen und Machtbündnissen in Form arrangierter Eheschließungen ohne jedes Mitspracherecht der Bräute, bei den Wikingern haben sie verfügbar zu sein, ob mit ihrem Willen oder dagegen. Und ist eine mal willig, aber mit einem anderen verheiratet, darf man ihr in einer kruden Form eines Gottesurteils per Axtwurf die Zöpfe abschneiden, um ihre Unschuld zu beweisen.

Fressen und saufen können sie, diese Wikinger. Als Gegenpol für die kraftstrotzende Virilität von Kirk Douglas’ Einar dient dessen ruhiger Halbbruder Eric, der vergleichsweise kultiviert auftritt. Da endet dann offenbar die von Richard Fleischer gewünschte Authentizität, zumal Eric zwar zeitlebens Sklave war, am Ende aber dennoch in der Schlacht Anweisungen geben darf und sich als versierter Schwertkämpfer entpuppt.

Prinzessin Morgana gerät …

Die altnordische Ragnarssona þáttr – zu deutsch: Geschichte von Ragnars Söhnen – mag dem Schriftsteller Edison Marshall als Inspiration zu seinem Roman gedient haben, der dem Drehbuch von „Die Wikinger“ als Vorlage diente. Mit der Handlung der Sage hat die Story des Films aber kaum etwas gemein. Im Vorspann sehen wir in animierter Darstellung Ausschnitte des Teppichs von Bayeux, der Abspann orientiert sich visuell ebenfalls daran. Die Stickarbeit entstand jedoch im 11. Jahrhundert n. Chr., während der Film einige Jahrhunderte früher spielt. So viel zum Thema Authentizität. Und einen „Fun Fact“ kann ich mir nicht verkneifen: Ernest Borgnine spielt zwar den Vater des von Kirk Douglas verkörperten Einar, wurde tatsächlich aber anderthalb Monate vor seinem Filmsohn geboren.

Mediabook von capelight pictures

Womöglich hat nicht zuletzt der Erfolg der Fernsehserie „Vikings“ capelight pictures motiviert, dem Abenteuer eine schmucke Veröffentlichung im Mediabook angedeihen zu lassen. Bild und Ton überzeugen, die Technicolor-Farben kommen auf der Blu-ray hervorragend zur Geltung. Das Booklet enthält Texte von Nicolai Bühnemann über Regisseur Richard Fleischer, Hauptdarsteller Kirk Douglas und den Film, wobei letztgenannte Zeilen erst nach dem erstmaligen Genuss von „Die Wikinger“ gelesen werden sollten. Da sich „Die Wikinger“ trotz aller Kritikpunkte als unterhaltsames Kostüm-Abenteuer gut anschauen lässt, fügt sich das Mediabook gut ins Filmregal der vermutlich vornehmlich männlichen Sammler ein. Allein schon die Starpower überzeugt ja, auch wenn einem Janet Leigh etwas leid tun kann. Das Charisma von Kirk Douglas passt jedenfalls gut zu dem, was wir uns unter den rauen Nordmännern vorstellen, und man sieht dem Guten den Spaß an seiner Rolle an. Die actionreiche Szenerie kommt ansprechend und bildgewaltig zur Geltung, wozu auch Technicolor beiträgt. Lassen wir „Die Wikinger“ also durchaus als Klassiker des Monumentalfilms aus der ganz langsam ausklingenden Goldenen Ära Hollywoods durchgehen. Für all jene, die auf eine Blu-ray keinen Wert legen oder die Investition ins Mediabook scheuen, hat das Label parallel auch eine neue DVD veröffentlicht, die die Bild- und Tonqualität der alten Veröffentlichungen übertreffen dürfte.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ernest Borgnine, Tony Curtis und Kirk Douglas sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

… in die Gewalt der Wikinger

Veröffentlichung: 1. März 2019 als 2-Disc Collector’s Edition Mediabook (Blu-ray & DVD) und DVD, 13. Juni 2008 und 27. März 2003 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: The Vikings
USA/BRD 1958
Regie: Richard Fleischer
Drehbuch: Calder Willingham, nach einem Roman von Edison Marshall
Besetzung: Kirk Douglas, Tony Curtis, Ernest Borgnine, Janet Leigh, James Donald, Alexander Knox, Maxine Audley, Frank Thring, Dandy Nichols, Eileen Way
Zusatzmaterial: Featurette mit Regisseur Richard Fleischer: „Eine Geschichte über Norwegen“ („A Tale of Norway“, 2002, 28:13), Originaltrailer, deutscher Kinotrailer, Trailershow, 24-seitiges Booklet mit einem Text von Nicolai Bühnemann
Label 2019: capelight pictures
Vertrieb 2019: Al!ve AG
Label/Vertrieb 2008: MGM Home Entertainment
Label/Vertrieb 2003: Twentieth Century Fox Home Entertainment

Copyright 2019 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot DVD: © 2019 capelight pictures

 
 

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Tödliche Parties – Hercule Poirot in Acapulco

Murder in Three Acts

Von Ansgar Skulme

Krimi // Hercule Poirot (Peter Ustinov) und sein Hobby-Assistent Hastings (Jonathan Cecil) nehmen in Acapulco an einer Party auf dem Anwesen des Schauspielers Charles Cartwright (Tony Curtis) teil. Bei dem Freudenfest kommen nicht alle Gäste mit dem Leben davon, aber zunächst scheint es keine Hinweise auf unlautere Umstände zu geben. Als Cartwright Poirot später von einem zweiten Todesfall in Kenntnis setzt, der zur ersten Tat zu passen scheint, wird der belgische Meisterdetektiv misstrauisch – und wenn er einmal ins Grübeln gekommen ist, gibt er so schnell keine Ruhe mehr.

Peter Ustinov verkörperte den von Agatha Christie ersonnenen Ermittler Hercule Poirot in insgesamt sechs Filmen. Diese wurden im Zeitfenster von 1978 bis 1988 veröffentlicht. Für die beiden Kinoerfolge „Tod auf dem Nil“ (1978) und „Das Böse unter der Sonne“ (1982) zeichneten die Produzenten John Brabourne und Richard B. Goodwin verantwortlich, die mit „Mord im Orient-Express“ (1974) und dem Miss-Marple-Film „Mord im Spiegel“ (1980) seinerzeit zwei weitere berühmt gewordene Christie-Verfilmungen realisierten. In „Mord im Orient-Express“ war allerdings noch nicht Peter Ustinov als Poirot zu sehen, sondern Albert Finney, der die Rolle mit aufwendigem, unbequemem Make-up in der Hitze Ägyptens für „Tod auf dem Nil“ aber nicht noch einmal spielen wollte und daher von Ustinov ersetzt wurde. Die Drehbücher zu Ustinovs ersten beiden Einsätzen als belgischer Meisterdetektiv verfasste Anthony Shaffer, dessen Bedeutsamkeit für die Handschrift und den Erfolg der Ustinov-Poirots im Kino man spätestens feststellt, wenn man sich auch Ustinovs letzten Einsatz in „Rendezvous mit einer Leiche“ (1988) ansieht; für den wurde Shaffer, trotz neuen Produzenten-Gespanns, noch einmal reaktiviert, um sich am Drehbuch zu beteiligen. Der Regisseur war in allen sechs Poirot-Filmen mit Peter Ustinov jeweils ein anderer, aber Shaffer hat den drei Kinofilmen als Drehbuchautor unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt.

Ungewöhnliche Sprünge

Zwischen Ustinovs zweitem und drittem Kinofilm als Poirot entstanden allerdings noch drei Fernsehfilme, mit wiederum anderen Produzenten und Drehbuchverantwortlichen: „Mord à la Carte“ (1985), „Mord mit verteilten Rollen“ (1986) und „Tödliche Parties“ (1986). Eine Besonderheit ist hierbei nicht nur, dass ein und derselbe Schauspieler einen klassischen Ermittler zunächst im Kino, dann im Fernsehen und dann noch einmal im Kino verkörperte, sondern auch, dass die Fernsehfilme in die damalige Zeit, also die 80er-Jahre, verlegt wurden, während sich die drei Kinofilme an den Vorgaben der Romane orientieren. Peter Ustinov war offenkundig bereits in seinem dritten von sechs Filmen so fest mit der Rolle verwachsen, dass er als fleischgewordener Poirot gewissermaßen über sämtlichen Zeit- und Budgetsprüngen stand.

Poirot (r.) lässt niemals locker

Nachdem die Kinofilme schon längere Zeit in Deutschland auf DVD erhältlich waren, wenn auch aufgrund des von den ersten beiden Filmen abweichenden Produktionshintergrunds des letzten Films „Rendezvous mit einer Leiche“ nicht alle aus einer Hand, hat Pidax Film einmal mehr eine Lücke inmitten einer Reihe von Detektivfilmen geschlossen und die drei Poirot-Fernsehfilme mit Peter Ustinov in Deutschland auf DVD veröffentlicht. Dass man im Hause Pidax akribisch darum bemüht ist, den Fans so viele fehlende Filme und Serien wie möglich mit bekannten Spürnasen in den Hauptrollen zugänglich zu machen und dabei jede noch so kleine Lücke zu schließen, sollte mittlerweile jedem Fan bekannt sein. Den Poirot-TV-Filmen mit Ustinov ist das gegenüber Kino-Einsätzen geringere Budget zwar natürlich anzumerken, nicht nur weil sich weniger Zeit genommen wurde, die Nebenrollen prägnant zu zeichnen, aber dennoch sind sie, aufgrund der Darbietungen von Peter Ustinov und einiger sehenswerter Gaststars und Nebendarsteller, alles andere als vertane Zeit und unterhaltsam.

Energisch auf mehreren Ebenen

Der Atmosphäre der Kinofilme kommt die zweite der drei TV-Produktionen, „Mord mit verteilten Rollen“, eindeutig am nächsten. Dennoch empfand ich auch den abschließenden Fernsehteil „Tödliche Parties“ als bereichernd, da mir zum Beispiel einige melancholische Untertöne, aber auch die Verlegung der Handlung des Romans nach Acapulco gefielen. Zudem gehört die finale Szene, in der die Verantwortlichkeit für das Morden geklärt wird, mitsamt der gut gespielten Reaktion der entlarvten Person zum Besten, was die Ustinov-Poirots dahingehend hervorgebracht haben. Unter anderem gibt es da einen kurzen Moment, in dem auch Poirot überrascht wirkt, da ihm die Hände, an denen im übertragenen Sinne Blut klebt, plötzlich so gefährlich nahekommen, dass es auch um ihn selbst hätte geschehen sein können. Ein guter Kniff mit Kloß im Hals. Die drei Fernsehfilme sind im Allgemeinen wesentlich mehr als die Kinofilme mit Blick auf Witzeleien inszeniert, zumal Poirot hier einen kuriosen Sidekick mit Stan-Laurel-Gedächtnisdauergrinsen namens Hastings mit sich schleift, der permanent den Eindruck macht, mit Hilfe seiner Finger möglicherweise eigenständig bis zehn zählen zu können, wodurch sich zwischen dem Superhirn und seinem tapsigen Gehilfen eine kuriose Zweisamkeit entspinnt, die immer wieder für alberne Absonderlichkeiten sorgt. Peter Ustinov konnte so etwas auch einfach ganz wunderbar spielen. Dennoch kommen aber nun einmal die abgründigen Untertöne in den Geschichten nicht unter die Räder – und das ist nicht unwesentlich für das Gelingen der Filme. Die finale Abrechnung in „Mord mit verteilten Rollen“ ist ebenfalls ziemlich gelungen inszeniert und gespielt.

„Tödliche Parties“ war die erste Verfilmung des Agatha-Christie-Romans „Three Act Tragedy“. Der Originaltitel des Films „Murder in Three Acts“ wurde in den USA schon 1934 aber ebenfalls für den Roman verwendet. Warum ausgerechnet beim deutschen Titel dieses TV-Films das Wort „Mord“ weggelassen wurde, obwohl es im Originaltitel des Films vorkommt, bei den anderen beiden vorausgegangenen Filmen aber nicht, dafür dort allerdings in den deutschen Titeln, „Mord à la Carte“ und „Mord mit verteilten Rollen“, gehört zu den Phänomenen deutscher Filmtitelschöpfungen, die man wahrscheinlich einfach nicht nachvollziehen kann, erst recht in Verbindung mit dem Anglizismus-Rechtschreibfehler „Parties“ statt des im Deutschen korrekten „Partys“. Der ziemlich belanglos wirkende Titel „Tödliche Parties“ weckt bei den meisten sicherlich erst dann Interesse, wenn zumindest der Name Agatha Christie davorsteht – „Mord in drei Akten“ wäre doch so einfach, zu den anderen beiden Filmen passend und schlicht auf eine Art eleganter gewesen. Der Film selbst vermittelt allerdings recht schnell den Eindruck, dass sich die Macher etwas vorgenommen hatten, was unter anderem den musikalischen Einfällen von Alf Clausen zu danken ist, der später beispielsweise durch seine Arbeit an „Die Simpsons“ bekannt wurde. Clausens Musik beschert „Tödliche Parties“ ein wundervolles Intro und den lustigsten sowie coolsten Übergang vom Finale in den Abspann der gesamten Reihe mit Peter Ustinov.

Augen zu – und der Blaubär ermittelt

Ob die Tatsache, dass auf der mir gelieferten Pidax-Box hinten bereits das Wort „Neuauflage“ steht, obwohl diese Poirot-Box ganz generell noch nicht lange auf dem Markt ist, als Nachweis eines großen Andrangs zu werten ist, darf jeder für sich selbst entscheiden. Die Ustinov-Poirot-Sammlung auf diese Weise zu komplettieren, ist in jedem Fall empfehlenswert. Puristen werden vielleicht etwas enttäuscht sein, dass das Bildformat der in Vollbild gedrehten Filme für 16:9-Fernseher modifiziert wurde; noch dazu in unterschiedlicher Weise. „Mord à la Carte“ ist auf klassischen für 4:3 optimierten Fernsehern im 16:9-Format mit zusätzlichen Schwarzbalken rechts und links – und nicht nur oben und unten – zu sehen. Es sind also alle Bildinhalte sichtbar, allerdings gewissermaßen verkleinert und man müsste zoomen, um das komplette Bild des Fernsehers zu füllen, was zu Unschärfe führt. Die beiden anderen Filme hingegen wurden am oberen und unteren Bildrand beschnitten, sind somit aber im 16:9-Format nun bildfüllend, ohne zusätzliche Schwarzbalken links und rechts. Welche Variante von beiden besser ist, ist reichlich diskutabel. Am besten wäre natürlich das Originalbildformat gewesen, aber es tut dem Filmspaß letztlich keinen großen Abbruch. Bei schriftlichen Einblendungen ist es aber teilweise auffällig, wenn sie recht knapp am Rand des beschnittenen Bildes kratzen.

Erfreulich ist, dass so nun auch der Originalton dieser drei vergleichsweise unbekannten TV-Filme unproblematisch in Deutschland verfügbar ist. Ustinov ist ohne seine eigene Stimme einfach kaum aufzuwiegen. Zudem ist hier nur über den Originalton ein einigermaßen einheitliches Gesamtbild der Poirot-Reihe herstellbar, da Peter Ustinov in „Tod auf dem Nil“ von Horst Niendorf und in „Rendezvous mit einer Leiche“ von Donald Arthur gesprochen wurde, in den drei Fernsehfilmen von Wolfgang Völz, während er sich für „Das Böse unter der Sonne“ wiederum auf Deutsch selbst synchronisierte. Gerade Völz in den TV-Filmen ist insofern etwas problematisch, als seine Stimme, zumindest aus heutiger Sicht, eine bundesweit viel zu bekannte und starke Eigenpräsenz errungen hat, insbesondere durch spätere Rollen wie Käpt’n Blaubär. Wenn dann ausgerechnet eine Koryphäe wie Peter Ustinov mit großer Eigenpräsenz als Schauspieler und Weltmensch derart eindeutig von einer fremden, populären Stimme mit ebenfalls großer Eigenpräsenz überlagert wird, schadet das einfach der Illusion. Ich bin aus ähnlichen Gründen auch nie mit Wolfgang Völz als später deutscher Stimme von Walter Matthau warm geworden, wobei ich hier sogar regelrecht das Gefühl hatte, eine Karikatur Matthaus vor mir zu sehen, die Matthau im Ergebnis zu Unrecht auf genau den Kauz mit Knautschgesicht reduzierte, als den ihn der eine oder andere heute lediglich in Erinnerung hat. Es ist nicht so, dass Völz sich als Stimme Ustinovs schauspielerisch schlecht macht, aber so ziemlich alle Facetten, die Ustinov stimmlich auszeichnen, gehen komplett verloren, da Völz zwangsläufig sein eigenes Charisma darüberlegt. Horst Niendorf und auch Donald Arthur kamen dem Original deutlich näher, wenngleich der gebürtige New Yorker Donald Arthur aufgrund seines Akzents vor allem dahingehend und eigentlich nur dann gut funktioniert, wenn man sich einbildet, in „Rendezvous für eine Leiche“ ebenso wie in „Das Böse unter der Sonne“ wieder Ustinov selbst Deutsch sprechen zu hören, obwohl er es gar nicht ist.

Wie Hastings (r.) im Staatsdienst Karriere machen konnte, bleibt sein Geheimnis

Selbst wenn man sich mit Wolfgang Völz als Peter-Ustinov-Variation dennoch anfreunden kann oder seine wunderbare Erzählerstimme einfach so oder so gern hört, bleibt immer noch die Absonderlichkeit, dass Poirots Sidekick Hastings in der Synchronfassung aller drei Filme sogar noch merkwürdiger als im Original ohnehin schon wirkt – auch hier nicht, weil der Sprecher schauspielerisch einen schlechten Job macht, sondern weil die Wirkung seiner Stimme auf diesem Gesicht eine zusätzliche, manchmal regelrecht bedenklich wirkende Behäbigkeit generiert. Man fragt sich zuweilen tatsächlich, ob mit Hastings einfach schlichtweg etwas Ernsthaftes nicht stimmt und er deswegen aus dem Staatsdienst ausscheiden musste. Mir ist tatsächlich nur selten eine Film- oder Fernsehfigur dermaßen eigenartig vorgekommen wie dieser Hastings in der deutschen Synchronfassung. „MacGyver“-Fans dürften zudem ein wenig verwirrt werden, da Wolfgang Völz in dieser Serie die deutsche Stimme von Dana Elcar war, der in „Tödliche Parties“ aber nun als Poirot zu hören ist. Besetzt wurde Gerd Duwner – ebenfalls eine beliebte, gern einmal in Kinderserien verwendete Stimme, die Schauspieler schnell zur Karikatur werden lassen konnte. Als deutschsprachiger Dana Elcar funktioniert er allerdings annehmbar. Für die diskutablen Aspekte der Synchronfassung wird man auch insofern entschädigt, als sich Lothar Blumhagen als wirklich gute Alternative unter den Stimmen von Tony Curtis erweist, der im Lauf seiner Karriere meist von Herbert Stass und später Rainer Brandt gesprochen wurde. Hätte Blumhagen in der Serie „Die Zwei“ nicht ausgerechnet Roger Moore synchronisiert, während Brandt für Curtis zum Einsatz kam, wäre er vermutlich häufiger für Tony Curtis eingesetzt worden. Zwar klingt Curtis im Original wesentlich rauer, lange nicht so betont galant, aber im Synchron gelingt es eben auch immer wieder, ungeahnt interessante Zusammenwirkungen von Stimmen und Gesichtern zu schaffen, die neue Perspektiven eröffnen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Tony Curtis und Peter Ustinov sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 8. November 2018 als DVD

Länge: 91 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Murder in Three Acts
USA 1986
Regie: Gary Nelson
Drehbuch: Scott Swanton, nach einem Roman von Agatha Christie
Besetzung: Peter Ustinov, Tony Curtis, Emma Samms, Jonathan Cecil, Dana Elcar, Concetta Tomei, Fernando Allende, Pedro Armendáriz Jr., Lisa Eichhorn, Frances Lee McCain
Zusatzmaterial: keins
Label: Pidax Film
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2019 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2018 Pidax Film

 

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James Stewart (IV): Winchester 73 – Perfekt geschmiedete Odyssee eines Schießeisens

Winchester ’73

Anmerkung des Blogbetreibers: Aufgrund der extensiven und überaus lesenswerten Betrachtung lassen sich Spoiler nicht vermeiden. All jenen, die „Winchester 73“ noch nicht kennen, sei daher dringend ans Herz gelegt: Erst schauen, dann lesen!

Von Dirk Ottelübbert

Western // Eingangs liegt er hinter Glas, der „Titelstar“ dieses Films: ein Winchester-Repetiergewehr aus dem Produktionsjahr 1873, ein perfekt gelungenes Exemplar, „eine unter tausend“ – bestimmt zum Siegerpreis eines Schießwettbewerbs. Die Traumwaffe bleibt also nicht lange ein Ausstellungstück. Sie landet beim besten Schützen, wandert durch Raub allerdings in die Finger eines Schurken. Auch der verliert sie, und so nimmt die Winchester ihren Weg durch zahlreiche Hände, löst Bewunderung und Gier aus, bringt aber keinem ihrer Besitzer am Ende Glück …

Über einen einsamen Bergkamm reiten Lin McAdam (James Stewart) und sein Freund High-Spade (Millard Mitchell) nach Dodge City, Kansas. Wie im Taubenschlag geht es dort zu – es ist der 4. Juli 1876, zur Hundertjahrfeier der USA findet in dem Nest ein Preisschießen statt, und die Menge schart sich plappernd um den Preis, eine edle Winchester.

Waffen weg vor dem Waffengang

Aus diesem Grund werde auch „er“ in die Stadt kommen, versichert Lin mit Blick auf die Waffe. Offenbar erwartet der Westmann ein unerfreuliches Treffen. Nur ungern liefern Lin und High-Spade daher – Sicherheitsmaßnahme für alle – ihre Waffen beim örtlichen Gesetzeshüter Wyatt Earp (Will Geer) ab. „Er“ – das ist Dutch Henry Brown (Stephen McNally). Mit dem selbstsicher auftretenden, klobigen Kerl verbindet Lin eine gemeinsame Vergangenheit, und eine finstere Tat von Dutch ließ die beiden zu Todfeinden werden.

Lin (r.) und High-Spade (M.) geben ihre Waffen bei Wyatt Earp ab

Kurz darauf hallen die Straßen vom Echo der Gewehrschüsse wider: Die sieben Teilnehmer tragen den Wettbewerb aus. Lin und Dutch, einander stetig belauernd, setzen sich vom Feld ab. lm Scheibenschießen liegen sie gleichauf, beim Feuern auf Münzen findet Dutch in Lin seinen Meister. Viel zu schade sei die Büchse für das Jagen von Kaninchen, höhnt der Verlierer. Ja, und auch zu schade, um einem Mann in den Rücken zu schießen, entgegnet Lin böse …

Wie gewonnen, so zerronnen

Noch am selben Tag verliert er seine Trophäe. Dutch und zwei Spießgesellen überfallen ihn, rauben die Waffe und suchen das Weite. Ihr Ziel: Tascosa in Texas. Auf dem Weg machen sie Halt in der Prärie-Absteige „Riker’s Bar“, wo Dutch die Winchester beim Poker an den gewieften Händler Lamont (John McIntire) verliert. Auch der behält sie nicht lange: Lamont, mit den Indianern Geschäfte treibend, weigert sich, die Büchse an den rebellischen Sioux-Häuptling Young Bull (Rock Hudson) zu verkaufen, und bezahlt das mit dem Leben.

Bei der Attacke auf eine Kutsche und später auf einen Trupp Kavalleristen kommt Young Bulls neuer Besitz zum blutigen Einsatz. Die Soldaten unter Sergeant Wilkes (Jay C. Flippen) wehren sich vehement gegen die roten Krieger. Lin und High-Spade wie auch Saloondame Lola (Shelley Winters) und ihr Geliebter Steve (Charles Drake) sind zu den Männern gestoßen, helfen tatkräftig bei der Verteidigung. Nachdem Lin den Häuptling erschießt, geben die Indianer den Kampf auf. Die Winchester liegt im Staub des Kampfplatzes, bis ein junger Soldat (kleine Rolle für Tony Curtis, damals 25) sie entdeckt und an den erfreuten Wilkes weiterreicht. Das sei doch ein Geschenk für … „Lin!“, ruft der alte Offizier dem Davonreitenden nach, aber der ist außer Hörweite. So erhält Steve das kostbare Stück. An ihn scheint es vergeudet, denn er ist ein Feigling und gehört überdies zu einer Bande, mit der sich Dutch in Tascosa für einen Banküberfall verabredet hat.

Showdown in den Bergen

Die texanische Stadt bildet nun die letzte Reisestation der Waffe. Steve, von Lola nur noch widerwillig begleitet, lässt sich von Bandit Waco Johnny Dean (Dan Duryea) demütigen und provozieren; nachdem er zum Colt greift, erschießt Waco ihn und nimmt die Winchester an sich. Beim Zusammentreffen mit Dutch fordert dieser sein „Eigentum“ zurück. Waco gibt nach, kündigt dabei an, er werde sich das Gewehr schon wiederholen, auf ähnliche Weise wie tags zuvor bei Steve. Dazu kommt es allerdings nicht: Lin erreicht inzwischen Tascosa, durchkreuzt die Pläne der Banditen und liefert sich mit Dutch in den Bergen ein zweites – finales – Duell.

Dutch (l.) und Co. planen Finsteres

Genug erzählt! Tatsächlich kommt man in Versuchung, Szene für Szene dieses Klassikers nachzuzeichnen – so flüssig wechselt er die Schauplätze, Orte eigenständiger Mini-Dramen, so markant konturiert er seine Figuren. Die 92 Minuten von „Winchester 73“ liefern eine Glanzleistung in Sachen Erzählökonomie. Gemeinsam mit „Die Farm der Besessenen“ (ebenfalls 1950) bildet er Anthony Manns ersten Schritt ins Western-Genre, zudem markiert er den Beginn von dessen fruchtbarer Zusammenarbeit mit James Stewart (1908–1997). Fünf Western drehten sie gemeinsam, und ihr Startschuss geriet nicht zur Fingerübung, sondern avancierte sogleich zu einem Markstein des Genres, vielbesprochen, verehrt und erfolgreich. Ein maßgeschneiderter Einstieg in ein kommerziell wie künstlerisch bedeutsames Jahrzehnt für den US-Western.

Der Part des Lin McAdam gab Stewart die Gelegenheit, ein neues, toughes Image zu präsentieren, viele staubige Meilen entfernt vom unbeirrbaren, idealistischen und immer liebenswerten Gutmenschen, den er etwa in Frank Capras Meisterwerken „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) und „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) verkörpert hatte. Wie eigentlich alle „Helden“ aus Manns Western-Kosmos scheint Lin ein Getriebener, in sich gekehrt, zerquält. Alfred Hitchcock war ein weiterer Regisseur, der Stewarts dunklere Seiten hervorlockte, in „Der Mann, der zuviel wusste“ (1956) und vor allem natürlich in „Vertigo – Aus dem Reich der Toten“ (1958).

James Stewart: hart oder verletzlich – oder beides?

Stewart selbst verwendete für den neuen Rollentypus statt „hart“ lieber das Stichwort „verletzlich“, was dem erstgenannten nicht unbedingt widerspricht: Lins Verwundungen – die lange zurückliegende Bluttat Dutchs, der Raub der Winchester – setzen Wut und Rachedurst frei. Der eigentlich gerechte Zorn trägt dabei pathologische Züge, Lin geht an seinem Drang nach Vergeltung fast zugrunde.

Als ich in Kindertagen, mit elf Jahren vielleicht, „Winchester 73“ zum ersten Mal sah, war ich bis dato eher mit Posen und Pathos der Karl-May-Schinken vertraut (gegen die ich hier nix sagen will!). Dieser Western jedenfalls schien mir etwas steif und redselig, James Stewart zu wenig Held. Seine Wut aber beeindruckte mich tief. Sein lodernder Blick, wenn er im vollen Saloon Dutch erstmals begegnet und der reflexartig zum Gürtel greift. Oder etwas später sein verächtlicher Zorn, wenn er seinem Feind schneidend entgegnet, er, Dutch, brauche die Winchester wohl „zum Morden“.

Stephen McNally als Gegenspieler Dutch

Womit wir beim starken Antagonisten wären, in jedem Western Anthony Manns eine feste Größe. Über Stephen McNally (1911–1994) als Dutch Henry Brown zeigte sich nicht nur Stewart des Lobes voll. Der wuchtige New Yorker, vormals Anwalt, stapfte durch eine ganze Reihe von B-Filmen, meist entweder als harter Bursche oder als Schurke, wie etwa in Jean Negulescos „Johnny Belinda“ (1948). Sein Dutch präsentiert sich als aufbrausendes, zudringliches Alpha-Männchen mit unstetem Blick. Eine formidable Leistung, auch wenn McNally etwas zurückbleibt hinter anderen Mann-Schuften wie dem doppelgesichtigen Cole alias Arthur Kennedy („Meuterei am Schlangenfluss“, 1952) oder dem dämonischen Vandergroat eines Robert Ryan („Nackte Gewalt“, 1953).

Abschied: Bardame Lola und Lin

Mindestens ebenso große Sorgfalt widmet das Drehbuch den zahlreichen Nebenfiguren, die vor allem durch gewitzte Dialoge ins Bild rücken und – je nach Perspektive – zu den Hauptdarstellern aufschließen oder aber Stewart und McNally (fast) in die „zweite Reihe“ holen. Auch dies ist ein Markenzeichen zumindest der drei Anthony-Mann-Western, für die Borden Chase als Autor verantwortlich zeichnete. Neben „Winchester 73“ gehen auch „Meuterei am Schlangenfluss“ (1952) und „Über den Todespass“ (1954) auf sein Konto.

So wie die Winchester-Büchse von Hand zu Hand wandert, tauchen diese Figuren auf der Bühne dieses Westerns auf und verschwinden teils wieder aus der Handlung. Aber sie setzen sich fest und klingen nach, lange nachdem der Film vorbei ist:

Wyatt Earp als Schiedsrichter

Wyatt Earp, Gesetzeshüter und Aufseher über das Preisschießen, gibt den launigen Festredner, wenn er schwadroniert, er selbst gäbe „seine rechte Hand“ für das prachtvolle Gewehr. Dann hält er inne und korrigiert sich: Vielleicht doch lieber die linke Hand, da er die rechte (Revolverhand) ja brauche, um im Nest für Ordnung zu sorgen. Das meint er dann völlig ernst.

Lins alter Freund High-Spade buchstabiert bei der Abgabe der Waffen in Dodge City seinen Namen: „High-Spade, mit einem Bindestrich. Auf dem ruhe ich mich aus, wenn ich mal müde bin.“ Was für ein Satz! Ein Mann der Sprache, abgesetzt vom rastlosen Tatmenschen Lin. Nicht umsonst ist es High-Spade, der Lola am Ende die Geschichte der Männerfeindschaft erzählt, während sich Lin und Dutch ihren Shootout liefern.

Bardame Lola ist keine „damsel in distress“, sondern bietet auch Schuften Paroli und zeigt Mut im Kampf. Als die Sioux-Krieger das Soldatenlager angreifen, drückt Lin ihr zögernd eine Waffe in die Hand. Lola sagt, sie könne damit umgehen und wisse auch, wofür die letzte Patrone aufzusparen sei …

Mit der Figur des aufrührerischen Sioux-Häuptling knüpft die Filmhandlung an die historischen Ereignisse jener Zeit an: Young Bulls unnachgiebiges Bestreben gilt dem Kauf von Repetiergewehren: Neun Tage vor der Hundertjahrfeier 1876 – mit der „Winchester 73“ seinen Anfang nimmt – hatten Krieger der Sioux, Arapaho und Cheyenne dem 7. US-Kavallerie-Regiment unter General Custer in der Schlacht vom Little Bighorn eine vernichtende Niederlage beigebracht. Dieser Sieg gelang nicht zuletzt dank der Repetiergewehre, die den Indianern einen Vorteil verschafften gegenüber den Einschüssern der Kavalleristen.

In Gettysburg noch Gegner

Sergeant Wilkes alias Jay C. Flippen, Anführer des Soldatentrupps, lobt Lin beim Abschied als einen Mann „nach meinem Geschmack“. In Gettysburg, jener blutig-berühmten Schlacht im Sezessionskrieg, hätte er ihn gern an seiner Seite gehabt. Schmunzelnd räumen Lin und High-Spade ein, sie seien doch dabeigewesen. Wilkes stutzt. Auf der Gegenseite, vervollständigen die beiden. Da lacht Wilkes – ein kurzes, herrlich weises Lachen, das eventuelle alte Gräben zwischen Nord- und Südstaatlern einfach zuschüttet.

Last not least ist natürlich Dan Duryea („Scarlett Street“, 1945) als Waco Johnny Dean zu nennen. Duryea, dessen Schauspiel-Stil so hingerotzt erscheint und doch so wohlbedacht ist, stiehlt hier komplett die Show als unberechenbarer, kichernder Tunichtgut.

Skrupellos überfällt Dutch eine Bank

Auch diese Liste des Western-Personals mag wie die Inhaltsangabe etwas langatmig ausgefallen sein. Mea culpa! So weitschweifig das in der Nacherzählung klingen mag, so klug, kurzweilig und lakonisch gerät das Werk, so reich grundiert die Darstellerriege das Drama. Bildet der Vergeltungs-Plot, der Kampf zwischen Lin und Dutch, das Skelett dieses Westerns, so bildet das restliche Ensemble dessen Blut, Fleisch und Herz. Im Typenreichtum und den Wechseln der Tonalität liegt auch ein besonderer Unterhaltungswert: „Ganze Sequenzen spielen meisterhaft mit der Mischung aus Thrill, Komik und Überraschung, die die alte Zirkusmentalität des Westerns ausmacht“ (zitiert nach: „Das Western-Lexikon“ von Joe Hembus).

Zum oben genannten „Thrill“ zählt definitiv auch die wohldosierte, dynamische Action: Die Attacke der Sioux auf die Kavalleristen überzeugt auch heute noch, im aufwühlenden Showdown zwischen Dutch und Lin fallen gefühlt mehr peitschende Schüsse als während der ersten großen Ballerei des Films, dem Preisschießen in Dodge City. Kameramann William H. Daniels leistete famose Arbeit; für den Film noir „Stadt ohne Maske“ (1948, Regie: Jules Dassin) hatte er einen Oscar gewonnen. Die Schießerei in den Bergen war denn auch Anthony Manns erklärte Lieblingsszene.

Nicht vergessen werden soll ein weiterer, laut Anthony Mann eigentlich der Hauptdarsteller des Films: „the Gun that Won the West“ – die Winchester. „Der ganze Film dreht sich um das Gewehr … das seine Besitzer entlarvt. Es gibt dem Film seine Struktur und wird selbst seine Hauptfigur“, so der Regisseur. Mythisiert der Film die Waffe? Ja und nein. Ein waffenkritisches Werk ist „Winchester 73“ ganz bestimmt nicht, zumal die Büchse ja am Ende in den „richtigen“, den „guten“ Händen landet (ironischerweise hat Lin zuvor kein einziges Mal mit ihr feuern dürfen).

Wie durchlöchert man eine Münze?

Schießen ist hier hohe Kunst (man denke an die physikalisch fast unmögliche mehrfache Durchlöcherung der Münzen beim Preissschießen!) und Mittel des Überlebens, Gewehre und Revolver sind Werkzeuge und psychologische Stütze – mehr als einmal beklagen die Westmänner, wie „nackt“ sie sich ohne Knarren und Munition fühlen. Anderseits weckt die Waffe Begehrlichkeiten respektive nackte Gier – sie befeuert und erhält somit den Zyklus aus Gewalt und Rache, der die Historie des Wilden Westens prägt und ausmacht.

Klassiker in neuer Optik: Erstmals erscheint „Winchester 73“ nun auf Blu-ray. Die Disc aus dem Hause Black Hill Pictures punktet mit gestochen scharfem Schwarzweiß-Bild und exzellenter Tonqualität. Zu den interessanten Extras zählt eine Super-8-Fasssung.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Anthony Mann sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Shelley Winters unter Schauspielerinnen, Filme mit Tony Curtis, Rock Hudson und James Stewart in der Rubrik Schauspieler.

Todesmutig und entschlossen: Lin

Veröffentlichung: 22. Februar 2019 als Blu-ray, 2. August 2007 und 22. Juli 2004 als DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, nur DVD: Französisch
Untertitel: Deutsch, nur DVD: Englisch u. a.
Originaltitel: Winchester ’73
USA 1950
Regie: Anthony Mann
Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase
Besetzung: James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Rock Hudson, Tony Curtis, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, John McIntire, Will Geer, Jay C. Flippen
Zusatzmaterial Blu-ray: Super-8-Fassung, deutscher und englischer Trailer, Bildergalerie, Biografien, Wendecover
Label Blu-ray: Black Hill Pictures GmbH
Vertrieb Blu-ray: WVG Medien GmbH
Label/Vertrieb DVDs: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2019 by Dirk Ottelübbert
Szenenfotos & Packshot: © 2019 Black Hill Pictures GmbH

 

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